Archive for April 2020

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (abschließende Ergänzung zu Paul Goodman). Paul Mathews: Reich und die politischen Radikalen

30. April 2020

 

15. September 1969

The Letters Editor
The New York Times Magazine
229 West 4 Street
New York, N.Y. 10036

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich einem Aspekt des Artikels von Paul Goodman „Die neue Reformation“ (9/14) zuwenden, nämlich der Beziehung zwischen Wilhelm Reichs Sexualtheorien und denen von Marcuse und ihm selbst. Es ist in Mode gekommen, Reich als eine Art Sexualideologen zu erwähnen, als einen Vorläufer der angeblichen sexuellen Revolution von heute und daher als einen der „Helden“ der zeitgenössischen „Revolutionäre“ und „Radikalen“. Paul Goodman weist selbst auf diesen Punkt hin in seiner Einleitung zu Ilse Ollendorff Reichs jüngster Biographie ihres verstorbenen ehemaligen Ehemannes…

Reich selbst leugnete jede Beziehung zwischen seinem Werk und Denken und dem, was von zeitgenössischen Nonkonformisten vertreten wurde. Er bezeichnete sie häufig als „Freiheitskrämer“. Paul Goodman beschreibt in einem Nachruf auf Reich in Liberation vom Januar 1958 Reichs Wut auf ihn, weil er „seinen Namen mit Anarchisten und Libertären in Verbindung brachte“. Reich war der Ansicht, daß die Menschheit in ihrem gepanzerten Zustand (ein Begriff, der charakterologische und muskuläre, d.h. biologische Rigidität bezeichnet) nicht in der Lage sei, verantwortungsbewußte Freiheit und Selbstregulierung zu praktizieren. Er war der Ansicht, daß Veränderungen langsam erfolgen sollten, wobei die Betonung auf der verantwortungsvollen Erziehung von Kindern liegen sollte („Freiheit, aber nicht Zügellosigkeit“). Die heutige Generation ist ein Produkt des Mißverständnisses und des Mißbrauchs dieses Konzepts, was zu einem Durchbruch dessen führte, was Reich als „sekundäre (zerstörerische) Triebe“ bezeichnete – häufig mit einer humanen oder sozialbewußten Rationalisierung –, die ihrer Natur nach die vorgeblichen Ziele nicht erreichen können. Stattdessen lösen sie entweder Illusionen oder eine ernsthafte Gegenreaktion aus.

Es ist daher in Fairness gegenüber Reich wichtig ihn von Marcuse und der Neuen Linken, den meisten zeitgenössischen „Radikalen“ und Nonkonformisten, und von Paul Goodman selbst abzuheben.

Respektvoll unterbreitet,
Paul Mathews
School of Continuing Education, N.Y.U.

 

Journal of Orgonomy, Jahrgang 3 (1969), Nr. 2, S. 268.

Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 5)

29. April 2020

 

Paul Mathews:
Ideologie und das Nichtglaubenwollen

 

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 15)

28. April 2020

Blankertz zufolge ist Politik nicht die Lösung, sondern das Problem. Klingt nach Konia. Blankertz:

Das fundamentale Recht besteht in der Privatheit. Politik ist Kolonialismus. Der herrschende Trend zur Aufhebung aller Privatheit markiert das Ende des Subjekts. (S. 53)

Was Blankertz nicht sieht, ist, daß Hitler (Reich zufolge „der Generalpsychopath“ schlechthin) alles tat, um den Staat (den er als eine „jüdische“ Institution betrachtete) zu zerschlagen. Um das in Teil 1 gesagte zu widerholen: Das schier unglaubliche Chaos und Kompetenzwirrwarr im nationalsozialistischen Staat war gewollt. Das Starke sollte sich sozialdarwinistisch durchsetzen, ohne daß sich das Schwache hinter „Recht und Gesetz“ verstecken konnte. „David“ sollte gegen „Goliath“ keine Chance mehr haben! In gewisser Weise war Hitler „antiautoritär“, d.h. die (sekundären) Triebe sollten frei walten.

Die von Blankertz geforderte Befreiung der Gesellschaft vom Staat (S. 76) ist schlichtweg genausowenig machbar wie die von der Panzerung. Deshalb war Reich kein Anarchist, sondern ein Konservativer. Das sieht man auch daran, daß Blankertz sich explizit als jemand sieht, der gegen den Vater rebelliert (S. 67). Oder wenn er den Zerfall des Staates in Clanstrukturen geradezu positiv sieht (S. 96). Charakterstrukturell weist dies zusammen mit der in Teil 13 erläuterten Oberflächlichkeit trotz aller libertären Lobpreisungen des Kapitalismus auf eine linksliberale Charakterstruktur hin. Kein Orgonom hat etwas gegen Friedrich von Hayek, ganz im Gegenteil, es kommt aber immer darauf an, welche FUNKTION Begriffe wie „Kapitalismus“ im jeweiligen individuellen Weltbild haben. Bei Blankertz ist es die Rebellion gegen den „Vater Staat“, d.h. es handelt sich um den Versuch eine ödipale Verstrickung auf letztendlich pestilente Weise zu lösen: die ganze Gesellschaft soll sich wandeln….

„Erst die Vernunft als außer-natürliche Instanz erschließt uns, daß wir nicht berechtigt sind, andere Menschen oder ganz allgemein andere Lebewesen zu quälen“ (S. 100). Ein Beispiel dieser Vernunft ist etwa der Dieb: ihm dürfe sein Diebesgut abgenommen werden, das er jetzt als sein Eigentum betrachtet, weil er ja selbst den Eigentumsbegriff negiert habe (S. 103). – Genau solche Beispiele zeigen, warum Reich nichts mit derartigen Anarchisten zu tun haben wollte. Sie leben nur im Kopf, in der charakterlichen Fassade und haben keinerlei Blick für die sekundären Triebe.

Blankertz‘ Kritik an der Planwirtschaft (S. 65-73) sind stichhaltig. Reich benutzte diesen Begriff noch immer, als er das Konzept der Arbeitsdemokratie ausformulierte. Aus dem Zusammenhang wird aber deutlich, daß er dabei in keinster Weise etwa an die (später gegründete) DDR dachte, wo wirklich alles ausprobiert wurde von teilweise „sozialistischer Selbstverwaltung“ bis hin zur Kybernetik und „materiellen Anreizen“, sondern vielmehr an den Organismus, der ohne Zweifel ja „planvoll“ funktioniert. (Letztendlich geht diese Wortwahl auf die Marxsche Definition von Arbeit in Das Kapital zurück.)

„Weshalb bloß mußte er die Idee (!, PN) der freiwilligen wirtschaftlichen Interaktion Arbeitsdemokratie nennen, nur um den bösen Begriff Kapitalismus zu vermeiden?“ (S. 66). Er zitiert Reich, daß die Menschen noch so irrational und von sekundären trieben bestimmt sein mögen, „in ihrer Arbeitsfunktion sind sie natürlicherweise dazu verhalten, rational zu sein.“ Dazu meint Blankertz triumphierend, daß das doch eben (frei nach Adam Smith) der Kapitalismus sei, „daß aufgrund der Freiheit des Marktes jeder, ob großherzig oder kleingeistig, gezwungen werde, dem Nächsten zu Diensten zu sein“ (S. 73). Schön, trotzdem gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen Arbeitsdemokratie und Kapitalismus: die Arbeitsdemokratie gehört per definitionem zu den bioenergtischen Kernfunktionen, während der Kapitalismus ein ökonomisches System ist. Er umfaßt auch die sekundäre Schicht (beispielsweise brutale Übervorteilung) und die charakterliche Fassade („der Kunde ist König“ – auch wenn man ihn verachtet) und kann entsprechend, „den Charakter verformen“, wie man so schön sagt (siehe das entsprechende Reich-Zitat bei Blankertz S. 88f). Ich verweise auch auf Teil 11.

Reichs „Arbeitsdemokratie“ sei „im Grunde genommen nichts weiter als das Wirtschaften nach dem Prinzip der Freiwilligkeit, ist Kapitalismus“ (S. 88). Dazu ist zu sagen, daß auch Anarchisten nicht „frei-willig“ handeln. Sie sind nämlich in der Abbildung in Teil 13 gezeichneten „Ursünde“ gefangen, der Panzerung. Arbeitsdemokratie bedeutet schlichtweg ungepanzert zu sein, bzw. sie zwingt gepanzerten Menschen ein ungepanzertes Verhalten auf. Im Gegensatz dazu funktioniert der Kapitalismus auch im sekundären, im gepanzerten Bereich.

Was soll man schließlich über Blankertz‘ Ausführungen über Homosexualität und Feminismus (S. 109-117) sagen? Für Reich war Homosexualität unnatürlich, was schlichtweg bedeutet, daß nur der Kontakt zwischen Vagina und Penis und das Fehlen jedweder emotionaler Ambivalenz einen Orgasmus ermöglicht. Ja, man kann auf den Händen gehen oder einen Rollstuhl benutzen, auf einem Bein hüfen oder Skilaufen, aber das ist niemals dasselbe wie „natürliches“ Gehen! Mit „Moral“ hat das alles nichts zu tun, außer daß die gesellschaftliche Unterdrückung der Homosexualität stets die Genitalität mit umfaßt. Und was die Frauenemanzipation betrifft: es geht einzig und allein um den orgonotischen Kontakt zwischen Kind und Mutter, Frau und Mann. Alles andere ist Beiwerk. Blankerts beschäftigt sich nur mit diesem Beiwerk.

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 60

27. April 2020

orgonometrieteil12

60. Das Leib-Seele-Problem

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26. April 2020

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 4)

25. April 2020

 

Paul Mathews:
Ideologie und das Nichtglaubenwollen

 

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 14)

24. April 2020

Blankertz‘ Buch ist in vieler Hinsicht eine Inspiration. Etwa der Hinweis, es sei bemerkenswert, daß die Sexualität, also das, was den Fortbestand der Menschheit sichert, derartig marginalisiert wird. Es werde vollkommen verkannt, daß vor allem darum gearbeitet wird, um an die Dinge zu kommen, mit denen man einen Sexualpartner anziehen kann (siehe dazu mein Ökonomie und Sexualökonomie). Oder etwa: „Die perverse Koppelung von sex’n’crime ist literarisch akzeptierter als jede Form natürlicher, befriedigender Liebe“ (S. 23).

Es war mir bisher vollkommen entgangen, daß das Vorwort in der Originalübersetzung durch Theodore Wolfe das Datum „August 1945“ trägt, während die von Mary Higgins initiierte Neuübersetzung das in „August 1942“ umgewandelt hat, obwohl Reich hier bezug nimmt auf das Jahr 1945 (S. 28). Wie soll man auf einer solchen Datengrundlage, mit solchen wirren Editionen vernünftig arbeiten?

In Blankertz‘ Buch wird insinuiert Reich sei im Gefängnis ermordet worden (der Mann war seit Jahren schwer herzkrank!), der Besitz seiner Schriften sei bis in die 1960er verboten gewesen (Unsinn!) und es wird die offenbar unzerstörbare Mär aufrechterhalten, die FDA hätte das Labor Reichs, irgendwelche Versuchsanlagen unwiederbringlich zerstört, etc. (S. 123f). Nein, es wurde nur ein ungeheuerlicher finanzieller Schaden und Rufschädigung begangen, indem alle Akkumulatoren zerstört und die Bücher, Zeitschriften und Broschüren verbrannt wurden. Wobei übrigens keine Belegexemplare oder gar Manuskripte vernichtet wurden! Die Aufbauarbeit von Jahrzehnten wurde zunichte gemacht, weil eine blöde Fotze, eine rotgrün angehauchte „Verbraucherschützerin“ namens Mildred Brady die kommunistisch unterwanderten Behörden auf Reich aufmerksam gemacht hatte.

Blankertz zufolge bringt Reich dem Bauernstand nur Ablehnung und sogar Haß entgegen (S. 34). Nicht erwähnt wird, daß sich das ab Der Krebs und in späteren Büchern, etwa Christusmord, ändern sollte. Es ist halt so, daß mit der Entdeckung des Orgons zunehmend auch eine Änderung von Reichs „politischer“ Perspektive einherging. Ähnliches gilt für Reichs Haltung zu Familie und Religion. In Der Krebs hebt er hervor, wie absolut lebensnotwendig der enge orgonotische Kontakt zwischen Mutter und Kind sei. Und was die Religion betrifft wurde auch hier seine Haltung im Gefolge der Entdeckung des Orgons weniger einseitig. Blankertz behauptet auch, Reich habe nicht nur nicht das Widerständige des Bauern, der Familie, sondern auch der Religion nicht erkannt (S. 35, 106). Dazu ist zu sagen, daß Reich, bzw. sein Mitarbeiter Karl Teschitz, bereits in den 1930er Jahren nicht nur den reaktionären, sondern auch die widerständigen Aspekte des Christentums herausgearbeitet hatte.

Aber, wie gesagt, Blankertz‘ Buch ist gut geschrieben und ein intellektueller Genuß. Stellen wie folgende sind schlichtweg überragend:

A. Hitler ist nicht die Ursache des Nationalsozialismus und Autor seines Sieges, sondern nur dessen Ausdruck. Ist das so schwer zu verstehen? Nein. Aber diejenigen, die das System bewahren wollen, das den Nationalsozialismus hervorbrachte, wollen es nicht hören, nicht wahrhaben. (S. 47)

Andererseits schießt Blankertz‘ Interpretation der Massenpsychologie eindeutig über das Ziel hinaus: Individuen wie Ernst Röhm (mit dem es m.E. zweifellos den Holocaust nie gegeben hätte) oder Hitler (ohne den es m.E. zweifellos den Holocaust nie gegeben hätte) hätten keinerlei Einfluß und wer das glaube, sei psychisch krank (S. 60). Hier verwechselt er die Massenpsychologie mit dem ökonomischen Determinismus des Vulgärmarxismus. Man könnte bei Blankertz geradezu von „Vulgärmassenpsychologie“ sprechen. „Führer“ werden nur zu solchen, wenn ihre Charakterstruktur mit der Charakterstruktur der breiten Massen kompatibel ist. Bei Hitler war es die Gleichzeitigkeit von „reaktionärer“ Unterwürfigkeit (Angst) und „revolutionärer“ Rebellion (Wut), bei Merkel ist es die Indolenz und die Flucht vor den realen Problemen bei gleichzeitiger Flucht in das Wolkenkuckucksheim irgendwelcher ferner Visionen. Hitler und Merkel werden so zu Fokalpunkten bestimmter Charakterzüge der Massen. Hätte es zufällig (ja, zufällig!) andere „Fokalpunkte“ gegen, etwa General Schleicher oder Schäuble, wäre die Geschichte vollkommen anders verlaufen – aber doch nach massenpsychologischen Gesetzmäßigkeiten!

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS. Ergänzung: Warum forderte Reich Gesetze zum Schutz der Neugeborenen?

23. April 2020

Gesetze?! Ist das nicht Staatismus, eine weitere Schicht des gesellschaftlichen Panzers, lebensfern und bestenfalls eine bloße Geste? Nun, Reich forderte Gesetze, weil die sich auf der gleichen Ebene bewegen wie Institutionen und Traditionen. Einerseits schützen uns Gesetze vor überkommenen und mittlerweile lebensfeindlich gewordenen Institutionen und Traditionen. (Man kann sich heute gar nicht mehr ausmalen, welche Torturen Reichs Generation beispielsweise durchleben mußte, wenn unverheiratete Paare zusammensein wollten!) Andererseits können Gesetze Institutionen und Traditionen verändern, wenn nicht sogar neue schaffen. Institutionen und Traditionen kann man nur schwer verändern, Gesetze sehr wohl. Man schaue etwa, wie die englische Gesetzgebung die vollkommen ossifizierte und teilweise unfaßbar grausame indische Gesellschaft zwar langsam aber stetig zum Besseren verändert hat.

Warum heben solche Gesetze das Gewicht ganzer Jahrtausende auf? Es sind Gesetze, die an unser angeborenes Gerechtigkeitsempfinden appellieren, an den bioenergetischen Kern. Das verbunden mit dem staatlichen Zwang drängt die institutionalisierte und „traditionalisierte“ Emotionelle Pest schließlich in die Defensive.

In diesem Sinne ist Reichs in Christusmord veröffentlichter Gesetzesvorschlag auch so etwas wie ein „Antigesetz“, d.h. er soll uns, wie angeschnitten, vor der bisherigen Rechtspraxis schützen. Ganz ähnlich wie es der Grundimpetus des Neuen Testaments ist, der vor den Auswüchsen des alttestamentarischen Gesetzes schützen sollte: „Ich aber sage euch…“ Jesus ging es um die Widerherstellung des Rechts im Sinne der Grundintention des Gesetzgebers, also Gottes. Entsprechend ging es Reich um die Rückführung des gepanzerten Patriarchats zum ungepanzerten Matriarchat.

Man kann Reichs Gesetz zum Schutz der Neugeborenen nur vor diesem biblischen Gestus richtig einordnen.

Paul Mathews: Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 3)

22. April 2020

 

Paul Mathews:
Ideologie und das Nichtglaubenwollen

 

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 13)

21. April 2020

Betrachten wir zum Schluß Stefan Blankertz‘ vor wenigen Wochen erschienenes Buch Wilhelm Reichs MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS, das ich bereits in Teil 3 erwähnt hatte, etwas genauer. Der Grundimpetus dieses Buches des Gestalttherapeuten und „Anarchokapitalisten“ Blankertz scheint zu sein, daß „mehr Staat“ nicht hilft, wenn es gegen den Faschismus geht. Reich selbst sei dafür Zeuge durch seine Entwicklung vom staatsgläubigen Kommunisten zum Arbeitsdemokraten (S. 8). Diese Schrift ist also auch gegen jene vermeintlichen Antifaschisten gerichtet, die ständig nach mehr Staat und Überwachung verlangen und vollkommen intolerant sind – so als würden sie Adolf Hitlers Credo channeln. Daran schließt sich die bemerkenswerte Feststellung an, daß die Massen das Leben in der Demokratie mit dem „freien Handeln freier Menschen“ verwechseln und so allem Freiheitlichen gegenüber skeptisch bis ablehnend werden (S. 14). Reich selbst hat natürlich die Ablehnung des bürgerliche Liberalismus durch die Massen und deren Hinwendung zum Faschismus als eine Art Protest betrachtet; ein Protest gegen den hohlen oberflächlichen Liberalismus, der direkter Ausdruck der oberflächlichen charakterstrukturellen Fassade ist.

Eine merkwürdige Aussage Blankertz‘ ist die, daß Ursachen desto weniger wirken, je mehr sie zurückliegen (S. 8). Stimmt das? Ich meine, wie viele Menschen werden von den Traumen ihrer Kindheit erst im hohen Alter eingeholt! Heute ist der Gegensatz zwischen dem lateinischen und dem keltisch-germanischen Europa stärker denn je, obwohl die Ursache zwei Jahrtausende zurückliegt! Die fernen Ursachen werden wirkmächtig, weil sie Struktur geworden sind (etwa in der Sprache und natürlich in der Charakterstruktur) und die Vergangenheit deshalb immer noch „Resonanz findet“.

Das mit den weitzurückliegenden Ursachen scheint bei Blankertz ein zentraler Punkt zu sein, macht er daran doch Reichs vermeintliche Geisteskrankheit fest. („Wilhelm Reich endete im Irrsinn.“ S. 15, siehe auch S 129.) Reich mühe sich die Ursprünge des Faschismus tausende Jahre zurück zu datieren (Anklänge an DeMeos Saharasia-Theorie):

Ich kann mir gut vorstellen, daß der Wahn einen ergreift, falls man versucht, mehrere tausend Jahre Geschichte zu korrigieren, um (sic!) nicht einfach mal (sic!) einen anderen Ansatz zu versuchen, als er in den letzten Jahrzehnten vorherrschte: Freiwilligkeit statt Staatsgewalt. Paul Goodman hatte versucht, ihm diesen Gedanken nahezubringen (…). (S. 49f)

Da fragt man sich wer an welchem Wahn leidet! („Reichs Massenpsychologie und Goodmans Gestalt Therapy ergeben zusammen das Instrumentarium, um die Welt, wie sie heute ist, zu verstehen, zu analysieren und zurechtzurücken.“ S. 20.)

Das bringt mich zu meiner alten Kritik an Fritz Perls, der zusammen mit Paul Goodman die Gestalttherapie entwickelt hat, nämlich das er Kinder als Hindernis zu seiner und seiner Klientel kindsköpfigen „Selbstverwirklichung“ gehaßt hat. Die Kinder der Zukunft, Reichs eigentliche und vielleicht am Ende einzige Hoffnung für die Zukunft, tauchen in diesem Büchlein gar nicht auf, außer da, wo Reich Gesetze zum Schutze der Kinder verlangt, was dem Anarchisten Blankertz übel aufstößt (S. 71).

Worum es geht, wird an folgendem Schema deutlich: Reich will sozusagen die (wohlverstandene!) „Ursünde“ unserer Ahnen wettmachen, während Blankertz sich quasi autistisch mit einer denkbar oberflächlichen Funktion zufriedengibt:

Ja, in vieler Hinsicht hat Blankertz natürlich recht. Ich brauche nur den bekannten Ausspruch von C.S. Lewis zitieren: „Du kannst nicht zurückgehen und den Anfang ändern, aber Du kannst jetzt neu anfangen und das Ende ändern.“ Stimmt, aber, und dem würde Lewis, der Apologet des Christentums schlechthin, sicherlich zustimmen, geht das nur, wenn man bei der Änderung im Jetzt den Fehler des Anfangs, die „Ursünde“, aufhebt.

Reich gebe keine Ursachen für den Übergang vom ungepanzerten Matriarchat zum gepanzerten Patriarchat an. Offenbar kennt Blankertz Reichs Untersuchung Der Einbruch der Sexualmoral nicht, den er vor der Massenpsychologie des Faschismus geschrieben hatte, oder gar seine Spekulationen in Die kosmische Überlagerung.