Posts Tagged ‘Soziologie’

In Memoriam: Paul N. Mathews (1924-1986) (Teil 1)

22. Februar 2021

von John M. Bell
21. September 1986
 

Wir trauern um den kürzlichen Verlust von Paul Mathews, der uns allen über viele Jahre hinweg ein Freund war und ein Gründungsmitglied des American College of Orgonomy. Der Tod eines geliebten Freundes ist nie leicht, aber der Tod eines so geschätzten, erprobten und bewährten Freundes wie Paul ist besonders schmerzhaft. Wir vermissen ihn jetzt zutiefst und werden es auch in Zukunft tun. Wir werden seine energische, warme Gegenwart, seinen weisen Rat, seine Loyalität und seine Stärke vermissen.

Seine Beiträge zur Orgonomie im Laufe der Jahre waren zahlreich und sprachen für sich selbst. Er leitete den N.Y.U.-Kurs für Orgonomie mit Leidenschaft, Intelligenz und Witz von den ersten Tagen an – seit dem Frühjahr 1968 – bis erst kürzlich. Als ich diesen Kurs zum ersten Mal an der N.Y.U. vorschlug und Dr. Elsworth Baker fragte, wer ihn am besten unterrichten könne, antwortete er ohne Zögern: „Paul Mathews“. In diesem Kurs arbeitete Paul wunderbar, indem er die Studenten durch die Ideen Reichs führte und häufig feindseligen Fragen mit Souveränität und Verve begegnete. Er schien in diesen Kursen noch mehr zum Leben zu erwachen, ob er nun einen Vortrag hielt oder Gastgeber für einen Gastdozenten für den Abend war. Aus diesem ersten Kurs entwickelte sich der Kurs für soziale Orgonomie und schließlich das Seminar für soziale Orgonomie, das wir so viele Jahre lang gemeinsam unterrichteten.

In seiner Arbeit als Lehrer für Orgonomie war Paul enorm fleißig und weit gereist. Viele, die zur Orgonomie schließlich als Fachleute gekommen sind, taten dies durch seine Kurse und Vorträge.

Auch davor hatte sich Paul viele Jahre lang der Orgonomie gewidmet. Orgonomie und Reichs Werk nahmen seit seinen frühesten Erwachsenenjahren einen zentralen Platz in seinem Denken und Wirken ein. Er steuerte seine Schriften und Briefe bei. Im Jahr 1955 verfasste er einen Artikel über das jugendliche Elend von Oberschülern für Orgonomic Medicinea. Im Umgang mit sozialen Fragen rang Paul lange mit den subtilen Problemen der methodischen Endanalyse bei der Formulierung dessen, was sich später als seine funktionellen Ansätze zur orgonomischen Soziopolitik herauskristallisierte.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a https://www.orgonomie.net/mathews11.htm#jugendliche

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Nr. 2, S. 161-162.
Übersetzt von Robert Hase

Zum Gedenken an Elsworth F. Baker (Teil 2)

12. Februar 2021

von Paul Mathews, M.A.

 
Interessanterweise war seine Autorität in der Orgonomie im Gegensatz zu gewissen Missverständnissen und Fehlinterpretationen eine arbeitsdemokratische, d.h. er verdiente sie durch seine größere Erfahrung, sein Wissen und durch Reichs Unterstützung für ihn, sowie durch seine Fähigkeit, funktionell zu denken. Diese Eigenschaften waren die Katalysatoren für den Respekt und die Achtung, die ihm von seinen Kollegen entgegengebracht wurden. Wie Reich übertrug er die Verantwortung an diejenigen, die dafür am besten geeignet waren und er konnte sich Urteilen fügen, die seinen eigenen widersprachen, wenn die Argumentation und das Wissen überzeugend waren. Er fühlte sich jedoch immer in der größten Verantwortung gegenüber Reichs Wunsch, die Entwicklung und Zukunft der Orgonomie zu überwachen – eine Bürde, die er schwer, jedoch hervorragend, trug. Er war natürlich kein Heiliger und konnte in Bezug auf etwas, das er persönlich bevorzugte, hartnäckig sein, aber er hörte sich Argumente sehr ernsthaft an, auch wenn er ihnen nicht nachgab. Mit zunehmender Erfahrung änderte er jedoch häufig seine Meinung. Für diejenigen, die ihn nicht gut kannten oder dachten, sie würden ihn kennen, konnte er abweisend und autoritär erscheinen, aber das lag daran, dass sie für einen relativ kurzen Zeitraum einen sehr selektiven Teil von ihm sahen. Es sind die fortwährenden Beziehungen im beruflichen und persönlichen Bereich, die das Wesen eines jeden Menschen genauer erweisen. Menschen projizieren häufig ihre eigenen Charakterprobleme auf diejenigen, die sie aus dem einen oder anderen Grund als bedrohlich empfinden.

Dr. Baker ermutigte immer das, was latent vorhanden und am besten den eigenen Fähigkeiten entsprach. Als er bemerkte, dass ich einige Einblicke in die soziale Szene und deren Charakterologie hatte, bat er mich, sie aufzuschreiben, was ich auch tat. Dies führte zu einer Reihe von laufenden sozialen Seminaren für Therapeuten in Ausbildung, an denen er teilnahm. Dieses Papier und diese Seminare führten zu unserer Zusammenarbeit am Kapitel über den soziopolitischen Charakter seines Buches Man in the Trapa. Obwohl er die größte Patientenzahl aller praktizierenden Therapeuten hatte, arbeitete er über die Jahre hinweg eifrig an seinen Schriften und fand Zeit, die verschiedenen Organisationen, die nach Reichs Tod 1957 entstanden, zu organisieren und weiterzuentwickeln.

In seinen letzten Tagen im Krankenhaus erfuhr er, dass ich von einem Möchtegern-Straßenräuber überfallen worden war, den ich erfolgreich abgewehrt hatte, jedoch nicht ohne schmerzhafte und unangenehme Verletzungen. Ich war auf dem Weg ins Krankenhaus zu einem Besuch und musste für ein paar Tage absagen. Als ich ihn endlich besuchen konnte, schien er zu schlafen, als ich sein Zimmer betrat. Es war niemand da, also setzte ich mich einfach ruhig auf das Sofa vor seinem Bett. Er rührte sich, öffnete die Augen, sah mich schief an und sagte: „Hallo, Paul – du hast dich also geprügelt.“ Ich saß neben ihm am Bett und lächelte mit einem teilweise zahnlosen Lächeln, wies auf die leere Stelle des ausgeschlagenen Zahnes durch die Klopperei hin und erklärte, wie ich den Angreifer neutralisiert hatte. Obwohl er unter seiner quälenden Krankheit litt, sah er mich mit einem Augenzwinkern an und lächelte warm, wie ein Vater, der stolz auf seinen Sohn ist. Es war ein denkwürdiger Augenblick. Danach sah ich ihn nur noch einmal und ich konnte sehen, dass unsere letzten Blicke ein Abschied waren.

Dr. Baker liebte die Stücke von Shakespeare, die er häufig zitierte. Besonders Hamlet gefiel ihm, und so möchte ich, auch auf die Gefahr hin, sentimental zu wirken, meine wenigen Erinnerungen mit diesem Zitat schließen: „Da bricht ein edles Herz. – Gute Nacht, mein Fürst! Und Engelscharen singen dich zur Ruh!“b

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Deutsch: Der Mensch in der Falle, Kösel-Verlag, 1980.

b Übersetzung August Wilhelm von Schlegel (1767–1845).

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 20 (1986), Elsworth F. Baker Commemorative Issue, S. 113-116.
Übersetzt von Robert Hase

Buchrezension: The Case Against Pornography (Teil 1)

20. Januar 2021

The Case Against Pornography. Herausgegeben von David Holbrook. New York: The Library Press, 1973, 293 S., 8,95$.

von Paul Mathews, M.A., Brooklyn, N.Y.

 

Dieser Band ist eine Anthologie von Schriften über Pornographie von verschiedenen prominenten Personen aus den Bereichen Psychiatrie, Psychotherapie, Philosophie, Soziologie, Bildung und Journalismus. Er wurde ursprünglich in Großbritannien veröffentlicht und ist eines der ganz wenigen Bücher, das eindeutig gegen Pornographie Stellung bezieht. Als solches ist es, ungeachtet einiger Schwächen, äußerst wertvoll. Nur ein Artikel, der von David Boadella, drückt Reichs funktionellen Standpunkt aus, und das recht gut.a Die anderen Artikel beschreiben zwar klar die emotionalen, sozialen und moralischen Folgen der Pornographie, behandeln aber nicht die energetischen Faktoren als entscheidende Kontraindikationen der Pornographie. Die Autoren präsentieren klinische Fallstudien, die den Zusammenhang zwischen pornographischen Fantasien und pathologischer kindlicher Entwicklung zeigen. Diskutiert wird über die entmenschlichenden und brutalisierenden Auswirkungen von Pornographie, die zu sozialen Phänomenen wie nazistischen und kommunistischen Extremen führen können, als Aspekte des allgemeinen moralischen Niedergangs. Über die schizoide Natur von Praktiken, die die Sexualität von der Liebe (Rollo May) und von der Sinnhaftigkeit (Viktor Frankl) trennen. Und über die allgemeine Wirkung von Pornographie auf soziale Störungen.

Orgonomisch betrachtet wissen wir, dass Pornographie funktionell identisch ist mit orgastischer Impotenz und schwerer Panzerung. So dass sie Ausdruck der sekundären, perversen Schicht der menschlichen Struktur ist, wie sie von Reich skizziert wurde. Wo Liebe nicht frei fließen kann, wird sie durch Hass und Entstellung ersetzt. Ein Ausdruck dieses Hasses ist die moralische Unterdrückung jeglichen sexuellen Ausdrucks. Die andere Seite ist Pornographie, d.h. „alles ist erlaubt“. Beide haben den Zweck, die natürliche genitale Sexualität zu zerstören, ob sie nun ganz dagegen oder ganz „dafür“ sind. Das folgende Zitat aus einem Leitartikel der London Times aus dem Jahr 1970, das in diesem Buch abgedruckt ist, klingt daher zutreffend: „Die Pornographie hat immer irgendwo einen Hass auf den Menschen an sich, sowohl auf den Menschen als ein menschliches Wesen, das in der Lage ist, Idealen zu entsprechen, als auch auf den Menschen als ein Tier. Pornographie ist keine Bejahung, sondern eine Verleugnung des Lebens und kommerzielle Pornographie ist eine Verleugnung des Lebens um des Geldes willen.“

In einem Zitat aus Dreams and Symbolsb von Leopold Caligor und Rollo May heißt es: „… die heutigen Patienten scheinen in ihren Träumen insgesamt mit dem Kopf und den Genitalien beschäftigt zu sein und das Herz auszulassen“. Leider muss man sich fragen, inwieweit diese Autoren auch die Genitalien weglassen möchten. Hier liegt zum Teil eine Schwäche dieses Bandes. Zu viele der Autoren schreiben unter dem Gesichtspunkt einer idealistischen, mystischen Sichtweise von Sex und Liebe (die immer noch der mechanistischen, nihilistischen vorzuziehen ist), trennen beide und drücken eine fast abstrakte Präferenz für die Liebe aus. Eine solche Ansicht steht im Einklang mit dem, was Dr. Theodore P. Wolfe als „psycho-physischen Parallelismus“ bezeichnete.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a In Reichianische Bücher (Teil 3), (S. 218f) habe ich den 1997 in dem Sammelband Nach Reich in deutscher Übersetzung abgedruckten Artikel Boadellas „Die Wiederkehr des Unterdrückten“ (1972) brutal abgekanzelt. Wobei zu bedenken ist, dass Nach Reich einen vollkommen anderen Anspruch hatte, als das von Prof. Mathews besprochene Buch. (Peter Nasselstein)

b Leopold Caligor, Rollo May: Dreams and symbols, man’s unconscious language. New York: Basic Books, 1968.
Deutsch: Die Sprache des Unbewussten. München: Kindler, 1973.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, 8. Jahrgang (1974), Nr. 1, S. 105-107.
Übersetzt von Robert (Berlin)

nachrichtenbrief188

17. Januar 2021

Die ungepanzerte Welt fängt vor deiner Haustür an:

Funktionelles Denken ist notwendig, um das soziale Geschehen zu verstehen

26. Dezember 2020


Wenn man sich von Idioten regieren läßt…

Funktionelles Denken ist notwendig, um das soziale Geschehen zu verstehen

Das Problem der Menschen die Emotionelle Pest „zu erfassen“

9. Dezember 2020


Psychoanalyse und Soziologie.

Das Problem der Menschen die Emotionelle Pest „zu erfassen“

Verliere dich nicht in Politik und politischen Diskussionen

14. November 2020


Politik ist Pseudo-Religion.

Verliere dich nicht in Politik und politischen Diskussionen

Bezüglich Reichs SEX-POL ESSAYS, 1929-1934 (Teil 2: Mathews)

13. November 2020

Antwort von Professor Paul Mathews
 

Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich Myron Sharaf voll und ganz zustimme, dass wir die Untersuchung des Einflusses von Karl Marx auf Wilhelm Reich nicht verhindern oder ausschließen sollten. Genau das meinte ich mit dem „historischen Interesse“ an Reichs frühen marxistischen Schriften. Es tut mir leid, dass ich den Eindruck erweckte, wir sollten uns ihnen verschließen und uns niemals mit ihnen befassen.

Dennoch war es, wie Dr. Sharaf richtig feststellt, in der Tat meine Absicht, mich auf die Motivationen der Herausgeber dieses Bandes zu konzentrieren und unvorsichtige Leser vor deren Hintergedanken zu warnen, Reich mit einer Bewegung der Neuen Linken in Verbindung zu bringen, die ihm ein Gräuel war. Auch dies passt zu Reichs eigenem Eindruck, dass scheinbar freundliche Schriften – in diesem Fall seine eigenen – gegen das Wohl der Orgonomie verwendet werden könnten. Diese Enthüllung schien mir von größter Bedeutung zu sein und tut es immer noch.

Dies bedeutet nicht, dass diese Schriften keinen funktionellen oder pragmatischen Wert haben, aber wie Dr. Sharaf sehr wohl weiß, hat sich die Orgonomie schließlich sogar noch weiter von Marx und dem Marxismus entfernt als von der Psychoanalyse. Wir verwenden immer noch eine stattliche Anzahl von Freuds Konzepten, um unsere therapeutischen Ziele zu verstehen und umzusetzen, während Reich, abgesehen von den von Sharaf angeführten Zitaten, sagte: „Ich glaube, daß von der Marxschen Lehre nur der lebendige Charakter der menschlichen Produktivkraft bestehen bleiben wird.“ (People in Trouble, S. 131d). Soweit wir wissen, hat Reich möglicherweise absichtlich den Begriff „Soziologie“ statt „Marxismus“ verwendet, da er „Psychoanalyse“ nicht in „Psychologie“ oder „Verhaltensforschung“ umbenannt hat.

Ja, jeder Aspekt des historischen Einflusses auf Reich ist genauso interessant wie wichtig, aber es wäre falsch, Bereiche über zu bewerten, die Reich selbst von sich gewiesen hat oder von denen er meinte, dass sie heute nicht mehr bedeutsam sind, sodass man sowohl die gegenwärtige Natur und Stellung der Orgonomie als auch ihre Todfeinde aus den Augen verlieren könnte.

 

Anmerkungen des Übersetzers

d Menschen im Staat, Stroemfeld Verlag, Frankfurt/M., 1995, S. 20.
People in Trouble, New York, 1976, S. 10.
People in Trouble, Rangeley, Maine, 1953, S. 131.
Die Ausgaben von 1953 und 1976 unterscheiden sich in Teilen voneinander. Das Zitat von Reich steht in der späteren Ausgabe in der Einführung.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 284-285.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Bezüglich Reichs SEX-POL ESSAYS, 1929-1934 (Teil 1: Sharaf)

12. November 2020

Brief an den Herausgeber [des Journal of Orgonomy] von Myron R. Sharaf, Ph.D., 1. Juli 1973
 

In seiner Besprechung der Sex-Pol-Essays, 1929-1934 von Wilhelm Reich (herausgegeben von Lee Baxandall), im Journal of Orgonomy, Vol. 7, Nr. 2a, macht Paul Mathews zu Recht auf die tendenziöse Verwendung dieser Schriften durch den Herausgeber für politische Zwecke aufmerksam. Wenn Mathews seine Rezension jedoch auf diesen Punkt konzentriert, unterschätzt er meiner Meinung nach die Bedeutung der Schriften selbst.

Mathews erwähnt, dass die Schriften von „historischem Interesse“ sind und dass sie offenbaren, wie „Reichs funktionelles Denken in das, was er als das fehlerhafte Denken und die fehlerhaften Schlussfolgerungen dieser Periode betrachtete, eindrang“ (S. 122). Die Aufsätze – insbesondere „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ – zeigen jedoch auch, wie brillant Reich die richtigen Einsichten von Marx und Engels genutzt und erweitert hat. Als Reich 1927 sein ernsthaftes Studium des Marxismus begann, war sein eigenes Werk (vgl. Die Funktion des Orgasmus, 1927) an einem Punkt angelangt, an dem er sich auf eine tiefgreifende Kritik statischer psychoanalytischer Konzepte bezüglich „Kultur“ und „menschlicher Natur“ zubewegte. Bei Marx und Engels fand Reich eine dynamische Denkmethode, die den sozialen und kulturellen Wandel betonte und damit die Veränderung der „menschlichen Natur“. Er griff zu mächtigen konzeptionellen Waffen, die er weiter verfeinerte, um die damals vorherrschende psychoanalytische Tendenz zu bekämpfen, soziale und biologische Faktoren zu „psychologisieren“.

Noch im Jahre 1946, also lange nach der Veröffentlichung wichtiger Arbeiten über Orgonenergie, schrieb Reich, dass „der dialektische Materialismus, wie er von Engels skizziert wurde … sich zum biophysikalischen Funktionalismus entwickelte“ (The Mass Psychology of Fascism, 3. Auflage, 1946, S. xxi)b. Und im gleichen Vorwort schreibt Reich, dass „die Psychoanalyse der Vater und die Soziologie die Mutter der Sexualökonomie ist“ (S. xix)c. Im Zusammenhang ist klar, dass Reich mit „Soziologie“ insbesondere den Marxismus meinte.

Wir brauchen dringend sorgfältige Studien über den Einfluss von Marx auf Reich, z.B. die Ähnlichkeiten als auch die Unterschiede, nicht nur in der Auffassung des Gesellschaftlichen, sondern ebenso in der Denkweise der beiden Männer. Die Veröffentlichung einiger der wichtigsten Sex-Pol-Essays von Reich in einer guten englischen Übersetzung erleichtert diese Art von Studium erheblich. Die Fehler von Marx und die späteren abscheulichen Verzerrungen seiner Gedanken (z.B. der Stalinismus und die Angriffe von „Marxisten“ und „Neomarxisten“ auf die Orgonomie) sollten uns nicht von solch genauen Untersuchungen abhalten.

Um eine Analogie zu verwenden, die auf der Beziehung zwischen Freud und Reich basiert: Psychoanalytiker irren sich gewaltig, wenn sie Reichs analytische Beiträge in den 1920er Jahren als seine „guten“ Publikationen ansehen, denen später eine Degeneration folgte. So auch die „Neue Linke“, wenn sie Reichs Engagement für die marxistischen Parteien in den frühen 1930er Jahren verherrlicht und die späteren Entwicklungen seines wissenschaftlichen und sozialen Denkens verunglimpft. Diejenigen von uns, die seine Arbeit in ihrer Gesamtheit schätzen, irren sich jedoch, wenn wir Marxens Einfluss auf Reichs Entwicklung minimieren, wie wir es auch tun würden, wenn wir den enormen Einfluss von Freud herunterspielten.

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Muss Nr. 1 heißen.

b Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 24. „Der dialektische Materialismus, den Engels in seinem Anti-Dühring in den Grundzügen entwickelt hatte, entwickelt sich zum energetischen Funktionalismus.

c Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, S. 22. „Die Psychoanalyse ist die Mutter, die Soziologie der Vater der Sexualökonomie.“ In der Übersetzung sind Vater und Mutter vertauscht.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 7 (1973), Nr. 2, S. 284-285.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 2)

19. Oktober 2020

von Paul N. Mathews

 

In der Originalübersetzung von Dr. Theodore P. Wolfe wird das Buch mit dem Kapitel X, „Arbeitsdemokratie“, abgeschlossen. Die neue Übersetzung von Victor R. Carfagno erweitert die Anzahl der Kapitel, indem sie sie aus dem letzten Unterthema von Kapitel IX („Die biosozialen Funktionen der Arbeit . . .“) und zwei Unterthemen von Kapitel X zusammensetzt, so dass aus den ursprünglich zehn Kapiteln insgesamt dreizehn Kapitel entstehen.b Der Effekt dieser willkürlichen Änderung gegenüber der von Reich zugelassenen Wolfe-Version ist, dass sie Kategorien trennt, die meiner Meinung nach – und offensichtlich auch Reich zufolge – zusammen gehören. So ist beispielsweise in der Carfagno-Fassung das Kapitel mit dem Titel „Biosoziale Funktion der Arbeit“ in seiner ursprünglichen subthematischen Form eine Weiterführung und ein logischer Abschluss des Kapitels „Masse und Staat“. Da sich das Unterthema mit den destruktiven Auswirkungen der „moralistische[n], autoritäre[n] Regulierung der Arbeit“c durch die sowjetischen Behörden befasst, gehört es gut in die Analyse des Prozesses des sowjetischen Zerfalls zum Roten Faschismus, die in „Masse und Staat“ behandelt wird. Darüber hinaus sind die Unterthemen, auf die im letzten Kapitel der Wolfe-Fassung („Arbeitsdemokratie“) Bezug genommen wird, so logisch mit diesem Thema verflochten, dass es ein Bärendienst ist, das Gefühl der Kontinuität durch willkürliche Kapiteltrennung zu unterbrechen.

Wie Ilse Ollendorff feststellte, widmete Reich Dr. Wolfe sehr viel persönliche Aufmerksamkeit, um ihm zu vermitteln, was er wirklich intendierte und beabsichtigte*. Die Wolfe-Übersetzung ist daher die einzige von Reich selbst autorisierte Version. Dass die Carfagno-Übersetzung möglicherweise Material enthält, das in Wolfes Version nicht enthalten ist, verzerrt wahrscheinlich die Absichten Reichs. Endgültige Bedeutungen und Absichten können durch Streichungen ebenso ausgedrückt werden wie durch Einbeziehungen. Die folgenden Beispiele sollen diesen Punkt veranschaulichen:

Auf Seite 217, Absatz 4 der Übersetzung von Carfagno stellt Reich feste:

. . . die sozialdemokratischen und liberalen Parteien in den noch nicht faschistischen Ländern lebten gerade von der Illusion, daß die Massen an sich, so wie sie sind, freiheitlich und freiheitsfähig wären [were capable of freedom and liberalism] und daß das Paradies auf der Erde gesichert wäre, wenn es nur die bösen Hitlers nicht gäbe.

In Wolfes Version wird das Wort „Liberalismus“ weggelassen. Im Lichte von Reichs eigener Beschreibung des Liberalismus als Manifestation der oberflächlichen Schicht des Menschen ist dies eine verständliche Auslassung, denn im Gegensatz zur Freiheit sind die Massen nur allzu fähig zum Liberalismus. Natürlich hätte Reich den Ausdruck „wahrer Liberalismus“ verwenden können, aber anscheinend war es sein Wunsch, Verwirrung zu vermeiden. Nur der Übersetzung von Wolfe sollte hier vertraut werden.

 

Anmerkungen

* Ilse Ollendorff schreibt: „Ein Soziologe, der unter Reich studierte, gab den Anstoß zu einer englischen Ausgabe der Massenpsychologie, und Wolfe begann, auch an dieser Übersetzung zu arbeiten. In meiner Erinnerung sehe ich ihn immer mit seiner Aktentasche zu endlosen Abenddiskussionen kommen, um mit Reich die genaue Übersetzung eines Satzes oder eines Spezialausdrucks zu besprechen. Ich habe immer die Gewissenhaftigkeit bewundert, mit der es Wolfe gelang, die genaue Bedeutung von Reichs Ideen wiederzugeben (2, S.75d).

 

Anmerkungen des Übersetzers

b Das letzte Unterthema von Kapitel IX wird zum Kapitel X der Carfagno-Version gemacht. Die drei Unterthemen von Kapitel X der Wolfe-Version werden zu eigenständigen Kapiteln mit eigenen Unterthemen.

c Massenpsychologie, ebenda, S. 270.

d Ilse Ollendorff Reich, Wilhelm Reich, Kindler Verlag, München 1975, S. 106.

e Massenpsychologie, ebenda, S. 200.

 

Literatur

2. Reich, I.O.: Wilhelm Reich: A Personal Biography. New York: St. Martin’s Press, 1969.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 1, S. 107-112.
Übersetzt von Robert (Berlin)