Posts Tagged ‘Freiheit’

Orgonomie und Metaphysik (Teil 45)

12. März 2022

Zur Frage von Freiheit und Verantwortung schauen wir uns die Geschichte vom Garten Eden an. Gott pflanzt den Baum der Erkenntnis, verbietet den beiden Menschen aber von dessen Früchten zu essen. Warum hat er sie dergestalt in Versuchung geführt und damit deren Sündenfall fast unausweichlich gemacht? Weil man die Liebe nicht von der Gewährung freier Willensentscheidung und der Übernahme von Verantwortung trennen kann. Ohne diese Herausforderung, d.h. die reale Wahlmöglichkeit zwischen Gut und Böse, gäbe es keinen echten Willen und damit auch keine echte Liebe. Die Menschen wären nur „Bio-Roboter“, ohne Freiheit und Verantwortung, und Gott ein Sklavenhalter.

Heute habe ich am Eingang einer Drogerie eine Geldbörse voller Geld gefunden und sie der nächsten Kassiererin gegeben, damit sie sie der Person aushändigen kann, die das Portemonnaie verloren hat. Vielleicht habe ich damit das Leben dieser Kassiererin zerstört, weil sie gefeuert werden könnte, wenn sie, dergestalt in Versuchung geführt, die Geldbörse behalten, d.h. stehlen würde. Ich habe sie vor die freie Wahl über ihr Schicksal gestellt. Auf die gleiche Weise hat Gott die Menschheit zerstört oder besser gesagt, die Menschheit sich selbst zerstören lassen – weil er GUT ist.

Freiheit, Verantwortung und Liebe sind untrennbar miteinander verbunden – und zwar auf einer sehr tiefen Ebene, der „religiösen“. Das ganze Thema ist nicht von ungefähr auch untrennbar mit der Grundlage der Orgonomie verbunden: der orgonotischen Pulsation. Sympathikotonie, Angst, Panzerung ist nichts anderes als Kompression, Druck von außen, d.h. Angst (Enge!) und das Ausquetschen des Lebens aus dem Opfer. Das Kind kann nicht mehr frei atmen, sich nicht mehr frei bewegen und wird unfrei, verliert seinen „freien Willen“, panzert sich ab. Deshalb sagte A.S. Neill, nur Freiheit und Eigenverantwortung heilt. (Entsprechend bringen auf gesellschaftlicher Ebene Diktatur und Sozialismus rein gar nichts.)

Eine (normale) Frau liebt dich, wenn du dich verantwortungsvoll benimmst und trotz deiner körperlichen Überlegenheit ihre Freiheit respektierst, ihre Integrität und ihre unantastbare Würde. Das ist der einzige Weg, wie wir zu Gott zurückkehren können, der nichts anderes ist als Liebe und Respekt und die „Gewährung des freien Willens“. Ihr organismisches Orgonenergie-Feld weitet sich und sie ist erleichtert, glücklich, entspannt und „energetisiert“. „Willensfreiheit“ ist letztendlich eine Funktion der Sexualökonomie der Gesellschaft. Alles andere ist nur metaphysisches Geschwafel.

Die „Befreiung“, die Mystiker und Esoteriker durch diverse Psychotechniken erfahren, ist nichts anderes als eine künstlich hervorgerufene Expansion des Energiefeldes. Sie fühlen sich von ihrem Körper befreit, haben das Gefühl, daß ihr Energiefeld den gesamten Raum ausfüllt, in dem sie sich gerade befinden und haben schließlich ein ähnliches Empfinden, wie Leute, die etwa bei Operationen von „Nahtodeserlebnissen“ berichten. Dieser Zustand entspricht weitgehend der Manie bei bipolaren Patienten und psychotischen Phasen bei Schizophrenen. Das ganze ist natürlich keine echte, sondern eine Scheinexpansion. Reich sprach von „Ersatzkontakt.“

Reich zufolge geht das Bewußtsein auf die Erinnerung an bereits erfahrene Lust zurück. Nur durch die Erwartung zukünftiger Lust wird auch die Spannung und nicht nur die Entspannung lustvoll. Bei den auf orgastische Impotenz zurückgehenden „geistigen Lehren“, wo Spannung keine spätere Lust verspricht, dient das bewußte Streben einzig der Erhaltung von Entspannungszuständen: mechanisches Potential, „Todestrieb“, DOR. Das ist auch der Grund, warum die Lehren welche die Leidlosigkeit predigen, ein so großes Glücksgefühl hervorrufen, denn funktionell stehen sie weit mehr für dauernde Entspannung („Nirwana“) als die Orgonomie.

Orgonomie und Metaphysik (Teil 43)

9. März 2022

Triebtäter werden ständig von zwanghaften Vorstellungen heimgesucht, die bei bestimmten Anlässen ausgelebt werden, ohne daß sie noch der Willenskontrolle unterliegen, sie reiben sich die Augen und plötzlich liegt ein totes Kind oder eine tote Frau vor ihnen. Trotzdem sollte man diese Leute bestrafen, genauso wie man Leute bestrafen sollte, die Verbrechen im Alkoholrausch begehen, denn sie hatten die Pflicht psychiatrische Hilfe zu suchen bzw. das Trinken einzustellen: und für diese Unterlassung müssen sie genauso hart bestraft werden, wie für die eigentliche Tat, die sie im strengen („bewußten“) Sinne ja gar nicht getan haben.

Die Sache mit der Willensfreiheit bzw. deren Fehlen ist ein typischer Ausfluß der mechano-mystischen Lebensanschauung: der Geist ist frei (handelt durch voraussetzungsloser Intention), die Materie ist ein endloser Regreß in der Ursache-Folge-Verkettung. Was es hingegen tatsächlich gibt, jenseits dieses Mechano-Mystizismus, sind unterschiedliche Freiheitsgrade bzw. Freiheit nur in bestimmten Grenzen (orgonomischer Funktionalismus). Entsprechend gibt es keine absolute Willensfreiheit, wie es auch keine absolute Verantwortungslosigkeit gibt.

Hinzu kommt, daß man stets selbst Teil der Ursache-Folge-Kette ist. Man kann sich nicht „mystisch“ außerhalb der Welt stellen, indem man nach Art eines „materialistischen“ Türkenfatalismus sagt, „die Umstände“ und dergleichen seien schuld. Tut man das doch, dann erklärt man sich selbst zum Objekt und darf sich nicht wundern, wenn man als solches behandelt wird.

Gesetzt wir folgen der Willensfreit: Freiheit zeigt sich immer in der Setzung eines Bezugssystems oder, um mit Nietzsche zu reden, der Setzung einer Perspektive, inklusive eines Horizonts. Diese Setzung ist aber natürlich gleichzeitig eine Beschränkung der Freiheit, d.h. ich kann zwar ein Spiel erfinden, also Spielregeln definieren, muß mich dann aber auch an diese halten, damit das ganze überhaupt Sinn macht. Ohnehin ist die „willkürliche“ Setzung selbst nicht frei, denn sie folgt dem „Befehl“ des Lebens, d.h. es steht uns gar nicht frei, keine Grenzen für die Freiheit zu ziehen. Es steht nicht in unserem Ermessen nicht Beschränkungen vorzunehmen, denn deren Setzung konstituiert ja gerade unser Leben, das nichts anderes ist als „Pulsation innerhalb einer Membran“. Das Setzen ist der Vollzug des Lebens selbst: wir sind gezwungen frei zu sein, – indem wir Grenzen setzen.

Das ganze wird klarer, wenn wir es orgonometrisch formulieren. Der orgonometrische Gegensatz der Freiheit ist die Verantwortung und das gemeinsame Funktionsprinzip (CFP) dieser beiden Funktionen ist die Selbstregulierung.

Was das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung betrifft, so kann man es nicht von der gesellschaftlichen Atmosphäre trennen. Sowohl in gesunden als auch in autoritären Zeiten waren Freiheit und Verantwortung einfache (sich gegenseitig anziehende) Funktionen (wenn die Freiheit stärker wird, wird auch die Verantwortung stärker), während in Zeiten des sozialen Verfalls die beiden Funktionen antithetisch werden: die Freiheit frißt die Verantwortung und andersherum. Zum Beispiel zerstört die „Verantwortung in Zeiten von Corona“ jede Art von Freiheit, und der Eifer, frei von Corona zu sein, zerstört jede Verantwortung, Loyalität, Freundschaft und Liebe.

Die CFP von Freiheit und Verantwortung ist, wie gesagt, die Selbstregulierung. Diese Gleichung verkörpert das Wesen der Orgonometrie selbst: Ich habe die Freiheit, meinen Körper so frei zu bewegen, wie ich will – innerhalb der strengen Grenzen der Biomechanik und der Schwerkraft –, oder ich verletze mich, vielleicht tödlich. Es gibt niemals eine „absolute Freiheit“: das CFP schränkt alles ein. Letztlich ist man nur dann frei und handelt verantwortungsvoll, wenn man im Sinne von Max Stirner „Eigner seiner selbst“ ist: selbstbestimmt. Es gibt keine absolute Freiheit und keine absolute Verantwortung!

Paul Mathews: Besprechung REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz

7. März 2022

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Besprechung REICH – FOR BEGINNERS von David Zane Mairowitz

ÜBERLAGERUNG UND TEILUNG IN GALAKTISCHEN SYSTEMEN: 10. Der Stellung des Menschen im Universum. e. Die Anisotropie von Raum und Zeit

28. Januar 2022

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ÜBERLAGERUNG UND TEILUNG IN GALAKTISCHEN SYSTEMEN: 10. Der Stellung des Menschen im Universum. e. Die Anisotropie von Raum und Zeit

Warten auf Charles Konias Buch CLUELESS

3. November 2021

2008 erschien Charles Konias Buch The Emotional Plague: the Root of Human Evil, 2013 Neither Left Nor Right: Preventing America’s Decline into Socialism. Sein neues Buch Clueless: the Great Human Disconnect steht kurz vor der Auslieferung. Als Vorbereitung auf diese Lektüre verlohnt ein kurzer Rückblick auf die genannten vorangehenden Bücher.

Bei oberflächlicher Lektüre wird man Konia politisch rechts verorten, doch tatsächlich führt er aus, wie kontraproduktiv es ist, gesellschaftliche Entwicklungen einseitig von einer linken oder einer rechten Warte aus zu betrachten. Vielmehr bräuchte es eines funktionellen Blicks. Dessen Richtigkeit zeigt sich darin, wohin diese Annäherungsweise an die gesellschaftlichen Probleme führt, nämlich zur Förderung von Freiheit und Unabhängigkeit, während linke und rechte Ansätze letztendlich immer in Unfreiheit und Sklaverei münden.

Gesellschaften und Kulturen müssen dem Wohl und der Freiheit des Einzelnen verpflichtet sein. Das ist letztendlich aber nur durch sexuelle Freiheit möglich, auf daß sich beim Einzelnen kein verhärteter, unnachgiebiger Charakter ausformt. Dieser beruht auf der moralistischen Regulierung unserer Triebe von Kindheitsbeinen an, statt der Natur zu vertrauen. Die künstlichen sexuellen Hemmungen führen zu antisozialem Verhalten, das mehr Hemmungen nötig macht: die „gepanzerte Gesellschaft“ entsteht, in der sich Linke und Rechte gegenseitig blockieren.

Das Denken der Linken ist vor allem mechanistisch, d.h. sie leitet alles vom Funktionieren der Maschine ab. Alles sei kontrollierbar nach den Vorgaben des Kollektivs und seiner „Ideale“. Der gute Planer, das Supergehirn, könne eine utopische Gesellschaft hervorbringen. In der heutigen Welt haben sich generell die gesellschaftlichen Einstellungen weit nach links verschoben. Sie ist entsprechend immer mechanistischer geworden. Diese allumfassende Linksdrift bedingt, daß diejenigen, die heute als Rechts gelten, früher in der Mitte standen. Konia spricht von „Rotverschiebung“ bzw. der „antiautoritären Transformation“, die mit einer Verlagerung der Panzerung vom Gesamtkörper hin zum Augensegment einhergeht.

Das mystische Denken der Rechten beruhte darauf, daß die Natur unerkennbar und etwas Bedrohliches sei, das eingehegt werden muß. Das Leben sei ein Überlebenskampf. Immerhin sah die Rechte die moralische Schwäche und Unvollkommenheit des Menschen und damit die Gefahr, die von einer übergriffigen Regierung ausgeht. Wir alle erleben, daß dieses einigermaßen „klarköpfige“ Bedenken fast vollkommen verschwunden ist und heute alle träumerische Hoffnung in einen alle Lebensbereiche bestimmenden Staat gelegt wird.

Die Menschen müssen die die Panzerung erzeugenden mechanistisch-mystischen Denkweisen der Linken und der Rechten von sich weisen und eintauschen gegen ein funktionelles Denken, das in Übereinstimmung mit dem naturgegebenen organismischen Funktionieren steht. Das würde vor allem die Kindererziehung betreffen und die Kultur von den Hindernissen befreien, die einer angemessenen Sozialisierung und dem Streben nach Glück im Wege stehen.

Daß dies nicht geschieht, ist der Emotionellen Pest zu schulden, dem zerstörerischen Ausleben der charakterstrukturell bedingten, „neurotischen“ Symptome im Gesellschaftsleben. Sie erkennt man daran, daß das vorgeschobene Motiv nicht mit den wirklichen Beweggründen übereinstimmt. Man behauptet mit einer Aktion „a“ erreichen zu wollen, doch tatsächlich ist „b“ das sich einstellende Resultat dieses Projekts. Entsprechend fühlt sich das Opfer der Emotionellen Pest desorientiert und vollständig verwirrt. „Was geschieht hier!“

Es ist wie beim Zauberer, dessen vermeintlich magische Kunststücke nur funktionieren, weil er deine Aufmerksamkeit auf „a“ richtet, während das entscheidende Geschehen sich bei „b“ zuträgt. Beispielsweise wird deine gesamte Aufmerksamkeit und seelische Energie auf das angeblich weltbewegende Problem der Rechte von Transgender-Menschen und der unmittelbar bevorstehenden Machtübernahme durch Hitleristen gerichtet, während gleichzeitig deine Meinungs- und Bewegungsfreiheit und deine Rechtssicherheit auf null gefahren werden.

Illustrieren wir die individuelle und gesellschaftliche Panzerung: Plötzlicher Wintereinbruch, die Gehwege sind gefroren, Rutschgefahr. Normalerweise habe ich einen sehr guten Gleichgewichtssinn und hervorragende Reflexe, was mich schon häufiger vor dem Rollstuhl bewahrt, wenn nicht das Leben gerettet hat. Jedesmal hatte sich mein Bewußtsein ausgeschaltet und mein Körper tat, was zu tun ist. Jetzt aber fühle ich mich beobachtet und im doppelten Sinne „unsicher“ bei meinen „schwulen“ Trippelschritten in meinen vollkommen unangebrachten, profillosen Sommerschuhen. Ich bin das, was die Engländer unübersetzbar als „self-aware“ bezeichnen. Wie der Tausendfüßler, der auf seine Schritte achtet, statt einfach zu gehen, falle ich auf meine Schnauze. (Ich erinnere an das Schlußkapitel von Reichs Die kosmische Überlagerung, wo er den Ursprung der menschlichen Panzerung erkundet.)

In meinem Fall sind es Auswirkungen der Panzerung der autoritären Gesellschaft; die Unsicherheit meiner Eltern hinsichtlich dessen, was sich gehört und wie man sich zu benehmen hat, die autoritäre Schule, eine gesellschaftliche Atmosphäre, die Menschen erzeugt, die ständig Angst haben, gegen gesellschaftliche Konventionen zu verstoßen und die deshalb immer verkrampft sind und entsprechend einen Trottel aus sich machen. Das wird sehr schön in Loriots Sketchen gezeigt und unübertroffen in John Cleese‘ Fawlty Towers.

In der antiautoritären Gesellschaft zeigt sich das gepanzerte Trotteltum anders: Etwas derangiert an meinem Zielort angekommen, werde ich Zeuge einer Diskussion von höheren Verwaltungsbeamten, die auf den Beginn eines Lehrgangs warten. Es geht um die Bedrohung von Einsatzkräften. Da war beispielsweise eine fünfköpfige Familie, die bei einem Hausbrand in einen Bus der Feuerwehr evakuiert wurde. Nach drei Stunden ist dieser restlos vollgemüllt, beschmiert, teilweise zerstört. Es wären Menschen gewesen, die Ethnie tue nichts zur Sache, vielmehr stelle sich die Frage nach dem Warum, d.h. wie wir „als Gesellschaft“ versagt haben. Es fehlt nur noch, daß sich diese Verwaltungstrottel bei der Familie Üsösügürz entschuldigen und eine großzügige Entschädigung anbieten! Wir leben in einer Gesellschaft, die durch und durch verunsichert ist und alle sich bemühen, ja nicht den Anschein zu erwecken, man wäre ausländerfeindlich und Sympathisant der AfD. Die autoritäre Gesellschaft ließ sich noch den Spiegel vorhalten, d.h. Comedy war möglich. Heute wäre selbst die Scary Movie-Filmreihe (2000 bis 2013) schlichtweg undenkbar. Mit den Roten Garden ist nicht zu scherzen und alle Menschen sind vollständig verpeilt – clueless.

David Holbrook, M.D.: DIE FUNKTIONEN VON STAAT, WIRTSCHAFT, UNABHÄNGIGKEIT UND FREIHEIT IM VERGLEICH ZUM ZENTRALEN NERVENSYSTEM, DEM AUTONOMEN NERVENSYSTEM, DEN EMOTIONEN DER DER SPONTANEN AKTIVITÄT / DER MANGEL AN EMPATHIE, DER SICH HINTER DER OBERFLÄCHLICHEN IDEOLOGIE DER LINKEN VERBIRGT

28. Oktober 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Die Funktionen von Staat, Wirtschaft, Unabhängigkeit und Freiheit im Vergleich zum Zentralen Nervensystem, dem Autonomen Nervensystem, den Emotionen und der spontanen Aktivität

Der Mangel an Empathie, der sich hinter der oberflächlichen Ideologie der Linken verbirgt

„The Origin of an Oranur Reaction” von Roberto Maglione

10. Oktober 2021

Hier handelt es sich um eine ebenso lange wie (teilweise…) hervorragende Gesamtdarstellung von Reichs ORANUR-Experiment. Maglione geht bis ins Detail und bezieht sich u.a. auf bisher unveröffentlichtes Archivmaterial. Durch die Lektüre habe ich viel dazugelernt.

Alles schön und gut, wenn da nicht wieder (siehe meine letzte Rezension) diese unglückselige Verquickung von Mechanismus und Mystizismus wäre, etwa wenn Maglione schreibt:

Reich entdeckte in der Natur eine neue Art von Energie, die lebensfördernde Eigenschaften hat und überall angezapft werden kann. Er fand auch heraus, daß dieses Energiekontinuum, das sich als winzige energetische Einheiten ausdrücken kann, durch verschiedene Phasen der Existenz gekennzeichnet ist, d.h. es kann sich in einem dynamischen, ungestörten, fließenden Zustand befinden, in einem erregten und chaotisch bewegten Zustand (Oranur genannt) oder schließlich in einem tödlichen und statischen Zustand (DOR genannt). (…) Allerdings stellte Reich fest, daß diese energetischen Einheiten bei einem niedrigen Erregungsgrad therapeutische Eigenschaften haben könnten. Darüber hinaus könnte der Oranur-Zustand bei einem etwas höheren Anregungsgrad eine motorische Kraft erzeugen und damit eine unendliche Anzahl von technischen Anwendungen hervorbringen. Er könnte auch radioaktive Materie in eine höchst nützliche und lebensfördernde Materie verwandeln. Kürzlich wurde die Hypothese aufgestellt, daß dieser Zustand auch zur Schaffung höherer Bewußtseinszustände beitragen kann.

Hier zeichnet sich eine bedenkliche Triade aus psycho-sozialer, technischer und schließlich spiritueller Heilserwartung in Zusammenhang mit „kontrollierten“ ORANUR-Reaktionen ab.

Der obige Absatz wurde durch eine kurze Passage eingeleitet, die bei einer Darstellung des ORANUR-Experiments eher verwundert. Es ging bei dieser nämlich um alle möglichen Utopien von Platos Politeia, über Morus‘ Utopia bis zu Bacons New Atlantis und schließlich der Französischen Revolution. Nun, im Anschluß des oben zitierten Absatzes lesen wir etwas über das sozusagen „höhere Sozialleben“ durch ORANUR:

Ich glaube, daß der erregte Zwischenzustand [ORANUR zwischen OR und DOR] dieser winzigen energetischen Einheiten von grundlegender Bedeutung für den von den Philosophen angenommenen Wandel ist, der uns zu einer neuen Art von Welt führen kann, in der das französische Motto [Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit] endlich seine wohlverdiente Entsprechung findet. Wie ein Portal [!] oder ein obligatorischer Schritt, nach dem sich eine neue Welt auftun kann.

In den daran anschließenden Sätzen gewinnt diese ORANUR-induzierte sozialistische Utopie einen mystischen Einschlag, denn derartiges habe bereits in mythischer Vergangenheit existiert, eine „Wissenschaft des Äthers“. Maglione weiter:

Ich hoffe, daß der Inhalt dieses Papiers dazu beitragen kann, friedlich den Weg zu beschreiten, der zu diesem Portal führt, hinter dem wir vielleicht endlich die utopische Insel oder Welt finden, nach der so viele der eifrigsten Köpfe auf diesem Planeten dramatisch und hartnäckig gesucht haben.

Unvermittelt werden wir in die Geisteswelt des utopischen Sozialisten Charles Fourier versetzt! Wir betreten hier die Welt des Reichianismus bzw. Blauen Faschismus, die ich in „Reichianische Bücher“ (hier, hier und hier) dargestellt habe: eine letztendlich toxische Welt aus „Spiritualität“, Freiheitskrämerei und – ORANUR.

Besonders störend ist etwas, was ich bereits in meiner Besprechung von Magliones Buch über quantitative Orgonometrie vermerkt habe (S. 269): sein Hang die Orgonenergie zu „mechanisieren“, indem er sie gewisserweise aus „Atomen“ zusammensetzt. Das wird etwa in diesem Satz deutlich: „Reich stellte anhand dieser vorläufigen Ergebnisse fest, daß Kernmaterial, welches einige Zeit konzentrierten Orgonenergie-Einheiten ausgesetzt war, seine radioaktive Potenz verlöre, und beobachtete eine Veränderung seiner radioaktiven Zerfallskonstante.“ Jeder andere hätte einfach geschrieben: „…konzentrierter Orgonenergie ausgesetzt war…“. Tatsächlich stellt sich Maglione die ORANUR-Reaktion ungefähr wie Wärmeausbreitung, d.h. die Ausbreitung von chaotischer thermischer Bewegung von Molekülen vor: „Sobald die Oranur-Reaktion einsetzt, breitet sie sich auf die benachbarten Einheiten im Raum aus, bis sie verschwindet, wenn die Energie der erregten Orgoneinheiten nicht mehr ausreicht, um die Erregung auf die benachbarten Orgoneinheiten zu übertragen.“

Es ist geradezu grotesk, wie Maglione den Gegensatz von Einsteins und Reichs Weltentwürfen illustriert:

Für Einstein bestehe die Luft, die uns umgibt, aus Atomen und das war‘s. „Reich stellte stattdessen die Hypothese auf, daß zusätzlich zu den oben genannten Komponenten eine Energie die Atmosphäre und auch das gesamte Universum so erfüllt, daß ein Kontinuum entsteht. Er fand heraus, daß dieses Energiekontinuum aus winzigen Einheiten mit unterschiedlichen Eigenschaften besteht und bestimmten Gesetzen unterliegt.“ In der Abbildung sehen wir bei Einstein tatsächlich ein Kontinuum, bei Reich „Teilchen, die ein Kontinuum bilden“.

Oder man nehme folgende Abbildung:

Es ist zu ahnen, was gemeint ist, aber… Orgonenergie-Einheiten werden dynamisch und dann zu Materie-Einheiten? Orgonpartikel werden zu OR und dann zu Materiepartikeln?

In einer daran anschließenden Abbildung stellt Maglione den Erregungslevel der Orgonenergie in Prozent dar; 0% gleich Bildung von Materie, atmosphärische Heilung und höheres Bewußtsein, 100 % der Tod, bzw. DOR. Je höher der Erregungszustand der Orgonenergie, desto toter wird sie? Maglione: „In der Grafik entspricht ein Erregungsgrad von Null (…) Einheiten, die frei und dynamisch und ungestört in der Atmosphäre oder in lebenden Organismen fließen, während ein Erregungsgrad von 100 % tödlichen und statischen Einheiten entspricht, die alle ihre Bewegungen verloren haben.“ Ähhh…

Solche Formulierungen sind „Reichianismus“ in der Tradition von Paul Ritter und Charles Kelley: Reich wird solange um und neuformuliert, bis wirklich alles hoffnungslos zerredet ist und der Leser verwirrt und paralysiert zurückbleibt.

Ein weiteres Beispiel für diesen Reichianismus:

Reich beschränkte die Qualität der Orgoneinheiten nicht darauf, durch äußere Einwirkungen nur im physischen Bereich angeregt zu werden. Er nahm an, daß, wenn alles in der Natur von Orgonenergie-Einheiten als Grundbestandteil charakterisiert ist, die auf unterschiedliche Weise zu Materieteilchen aggregiert sind, eine Reaktion auf diese aktivierenden Agenzien auch im biologischen und emotionalen Bereich der lebenden Systeme auftreten kann, indem die Einheiten innerhalb der lebenden Systeme genauso erregt sind und sich austoben, wie in der Umwelt.

Irgendwie stimmt das, aber trotzdem ist das keine Orgonomie, eine Wissenschaft, sondern die Darstellung eines naturphilosophischen Modells, das nur peripher etwas mit Reichs Forschung zu tun hat. Das schadet der Orgonomie massiv, denn jeder, der sowas liest, wird Reich unter die vielen absonderlichen Spinner einordnen, die jeweils ihr eigenes „Weltmodell“ entworfen haben.

Leider hat sich ein kleiner aber ärgerlicher Fehler eingeschlichen. Maglione zitiert aus bisher unveröffentlichten Notizen von Myron Sharaf („Historical Notes. Some Notes on Oranur – March 15, 1951“) wonach Eva Reich am 19. Februar beinahe gestorben wäre, als sie „ihre Hand“ in einen Orgonenergie-Akkumulator steckte. Tatsächlich hat sich Maglione verlesen („hand“ vs. „head“) und Eva Reich hatte ihren Kopf hineingesteckt. Ein kleines Detail, aber der eine oder andere unvorbereitete Leser wird sich an den Kopf kratzen!

Wie wenig Maglione wirklich in der Materie drinsteckt, sieht man auch daran, daß unvermittelt „DOR“ auftaucht. Zwar hatte Maglione den Unterschied zwischen OR, ORANUR und DOR vorher korrekt beschrieben, ihm fällt aber nicht auf, daß Reich im Ersten ORANUR-Bericht, also 1951, das als „DOR“ bezeichnet, was er später „ORANUR“ genannt hat, und daß das eigentliche DOR erst später von Reich entdeckt wurde. Das, was Maglione also als „DOR“ beschreibt, ist in Wirklichkeit ORANUR, auch wenn Reich selbst von „DOR“ spricht… Äh, ja!

Der Beschreibung des ORANUR-Experiments folgt eine ellenlange und extrem detaillierte Darstellung der Gesetzmäßigkeiten von Alpha- und Gammastrahlung, um zu sehen, ob Reich und seine Mitarbeiter sich schlichtweg eine Strahlenvergiftung zugezogen haben. Es ist Maglione hoch anzurechnen, diesen hanebüchenen Unsinn endgültig ins Märchenland verbannt zu haben! Das ist zwar verdienstvoll, aber es hätte schon die Überlegung ausgereicht, daß einem Privatmann bzw. einzelnem Arzt wohl kaum eine gefährliche Strahlenquelle zur Verfügung gestellt worden wäre bzw. daß es dafür wohl kaum einen allgemeinzugänglichen Markt gegeben hätte. Die „Radiumnadeln“, die Reich benutzte, waren schlichtweg radioaktive Nadeln, die Ärzte damals in Krebstumoren steckten. Das war die damalige Strahlentherapie. Selbstredend nicht ganz ohne, aber auf keinen Fall so gefährlich, daß bei unsachgemäßem Umgang Arztpraxen hätten evakuiert werden müssen!

Der Aufsatz endet mit der Analyse eines Atomunfalls/ORANUR-Ereignisses in Rußland.

Zusammenfassend schreibt Maglione ganz entsprechend dem anfangs Zitierten: „Ein richtig eingedämmtes und kontrolliertes Oranurfeld könnte technologische Anwendungen haben, wie z.B. 1. die Verringerung der Zerfallskonstante eines radioaktiven Elements; 2. Energieerzeugung (Motorkraft) und Antigravitation; 3. Heilung von Krankheiten; 4. und Entwicklung höherer Bewußtseinszustände, um nur einige der bisher bekannten zu nennen.“ Dazu führt er als weiterführende Literatur u.a. an:

  • Maglione R, Reichs Orgonenergie. Ein Portal zu höheren Bewusstseinsstufen? (auf Italienisch), In Glielmi N, Fontana M, Maglione R, Valleri T, Argomenti Reichiani, GEDI Gruppo Editoriale, Mailand, 2007
  • Maglione R, Mazzocchi A, Ätherische Energien und Orte der Verehrung. Die religiöse Stätte als therapeutischer Ort. Eine Pilotstudie an 62 antiken Stätten (auf Italienisch), Advanced Therapies, Vol VI, N 11, 2017, Nuova Ipsa, Palermo

David Holbrook, M.D.: WOHER KOMMEN DIE PROBLEME UND DIE LÖSUNGEN? / SPONTANITÄT UND AUTORITARISMUS / LAISSEZ-FAIRE

7. Oktober 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Woher kommen die Probleme und die Lösungen?

Spontaneität und Autoritarismus

Laissez-faire

David Holbrook, M.D.: BEWUSSTE VERSUS UNBEWUSSTE PROZESSE / DIE „BEIDEN ENTZÜNDUNGEN“ / DIE EMOTIONELLE PEST UNTER LOCKDOWN STELLEN

21. September 2021

DAVID HOLBROOK, M.D.:

Bewußte versus unbewußte Prozesse in der Politik und die Beziehung zwischen Denken und Fühlen

Die „zwei Entzündungen“

Die Emotionellen Pest unter Lockdown stellen

Paul Mathews: Reich und die Politradikalen

27. Juli 2021

Reich und die Politradikalen