Archive for Dezember 2020

Buchrezension: Wilhelm Reich. The Evolution of His Work (Teil 4)

31. Dezember 2020

von Paul Mathews, M.A.
Brooklyn, N.Y.

 
Ein weiteres Motiv ist die Abneigung und Verachtung des Autors gegenüber Amerika. Er klingt fast schadenfroh bei seinen Äußerungen hinsichtlich der Ironie, dass Reich in den USA endgültig unterdrückt wurde und seinen Untergang fand.o Er übersieht dabei natürlich, dass die Unterdrückung größtenteils von Linken kam, sei es in den Medien oder direkt durch Einzelpersonen. Sogar die FDA war bekannt dafür, dass sie von ihnen durchdrungen war. Die gesamte Geschichte von Reichs Verfolgungen ist mit Linken und Kommunisten verbunden, sei es in der politischen, soziologischen oder wissenschaftlichen Gemeinde (6 und 7). Boadella ärgert sich jedoch über Reichs Terminologie wie „Roter Faschist“, „die Geißel der Menschheit“ usw., als ob dies nicht der Fall wäre! Ist dies nur ein Mangel an Kontakt und funktionellem Verständnis oder gab es gute Gründe für Reichs Verdacht gegenüber Orgonomic Functionalismp in den 1950er Jahren? Reichs Verwendung vieler dieser Begriffe, gegen die Boadella Einwände erhebt, datieren sogar vor dem Oranur-Experiment, das Boadella als Wendepunkt für Reichs geistige Gesundheit erklärt. Wie Sharaf betont, fiel Reichs „Wendepunkt der geistigen Gesundheit“ mit dem Ausmaß zusammen, in dem Gruppen oder Einzelpersonen ihm in die Tiefe seiner Arbeit folgen konnten. Anscheinend war Oranur wirklich Boadellas Wendepunkt – oder war es eine bequeme Ausrede?

Reichs wissenschaftliche Integrität, seine Kreativität und sein Genie, selbst bis zum Ende seines Lebens, bedürfen keiner Verteidigung oder Bestätigung durch mich; ebenso wenig braucht sein Verstand nach Meinung derer einer Verteidigung, die ihm am nächsten standen und in der Lage waren, seinen geistigen Zustand, seine Charakterstruktur und seine Arbeitsfähigkeit zu dieser Zeit zu beurteilen. [8q]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Boadellas Buch dermaßen mit solch absurden Schlussfolgerungen behaftet ist, wie: „Als Ausdruck seines Bedürfnisses, die Anerkennung und das Wohlwollen eines Teils der einflußreichen, meinungsbildenden Kräfte in den Vereinigten Staaten zu gewinnen, ist wohl auch der fanatische Kommunistenhaß zu verstehen, den Reich entwickelte und der seine letzten Lebensjahre prägte“, und durch so viele andere Spitzfindigkeiten, dass das was immer auch an Reichs Werk gut dargelegt wird, letztendlich in den Schmutz gezogen wird.

 

Anmerkungen des Übersetzers

o „Denn nun ließ ihn eine tiefe Furcht davor, durch diesen neuerlichen Angriff wieder ‚heimatlos‘ zu werden, Hilfe und Sicherheit bei einer Instanz suchen, die ihm beides, wie sich zeigen sollte, nicht geben konnte: bei der amerikanischen Verfassung.
1945, in Listen, Little Man, hatte er geschrieben: ‚Derjenige, der das Leben vor der emotionellen Pest zu schützen hat, muß das Recht auf freie Rede zu gebrauchen lernen, wie wir es in Amerika genießen.‘ Wie ironisch wirkt dieser Satz angesichts der späteren Verbrennung seiner Bücher; aber sein Glaube an die amerikanische Demokratie war eine Illusion, die Reich zu diesem Zeitpunkt schon zu nötig brauchte, um noch von ihr lassen zu können. Sie kontrastierte grell mit der erhellenden Klarheit seiner wirklichen Einsichten, und dies war ein Teil ihrer Funktion. Neill schrieb: ‚Einer meiner Briefe, in dem ich die russisch anmutenden Säuberungen des Senators McCarthy verdammt hatte, brachte mir eine zornige Erwiderung von ihm ein. Für ihn, den selbst so Aufrichtigen, bedeutete die Freiheitsstatue genau das, was sie verhieß.‘ Aber diese Art der Selbsttäuschung hat nichts mit Aufrichtigkeit zu tun. Wenn Reich sich selbst gegenüber ehrlich war, sah er, daß die Gesellschaft, in Amerika ebensogut wie irgendwo anders, zutiefst krank war. Wenn er unaufrichtig war und es nötig hatte, sich selbst vor der einen oder anderen Konsequenz der eigenen, schlüssigen Wahrnehmungen zu schützen, neigte er dazu, gewisse Dinge ‚zum Nennwert‘ zu nehmen, nur die Oberfläche zu sehen.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 268.

p Siehe „Leserbrief an Paul Ritters Zeitschrift ORGONOMIC FUNCTIONALISM (1959)“
von Paul Mathews in https://nachrichtenbrief.com/2018/06/13/leserbrief-an-paul-ritters-zeitschrift-orgonomic-functionalism-1959/

q Hier dürfte die fehlende Nummierung der Literaturangabe hingehören.

 

Literatur

6. Baker, E. F.: „Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 1:23-55, 1967.

7. Sharaf, M.: Book review of Wilhelm Reich: A Personal Biography by Ilse
Ollendorff Reich, Journal of Orgonomy, 3:254-66, 1969.

8. Ganz, M.: „In the Name of Reich-A Chronicle of Distortions“, Journal of Orgonomy, 5:205-14, 1971.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 272-276.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 16)

30. Dezember 2020

Corona ist kein medizinisches, sondern ein soziales Problem – letztendlich ein bioenergetisches. Es hat damit zu tun, daß wir schnurrstraks dem Kommunismus entgegengehen. Dies hat drei Elemente:

  1. Wissenschaft, bzw. „Wissenschaft“, hat die Religion als Leitideologie vollständig verdrängt und wurde dabei selbst zur Religion („wissenschaftliche Weltanschauung“) oder mit anderen Worten: der konservative Mystizismus wurde durch den linken Mechanismus ersetzt. Dessen Dogmen folgt man mit der gleichen blinden Inbrunst wie einst den Dogmen der Kirche. Man glaubt Dinge, die vollständig unsinnig sind. „Stell dir vor, es gibt einen Impfstoff, der so sicher ist, daß du Angst haben mußt, ihn zu nehmen – für eine Krankheit, die so tödlich ist, daß man erst getestet werden muß, um zu wissen, daß man sie hat.“
  2. Da das Christentum, und damit sein „metaphysischer“ Trost, verschwunden ist, haben die Menschen eine „Todesangst vor dem Tod“. Schicksalsergebenheit ist ihnen fremd, weshalb jede vermeintlich neue Krankheit einen ähnlichen Schrecken einjagt, wie früher „der Leibhaftige“ (der Teufel) selbst. Man flüchtet sich in magische Handlungen (etwa das Maskentragen allein im Auto und im Wald), um die Gefahr zu bannen und legt alle Hoffnung in „ein Wunder“ (die Impfung).
  3. Letztendlich soll einen der säkulare Staat vor dem Tod retten. Dazu ist man gerne bereit sämtliche bürgerlichen Freiheiten und sogar seine wirtschaftliche Existenz zu opfern und sich mit Haut und Haar dem totalitären Staat unterzuordnen. Im Kommunismus gibt es (jedenfalls in der offiziellen „Wirklichkeit“ der Propaganda) keine Naturkatastrophen, keine Unfälle, keine Krankheiten und – keinen Tod.

Der „Tod Gottes“ war biophysisch betrachtet nichts anderes als die endgültige Trennung des Menschen von seinem bioenergetischen Kern. Der Mensch ging nunmehr vollkommen im Sozialen auf (die oberflächliche „soziale“ Charakterschicht) und wurde dergestalt ein leichtes Opfer der machttrunkenen kommunistischen Verschwörer, die nur vorgeben diesen „sozialen Idealen“ zu folgen, tatsächlich aber Repräsentanten der sekundären (faschistischen) Charakterschicht sind und entsprechende „tiefe“ (radikale) „Lösungen“ anbieten.

Buchrezension: Wilhelm Reich. The Evolution of His Work (Teil 3)

29. Dezember 2020

von Paul Mathews, M.A.
Brooklyn, N.Y.

 
Als Antwort auf diese Argumente darf ich die Leser zunächst auf die bereits zitierte Rezension von Myron Sharaf verweisen. Dr. Sharaf weist darauf hin, dass Boadella „in die tückischen Stromschnellen der psychiatrischen Diagnose Reichs“ geraten ist und dass Boadella wirklich nicht in der Lage ist, weder die Gültigkeit von Reichs späteren Erkenntnissen und Hypothesen noch seine Beziehungen zu Mitarbeitern und Studenten zu beurteilen. Er stellt nicht die zugrundeliegenden Motive für Boadellas Behauptungen in Frage, vielleicht weil er ein sanfterer und freundlicherer Mann ist als ich. Beispielsweise beklagt sich Boadella, dass Reich ihn (in einem Brief an Ritter) dafür gegeißelt habe, er habe zu voreilige Schlussfolgerungen über UFOS gezogen, Reich dies jedoch in seinen letzten Tagen selbst getan habe.k Hier geht Boadella davon aus, dass eine Schlussfolgerung, zu der er ohne Empirie gelangt ist und eine, zu der Reich durch seinen Erfahrungsschatz kam, in Autorität und Gültigkeit gleichwertig sind. Wie weit ist dies eigentlich von der Arroganz und Verachtung entfernt, die Boadella mit der von ihm betriebenen selbst titulierten „Orgontherapie“ in den 60er Jahren offenbarte? Reich war in den 50er Jahren gegenüber Ritter und Boadella ziemlich hart, aber sie setzten ihren eingeschlagenen Weg unbeeindruckt fort und lieferten damals nur einige wenige fadenscheinige Gründe für ihr Verhalten. Aber gab es vielleicht eine unterschwellige Verbitterung gegenüber Reich, weil der sie entlarvte und kritisierte? Reich hat Myron Sharaf einmal gebeten, einen Artikel durchzugehen, den Sharaf selbst geschrieben hatte – einen Artikel, der viele von Reichs Konzepten des charakterbedingten Versteckspiels bejahte –, um zu eruieren, ob dieser von einem Feind der Orgonomie hätte geschrieben sein können (5). Sharaf antwortete schließlich bejahend und sagte, dass er im Kontext verstehen könne, warum eine solche Frage sogar ihm gestellt werden konntel. Möglicherweise könnte diese Frage Boadella am ehesten gestellt werden.

So viele der spezifischen Vorkommnisse und Umstände, die Boadella als Beweis für Reichs Wahnsinn anführt, können funktionell und im Kontext genauso gut als rational, ein bisschen eifernd, irrational aber dennoch nachvollziehbar usw. interpretiert werden, statt einen Geist zu konstatieren, der „ohne Unterlass stolpert“. Dr. Elsworth Baker, kein „Ja-Sager“ gegenüber Reich und sicherlich in einer unendlich besseren Position, um Reichs Zustand und Charakter zu beurteilen, hat uns ein völlig anderes Bild von Reichs letzten Jahren gegeben (6), ebenso wie Dr. Sharaf (7) und Lois Wyvellm (siehe Seite 173 dieser Zeitschrift). Was liegt Boadellas fast drei Kapiteln zugrunde, um zu „beweisen“, dass Reich verrückt war? Wie spielt dies jenen in die Hände, die wollen, dass die Welt solches glaubt? An einem Punkt verwendet Boadella einen rhetorischen Trick, um den Leser nicht nur von Reichs Wahnsinn zu überzeugen, sondern auch davon, dass dieser selbst von der emotionellen Pest betroffen ist: „Im Falle Reichs hat sich die Aussage bewahrheitet“, schreibt er, „daß wer den Kampf gegen die Pest aufnimmt, selbst von ihr angesteckt wird; in gewisser Hinsicht ging Reich so bei der Abkehr von den besten seiner Einsichten selbst voran“ (Seite 285)n. „Hat sich die Aussage bewahrheitet“ bedeutet natürlich, dass Boadella es so sieht. Boadella regt sich insbesondere über Reichs farbenfrohe Terminologie in Bezug auf emotionelle Pestcharaktere und deren Verhalten auf. Man kann sich nur wundern, in welchem Ausmaß die Angst vor Aggressivität und Direktheit bei Boadella die Wahrnehmung und Bewertung beeinträchtigt.

 

Anmerkungen des Übersetzers

k Siehe auch „Orgonenergie, Liebe und Raumschiffe“ von David Boadella in https://nachrichtenbrief.com/2018/05/04/orgonenergie-liebe-und-raumschiffe-1955-teil-1/
„Als Bestätigung hierfür läßt sich seine scharfe Reaktion auf eine Rezension werten, die ich über ein Buch von Leonard Cramp geschrieben hatte. Ich hatte darin die Reichschen Spekulationen über die Möglichkeit, daß die Ufos Orgonenergie als Antriebskraft benutzen, aufgenommen und sie zu den Beschreibungen in Beziehung gesetzt, die Cramp von verschiedenen Ufo-Erscheinungen gab. All dies war notgedrungen ein tastender und ganz theoretischer Versuch, da es natürlich keine sicheren Fakten gab, auf die man bauen konnte. Reich kommentierte in einem Brief an Paul Ritter diese Rezension: ‚Die Besprechung von Mr. Boadella zu dem Raumschiffbuch erscheint mir korrekt, aber in meinen Augen eilt sie unserem gesicherten Wissen etwas zu weit voraus. Die Thematik ist explosiv und gefährlich. Schon heute ist der Buchmarkt überschwemmt mit den sensationellen, mystischen, pathologischen Spielarten der Tatsachenentstellung. Ich würde äußerste Zurückhaltung vorschlagen.‘“ Boadella, Scherz Verlag, S. 291.

l „Myron Sharaf hat berichtet, wie Reich sich über einen – Sharafs – Aufsatz ‚Hiding and Spying‘ (‚Sich verbergen und spionieren‘) äußerte: ‚Beim nochmaligen Durchlesen vermochte ich weitere Zweifel nicht ganz abzuschütteln. Ich hatte das bestimmte Gefühl, daß dieser Aufsatz von Ihnen auch das Werk entweder eines perfekten Modju-Genies oder eines meisterhaften Witzboldes sein könnte. Ich versuche nicht, Ihnen Angst einzujagen oder Sie zu beleidigen … Ich bitte Sie deshalb darum, Ihren eigenen Aufsatz sorgfältig zu analysieren und sich eine Meinung zu den folgenden zwei Fragen zu bilden: 1. Könnte dieser Aufsatz, wie er dasteht, von einem überzeugten, ausgewachsenen politischen Modju verfaßt worden sein? Wenn ja, wie? 2. Könnte diesen Aufsatz ein scharfsinniger Witzbold geschrieben haben, um die Orgonomie in den Augen der Öffentlichkeit zu diskreditieren? Wenn ja, wie?‘“ Boadella, Scherz Verlag, S. 271f.

m Lois Wyvell, An Appreciation of Reich.

n Boadella, Scherz Verlag, S. 274.

 

Literatur

5. Sharaf, M.: Preface (November, 1957) to “Hiding and Spying: Organized and Unorganized (1953)”, Orgonomic Functionalism, January, 1959

6. Baker, E. F.: „Wilhelm Reich,” Journal of Orgonomy, 1:23-55, 1967.

7. Sharaf, M.: Book review of Wilhelm Reich: A Personal Biography by Ilse
Ollendorff Reich, Journal of Orgonomy, 3:254-66, 1969.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 272-276.
Übersetzt von Robert (Berlin)

David Holbrook, M.D.: SOZIALISMUS ALS „ERSTE PHASE DER KOMMUNISTISCHEN GESELLSCHAFT“: DIE IDEOLOGIE, DIE ALLEM LINKEN DENKEN ZUGRUNDELIEGT / HAT SCHON MAL JEMAND DIE ÄHNLICHKEITEN ZWISCHEN POLITISCHER IDEOLOGIE UND RELIGIÖSER IDEOLOGIE BEMERKT?

28. Dezember 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Sozialismus als „erste Phase der kommunistischen Gesellschaft“: die Ideologie, die allem linken Denken zugrundeliegt

 

Hat schon mal jemand die Ähnlichkeiten zwischen politischer Ideologie und religiöser Ideologie bemerkt?

 

nachrichtenbrief185

27. Dezember 2020

Der Garten Eden lag in Hamburg:

Funktionelles Denken ist notwendig, um das soziale Geschehen zu verstehen

26. Dezember 2020


Wenn man sich von Idioten regieren läßt…

Funktionelles Denken ist notwendig, um das soziale Geschehen zu verstehen

Buchrezension: Wilhelm Reich. The Evolution of His Work (Teil 2)

25. Dezember 2020

von Paul Mathews, M.A.
Brooklyn, N.Y.

 
Trotz aller scheinbaren Gelehrsamkeit (mit einigen Vorbehalten für Fehler, die auf schlechtes Korrekturlesen zurückzuführen sein könnten) spürt man eine etwas oberflächliche Besserwisserei, eine Art intellektuellen Exhibitionismus, der sich schließlich in drei grauenhaften Schlusskapiteln mit den Titeln „Verschwörung“, „Klima und Landschaft“ und „Schöpfung oder Zerstörung“ voll entfaltet.b In diesen Kapiteln enthüllt Boadella das Fortbestehen dessen, was Ritter einmal als eine unzureichend ausgearbeitete „positive Übertragung“ auf Reich bezeichnete (3). Und das ist schade, denn ohne diese destruktiven Kapitel wäre das Buch unendlich viel wertvoller und nützlicher gewesen. Wie die Dinge liegen, wird das weite Panorama von Reichs Werk durch Boadellas Analyse von Reichs sogenannter letzter Periode so besudelt, dass das Buch im Ganzen der Orgonomie einen schlechten Dienst erweist und seine Nützlichkeit stark eingeschränkt ist.

Diese drei Schlusskapitel sind im Wesentlichen eine Erweiterung des Themas des von Boadella 1961 veröffentlichten Artikels mit dem Titel „Occupational Hazards in Orgonomy“ (4)c. Bei der Auswertung dieser Kapitel muss man bedenken, dass Boadella weder Arzt noch medizinischer Orgonom ist und daher nicht in der Lage ist, Diagnosen zu stellen. Darüber hinaus ist er Reich nie begegnet und hat die meisten seiner Informationen nicht aus erster Hand, sondern indirekt durch Lesen oder Korrespondenz mit anderen Personen als Reich erlangt.

Zusammenfassend behauptet Boadella:

1. Dass das Oranur-Experiment und seine biophysikalischen Auswirkungen auf Reich den akuten Wendepunkt seiner Rationalität und geistigen Gesundheit markierte.d

2. Dass die Untersuchungen der Food and Drug Administration die zugrundeliegende Erkrankung nur noch verschlimmert haben.e

3. Dass folgendes die Beweise für Reichs Paranoia oder Wahnsinn waren:

a. Die angebliche Verschiebung von einer wissenschaftlichen zu einer ad hominem-Haltung gegenüber der emotionellen Pest, d.h. die Verwendung von Begriffen wie „Modju“, „emotionelles Stinktier“, „No-See-Ems“f usw. bei der Beschreibung der affektiven Eigenschaften von emotionellen Pestcharakteren. g

b. Reichs „fanatischer“ Antikommunismush; seine Verurteilung von Paul Ritter als „Werkzeug“ der Roten Faschisten und sein Verdacht gegen Neill, weil der an Kommunisten in seinem Lehrkörper festhielti; seine Unterstützung Amerikas im Vergleich zur kommunistischen Welt; und Reichs gesamte „Verschwörungs“-Anklage gegen seine Gegner, Kritiker und Verfolger.

c. Die angebliche Verschlechterung von Reichs wissenschaftlicher Objektivität und Behutsamkeit in seiner letzten Phase; die Raumfahrer-DOR-Frage; Reichs Spekulationen über seinen möglichen außerirdischen Ursprung usw.

d. Reichs Neigung zu glauben, dass hohe Beamte in der US-Luftwaffe und der Regierung nicht nur von ihm und seiner Arbeit wussten, sondern ihn tatsächlich unterstützten, zum Beispiel bei seinen Bemühungen, feindliche Eindringlinge aus dem Weltraum zu bekämpfen.j

 

Anmerkungen des Übersetzers

b In der deutschen Ausgabe anderslautend. Vermutlich meint Mathews hier Unterkapitel wie „Die kommunistische Verschwörung“ der deutschen Ausgabe.

c Siehe „Antwort auf David Boadellas ‚Occupational Hazards in Orgonomy‘“ von Paul Mathews in https://nachrichtenbrief.com/2019/03/14/antwort-auf-david-boadellas-occupational-hazards-in-orgonomy/

d „Das fortschreitende Hervortreten paranoider Züge in Reichs privatem Verhalten hat seine Frau Ilse Ollendorff geschildert. In akuter Form geschah dies erstmals im Winter 1950/51, als das Oranur-Experiment gestartet wurde. Der zunehmende Einfluß, den wahnhafte Vorstellungen auf sein politisches und soziologisches Denken gewannen, gipfelnd in der Einbildung, die Hetze gegen seine Arbeit von psychiatrischer, medizinischer und pharmazeutischer Seite her sei Teil einer kommunistischen Verschwörung, wurde bereits geschildert. Ich glaube allerdings nicht, daß es vor Juli 1953 zu einem nennenswerten Übergreifen paranoider Vorstellungen auf seine wissenschaftliche Arbeit gekommen ist; diese entscheidende Grenzüberschreitung, dieser mit dramatischer Plötzlichkeit wirksam werdende Bruch, vollzog sich erst in jenem Monat.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 286.

e „Als die F.D.A.-Inspektoren ihn des Betrugs beschuldigten, ein klarer Fall von Verleumdung und Beleidigung in ‚Pest-Manier‘, konterte Reich, indem er die F.D.A.-Ermittler anklagte, Spione Moskaus und ‚Higs‘ (hoodlums in govemment, d. h. ‚Gangster in der Regierung‘) zu sein. Schließlich übertraf er mit seinen tollen Anschuldigungen selbst den antikommunistischen Eiferer McCarthy.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 271.

f Winzige und deshalb „unsichtbare“ blutsaugende Mücken. Reichs Bild für den hinterhältigen und feigen pestilenten Charakter, der aus dem Verborgenen mit übler Nachrede arbeitet. (PN)

g „Mit der Ad-hominem-Argumentation wurde nachträglich auch die norwegische Kampagne gegen Reich von 1938 erklärt (…) Sinngleich mit ‚Modju‘ verwendete Reich die Bezeichnungen ‚emotionelles Stinktier‘ und ‚emotioneller Bandwurm‘. Die ganze Sprache des Artikels über ‚Modju‘ ist eine Sprache schwelenden Hasses. Der Übergang von seiner klinisch-besonnenen Diktion zu dem eigenartigen, ‚wilden‘ Privatjargon der Modju-Welt war eines der ersten Anzeichen dafür, daß Reichs psychische Integrität, nachdem er sie so lange allen ihm hart zusetzenden Erfahrungen zum Trotz bewahrt hatte, schließlich doch zu zerbrechen begann.
Als Reich von der klinischen Auffassung der ‚emotionellen Pest‘ als einer keineswegs nur auf bewußte Böswilligkeit reduzierbaren psychischen Krankheit abzukommen begann und ein politisches Verständnis der Pest als organisierter Spionage und bewußter Konspiration und Klüngelwirtschaft hervorkehrte, gab er sich nicht mehr mit bioenergetisch fundierten Beschreibungen der Krankheit ab; vielmehr fing er an, deren aktivste Vertreter selbst mit ‚Pest-Methoden‘ anzugreifen.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 270f.

h „Als Ausdruck seines Bedürfnisses, die Anerkennung und das Wohlwollen eines Teils der einflußreichen, meinungsbildenden Kräfte in den Vereinigten Staaten zu gewinnen, ist wohl auch der fanatische Kommunistenhaß zu verstehen, den Reich entwickelte und der seine letzten Lebensjahre prägte. Der wütende Antikommunismus vieler amerikanischer Politiker ist eine der krassesten Äußerungsformen der virulenten ‚emotionellen Pest‘. Reich stimmte nun in den Chor dieser Fanatiker ein. Und dieser Geisteshaltung entsprang auch der ‚Verschwörungs‘-Vorwurf, der Reichs politisches Denken während seiner letzten Jahre beherrschte. (…) Von diesem Zeitpunkt an wurde der ‚Rote Faschismus‘ zum Hauptfeind, und die klinisch-wissenschaftliche Bedeutung des Begriffes der ‚emotionellen Pest‘ machte einem politischen Gebrauch des Wortes Platz(.)“ Boadella, Scherz Verlag, S. 268f.

i „‚Ritter‘, schrieb er an A. S. Neill, ‚war das Werkzeug der roten Faschisten, die Jean Ritters starke Identifizierung mit ihm mißbrauchten.‘ Selbst Neill, einer der engsten Freunde Reichs, geriet in Verdacht, vielleicht wegen einer Fürsprache für Paul Ritter, vielleicht aber auch, weil in seinem Lehrerkollegium einige Kommunisten waren.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 272.

j „Ein weiteres Anzeichen für Reichs wahnhaftes Denken zu jenem Zeitpunkt ist die Tatsache, daß er dieses Gespräch als Indiz dafür deutete, daß die Luftwaffe in der Beurteilung der von den Ufos ausgehenden Gefahr mit seiner Interpretation übereinstimmte. Aus formalen Empfangsbestätigungen und Höflichkeitsantworten, die er auf Schreiben erhielt, die er an verschiedene hohe Regierungsstellen geschickt hatte, schloß er, daß seine Tätigkeit in Regierungskreisen als ‚streng geheim‘ eingestuft werde; dementsprechend sah er in den Militärflugzeugen, die Orgonon überflogen, Wächter, die ihn beschützten, bzw. Dankesbezeigungen für seine Operationen mit dem Wolkenbrecher oder mit der Raumkanone. So suchte und fand er die Bestätigung für seine Überzeugung, daß ihm nun endlich machtvolle Unterstützung und Rückendeckung für seine Forschungen zuteil geworden sei.“ Boadella, Scherz Verlag, S. 292.

 

Literatur

3. Ritter, P.: Editorial in Orgonomic Functionalism, May-July, 1961.

4. Orgonomic Functionalism, May-July, 1961.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 272-276.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 15)

24. Dezember 2020

Die Sache mit dem Gehirn („liberal“) und dem Bauch („konservativ“) bringt mich schließlich zum leidigen Thema „Verschwörung“.

Um das ganze einordnen zu können muß man Reichs Entwicklung verfolgen. Anfangs war da das Konzept einer Kapitalistenklasse, die die Arbeiter ausbeutet und um dies effektiv zu tun mit Hilfe von Staat und Kirche deren Sexualität unterdrückt, um sie buchstäblich zu „Ochsen“ zu machen, die man, kastriert wie sie sind, leichter abrichten und unters Joch spannen kann. Eine Verschwörung „von oben nach unten“.

Sehr bald entwickelte Reich jedoch seine „Massenpsychologie des Faschismus“, derzufolge die ökonomische Unterdrückung die Menschen rebellisch macht, die dazu komplementär verlaufende sexuelle Unterdrückung sie jedoch ängstlich und folgsam macht, so daß sie die Rebellion aufgeben oder auf Scheinziele (beispielsweise „die Juden“) umlenken – und genau das ist Faschismus: das nach oben Buckeln und nach unten Treten. Die Massen unterdrücken sich selbst aus Angst vor der Freiheit (Orgasmusangst): sozusagen „von unten nach oben“.

Den ersten Ansatz konnten die Kommunisten noch eben gerade akzeptieren und wollten ihn für ihre Parteipropaganda nutzen (die Anfänge von Reichs „Sexpol“), doch die zweite Analyse trug Reich spätestens 1933 den maßlosen Haß der Kommunisten ein, der sich nochmals zuspitzte, als er Massenpsychologie des Faschismus 1946, ergänzt um eine Kritik am Stalinismus und die Präsentation des Konzepts „Arbeitsdemokratie“ (= der einzig wirkliche Antifaschismus: die Massen nehmen ihr Leben selbst in die Hand), in Amerika herausbrachte.

Daraufhin entwickelte Reich eine erneute „Verschwörungstheorie“: eine Klasse von Nichtsnutzen, die dem Arbeitsprozeß vollkommen entfremdet sind, versuchen „Liebe, Arbeit und Wissen“ zu zerstören, weil diese Funktionen ihre Charakterstruktur buchstäblich zu zerreißen droht: die organisierte Emotionelle Pest, die vor allem von Linksintellektuellen verkörpert wird.

Man muß stets mit beiden Faktoren rechnen: der Hilflosigkeit und dem latenten Faschismus der Massen einerseits und den Machtinteressen (letztendlich charakterlichen Zwängen) vermeintlicher „Eliten“ („die öffentlich-rechtlichen Medien haben einen Bildungsauftrag“).

Was uns die Präsidentschaftswahlen 2020 gelehrt haben

23. Dezember 2020


Reichs Büro zur Verhinderung der Emotionellen Pest.

Was uns die Präsidentschaftswahlen 2020 gelehrt haben

Buchrezension: Wilhelm Reich. The Evolution of His Work (Teil 1)

22. Dezember 2020

Wilhelm Reich: The Evolution of His Work. Von David Boadella. London: Vision Press, 1973, 400 S., £5,40.
(Deutsch: Wilhelm Reich. Leben und Werk des Mannes, der in der Sexualität das Problem der modernen Gesellschaft erkannte und der Psychologie neue Wege wies. Scherz-Verlag, Bern und München, 1981.)

von Paul Mathews, M.A.
Brooklyn, N.Y.

 

Der Autor dieses Bandes ist Pädagoge und veröffentlicht seine eigene Zeitschrift Energy and Character. Er hat keine Anbindung an die amerikanische Orgonomie. In den vergangenen Jahren war er mit dem englischen Architekten Paul Ritter assoziiert, der unter anderem die inzwischen eingestellte Zeitschrift Orgonomic Functionalism veröffentlichte.

Nun hat David Boadella einen bedeutenden Band über Reich und sein Werk vorgelegt, der, wie Dr. Myron Sharaf in seiner Besprechung des Buches bemerkt, zum ersten Mal ein „ziemlich vollständiges Bild der Gesamtheit von Reichs Werk und seiner Entwicklung“ (1) vermittelt. Es mag kleinlich erscheinen, aber der Buchumschlag, der die Namen so prominenter Persönlichkeiten wie A. S. Neill, Dr. Ola Raknes und Dr. Myron Sharaf (die alle durch Anhänge früherer Schriften vertreten sind) unter dem großen, hervorstechenden Namen des Autors nebeneinanderstellt, schreckte mich ab. Es scheint eine ziemlich kalkulierte Selbsterhöhung vorzuliegen.

In diesem Buch breitet Boadella sein umfänglich angesammeltes orgonomisches Wissen aus, gut dokumentiert und voller Fakten, und zwar in Form einer ergänzenden Bibliographie der Orgonomie von 1953-1960, die zuvor bei Ritter Press erschienen war (2). Wichtig ist jedoch nicht die mechanische Anhäufung von Fakten und Daten, sondern das, was man funktionell damit macht, und Boadella behandelt die objektive Entwicklungsgeschichte von Reichs Werk in einer gleichmäßigen, informativen und gelegentlich auch wissenschaftlichen Weise. Obwohl ich das Ausmaß des Lobes, das Dr. Sharaf den objektiven Teilen dieses Buches zukommen lässt, nicht zustimmen kann, glaube ich doch, dass Boadella eine lobenswerte Arbeit geleistet hat, indem er Informationen aus Reichs wissenschaftlichen und sozialen Schriften sowie aus verwandten Quellen präsentiert, um eine lesbare, sachliche, einigermaßen genaue Zusammenstellung seiner Arbeit zu schaffen. Er hält sich so eng wie möglich an Reichs eigene Aussagen, verwendet Zitate oder paraphrasiert und hält seine eigenen subjektiven Bewertungen so gering wie möglich. Lobenswert ist auch die Aufnahme mehrerer wichtiger und interessanter Anhänge, insbesondere eine Übersetzung von Roger du Teil’s Mitteilung an die Naturphilosophische Gesellschaft in Nizza 1937, die Reichs Bion-Experimente bestätigt. Es besteht jedoch die Tendenz, Reich mit randständigen und eklektischen Gruppen gleichzusetzen und Personen wie Dr. Alexander Lowen für vorgebliche Beiträge zu Reichs Werk und dessen „Erweiterungen“ mehr als verdiente Anerkennung zu zollen. Etwa hinsichtlich Reichs Konzept der orgastischen Potenz.a

 

Anmerkungen des Übersetzers

a „Aus diesem Grunde haben jene beiden Mitarbeiter Reichs – Philipson und Lowen – die am meisten für die Weiterentwicklung seiner Konzepte und für die noch deutlichere Herausarbeitung seiner Unterscheidungen taten, die Orgasmusfunktion in den Zusammenhang der Untersuchung der zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt gestellt. (…) Alexander Lowens Buch Liebe und Orgasmus liefert eine eingehende Untersuchung der sexuellen Funktionen und ihrer Störungen sowie beider Beziehungen zu Kindheitserlebnissen einerseits und zur Persönlichkeitsentwicklung im allgemeinen andererseits. (…) Lowen bekräftigt die Auffassung Reichs, daß orgastische Potenz ein Ausdruck der Gesundheit und nicht ein Patentrezept zu ihrer Erlangung ist, und erteilt damit denen eine deutliche Antwort, die Reichs Ausführungen als einen Versuch mißverstehen, den Orgasmus zum Allheilmittel zu deklarieren. Während Philipson und Lowen die Reichsche Orgasmustheorie für detailliertere Studien des menschlichen Liebeslebens und der Persönlichkeitsstruktur fruchtbar machten . . .“ Boadella, Scherz Verlag, S. 34-36.

 

Literatur

1. Sharaf, M.: Book review of Wilhelm Reich: The Evolution of His Work by
D. Boadella, Energy and Character, January, 1973 (Abbotsbury, England).
2. Boadella, D.: Bibliography on Orgonomy, 1953-60 – First Supplement.
Nottingham, England: Ritter Press.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 272-276.
Übersetzt von Robert (Berlin)