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Zur Durchsetzung der Hexenverfolgung

21. Juli 2012

Dieser Blogeintrag ist eine Ergänzung zu Amerika, die neue Schwarze Legende. Die „schwarze Legende“, die Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus und seit „1968“ geprägt hat, ist die Mär von der Hexenverfolgung. Natürlich ist dieses Lügenmärchen auch bei sogenannten „Reichianern“ sehr beliebt. Daß das ganze eine Mischung aus Halbwahrheiten, haltlosen Übertreibungen und vollkommenem Unsinn ist, hat Jenny Gibbons, übrigens eine moderne Hexe und „Neu-Heidin“, im Detail aufgezeigt. Siehe ihren neunteiligen Artikel.

Hexen hat es immer gegeben und zwar in jeder Weltregion. Selbst die Trobriander hatten auf „Besenstielen“ durch die Luft reitende Hexen! Nicht nur im alten Europa, sondern auch im alten China war es üblich, Hexen lebendig zu verbrennen. Noch heute werden sie in Afrika und Indien verfolgt und verbrannt. Beim revolutionären Umbruch in Zimbabwe galt Hexerei als „konterrevolutionär“ und als „Hexen“ denunzierte Frauen, meist Frauen, die irgendeinen Luxusgegenstand besaßen, wurden von den marxistisch-leninistischen Freiheitskämpfern lebendig verbrannt. In Angola ließ Sawimbis Unita Hexen verbrennen. Desgleichen in Süd-Afrika, wo der ANC systematisch jagt auf Hexen machte. Noch heute verfolgen hinduistische Glaubensfanatiker in der indischen Provinz Bihar Hexen. Witwen werden gesteinigt oder erschlagen, weil sie Seelen stehlen oder Menschen und Vieh verzaubern können und das Geschäft oder die Ländereien ihrer verstorbenen Ehemänner weiter bewirtschaften.

Bei linken Ideologen sieht es immer so aus, als wären die niederen Schichten Hauptopfer der Hexenverfolgung gewesen, aber es war wohl eher so, wie übrigens auch z.B. bei Luthers Judenhaß, daß die Stoßrichtung hauptsächlich gegen die Reichen und „Kapitalisten“ gerichtet war. Daß ist auch so, wenn im Alten Testament die sozialrevolutionären Jahwistischen Propheten Front gegen die „Hexen“ machen.

Daß z.B. die Hexenbulle 1484 herauskam, um das Bevölkerungswachstum aus ökonomischem Kalkül anzukurbeln, halte ich für rationalistischen Unsinn. Das war die Zeit der Bettelmönche (wie die Dominikaner, die den Kommentar zu dieser Bulle schrieben), die wahrhaftig nichts „Kapitalistisches“ in ihren Köpfen hatten – eher Sozialrevolutionäres gegen das reiche, „herumhurende Pack“. Außerdem frage ich mich, ob heutige Ideologen mit ihrem antikapitalistischen Impetus von den Hexenverbrennern ideologisch wirklich so weit weg sind, wie diese Gutmenschen es sich einbilden. In mancher Beziehung war die Kirche der „Kommunismus des Mittelalters“. Übrigens haben die „emanzipatorischen“ Kommunisten in der Sowjetunion eine ganz bestimmte Gruppe mit einem unbändigen Haß verfolgt – und das bereits lange vor dem Stalinistischen Terror: die Schamanen und Schamaninnen.

Angesichts dessen, was bis heute vom Hexenunwesen geblieben ist, insbesondere des erschreckenden alltäglichen Aberglaubens bei meinen Mitmenschen, Astrologie, „Freitag der 13“, etc., frage ich mich, ob das Christentum und später der Protestantismus sich nicht vielleicht durchgesetzt haben, eben weil sie genuin aufklärerisch und emanzipatorisch waren und die Leute von unberechtigten Ängsten und Einschränkungen des Lebens, Einschränkungen der Lebensenergie, befreit haben.

Die Sache mit den „orgiastischen“ Badehäusern ist der reine Blödsinn: die frivolen Darstellungen, die gerne gezeigt werden, entsprechen durchgehend Bordellen, während die normalen Badehäuser eben nichts anderes waren als eben Badehäuser, wie es sie überall bis in die 1950er Jahre dieses Jahrhunderts hinein gab, als die Wohnungen noch keine Waschgelegenheiten hatten. Daß es, anders als etwa in den islamischen Badehäusern, keine strenge Geschlechtertrennung gab, spricht nicht etwa für weniger, sondern für mehr Schicklichkeit und Zurückhaltung. Welcher normale Mensch würde etwa ein normales Sauna-Bad so beschreiben wie es mit den mittelalterlichen Entsprechungen seit dem unseligen Norbert Elias getan wird! Die in diesem Zusammenhang immer wieder hervorquellenden Gruppensex-Phantasien sind einfach hochneurotisch pubertär.

Was sich wohl für wilde Phantasien im Kopf eines fundamentalistischen Türken (und selbst eines Amerikaners!) abspielen, wenn er an das deutsche Badeparadies denkt? Genau die gleichen Phantasien spielten sich in bezug auf die mittelalterlichen Badehäuser in den Köpfen der Kleriker und der Gelehrten der viktorianischen Zeit ab. Diese verklemmten, extrem sexualfeindlichen pornographischen Phantasien werden nun hervorgekramt, um zu zeigen wie sexualpositiv doch das Mittelalter war.

Auch ich glaube, daß diese mittelalterlichen und modernen Badehäuser ein Zeichen für eine sehr gute gesellschaftliche Sexualökonomie waren und sind – und zwar deshalb, weil es vollkommen entsexualisierte Erscheinungen sind. Die Leute leiden nicht unter einer sexuellen Ausgehungertheit. In anderen Weltgegenden wäre so etwas unmöglich, weil die Männer nur stieren würden, es zu Eifersuchtsdramen und Vergewaltigungen käme, etc. Etwa in Ägypten wäre so etwas vollständig undenkbar!

Wenn dann Ottmar Lattorf in seinem eingangs verlinkten Aufsatz zur Hexenverfolgung im Zusammenhang mit Gemeinschaftsbetten und der Ohrenbeichte von Dingen berichtet, die unter dem Heidentum „nicht oder kaum mißbilligt worden waren: Oralverkehr, Inzest im weitesten Sinne (sic!), weibliche Homosexualität, Masturbationen und andere Positionen als die Missionarsstellung“… Hier muß ich auch daran denken, was Reich in Der triebhafte Charakter über „Gemeinschaftsbetten“ und „Oralverkehr, Inzest im weitesten Sinne, weibliche Homosexualität, Masturbationen und andere Positionen als die Missionarsstellung“ geschrieben hat; und in Christusmord mit bezug auf Moses und Paulus über die von Lattorf so gepriesene polymorph-perverse „heidnische Sexualität“.

Lattorf erwähnt alle möglichen Dinge, die mit allen möglichen anderen Dingen, etwa der nationalsozialistischen Germanentümelei, kompatibel sind (z.B. daß junge Fraue vor alten Männern tanzten, um deren Lebensgeister zu wecken) – aber nirgends die Genitalität.

Der von Lattorf beschriebene radikal anti-sexuelle Umschwung (Todesstrafe für außereheliche Sexualität) erinnert mich an die katholische Gegenreformation: man wurde sittenstrenger als jemals zuvor, um sich gegen die puritanischen Protestanten durchsetzen zu können. Ist es nicht vielleicht so, daß der vergleichbare vorangehende Umschwung zur Zeit der Kreuzzüge ebenfalls infolge einer Gegenreformation erfolgte: man wurde sittenstrenger als jemals zuvor, um sich gegen die Katharer und besonders die Moslems (bei denen Todesstrafe für außereheliche Sexualität eine Selbstverständlichkeit war) durchsetzen zu können? Diese Theorie erscheint mir weitaus plausibler als rationalistische marxistisch-„materialistische“ Erklärungsversuche.

Lattorf: „Die emotionalen sexuellen Verhältnisse bei den Unterjochten müssen damals insgesamt um einige Qualitätsgrade derber und freizügiger und gesünder gewesen sein, als wir das heute in Deutschland leben können.“ Kann man mir mal erklären, inwieweit er oder ich oder der Leser sexuell (genital) eingeschränkt wird durch „die Gesellschaft“?

Auch kann ich nicht nachvollziehen, daß ausgerechnet Europa das Non-plus-ultra an Neurose auf diesem Planeten sein soll.

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Wie ist es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise gekommen?

3. Juli 2012

Alexander Solschenizyn zufolge liegt die Marxistische Analyse immer falsch. Man betrachte einmal die gängige Marxistische Erklärung der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus, die darauf hinausläuft, daß die Automatisierung rapide zugenommen hat, deshalb der Markt gesättigt ist und damit die Arbeit knapp wird. Es könne deshalb kein Mehrwert, der ausschließlich aus der menschlichen Arbeitskraft hervorgehen kann, mehr erwirtschaftet werden. Der Kapitalismus sei damit am Ende. Das Kapital versuche zwar verzweifelt sich am „Kapitalmarkt“ sozusagen durch „Selbstbefruchtung“ zu vermehren, doch das sei zum Scheitern verurteilt und mache den Fall ins Nichts für den Kapitalismus nur um so steiler. Die „Arbeitsgesellschaft“ habe ausgedient und eine neue planwirtschaftliche Gesellschaftsordnung sei unausweichlich.

Diese Marxistische Analyse hat einen wahren Kern, auf den Reich als einziger hingewiesen hat. Es dreht sich wirklich alles um die Arbeitsfunktion. Damit steht jedoch etwas im Mittelpunkt, was die Marxisten, für die Menschen nur „Charaktermasken“ ihrer objektiven Rolle im wirtschaftlichen Gefüge sind, nie begriffen haben bzw. nie nachvollziehen konnten: die Charakterstruktur der Massen.

Dazu eine bezeichnende Begegnung mit einem alten Bekannten von mir. Ein Beamter im gehobenen Dienst mit lebenslanger Absicherung, einem sehr hohen Einkommen, großen Ersparnissen, die gewinnbringend angelegt wurden, einer lächerlich geringen Arbeitsbelastung. Eines Tages drückt mir dieser Kerl seine neue Bibel in die Hand, nach der er mittlerweile sein ganzes Arbeitsleben ausgerichtet habe: Die Entdeckung der Faulheit: Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun von Corinne Maier. Ich solle mich doch auch nicht mehr von meinem Chef terrorisieren lassen. Passiver Widerstand sei angesagt! Der Bestseller kommt aus Frankreich, wo eh die meisten für den Staat arbeiten und die 35 Stundenwoche gilt!

Der Kapitalismus kollabiert aus dem gleichen Grund wie der Sozialismus kollabiert ist: aus mangelnder „Arbeitsmoral“. Oder wie das Leitmotiv der Werktätigen in der „DDR“ lautete: „Ihr tut so, als würdet ihr uns bezahlen und wir tun so, als würden wir für euch arbeiten!“

Das Wort „Arbeitsmoral“ ruft zwar weitgehend die richtigen Assoziationen hervor, ist jedoch in der Hinsicht irreführend, daß es hier nicht um eine moralische, sondern um eine bioenergetische Frage geht. Während in der alten autoritären Gesellschaft vor allem die Sexualität geschädigt war, ist es in der neuen antiautoritären Gesellschaft, die sich seit etwa 1960 ausgeformt hat, die Arbeitsfunktion. Ich habe mich darüber bereits in Der Rote Faden: Aldous Huxley ausgelassen.

In der antiautoritären Gesellschaft, die tatsächlich aus „materiellen Gründen“ entstanden ist, kommt es zu einer alle Gesellschaftsschichten umspannenden Einstellung der Verantwortungslosigkeit, zu Anspruchsdenken und Rebellion gegen vermeintliche „Ausbeutung“ (selbst von höheren Beamten!). Hinzu kommt, daß jene, die in der voll ausgeprägten antiautoritären Gesellschaft aufgewachsen sind, d.h. die Generation Facebook, von vornherein gar nicht mehr arbeitsfähig sind. Mit diesen Vollidioten, man denke nur an die „Piraten“, kann niemand mehr etwas anfangen.

Auch wenn einem immer wieder rührselige Geschichten über Leute gezeigt werden, die sich todarbeiten: in Ländern wie Griechenland, wo die Arbeitsfunktion schon immer gestört war, ist sie durch den Einfluß sozialistischer Politiker in den letzten Jahren vollends zusammengebrochen. Allgemein kranken die „Südländer“ der Europäischen Union unter einer mangelnden Arbeitsmoral, was vor allem eine Auswirkung der jahrhundertealten katholischen Unkultur ist.

Ganz ähnlich sieht es in Amerika aus. Deutsche Unternehmen sind immer wieder entsetzt, wie schlecht die Leute ausgebildet sind, was für einen geringen Arbeitsethos sie haben und wie niedrig allgemein die Produktivität ist. Beispielsweise ist die Challenger-Katastrophe unmittelbar auf den alles durchdringenden Pfusch zurückzuführen. Diese Unkultur, in der alles nur ein „Job“ ist, der lustlos erledigt wird, wurde vor Jahren beispielsweise in dem Buch Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig aus dem Jahr 1974 angeprangert und, wie der Titel schon zeigt, denkbar ungeeignete Gegenmittel vorgeschlagen.

Würde man der Marxistischen Analyse folgen und die „Arbeitsgesellschaft“ überwinden, käme es zu einer dramatischen Verschärfung des heimlichen Dauerstreiks und zum endgültigen, vielleicht irreversiblen Kollaps der Gesellschaft. Milliarden Menschen, die ihr Überleben einzig und allein dem Kapitalismus verdanken, würden elendig verrecken. Da die Menschen unfähiger sind denn je, ihre eigenen Angelegenheiten zu handhaben, würde sich der Sozialismus eh als nichts anderes entpuppen als eine Art Neo-Feudalismus – wie er sich in der EUdSSR ohnehin bereits abzeichnet.

Ralf Dahrendorf hat 2009 versucht, die damals anhebende Wirtschaftskrise auf „Mentalitäten“ zurückzuführen: „verhaltensprägende Leitkulturen, die bei Minderheiten beginnen, dann aber ganze Gesellschaften erfassen“. In der alten (in unserem Sprachgebrauch: in der triebgehemmten autoritären) Gesellschaft habe der „Sparkapitalismus“ vorgeherrscht, wie ihn Max Weber im Zusammenhang mit der protestantischen Ethik beschrieben hat. Diese besage, daß „das kapitalistische Wirtschaften eine verbreitete Bereitschaft verlangt, unmittelbare Befriedigung aufzuschieben“.

In dem, was wir als „triebhafte antiautoritäre Gesellschaft“ bezeichnen, hat sich ein grundlegender Mentalitätswandel zugetragen. Zunächst wurde immer mehr Wert auf Konsum gelegt, was die protestantische Arbeitsmoral untergrub. Auf diesen „Konsumkapitalismus“ folgte dann, angefangen in den 1980er Jahren, der „Pumpkapitalismus“:

der Schritt vom Realen zum Virtuellen, von der Wertschöpfung zum Derivathandel. Die Haltung, die sich ausbreitete, erlaubte den Genuß nicht nur vor dem Sparen, sondern überhaupt vor dem Bezahlen. „Enjoy now, pay later!“ wurde zur Maxime. Sie erfaßte alle Bürger, auch die, die das heute nicht gerne hören. Sie wurde dann aber zur Einladung an die subtilen Konstruktionen derer, die sich darauf kaprizierten, aus Geld Geld zu machen. Genauer gingen die daran, aus Geld, das ihnen nicht gehörte und das es vielleicht gar nicht gab, Geld zu machen, das sie in die Welt der Superreichen katapultierte.

Ein Zurück zur protestantischen Ethik werde es, so Dahrendorf weiter, zwar kaum geben.

Wohl aber ist eine Wiederbelebung alter Tugenden möglich und wünschenswert. (…) Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht bleiben Erfordernisse der Voraussetzungen des Wohlstandes; der Wohlstand selbst aber bedeutet Genuß, Vergnügen, Lust und Entspannung. Menschen arbeiten hart, um im strengen Sinn überflüssige Dinge zu schaffen. (…) Zum Sparkapitalismus werden wir nicht zurückkehren, wohl aber zu einer Ordnung, in der die Befriedigung von Bedürfnissen durch die nötige Wertschöpfung gedeckt ist.

Ohne es zu ahnen, kommt Dahrendorf hier dem Kern des Problems und seiner Lösung sehr nahe. Ich habe den Zusammenhang zwischen Arbeit, Konsum und der Reichschen Orgasmustheorie an anderer Stelle ausführlich ausgeführt.

Zusammenfassend kann man mit Dahrendorf sagen, daß es grundsätzlich drei Theorien der Krise gibt, die man mit den Namen Marx, sowie (wie ich finde) Freud und Reich verbinden kann:

  • Marx hatte recht, als er auf die Arbeitskraft als Quelle allen Reichtums hinwies. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß uns eine Marxistische Analyse irgendwo hinführt. Oder wie Dahrendorf süffisant anmerkt:

    Hatte nicht Karl Marx schon prophezeit, daß es mit dem Kapitalismus ein schlimmes Ende nehmen werde? Das war zwar vor anderthalb Jahrhunderten, in denen allerlei geschehen ist, aber manche kümmert die kleine Verzögerung wenig.

  • Freud hatte recht, als er darauf hinwies, daß Menschen aus irrationalen, letztendlich infantilen, Gründen heraus handeln. Beispielsweise wird die Krise, die im September 2008 ihren Anfang nahm, mit falschen Entscheidungen von Politikern und ganz ernsthaft etwa auf „persönliche Animositäten zwischen dem Lehman-Chef Richard Fuld und dem damaligen Finanzminister Henry Paulson“ zurückgeführt. Zu erwähnen ist auch das Treiben von Finanzbetrügern wie Bernard Madoff, etc.
  • Für Reich sind beide Ansätze bis zu einem gewissen Grade weiterführend, doch dies nur, wenn man stets die zugrundeliegende Regulierung der biologischen Energie in den Massenindividuen, d.h. die Charakterstruktur der Massen, im Auge behält. Letztendlich geht es um biologische Probleme der Arbeitsenergie und um das, was Dahrendorf mit dem Begriff „Mentalität“ umschreibt, d.h. um bio-soziale Prozesse.