Posts Tagged ‘Charakter’

Einige Gedanken zur Rolle der Diagnose in der Orgontherapie (Teil 2)

6. Oktober 2026

Eine der schlagendsten Einwände gegen die von Elsworth F. Baker in Der Mensch in der Falle dargelegten psychiatrischen Nosologie betrifft die anale Schizophrenie. Baker zufolge würde der anale Zwangscharakter überproportional häufig eine katatone Schizophrenie entwickeln. Doch, so der Einwand, gäbe es weder epidemiologisch einen Hinweis darauf, daß Leute, die die Kriterien für die ICD-10-Diagnose „anankastische Persönlichkeitsstörung“ („Zwangspersönlichkeit“) erfüllen, häufiger eine Krankheit kriegen, die die ICD-10-Kriterien für „katatone Schizophrenie“ erfüllt, noch darauf, daß von den Leuten, die die Kriterien für die ICD-10-Diagnose „katatone Schizophrenie“ erfüllen, überproportional viele prämorbid die Kriterien für die ICD-10-Diagnose „anankastische Persönlichkeitsstörung“ erfüllt hätten. Eine zwanghafte Persönlichkeit zu haben, könne nicht als Vulnerabilitätsmarker für die Entwicklung einer katatonen Schizophrenie gelten. Bakers Annahme würde also von den epidemiologischen Fakten nicht gestützt und sei deshalb kaum mehr als eine vor-wissenschaftliche Spekulation aufgrund vorsintflutlicher psychoanalytischer Spekulationen.

Von orgonomischer Warte kann man anfügen, daß, während heutzutage von den Orgontherapeuten kaum je Zwangscharaktere diagnostiziert werden, die Diagnose katatoner schizophrener Charakter zu den häufigsten orgonomischen Diagnosen überhaupt gehört. Das stellt zweifellos einen gewissen Widerspruch dar! Umgekehrt werden von der mit den ICD-10-Kriterien arbeitenden Psychiatern häufig Zwangsstörungen und anankastische Persönlichkeitsstörungen („Zwangspersönlichkeiten“) diagnostiziert, aber eher selten Katatonien. Bemerkenswert ist auch, daß rein klinisch Orgontherapeuten (die durchweg auch als klassische Psychiater ausgebildet sind und einen entsprechenden Facharzttitel besitzen!) feststellen, daß katatone Schizophrene nach Auflösung der Augenpanzerung, wie von Baker vorhergesehen, automatisch zu Zwangscharakteren werden, die dann als solche weiterbehandelt werden können.

Irgendwas paßt hier offensichtlich ganz und gar nicht zusammen! Mit Sicherheit hat die „anankastische Persönlichkeitsstörung“ (also Persönlichkeitsstrukturen, die durch Kontrollzwang, Regeln, Geiz und Starrheit etc. geprägt sind) wenig bis nichts mit dem Zwangscharakter zu tun. Zwangscharaktere sind durch ihre Rigidität und „Maschinenhaftigkeit“ definiert, nicht durch eine Liste von Symptomen, die man, ja, „zwangsneurotisch“ abhaken könnte. Außerdem zeigen sie einen auffälligen Hang zu verstärkter okularer Panzerung, was manchmal die Abgrenzung zum katatonen schizophrenen Charakter problematisch macht.

Baker würde darauf hinweisen, daß Zwangshandlungen nicht sonderlich mit dem Zwangscharakter korreliert sind (die Bezeichnung ist mehr historisch als deskriptiv bestimmt!), sondern daß derartige Symptome bei allen möglichen Charaktertypen auftreten, besonders aber beim diametralen Gegenteil des Zwangscharakters, also dem hysterischen Charakter. Charakterdiagnosen beruhen auf der alles bestimmenden Hauptabwehr, nicht irgendwelchen Symptomen! Es geht um das Sein, nicht um das Verhalten!

Im übrigen finden sich auch in der gängigen Psychiatrie unter den Vulnerabilitätsmarkern für die Entwicklung einer katatonen Schizophrenie Trotz, Angst vor Kontrollverlust (Aktivitätshemmung), vor allem aber Zweifel und Ambivalenz: halt Zwangscharaktere.

Es ist unmöglich, eine Entität (etwa den Zwangscharakter) aus der orgonomischen Nosologie zu nehmen, die etwas beschreibt, was die gängige Psychiatrie gar nicht kennt, nämlich die Charakterstruktur – und diese Entität dann mit der mechanischen Entsprechung aus der ICD-10 (also die „anankastische Persönlichkeitsstörung“) zu vergleichen. Das geht nur, wenn man es mit der funktionellen Entsprechung macht.

Das ist genauso, als wenn ich behaupten würde, daß sich die Lungen der Säugetiere aus den entsprechenden Organen der Fische entwickelt hätten. Darauf antwortet dann der Skeptiker, daß sich aus den Kiemen der Fische irgendwelche inneren Ohrknochen der Säugetiere entwickelt haben, aber eben nicht die Lungen. Mit dieser „Widerlegung“ träfe man mich aber in keinster Weise, denn die Schwimmblase der Fische wurde im Rahmen eines für die Evolution typischen Funktionswechsels zur Lunge der Säugetiere. Man darf nur vergleichen, was wirklich zusammenpaßt.

Es ist die Frage, ob man die Charaktereinteilung mit der ICD-10 vermischt und dergestalt ein heilloses Durcheinander erzeugt oder ob man, wie der medizinische Orgonom Peter A. Crist es getan hat, die ICD-10 jener orgonotischen Funktion zuordnet, zu der sie funktionell gehört: die „symptomatische“ Persönlichkeits-Fassade gemäß dem orgonomischen Dreischichtenmodell aus Kern (Natur), mittlerer Schicht (Charakter) und Fassade (Persönlichkeit).

Ein analoges Problem aus der internistischen Medizin ist die Frage, ob man etwa Reichs orgonenergetische Erklärung der Immunabwehr („B-Reaktion vs. T-Reaktion“) angesichts der neuen mikrobiologischen Erkenntnisse als überholt verwirft oder ganz im Gegenteil, wie es der medizinische Orgonom Charles Konia getan hat, die Immunabwehr („Erkennen und Ausschalten des Fremden“) mit Hilfe der Orgonometrie auf primordiale Funktionen zurückführt und dazu die neusten mikrobiologischen Erkenntnisse heranzieht.

Zum Schluß möchte ich ein weiteres Problem mit der katatonen Schizophrenie anführen. Wenn ein Orgontherapeut von einem „katatonen schizophrenen Charakter“ spricht, meint er einen Menschen, der aufgrund einer frühen Entwicklungsstörung (Reich meinte die ersten 10 Tage) eine außergewöhnlich starke Augenpanzerung davongetragen hat und dann beispielsweise aufgrund einer strikten Reinlichkeitserziehung eine (okular überlagerte!) zwanghafte Charakterstruktur entwickelt hat. Resultat dieser Kombination ist der katatone schizophrene Charakter. Reich zufolge ist die frühe okulare Panzerung durch die Spaltung zwischen bioenergetischer Erregung und der psychischen Wahrnehmung geprägt. Konia hat diesen Ansatz weiterentwickelt, indem er zwischen einer „Erregungsschizophrenie“ und einer „Wahrnehmungsschizophrenie“ unterscheidet. Die letztere entspricht weitgehend dem, was Psychiater als „Psychosen“ behandeln. Schizophrene, die unter ersterem leiden, brauchen in ihrem gesamten Leben jedoch keine einzige psychotische Episode durchmachen, sind aber trotzdem schizophrene Charaktere. Im ICD-10-System fallen sie unter den Tisch, was für ihre Psychotherapie, insbesondere aber eine etwaige pseudo-orgonomische „Reichianische“ Therapie, absolut verheerende Folgen zeitigen kann!

Einige Gedanken zur Rolle der Diagnose in der Orgontherapie (Teil 1)

5. Oktober 2026

Beruht die orgonomische Charakterologie auf der Untersuchung der puritanischen Oberschicht in Wien, Berlin und London Anfang des letzten Jahrhunderts? Erstens haben Freud, Abraham und Jones nur Charakterzüge untersucht, doch nie eine systematische Charakterologie aufgestellt, das ist einzig und allein Reichs Leistung. Und zweitens hat Reich diese Charakterologie ganz im Gegenteil im großstädtischen Lumpenproletariat gewonnen, dessen Leben in psychischer Hinsicht verblüffend modern wirkt und deshalb Reich eine ich-psychologische Betrachtungsweise aufgezwungen hat. Die Charakteranalyse ist organisch aus der Schrift über den Triebhaften Charakter hervorgegangen.

Die „ich-psychologische“ Praxis der Orgontherapie verlangt, daß man von oben nach unten, vom Okularen zum Pelvikalen vorgeht – also vom Kopf („Ich“) aus. Ohne dieses Vorgehen, also im schlimmsten Fall vom Becken auszugehen, wie es viele „Reichianische“ quacksalberische Verbrecher tatsächlich tun, kann nur eine „chaotische Situation“ hervorrufen und den Patienten weiter in den neurotischen Sumpf stoßen.

Das bedeutet nicht, daß man schematisch vorgeht, sondern ganzheitlich. Konkret bedeutet dies eine korrekte charakteranalytische Diagnose, die dazu führt, das Schema („von oben nach unten“) den individuellen Gegengebenheit anzupassen. Wenn man den Patienten charakteranalytisch untersucht, dann wird man zwangsläufig zu einer Diagnose kommen – denn was sollte „Charakteranalyse“ sonst sein, als eben die Analyse des Charakters, wodurch die Diagnose von selbst gegeben ist. Das gleiche gilt für eine biophysische Untersuchung („Wie ist die Muskelpanzerung verteilt?“), die zwangsläufig zu einer Diagnose führt – denn was sonst sollte denn eine biopsychiatrische Untersuchung anderes sein, als eben die Analyse des Panzerungsmusters, wodurch die Diagnose von selbst gegeben ist. Ich habe da ganz konkret meine ersten Therapiestunden bei Dr. Schwartzman vor Augen, wie er sich zunächst mit mir Unterhalten hat und dann meinen ganzen Körper „angegrabscht“ hat. Ich kann mir nicht mal theoretisch vorstellen, wie denn das Handwerk des Orgonomen anders aussehen sollte!

Du hast fünf Patienten, Herrn Schmidt, Herrn Lehmann, Frau Martens, Herrn Müller und Frau Peters, die alle unter einem Zählzwang leiden und auch sonst einen ziemlich gleichen Eindruck vermitteln (alle sind depressiv, niedergeschlagen, antriebslos und klagen über eine innere Leere). Klassisch psychiatrisch fallen alle unter die gleiche Kategorie, entsprechend würden sie gleich behandelt werden. Der Orgonom jedoch würde diese Störung (den Zählzwang) an sich gar nicht groß beachten, sondern nur vor dem Hintergrund des Charakters sehen und entsprechend jeweils vollkommen anders behandeln: Herr Schmidt ist ein klassischer Zwangscharakter und deshalb sein Symptom integraler Bestandteil seines Charakters. Bei Herrn Lehmann jedoch ist der Zählzwang zwar ebenfalls ein Zwangssymptom, aber da Herr Lehmann ein katatoner Schizophrener, also kein analer, sondern ein okularer Charakter ist, muß die Behandlung weit mehr auf die okulare Kontaktlosigkeit eingehen, als bei Herrn Schmidt. Frau Martens, ein paranoid schizophrener Charakter, hingegen ist wohl auch ein okularer Charakter, aber bei ihr hat der Zählzwang eine ganze andere Funktion, d.h. es ist überhaupt keine (okular verzerrte) anale Symptomatik, sondern ein psychotisches Ritual, um böse Geister abzuhalten, obwohl sie ansonsten gar nicht psychotisch auffällig ist – sie wird aber psychotisch auffällig werden, wenn man den Zählzwang beseitigt, ohne den charakterlichen Hintergrund zu sehen. Herr Müller ist weder anal, noch okular belastet, sondern ein chronisch depressiver Charakter, der sich mit dem Zählen in Gang halten muß, sonst würde er vollends kollabieren. Und Frau Peters schließlich ist überhaupt nicht prägenital belastet, der Zählzwang ist einfach nur ein hysterisches Symptom, das die Funktion hat, die Männer von ihr fernzuhalten.

Eine Behandlung, die diese fünf vollkommen unterschiedlichen charakterologischen Reaktionsbasen des einen Symptoms nicht sieht, wird im besten Fall gar nichts erreichen, im allgemeinen aber desaströse Konsequenzen für den Patienten nach sich ziehen. Herr Schmidt mag seinen Zählzwang verlieren, aber als Konsequenz der Behandlung wird sein Zwangscharakter nur noch weiter verhärtet und Herr Schmidt vollends zu einer (dann wohlfunktionierenden) Maschine werden. Herr Lehmann wird wohl sein Symptom verlieren, aber dafür in einen nihilistischen Wahn verfallen und sich in sechs Jahren eine Kugel durch den Kopf jagen. Frau Martens wird nach der verhaltenstherapeutischen Beseitigung ihres Zählzwangs vom Psychiater auf Psychopharmaka gesetzt, weil sie zunehmend wunderlicher wird und Andeutungen macht, inkarnierte Dämonen müsse man erstechen. Herr Müller wird förmlich eingehen und schon bald an Krebs verstorben sein, nachdem sein Zählzwang erfolgreich behandelt worden war. Und Frau Peters wird nach erfolgreicher Behandlung einem Sexualmord zum Opfer fallen. – Und ihre Therapeuten werden jeweils wissenschaftlich nachweisen, daß ihre Therapien erfolgreich waren, denn der störende Zählzwang wurde ja jeweils beseitigt und entsprechend wäre es den Patienten auch besser gegangen.

Wenn man auf eine Diagnose verzichtet, könnte man sagen: orgonenergetisch ist Zwangszählen funktionell identisch mit einem vom restlichen Körper energetisch isolierten Gehirn, folglich muß das okulare und orale Segment aktiviert und ein energetischer Ausgleich hervorgerufen werden, indem der Hals, dann die Brust, das Zwerchfell usw. von Panzerung befreit bis die energetische Grundlage des Symptoms und der dem Symptom zugrundeliegenden soeben beschrieben Panzerungsstruktur durch die Herstellung der orgastischen Potenz beseitigt ist. Theoretisch mag, daß alles ja orgonomisch korrekt sein, doch praktisch wird der Pseudo-Orgonom Herrn Schmidt nicht im geringsten beeinflussen können (worauf er sagen wird, daß man einen krummgewachsenen Baum nicht mehr grade richten kann), aus Herrn Lehmann wird ein „orgonomischer“ Kultist werden, der jedem erzählt, er sei orgastisch potent (in Wirklichkeit bleibt er aber ein kontaktloser Katatoner), Frau Martens wird in die Anstalt eingeliefert und durch Psychopharmaka sich irreparable Gesundheitsschäden zuziehen (der Pseudo-Orgonom wird daraufhin den „Kleinen Mann“ anklagen, der die Größe und Klarsicht des Schizophrenen nicht ertragen könne und ihn deshalb kreuzige), bei Herrn Müller wird der Pseudo-Orgonom, der mal etwas charakteranalytisch arbeiten will, die dem Zählzwang angeblich zugrundeliegende Aggression hervorkitzeln wollen, woraufhin sich sein Patient suizidiert und Frau Peters wird nach zwei Sitzungen nicht mehr zum Pseudo-Orgonomen gehen und sich einen Rechtsanwalt suchen, weil sie sich sexuell attackiert fühlt.

Mechano-mystische Pseudologik

25. September 2026

Wie man an jeder Katze und jedem Hund beobachten kann, überwiegt bei biopsychologischer Gesundheit der Parasympathikus bzw. die „Vagotonie“. Wenn wir entspannt und in einem biophysiologisch expansiven Zustand sind „chillen“ wir, wir verdauen und schlafen.

Man darf nicht an bloßen Worten und deren inhärenten Logik („am Logos“) haften. Für den Mechano-Mystiker gibt es eine „Substanz“, die ein Attribut hat, nach dem Muster: Vagotonie —> Expansion —> stimmt nicht überein mit kontraktiler Verdauung und Schlaf. Das Konzept (die „Substanz“) Vagotonie wird durch ihr Attribut Expansion definiert, da aber Verdauung und Schlaf der Kontraktion zugeordnet werden können, tun sich Widersprüche auf und die Orgonomie ist der haltlosen Vereinfachung überführt.

Das ist vollkommen logisch, aber nicht funktionell gedacht. Für Reich gibt es nicht Substanz und Attribut, sondern die Beziehung eines Teils zum Ganzen, d.h. Funktion, die man nicht kausal, sondern nur interpretativ erklären kann. Die Vagotonie ist eine funktionelle Einheit, in der der Körper die vorübergehende Kontrolle über seine Umwelt erlangt hat und sich deshalb gehenlassen kann. Löwen können den ganzen Tag rumdösen („Kontraktion“), eben weil sie die Savanne beherrschen („Expansion“).

Solche ganzheitlichen Interpretationen kann man logisch auseinanderreißen („Kontraktion ungleich Expansion“) und so die ganze Orgonomie widerlegen. Man vergißt dabei aber, daß das ganze Leben derartig „unlogisch“ ist. Es ist unlogisch, daß ein bestimmtes Kind von asozialen Trinkern ein genitaler Charakter ist, ein anderes Kind aus geregelten Verhältnissen hingegen ein Neurotiker, da man es kausal nicht erklären kann. Sieht man die Sache aber funktionell, d.h. als einen multidimensionalen „Lebensroman“, kann diese Geschichte trotz aller gegenteiligen Theorie durchaus stimmig sein.

Abstrakt geht man wie folgt vor: Patient X (die „Substanz X“) hat folgende Symptome („Attribute“): a, b und c, folglich ist es weder eindeutig der Charakter A noch B oder C. Der konkrete funktionelle Ansatz sieht es aber wie eine kleine „unlogische“ Novelle: die Ganzheit X umfaßt u.a. die Teile a, b und c, wobei der Teil a die Rolle der Hauptabwehr spielt, wenn die Ganzheit X(a.b,c) ihre Integrität bewahren will, deshalb ist die Ganzheit X(a.b,c) ganz eindeutig der Charakter A.

Der Unterschied zwischen der mechanomystischen und der funktionellen Logik ist, daß in ersterer „logisch“ alles (a, b und c) gleich gewichtet wird, während im funktionellen Ansatz jedes Element (a, b und c) perspektivisch gewichtet wird. Die Elemente a, b und c müssen nicht alle auf einer „Ebene“ sein, sondern jeweils auf allen möglichen Funktionsebenen verortet sein:

Frank-Reich (Teil 1)

9. September 2026

1953 wurde ein Vortrag von Jean Mallet und eine Diskussion über Reich und den Todestrieb der Zeitschrift der Société Psychanalytique de Paris veröffentlicht: „L’évolution de W. Reich ou l’analyste et l’instinct de mort“ (Revue française de psychanalyse). Der Vortragende und ein Kommentator meinten, Reich habe später den Verstand verloren: „seine Abwehrkräfte seien zusammengebrochen“ bzw. er habe zu starke Abwehrkräfte gehabt. Aber es gab einen anständigen kurzen Kommentar von Marie Bonaparte, die damals Chefin der Société Psychanalytique de Paris war zusammen mit Sacha Nacht. Sie sagte nur, sie habe in Wien ausführliche Gespräche mit Reich geführt und daß er ihr von der Bedeutung des Orgasmus erzählt habe. Kein Urteil von Seiten Bonapartes, nur ein Bericht. Sie fügte eigene kritische Anmerkungen über den Todestrieb hinzu! Interessanterweise schrieb Freud ihr einmal, sie solle seiner Todestriebtheorie keine große Aufmerksamkeit schenken, sie sei nicht wichtig.

Von Interesse ist auch, daß in der gleichen Nummer der Zeitschrift Béla Grunberger einen Artikel über „Conflit oral et hystérie“ veröffentlichte. Jener Grunberger, der 1976 zusammen mit Janine Chasseguet-Smirguel das Buch Freud ou Reich. Psychanalyse et illusion (deutsch 1979) veröffentlichten sollte, das den wohl schärfsten (und selbstentlarvendsten) Angriff der Freudisten auf Reich darstellt. Die aberwitzigen Deutungen, die aus Freuds Psychoanalyse eine Karikatur ihrer selbst machen! Alles nur, um vom Wesentlichen abzulenken: der Bedeutung des Über-Ich.

Das Über-Ich ist, so Reich, „Vertreter der versagenden Person bzw. der Forderungen der Gesellschaft im Ich“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 284). Es ist „ein fremder, der drängenden und drohenden Außenwelt entlehnter Bestandteil“ (S. 219). In diesem Sinne, d.h. weil beide eine Verarbeitung des Ödipus-Komplexes sind, ist, wie Elsworth F. Baker in Der Mensch in der Falle geschrieben hat, das Über-Ich funktionell identisch mit dem Panzer. Reich:

Dieser Charakter des Ichs baut sich aus Elementen der Außenwelt, aus Verboten, Triebeinschränkungen und Identifizierungen verschiedenster Art auf. Die inhaltlichen Elemente des charakterlichen Panzers sind also äußerer, gesellschaftlicher Herkunft. (ebd., S. 220)

Oder wie Reich in dem von Freud so sehr inkriminierten Aufsatz über den Masochismus schrieb: das Leiden kommt „aus der Außenwelt, aus der Gesellschaft“ (S. 289).

Freud konnte das nicht akzeptieren, schob Reichs damaligen „Kommunismus“ vor, um seine Ablehnung zu rechtfertigen, doch tatsächlich ging es Freud einzig darum, daß das Leiden von Innen kommt, durch den biologisch bedingten und unabwendbaren Ödipus-Komplex und durch den Todestrieb oder zumindest durch eine Triebstruktur, die dem friedlichen Zusammenleben und dem Glück des Menschen entgegenstehen. Beispielsweise sei das Über-Ich nichts anderes als vom Todestrieb gespeister Selbsthaß, während der Gegenspieler des Todestriebes, also der Eros (sic!), den antisozialen Narzißmus speise (siehe Freuds Das Ich und das Es). Das Leben, ein mörderischer Alptraum! Die beiden Psychoanalytiker Bela Grunberger und Janine Chasseguet-Smirgel bringen dieses psychoanalytische Lebensgefühl wie folgt zum Ausdruck: „Die Existenz eines natürlichen Sozialtriebs biologischer Natur erscheint uns äußerst hypothetisch“ (Freud oder Reich?, Frankfurt 1979, S. 181).

Man frägt sich unwillkürlich, in was für einer Welt solche Leute leben! Während der Aggressionstrieb, Feindschaft und Ambivalenz für sie den Kern der menschlichen Natur ausmachen, erscheint ihnen Freundschaft, Kameradschaft, Liebe als etwas dem Menschen zutiefst Fremdes und den Kindern Aufgezwungenes. Entsprechend steht die genitale Umarmung für Grunberger und Chasseguet-Smirgel auf der gleichen qualitativen Ebene wie eine Diarrhö, nur daß sie etwas komplexer ist:

Wir glauben in der Tat, daß der Orgasmus an sich noch keine besondere Bedeutung hat. Es handelt sich bei ihm um eine einfache Abfuhr von Spannungen, welche in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine Entleerung (Alexander spricht von einer „Entwässerung“), selbst wenn die betreffenden Spannungen weitaus komplexerer Natur sind als die rein analen Spannungen. Wenn es infolgedessen beim Orgasmus vor allem darum geht, sich aus der Umklammerung des Feindes zu lösen [den Autoren zufolge ist der Paranoiker, also Reich, psychoanalytisch betrachtet, „im Rektum seines Verfolgers gefangen“, PN], so scheint es ein Fehler zu sein, ihm in der Genitaltheorie eine solch entscheidende Rolle zu übertragen, besonders dann, wenn diese Theorie von der Vollendung der psychosexuellen Entwicklung auf allen Ebenen [also nicht nur der analen, PN] handelt. (Grunberger und Chasseguet-Smirgel, ebd., S. 125f)

Was bei Reich die Funktion des Orgasmus ist, ist bei diesen Freudisten das Gehirn, in das sie sich flüchten. Freud:

Es ist unsere beste Zukunftshoffnung, daß der Intellekt – der wissenschaftliche Geist, die Vernunft – mit der Zeit die Diktatur im menschlichen Seelenleben erringen wird. (z.n. ebd., S. 146)

Wo Es war, soll Ich sein! Grunberger und Chasseguet-Smirgel fahren fort:

Auf diesem Hintergrund erscheint nun das Werk von Reich als Einbruch des Irrationalen in die Psychoanalyse und – in gewisser Hinsicht – in den Marxismus. Gleichzeitig ist es aber, gewiß unbewußt, ein Werk der Destruktion beider Systeme. (ebd.)

Was bei Grunberger und Chasseguet-Smirgel bleibt, ist Resignation, Zynismus, ein Leben ohne jede Freude und das Gefühl intellektueller Überlegenheit – was verdammt an das erinnert, was bisher stets am Ende der Marxistischen Theorie stand: eine tote, „wertlose“ Welt – und die Illusion, die Welt (den „Warenfetisch“) durchschaut zu haben. Das Motiv ist jeweils die tiefsitzende Lebensangst und der Lebenshaß des typischen „Intellektuellen“. Reich sprach von „intellektueller Abwehr“.

David Holbrook, M.D.: Schuldgefühle, „Moralisieren“ und die „Emotionelle Pest“

8. August 2026

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Schuldgefühle, „Moralisieren“ und die „Emotionelle Pest“

Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 4. Sexualökonomie, b. Die sexuelle Revolution und die antiautoritäre Gesellschaft

20. Juli 2026

Peter Nasselstein: Orgasmusfunktion und Arbeitsdemokratie: 4. Sexualökonomie, b. Die sexuelle Revolution und die antiautoritäre Gesellschaft

Orgontherapie 2026 (Teil 7)

20. März 2026

Ich habe mit mehreren Orgontherapeuten und „Orgonpatienten“ darüber gesprochen: Orgontherapie über eine Videokamera ist möglich. Damit fällt (mal abgesehen von den Finanzen!) jedwede Ausrede weg, sich keiner Orgontherapie lege artis zu unterziehen.

In einer Orgontherapie wird der Charakter behandelt. Folglich muß am Anfang der Behandlung eine Diagnose stehen, eine „Charakterdiagnose“. Zur Klassifikation bieten sich die Zustände der Orgonenergie an (OR, ORANUR, DOR) oder ihre pulsatorische Bewegung (die E-Motionen: Lust, Angst, Wut, Sehnsucht, Trauer). Da wir es aber mit der Charakter-Struktur zu tun haben, sind die sieben Panzersegmente naheliegender (Augen, Mund, Hals, Brust, Zwerchfell, Bauch, Becken).

Tatsächlich beruht Reichs provisorische Aufteilung der Charaktere in seinem Buch Charakteranalyse auf den Vorarbeiten Freuds und anderer Psychoanalytiker (Jones, Abraham, etc.). Diese gingen von den erogenen Zonen bzw. erogenen Stufen aus. In der Entwicklung werden nacheinander die oralen, analen und genitalen „Zonen“ libidinös besetzt. Hemmungen in der Entwicklung führen zum „analen“ Zwangscharakter. Es ist nur folgerichtig diese Vorstellung mit Panzerung im Kopf- und Beckenbereich zu verbinden.

Reich stellte sich die Situation zur Zeit von Charakteranalyse wie folgt dar, wobei es jeweils um die Bewältigung des ödipalen Konflikts geht:

  • Rückkehr zum infantilen Sexualobjekt mit Verbleib auf der genitalen Stufe. Flucht vor dem Sexualobjekt: Hysterie
  • Rückkehr zur infantilen Sexualität (anale Stufe): Zwangsneurose
  • Abwehr der Rückkehr zur Analität mit Verbleib auf der phallischen Stufe: phallischer Narzißmus

Die letztere Charakterstruktur wurde 1926 von Reich selbst in die Psychoanalyse eingebracht. Von diesem Gerüst ausgehend und mit Rückgriff auf den von Reich zusätzlich beschriebenen passiv-femininen Charakter, den masochistischen Charakter und (später) den schizophrenen Charakter hat Elsworth F. Baker die orgonomische Charakterologie entworfen. Dazu hat er eine weitere libidinöse Stufe postuliert: die okulare. Die dreizehn wichtigsten Charaktere werden im folgenden frei nach Bakers Der Mensch in der Falle schematisch präsentiert:

charakter13

Wir haben:

  1. reiner hysterischer Charakter
  2. hysterischer Charakter mit einem verdrängten oralen Block
  3. hysterischer Charakter mit einem unbefriedigten oralen Block
  4. reiner phallischer Charakter
  5. phallischer Charakter mit einem verdrängten oralen Block
  6. phallischer Charakter mit einem unbefriedigten oralen Block
  7. chronisch-depressiver Charakter
  8. manisch-depressiver Charakter
  9. Zwangscharakter
  10. masochistischer Charakter
  11. passiv-femininer Charakter
  12. paranoid-schizophrener Charakter
  13. kataton-schizophrener Charakter

Es gibt weitere Charaktere, aber die sind „mangels Patientenmasse“ nur von akademischem Interesse. (Selbst der masochistische Charakter kommt wohl eher selten vor und wird hier nur wegen seiner Bedeutung für die Geschichte der Orgonomie aufgelistet!)

Die im obigen Schema skizierte Charakterologie ist nicht am Schreibtisch, sondern seit Ende des vorletzten Jahrhunderts sukzessive in der Klinik entstanden. Beispielsweise könnte man fragen, warum es keine „oralen Charaktere“ gibt dafür aber „anale Charaktere“. (Tatsächlich gibt es einen „oralen Charakter“, aber der ist nur bedingt überlebensfähig und wird kaum zur Psychotherapie gehen!) Oralität spielt in der obigen Aufstellung offensichtlich eine zentrale Rolle, insbesondere in der Depression, aber anders, als man das sich aus abstrakter Warte vorstellen würde. Nochmals: das hat sich niemand so ausgedacht, sondern es ist historisch gewachsen und hat sich immer wieder bewährt. Hier sei nur angeführt, daß die fünf libidinösen Stufen (okular, oral, anal, phallisch und genital) qualitativ nicht gleichwertig sind und allein schon von daher eine „logischere“ Aufstellung Unsinn wäre! Leitfaden ist dabei die Orgasmustheorie.

Nehmen wir dazu die obige Liste: Die Charaktere 2 und 3 müssen von ihren prägenitalen Anteilen befreit und dann der Charakter 1 zu einem erwachsenen Sexualobjekt hingeführt werden. Ähnlich sieht es bei den Charakteren 5, 6, 7, 8, 9, 10 und 11 aus: der phallische Narzißt (Charakter 4) muß seinen Ödipuskomplex überwinden, nachdem er sich von seiner Oralität bzw. Analität befreit hat, wobei die analen Charaktere die phallische Stufe in ihrer Entwicklung kaum ganz besetzt hatten. Bei Charakter 12 läuft nach der Beseitigung des okularen Blocks alles wie bei Charakter 4 ab, bei Charakter 13 ist es entsprechend Charakter 9. Es geht jeweils darum, zunächst die prägenitalen (präödipalen!) Konflikte zu bearbeiten, bis man zum ödipalen Kern der psychischen Biopathien und damit zur orgastischen Impotenz vordringen und diese beseitigen kann.

Was nun die soziopolitische Charakterologie betrifft: bei ihr geht es um zwei Arten der Abwehr, die jeweils sozial weitreichende Folgen haben. Der Neurotiker (und Psychotiker) leidet gewöhnlich still vor sich hin. Schlimmstenfalls kommt es zu Familiendramen oder entsprechenden Vorkommnissen am Arbeitsplatz. Der soziopolitische Charakter hingegen stellt sein neurotisches Gleichgewicht her, indem er praktisch die gesamte Gesellschaft instrumentalisiert.

Es gibt prinzipiell zwei Arten von Menschen: die einen bewältigen das menschliche Zusammenleben durch ständiges „Intellektualisieren“, die anderen mit körperlicher Gewalt. Die einen zerreden alles, lenken von den gegebenen Problemen ab, indem sie „grundsätzliche“ Gesichtspunkte anbringen, sie relativieren und setzen alles „in Perspektive“. Man denke nur, wie die Gewalt und das teilweise unmögliche Verhalten von sogenannten „Migranten“ solange „wegdiskutiert“ wird, bis sich die Opfer dieser Gewalt und dieses Verhaltens schuldig fühlen. Die andere Seite, die Rechte, scheint hingegen wie blind für die Umstände der Migranten zu sein: für sie sind es nur „Kanaken“ und man möchte seine Ruhe haben. Auch wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt wird, man spürt doch die Atmosphäre „geballter Fäuste“, die zum Kampf kontrahierte Körpermuskulatur.

Man vergleiche etwa die verkopfte, wirre Reaktion der linksliberalen Liberation auf den Terroranschlag in Paris mit der offen bellizistischen des konservativen Figaro:

KOPFABWEHR: Die Fanatiker verteidigen keine Religion, weil Religion tolerant sein kann (sic!), und sie verteidigen nicht die Muslime, die in ihrer überwältigenden Mehrheit mit Entsetzen auf diese niederträchtigen Morde reagiert haben. Die Fanatiker greifen die Freiheit an. Der Gegner ist der Terrorismus, nicht der Islam, der Gegner ist der Fanatismus, keine Religion, und der Gegner ist der Extremismus. Der hat nichts zu tun mit unseren muslimischen Mitbürgern.

MUSKELABWEHR: …einem Krieg des islamischen Fanatismus gegen den Westen, gegen Europa und gegen die Werte der Demokratie. Dieser Kampf wird nicht aus dem Verborgenen geführt, sondern von organisierten Killern, deren gelassene Brutalität uns das Blut in den Adern gerinnen läßt. Zu lange sind wir im Namen eines irregeleiteten Humanismus unseren schlimmsten Feinden entgegengekommen. Gegen diese Fanatiker, die sich offen gegen unser Land und unsere Sicherheit verschwören, müssen wir hart durchgreifen. Wenn es Krieg gibt, muß man ihn gewinnen.

Alle ach so intellektuellen Auseinandersetzungen lassen sich auf das alltägliche „Abwehrverhalten“ zweier Typen von Neurotikern reduzieren: die einen zerreden bei alltäglichen Konflikten alles, die anderen werden sofort gewalttätig oder drohen zumindest damit. Man denke nur an zwei denkbar unterschiedliche Milieus im heutigen Deutschland: das grün-rote Milieu („das müssen wir ausdiskutieren“) auf der einen und das türkische Milieu („was guckst du?“) auf der anderen Seite. Politik kann nur ein Psychiater wirklich verstehen.

Was hier in das gesellschaftliche Leben überschwappt sind direkte Ausläufer des ödipalen Konflikts. Die linke Seite, mit ihrer intellektuellen Abwehr, rebelliert gegen den Vater, will ihn beseitigen und nimmt aus der Todesangst des im Vergleich unendlich Schwachen Zuflucht zum Intellekt („David gegen Goliath“). Die rechte Seite, mit ihrer muskulären Abwehr, wetteifert nur mit dem Vater. Das führt dazu, daß die Linke (in unserem obigen Vergleich) alles tut, um die Nation zu untergraben, während die Rechte ganz im Patriotismus (!) aufgeht. Im Extrem mündet beides im Faschismus (rot bzw. schwarz). Entscheidend ist, daß dies alles nichts mit realen und aktuellen Problemen zu tun hat, sondern mit zwei unterschiedlichen Abwehrmöglichkeiten des weit zurückliegenden ödipalen Konflikts.

Diese soziopolitische Aufstellung, die man weiter aufteilen kann, wie Baker es getan hat, hat sich ebenfalls niemand ausgedacht, sondern sie ist gewachsen. In jeder demokratisch verfaßten Gesellschaft bildet sich ein politisches Spektrum aus, das in seinen Grundzügen diese beiden Arten der neurotischen Abwehr widerspiegelt. Reale Interessenkonflikte sind nur vorgeschoben und spielen, wie Reich bereits 1933 in seiner Massenpsychologie des Faschismus ausgeführt hat, nicht die entscheidende Rolle.

Zusammenfassend kann man sagen, daß psychische Biopathien auf der Panzerung im Kopf- und Beckenbereich beruhen und soziale Biopathien darauf, wie der Organismus in seiner Gesamtheit die Orgasmusangst abwehrt (intellektuell oder muskulär). Die somatischen Biopathien beruhen sowohl auf der Panzerung beliebiger Segmente (insbesondere ist das Zwerchfellsegment zu nennen) sowie auf der Längsbewegung der Orgonenergie (energetisches Orgonom) und ihrer Erstrahlung. Sie haben keine unmittelbare Beziehung zum ödipalen Konflikt, weshalb hier der Begriff „Charakter“ keinen Platz hat.

Körper und Seele (Teil 1)

9. März 2026

Die innige Beziehung zwischen „Äußerlichkeiten“ und dem Innersten des Menschen zeigt sich an so etwas simplen wie der Körperlänge oder etwa der Breite des Gesichts.

Jane Green, University of Oxford, et al. haben die Daten von mehr als 1,3 Millionen Frauen mittleren Alters ausgewertet, die über ein Jahrzehnt hinweg beobachtet wurden. In dieser Zeit traten 97 000 Krebsfälle auf. Nachdem man alle anderen Risikofaktoren heraus rechnete, ergab sich, daß das Krebsrisiko pro 10 Zentimeter mehr Körpergröße um 16 Prozent steigt.

Bemerkenswerterweise gilt dies für die unterschiedlichsten Arten von Krebs, sagt also etwas über „den Krebs an sich aus“, – den es für die moderne Medizin zunehmend gar nicht mehr gibt. Der mechanistische Erklärungsversuch:

Entweder gibt es bestimmte Umweltfaktoren oder genetische Besonderheiten, die sowohl das Wachstum als auch das Krebsrisiko beeinflussen. Oder die größere Anzahl von Zellen, die in einem großen Körper vorhanden sind, erhöht per se die Wahrscheinlichkeit, daß es zu Entartungen kommt. In jedem Fall könnte der Größeneffekt laut den Forschern zumindest zum Teil erklären, warum es in unterschiedlichen Ländern verschiedene Krebsraten gibt – und warum die Anzahl von Krebserkrankungen seit Jahren stetig zunimmt, denn auch die Durchschnittsgröße steigt kontinuierlich an.

Zunächst einmal hat Reich in Der Krebs ebenfalls die Behauptung aufgestellt, daß die Anzahl der Biopathien, insbesondere aber die der Krebserkrankungen steigt. Reich:

Es wird in der Literatur der Krebsstatistik behautet, daß das Anwachsen der Zahl der Todesfälle infolge Krebses in den letzten Jahrzenten der besseren Diagnostik am Lebenden und an Leichen zuzuschreiben ist; daß also das Anwachsen der Todesziffern ein Artefakt ist. (Der Krebs, Fischer TB, S. 407f)

Die mechanistische Wissenschaft müsse das sagen, „um an der rein erblichen Natur des Krebses (festhalten zu können)“ (ebd., S. 408).

Wir sehen anhand der obigen Meldung, daß aus heutiger Sicht das Anwachsen des Krebsrisikos kein Artefakt ist. Die mechanistische Wissenschaft kann das heute einräumen, weil sie gleich eine naheliegende genetische Erklärung zur Hand hat: mehr Zellen bedeutet, daß mehr Zellen genetisch entarten, d.h. sich zu Kondensationskernen von Krebstumoren entwickeln können. Und da in den industrialisierten Ländern die Menschen von Generation zu Generation immer größer werden, wachse dort das Krebsrisiko, während es in den unterentwickelten Ländern, wo dieses Längenwachstum nicht in diesem Ausmaß auftritt, in etwa gleich bleibt.

Für Reich ist Krebs eine Art „Enttäuschungsreaktion auf Zellebene“. Große Erwartungen, d.h. ein entsprechend mobilisiertes Energiesystem, führen zu entsprechend verheerenden Enttäuschungsreaktionen; eine bioenergetische Reaktion, die bis auf die Zellebene zurückwirkt. Wir alle wissen aus eigener Anschauung, wie es „bis ins Mark geht“, wenn große Erwartungen brutal enttäuscht werden. „Bremsen bei voller Fahrt!“

Und warum breitet sich dann die Krebserkrankung immer weiter aus? Reich:

Menschen, die durch die Veränderung der Sitten zur Bewußtheit ihrer sexuellen Bedürftigkeit kommen, denen aber die Mittel und Wege fehlen, der sexuellen Energie den natürlichen Ablauf durch volle natürliche Befriedigung zu geben, müssen notwendigerweise zerrissen werden, müssen biopathisch erkranken (…). (ebd., S. 412)

Die Lebendigkeit der Menschen bliebe, so Reich weiter, immer mehr hinter ihren Ansprüchen zurück, was zu immer weiter steigender sexueller Frustration führt.

Parallel zu der von Reich beschriebenen sexualökonomischen Entwicklung wurden die Menschen auch immer größer. Anthropologen fanden anhand von Knochensammlungen heraus, daß es immer wieder Zeiten mit regelrechten Wachstumsschüben gegeben hat. Sie sprechen von „säkularer Akzeleration“. Seit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung begann, sind wir größer geworden als jemals zuvor. Die Ursachen dafür sehen sie in den optimalen Umweltbedingungen. Wir haben ausreichend Nährstoffe und Nahrung zur Verfügung. Aber auch die sonstigen Bedingungen, wie ein hoher Standard an Hygiene, sind sehr gut.

Was die Körpergröße betrifft, war es im Laufe der Jahrhunderte entscheidend, in welcher Familie man geboren wurde. So haben soziale Unterschiede im vergangenen Jahrhundert eine sehr große Rolle gespielt. Gleichaltrige Schüler, die auf Schulen für Arme gingen, waren oft 20 cm kürzer als diejenigen, die Schulen für Adlige besuchten. Auch heute sind solche Unterschiede, je nach sozialer Schicht, erkennbar. Allerdings beträgt der Unterschied nur noch zwei bis drei Zentimeter.

Und was hat eine Zunahme der Körpergröße direkt mit einer Zunahme des Krebsrisikos zu tun? Aus bioenergetischer Sicht ist Krebs gleichbedeutend mit einem Hang zur Anorgonie.

In der Anorgononie ist weniger biologische Energie frei und tätig; die träge Masse des Organismus wird im Verhältnis zur tätigen Energie, die den Körper zu bewegen hat, größer, also schwerer. (ebd., S. 400)

Offenbar, so können wir angesichts der heutigen Daten spekulieren, „hinkt die organismische Orgonenergie der hypertrophierenden Masse hinterher“.

Interessanterweise haben große Menschen ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen. Herz-Kreislauferkrankungen sind in vieler Hinsicht das Gegenteil der Krebs-Schrumpfungsbiopathie, nämlich eine „Stauungsbiopathie“. „Zu viel Energie für die zu kleine Masse.“

Weitere Ausführungen würden vollends in Spekulation abgleiten, weshalb ich es mit folgender Aufstellung bewenden lassen will:

Michael Haselhuhn und Elaine Wong (University of Wisconsin in Milwaukee), haben in zwei Studien gezeigt, daß je breiter ein Männergesicht im Verhältnis zur Höhe ist, es desto wahrscheinlicher ist, daß Männer lügen und betrügen. Das gilt nur für Männer, bei Frauen ist die Gesichtsform in keinster Weise mit dem Hang zum Betrug verbunden.

Ein breites Gesicht ist [bei Männern] ein klares Indiz dafür, daß sein Besitzer zum Mogeln und zum Betrügen neigt. Damit sei zum allerersten Mal eine Verbindung zwischen unethischem Verhalten und einem genetisch festgelegten körperlichen Merkmal nachgewiesen worden, jubeln Haselhuhn und Wong. Vermittelt werde diese Verbindung ganz offensichtlich durch das persönliche Machtgefühl. Das mache auch aus Sicht der Evolution Sinn: Wäre das breite Gesicht lediglich ein Indikator für einen Hang zum Lügen, dürfte es seinen Trägern in der Vergangenheit ausschließlich Nachteile gebracht haben und müßte mittlerweile völlig verschwunden sein. Ist es jedoch gleichzeitig ein Anzeichen für positiv gewertete Qualitäten, könnte das den negativen Effekt aufgehoben haben. Genau das sei hier der Fall: Macht beziehungsweise das Gefühl von Macht bringe auch Optimismus, zielgerichtetes Verhalten und Führungsqualitäten mit sich.

1980 hat mich meine damalige Freundin zu einer „charakterkundlichen“ Vorlesungsreihe mitgeschleppt. Im Anschluß an Johann Caspar Lavater (der heute vor allem durch seine Beziehung zu Goethe bekannt ist) ging es darum, aus der Schädelform und den Gesichtszügen den Charakter zu lesen. Entsetzt saß ich da im altertümlichen Vorlesungssaal, den der Veranstalter von der Hamburger Universität angemietet hatte, und fühlte mich um 40 Jahre in die Vergangenheit versetzt. Ich ärgerte meine Freundin, indem ich sie als „Ernährungstyp“ charakterisierte und sie mich: ich sei vom Typus des „genialen Verbrechers“ (hohe Stirn mit unausgewogenen Gesichtszügen).

Merkwürdigerweise sahen fast durchweg alle Schachgroßmeister, Teilchenphysiker, Mathematikprofessoren, etc., denen ich im Leben begegnet bin, ausgesprochen „unintelligent“ aus.

Weniger witzig war, daß dieses System auch auf „Rassen“ angewendet wurde, wobei die „weiße Rasse“ als „vergeistigt“ galt, die „schwarze Rasse“ als „animalisch“.

Bereits Reich mußte sich bei seiner Formulierung der Charakteranalyse mit derartigen Vorstellungen herumschlagen, insbesondere mit der Charakterkunde von Ludwig Klages (Charakteranalyse, KiWi, S. 198).

Das ganze läuft darauf hinaus, daß der Mensch aus drei Schichten aufgebaut ist: bioenergetischer Kern, Mittlere Schicht und soziale Fassade.

Diese drei Schichten entsprechen der angeborenen Natur des Menschen (ich habe beispielsweise das aufbrausende Temperament meiner Mutter geerbt), sein Charakter, d.h. die Art und Weise, wie er sich im Leben durchsetzt und schließlich seine Persönlichkeit, mit der er sich mehr oder weniger willentlich der Umwelt präsentiert (beispielsweise: „Immer nur lächeln, auch wenn einem zum Weinen zumute ist!“). „Charakterologen“, wie Klages, werfen diese drei Bereiche wild durcheinander. Dergestalt ist „Charakterkunde“ ein Beispiel für die Emotionelle Pest.

Der Charakter zeigt, wie man mit dem „angeborenen Material“ umgeht. Meist ist dies kontraproduktiv, läßt sich aber in einer Orgontherapie weitgehend verändern.

Peter Töpfer (Teil 19)

12. Januar 2026

Zu dem Tiefenwahrheit-Abschnitt „Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reichianischer Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis“ möchte ich nur sagen, daß die Panzerung nicht nur unser Leben zerstört, sondern es gleichzeitig auch ermöglicht. Es ist wie mit einer wirklichen „Ritterrüstung“: sie macht dich zu einem unbeweglichen, halbblinden hilflos vor sich hin stakenden lächerlichen Ungetüm, rettet dir aber auf dem Schlachtfeld das Leben. Gleichzeitig ist sie, hier bröckelt das Bild, Ausdruck deiner größten Stärke und Deines größten Talents.

Könnten wir die Panzerung einfach so ablegen, würden wir wahrscheinlich sterben oder zumindest wahnsinnig werden. Aus „philosophischer“, meinetwegen auch „postphilosophischer“ Sicht mag dies widersprüchlich klingen, denn die Panzerung bzw. das Über-Ich ist doch das verinnerlichte Fremde. Die Panzerung zu preisen klingt nach Verrat, Verwirrung, „Repulsion“ der Wahrheit. Tatsächlich geht es aber um das Problem der Wahrheits- und Freiheitskrämerei. Beispielsweise kann ich die gesellschaftliche Panzerung in Grund und Boden agitieren, wie dies nun schon seit Jahrzehnten geschieht, und nach immer umfassenderen „Freiheiten“ rufen. Am Ende stehen dann Veganer, Soyboys, Feministinnen, Antispezieisten, Transgender und Genderfluide vor dir, die nur noch Karikaturen des Menschentiers sind. Wir sehen gerade den Zusammenbruch nicht nur der gesellschaftlichen, sondern untrennbar damit verbunden auch der individuellen Panzerung. Was bleibt, ist das Nichts! Wie schrecklich die autoritäre Gesellschaft vor etwa 1960 auch war, es war doch noch immer eine Hochkultur und die Menschen hatten Charakter und Tiefe! Man schaue sich nur die Remakes von Filmklassikern an. Die heutigen Schauspieler und Schauspielerinnen wirken wie Schaufensterpuppen, auswechselbar und hohl. Die Filmschaffenden kriegen nur noch blasse Remakes zustande.

Das bringt mich zum nächsten Abschnitt bei Töpfer: „Laskas ‚rationales Über-Ich‘ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem“. Ich muß zugeben, daß ich mit dem Begriff „rationales Über-Ich“ ähnliche Probleme habe wie Herrmann Schmitz in seiner Korrespondenz mit Laska. „Abstrakt“ ist der Begriff kaum zu rechtfertigen. Das entspricht etwa meinem Befremden, als ich das erste Mal Reichs Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, das er in den 1950er Jahren revidiert hatte, in den Händen hielt und mich wunderte, denn ursprünglich war der Titel Der Einbruch der Sexualmoral.

Ganz praktisch und pragmatisch: wir alle müssen uns an Regeln halten, etwa die Straßenverkehrsordnung, und unseren Kindern beibringen, daß sie nicht immer und überall „die Sau rauslassen können“, wie es so schön heißt. Mir reichen in dieser Beziehung schon die lauten und rücksichtslosen Balgen unserer Goldstücke! Mit Stirners Begrifflichkeit könnte man sagen, daß die Freiheit eingeschränkt werden kann und teilweise unbedingt eingeschränkt werden muß, solange nicht die Eigenheit tangiert wird. Man darf niemals und unter keinen Umständen das Selbstwertgefühl und die sexuelle Integrität eines Kindes verletzen. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN! Tut man das entsteht jene Niedertracht, Gemeinheit, Rücksichtslosigkeit und jener Sadismus, den wir an den besagten Balgen je ausgeprägter sehen, je älter diese „edlen Wilden“ werden!

Drittens gehört hier auch der Abschnitt „Christian Fernandessens (und La Mettries?) Idee von der ‚tugendhaften Lust‘“ hin. Ein erfülltes Sexualleben erzeugt tugendhafte Menschen und tugendhafte Menschen machen ein erfülltes Sexualleben möglich. Auf mystisch verklärte und realiter ziemlich verlogene Weise drückt das die mittelalterliche Minne aus, die bis heute die westliche Kultur prägt, die weitgehend als einzige überhaupt so etwas wie genitale „romantische“ Liebe kennt.

Töpfer sieht hier wieder nur philosophische Inkonsistenzen.

Ich möchte bei der Gelegenheit noch einmal daran erinnern, was für mich die LSR-Kernidee ist: „L, S und R waren der Meinung, daß der zivilisierte Mensch davon abgebracht wird, er selbst zu sein; dabei hinterläßt die Zivilisierung zerstörte Selbste. Das aber heißt Leid.“ Also selbst wenn es eine „tugendhafte Lust“ oder überhaupt eine Moral gäbe und ich selbstverständlich die Zerstörung des Selbstes auch in Verbindung mit der Zerstörung der Lust bringe, setze ich den Akzent doch ganz anders als Fernandes: die Frage, ob es „tugendhafte Lust“ gibt und worin der Nutzen einer solchen These läge, rangiert überhaupt nicht an erster Stelle. Es gibt wichtigeres. (S. 501)

Wie schon öfter erwähnt, geht es Töpfer gar nicht um das Über-Ich, wie wir mit dem Phämomen Panzerung und dem Zusammenleben in einer gepanzerten Welt fertigwerden, sondern es geht ihm um den „Urschmerz“, die prekäre Existenz des Ichs an sich. Hier sind wir in einem Bereich, der sich mit dem Zusammenbruch der Panzerung in der antiautoritären Gesellschaft auftut, wenn die muskuläre „neurotische“ Panzerung durch die „schizophrene“ Augenpanzerung ersetzt wird. Der schizophrene Charakter wächst von Anfang an in diesem existentiellen Überlebenskampf auf und kann froh sein, wenn ihn zumindest etwas muskuläre Panzerung durchs Leben trägt. Um so wichtiger ist es heute, die Panzerung zu würdigen, das rationale Über-Ich, d.h. eine lebensfördernde Moral und die tugendhafte Lust zu vertreten.

Es ist geradezu tragikomisch, daß Töpfer Nasselstein, Laska und Fernandes vorwirft sich einer konsequenten wirklichen Aufklärung entgegenzustellen, während er selbst mit wehenden Fahnen dem Untergang, dem vermeintlichen Heil, entgegeneilt: radikaler Subjektivismus und „Affekt-tionismus“. So, als würde die gegenwärtige woke Gesellschaft nicht an einem Übermaß an kindischem Subjektivismus und kindischem Emotionalismus leiden. Es gibt kaum noch Erwachsene, die sich an der objektiven Realität orientieren, sondern nur noch infantile Vollidioten mit ihren rein subjektiven „Meinungen“, und es gibt kaum noch Erwachsene, die ihre Emotionen im Griff haben, d.h. ERWACHSEN sind. Das ist ein Hauptgrund dafür, daß unsere Kinder, die bei uns nach Halt suchen, immer neurotischer, wenn nicht psychotischer werden.

Über 180 Seiten schreibt Töpfer gegen drei Thesen von Nasselstein, Laska und Fernandes an:

1. Wir investieren unsere besten Kräfte und unser ganzes Genie sinnlos in der Panzerung, statt es für Liebe, Arbeit und Wissen zu nutzen.

2. Hätten wir die Panzerung nicht, würden wir den notwendigen gesellschaftlichen Regeln weitaus besser folgen können und währen deshalb weitaus tugendhafter als die auf Zwangsmoral („Tugend“) beruhende Gesellschaft.

3. Ohne Panzerung wären wir spontan tugendhaft.

Diese drei Kernthesen kann man „philosophisch“ zerreden, wie Töpfer es tut, d.h. mit Worten spielen und dann behaupten, man stehe für das Authentische. Sei’s drum. Noch grotesker ist, daß Töpfer die Panzerung bzw. das Über-Ich selbst gar nicht angeht, dieses angehen sogar als maschinell denunziert, sondern das Ich stärken will, womit wir wieder am Anfang wären.

Hier eine typische Abschnittsüberschrift: „Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der ‚anderen‘ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter ‚ferner liefen‘, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert.“

Und der Abschnitt selbst hebt wie folgt an:

Laskas „rationales Über-Ich“ ist das Bellen seines nasselstein’schen inneren Schweinehunds (siehe Kapitel 8.5.2. Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reich’scher Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis). Es ist auch nicht gerade „egoistisches Denken“. Wie schlimm es um ihn bestellt ist, wie sehr er im Grunde von Mißtrauen gegenüber der „Selbstregulierung“ und dem „Eigner“ zerfressen ist – ja, daß ihm das alles eigentlich unbekannt ist und er gar nicht egoistisch denken kann –, davon zeugt diese weggelassene und nicht abgesendete Passage aus Laskas im Kapitel 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen zitierten Brief an Prütting: (…) (S. 548)

Orgontherapie 2026 (Teil 1)

9. Januar 2026

Ich habe mit mehreren Orgontherapeuten und „Orgonpatienten“ darüber gesprochen: Orgontherapie über eine Videokamera ist möglich. Damit fällt (mal abgesehen von den Finanzen!) jedwede Ausrede weg, sich keiner Orgontherapie lege artis zu unterziehen.

Orgontherapie ist eine Behandlungsmethode für „psychische“ (emotionale), psychiatrische und psychosomatische Erkrankungen, die von den drei Psychiatern Dr. med. Wilhelm Reich (1897-1957), Dr. med. Elsworth F. Baker (1903-1985) und Dr. med. Charles Konia (geb. 1931) entwickelt wurde. (Was die Behandlung mit dem Orgonenergie-Akkumulator betrifft, finden sich hier und hier Erläuterungen.)

Die Orgontherapie läßt sich von der Atmung her vielleicht am besten einordnen. Tatsächlich kann Atmen tödlich sein. Beim „Überventilieren“ können „elektrische Strömungsempfindungen“ und gefährliche tetanische Anfälle auftreten. Sie entstehen aus der kontraktiven Reaktion des Organismus auf die ungewohnte Energiezufuhr. Bei dieser Reaktion kann die zerebrale Blutzufuhr um bis zu 30 % gedrosselt werden. Die Tetanie kann bis zum Tod führen, wenn man die Atmung nicht mehr stoppen kann.

Dem hingegen kann ein ungepanzerter Mensch so viel atmen wie er will und es passiert nichts, außer daß „schmelzende“ lustvolle Strömungsempfindungen auftreten. Die Hyperventilation ist ein biopathisches Phänomen, welches zeigt, wie der Organismus des heutigen Menschen gar nicht mehr an eine vernünftige Sauerstoffversorgung gewöhnt ist. Es handelt sich um einen allgemeinen Kontraktionszustand (Sympathikotonie), von dem die Atemsperre der wichtigste Aspekt ist.

Der Behandlungsmechanismus der Orgontherapie ist der Grundtendenz der mechanistischen Medizin genau entgegengesetzt. Beispielsweise wirken Psychopharmaka, indem sie die Atmung einschränken, damit den Energiepegel senken und so die Angst reduzieren, was ein differenzierteres Gefühlsleben und ein klareres Denken ermöglicht.

Es geht aber auch nicht um das bloße Beseitigen der Hemmungen. Orgontherapie ist mehr als bloße Katharsis. Eine „chaotische Situation“ entsteht, wenn der Therapeut die Krankheitsdynamik des Patienten nicht versteht, bzw. er keine Rücksicht auf den Aufbau der Neurose nimmt. Beispielsweise kann fehlende Panzerung ein weit größeres Problem darstellen als Panzerung. Beim Manisch Depressiven („Bipolaren“) kann sie derartig desorganisiert sein, daß er hin und her geworfen wird, was im Extremfall (also beim Triebhaften Charakter) dazu führt, daß eine Therapie unmöglich ist. Jene Schizophrenen sind am schlimmsten dran, bei denen die Panzerung (außer im Kopfbereich) fehlt.

Ganz allgemein ist der hauptsächliche Fehler, den ein Orgontherapeut begehen kann, eine Fehldiagnose und eine entsprechend falsche Herangehensweise, die eine Behandlung schließlich unmöglich macht. Insbesondere kann es zu einem unheilbaren „ocular hook“ kommen, den manche „Orgontherapeuten“ massenweise in ihren Patienten hervorgerufen haben.

Ein „hook“, bzw. „Haken“, ist Baker zufolge eine Hemmung, die für den Patienten eine derartig konstituierende Bedeutung hat, daß eine Beseitigung schwierig bis unmöglich ist. Um so schlimmer ist ein Haken, der durch einen ärztlichen Kunstfehler entstanden ist, indem zu früh Energien freigesetzt wurden, die den Patienten zu überschwemmen und zu „vernichten“ drohen, weshalb er etwa im Augensegment derartig blockiert, als wäre sein Leben davon abhängig. Und vielleicht hat er dabei sogar recht…

Um derartiges zu vermeiden, sollte stets die Charakteranalyse im Zentrum der Therapie stehen, d.h. das Auflösen erstarrter Verhaltensmuster durch ihr Bewußtmachen.

Charakteranalyse ist die Analyse der Art und Weise des Auftretens des Patienten, die ebenso auf kindliche Erlebnisse zurückgeführt werden kann, wie die Inhalte der Symptome. Im Gegensatz zum einfachen Symptom ist der komplexe Charakterzug gut rationalisiert und wird vom Patienten nicht als Fremdkörper empfunden. Aufgabe des Therapeuten ist es, aus dem Charakterzug einen solchen isolierten Fremdkörper zu machen, um ihn dann wie ein Symptom zu beseitigen.

Zuerst erfolgt Widerstandsdeutung, bevor es zu irgendeiner Sinndeutung kommen kann. Dabei ist mehr auf die Verhaltensweise des Patienten, als auf den Inhalt seiner Äußerungen zu achten, außerdem wird der negativen Übertragung besondere Beachtung geschenkt. Der Therapeut muß wie ein Archäologe Schicht für Schicht in die Vergangenheit vordringen und es vermeiden, durch zu tiefe Deutungen ein Chaos hervorzurufen. Bei dieser Deutungsarbeit hat er immer wieder vom Hauptwiderstand, dem formalen „Charakterwiderstand“ auszugehen, der den Charakter des Patienten definiert.

Der Charakterpanzer ist die Gesamtsumme der typischen („charakteristischen”) Haltungen, die der Patient als Abwehr gegen Angst entwickelt hat. Er führt zur Erstarrung und emotionaler Kontaktlosigkeit und ist mit dem Muskelpanzer funktionell identisch.

Reich schreibt:

Die Verkrampfung der Muskulatur ist die körperliche Seite des Verdrängungsvorganges und die Grundlage seiner dauernden Erhaltung. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 228)

D.h. die Panzerung ist funktionell identisch mit dem Freudschen Unbewußten.

In der „charakteranalytischen Vegetotherapie“, die Reich in den 1930er Jahre entwickelt hat, werden die Emotionen nicht mehr, wie in der klassischen Charakteranalyse, allein durch Bewußtmachen der Charakterwiderstände befreit, sondern gegebenenfalls auch durch direktes Angehen der Muskelpanzerung.

An Anfang der Entwicklung seiner Vegetotherapie mußte Reich zur Behebung von Blockierungen zu Übungen Zuflucht nehmen – ohne großen Erfolg. Das brachte ihn dazu, auf diese künstlichen Maßnahmen zu verzichten und nach den Hemmungen der natürlichen Beweglichkeit zu suchen. Auf diese Weise entwickelte sich die heutige Orgontherapie. Kurioserweise sind „Reichianer“ und „neo-Reichianische“ Quacksalber aufgetreten und haben ihre „bioenergetischen“ „Übungen“ dem Publikum als „Weiterentwicklung“ der Orgontherapie angedient.

Die Einheit von Charakter- und Muskelpanzer, Reichs „biopsychiatrischer“ Ansatz, wird beispielsweise anhand des „Roten Fadens“ deutlich. Im Zusammenhang mit dem Dreischichtenmodell (biologischer Kern, irrationale Mittlere Schicht, soziale Fassade) führt Elsworth F. Baker aus:

Die soziale Fassade enthält einen grundlegenden Charakterzug (manchmal mehrere), mit dessen Hilfe der Betreffende der Umwelt begegnet. Dieser Charakterzug bleibt während der ganzen Therapie bestehen und veranlaßt den Patienten, konsequent in gleicher Weise auf jedes Problem zu reagieren, das ihm begegnet. Er wird zur hauptsächlichen Charakterabwehr. Reich nennt diesen Zug den roten Faden, und man muß ihn erkennen, damit man den Betreffenden verstehen und beurteilen kann. Der grundlegende Charakterzug löst sich niemals auf; er bleibt immer ein integrierender Bestandteil der Persönlichkeit, obwohl er abgewandelt werden kann. Er kann sozial annehmbar sein – Freundlichkeit, Bescheidenheit, Zurückhaltung, Schüchternheit, Korrektheit, Rechtschaffenheit oder sozial unannehmbar – Unehrlichkeit, Verschlagenheit oder Betrügerei. (Der Mensch in der Falle, München 1980, S. 102)

Charles Konia schreibt:

Der Rote Faden kann oft als ein besonderer Charakterzug, etwa Freundlichkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit, Zurückhaltung, ständiges Drängen, Gehässigkeit, usw. beschrieben werden. Manchmal kann er auch besser als ein bestimmter Menschenschlag oder Beruf charakterisiert werden. Beispiele aus der klinischen Praxis sind „Priester“, „Rabbi“, „Gestapo-Agent“, usw. Alternativ kann er vielleicht besser als bestimmte Persönlichkeit beschrieben werden, wie etwa „Samson”, „Shirley Temple”, „Alice im Wunderland”, „Hitler”, usw. Eine weitere brauchbare Kategorie ist ein besonderes Tier etwa „Schildkröte“, „Bulldoge“, „Maus“, usw. Es ist gleichgültig, wie der Rote Faden beschrieben wird, solange er spezifisch auf den Patienten zutrifft. („Orgone Therapy: Part 15“, The Journal of Orgonomy, 28(2), Fall/Winter 1994)

1937 schrieb Reich:

Der körperliche Gesamtausdruck (des Patienten) ist gewöhnlich in eine Formel zu fassen, die sich früher oder später im Verlauf der charakteranalytischen Behandlung wie von selbst ergibt. Es sind merkwürdigerweise meist Formeln und Bezeichnungen aus dem Tierreiche wie „Fuchs“, „Schwein“, „Schlange“, „Wurm“ u.ä. (Die Funktion des Orgasmus, S. 228)

Was nun die eher widerlichen Wesenszüge betrifft merkt Konia an:

(…) der Rote Faden kann als Ausdruck der wesensmäßigen Stärke des Patienten betrachtet werden. Da jedoch eine Stärke zur Abwehr benutzt wird, kommt es zu einer Übertreibung des normalen Funktionierens. Beispielsweise wird ein von Natur aus aggressiver Mensch auf eine widerwärtige Weise aufdringlich, usw.

Konia weist ausdrücklich darauf hin, daß das Etikettieren von Mensch nach ihrer Charakterstruktur („genital = gut = gesund“ gegen „neurotisch = schlecht = krank“) selbst ausgesprochen neurotisch und sogar pestilent ist (Emotionelle Pest).

Es erinnert an den alten kommunistischen Trick Dissidenten als „schizophren” abzutun. („Cultism in Orgonomy“, The Journal of Orgonomy, 26(1), Spring/Summer 1992)