Archive for September 2015

Wilhelm Reich in Norwegen

26. September 2015

Gastbeitrag von Robert (Berlin)

Review:
Mitchel G. Ash (Hrsg.)
Psychoanalyse in totalitären und autoritären Regimen
Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a. M. 2010

Kapitel:
Håvard Friis Nilsen: Widerstand in der Therapie und im Krieg 1933 – 1945 – Die Psychoanalyse vor und während der Besatzung Norwegens durch die Nationalsozialisten (S.176 – 210)

Der folgende Aufsatz wird von mir nur in Bezug auf W. Reich referiert, andere Themen werden beiseitegelassen.

Bisher war nicht bekannt, dass der norwegische Vasall des Hitlerfaschismus, Vidkun Quisling, sich direkt zu Reich geäußert hätte. Durch die neuere Forschung wird aber immer klarer, dass Reich in den Ländern, in denen er sich aufhielt, eine maßgebliche Rolle spielte. In einer Rede von 28. März 1941 äußerte sich Quisling folgenderweise: „Die Psychoanalyse [sei] eine Erfindung des Juden Freud“, Reich ein eingeschleuster „sexualpornografische(r) Psychoanalytiker“, der vom „jüdischen Geist durchtränkt“ wäre. Er meinte, Reich sei „ein jüdischer Pornograf und Pseudo-Wissenschaftler“, der – so offenbar der Eindruck von Quisling – „von allen Seiten als ein Mann mit neuen, fruchtbaren Ideen aufgenommen worden“ sei. Noch spannender wird dessen Ansicht, wenn er behauptet, dass Reich an der Universität „geherrscht“ habe, von „dekadenten Intellektuellen gepriesen und von der regierenden Partei (den Sozialisten) bejubelt“ worden sei. Auch wenn wir manches als propagandistische Übertreibung ansehen müssen, wird doch ein Teil der Wahrheit entsprechen.

Nilsen meint, dass die Psychoanalyse – mehr als in anderen Ländern – in Norwegen politisiert gewesen wäre, wobei Harald Schjelderup, ein Anhänger Reichs, eine maßgebliche Rolle spielte. „Schjelderup vertrat die Ansicht, Wilhelm Reichs Charakteranalyse sei die bislang beste Arbeit über psychoanalytische Therapie und Reichs therapeutische Neuerungen, speziell betreffend das Thema Widerstand, seien … bahnbrechend(…).“ Schjelderup war es auch, der Reich dazu bewog, nach Norwegen zu kommen.

Schjelderup erlebte, wie Reich 1934 in Luzern offiziell aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) ausgeschlossen wurde. Wie inzwischen bekannt, ging man in der linken Psychoanalyse zuerst davon aus, dass Reich sich der skandinavischen Gruppe anschließen könnte. Als Voraussetzung für die Anerkennung dieser Gruppe in der IPV sollte jedoch jeglicher Kontakt zu Reich und seinen Schülern eingestellt werden. „Harald Schjelderup, Ola Raknes und Nic Hoel wollten diese Forderung grundsätzlich nicht akzeptieren. Seit sie Reich in Berlin kennengelernt hatten, waren sie von seiner Idee der Bedeutung des Körpers für die Analyse fasziniert, und die Art und Weise, wie Reich behandelt wurde, empörte sie.“

Auch Nic Hoel verteidigte Reich auf dem Luzerner Kongress. Sie sprach auf dem Kongress direkt zu den Zuhörern. „Laut Nic Hoel waren die Argumente der IPV gegen Reich defensiv und alles andere als überzeugend: »Die Argumentation eines Teils des Vorstands bezog sich nicht darauf, dass Reich Kommunist oder ‚Häretiker‘ war, sondern darauf, dass er aus psychoanalytischem klinischem Material gesellschaftliche Schlüsse zog.«“ W. Reich war sehr zufrieden, dass ihn Schjelderup trotz anderer politischer Ansichten unterstützte – und zwar mehr als seine marxistischen Kollegen. Ein Vorgriff auf spätere Erfahrungen mit Marxisten, die ihn verrieten oder bekämpften. Schjelderups Unterstützung war auch im Gegensatz zu der der marxistischen Psychoanalytiker kein Lippenbekenntnis, sondern Ausdruck seiner Hochachtung vor Reichs wissenschaftlicher Arbeit.

Nach dem Luzerner Kongress zog Reich auf offizieller Einladung von Schjelderup im Oktober 1934 nach Norwegen.

Nilsen ist der Ansicht, dass Reich seine Experimente aufgrund derselben Einstellung wie Schjelderup durchführte: „Schjelderup und Reich teilten wichtige Ansichten: Beide waren skeptisch, was die neuen spekulativen Tendenzen der Psychoanalyse anbelangte, und beide fühlten sich dem Empirismus verpflichtet. Außerdem teilte Schjelderup die Ansicht, die Reich in der Diskussion über Laienanalyse vertreten hatte: Die Psychoanalyse sei eine klinische Spezialdisziplin und der Medizin zuzuordnen. (…)

Schjelderup nahm Reichs Charakteranalyse ebenso wie die folgenden Arbeiten, die in Richtung Vegetotherapie wiesen, zur Gänze an. Für ihn war Reich der wichtigste Pionier, wenn es darum ging, die Psychoanalyse zu einem stärker empirisch orientierten Fach zu machen, und er lobte Reichs Beitrag (…) öffentlich sowohl in wissenschaftlichen Vorträgen als auch bei internationalen Konferenzen.“

In einem Artikel von 1936 war Schjelderup war der Ansicht, „…dass Reichs neue Charakteranalysetechnik ein neues Zeitalter der Psychologie einläuten könnte:
»Es ist nicht länger der Traum, sondern das Verhalten, das den Königsweg, die Via Regia, zum Unbewußten darstellt. […] Ich verweise interessierte Leser auf Reichs Arbeiten Charakteranalyse und Psychischer Kontakt und vegetative Strömung. Meiner Meinung nach repräsentiert Reichs Charakteranalyse den wichtigsten Fortschritt in der Psychotherapie seit Freud.«

Aus diesem Artikel geht klar hervor, dass Reich von Schjelderup nicht etwa als freundliche Geste in politisch schwierigen Zeiten nach Norwegen eingeladen worden war.“

„Das widerspricht allen bisherigen Darstellungen der Geschichte der Psychoanalyse in Norwegen, die Schjelderup Skepsis gegenüber Reich in den Vordergrund gestellt hatten.“ Hier ist besonders R. Alnæs zu nennen, der häufig in deutschen Publikationen zum Thema zitiert wird.

Schjelderup hoffte mit Hilfe von Reichs Charakteranalyse den Brückenschlag zur „Mainstream-Psychologie in Form des Behaviorismus“ schlagen zu können und damit „einen Beitrag zur wissenschaftlichen Akzeptanz der Psychoanalyse“ zu leisten.

In Bezug auf Reichs „Forschungsprojekt“ zur „Erforschung vieler psychoanalytischer Grundsätze im Lichte anderer Wissenschaften wie der Physiologie und der Zellbiologie“ konstruiert Nilsen allerdings eine Chronologie der Ereignisse. „Reichs so genannte Bionen-Experimente und das später folgende Orgon-Konzept, das er in Oslo entwickelte, wurden zur damaligen Zeit von der Wissenschaft abgelehnt.“ Nebenbei sei festgestellt, dass die Psychoanalytiker zwar ständig behaupten, Reich hätte wissenschaftlichen Humbug betrieben, aber selbst sich nie die Mühe machen, dies auch wissenschaftlich zu belegen, mit der Begründung, Reichs Hypothesen und Experimente wären an sich unwissenschaftlich, so als wären die Psychoanalytiker an sich Experten in Physiologie oder Mikrobiologie.

Zwar ist es richtig, dass Reich schon in Norwegen eine Lebensenergie postulierte, aber die Orgon-Energie benannte er erst am Schluss seines Aufenthalts in Norwegen.

Trotz dieser Ablehnung führte „Reichs Einfluss (…) dazu, dass die norwegische Psychoanalyse die Standardtherapie um die Berücksichtigung von Körpersprache, Muskelspannungen, Gesichtsausdruck, Tonfall, Atmungsweise (…) anreicherte.“

Dann geht Nilsen auf Nic Waal näher ein. Er schreibt: „Sowohl Nic als auch Sigurd Hoel zählten während Wilhelm Reichs Aufenthalts in Norwegen zu seinen engsten Freunden und Kollegen.“ Zu den weiteren Freunden zählt Nilsen Arnulf Øverland, der „ein berühmter Autor, Dichter und Herausgeber [und] …neben Sigurd Hoel der wichtigste Exponent und Pionier des Freudianismus in der Literatur war; er stand Reich auch während dessen Aufenthalt in Oslo nahe. Das Gedicht »Du sollst nicht schlafen«, das erstmals in Wilhelm Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualtheorie erschien, beschreibt einen Traum und stellt Øverlands Treue zur Psychoanalyse von Anfang an unter Beweis. […]

Reich, der ob der mangelnden Ernsthaftigkeit der Norweger und ihrer Ignoranz gegenüber dem Extremismus und der Gefahr, die das Hitler-Regimedarstellte, tief verärgert war, ließ Øverlands Gedicht stolz auf der ersten Seite seines Journals abdrucken – ein Text, der mehr bewirkte als jeder Leitartikel.“

Hier ist anzumerken, dass Reichs Journal Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie (und nicht „Sexualtheorie“ wie Freuds Buch von 1905) hieß.

Bevor Reich Norwegen verließ, kam es zu schweren Spannungen zwischen ihm und Schjelderup. Wahrscheinlich Ende September 1939 schrieb er einen Brief an Schjelderup, „…in dem er ihm mitteilte, dass es Schjelderup nicht länger erlaubt sei, die Begriffe »Charakteranalyse« oder »Vegetotherapie« zu verwenden, da diese seine, Reichs, Erfindungen seien und nur in Zusammenarbeit mit ihm angewendet werden dürften. Reichs bitterer Tonfall war Ausdruck seines Gefühls, von Schjelderup verraten worden zu sein, doch Schjelderup war seinerseits ebenso frustriert von der Art und Weise…“, wie Reich seine Reputation und die der Psychoanalyse durch seine Öffentlichkeitsarbeit geschadet hatte. Schjelderup sah sich gezwungen, wegen Reichs schlechtem Ruf sich von ihm in der Öffentlichkeit zu distanzieren. 1940 veröffentlichte er ein Buch Neurosen und der neurotische Charakter mit Angriffen auf „… den Reichschen Sexualismus und seine Überzeugung, eine befreite Sexualität sei das Allheilmittel gegen sämtliche Neurosen.“ Um sich in der Öffentlichkeit von Reich reinzuwaschen, unterstellte er ihm Positionen, die er gar nicht vertrat, während er therapeutisch weiter mit Reichs Charakteranalyse arbeitete. Während Hoel ihm von der Veröffentlichung während und wegen der deutschen Besetzung abriet, auch weil die darin Kritisierten sich nicht mehr dazu äußern konnten, weil sie auf der Flucht waren, wurde Schjelderup vom prodeutschen Hitleranhänger Klaus Hansen ermuntert, das Buch zu veröffentlichen – was dann auch geschah. Hoel brach daraufhin die Beziehung zu Schjelderup ab, der allerdings in einer Widerstandsgruppe an der Universität mitmachte. Am 15. Oktober 1943 kam er deswegen in ein Konzentrationslager in der Nähe zu Oslo, was er knapp überlebte.

Ein weiterer Anhänger Reichs war Nina Hasvold. Sie stammte ursprünglich aus St. Petersburg, war Kindergärtnerin und ließ sich psychoanalytisch ausbilden. Sie besuchte Reichs Seminare in Berlin und zog 1936 nach Norwegen. Dort bekam sie eine zweijährige Charakteranalyse durch Nic Waal. Sie leitete ein Kinderheim für jüdische Flüchtlingskinder, manche kamen aus kommunistischen Familien. Nach der deutschen Besatzung rettete sie die Kinder in einer verwegenen Flucht nach Schweden.

Ob Hasvold in der ZPPS mitschrieb, wäre m. E. noch zu klären. Ebenso ist ungeklärt, ob Reich bei der Rettung der Kinder aus Deutschland 1938 mitwirkte.

Interessant ist ebenso, dass Trygve Braatøy, Ola Raknes und Sigurd Hoel nach Schweden flüchteten.

Nach dem Krieg verhinderte der ehemalige Einfluss Reichs den Anschluss der Norweger an die IPV. Erst nach dem Tod von Schjelderup 1975 wurde die norwegische Vereinigung in die IPV aufgenommen.

320x

Wladimir Putin und Lew Gumiljow

25. September 2015

Lew Gumiljow (1912-1992), ein sowjetischer Historiker, Ethnologe und Anthropologe prägt seit der Endzeit der Sowjetunion den antiwestlichen, „eurasischen“ Diskurs sowohl der rechtsradikalen Kreise in Rußland als auch bei den russischen Randvölkern, den von Gumiljow glorifizierten „Steppenvölkern“. Das ganze bezeichnet man als „Neo-Eurasianismus“. Gumiljow ist sozusagen der „Karl Haushofer“ eines neuen Nationalsozialismus.

In den 1950er Jahren begann Gumiljow sich mit der Geschichte der Kazaren und anderer Steppenvölker im mittelasiatischen Teil der Sowjetunion zu beschäftigen. Für ihn stellen die Russen im Verbund mit den Steppenvölkern eine „Großethnie“ dar, die sich immer wieder gegen den Hauptfeind, die Großethnie „katholisches Europa“, zur Wehr setzen mußte. Die Steppenvölker hätten dabei der gemeinsamen Mission wiederholt neue Kampfkraft beigesteuert, nachdem die Russen jeweils der Trägheit verfallen waren.

Die in einzelnen Erscheinungen vielleicht bedauerliche, in ihrer Gesamtheit jedoch fruchttragende Migration aus den südlichen Steppengebieten sei von Trockenperioden und der Wüstenausbreitung bestimmt gewesen, die wiederum auf die Sonnenaktivität und andere kosmische Einflüsse zurückgingen. Die „kosmischen Strahlen“ hätten diesen Völkern gleichzeitig auch „passionarnost“ verliehen; die Passion, Energie, Vitalität, den inneren Impetus, um andere Völker zu übermannen. Diese Strahlen seien vielleicht sogar für Mutationen und das Auftreten neuer „Rassen“ verantwortlich.

Im Rückgriff auf u.a. Wladimir Wernadski sind für Gumiljow Menschen „Funktionen“ der Biosphäre. Die Ethnien seien nicht nur eine Ansammlung von Individuen, sondern Teil umfassender „biogeochemischer“ Prozesse. Sie wären dem Zweiten Thermodynamischen Gesetz unterworden, der zum Energieausgleich und Stillstand führt, gäbe es nicht Phänomene gleicher Stärke, die dem entgegenwirkten. Die lebendige Materie besäße anti-entropische Eigenschaften. Diese Energie sei genauso real wie jene, die von den Physikern studiert wird.

Sie bringt die Organismen dazu sich zu entfalten und zu vermehren. Dazu zählten auch die Menschen und Völker. Ausgelöst durch die bereits erwähnten „kosmischen Strahlungen“, die bestimmte Abschnitte der Erdoberfläche unabhängig von geographischen Barrieren träfen, würde es zu „passionierten“ Eruptionen und Exzessen bei den Völkern kommen, mit deren Hilfe sie die akkumulierte Energie wieder entladen. Dies erkläre warum mächtige Eroberer schnell wieder in Vergessenheit geraten. Ihr „Erschlaffen“ ist nur allzu natürlich.

Die entsprechenden energetischen Prozesse führen gesetzmäßig nacheinander zum Aufstieg einer Ethnie, ihrer Entwicklung, dem imperialen Höhepunkt, gefolgt von Trägheit, Rückzug und Erinnerung an die glorreichen Zeiten. Beim Aufwallen der nationalen Passion und ihrer „orgasmischen“ Entladung komme es zu den großen Eroberungen. So sah Gumiljow beispielsweise das derzeitige Verhältnis zwischen dem trägen Europa und dem von nationaler Passion getriebenen Arabien.

James DeMeo verweist in seinem Buch Saharasia zwar auf Gumiljows Forschungen über die Auswirkungen von Dürreperioden in Zentralasien auf die Wanderungsbewegungen der Steppenvölker, erwähnt jedoch weder die quasi „orgonomischen“ Anteile von dessen Theorie noch, daß Gumiljow sozusagen eine „faschistische Variante der Saharasia-Theorie“ vertritt. Geradezu zwangsläufig muß dieser „Anti-DeMeo“ im Antisemitismus münden: Für ihn stehen die Juden außerhalb der beschriebenen energetischen Prozesse. Sie seien ein merkantiler Fremdkörper, der in keiner organischen Beziehung zu seiner Umwelt steht.

Um das richtig einordnen zu können, verweise ich auf meine Ausführungen in Der Blaue Faschismus, wo gezeigt wird, daß der Nationalsozialismus auf ähnlichen quasi „orgonomischen“ Theorien beruht.

Gut möglich, daß der Westen (Gumiljows „europäisch-katholische Großethnie“) wie zuvor im Zweiten Weltkrieg erneut ein dem Wahnsinn anheimgefallenes Volk zur Räson bringen muß…

Die Weltgeschichte ist imgrunde nur eins: die Ausbreitung der Emotionellen Pest aus dem eurasischen Kernland und die Abwehrschlacht der „merkantilen Seemächte“ (insbesondere England und seine Kolonien) dagegen. Gumiljow ist der Prophet der Emotionellen Pest.

Sein Werkzeug ist der Faschist Putin, der von einer absurd hohen Prozentzahl von Islamkritikern und Pegida-Sympathisanten. „Präsident Putin hebt oft die Bedeutung des Islam für Rußland hervor. Rußland sei ein multinationales und multireligiöses Land, und Europa könne, was das Zusammenleben angehe, von Rußland lernen. Bei einer Rede hat er sogar Experten zitiert, die meinten, die russische Orthodoxie sei dichter am Islam als am Katholizismus.“

Parkinson und die Arbeitsdemokratie

24. September 2015

In Äther, Gott und Teufel kritisiert Reich 1949 die übliche Vorstellung vom Gehirn als „Steuerzentrum“ des Organismus:

Der Mechanismus begreift das Prinzip der Organisation nicht. (…) Für ihn gibt es eine Rangordnung der Organe im Organismus. Das Gehirn als das „höchste“ Entwicklungsprodukt ist zusammen mit dem Nervenapparat des Rückenmarks der „Direktor“ des ganzen Organismus. Der Mechanismus nimmt ein Zentrum an, von dem alle Impulse ausgehen, die die Organe bewegen. Jeder Muskel hat, durch den betreffenden Nerv vermittelt, sein eigenes Zentrum im Gehirn oder im Zwischenhirn. Woher das Gehirn selbst seine Aufträge bekommt, bleibt ein Rätsel. (S. 123)

Reich zufolge funktioniert das menschliche Gehirn jedoch wie folgt:

Für den Funktionalismus gibt es kein „höheres“ Zentrum und kein „niederes“ Ausführungsorgan. Die Nervenzellen erzeugen nicht die Impulse, sondern vermitteln sie bloß. Der Organismus als Ganzes bildet ein natürliches Kooperativ gleichwertiger Organe verschiedener Funktion. Wenn die natürliche Arbeitsdemokratie biologisch begründet ist, so finden wir sie in der harmonischen Kooperation der Organe vorgebildet. (…) Die Funktion selbst steuert die Kooperation. (S. 124, Hervorhebungen hinzugefügt)

Dies läßt sich anhand der neusten Forschungsergebnisse über die Parkinsonkrankheit illustrieren, die das bisherige mechanistische Verständnis völlig auf den Kopf stellen.

Bislang glaubte man, daß der sogenannte Nucleus subthalamicus, eine erbsengroße Struktur in den Tiefen des Gehirns, wie eine Art „Störsender“ wirke, ständig fehlerhafte Signale an die Muskeln der Parkinsonpatienten sende und so zu einer versteiften Muskulatur und unkontrolliertem Muskelzittern führe. Der Neurologe Lars Timmermann und seine Forschungsgruppe von der Universitätsklinik Köln hat jedoch mit neuen Rechnungsverfahren, die sie aus der Volkswirtschaftslehre übernommen und auf neuronale Modelle übertragen haben, herausgefunden, daß es genau umgekehrt ist: die krankhafte Aktivität kommt aus den Muskeln selbst! Vom Muskel verlaufen „afferente“ Signale zum Nucleus subthalamicus hin. Er scheint „eine Art Relais zu sein, eine Art Umschaltstation, wo ganz viel Information von allen Seiten reinfließt, umgerechnet wird und dann als Output, an das weitere Gehirn weitergegeben wird“.

Sogar das Aussehen der Nervenzellen scheint diese These zu bestätigen, so Timmermann: „Die haben ganz viele Ausläufer, greifen von überallher Informationen und scheinen diese ganz gebündelt an einer Stelle weiterzugeben.“ Es scheint also tatsächlich so zu sein, daß der Nucleus subthalamicus im Gehirn die fehlerhaften Signalen aus den Muskeln aufnimmt und dadurch letztlich selbst zu krankhafter Aktivität angeregt wird. Dadurch entsteht eine Rückkopplungsschleife, die kaum unterbrochen werden kann.

Alles wie bei Reich, inklusive der Bezug auf die Arbeitsdemokratie (Volkswirtschaftslehre)!

Timmermanns Forschungen verweisen auf die Muskelpanzerung (versteifte Muskeln) als Ursprung der Parkinsonerkrankung.

Diese Sichtweise wird nun durch eine Untersuchung von Beate Ritz (University of Californnia) et al. gestützt, die eine starke Korrelation zwischen dem Risiko an Parkinson zu erkranken und der „muskelversteifenden“ DOR-Belastung („starke Luftverschmutzung“) fanden. Unabhängig vom Geschlecht ist das Risiko für Menschen in Großstädten (hier Kopenhagen) 21 Prozent höher als für Landbewohner, bei Kleinstädtern sind es 10 Prozent.

Christentum und die Biologische Revolution (Teil 2)

23. September 2015

Für Reich war Christus das Symbol des Ungepanzerten. Die Christus-Geschichte beschrieb das tragische Schicksal des Lebendigen in einer lebensfeindlichen Welt. Man müsse Jesu wahre Geschichte nur aus den Deckschichten befreien, mit der Paulus und die Kirchenväter sie verkleistert haben. Das kann man alles in seinem Buch Christusmord nachlesen. Leider kann gerade aus der Christus-Geschichte ebenso ein lebensfeindlicher Mythos gemacht werden. Entsprechend wird man aus dem Umgang der „Reichianer“ mit der Christus-Geschichte vielleicht am ehesten den Blauen Faschismus ablesen können.

Die Nazis etwa waren in ihrer Eigensicht „lebenspositive“ Kräfte des Lichts und der Liebe gegen finstere sadistische „Dämonen des Verfalls“. Im Parteiprogramm von 1920 erklärten sie ihre Lehre als vereinbar mit dem „positiven Christentum“. Die Partei bekämpfe „den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns“. Vom Christentum übernahm der Nationalsozialismus, daß die Juden das Haupthindernis für die Erlösung der Menschheit seien. Später verbanden wiederum die „Deutschen Christen“ ihr „positives Christentum“ mit „politischem Kämpfertum“. 1933 verkündete der Gauobmann der Deutschen Christen von Großberlin, Dr. Reinhold Krause, im Berliner Sportpalast:

Wenn wir aus den Evangelien das herausnehmen, was zu unserem deutschen Herzen spricht, dann tritt das Wesentliche der Jesuslehre klar und leuchtend zutage, das sich – und darauf dürfen wir stolz sein – restlos deckt mit den Forderungen des Nationalsozialismus. (z.n. Werner Reichelt: Das Braune Evangelium, Wuppertal 1990, S. 97)

Wenn sie „Dein Reich komme!“ beteten, meinten sie das Dritte Reich als „Tausendjähriges Reich“ aus der Apokalypse des Johannes (Offb 20,3). Grundbegriffe des „deutschen Christentums“ waren „Blut und Boden“, „Rasse und Volk“, „Schicksal, Ehre und Heldentum“ und ihr Symbol war das Zeichen der „unbesiegbaren Sonne“, das Hakenkreuz – Christus, der Sol invictus. Ähnlich wie der Katholizismus war auch der Nationalsozialismus ein Sonnenkult. Für die Nazis war Christus der arische Lichtbringer, in der Anthroposophie ist Christus der „Sonnengeist“, beider Symbole ist die Swastika. Beider Kampf galt den dunklen sexuellen „Kräften der Erde“, den sexuellen „dämonischen unterirdischen Kräften“. Norden (Geist) gegen Süden (Genital).

Bereits für den in Der Blaue Faschismus erwähnten Jörg Lanz von Liebenfels war das Christentum in seinem Kerngehalt „arischer Ahnen- und Rassenkult“. Lanz zufolge ist Christus „Frauja-Jesus“, bzw. der germanische Gott Fro. Lanz wollte, genauso wie Rudolf Steiner, eine „Johanneskirche“, „eine Kirche des heiligen Grals“ begründen. Die arische „Reinheit“ wird durch die Emanzipation der Frauen, mit ihrem „Hang zu Niederrassigen“, und durch die Emanzipation der ebenso triebhaften Juden gefährdet. Der Jude ist bedrohlich und gleichzeitig sexuell faszinierend. Er ist hinterhältig (intellektuell), feige (weibisch) und grausam (tierisch).

Später sollte Himmler soweit gehen, als geheime Kommandosache Expeditionen nach Südfrankreich zu entsenden, um dort im Gebiet der Albigenser, bzw. Katharer nach dem „Heiligen Gral“ suchen zu lassen.

Am 14.2.1942 notierte sich Goebbels in sein Tagebuch:

Die Juden haben die Katastrophe, die sie heute erleben, verdient. Sie werden mit der Vernichtung unserer Feinde auch ihre eigene Vernichtung erleben. Wir müssen diesen Prozeß mit einer kalten Rücksichtslosigkeit beschleunigen und wir tun damit der leidenden und seit Jahrtausenden vom Judentum gequälten Menschheit einen unschätzbaren Dienst.

Der „Christussozialist“ Goebbels hat in diesem Geiste Christus als „das Genie der Liebe“ bezeichnet, als solches sei er „der diametrale Gegenpol zum Judentum, das die Inkarnation des Hasses darstellt“. Wir müssen, so Goebbels, Christus „aufs neue in uns erwecken“ (Claus-E. Bärsch: „Antijudaismus, Apokalyptik und Satanologie“ Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 1988, S. 112-133). Auschwitz läßt sich nicht mit bloßem Rassismus oder Völkerhaß erklären, sondern am ehesten mit der Johanneischen Botschaft.

Da Hitler fanatischer Wagnerianer war, kann man sich dieses nationalsozialistische „Glaubensgut“ wohl am besten anhand von Wagners Parsifal vergegenwärtigen. Wagner behauptete, sein Drama würde „die höchsten Mysterien des christlichen Glaubens“ auf der Bühne darstellen. Zentral steht dabei die manichäische Dichotomie zwischen dem solarischen Parsifal, als Personifikation des reinen Ariers, und dem tellurischen Klingsor, der die satanische Macht des Judentums, Machtpolitik und schmutzige Sexualität verkörpert. Parsifal vertritt ein vom Judentum gereinigtes Christentum: „Erlösung dem Erlöser“, Erlösung Christi von den Juden.

Dieses „Johanneische Christentum“ bezieht sich auf biblische Aussagen, wonach die Juden „zum Gefolge Satans gehören“ (Offb 2,9) und „Kinder des Teufels“ (Joh 8,44) sind. Wagner und die Nazis kämpften gegen Satan, d.h. die egoistische, machthungrige geistige Blindheit, die durch die jüdische Rasse verkörpert wird, die den arischen Erlöser Jesus Christus ermordete. Hitler war von der Johanneischen Materie- und Leibfeindlichkeit beseelt, und wollte als vergeistigter, vegetarischer Reinheitsfanatiker die „materiellen Juden“ buchstäblich wie Ungeziefer vertilgen und wie Christus die jüdischen Geldwechsler aus dem Tempel vertreiben.

In der hellenistischen Gnosis gab es einen Erlöser, der aus der antiweltlichen Lichtzone herabstieg, um die Menschen aus der sündigen Welt zu erretten. Im christlich-gnostischen Mythos wurde diese Welt von den Juden symbolisiert, die zum „Herren dieser Welt“ beteten. Genauso war für Hitler „der Weltjude“ „der Widersacher“. Das besondere am Wagnerianertum und infolge am Nationalsozialismus war nun die Naturalisierung dieses manichäischen Reinheitswahns, die Biologisierung des Grals-Christentums: die Idee des „unbefleckten“ Blutes und der gewalttätigen Darwinistischen Durchsetzung dieses reinen Blutes gegen die degenerativen dunklen Mächte des Bösen. Für Hitler war der arische Christus kein defensiver Mensch, sondern ein heroischer Kämpfer des Lichts gegen die verräterischen Juden.

Dem Antisemitismus-Forscher Robert Wistrich zufolge ist das „Entweder-Oder“ der innerste Kern der Hitlerschen Weltanschauung. 1922 hatte Hitler gesagt, daß er sich grade als Christ verpflichtet fühle, Antisemit zu sein:

Mein christliches Gefühl weist mich hin auf meinen Herrn und Heiland als Kämpfer. Es weist mich hin auf den Mann, der einst einsam, nur von wenigen Anhängern umgeben, diese Juden erkannte und zum Kampfe gegen sie aufrief, und der, wahrhaftiger Gott, nicht der Größte war als Dulder, sondern der Größte als Streiter. (Der antisemitische Wahn, Ismaning 1987, S. 252)

Hitler fand für seinen Fanatismus

eine Bestätigung in einem bekannten Ausspruch Christi: „Was nicht heiß und nicht kalt ist, wird ausgespien aus dem Munde“ (Offb 3,16). Mehr als einmal zitierte Hitler diesen „Ausspruch des großen Nazareners“ als Zeugnis gegen jene, die an den goldenen Mittelweg glaubten, ob in der Politik oder im Leben. „Dieser Halbwille ist (so sagt Hitler) die Schwäche und vielleicht der größte Fluch, der auf Deutschland lastet.“ (ebd., S. 76f)

Hitler habe, so Wistrich, im Juden den „Satansmenschen“, das „auserwählte Volk“ eines fremden Gottes der Finsternis gesehen. Sein Antisemitismus habe „eine metahistorische Dimension, die aus der Wahrnehmung einer Rivalität zweier Gottheiten, die nicht nebeneinander existieren können, resultiert“. Er hätte in seiner Politik den Endzeitvisionen Martin Luthers und jener christlichen Sektierer entsprochen, die glaubten, in Gottes Auftrag die Welt zu erlösen, indem sie im endzeitlichen Krieg der Kräfte des Lichts gegen einen teuflischen Feind die „Söhne des Teufels“ beseitigen. Die „Endlösung“ war demnach das Jüngste Gericht, die endgültige Entscheidung zwischen Gut und Böse und damit die Wiederherstellung des Paradieses (ebd., S. 76f). Alfred Rosenberg sah sich entsprechend in der Traditionsfolge: Albigenser, Waldenser, Katharer, Arnoldisten, Stedinger, Hugenotten, Reformierte, Lutheraner, NSDAP.

Wistrich merkt dazu an:

In den Reden, die Hitler in den Jahren der Kampfzeit besonders im katholischen Bayern hielt, verglich er seine eigene Heilslehre (…) zuweilen mit der von Jesus Christus. Wie dieser lebe auch er in einer „materialistischen, jüdisch verseuchten Welt“, in der die staatliche Macht korrupt und unfähig geworden sei. Der Jesus Christus der Hitlerschen Selbstprojektion hatte eine politisch-religiöse Bewegung von Weltrang dadurch begründet, daß er eine mit patriotischen Idealismus vermischte, populäre antijüdische Botschaft verkündete. Hitler wollte es ihm in gewisser Weise nachtun.

Er habe, so Wistrich weiter, immer wieder daran erinnert, daß Jesus „wenn nötig, sogar zur Peitsche griff, um aus dem Tempel des Herr diesen Widersacher jedes Menschentums (die Juden) zu treiben. (ebd., S. 76)

Hitler 1922 in einer Rede:

In grenzenloser Liebe lese ich als Christ und Mensch die Stelle durch, die uns verkündet, wie der Herr sich endlich aufraffte und zur Peitsche griff, um die Wucherer, das Nattern und Otterngezücht (Mt 23,33) hinauszutreiben aus dem Tempel (Joh 2,15). Seinen ungeheuren Kampf aber für diese Welt, gegen das jüdische Gift, den erkenne ich heute, nach zweitausend Jahren, in tiefster Ergriffenheit am gewaltigsten an der Tatsache, daß er dafür am Kreuz verbluten mußte. (z.n. Wistrich, S. 251)

Hitler wollte, wie er 1923 in einer Rede sagte, einen neuen Christusmord durch „die Juden“ verhindern: „Wir wollen vermeiden, daß auch unser Deutschland den Kreuzestod erleidet!“ Die christlichen Anklänge verband Hitler wohl mit dem Aufruf zur Inhumanität gegen „die Juden“, aber nur, um, wie er sich ausdrückt, dadurch „der Sittlichkeit wieder Bahn zu brechen“ (ebd., S. 61). 1933 bezeichnete er die Juden als „Brunnenvergifter des deutschen Volkes und des universellen christlichen Geistes“ (ebd., S. 139).

In einer Rede von 1926 ging Hitler so weit, Jesus als den ersten Nationalsozialisten zu porträtieren:

Die Geburt dieses Mannes, die an Weihnachten gefeiert wird, ist für Nationalsozialisten von größter Bedeutung. Christus war der größte Pionier im Kampf gegen den jüdischen Weltfeind. Christus war die größte Kämpfernatur, die je auf Erden gelebt hat. (…) Der Kampf gegen die Macht des Kapitals war sein Lebenswerk und seine Lehre, für die er von seinem Erzfeind, dem Juden, ans Kreuz genagelt wurde. Die Aufgabe, mit der Christus begann, die er aber nicht zu Ende führte, werde ich vollenden. (Robert Wistrich: Der antisemitische Wahn, Ismaning 1987, S. 252).

1926 gelobte Goebbels Hitler:

Mag ein Tag kommen, wo alles zerbricht, wir zerbrechen dann nicht. Dann mag eine Stunde kommen, wo der Mob um Sie geifert und grölt und brüllt, „kreuzigt ihn!“, wir stehen dann eisern und brüllen und singen: „Hossianah“.

Einer Abordnung von Auslandsdeutschen erklärte Rudolf Heß: „Geht hinaus und berichtet: Deutschland wird leben, weil ein Adolf Hitler lebt.“ Auf einer Kundgebung: „Wir wählen Adolf Hitler, weil er durch seine Taten und sein Leben bewiesen hat, daß er die Verkörperung alles Guten im deutschen Menschen ist.“ Hitler wurde ganz offen als neuer Christus verkündet, so erklärte Heß 1939:

Wir Deutsche blicken ruhigen und festen Mutes in die Zukunft, was sie uns auch bringen möge. In vergangenen Jahren war alles, was kam an Gutem und Bösem, notwendig für das Leben und für den Aufstieg unseres Volkes. Und wir haben den Glauben, daß es auch künftig so ist. Wir wissen, daß alles, was gegen das neue Deutschland und seinen Führer unternommen wurde, sich immer auswirkte für das neue Deutschland und für den Führer. Es wird auch künftig so sein, denn wir haben den Glauben, daß der Höchste mit Deutschland ist und seiner gerechten Sache. Denn wir haben den Glauben, daß der Höchste uns den Führer gesandt hat zur Rettung aus tiefster Not. Indem wir zum Führer stehen, erfüllen wir den Willen dessen, der uns den Führer gesandt. (z.n. H.J. Gamm: Der braune Kult, Hamburg 1962, S. 40)

Gamm führt dazu aus:

Theologisch betrachtend könnte man sagen, hier entstand eine Art vollständiger Christologie. Die Verbindung Hitlers mit Gott führte dazu, daß im Führer eine nahezu allmächtige Persönlichkeit gesehen wurde. Sein Tun war sozusagen rückversichert bei dem, der ihn gesandt haben sollte. Der Glaube an seine Sendung wuchs im Volk mehr und mehr, und etwas Mystisches begann ihn zu umgeben. Diese Heiligensehnsucht der Massen wußten die Propagandisten geschickt zu stillen. (…) Zum letzten Male sprach Joseph Goebbels über den Großdeutschen Rundfunk am 19. April 1945, dem Vorabend des Führergeburtstages; bereits drei Wochen später war das Reich zusammengebrochen. Damals sagte Goebbels, die Stunde vor Sonnenaufgang sei stets die dunkelste, doch dürfe man nicht verzagen, denn der Führer wisse einen Weg. Auf ihn gelte es gläubig zu vertrauen und seine Pflicht bis zum letzten zu erfüllen.

Man denkt dabei unwillkürlich an: „In der Welt habt ihr Angst; aber seit getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33). Goebbels nannte Hitler „Umgestalter der Menschheit“, „auserwählter Führer eines auserwählten Volkes“.

Hitler war der prototypische Vertreter des „Unbekannten Soldaten“, der aus dem Schattenreich zurückkehrt, um als Bote des Lichtreiches den Frühling zu bringen und die Finsterlinge in den dunklen Abgrund zu stoßen. Wie Werner Reichelt in seinem Buch Das Braune Evangelium (Wuppertal 1990) belegt, hat Hitler sein ganzes Leben, seine Wirkung und seine nacherzählte Vita, nach dem Muster der Evangelien aufgebaut. Hitler selbst verkündete 1936:

Heute nun, mein deutsches Volk, rufe ich dich, tritt du jetzt mit deinem Glauben hinter mich! Sei du jetzt die Quelle meiner Kraft und meines Glaubens. (…) Deutsches Volk, ich habe dich glauben gelehrt, jetzt gib du mir deinen Glauben! (z.n. Reichelt, S. 58f)

Die „Volksgemeinschaft“ war die nationalsozialistische Adaption des Corpus Christi. In einem Gedicht Baldur von Schirachs kam dies so zum Ausdruck:

Ihr seid viel Tausend hinter mir, und ihr seid ich, und ich bin ihr. Ich habe keinen Gedanken gelebt, der nicht in euren Herzen gebebt; und forme ich Worte, so weiß ich keins, das nicht mit eurem Wollen eins. Denn ich bin ihr, und ihr seid ich, und wir alle glauben, Deutschland an dich. (z.n. Gamm, S. 30)

In seinem ganzen Aufbau und Gepräge war der Nationalsozialismus als „die deutsche Glaubensbewegung“ „Katholizismus ohne Christentum“: durchgestaltetes Ritual, Märtyrerkult, Prozessionen, „deutsche Weihestätten“, nationalsozialistische Volksandachten, das „nationalsozialistische Kirchenjahr“, Passionsspiele, Feiern für die Märtyrer der Bewegung, liturgische Handlungen, päpstliches Führerprinzip, Hierarchie, Ordensgedanke; Errichtung von „Ordensburgen“, in denen in der „reinen“ Lehre unterwiesen wurde; absolute Beugung unter Hitlers Lehre, außerhalb der es kein Heil gab; dauernde Rede vom „Schöpfer“, dem „Allmächtigen“ und der „Vorsehung“.

Ostern steht nicht mehr für die Auferstehung Christi, sondern für die ewige Erneuerung des deutschen Volkes und Weihnachten feiert man die Geburt des deutschen Heilands: „des Geistes der Heldenhaftigkeit und Freiheit unseres Volkes“. Das Opfer auf Golgatha wurde mit dem Opfer in den Schützengräben gleichgesetzt. Das Kreuz der Christen entsprach dem Opfergang des deutschen Soldaten. Das Kreuz ist durch das Hakenkreuz zu ersetzen und statt des Blutes des bisherigen Erlösers ist das reine Blut des deutschen Volkes zu zelebrieren. Das Blut Christi kann erlösen, weil es rein ist und es ist rein, weil er in Keuschheit gezeugt wurde. Das Blut des Ariers ist rein wegen der Reinheit seiner Rasse. Neue Hauptreliquie ist die „Blutfahne“, die mit dem erlösenden Blut der Elite der Arier getränkt ist. Hitler küßt die Blutfahne, wie der gläubige Christ die Wunden Christi. „Wein und Brot“ wird durch „Blut und Boden“ ersetzt. Der christliche Seelenbegriff wird mit dem „Blut“ gleichgesetzt. Erlösung ist dann biologische Erbgesundung. Kreuzigung des „arischen Christus“ ist identisch mit der „Rassen-Kreuzung“. Der Heiligenkult ist durch den Kult der „Märtyrer der Bewegung“ zu ersetzen. Entsprechend dem Ritus der Eucharistie ist die deutsche Ackerfrucht als heilige Gabe zu empfangen und als Symbol der ewigen Volksgemeinschaft zu essen, wie bisher der Leib Christi genossen wurde. Aus dem „Nächsten“ wurde der „Rassegenosse“. Aus dem fleischgewordenen Wort wird Hitler, als der „leibhaft gewordene Befehl“ der völkischen Vorsehung. Der Arier ist der neue Adam, Christus. In Mein Kampf schreibt Hitler:

Das Untergraben des Bestandes der menschlichen Kultur durch Vernichtung ihres Trägers aber erscheint in den Augen einer völkischen Weltanschauung als das fluchwürdigste Verbrechen. Wer die Hand an das höchste Ebenbild des Herrn zu legen wagt, frevelt am gütigen Schöpfer dieses Wunders und hilft mit an der Vertreibung aus dem Paradies.

Hier ein schönes Beispiel. Eine Rede von Göring 1933 kurz nach der „Machtübernahme“: Hitler als Christus. Und so ging das 12 Jahre lang ununterbrochen!

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Christentum und die Biologische Revolution (Teil 1)

22. September 2015

Zum Beispiel heute im IC: eine Blonde, leicht ins Rötliche gehend, „nordischer“ kann man gar nicht sein, mit einer Goldkette um den Hals, – an der ebenfalls in Gold der afrikanische Kontinent hing. Sie war mir vorher, d.h. bevor mir die Kette ins Gesicht gesprungen war, aufgefallen, weil sie den Neger, der Snacks verteilte und zu dem sie zu keiner Zeit Blickkontakt hatte, d.h. vollkommen anlaßlos, so auffallend wohlwollend und freundlich angeschaut hatte. Es ging nicht um seine Person, sondern einzig und allein um seine Rasse! Hitler, bzw. der Kampf gegen Hitler, hat uns dazu gebracht alles Eigene zu verachten und zu hassen und alles Fremde auf rassistische Weise, d.h. ohne das Individuum zu sehen, zu verehren und zu lieben.

Diese Perversion geht jedoch tiefer. Wir sind so, weil wir Christen sind, d.h. „dem Fremden“ unser letztes Hemd geben.

Es wird fast universell verkannt, daß Giordano Bruno ein Todfeind des Christentums im allgemeinen und von Jesus Christus im besonderen war. Die Angriffe Brunos gegen Jesus Christus treten nirgendwo deutlicher hervor als in jener Passage eines seiner Dialoge, die auf die Frage Neptuns, was mit Orion (Brunos Name für „Christus“) geschehen solle, folgende Antwort des Momus wiedergibt:

Dieser versteht es ja, allerlei Wunderwerke zu verrichten, und wie Neptun weiß, kann er über die Wogen des Meeres hinwandeln, ohne einzusinken, ja ohne sich die Füße zu benetzen, und deshalb wird er auch noch viele andere schöne Kunststücke aufführen können; so laß uns ihn unter die Menschen senden und diesen durch ihn begreiflich machen, was uns irgend gut und genehm anmutet, indem er sie glauben läßt, daß weiß schwarz ist, daß der menschliche Verstand, gerade wo er am Klarsten zu sehen glaubt, nur Blindheit, daß demnach alles, was der Vernunft vortrefflich, gut oder als das Beste erscheint, nur gemein, verwerflich und äußerst böse ist, daß die Natur nur eine feile Dirne, das Naturrecht nur eine Schurkerei ist, daß Gott und die Natur niemals zu ein und demselben Endzweck zusammenwirken können und daß die Gerechtigkeit der einen nicht der Gerechtigkeit des andern untergeordnet, sondern ganz und gar entgegengesetzt ist wie die Finsternis dem Licht“ (Vertreibung der triumphierenden Bestie, übersetzt von L. Kuhlenbeck, 2. Aufl., Leipzig 1904, S. 242; z.n. Jochen Winter: Giordano Bruno. Eine Einführung, Düsseldorf: Parerga, 1999, S. 116).

Ein härterer und kompromißloserer Angriff auf das Christentum ist kaum denkbar! Bruno wirft Jesus und dem Christentum vor, das Naturrecht negiert, die natürliche Ordnung auf den Kopf gestellt und sich damit gegenüber Gott versündigt zu haben, der sich in der Natur offenbart. Tatsächlich hat sich das Christentum immer wieder als Verhängnis für alles Gute, Wahre und Schöne erwiesen, da es jede natürliche Regung, etwa das eigene Territorium gegenüber anstürmenden „Hilfesuchende“ zu schützen, negiert und in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Oder wie jetzt der katholische Bischof Franz-Josef Overbeck gesagt hat: „Deutschland darf nicht für Selbstbehauptung stehen!“

Für Nietzsche war das Christentum ein fluchwürdiger Pesthauch aus der Hölle: „Dächte man sich das Christentum, in seiner ganzen Stärke aufgefaßt, als herrschend, dächte man sich, daß keine Kräfte dagegen wirken, so würde es in kurzer Zeit den Untergang des Menschengeschlechts herbeiführen“ (Studienausgabe Bd. 9, S. 76). Man mache das Fernsehen an und man wird sehen, daß Nietzsche ein Prophet war! „Wir finden im Gefolge des Buß- und Erlösungstraining (…) jene todsüchtigen Massen-Delirien, deren entsetzlicher Schrei ‚evviva la morte‘ über ganz Europa weg gehört wurde (…)“ (Studienausgabe Bd. 5, S. 391f). Im christlichen Gott sieht er „das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heiliggesprochen!“ (Studienausgabe Bd. 6, S. 185). Man geht zum Hauptbahnhof und klatscht verzückt Beifall, wenn die Vernichtung des eigenen Volkes aus den Zügen steigt – und Margot Käßmann lächelt milde, weil das gesellschaftliche Immunsystem ausgeschaltet ist…

Das Christentum ist eine verhängnisvoll mißglückte Biologische Revolution:

Reich hat die Psychoanalyse als den Vater und den Marxismus als die Mutter der Sexualökonomie bezeichnet. Beide Doktrinen beinhalten eine radikale Kritik der Religion, die als Herrschaftsinstrument entlarvt wird. Aber ausgerechnet beim Christentum, bzw. bei Jesus zielt diese Kritik ins Leere.

Es ist gerade Jesus, der die schwere Last des Vaters, das Über-Ich, von den Menschen nehmen will:

Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben. Kommt doch zu mir; ich will euch die Last abnehmen! Ich quäle euch nicht und sehe auf keinen herab. Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung. Was ich anordne, ist gut für euch, und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last. (Mt 11,28-30)

Für Jesus ist Gott „mehr ein Geschehen als ein Sein, mehr eine Bewegung als ein Begriff, mehr Wille als Idee, und eben dieser göttlichen Dynamik entspricht der geheimnisvolle Wachstumsprozeß zwischen Aussaat und Ernte“ auf den Jesus in seinen Gleichnissen anspielt (Heinz Zahrnt: Jesus aus Nazareth, München 1987).

Und was nun den Marxismus betrifft, möchte ich nur Ernst Bloch zitieren:

Als Menschensohn, als herrschaftsfreier Mensch, ist Jesus Atheist. Jesus ist der Mensch, der den autoritären Himmelsgott entthront und sich an die Stelle Gottes setzt. Die Wiederkunft des Menschensohns Christus ist die Heraufkunft des neuen Menschen, der sich von Gott und allen anderen Herren befreit hat. Der Menschensohn und Mensch ersetzt den Herrengott. (z.n. Horst Georg Pöhlmann: Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988)

Ein Gutteil dieser ursprünglichen, „anarchokommunistischen“, libertinistischen Lehre Jesu, hat wohl die gnostische Sekte der Karpokratianer noch einige Zeit am Leben erhalten können. Hierzu verweise ich auf den marxistischen Artikel von Karl Muster unten.

THEOLOGIE – SPOTET IHRER SELBST UND WEISS NICHT WIE
Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie Band I, Heft 3, 1934

Äußerungen, wie die folgende stehen in der Antike nicht vereinzelt da (vgl. Platon Staat, Aristophanes Ekklesiazusen). Erinnerungen an das mutterrechtliche Zeitalter, das ja noch gar nicht so lange verflossen war, mögen in ihnen mitgeschwungen haben. Doch derartige Kritiken an Eigentums- und Sexualordnung mußten Utopien bleiben, da die antike Produktionsweise die Herausbildung eines Proletariats als seiner geschichtlichen Rolle bewußter Klasse nicht gestattete.

Epiphanes, der Sohn des Häretikers Karpokrates, so berichtet der Kirchenvater Clemens Alexandrinus (Stromateis Buch 3, Cap. 2, verfaßt etwa 190 n.Chr.) schreibt in seinem Buch „Über die Gerechtigkeit“:

Die Gerechtigkeit Gottes ist eine Art Gemeinschaft mit Gleichberechtigung. Denn gleichmäßig und nach allen Seiten hin ausgespannt umfaßt der Himmel im Kreise die Erde, gleichmäßig zeigt die Nacht die Gestirne. Und die Sonne, die den Tag bewirkt und das Licht zeugt, … sehen alle gemeinsam, da Gott darin nicht Reich und Arm, Volk und Fürsten, Unbesonnene und Besonnene, Frauen und Männer, Freie und Sklaven unterschieden hat …
Die Gesetze der Menschen aber konnten die Unwissenheit nicht bändigen und lehrten Unrecht tun. Die Beschränkung durch die Gesetze zerschnitt und zernagte die Gemeinschaft. Das „Mein“ und das „Dein“ ist durch das Gesetz hereingekommen, da die Menschen nicht mehr zu gemeinsamen Genuß von Erde und von Besitz Gebrauch machen konnten und auch nicht mehr von der Ehe.
Denn gemeinsam für alle hat Gott die Weingärten gemacht, die keinen Sperling und keinen Dieb abweisen. Doch der Rechtsbruch an der Gemeinschaft schuf den Dieb an Vieh und Früchten …
… Die Aber so gezeugt sind, verleugnen die Gemeinschaft, der sie ihre Geburt verdanken und sagen: Wer eine Frau genommen hat, soll sie besitzen – wo doch alle an ihr teilnehmen könnten, wie bei den übrigen Lebewesen …
Daher: Wie lächerlich ist das Wort des Gesetzgebers von: „Du sollst nicht begehren“ angefangen bis zu dem noch lächerlicheren „alles was Deinem Nächsten gehört.“ Denn derselbe, der die Begierde als etwas Angeborenes gab, befiehlt nun, daß wir uns ihrer entledigen sollen, wo er sie doch keinem Tier wegnimmt. Doch dies „Deines Nächsten Weib“ zwingt die Gemeinschaft in die Vereinzelung und ist darum noch lächerlicher.

Unser Kirchenvater ist natürlich auf’s tiefste empört über die Ketzerei, mit der hier die theologische Betrachtung durch ihre eigenen Widersprüche ad absurdum geführt wird. Auch ist er sogleich mit einem Bericht über den wahllosen Geschlechtsverkehr bei der Hand, der die Gelage der Karpokratianer angeblich abschließe. Also: Wer die herrschende Sexualordnung angreift, der predigt und praktiziert „das sexuelle Chaos“: Im zweiten Jahrhundert genau wie im zwanzigsten. Wahr wird er wahrscheinlich damals so wenig gewesen sein wie heute.

Jesus war ein gewissenloser Libertinist, ein antinomistischer Nihilist wie nur LaMettrie oder Max Stirner. Dazu gehörten z.B. Amalrich von Bena (um 1200) und die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ (13. und 14. Jahrhundert), des weiteren die „Reformation der Reformation“, wie z.B. Sebastian Franck (1499-1543). Sie lehnten die 10 Gebote und alle kirchlichen Institutionen ab. Wahre Christen bräuchten kein Gesetz.

Jesus war kein Jude mehr, sondern Sohn des Menschen. Alfons Rosenberg (Jahrgang 1902) der, nachdem er 1935 in die Schweiz geflüchtet war, 1942 vom Judentum zu Christentum übertrat, legt dies in seinem Fragment Jesus der Mensch (München 1987) eindringlich dar. Jesus befreite sich vom Judentum als Menschensohn, den Jesus

weder nur innerlich noch nur eschatologisch verstanden wissen wollte, sondern ontologisch. Er muß gespürt haben, daß in ihm die lebendige Substanz, der göttliche Kern des Menschseins durch alle Schalen durchgebrochen ist (…) Wie begreiflich ist es, daß einem so fremden, unbegreiflichen Wesen gegenüber die einen zwar in Erstaunen, die anderen aber in Furcht und Zorn gerieten. Wie kann es da anders gewesen sein, als wie Johannes sagt: „Er kam in das Seine, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)

Ein gläubiger Jude könnte jetzt mit Recht einwenden, der Kern des Judentums sei das Gebot der Nächstenliebe und alles andere nur sekundärer Zusatz – und das sei ja auch die Meinung des frommen Juden Jesus gewesen, der sich dabei ausdrücklich auf die Thora berufen hätte (Mt 22,34-40). Der Witz bei der Sache ist nur, daß dies die einzige Stelle in den Evangelien ist, wo Jesus überhaupt von Nächstenliebe spricht!

Paulus ist derjenige, der ständig von ihr predigt. Jesus gibt nur die pharisäische Lehrmeinung von sich – und das war’s dann auch schon. Auf die Frage seiner Jünger nach den Speisevorschriften, Fasten, Beten und dem Gebot des Almosengebens, antwortet Jesus lapidar: „Lügt nicht, und tut nicht was ihr haßt!“ (Th 6). Demgemäß paßt auch das Hauptgebot seine Mitmenschen so zu lieben, wie man sich selbst liebt, einfach nicht zu seiner frohen Botschaft der Freiheit – die uns frei macht unsere Mitmenschen zu lieben – eben weil wir nicht mehr verpflichtet sind, „Liebe“ zu heucheln.

Wie der Gott Stirner in Der Einzige und sein Eigentum (Reclam, S. 324) schrieb:

Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber ich liebe sie mit dem Bewußtsein des Egoismus; Ich liebe sie, weil die Liebe Mich glücklich macht, Ich liebe, weil Mir das Lieben natürlich ist, weil Mir’s gefällt. Ich kenne kein „Gebot der Liebe.“

Hier spricht Christus! Man hat sich oft darüber lustig gemacht, daß Stirner sein Buch, „das extremste, das wir überhaupt kennen“ (F.A. Lange), ausgerechnet seinem „Liebchen“ Marie gewidmet hat, so als wäre die Liebe nicht die letzte Konsequenz des Einzigen. Das werden „gute Menschen“ wie Paulus oder Erich Fromm mit ihren widerwärtigen „Hoheliedern der Liebe“ (1 Kor 13) nie verstehen.

Die letzte Konsequenz des Gebots der Nächstenliebe ist der Haß. Das wird jeder bestätigen, der Opfer dieser Art von „Liebe“ geworden ist, etwa Menschen, die katholische Heimerziehung genossen haben. Genauso ist auch die affektierte „Liebe“ der weitaus meisten Pärchen nichts weiter als Haß, Angst und Verachtung (E.F. Baker).

Nach 5000 Jahren moralischer Bearbeitung des Menschen ist die Welt eine einzige große Hölle, die sich mit jedem Gebot weiter verfinstert. Es geht nicht um bessere Gesetze, bessere Ideologien oder bessere Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller konservativen und „fortschrittlichen“ Ideologien und Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller Moral, aller Ethik und aller Sittlichkeit. Selbst ein „guter Mensch“ wie Alfons Rosenberg hat hier Jesus teilweise verstanden, wenn er schreibt:

Indem Jesus feststellte, daß ein Teil, pars pro toto, des jüdischen (…) Gesetzes nur Menschenwerk sei, hat er das ganze System fragwürdig gemacht. Eine solche Relativierung muß aber unweigerlich (…) auch zur Relativierung der „Religion“ schlechthin führen. Dies betrifft auch jene „Religion“, die in seinem Namen (…) geschaffen wurde (…)

Fragen wir doch, warum sich denn ausgerechnet die Botschaft Jesu im von religiösen Angeboten übersättigten Römischen Reich hat durchsetzen können. Weil es eine Botschaft der Befreiung war! Die „Frohe Botschaft“, die den Menschen aus dem spätantiken Schicksalsglauben befreite. Von Astrologie und Magie, die jede Lebensäußerung zu ersticken drohte. Genauso wie es bei den Juden „das Gesetz“ tat. Das Christentum befreite von derartigen „gesetzlichen“ Verstrickungen. Dies erklärt zum Teil auch heute noch die Missionserfolge in Weltgegenden wie z.B. Zentral-Neuguinea, wo die Menschen von Dämonenglauben, Stammessatzungen und Tabus geradezu zerdrückt werden.

In dieses alles zermalmende Räderwerk schien das befreiende Licht Christi und verkündete, daß kein Schicksal, keine Gestirne, kein Gesetz, kein Karma uns bindet, denn Gott ist unser unmittelbarer Vater, der uns bedingungslos auch ohne Opfer und gute Taten annimmt. Wir sind frei. In der Reformation bahnte sich dies Licht dann einen breiteren Weg, der unmittelbar zur eigentlichen Aufklärung führen sollte. Und gerade heute, 200 Jahre später, wo das Mittelalter und das Schicksal wieder an die Tür klopfen, ist die Frohe Botschaft aktueller denn je.

Zuerst löst sich Jesus radikal von seinen Familienbanden (Mt 12,46f), er überwindet die „Familitis“ (Reich). Danach befreit er sich von der „Sozialistis“ (Reich), transzendiert sein Menschentum und wird er selbst. Dies ist auch schon daran ersichtlich, daß Jesus vielleicht als erster das Individuum entdeckt hat. Dazu schreibt der Theologe Pfarrer Horst Georg Pöhlmann:

Wie sehr Jesus den Einzelmenschen aufgewertet hat, erhellt sich nicht nur aus seiner Parteinahme für die Ausgestoßenen der Gesellschaft, sondern auch aus seiner Unabhängigkeit von seiner Sippe und Verwandtschaft (Mk 3,31-35). Im damaligen Judentum hatte der Mensch nur einen Stellenwert als Glied seiner Sippe, von der er in allem abhängig war. Man könnte fast sagen: Jesus hat den Einzelnen entdeckt. Wenn er eine Gruppe gegründet hat, dann nicht als Kollektiv, sondern als Gemeinschaft unverwechselbarer Einzelner. (Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988, S. 97f)

Dazu muß man sich sein Umfeld vergegenwärtigen:

Der Mensch (…) wird in der hebräischen Anthropologie so sehr in seine Gemeinschaften einbezogen gesehen, daß höchstens der Sippe oder dem Volk als Groß-Ich das Prädikat „Person“ zugeschrieben werden kann. Erst in der neutestamentarischen Religion wird der Kollektivbezug der Religion völlig gebrochen und insofern jedes Individuum vor Gott zur Person. (Reclams Bibellexikon, Stuttgart 1978)

Dies erklärt auch die Renaissance des Christentums in Osteuropa und die geradezu sensationellen Missionserfolge im konfuzianischen Korea, neuerdings auch in China und sogar in islamischen Ländern wie dem Iran.

Vergleicht man alle Hochkulturen miteinander, wird man feststellen, daß ausschließlich im christlich geprägten Abendland das Individuum sich emanzipiert hat. Nur hier hat es so etwas wie die Reformation und die Aufklärung gegeben. Hier finden wir die Phylogenese von Max Stirners „Einzigen“. Und deshalb macht es auch einen tiefen Sinn, daß unsere Zeitrechnung mit Jesus anfängt. Diese Zeitrechnung hat eine ähnliche Bedeutung, wie jene, die vor 200 Jahren die französischen Revolutionäre einsetzen wollten. Damit will ich sagen, daß wir nicht nur den 200sten, sondern auch den 2000sten Jahrestag der Revolution feiern: Wir feiern sozusagen den Geburtstag von Stirners „Einzigem“!

Wir könnten den Geburtstag des Einzigen feiern, hätte man nicht alle wahren Christen als Ketzer verfolgt und wären nicht in der Neuzeit die einzig wahren Aufklärer (LaMettrie, Stirner, Reich) in Acht und Bann getan worden. Hören wir, wie nah sich doch die wahren Christen und die wahren Aufklärer stehen:

In seinem Buch der Ketzer (Frankfurt 1962, S. 223) beschreibt Walter Nigg das Denken der mittelalterlichen Sekte der „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ wie folgt:

Der Christ müsse Gott werden wollen, und dann werde er zuletzt auch wie Gott. Wenn der Mensch aus der Äußerlichkeit in die Innerlichkeit sich wendet, Gott und Gottes willen läßt, dann wird er Gott gleich, Gottselbst und bedarf Gottes nicht mehr; dann ist er auch über die Liebe hinausgekommen und hat den Zustand erreicht, in welchem Gott alles in ihm wirkt. (…) Nach Auffassung der gottleidenden Menschen ist der Christ bei der Erreichung dieser Stufe über alle Verdienste der Heiligen und Marias hinausgelangt und hat sogar Christus übertroffen.

Schon auf der Erde habe er den vollkommenen Zustand der Auferstehung und die absolute Freiheit erlangt.

In seinem „Gegenwort eines Mitgliedes der Berliner Gemeinde“ (Parerga) meinte fünf Jahrhunderte später Max Stirner weit weniger radikal:

Gott ist der Mensch, das ist die Lehre Christi; wer sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum seines eigenen Wesens eingedrungen, wer bei sich ist, der ist beim Vater.

Und weiter:

Erkennt euch, so erkennt ihr Gott und die Welt, liebt euch, so liebt ihr alle, sucht euch, so sucht ihr Gott, habt euch, so habt ihr alles, trachtet im höheren Sinn zuerst nach euch, so fällt euch alles andere zu. Nichts ist euch so verborgen, als ihr euch selbst, nichts kann euch aber auch so offenbar werden, als euer Selbst und auch darin offenbart sich Gott eurem suchenden Geiste.

Übrigens meint auch der Neutestamentler Herbert Braun, daß der, der sich annimmt, damit gleichzeitig auch Gott annimmt (Jesus der Mann aus Nazareth, Gütersloh 1988, S. 129).

Bei der Gleichsetzung des eigenen Selbst mit Christus steht Stirner in einer deutschen Tradition zwischen Goethe und Nietzsche. So schreibt Goethe 1787 aus Rom

mit einer Anspielung auf Lukas [2,49] die wieder einmal, wie früher ähnliche Stellen in der Umgebung des Werther, auf einen leisen Versuch, sich Christus gleichzusetzen, schließen läßt: „So lebe ich denn glücklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist.“ (Emil Staiger: Goethe, Bd. 2, Zürich 1962)

Und wenn Nietzsche alle Werte umwertet, tut er dies mit der gleichen „unerhörten Souveränität“, mit der Jesus in der Bergpredigt Gottes Gebote aufhebt: „Gebote Gottes aufheben kann nur einer, der mit Gott identisch ist“ (Pöhlmann, S. 28).

Schütze dich und das, was du liebst!

21. September 2015

Sie, die linken Pestratten, wollen uns vernichten, auslöschen, ausmerzen, verbrennen:

vernichtdeut

Bei den Sikh gehört es zur heiligen, religiösen Pflicht sich und seine Gruppe wenn nötig mit Gewalt zu schützen. Der Gläubige hat gar nicht die Option aufzugeben, kleinbeizugeben. Diese Haltung entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit der militärisch bewaffneten, organisierten Emotionellen Pest, d.h. dem Islam. Das sollte auch die Haltung des Studenten der Orgonomie sein, zumal er heute unter ähnlichen Bedingungen lebt. Schütze dich und laß dich nicht verarschen!

Ich beschäftige mich schon seit längerem mit dem Thema Selbstverteidigung, denn wenn ich eins weiß, dann daß man niemals zum „Opfa“ werden darf. Es zerstört das Selbstbewußtsein und was immer deine Mitmenschen auch sagen und tun, im Herzen tragen sie doch Schadenfreude und Verachtung. Ganz offensichtlich ist das bei Vergewaltigungsopfern. Es schwingt immer ein „Selbst schuld!“ mit.

Was tun? Seine Freizeit für Selbstverteidigungskurse opfern? In die Welt der „martial arts“ mit ihren abgedrehten Philosophien eintauchen? Seinen Körper „stählen“? Ich hatte jedenfalls eines Tages genug davon, ständig mit Muskelkater durch die Gegend zu laufen, weil ich fortwährend meine atrophierten Armmuskeln mit Klimmzügen und Liegestützen malträtiert habe. Und gegen, beispielsweise, durchtrainierte Kickboxer hat man eh keine Chance. Ältere Herren wie ich sterben bei solchen Keilereien eh an Herzversagen.

Sich illegal bewaffnen? Ich für meinen Teil habe eine pathologische Aversion gegen Schießeisen und würde mir im Zweifelsfall wohl eher selbst in den Fuß schießen. Und wenn die Knarre in die falschen Hände gerät, wird man seines Lebens nie wieder froh.

Etwas, was niemals verboten werden kann, sind die beiden effektivsten und für den Gegner denkbar verheerendsten Verteidigungswaffen: Taschenlampe, Zeitschrift und Kugelschreiber.

Es sind jetzt lichtstarke LED-Taschenlampen auf dem Markt, die in jede Hosentasche passen. Die Dinger, inklusive Batterie, sind für wenig Geld überall zu haben. Sie blenden bereits bei Sonnenschein, wenn man sie direkt auf die Augen richtet. Bei Nacht machen sie den Gegner vollkommen blind und hilflos. Selbst Bruce Lee wäre einem schutzlos ausgeliefert.

Auf jeden Fall öffnet sich ein Fenster von wenigen Sekunden, in denen man Herr der Lage ist. Wenn dich jemand nachts unvermittelt aus dem dunklen Off anspricht: „Eh, hast du mal ‘ne Zigarette“, stehst dank des Flashlights nicht mehr du, sondern unvermittelt er entblößt auf dem Präsentierteller, während du hinter einer gleißenden Lichtwolke verschwindest. Die Lage hat sich um 180 Grad gedreht.

Das zweite, wenn das mit der Taschenlampe impraktikabel ist, sind ganz gewöhnliche Zeitschriften. Zusammengerollt ist so eine Zeitschrift hart wie ein Stahlrohr. Wenn man damit zuschlägt oder zustößt, kann man mit dem Informationsblatt der örtlichen Kirchengemeinde Knochen brechen!

Und schließlich haben wir alle immer eine Art „Kampfmesser“ dabei: einen ganz gewöhnlichen Kugelschreiber, der als Stichwaffe kaum weniger effektiv ist als ein Messer – mit dem Unterschied, daß man sich nicht selbst schneiden kann.

Es geht aber gar nicht darum, irgendjemanden zu verletzen, es geht darum, das subjektive Gefühl zu haben, daß man den üblen Gestalten nicht schutzlos ausgeliefert ist. Sie nehmen das instinktiv wahr und lassen einen in Ruhe. (Ich verweise auf den ersten Absatz!)

Außerdem geht es darum, die eigene Hemmschwelle zu senken: kein einigermaßen normaler Mensch kann selbst in Notwehr beispielsweise auf einen Mitmenschen mit einem Messer einstechen. Was aber jeder, selbst der eingefleischteste Pazifist tun kann, ist in der Nacht ein Gesicht auszuleuchten und einem Angreifer mit ein paar Blatt Papier entgegenzutreten.

Worum es geht, zeigt das Video unten. Das gute daran ist, daß man dem ganzen nicht einfach glauben muß: jeder kann selbst in eine solche spottbillige LED-Taschenlampe blicken und jeder kann selbst mit dem aktuellen Spiegel seine Wohnungseinrichtung zu Kleinholz verarbeiten – und danach das so gut wie unbeschädigte Nachrichtenmagazin weiterlesen. Ramme einen Kugelschreiber in eine Melone und male dir aus, was mit dem Hals oder Kopf des Bioabfalls geschieht, das dich vergewaltigen will!

Im übrigen muß man improvisieren. Beispielsweise sind neulich spät nachts, als ich mit meinem Koffer bepackt von der U-Bahn nach Hause ging, zwei Jugendliche von der Seite so auf meinen Weg eingeschwenkt, daß nur ich das Ziel ihres offensichtlichen Umweges sein konnte. Ein paar Schritte von mir zum nahen Glascontainer gemacht, mit einer leeren Schnapsflasche in der rechten Hand demonstrativ gelassen-aggressiv weitergegangen – und die Sache war geklärt.

Wie gesagt, es geht nicht darum irgendjemanden zu verletzen, sondern nur darum zu signalisieren, daß „sie“ einen sehr hohen Preis bezahlen werden, wenn sie versuchen sollten dich zu verletzen.

Das alles ist blutiger Ernst, wie die beiden folgenden Fälle zeigen. Es geht darum jederzeit mit maximaler Gewalt zurückschlagen zu können, die nicht nur den Täter lähmt, sondern die Gruppe (diese feigen Ratten treten fast immer in Gruppen auf!) vor Grauen paralisiert. Fall 1 und Fall 2. Die Polizei kann und will dir nicht helfen und die Richter… Lassen wir das!

Kommen wir zu einem Beispiel, wie arbeitsdemokratische Organisationen gefährdet sind:

Selbst unter eingefleischten Verschwörungstheoretikern sind die „reisenden Bischöfe“ so gut wie unbekannt, dabei spielen sie in der Schattenwelt der Geheimdienste, des Rechtsradikalismus und der organisierten Kriminalität (mit allen möglichen Überlappungen dieser drei Bereiche) durchaus keine marginale Rolle. Manchmal sind es auch nur Fälle für die Psychiatrie… – die Übergänge sind da fließend.

Priester, erst recht Bischöfe, insbesondere wenn sie in ihrer Berufskleidung, gar im vollen Ornat, auftreten, genießen automatisch jede Art von Privilegien und Immunitäten, selbst wenn sie ihnen formal rechtlich gar nicht zustehen. Das haben sich die „Agenten“ der oben genannten Kreise zunutze gemacht, indem sie sich gegen entsprechende Barzahlungen von irgendwelchen katholischen oder orthodoxen Kirchen zu Priestern und Bischöfen ordinieren lassen.

Da wäre etwa die „lateinisch-tridentische Kirche“, von der sich für viel Geld Sinéad O’Connor hat weihen lassen. Ähnliches geschieht in der nur noch in Rudimenten existierenden weißrussischen Orthodoxen Kirche. Wenn ich daran denke, was für ein Schindluder mit dem Erbe der Märtyrer der orthodoxen Kirchen getrieben wird, – zur Hölle!

Neuerdings kann man gegen Cash auch Lama, gar wiedergeborener „Tulku“ (also ein auf Erden inkarnierter Bodhisattwa) werden und damit fast die Ebene des Dalai Lama betreten. Der amerikanische Schauspieler Steven Seagal hat nach entsprechenden „Spenden“ diesen Status von der Nyingma-Sekte (dem ältesten Zweig des tibetischen Buddhismus) verliehen bekommen. Du darfst ihn also mit „Seine Heiligkeit“ ansprechen!

Diese Leute werden als „reisende Bischöfe“ bezeichnet, weil sie keine Gemeinde oder sonst irgendwelche sie bindenden religiösen Verpflichtungen haben, dafür aber alle Vorteile einer „Exzellenz“ genießen. Und welcher Polizist und sogar Paßbeamte an der Grenze kennt sich schon im Kirchenrecht bzw. in der Kirchengeschichte aus! Zumal die Priester- und Bischofsweihen in direkter apostolischer Linie stehen und deshalb gültige, unwiderrufbare Sakramente darstellen.

In dieses Gebiet fallen auch die diversen „Ritterorden“, die sich auf die Templer, die Malteser oder die Deutschritter berufen. Die wirklichen Malteserritter, die direkt dem Papst unterstehen und einen ähnlichen völkerrechtlichen Status besitzen wie der Vatikan (also beispielsweise weltweit gültige Pässe ausstellen können), sind ständig damit beschäftigt falsche Ritterorden abzumahnen.

Sogar Vertreter der Orgonomie sind einem solchen betrügerischen „Malteser-Orden“ zum Opfer gefallen. Ich diskutiere das kurz in Jerome Eden auf Abwegen. Unsäglich peinlich! Es war sowohl unverzeihlich in Bezug auf die Orgonomie als auch in Bezug auf die Malteser, die ihr Blut für den Schutz Europas vor der islamischen Unterjochung gegeben haben und bis heute humanitär tätig sind.

Wir alle sind isoliert und im Grunde verachtet man uns, beschäftigen wir uns doch mit „Orgasmusforschung“, UFOs und der Orgonkiste! Deshalb sind wir ganz besonders anfällig, wenn sich uns jemand einen respekthaschenden Titel andient. Ich bin da keine Ausnahme. Ein Freund von mir lästert des öfteren: „Peter und die Großen dieser Welt…“ Reichs Witwe Ilse Ollendorff beschreibt in ihrer Reich-Biographie wie ihr Ehemann immer wieder auf obskure Vereine hereingefallen ist und in seiner teilweise kindlichen Naivität ganz stolz auf deren Ehrungen war.

Ein ganz offensichtlich seriöser reisender Bischof ist der in Palermo, Sizilien ansässige Vittorio (Viktor Ivan) Busá. Er ist Präsident des „Internationalen Parlaments für Sicherheit und Frieden“, das Diplomatenpässe ausgibt und bei dem alle möglichen natürlich vollkommen seriösen Universitäten akkreditiert sind. Prof. Dr. Viktor Busà war nicht nur orthodoxer Erzbischof, sondern in Personalunion Präsident von Danzig und aufgrund einer 800jährigen Familientradition Nachfolger von Dschingis Khan, also Großkhan der Tartaren und Mongolen.

Im Spiegel ist 2008 ein sehr interessanter Artikel über den internationalen Titelhandel erschienen.

Orgonmystik

20. September 2015

Gerade bin ich beim Surfen im Internet zufällig über einem Blog mit Photos von Sri Chinmoy gestolpert. Da er eine gewisse Bedeutung in meinem Leben hatte, bin ich hängen geblieben. Als ich dann nach ein paar Minuten mit meiner Schreibarbeit weiter machte, hatte ich ein intensives „Bewußtseinserlebnis“, wie es der Orgontherapie-Patient aus der Behandlung kennt. Ich bin überzeugt, daß Leute wie Sri Chinmoy genau so ihre lebenslangen Anhänger gewinnen: irgendwelche außergewöhnlichen Gefühle überzeugen diese, daß sie ein für allemal die Wahrheit gefunden haben. Das sind dann solche Typen, die sich auch in die nächstbeste Frau „unsterblich“ verlieben würden. Wie bewerkstelligen „religiöse Führer“ und ganz allgemein religiöse Systeme etwas, was sonst nur der Sexus vermag?

Wie Reich in Massenpsychologie des Faschismus ausgeführt hat, ist Religion nichts anderes als fehlgeleitete sexuelle Erregung. Diese wird auf „keusche“ Weise heraufbeschworen, indem jene Bewußtseinszustände erzeugt werden, die gemeinhin mit sexueller Erregung einhergehen. Das geschieht durch eine feierliche „übermannende“ Architektur, Riten und Musik die einen „orgastischen“ Spannungsbogen haben, eine „aufgeladene“ Atmosphäre, wie sie charakteristisch für orgonotische Erstrahlung ist, und durch eine „verzückte“ Erscheinung der „Erleuchteten“ mit selig „orgastisch“ weggetretenen Augen.

In der hinduistischen Religiosität wird diese sexuelle Komponente offen eingestanden. Beispielsweise haben in der klassischen indischen Musik die Liedtexte durchweg einen geradezu anzüglichen sexuellen Gehalt. Es sind schmachtende Liebeslieder. Alles dreht sich um „Bhakti“, die durchaus sexuelle Liebe zu Gott bzw. seiner Inkarnation auf Erden, dem Guru. Wobei der Gläubige stets die weibliche Rolle übernimmt, die ihren unerreichbaren Geliebten anschmachtet. Sexuelle Abstinenz im realen Leben soll das Seelenfeuer weiter anfachen.

Rationalistische Atheisten werden niemals die Religion besiegen oder auch nur eindämmen können. Es geht in der Religion nicht um bewußte „rationale“ Entscheidungen und Einsichten, sondern um Gefühle und „Bewußtseinszustände“, die einen spontan überkommen. Insbesondere sind jene betroffen, die „Lücken“ in ihrer Panzerung haben. Allenfalls vollkommen „zugepanzerte“ Menschen wären frei von religiösen Anwandlungen.

Derartige Anwandlungen sind auch vollkommen harmlos, solange sie nicht Anlaß für „feste religiöse Überzeugungen“ oder gar religiösen Fanatismus werden. Man kann beispielsweise von einem Weihnachtsoratorium, das man in einer Kirche hört, und der Verkündigung vollkommen ergriffen sein, daß das Licht in die Finsternis getreten ist und diese besiegt habe. Es handelt sich dabei um eine natürliche Erregung bzw. Erstrahlung der organismischen Orgonenergie. Es wird erst pathologisch, wenn man daran festhält, d.h. wenn man sich gegen das Weiterströmen der Orgonenergie sperrt. Je orgastisch impotenter man ist, desto fester klammert man sich an die vermeintlichen „Offenbarungen“: aus der Orgonenergie wird „Gott“.

Im Tantra wird die Sexualität, die stets mit „Bewußtseinszuständen“ jenseits des Alltagsbewußtseins einhergeht, für die „geistige Befreiung“ benutzt. Das mag auf den ersten Blick geradezu „sexualpositiv“ aussehen, entspricht jedoch ganz im Gegenteil der extremsten Form der orgastischen Impotenz, denn es wird auf die genital-orgastische Entladung verzichtet, „um keine spirituelle Kraft zu verschwenden“. Es entspricht in etwa dem, was Freud „Sublimation“ genannt hat.

Von Seiten der „Esoterik“ wird nun versucht, auch die Orgonenergie selbst, die durch die Erforschung der orgastischen Plasmazuckung entdeckt wurde (Orgasmusformel, bioelektrische Experimente, Bion-Experimente), für „spirituelle“ Zwecke zu instrumentalisieren. Demnach ist die Orgonenergie sozusagen eine vermittelnde Zwischenschicht zwischen dieser Welt und der „geistigen Welt“. Die Orgonenergie wird zu etwas rein Subjektivem, das weitgehend bar einer physikalisch meßbaren Realität ist. Etwas, was dem „Geist“ erlaubt, sich in der materiellen Welt zu manifestieren.

Die Orgonomie war von Anfang an mit derartigen Vorstellungen konfrontiert. Schon Anfang der 1920er Jahre setzte sich Reich mit vermeintlich „esoterischen“ Ansätzen in seinen Buchbesprechungen auseinander, die er für psychoanalytische Zeitschriften schrieb. In den 30er Jahren war Reichs Freund und Mitarbeiter Roger DuTeil ein Bergsonianer und „Spiritualist“. In seinem in der Originalausgabe Die Bione von 1938 veröffentlichten Aufsatz „Leben und Materie“, billigt er dem Leben eine metaphysische Sonderstellung zu. Reich selbst wollte diesen Aufsatz aus späteren Auflagen gestrichen wissen, was ja auch geschah, und im übrigen bestritt Reich schon damals ausdrücklich, daß „das Lebendige ein vom Nichtlebenden völlig abgetrenntes, eigens metaphysisch gegebenes Gebiet“ sei (ebd.). Sechs Jahre später sagt er in seinem Artikel „Orgonotic Pulsation“:

Wenn wir nicht vorsichtig vorgehen, könnten durchaus einige Generationen von Mystikern erstehen, die das Orgon metaphysisch, losgelöst von der nicht-lebenden Natur und nicht vom Standpunkt der Naturwissenschaft her verstehen. Und ich denke, wir haben bereits mehr als genug Mystizismus in dieser Welt. (Orgonomic Functionalism, No. 5, S. 44)

Der Artikel zeigt, wie sich Reich ganz von Zugeständnissen an sowohl den („dialektischen“) Materialismus als auch insbesondere den „Spiritualismus“ befreite. In „Orgonotic Pulsation“ strebt er danach, sich langsam von allen Begriffen, die irgendwelche Konnotationen mit materiellen oder „spirituellen“ Substanzen haben, zu befreien. Entsprechend spricht er von „orgonotischer Erregung von Isolatoren“ statt „Ladung“, und von „orgonotischer Anziehung und Abstoßung“ statt „Kontraktion und Expansion“. An anderer Stelle will er den Substanz-Begriff „vegetative Strömung“ durch die funktionelle „plasmatische Erregung“ ersetzt wissen (Der Krebs, Fischer TB, S. 347).

Was machen nun die ach so innovativen „Weiterentwickler“ der Orgonomie? Sie fallen noch hinter die provisorische, von Substanzbegriffen geprägte Orgonomie der Anfänge zurück, reden von irgendwelchen Seelensubstanzen und müssen metaphysische „Formgesetze“ erfinden, die ihr „chaotisches“ mechano-mystisches Universum ordnen. Wie Reich schreibt: „Mit Zwecken läßt sich leicht alles erklären“ (ebd., S. 77f). Man braucht nicht mehr die Natur unbekannter Funktionen mühsam ergründen, vielmehr wird einem alles fertig auf dem Tablett serviert: es ist „Gottes Wille“, es ist der „Geist“, das „Naturgesetz“, dem alles folgt. Für Blitze ist der Donnergott verantwortlich! – Nichts anderes verbirgt sich hinter inhaltsleeren Begriffen wie „Wirkstruktur“. Was ist für die Struktur der Bion-Präparate verantwortlich? Jenseitige Strukturen!

In die gleiche Kategorie gehören die „Lösungen“ für das Rätsel des menschlichen Bewußtseins. Was ist Bewußtsein? Das „metaphysische Heinzelmännchen“ wie Reich es nennt,

das angeblich im Hintergrunde der Lebensfunktionen wirkt, denkt, fühlt, empfindet, reagiert. Das führt nirgends hin. (ebd., S. 400)

Nach Reich ist Bewußtsein das Zusammenfließen der diversen Sinneseindrücke und Emotionen in eine funktionelle Einheit (Äther, Gott und Teufel, Frankfurt 1983, S. 63). Sinneseindrücke und Emotionen führt Reich ihrerseits bis „auf die Bewegungsformen der Weichtiere und Protisten“ (Charakteranalyse, KiWi, S. 519) und letztendlich auf die „Reizempfindlichkeit des rein physikalischen Orgons“ zurück (Äther, Gott und Teufel, S. 91).

Diese Leute sprechen von einem „primordialen Bewußtsein“, das Erinnerungen etwa so speichert wie ein Magnetband. Dabei hat Reich in der Charakteranalyse lang und breit ausgeführt, daß das Ich die Summe aller vergangenen Erlebnisse ist. Da wird nichts mechanisch „abgespeichert“, sondern in der Vergangenheit wurden bestimmte Weichen für die Strukturierung des sich entwickelnden Organismus gestellt, weshalb „Erinnerungen“ nichts anderes sind als die Wahrnehmung der aktuellen biophysischen Struktur des Organismus. Wie sollte es auch anders sein? Imgrunde sagen die „Weiterentwickler“ der Orgonomie natürlich auch nichts anderes, nur daß sie die Welt überflüssigerweise verdoppeln.

Die „Orgonmystiker“ fallen der Panzerung zum Opfer. Das, was sie wahrnehmen, ist die durch die Panzerung „umgebogene“ und verzerrte Orgonenergie, die entsprechend etwas Krankhaftes, „Okkultes“ an sich hat und auf ein „Jenseits“ ihrer selbst verweist – d.h. auf jenseits der Panzerung. Die vermeintliche Wahrnehmung der Orgonenergie entspricht hier der krankhaften Transformation von Emotion in Sensation.

Tantra ist Antisexualität, nämlich orgastische Impotenz, genauso wie die „Orgonesoteriker“ Antiorgonenergie sind, d.h. Panzerung.

Die folgende Abbildung beschreibt in etwa was geschieht:

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 1.

16. September 2015

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

Diskussionsforum 2011: eine Nachlese (Teil 2)

10. September 2015

Robert machte aufmerksam auf: Das Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 1910–1941

http://www.luzifer-amor.de/index.php?id=179

Kostenloser Download:

Klicke, um auf korrespondenzblatt_1910-1941.pdf zuzugreifen

Außerdem wies Robert darauf hin, daß es in der Zeitschrift SEIN um orgastistische Geburtsgefühle geht. Ganz das Gegenteil zu den üblichen Schmerzen bei der Geburt. Peter fand beim Zusammenstellen dieser Nachlese das:

https://www.sein.de/orgasmische-geburt-das-bestgehuetete-geheimnis/

O. verwies auf die Seite der Wilhelm Reich Gesellschaft (WRG), Berlin, wo die Frage beantwortet wird: „Was ist eigentlich die Reichsche Orgontherapie?“ http://www.wilhelm-reich-gesellschaft.de/content/reichsche-therapie

Kommentar von O.: Wieder eine orientierungslose Definition mit ein paar ausgewählten Reich Zitaten, die alles auszusagen scheinen und nichts ausdrücken. Es pulsiert mal wieder sehr lebendig und vor allem „demokratisch“ in der WRG, möcht man sagen.

O. weiter: Auf der WRG Seite werden die „Essentials“ original bei Reich zitiert – so heißt es:

Diese Frage ist bedeutend leichter zu beantworten als die vorangegangene, denn dazu brauchen wir Reich selbst nur heranzuziehen. Letztlich ist es eine Frage nach dem, was Reich selbst als essentiell für seine Arbeit schriftlich definiert hat.

… ich nun mit dem Ausdruck Orgontherapie auch die Charakteranalyse und die Vegetotherapie zu umfassen vorschlage. …. Die Orgontherapie konzentriert unsere Arbeit an der biologischen Tiefe, am Plasmasystem, oder, wie wir technisch zu sagen pflegen, am biologischen Kern des Organismus. (CA, S. 362)
Die Orgontherapie unterscheidet sich von allen anderen Arten der Beeinflussung des Organismus dadurch, daß sie unter weitgehender Ausschaltung der Wortsprache den Kranken dazu anhält, sich biologisch auszudrücken. (CA, S. 365)
Die zentrale Aufgabe der Orgontherapie ist die Zerstörung der Panzerung …, das Resultat der ideal durchgeführten Orgontherapie ist das Auftreten des Orgasmusreflexes. (CA, S. 369)

Diese 3 Zitate verdeutlichen die Essenz dessen, was wir als Reichsche Therapie benennen können, nämlich die Orientierung an den biologisch-energetischen Prozessen im Organismus jenseits der Wortsprache mit Ziel, ihr zur freien Beweglichkeit zu verhelfen, die für Reich im Orgasmusreflex sichtbar wurde. Verkürzt könnte man deshalb sagen, daß die Essenz Reichscher Therapie die Orientierung am Orgasmusreflex, an der biologisch-emotionalen Hingabehaltung ist.

Darauf Sebastian: Danke für den Text. Mir sind vier Dinge aufgefallen:

  1. widerspricht sich VKD [der Autor des WRG-Textes] bezüglich der statischen „Orthodoxie des ACO“ und geht nicht weiter auf die Qualität der Impulse von außen ein.
  2. kritisiert er die „Orthodoxie“, bemängelt dann aber ironischerweise selbst die Abweichung von den wesentlichen Inhalten der Orgontherapie.
  3. betont VKD organisatorische Probleme.
  4. stammt der Text von 2004. So neu ist er doch gar nicht, oder?

Zu 1.: Er nennt die Orgontherapie des ACO statisch. Als statisch bezeichnet er, was nur Impulse von innen zuläßt. Das ist ein Widerspruch. Wie kann etwas Impulsives statisch sein?
Sein Kriterium für Dynamik sind Impulse von außen und „atemberaubende Entwicklungsschritte“.
Die Impulse von außen rechtfertigt VKD mit neuen Charakterdiagnosen. Auf die Frage, wie man auf Impulse von außen reagieren soll, die Reichs wesentlichen Erkenntnissen diametral entgegenstehen, also die Qualität der Impulse, geht er nicht ein. Zudem stimmt es nicht, daß Reich sich nicht dazu äußerte, was er von Impulsen von außen hält:

Ein zweiter Ingenieur kommt an der Garage unseres Arbeitenden vorbei. Er merkt sofort, mit dem Kennerblick des Erfahrenen, daß der Arbeitende einen schweren Stand hat. Er legt seinen Rock ab, krempelt die Ärmel hoch und versucht zunächst zu begreifen, wie der Defekt beschaffen ist und ob der arbeitende Ingenieur Fehler macht. Er zeigt diesem eine wichtige Stelle, die er übersehen hatte, er überlegt mit ihm zusammen die Fehler, die bei der Arbeit begangen sein mochten. Er faßt mit an, bespricht und kritisiert die Arbeit und hilft, es besser zu machen. Sein Motiv ist keine nörgelnde Schwiegermutter und kein Versagen in seinem eigenen Beruf, sondern sachliches Interesse am Gelingen der Arbeit. […]
Im streng sachlich-wissenschaftlichen Sinne ist nur eine Art Kritik zulässig, die sogenannte immanente Kritik [sic!]; d. h. der Kritiker muß einige Forderungen erfüllen, ehe er sein Recht zu kritisieren in Anspruch nimmt:

  1. Er muß das Arbeitsfeld, das er kritisiert, selbst beherrschen [sic!].
  2. Er muß es zumindest ebensogut, wenn nicht besser kennen, als der, den er kritisiert.
  3. Er muß daran interessiert sein, daß die Arbeit gelingt, und nicht, daß sie mißlingt. Will er sie nur stören, haben seine Kritikmotive nicht mit sachlichem Interesse zu tun, dann ist er ein neurotischer Querulant, aber kein Kritiker.
  4. Er muß seine Kritik vom Standpunkt des kritisierten Arbeitsfeldes leisten [sic!]. Er kann nicht von fremden Standpunkten her kritisieren, die mit dem Arbeitsfeld nichts zu tun haben. (Massenpsychologie…, 6. Aufl., KiWi, S. 328 f)

Sebastian weiter: Die „atemberaubenden Entwicklungsschritte“ sollen Reich charakterisieren. Paradox: Ich habe Reich bisher genau andersherum interpretiert, was sein Werk für mich auch so attraktiv macht. Für mich ist Reich ein wissenschaftlicher Arbeiter, ein Forscher, dessen Forschungsmethodik gerade nicht „atemberaubend“ ist: Er macht eine Beobachtung, schreibt sie in sein Tagebuch, sammelt über lange Zeiträume (Jahre) akribisch weiteres Beobachtungsmaterial, erklärt es sich theoretisch und baut seine Technik aus, sammelt Beobachtungsmaterial, was sich daraus ergibt, stellt es zur Diskussion und nach diesem langen Prozeß veröffentlicht er es erst! So jedenfalls mein Eindruck von seiner medizinischen Entwicklung.

Zu 2.: Er spricht von einer unnötigen Einschränkung der therapeutischen Kompetenz. Wo unterscheidet sich das von der Kritik an den Körpertherapien, der WRG etc.? 🙂

Zu 3.: Ein Teil des Artikels handelt von organisatorischen Angelegenheiten. VKD spricht von „sozialer Kontrolle“, „Qualitätskontrollen“, „geschützten Titel[n]“, „keine[r] unabhängige Instanz [Organisation]“ und will damit zweierlei ausdrücken: Zum einen die Position des ACO unterminieren, zum anderen die (demokratische, organisatorische) Position der WRG stützen. Wenn man sich vor Augen führt, was Reich von Organisationen hält, erübrigt sich jeder Kommentar.

Robert dazu: Dies ganz im Gegensatz zu Angehörigen von erkennbar demokratisch organisierten Instituten und Institutionen, wie dies z.B. die Wilhelm-Reich-Gesellschaft ist.

Dies ist ihr absurder Anspruch, Wissenschaft per Demokratie zu betreiben. Für Reich sollten Fachleute die Entscheidungen treffen (Arbeitsdemokratie), die mit dem Stoff zu tun hatten. Wenn nun der Psychologe über Biophysik entscheiden soll und darüber nichts weiß, kann dies nur schiefgehen. Reich hat auch nicht über seine Forschungen abstimmen lassen. Der Fetisch der Demokratie kann nicht ernsthafte Forschung ersetzen.

Peter 2015: Die psychiatrische Orgontherapie hat sich aus der Psychoanalyse Freuds und dem gängigen Handwerkszeug der Psychiatrie heraus entwickelt (bevor das letztere vollständig von der Psychopharmakotherapie verdrängt wurde). Das dient in der Therapie aber immer nur einem: den Patienten mit seiner Panzerung in Kontakt bringen (in WIRKLICHEN Kontakt!) und dann (WIRKLICH erst dann!) durch denkbar einfache biophysische Eingriffe, die Panzerung aufzulösen. Man kann Jahrzehnte einer „Orgontherapie“ damit verbringen, etwa eine Brustpanzerung „biophysisch“ aufzulösen, ohne Kontakt des Patienten mit seiner Panzerung ist das alles vollständiger Unsinn. Diese Disziplin des Kontaktherstellens bringt kein Laientherapeut auf, zumal er das Handwerkszeug gar nicht hat mit Patienten professionell als Psychotherapeut umzugehen und ein psychotherapeutisches Gespräch lege arte zu führen. Impulse von außen, etwa durch Adlerianische und Jungianische Konzepte, sind, soweit sie nicht eh zur gängigen Psychiatrie gehören, nur ablenkender Firlefanz. Es geht um die Herstellung von Kontakt mit Blockaden und deren Auflösung. Da ist die Orgontherapie, d.h. die „biophysische Chirurgie“ (Reich), genauso primitiv wie die Chirurgie, die für das Herausschneiden von Blinddärmen verantwortlich zeichnet: aufschneiden, abschneiden, zunähen! – Manche verwechseln die Orgontherapie mit einem „spirituellen Weg“, d.h. mit Ideologie und Religion. Kurioserweise werfen sie dann der Orgonomie vor, diese sei ideologisch verhärtet und nicht offen für Impulse von außen. Diese ganze Diskussion ist derartig verquer und kontaktlos. Aaaaarrrggghhhhh!!!

Ich spreche aus eigener Erfahrung mit „Reichianischen“ „Therapeuten“: sie sind nicht in der Lage mit einem psychotherapeutischen Patienten umzugehen, wie es wirklich jeder konventionell ausgebildete Psychotherapeut selbstverständlich kann, wollen die Psychotherapie aber mit allen möglichen Dingen „erweitern“.

Ähnliches läßt sich über die Orgonomie generell sagen, die in den Händen von „Reichianern“ und Pseudo-Orgonomen zu einer Art Naturphilosophie wird. Etwa wie hier http://www.hanspeterseiler.ch/site/ganzheitlich_main.html : „Alles Seiende besteht aus Wellen, Schwingungen und Wirbeln eines lebendigen Fluidums, das als kosmische Urflüssigkeit, Weltäther oder auch als göttlicher Atem oder spirituelles Pneuma bezeichnet werden kann.“ Sicherlich würden 99% von allen Reich-Enthusiasten diesem Satz zustimmen und ihn zur Quintessenz von Reichs Lebenswerk erklären, das entsprechend „ausgebaut“ werden kann, nicht zuletzt „spirituell“. Doch das ist Unsinn! Die Orgonomie ist eine Wissenschaft. In Wissenschaften geht es um funktionelle Zusammenhänge, nicht um die Formulierung eines in sich geschlossenen „Weltbildes“. Und wieder: es sind genau jene, die ein „orgonomisches“ Weltbild vertreten, die für eine „Öffnung“ der Orgonomie eintreten. Was soll das bedeuten? Wissenschaft ist per se offen oder sie ist keine Wissenschaft. Tatsächlich meinen sie, daß sich die Orgonomie „anderen“ (man beachte meine Anführungszeichen) „Weltanschauungen“ öffnen soll.

Peter 2011: In Zeiten des Kults der Expansion wird alles auf Comedy und Fun reduziert. Sie fühlen sich zu Reich hingezogen – und können nur hysterisch, kindisch lachen.

Wenn irgendwas unsere “Kultur” symbolisiert, dann ist es wirklich das “Orgasmatron”: http://www.orgasmatron.com.au/

Frage: Werde ich einen Orgasmus haben?
Antwort: Wir können einen Orgasmus nicht garantieren, aber es macht definitiv Spaß es zu versuchen.

Die Angriffe auf Reich häufen sich, wie Ende der 1940er Jahre in den USA. Sie sind sogar noch gemeiner und hinterhältiger als damals. Linke machen ihn für den Zerfall des Klassenkampfes verantwortlich, Rechte für die Zersetzung aller Werte. Jetzt der britische Guardian anläßlich von Christopher Turners Reich-Biographie Adventures in the Orgasmatron:

http://www.guardian.co.uk/books/2011/jul/08/wilhelm-reich-free-love-orgasmatron

Man lese auch die Kommentare.

Und dann auch noch etwas zum Cloudbuster!

http://www.guardian.co.uk/news/2011/jul/06/weatherwatch-cloudbuster

Und dann der vielleicht schwerste Angriff seit Reichs Tod, vielleicht überhaupt der schwerste Angriff. Auf dem britischen kommerziellen Sender Channel 4 erschien als Folge 2 der Reihe The Sex Researchers:

http://www.channel4.com/programmes/the-sex-researchers/episode-guide

Die Sexforscher (Folge 2)
„Besseren Sex“ zu erreichen ist der Heilige Gral der Sexforschung, aber die Wissenschaft ist sich uneins über die Methoden. Findet alles im Kopf statt? Oder ist die Lösung bei Pillen und in der Chirurgie zu suchen?
Das zweite Programm in der Serie befaßt sich mit der neuesten wegweisenden Forschung in Sachen Sex und der Wissenschaft, den richtigen Partner zu finden.
Es betrachtet die Vor- und Nachteile von chemischen Mitteln, wie Viagra, und die moralischen Dilemmata bei der Entwicklung von „Liebesdrogen“, um die Libido aufzupumpen und Partner anzuziehen.
Der Film bietet auch einige seltsame Episoden in der Geschichte der Sexforschung, wie etwa die Arbeiten von Wilhelm Reich. Ein Kumpel von Einstein, der behauptete, daß er die verborgene libidinöse Kraft entdeckt hatte, die das Universum entstehen läßt und die er „Orgon“ nannte.
Freuen Sie sich auf die enorme Operation, um den Penis eines Taiwanesischen Mannes in eine Art von Gelenklampe zu verwandeln und den Versuch, Männer mittleren Alters durch Transplantation von Affenhoden zu verjüngen.

„Kommerzieller Sender“? Alle Sender der westlichen Welt werden von linken Pestratten dominiert! Hier meine damaligen spontanen Notizen beim Betrachten dieser Scheiße, die nach der ersten Ausstrahlung zurückgezogen wurde, nachdem James DeMeo seine Anwälte darauf angesetzt hatte:

Das schlimmste EP-Angriff JEMALS: ab 06:50 Minuten mit Jim DeMeo. Reich (bzw. der Schauspieler, der Reich spielt) masturbiert vor der Kamera, um die Orgasmusenergie zu messen! „So viele Orgasmen wie möglich führen zur Gesundheit.“ – Reich ist weiter am Masturbieren. DeMeo-Szene. Nächste Szene: Reich masturbiert einen nackten Patienten! Als sich Gerüchte verbreiteten, er sei psychisch krank, floh er in die amerikanische Wildnis! Dort erfand er seine Karriere neu und erfand Boxen, um die Orgonenergie zu nutzen. DeMeo und seine ORACs. Die weltumspannende Orgasmusenergie wird an die Person, die innen sitzt, abgestrahlt. MAN MUSS DIE HÄMISCHE STIMME DES SPRECHERS VOLL ABGRUNDTIEFER VERACHTUNG HÖREN!! Dann wird der ORAC-Trichter (shooter) gezeigt – und aus dem Kontext heraus wird jeder denken, er werde auf den Penis aufgesetzt! Reich und Einstein – Einstein erklärte es als einfache Wärmeübertragung. Als Reich erwähnt, daß die Menschen ihn als verrückt betrachten, antwortete Einstein: „Das kann ich verstehen!“ Reichs Ruf in Amerika war bald so schlimm wie in Europa. Die ORACs wurden zu einem Betrug ersten Ranges erklärt. Es stellte sich heraus, daß die Übel der Gesellschaft von reichlich Orgasmen nicht gelöst werden. 12:15 Minuten.
DeMeo hatte nicht die geringste Ahnung, daß er von Modju mißbraucht wurde. Es war nur eine TV-Dokumentation.

Leider mußte ich über weitere zwei Berichte über Reich in der englischen Presse berichten:

http://www.dailymail.co.uk/femail/article-2015005/Did-wooden-box-trigger-sexual-revolution.html

http://www.economist.com/node/18956016?story_id=18956016

Es macht den Eindruck, daß diese Angriffe darauf zurückzuführen sind, daß, wenn es ein Hindernis auf dem Weg zur multikulturellen Gesellschaft gibt, die dem modern liberal (dem pseudo-liberalen „linksgrünen“ Kommunisten) so wichtig ist, die sexuelle Revolution im Reichschen Sinne verantwortlich gemacht wird. In einer Art „emotionaler Verschwörung“ bzw. „emotionaler Kettenreaktion“ (es geht hier also nicht um eine Verschwörungstheorie im üblichen Sinne!) wird Reich als der imaginierte Schöpfer dieser Kalamität angegriffen.

Robert verwies darauf, daß James DeMeo seinen Kommentar gegeben hat: https://www.economist.com/users/James%20DeMeo/comments

Und schließlich O. mit seiner Generalabrechnung mit DeMeo:

Zur Anmerkung, daß meine Bemerkung zum Filmbeitrag DeMeos sarkastisch sei:
Ich finde, daß wenn Mist gebaut wurde, DeMeo immer dabei war. Er hätte es eigentlich besser wissen müssen, tut es aber nicht, da stimmt für mich was nicht bei ihm. Und das ist das ständige Geltungsbedürfnis, das scheinbar sachliche Beiträge oberflächlich richtig erscheinen läßt, aber da immer was Schräges rauskommt. Und genau das ist ihm in diesem Film passiert, er ist keine Zwanzig, wo man noch naiv agieren kann. Er hat Erfahrung mit F[…], T[…] und anderen und lernt nichts daraus? Haben die ihn nicht genug ver… ? Da läßt er sich von Fernsehleuten noch vorführen, als hätten die noch nie über Reich schlecht geredet, als würden sie „neutral“ urteilen wollen. Das regt mich nicht auf, sondern da kann ich nur – meinetwegen sarkastisch grinsen.
DeMeo meint es vielleicht gut, aber das (mir) reicht nicht. Er ist oberflächlich argumentativ überzeugend und hält die Fahne hoch, doch wir (so wie General Castor) brauchen keinen Fahnenträger.
Konkret: Beispiel 1: Die Saharasiathese sollte mit statistisch signifikanter Studie (seiner Diss) irgendwie belegt sein. Oberflächlich ist sie plausibel als Hypothese. Die methodische Ausarbeitung ist aber nicht aufgeführt. Seine Arbeit ist nicht nachvollziehbar und auch nicht signifikant. Angaben zum Test fehlen. Somit ist sie kritisch betrachtet ein Prosatext ohne Aussage. Das ist um so fataler, da wir hier weitreichende Annahmen machen über die islamische Kultur, arabische Staaten etc. Dann ist einfach zu dünn. [Siehe dazu die Diskussion in den Kommentaren zu https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2014/09/02/james-demeos-saharasia-theorie/%5D
Beispiel 2: DeMeo entgegnet Harrer (als fast einziger) verbal fundiert und sich auf Reich beziehend [siehe dazu Teil 1]. Das hört sich gut an, ich könnte ihm in manchen Punkten auch Recht geben, aber er weiß nichts von Harrers Arbeit, außer etwas vom Hörensagen.
Sein Motiv ist doch wohl leicht zu unterstellen, er will sich auf der Seite der WRG schlagen, zu denen er auch gute Kontakte hatte, die Harrer damals loswerden wollten.
Das die WRG aufgrund von Unfähigkeit irgendetwas wissenschaftlich zu beurteilen vor Harrer einknickte und um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen (rein taktisches Vorgehen, das Fähnchen nach dem Wind halten), konnte DeMeo nicht ahnen und dann auch nicht fassen, würde ich vermuten. Die Orgonenergie wurde nicht in der „Maierklärung“ wegerklärt, weil Harrer so brillante „Beweise“ hatte, sondern weil ihn keiner verstanden hat.
DeMeos Ausführungen sind keine Auseinandersetzung mit Harrers Ergebnissen, sondern oberflächliche Gegenargumente, die eine Scheindiskussion führen auf fraglichem Niveau, nämlich keinem wissenschaftlichen, den Harrer für sich beanspruchte.
Seine Entgegenung ist der Versuch Reich zu verteidigen oder für sich selbst „Punkte“ zu sammeln (damit man ihm mal sein Labor und seine Ambitionen als zweiter WR finanziert). Hier gilt auch das Prinzip, wer viel „arbeitet“ hat Recht und Ansehen in der Reichszene, ein doch fragliches Dogma, was von Reichs Arbeitsdemokratie abgeleitet sei. DeMeo will hier wieder die Welt retten, als James (007). – Ok, der Kommentar war wieder sarkastisch, aber es soll hier mal sein Motiv zeigen.
Beispiel 3: Wirft das CLB-Projekt nicht Fragen auf? CLB mit F[…], T[…] und S[…]. – In Konkurrenz übrigens zu Harrer.
Daher der unterschwellig persönlich gefärbte und motivierte Diskurs als Abrechnung mit Harrer und nicht als inhaltlicher Beitrag!
Für mich schleimt DeMeo wo er kann auf allen Seiten und es geht ihm nur um Anerkennung (Narzißmus), das ist mein Resümee, sonst hätte er gemerkt, daß er auch nur benutzt wird, um mit ihm zu glänzen. Er stellt im Internet seinen Disput mit T[…] (und umgekehrt) zur Show und lobt kritiklos F[…]. Da dürfte doch mal etwas auffallen, oder? Deftige Kritik an Harrer, obwohl dessen Inhalte nicht bekannt sind (bis heute nicht) und unseren Experten F[…] für Engelsakkumulatoren wird nicht mal in einer Fußnote kritisiert. Also da ist es dann mit der „Verteidigung“ von Reich nicht mehr so wichtig. Das nenne ich eine einseitige und fragwürdige Haltung, die (auch hier) alles in Frage stellt.
Und jetzt sollen bei der Filmdarstellung die anderen Schuld sein? Sind es denn bei DeMeo nicht immer die anderen? Wer schult einen „Haufen Orgonitten“ im CLB, damit sie Wetterchaos anrichten können? Welche anderen waren es? Wer schreibt „So Du willst einen CLB bauen“ in der BZ der Orgonomie, wo klargestellt wird, daß man erstmal eine abgeschlossene Orgontherapie für sich braucht, und läßt dann unsere „Panzerknackergang“ an das Gerät, die von Orgontherapie nur drei Zitate im TB Fischer der Charakteranalyse findet?
Seriöse Arbeit Mr. Dr. phil. DeMeo sieht klar anders aus. (Ich hoffe die Titel sind korrekt, ansonsten entschuldige ich mich an dieser Stelle.)
DeMeo hat nicht ein einziges Mal darüber nachgedacht, geschweige denn seine Methode überprüft, als man ihm vorgeworfen hat, daß er Wetterchaos anrichtet, ob er tatsächlich mit dem „Greening Desert Project“ nicht völlig falsch liegt. – Alle hier bereits ordentlich kritisierten Projekte wie Greening Africa, auch die chemtrail Aktivisten, sind Nachahmungen seiner populistischen Aktivitäten (Orop Namibia, Arizona usw.), die „nie Anerkennung“ erfuhren. (Die anderen sind Schuld). DeMeo irrt nicht – so scheint es – er kann nicht irren und ist unfehlbar, unkritisierbar.
DeMeos Haltung ist für mich nicht konsistent, sondern zu widersprüchlich.
Dies soll als Argumentationslinie für hier einmal ausreichen. Die Kritik und den Hinweis, daß ich sarkastisch war, nehme ich an; das ist unangenehm und dies zu ändern fällt mir schwer, aber ich kann mal daran arbeiten!

Sebastian: Ich habe ein paar Fragen zu den weiblichen Geschlechtsorganen und zum Orgasmus aus orgonomischer Sicht. Was sagt der Orgonom zur Gräfenberg-Zone (G-Punkt), zur erogenen Zone nach Chua Chee Ann (A-Punkt) und was weiß ich, wie die Vagina noch in einzelne Punkte oder Zonen zersplittert wird? Was hat es mit der weiblichen Ejakulation auf sich? Reich beschreibt diese überhaupt nicht. Und was ist von multiplen Orgasmen zu halten, die ja landläufig als „Superorgasmus“ gelten?

Peter: Frauen haben bei der Selbstbefriedigung meist intensivere „Orgasmen“, manchmal sogar „multiple Orgasmen“. Das hat mit einem „Orgasmus“ ziemlich wenig zu tun, der mehr ist als eine starke Nervenerregung und „Jucken“. Was den G-Punkt betrifft, markiert er nur das innere Ende des sehr umfangreichen Klitorisgewebes. Dieses trägt zur Erregungssteigerung bei, der Orgasmus (= Plasmazuckung) selbst ist jedoch unabhängig von derartigen Nervengeweben. Siehe auch https://nachrichtenbrief.wordpress.com/2014/05/28/die-funktion-des-orgasmus-und-%E2%80%9Edie-moderne-naturwissenschaft%E2%80%9C/

Sebastian: Mir kam da eben so ein Gedanke. Die Beschreibung des Erregungsverlaufs bei multiplen Orgasmen einer Frau (…) hat mich an Reichs Beschreibung der Nymphomanie erinnert. Kann das sein? Sie beschreibt den Verlauf als eine Welle. Reich schreibt:

Das achte Schema stellt den Verlauf der Erregung bei Frauen dar, die sehr darunter leiden, daß sie während eines Geschlechtsaktes mehrere Male der Akme ähnliche Sensationen erleben, ohne jedoch die Spannung zu verlieren, so daß sie in ständiger sexueller Erregung verbleiben („Nymphomanie“). (Frühe Schriften II, S. 59)

Nun ist sie allerdings ziemlich begeistert davon und in der Doku bezeichnen irgendwelche Hippie-Frauen den multiplen Orgasmus als „Superorgasmus“. Ich sag‘s gleich vorweg. Das ist für Reich-Kenner eine relativ unerträgliche Doku mit ihren Sexgurus, Vagina-Fitnesstrainern, Meditatoren und Hippies, die die unwillkürliche Hingabe nicht kennen und alles kontrollieren wollen.

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=HlqNYQhgB0E%5D

Peter: Was das weibliche Ejakulat betrifft: Reich ging es um die Qualität des Scheidensekrets. Je sämiger und öliger, desto besser. Das weibliche Ejakulat ist dünnflüssig, teilweise ein feines „Spray“. Ich glaube kaum, daß es eine großartige Korrelation zur orgastischen Potenz gibt.

Peter weiter: Baker beschreibt das ganze sehr schön hier: http://orgonomy.org/articles/Baker/Sexual_Theories_of_Wilhelm_Reich.html

Das Vorspiel steigert die Erregung weiter bis die Vereinigung (Wunsch nach Eindringen) dringlich wird. Ein Wunsch, der in beiden Partnern vorhanden sein sollte. Bei Männern ist die Erektion eine offensichtliche Voraussetzung.
Bei der Frau ist die Erektion nicht so offensichtlich und wird nicht derartig als Voraussetzung betrachtet. Dennoch erigieren Schamlippen bei adäquater sexueller Bereitschaft, wie die Brustwarzen, wenn die Brüste reagieren. Des weiteren gibt es zwei Arten von Vaginalsekret, wäßrig und schleimig. Letztere, die elektrolytisch ist, bietet ein höheres Maß an Kontakt und Erregung und wenn sie nicht vorhanden ist, ist eine Frau nicht vollständig sexuell bereit. Längeres Vorspiel mit Stimulierung der Klitoris wird tendenziell einen klitorialen Höhepunkt produzieren und die vollständige vaginale Reaktion stören.
Es ist noch immer eine Frage, ob die Frau in der Scheide selbst Lust fühlt oder ob dies eine Illusion ist, die von Lustempfindungen an den Schamlippen und am Scheideneingang bedingt ist. Die Hinterwand der Vagina scheint am meisten zu reagieren. Es gibt entsprechend einen definitiven Drang nach Penetration und vaginalem Orgasmus im Gegensatz zum klitoralen Höhepunkt. Letzterer erzeugt nur eine lokale Reaktion, während ein vaginaler Orgasmus eine totale Reaktion des gesamten Organismus darstellt, die zur kompletten Befriedigung führt. Auch wird, wo genitale Potenz vorliegt, die Scheide zu einem aktiven Organ, das am Penis saugt, wie der Mund an einer Brustwarze saugt.
Die wirkliche genitalen Vereinigung, bei der Kontakt (Strömungen) vorhanden ist, bewirkt das dringende Bedürfnis nach reibenden Bewegungen, weich aber aggressiv und synchron mit der Atmung. Schnelle, harte Bewegungen beruhen auf Kontaktlosigkeit und überdecken jede natürliche Empfindung der Hingabe. Zaghafte Bewegungen oder Mangel an Bewegung kann durch Angst bedingt sein oder um das Empfinden zu drosseln.
Der tatsächliche Geschlechtsakt dauert zwischen drei und zwanzig Minuten mit einem anhaltenden Gefühl von natürlicher Sanftheit. Die Position erfordert nur, daß es zu keiner Behinderung der Bewegungen kommt. Man kann direkt zum Orgasmus fortschreiten oder auch nicht. Man kann innehalten, die Stellung ändern, etc., aber an einem bestimmten Punkt wird der Akt automatisch und initiiert die unwillkürliche orgastische Zuckung. An diesem Punkt wird das Anhalten oder anderes Eingreifen als sehr schmerzhaft und störend empfunden. Dies kann auftreten, wenn einer der beiden den vollen Schwung der orgastischen Zuckung nicht erträgt und durch schnelle, ruckartige Bewegungen oder sogar Rückzug eingreift. Oder man erstarrt und wird unbeweglich und verliert die Empfindung sogar gänzlich. Der Geschlechtsakt sollte frei von Phantasien sein, die in sich selbst eine Flucht darstellen.
Der vollständige Orgasmus hängt vom kompletten Fehlen von Festhalten im Organismus ab. An einem bestimmten Punkt ergreift die Erregung den ganzen Menschen und ihre Zunahme unterliegt nicht der willkürlichen Kontrolle. Nachdem sie sich zunächst auf den gesamten Organismus ausgebreitet hat, konzentriert sie sich im Genitalbereich und es folgt eine warme, schmelzende Empfindung. Unwillkürliche Muskelkontraktionen im Genitalbereich und im Beckenboden treten in Wellen auf. Der Berg jeder Kontraktionswelle fällt mit einer tiefen Penetration während des Ausatmens zusammen. Es folgen die Spasmen, die die Ejakulation hervorrufen. Bei Frauen treten Kontraktionen auf und es kommt zu einer Dehnung in der Vagina, ergänzt durch den Wunsch, vollständig zu empfangen. Aufgrund der Invagination ist dies vergleichbar mit dem expansiven Drang des Penis, vollständig zu durchdringen. Es folgt eine Trübung des Bewußtseins und eine Zunahme der Kontraktionen, die den ganzen Körper betreffen. Nach den Konvulsionen bleiben die beiden Organismen für eine Zeit vereinigt, während die Energie, die sich auf das Genital konzentriert hat, wieder durch den Organismus fließt, was als Befriedigung empfunden wird. Die folgende Trennung ist mit Entspannung verbunden, einer zärtlichen, dankbaren Haltung gegenüber dem Partner und Schlaf.

Zur Illustration siehe
https://orgontherapie.wordpress.com/glossar/ unter dem Stichwort „orgastische Potenz“.

Ich glaube, in manchen Kreisen würden die Leute in Schockstarre verfallen, wenn man ihnen das vortragen würde. Und es ist nicht der katholische Kirchenkreis, an den ich hier denke 😉

Papiergeld und Warengeld

9. September 2015

Die Österreichische Schule der Ökonomie glaubt, daß Papiergeldsysteme alles andere als selbstverständlich oder gar „naturgegeben“ sind. Sie haben gegenüber Warengeldsystemen (Gold, Silber, Kupfer und andere Edelmetalle) keine Vorteile und sind inhärent instabil.

Erst 1973 wurde der Goldstandard endgültig abgeschafft und das erste Mal in der Geschichte haben wir heute weltweit ein Papiergeldsystem. Bisher sind alle Papiergeldsysteme zusammengebrochen, entweder indem man rechtzeitig zum auf Waren (meist Gold und Silber) basierten System zurückkehrte oder indem es zur Hyperinflation und infolge zum gesellschaftlichen Kollaps kam. Alles sieht danach aus, als würde auch das gegenwärtige System so enden. Nur, daß diesmal der Zusammenbruch den gesamten Planeten umfassen wird.

Der Unterschied zwischen den Papier- und Warengeldsystemen liegt darin, daß die Menge des Papiergeldes flexibel ist, während Warengeld mehr oder weniger fix ist. Beispielsweise konnten Bush und Obama die Krise von 2008 überwinden, indem sie Unmengen von frischem Geld in die Wirtschaft pumpten. In einem System mit Warengeld wäre dies unmöglich, da Geld zunächst einmal erwirtschaftet werden müßte.

Hieran sieht man bereits das Grundproblem: das, was das ganze System am Leben erhält, da es den Austausch von Gütern ermöglicht, das Geld, wird verwässert und alle ökonomischen Regeln willkürlich außer Kraft gesetzt. Imgrunde ist es das gleiche System wie einst im Ostblock.

Das Gegenargument lautet meist: wir leben in einer wachsenden Wirtschaft und brauchen deshalb auch eine wachsende Geldmenge. Die Antwort darauf lautet, daß Geld dem Tausch dient und deshalb (in vernünftigen Grenzen) jede Menge an Geld paßt. Wenn sich entsprechend auch alle anderen Preise anpassen, ist es vollkommen egal, ob ein Auto EUR 60 000 kostet oder EUR 600, ein Fahrrad EUR 600 oder EUR 6, eine Flasche Olivenöl EUR 6,00 oder EUR 0,06. „Geldmengensteuerung“ ist planwirtschaftlicher Unsinn.

Statt wie im Papiergeldsystem, wo alles immer teurer wird (Inflation), kommt es in einem Warengeldsystem zu einer natürlichen Deflation: alles wird ständig billiger. Gegenwärtig sehen Ökonomen in der Deflation das schlimmste überhaupt, was geschehen kann, doch das zeigt nur, daß das Papiergeldsystem die Wirtschaft sozusagen „auf Droge“ gesetzt hat (siehe dazu Der Kult der Expansion).

Die Zentralbanken können so viel Geld produzieren, wie sie wollen – vollkommen willkürlich. Und tatsächlich bestimmt heute die Geldzufuhr den Zustand der Ökonomie, nicht umgekehrt, wie uns gerne weisgemacht wird. Hinzu kommt das „Mindestreserve-Bankwesen“: du hinterlegst EUR 100 bei der Bank, die es jemandem anderen verleiht, die Geldsumme hat sich also verdoppelt. Du sagst, du besitzt die EUR 100, und derjenige, der diese EUR 100 von der Bank als Kredit erhalten hat, behauptet ebenfalls diese EUR 100 zu besitzen.

Statt, daß Investitionen durch Ersparnisse finanziert und entsprechend verantwortlich (d.h. arbeitsdemokratisch) gehandelt wird, entsteht ein System vollkommener Verantwortungslosigkeit, das zwar zunächst zu einer Scheinblüte führt, aber über kurz oder lang zusammenbrechen muß. Man denke nur an die Immobilienblasen, die schon geplatzt sind und noch zu platzen drohen!

Und was das Zinssystem betrifft: Zinsen signalisieren, wie dringend das vorhandene Geld jetzt ausgegeben werden muß. Hohe Zinsen zeigen an, daß das Geld hier und jetzt benötigt wird („Ich leihe dir kein Geld!“), niedrige Zinsen zeigen an, daß der Konsum auch später erfolgen kann („Ich leihe dir sehr gerne Geld!“). Ökonomische Selbststeuerung der Gesellschaft!

Gegenwärtig wird durch künstlich billig gehaltenes Geld die Überexpansion angeheizt (es wird trotz Krise kräftig investiert) und vollkommen falsche ökonomische Signale gesendet (nämlich die, den Konsum zu drosseln – Kontraktion). Ein einziges Tohuwabohu. Früher oder später wird das Weltwirtschaftssystem über seine eigenen Füße stolpern.

Die Gegenwahrheit zu dieser Position der „Österreichischen Schule“ ist augenfällig: Die Wirtschaft ist nicht nur ein „objektives“ hydraulisches System, durch das Geld und Waren fließen, sondern es geht in ihr in erster Linie um „subjektive“ emotionale Erregungszustände. Es geht auch nicht nur um den Ausgleich irgendwelcher Ungleichgewichte, sondern um das unvorhersehbare Erschaffen „aus dem Nichts“. Ein schönes Beispiel ist der Milliardär Donald Trump, der mit einem Startkapital von 6 Millionen Dollar anfing. Daß er das innerhalb von vier Jahrzehnten vertausendfacht hat, bedeutet nicht, daß er („global gesehen“) anderen etwas weggenommen hat. Es ist schlicht mehr da, als es ohne ihn gegeben hätte. Von daher ist die Geldschöpfung „aus dem Nichts“ nicht so irrational, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Anlagebetrüger treten „wie Donald Trump auf“ und geben vor, daß sie das Geld ihrer „Kunden“ auf wundersame Weise, quasi aus dem Nichts vermehren können. Der Unterschied zwischen Trump und einem Betrüger besteht darin, daß, obwohl sich auch bei letzterem alles um den Namen und das Image dreht, Trump sich einen Namen in der realen Welt gemacht hat und er von realen Dingen getragen wird, d.h. er hat sozusagen Substanz, während der Betrüger nichts weiter als Schall und Rauch ist. Das entspricht dem heutigen Weltfinanzsystem, das sich vollkommen von der Substanz, dem Gold, getrennt hat und glaubt, mit Gelddrucken („Hilfspakete“) Länder wie die USA oder Griechenland retten zu können, weil das auf mystische Weise angeblich irgendwelche „Impulse setzt“. Das gegenwärtige Weltwirtschaftssystem ist eine merkwürdige Mischung aus Mystizismus und Mechanismus („quantitative easing“), die nur durch eine funktionelle Ökonomie überwunden werden könnte, die sowohl die emotionalen als auch die „realen“ Aspekte der Wirtschaft berücksichtigt, ohne daß es zu mechano-mystischen Kurzschlüssen kommt.

papierwaren

Es bedarf orgonotischen Kontakts, um die qualitativen und quantitativen Aspekte des ökonomischen Systems richtig zu bewerten; zu erkennen, daß sich in der Wirtschaft alles um Emotionen dreht, d.h. die Einschätzung der Zukunft (Kreditvergabe), dies aber stets durch „Realitäten“ (insbesondere die weitgehend fixe Goldmenge in der Welt) fundiert und im Rahmen gehalten werden muß, damit das System nicht außer Kontrolle gerät. Das Gold gemahnt ständig an die Wirklichkeit, d.h. die „Endlichkeit“.

Die Österreichische Schule will nicht wahrhaben, daß es auch zu Zeiten des Goldstandards nie ein reines Warengeld gegeben hat, sondern daß die Golddeckung wegen der Kreditvergabe der Banken tatsächlich stets nur marginal war; bzw. daß diese fehlende Golddeckung nicht einfach nur „Betrug“ war, – den man ohnehin niemals wird unterbinden können. Das bedeutet aber umgekehrt nicht, daß man auf die Golddeckung ganz verzichten kann, wie heute die gängige ökonomische Lehre glaubt. Das Gold ist wie jede „Substanz“: sie hindert am „Abdriften“. Auch wenn die Analogie etwas abwegig klingt: ohne Reibung und Gravitation würden wir hilflos im Nichts driften – ohne Goldstandard driftet die Weltökonomie in die Katastrophe. Siehe Robert Harmans Ausführungen.

Wie dieses „Abdriften“ konkret aussieht, ist etwa ersichtlich, wenn man die Produktivitätssteigerung mit der Lohnsteigerung vergleicht. In den USA liefen die beiden Graphen bis 1973 parallel. Danach stieg die Produktivität weiter im gleichen Tempo an, während die Löhne seitdem weitgehend auf dem gleichen Niveau verharren.

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