Archive for April 2016

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.h.

30. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

h. Dreifaltigkeit

Herztod

29. April 2016

In der MMW (Fortschritte der Medizin) vom 7. April 2011 wird von einer amerikanischen Metaanalyse (Dahabreh IJ, Paulus JK) berichtet, die nachweist, daß sporadische körperliche und sexuelle Aktivitäten mit einem etwa dreifachen Risiko für Myokardinfarkte einhergehen. Das Risiko für einen plötzlichen Herztod wird durch gelegentliche körperliche Anstrengung sogar um das Fünffache erhöht.

Dazu gibt der Münchner Internist und Kardiologe Prof. Dr. H. Holzgreve einen sehr guten Kommentar ab: Zwar würden diese wahrlich erschreckenden Zahlen sowohl bei Fachleuten als auch bei Laien sicherlich Furore machen, doch warne er vor einer Fehlinterpretation. Herzinfarkt und Herztod werden in den untersuchten Studien nämlich nur innerhalb einer Stunde nach der vereinzelten körperlichen Anstrengung erfaßt und diese Stunde dann mit langen anstrengungslosen Zeiträumen, die meist ein ganzes Jahr umfassen, verglichen. „Das bedeutet, daß das absolute Risiko der nur seltenen körperlichen Anstrengung sehr gering ist, nämlich zwei bis drei Herzinfarkte bzw. ein plötzlicher Herztod pro 10 000 Probandenjahren.“

Ohnehin habe der, der sich regelmäßig, d.h. etwa drei- bis fünfmal pro Woche körperlich und sexuell verausgabe, einen Überlebensvorteil gegenüber dem Sport- und Sexmuffel.

Wie geradezu gemeingefährlich derartige Studien sind, hat bereits Reich Anfang der 1940er Jahre in seiner Notiz „Sex-Economy and Medicine: The ‚Dangers‘ of Sexual Intercourse“ diskutiert (International Journal of Sex-Economy and Orgone-Research, Vol. 1, No. 1, March 1942, S. 94f). Dort geht es um ein junges Ehepaar. Der Mann leidet an hohem Blutdruck, die Frau an „Nervosität“. Ihr Hausarzt riet ihnen unter keinen Umständen Geschlechtsverkehr zu haben, da „Geschlechtsverkehr den Blutdruck erhöht, was jede Art von schlimmen Folgen nach sich ziehen kann“. Infolge des Rates stieg der Blutdruck des Mannes immer weiter an und die Frau entwickelte eine schwerwiegende Zwangssymptomatik. Reich beklagt, daß Ärzte in ihrer Ausbildung und in den Fachzeitschriften nichts über die Verbindung zwischen Bluthochdruck, Nervosität und Sexualstauung erfahren. Statt den Patienten die Angst vor den „schlimmen Folgen des Geschlechtsverkehr“ zu nehmen, werden sie von den Ärzten darin bestärkt.

Wäre er gut ausgebildet gewesen, hätte der Hausarzt des Ehepaares durch Sexualaufklärung versucht, den Eheleuten ein gesundes Geschlechtsleben zu ermöglichen. Handelte es sich hingegen um tiefsitzende neurotische Ängste, wäre eine entsprechend tiefgehende Psychotherapie angemessen gewesen.

Bereits Mitte der 1920er Jahre hatte Reich in seiner Studie Die Funktion des Orgasmus ausgeführt, daß Neurosen („Psychoneurosen“) durch Entwicklungsstörungen der bzw. Regression zur infantilen Sexualität entstünden. Sie hätten stets einen stauungsneurotischen („aktual-neurotischen“) Kern durch unmittelbare Störung der motorischen Energieabfuhr. Dies äußere sich in Stauungs- und Herzangst, da die Erregung nicht über das genitale System abfließe und sich so im Vegetativum staue, weshalb Reich auch von „Sexualstauungsneurosen“ spricht, bei der die motorisch nichtabgeführte Genitallibido das vasovegetative System innerviere und für periphere Vasokonstriktion, arteriellen Hochdruck, Herzbeschwerden, Pupillenerweiterung, Versiegen der Speichelsekretion, kalte Schweißausbrüche, Hitze- und Kälteempfindungen, Erschlaffung der Muskulatur mit Tremor, Schwindel, Diarrhöen, etc. verantwortlich sei. Reich vergleicht die Symptome, die frustrierte Genitallibido zeitigt, mit einer Nikotinvergiftung und der sie begleitenden „Herzangst“ und bestätigt so Freuds Intuition über die „toxischen Sexualstoffe“.

In „The Biopathic Diathesis: Arteriosclerosis and Coronary Artery Disease“ (The Journal of Orgonomy, Vol. 4, No. 2, November 1970) führt der orgonomische Internist Robert A. Dew aus, daß Sympathikotonie Grundlage der kardiovaskulären Erkrankungen ist: eine Kontraktion gegen Expansion, d.h. eine reaktive Sympathikotonie. Die Sympathikotonie im Brustkorb kann, neben Arrhythmien, zu Bluthochdruck und weiter zu Arteriosklerose führen.

Reich merkt an:

Es ist durchaus wahrscheinlich, daß (…) Herzklappenfehler und andere Formen organischer Herzerkrankungen eine Reaktion des Organismus auf chronische Hypertonie des Gefäßsystems darstellen. (Die Funktion des Orgasmus, S. 273)

Dew führt den kardiovaskulären Hochdruck auf einen „lebhaften, stark erregbaren Kern“ zurück (siehe dazu Der Krebs, S. 220f), hinzu komme

eine sehr ausgeprägte Beckenblockierung, chronische orgastische Impotenz und eine daraus sich ergebende mächtige Expansion in die höher gelegenen Segmente hinein. Diese nach oben gerichtete Expansion wird eingedämmt durch eine vergleichsweise starke Kontraktion im Brust- und im Halssegment, was einen Großteil der physiologischen und symptomatologischen Störungen hervorruft, die mit der Erkrankung verbunden sind. („The Biopathic Diathesis: Hypertension“, Journal of Orgonomy, 10(2), November 1976, S. 214)

Emanuel Levine, einem der Mitarbeiter Reichs, zufolge zeige sich die spezifische Panzerstruktur beim Bluthochdruck darin, daß „der Hochdruckpatient gewöhnlich ein rötliches Gesicht hat. Die unteren Segmente jedoch blaß wirken“ („Treatment of a Hypertensive Biopathy with the Orgone Energy Accumulator“, Orgone Energy Bulletin, 3(1), January 1951, S. 24).

Reich vertrat die Ansicht, daß kardiovaskuläre Biopathien ihre Ursache hauptsächlich in einer Verschiebung von sexueller Energie aus dem Genitalbereich in die obere Körperhälfte haben. Einige neuere Ergebnisse unterstützen diese Auffassung. (Sean Haldane und Adolph E. Smith: „Das Konzept der Biopathie: Bestätigungen aus neueren Ergebnissen der Verhaltensendokrinologie“, Wilhelm Reich Blätter, 4/77, S. 106-110)

Die Anlage für Arteriosklerose und andere Erkrankungen der Koronararterien zeigt sich bei der orgontherapeutischen Mobilisierung des reaktiv in einer Einatmungshaltung festgehaltenen Brustsegments, wobei, so Dew, stets tiefe Trauer und Sehnsucht an die Oberfläche kommt. Unsere Sprache bringe die Verbindung zwischen Trauer, Sehnsucht und dem Herzbereich sehr klar zum Ausdruck. Reich hat die Emotion Sehnsucht als Energiefluß definiert, der in den Brustbereich und die Arme geht. Gegen diese parasympathische Expansion kommt es reaktiv zu der festgehaltenen sympathischen Inspirationshaltung. Das besondere ist nun, daß diese äußere mit Vasokonstriktion verknüpfte Sympathikotonie einhergeht mit einer zentralen Parasympathikotonie. Der Parasympathikus hemmt jedoch die Herztätigkeit, obwohl das Herz wegen der peripheren durch den Sympathikus hervorgerufene Gefäßverengung mehr leisten muß. Die für das Herz fatale Gleichzeitigkeit dieser beiden Faktoren stellt die biopathische Diathese der Arteriosklerose dar (Dew, S. 198-200).

Levine hatte 20 Jahre zuvor geschrieben:

Der allgemeine Hintergrund des Koronararterienverschlusses wurde von Reich beschrieben. Er fand, daß der Koronarverschluß sich aus starken expansiven Bewegungen in der Brust ergibt, denen starke Kontraktionen im gleichen Segment entgegenstehen und daß wegen Blockaden in den Schultern und im Zwerchfell, die schraubstockartige Kontraktion nicht anderswo freigesetzt werden kann, was schließlich zur Koronarruptur führt. („Observations on a Case of Coronary Occlusion“, Orgone Energy Bulletin, 4(1), January 1952, S. 46)

Baker bringt eine interessante Beobachtung über die hier besprochenen Herzerkrankungen vor:

Bei diesen Herzschäden findet man sogar schon Jahre, bevor eine körperliche Erkrankung auftritt, immer eine Trias von extrem schmerzhaften Punkten, einen unterhalb der linken Brustwarze, einen zweiten oberhalb der Brustwarze und den dritten in der linken Achselhöhle. Eine Lockerung des Krampfes an diesen Punkten lindert die Herzsymptome. Bei der paroxysmalen Tachykardie kann durch diese Methode keine Linderung erreicht werden, wenn der Patient ein Chininpräparat nimmt. (Der Mensch in der Falle, S. 290)

Ein anderer sehr interessanter Punkt stammt von Levine: Bei Frauen können die Brüste als Sicherheitsventil für den biopathischen Druck im Brustkorb wirken und er fragt, ob dies erklärt, „daß Koronararterienverschluß bei unter Bluthochdruck leidenden Frauen weit weniger häufig ist als bei unter Bluthochdruck leidenden Männern“ („Treatment of a Hypertensive Biopathy…“, S. 33).

Reich selbst litt der Autopsie zufolge unter Arteriosklerose, als er 1957 an seinem zweiten Herzinfarkt verstarb: „Herzmuskelschwäche mit plötzlichem Herzversagen, das mit einer generellen Arteriosklerose und einer Sklerose der Herzkranzgefäße verbunden war“ (Myron Sharaf: Fury on Earth, New York 1982, S. 477). In den Originalunterlagen aus dem Gefängnis heißt es: „myokardiale Insuffizienz aufgrund einer kalzifizierten Aortenstenose, die mit einem generalisierten arteriosklerotischen Herzen und einer Koronarsklerose verbunden war“ (Jerome Greenfield: „Wilhelm Reich in Prison“, International Journal of Life Energy, Vol. 2, No. 1, Winter 79-80, S. 49). Zu Beginn der Haft „stellten Mediziner bei Untersuchungen ein ‚besonders raues anschwellendes systolisches Herzgeräusch‘ Grad 2 fest” (ebd., S. 25). Außerdem heißt es in den Unterlagen, daß

zur Zeit seines Todes eine Grippeepidemie in der Anstalt wütete; (…) die histopathologische Untersuchung zeigte eine eitrige Bronchopneumonie. Meiner Meinung nach weisen diese Umstände auf einen Tod durch Komplikationen in einem Fall von asiatischer Grippe hin. (ebd., S. 48)

Im Oktober 1951 hatte sich der erste Herzinfarkt ereignet und Reich erkrankte schwer an Myokarditis (Elsworth F. Baker: „My Eleven Years With Wilhem Reich“, Journal of Orgonomy, 12(2), November 1978, S. 181). Übrigens gab er aus diesem Anlaß das Rauchen auf. „Zwei Jahre zuvor hatte er wegen eines Tachykardie-Anfalls einen Herzspezialisten konsultiert, der festgestellt hatte, daß er an Bluthochdruck litt“ (David Boadella: Wilhelm Reich, München 1980, S. 255; siehe auch Ilse Ollendorff: Wilhelm Reich, München 1975, S. 127).

Betrachten wir nun die oben beschriebene biopathische Anlage, fällt auf, daß Reich in seinen letzten Jahren auffällig oft über „kosmische Sehnsucht“ geschrieben hat. Auch kann man bei ihm wohl tiefe Trauer über die Tragödie seiner Ursprungsfamilie und diverse weitere Brüche in seinem Leben annehmen. „Heartbreak“ war eines von Reichs Lieblingswörtern (Fury on Earth, New York 1983, S. 20). Ilse Ollendorff erinnert sich über Reichs Herzanfall: „Er sagte damals, daß jeder Herzanfall in Wirklichkeit ein gebrochenes Herz ist“ (Ollendorff, S. 141). In diesem Zusammenhang erwähnt sie einen Brief an Neill, den Reich wenige Tage vor seinem Herzanfall schrieb und in dem er seine herzzerreißende Einsamkeit beklagte (ebd., S. 142f).

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.g.

28. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

Bioenergetik im alltäglichen Medizinbetrieb

27. April 2016

Es kann leicht der Eindruck entstehen, daß die Orgontherapie auf lange Behandlungszeiträume ausgerichtet ist und bei akuten Problemen kaum helfen kann. Nichts könnte der Wahrheit ferner sein. Tatsächlich ist es so, daß in den meisten Akutfällen die medizinische Orgonomie effektiver ist als die Schulmedizin, teilweise sogar die einzige effektive Hilfe zu bieten hat. Das gilt nicht nur für den psychiatrischen, sondern sogar für den allgemeinmedizinischen Bereich. Ich erinnere nur an den selbsterlebten Fall, den ich hier neulich in einem Leserbrief zum besten gab:

Eine 80jährige Verwandte, die für Außenstehende eher wie eine 60jährige wirkte, war in ihrer Wohnung hingefallen und kam nicht wieder hoch. Mein Bruder, der sie zufällig besuchen wollte und zum Glück einen Schlüssel hatte, fand die nach einem halben Tag auf dem Fußboden ganz verzweifelte alte Dame. Auf mein telefonisches Drängen hin brachte er sie ins Krankenhaus, weil sie sich beim Robben durch die Wohnung beide Ellenbogen aufgerissen hatte. Sie sollte nur richtig verbunden werden, stattdessen insistierten die Ärzte, daß sie ein paar Tage zur Kontrolle im Hospital bleiben solle. Aus Angst, daß sie erneut hinfällt und wegen Personalmangel bzw. Bequemlichkeit, zwang man sie drei Tage lang praktisch ununterbrochen im Bett zu bleiben. Resultat? Die für ihr Alter erstaunlich sportliche Frau, die unmittelbar nach dem Sturz festen Schrittes bei der Notfallaufnahme erschienen war, konnte nach den drei Tagen nicht mehr selbständig gehen und wenn wir gemeinsam durch den Krankenhausflur gingen, wollte sie nach wenigen Schritten sofort zurück und sich hinsetzen, aus panischer Angst wieder hinzufallen. Es hatte sich ein klassischer Fall von Fallangst entwickelt, wie Reich ihn in Der Krebs beschreibt. Hätten die Ärzte nur einen Funken bioenergetisches Verständnis gehabt, die Frau wäre nicht innerhalb von drei Tagen Jahrzehnte gealtert („geschrumpft“). Der Kontrast war wirklich erschreckend!

Allein schon diese Kontaktlosigkeit (ich hätte beinahe geschrieben „institutionalisierte Kontaktlosigkeit“)! Auch ohne Reich gelesen zu haben, weiß jeder, daß, wenn man mal vom Pferd gefallen ist (oder ähnliches), man sofort wieder aufsitzen muß – oder man wird sich nie mehr trauen. Wenn jemand hinfällt und die Gefahr besteht, daß er „Fallangst“ entwickelt, schont man ihn nicht, indem man ihn zu tagelanger (vollkommen sinnloser!) Bettruhe zwingt, „damit er nicht nochmal hinfällt“, sondern man insistiert, daß er jetzt gerade so viel aufrecht steht und spazieren geht wie nur irgend möglich (natürlich mit den entsprechenden Sicherungen, etwa einem Rolator).
Diese Kontaktlosigkeit, diese Ignoranz, diese Dummheit und Idiotie! Ich war schlicht fassungslos.

Die alte Dame hat Monate gebraucht, um zumindest einigermaßen buchstäblich „wieder auf die Beine zu kommen“. Ganz knapp am Dauerpflegefall vorbei. Und das alles nur, weil ich auf eine gute Wundverpflegung bestanden hatte.

Das, was einen Organismus lebendig macht, ist die Pulsation der Orgonenergie in einer Membran. Ist das hohe Energieniveau, das diese außerordentlich kräftige Pulsation aufrechterhält, nicht mehr aufrechtzuerhalten, bleibt beispielsweise das Herz stehen, tritt sehr schnell der Tod ein. In Windeseile zersetzt sich das, was pulsierte, „das Fleisch und die Innereien“, bionös und es bleibt das sozusagen „steinerne“ Knochengerüst zurück, daß unter den richtigen Bedingungen Jahrhunderte, wenn nicht viele Jahrtausende überdauern kann.

Nicht ohne Grund wird der Tod durch Knochen symbolisiert. Von allen Strukturen des Körpers scheinen sie am weitesten vom „Lebendigen“ entfernt. Sie entsprechen damit unseren Werkzeugen, etwa Lanzenspitzen aus Stein, die uns ebenfalls überdauern. Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß die Knochen das räumliche Zentrum des Körpers ausmachen, der kaum mehr ist als ein „mit Fleisch umwickeltes Gerüst“. Entsprechend schlägt sich der Zustand der organismischen Orgonenergie unmittelbar im Knochengerüst nieder. Man denke nur an Ernst Kretschmers Konstitutionslehre (Körperbau und Charakter, 1921), die wir bereits an anderer Stelle diskutiert haben.

Sie gilt zwar als weitgehend überholt, doch bei der einen oder anderen Beobachtung springt sie doch sinnhaft ins Auge. Der sich formende Charakter schlägt sich, leider Final, auch im sich ausformenden Skelett nieder. Man denke nur an Haltungsschäden, die unmittelbarer Ausdruck des emotionalen Zustandes sind. Der „Buckel“, der „die Last der Welt“ tragen muß oder etwa das zurückgezogene Becken, das Sexualangst signalisiert. Siehe dazu auch die orgonmedizinische Analyse der Skoliose.

In Der Krebs beschreibt Reich, wie ebenso am Ende des Lebens, d.h. wenn der Orgonenergie-Spiegel wieder sinkt, Knochen ganz besonders empfindlich auf den orgonotischen Zustand des Organismus reagieren. Reich beschreibt auch, wie umgekehrt Knochenbrüche durch ihren Einfluß auf die „Psyche“ (d.h. die Emotionen) den orgonotischen Zerfall ungeheuer beschleunigen. Das ist nicht nur bei den Krebspatienten der Fall, die Reich untersucht hat, sondern desgleichen bei Senioren, die kurz vor dem natürlichen Tod stehen. Jeder, der mit solchen Menschen zu tun hat, weiß welche zentrale Rolle in diesem Zusammenhang die „Fallangst“ spielt, die Reich bei Krebspatienten beschrieben hat. Der Rolator ist mehr eine seelische als eine körperliche Stütze. Er ist eine „energetische Stütze“ – was auch ziemlich genau die eigentliche Funktion des Skeletts widergibt!

Osteoporose ist in erster Linie eine Sache der Seele. So wurde vom 117. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin 2011 berichtet:

Depression und Osteoporose gehen oft Hand in Hand. Den Zusammenhang von Depression und abnehmender Knochendichte belegte eine große Metaanalyse. Dabei ist der Knochendichteverlust nicht nur eine Folge des veränderten Lebensstils depressiver Patienten mit Nikotin- und Alkoholkonsum sowie mangelnder Bewegung, betonte PD Dr. Kai G. Kahl, Hannover. Die Dysregulation des Streßhormonsystems und der relative Hyperkortisolismus beeinflussen die Knochendichte ebenfalls negativ. [Reich hat das im Begriff „Sympathikotonie“ zusammengefaßt!] „Das Knochenkompartment [der Raum, den die Knochen einnehmen] ist quasi ein Gedächtnis für Aktivität und Streß“, meinte Kahl. Dazu kommen ein negativer Einfluß bestimmter Antidepressiva auf die Knochendichte und ein erhöhtes Sturzrisiko (INFO Neurologie & Psychiatrie, Juni 2011).

Man sieht, wohin eine Medizin führt, bei der nicht energetische, sondern rein mechanische und chemische Überlegungen im Mittelpunkt stehen! Immerhin ist jedoch zu konstatieren, daß beim neusten Antidepressivum diese Probleme nicht auftreten:

Agomelatin (Valdoxan) führt nicht zur Orthostase [Schwindel beim Aufstehen, tritt interessanterweise auch bei Jugendlichen auf, die besonders groß und schlank sind] oder Sedation [Dämpfung des Zentralen Nervensystems, „Beruhigung“]. Die Substanz wirkt als Agonist an den Melatoninrezeptoren MT1 und MT2 und als 5-HT2c-Antagonist synergetisch auf den zentralen Taktgeber der inneren Uhr im Nucleus suprachiasmaticus. Prof. Göran Hajak, Bamberg, bezeichnete die Substanz deshalb als potenten Rhythmusstabilisierer. Wie wichtig die zirkadiane Rhythmik ist [also die dem Organismus inhärente Pulsation über den Tag hinweg], zeigt die erhöhte Mortalität bei der Dysregulation der Schlaf-Wach und Aktivitätskurve bei Depression. Bei schlechtem oder zu wenig Schlaf steigt zudem das Sturzrisiko. Kommen Hypnotika oder bestimmte Antidepressiva dazu, erhöht dies die Sturzrate älterer Patienten weiter – mit der Folge von Hüft- und Oberschenkelhalsfrakturen (ebd.).

Irgendwie erahnt die mechanistische Medizin einen Zusammenhang zwischen orgonotischer Pulsation und Skelett!

Die energetische Betrachtungsweise ist der materialistisch-mechanistischen fast immer überlegen! Die letztere ist sozusagen eine bloße „Hilfsdisziplin“ der ersteren. Alles andere ist gemeingefährliche Quacksalberei.

Morton Herskowitz beschreibt in „Treatment of an Episode of Catatonic Mutism“ (The Journal of Orgonomy, Vol. 2, No. 1, March 1968) einen Fall aus seiner Tätigkeit in der Notaufnahme eines Allgemeinen Krankenhauses. Es geht um einen Patienten, der von seiner Frau in die Notaufnahme gebracht worden war, weil er bewegungslos vor sich hinstarrte und auf seine Umwelt nicht mehr reagierte. Ab und an zeigte sich auf dem sonst ausdruckslosen Gesicht eine gewisse Irritation, er blickte dann auf seinen Unterarm und rieb ihn mit der anderen Hand.

Herskowitz interpretierte dies als Versuch des Patienten energetische Bewegung und Kontakt wiederzuerlangen. Offenbar war das psychotische Gleichgewicht noch nicht ganz hergestellt, so daß die Möglichkeit bestand den Patienten „zurückzuholen“. Herskowitz setzte sich vor ihn hin und versuchte Augenkontakt herzustellen. Gleichzeitig nahm er die Hände des Patienten und streichelte sie sanft.

Nach etwa einer Viertelstunde begann der Patient seine Hände ungläubig anzuschauen und den Umriß der Finger der einen Hand mit denen der anderen nachzuzeichnen. Wobei der Therapeut ihm versicherte, dies sei seine Hand, seine eigene Hand.

Auf diese Weise löste ihn Herskowitz, indem er ihn beispielsweise „mütterlich“ in den Arm nahm, langsam aus seiner katatonen Erstarrung. Der Patient wurde in den Arm genommen, als er infolge des Streichelns, und der so erzeugten Bewegung von Energie („e-motion“), Zeichen von Traurigkeit zeigte. Das In-den-Arm-nehmen führte zu einem kurzen Weinen, wodurch sich die Atemsperre lockerte. Dies führte wiederum zu noch mehr energetischer Bewegung und entsprechend zu mehr Kontakt.

Die Augenpanzerung (das „Weggetretensein“) wurde durch die Herstellung von Augenkontakt und das Erklären der einfachsten Dinge, Vorgänge und Beziehungen angegangen. Als sich der Patient mit seinem leeren Blick beispielsweise für das Kissen zu interessieren begann, das auf dem Behandlungstisch lag, auf dem der Patient saß, zeigte ihm Herskowitz den Stoffbezug, nahm das Kissenfutter heraus und tat es wieder hinein, wobei er alles in einfachen Worten erklärte. Auf diese Weise lernte das Gehirn wieder Zusammenhänge herzustellen und wie gewohnt zu funktionieren.

Normalerweise kommen Patienten aus solchen katatonen Zuständen erst nach wochen- oder gar monatelanger Behandlung mit Neuroleptika, Elektrokrampftherapie oder Psychotherapie wieder heraus. Herskowitz schaffte das innerhalb weniger Stunden.

Es hat etwas zutiefst Beunruhigendes, daß die mechano-mystischen Ärzte nicht die geringste Vorstellung davon haben, was in solchen Patienten vor sich geht. Die kaum vorhandene Atmung, die „Sprachlosigkeit“, der leere Blick, die Ticks, das Berühren des eigenen Körpers bis hin zur Selbstverstümmelung sind für sie nur Ausdruck einer „gestörten Hirnchemie“ (Mechanismus), sie „gehören zum Störungsbild“ (Mystizismus, so als sei „das Störungsbild“ eine „platonische Idee“, die sich offenbart!).

Tatsächlich haben diese Symptome alle eine eindeutige Funktion: Die eingeschränkte Atmung mindert den Energiefluß und damit die Angst, die den Patienten „in den Wahnsinn treibt“. Entsprechend muß der Patient ganz langsam lernen, die Angst zu ertragen. Die orale Blockade weist auf tiefsitzende Abhängigkeitswünsche hin, die Augenblockierung auf die Spaltung zwischen Erregung und Wahrnehmung, d.h. den zentralen Mechanismus der Schizophrenie. Das Agieren schließlich ist tragischer Ausdruck des verzweifelten Versuchs des Organismus, irgendwie den energetischen Kontakt wiederherzustellen.

Psychiater sehen so etwas nicht. Es ist, als wenn ein Irrer einem anderen Irren gegenübersitzt. Einer kontaktloser als der andere!

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.f.

26. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.e.

24. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

Reichs „Sozialpsychiatrie“ (Teil 2)

23. April 2016

Ähnlich wie in der CORE-Arbeit betrachtete sich Reich auch in der Sozial-Psychiatrie als den einzigen, der genug Erfahrung besaß, um sie praktisch ausüben zu können. Noch 1946 hatte Reich geschrieben, daß man im sozialen Verkehr nicht die Techniken der charakteranalytischen Behandlung anwenden könne (Walter Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984, S. 514, siehe auch Reichs Vorwort zu Der Krebs).

Die Praxis sollte sich für ihn als verhängnisvoll erweisen, denn ihre Anwendung fand die entwickelte Sozial-Psychiatrie in seiner Gerichtsverhandlung, die er nicht mit juristischen Tricks (die in der Grundlagenforschung nichts zu suchen haben), sondern mit wissenschaftlichen (medizinischen und sozialhygienischen, d.h. dem Thema immanenten) Mitteln durchstehen wollte. Er beklagt die „charakterologische Fehlkalkulation“ in Gerichtsprozessen, „das Vernachlässigen der irrationalen Motive bei kriminellen Handlungen und bei Rechtsentscheidungen“. Deshalb wollte er in seinem öffentlichen Verfahren die irrationalen Motivationen seiner Gegner bloßlegen, wie er es früher im Behandlungszimmer unter vier Augen getan hatte (vgl. Jerome Eden, Hrsg.: Earth on Trial, Idaho 1988, S. 41f).

Das ständige Offenlegen und Infragestellen der Motivation anderer ließ Reich für den Uneingeweihten als paranoiden Verrückten erscheinen, der überall dunkle Machenschaften sieht. Man kann sagen, daß Reich diesem letzten seiner wissenschaftlichen Experimente zum Opfer gefallen ist, da man erstens dergestalt nicht mit der unpersönlichen Justiz und Bürokratie umgehen kann und zweitens auf diese Weise der Mythos von Reichs angeblicher paranoider Schizophrenie aufkam (bzw. die „definitive Bestätigung“ fand), der bis heute die Rezeption seines Werkes erschwert.

Hinzu kam Reichs unangenehm totalitär wirkende, da die Gewaltenteilung unterminierende, Forderung, an den Gerichten „Kommissionen für Sozial-Pathologie“ einzurichten, wie er es bereits in seiner eigenen Organisation mit der Aufstellung des EPPO (Emotional Plague Prevention Office) vorexerziert hatte. Was für „Stalinistische“ Untertöne dies hatte, zeigt sich an folgendem Beispiel: Bei einem Treffen mit seinen Schülern brachte er das Gerücht zur Sprache, daß ihre finanziellen Beiträge für den orgonomischen Forschungsfonds in seine Taschen wandern würden. Er hatte festgestellt, daß viele der Ärzte von den Gerüchten wußten, aber keiner ihnen nachgegangen war, wodurch sie, seiner Meinung nach, zu verstehen gaben, daß die Gerüchte vielleicht etwas für sich hatten. Reich zog dies ans Licht und sagte, daß er nun kein Geld mehr annehme, „bevor nicht all dieser Schmutz und Mist aus der Arbeit entfernt worden ist“.

Dem Tondukument dieses Treffens folgend beschreibt ein heutiger Student der Orgonomie das weitere Geschehen wie folgt:

Die Ärzte einer nach dem anderen zur Rede stellend fragte er: „Was haben Sie sich dabei gedacht? Warum haben Sie nichts gegen das Gerücht getan? Warum haben Sie Geld gegeben? Was dachten Sie, wohin es gehen würde? Haben Sie es freiwillig gegeben?“ Nach viel Drucksen und Gestottere (man konnte sich das Sichwinden bildhaft vorstellen) war das Hauptgefühl, das bei den meisten Doktoren aufzusteigen schien: „Ich fühlte mich schuldig, auf ihren Schultern zu reiten“, und: „Ich dachte, Sie würden das Geld verdienen, daß es für Laborausrüstung und so was verwendet wird“. Mit anderen Worten, keiner von ihnen kannte seine eigenen Beweggründe genau oder hatte es auf sich genommen herauszufinden, wozu ihre Beiträge dienen würden. (…) Die Einheitlichkeit von Reichs Herangehensweise war offensichtlich und seine Hartnäckigkeit emotionalem „Dreck“ hinter den Kulissen nachzugehen war bewundernswert. Dies war eine beeindruckende Demonstration dessen, was er als die Ausübung der praktischen Sozial-Psychiatrie bezeichnet hat. Nachdem die Atmosphäre gereinigt war, endete das (…) Treffen mit der Bemerkung: „Ich fühle mich nun viel besser, wo alles raus ist“, was bei allen Anwesenden Anklang fand. (Pulse of the Planet, No. 3, S. 100)

Wie können sich Erwachsene in der Öffentlichkeit (in einer individuellen Therapiesitzung ist es etwas anderes) derartig vorführen und zur Schnecke machen lassen? Fragwürdig ist auch die begeisterte Reaktion des heutigen Studenten der Orgonomie. Das ganze erinnert beklemmend an die Art, wie die Kommunisten mit ihren eigenen Leuten umgesprungen sind, insbesondere an die Versammlungen während der chinesischen Kulturrevolution, wo „Abweichler“ sich vor der Gruppe selbst anklagen mußten. Was für ein totalitäres System könnte sich aus der Orgonomie entwickeln!

Hier gehört auch her, wie Ilse Ollendorff den Reich vom Anfang der 1950er Jahre beschreibt:

Reich fürchtete zu dieser Zeit, daß ich weggehen könnte. Er fürchtete sogar, daß ich ein Gegner werden und ihn verleumden würde. Um sich dagegen zu schützen, benutzte er jetzt genau dieselben Methoden, die er so wütend bei anderen, besonders bei den Stalinisten, bekämpfte. Er verlangte immer wieder von mir, „Geständnisse“ über meine Gefühle der Furcht vor der Arbeit niederzuschreiben, über gelegentliche Gefühle von Furcht vor ihm und Haß gegen ihn, und er nahm diese „Geständnisse“ an sich und schloß sie ein. (Wilhelm Reich, München 1975, S. 150f)

Andererseits kann man Reichs Herangehensweise, bei der Einzelne aus der Gruppe herausgegriffen werden, auch vor dem Hintergrund betrachten, daß das Individuum in der Masse zur Irrationalität neigt. Meist ist die irrationale Meinung des Einzelnen eine Funktion der Gruppe, zu der er gehört. Die Masse ist der Sitz der irrationalen Ideologie, die das Individuum vertritt. Nimmt man es aus der Masse heraus, erweist es sich als unerwartet einsichtsvoll und klug. Reich hat versucht, den Einzelnen zur Besinnung zu bringen, ihn wachzurütteln. Dabei benutzte er die Gruppe, denn die ist, wie er aus seiner Sexpol-Arbeit wußte, nicht nur Sitz der Irrationalität, die ein Hitler ausnutzen konnte, sondern auch Schlüssel zum rationalen Kern.

Im Kampf gegen die Emotionelle Pest rät Reich u.a.:

Wenn nötig enthülle offen deine Schwachpunkte, sogar deine Geheimnisse. Die Menschen werden verstehen. („Truth Versus Modju“ Orgone Energy Bulletin, Vol. 4, S. 162-170)

Die Masse funktioniert irrational, wenn sie aus Monaden besteht, die voreinander ihr Innenleben hinter einer Maske verbergen. Wird diese Maske weggezogen und der Einzelne im Kontext der Gruppensituation angesprochen, ist der Zauber der Massenirrationalität gebrochen: das natürliche Empfinden betritt den sozialen Schauplatz. Nichts anderes ist „Sozialpsychiatrie“.

Diese diffizile Dialektik von „anonymer Masse“ und Individuum ist das Geheimnis des Gegensatzes von Politik und faschistischer Irrationalität auf der einen und Arbeitsdemokratie und Rationalität auf der anderen Seite. Es ist der Gegensatz von Blauem Faschismus und Orgonomie. Es ist eine Gratwanderung, die der Menschheit den finalen Todesstoß versetzen könnte, sollte die Orgonomie in die falschen Hände geraten. Oder wie Reich im Rückblick auf seine Sexpol-Zeit sagte: „Ich hätte ein Führer sein können wie Hitler“ (Myron R. Sharaf: „Further Remarks of Reich: 1949“The Journal of Orgonomy, 7(1), S. 113-116, May 1973).

Reichs „Sozialpsychiatrie“ (Teil 1)

22. April 2016

In seiner Sexpol-Arbeit um das Jahr 1930 herum wollte Reich den neurotischen Widerstand unterlaufen, indem er den „individuellen moralischen Hemmungen“ eine „kollektive Atmosphäre der Sexualbejahung“ entgegensetzte (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 175). In seinen Massenveranstaltungen wurde die Gehemmtheit, der Intellekt und seine Kontrollfunktion umgangen und die Emotionen direkt angesprochen. Dergestalt gelang es ihm bis zur arbeitsdemokratischen Kernschicht des Charakters vorzudringen, der Grundlage jedes echten sozialen Verhaltens. Man könnte behaupten, daß er in seiner Sexpol-Arbeit als erster Gruppentherapie angewandt hat (siehe das entsprechende Kapitel über „Die Praxis der Sexualökonomie“ in Reichs Buch).

In den gleichen Jahren hat der Demagoge Hitler ähnliche Massentechniken benutzt, um alle moralischen Hemmungen gegen seine rassistische „Herrenmoral“ wegzufegen und dergestalt die faschistische Mittlere Schicht der Charakterstruktur zu mobilisieren, die unter der zivilisierten Fassade des Massenmenschen bedrohlich lauert. Durch diese Mobilisierung hätte er beinahe die ganze Menschheit in den Untergang getrieben. Doch wie Reich zeigte, kann man dieses Potential auch für das Gegenteil nutzen: den Weg aus der Falle weisen durch Mobilisierung der arbeitsdemokratischen Kernschicht. Man denke nur an evangelikale Massenveranstaltungen in Amerika, wo teilweise tatsächlich der Kern mobilisiert wird, was dann aber sofort in mystische Kontaktlosigkeit umbiegt. Es ist ganz einfach überwältigend, was in so einer Evangelisationsveranstaltung freigelegt wird. In der Massenatmosphäre kommt es zu Ausbrüchen, zu denen der auf sich allein gestellte Einzelne nicht in der Lage wäre.

Erinnert sei auch an heutige Rockveranstaltungen und insbesondere die Beatlemania der 1960er Jahre, wo gesittete junge Mädchen unter spastischen Zuckungen Schreikrämpfe bekamen. Wozu wurde diese ungeheure Energiefreisetzung genutzt, mit der man die Welt auf den Kopf, bzw. auf die Füße hätte stellen können? Immerhin wurde die 68er „Revolution“ ins Leben gerufen, die für die Reich-Renaissance verantwortlich war, ohne die wir alle wahrscheinlich nie von Reich gehört hätten. Vielleicht hat nicht viel gefehlt und es wäre zu einer echten Sexuellen, bzw. Biologischen Revolution gekommen. Und dies wurde nicht durch das unverständliche Intellektualisieren der Studenten entzündet, sondern allein durch den ausschließlich emotionalen Appell, der von der Rockmusik ausging.

Es sei daran erinnert, daß die Hitler-Bewegung direkt aus dem hypnotisierenden Musiktheater Wagners hervorgegangen ist und dessen ästhetische Mittel der Massenbeeinflussung genutzt hat. Man siehe Reichs Kritik an der Aufklärungsarbeit der KPD und sein „Lob“ für die Massenarbeit der Faschisten, die die Menschen nicht „aufklären“ wollten, sondern ihre (sekundären) Gefühle ansprachen.

Wäre die Musik der 1960er Jahre weniger eine, wie Reich es ausdrückt, „Fickermusik“ („rock and roll“!) gewesen, wäre alles weniger auf neurotische Rebellion zugeschnitten gewesen, hätte man der Jugend bessere Leitbilder gegeben, hätte man das Problem der Genitalität angegangen, wären keine Drogen, mystischen Lehren und politischen Ideologien im Spiel gewesen – vielleicht sähe die Welt heute anders aus.

Leider mußte Reich in Äther, Gott und Teufel konstatieren, daß das Sekundäre für den gepanzerten Menschen anziehender ist als das Primäre – und deshalb jeder Appell an die Emotionen ein Spiel mit dem Feuer ist. Nicht von ungefähr ist die individuelle Therapie so langwierig, die Herstellung von Rationalität so aufreibend und problematisch. Um wieviel gefährlicher muß da die „Massentherapie“ sein! Man denke in diesem Zusammenhang an den Personenkult („Führerkult“), der sich um nicht-pestilente zentrale Therapiefiguren wie Reich, Walter Hoppe und insbesondere Elsworth F. Baker jeweils kristallisiert hat. Bezeichnenderweise sind nach dem Ableben der zentralen Figur die jeweiligen Gruppierungen zerfallen. Man sollte sich auch nicht wundern, daß sich immer wieder pestilente Therapeuten der Reichschen Techniken bedienen, um ihre sadistischen Bedürfnisse auszuleben und einen faschistischen Kult um sich herum zu scharen. (Es war verblüffend, daß, wenn man eine beliebige Gruppe von „jungen Reichianern“ vor sich hatte, ausgerechnet die offensichtlich schlimmsten Neurotiker eine Therapie-Ausbildung machen wollten.)

Reich war sich dieser fatalen Mechanismen bewußt und hat sicherlich auch deshalb seine Tätigkeit als „Massentherapeut“ und später sogar als individueller Therapeut aufgegeben. Die Figur des Helfers, der denen „da unten“ hilft, ist mit den Prinzipien der Arbeitsdemokratie ohnehin unvereinbar. Unvereinbar – wenn nicht das Problem der Schere, die sich zwischen den Forderungen der rationalen Arbeitsdemokratie und der irrationalen Struktur der Massen auftut, bestände. Die Massen sind unselbständig, verantwortungslos und kindisch – und neurotisches Verhalten verlangt autoritäre Maßnahmen (Reich). Der heutige Mensch

ist im Grunde hilflos, freiheitsunfähig und autoritätssüchtig, denn er kann nicht spontan reagieren; er ist gepanzert und erwartet Befehle, denn er ist widerspruchsvoll und kann sich auf sich selbst nicht verlassen. (Die Funktion des Orgasmus, Fscher TB, S. 176)

Reich hat ein Gutteil seiner Massenpsychologie des Faschismus einem Beispiel für diese autoritäre Vorgehensweise gewidmet: Lenin, der durch die autoritären, un-arbeitsdemokratischen Maßnahmen einer therapeutischen „Erziehungsdiktatur“ die Menschen (nach Reichs grotesk falscher Interpretation der Intentionen Lenins) zur Arbeitsdemokratie führen wollte. Kombiniert mit Reichs Kritik an der ineffizienten Propagandatechnik der Kommunisten haben wir hier erste Ansätze einer „orgonomischen“ Massentechnik vor uns.

Der Konflikt zwischen dem Gefahrenpotential, das in der Massentherapie steckt, und der Notwendigkeit einer massentherapeutischen Herangehensweise, was beides in der widersprüchlichen Charakterstruktur der Massen begründet ist, fand schließlich in den 1950er Jahren seine Lösung, als Reich die „Sozial-Pathologie“, „Sozial-Psychiatrie“, bzw. „soziale Biopsychiatrie“ entwickelte. Vor dem Hintergrund seiner neuen Einsichten griff er dabei auf seine Sexpol-Zeit um 1930 zurück, wie er in seiner letzten Petition ans Oberste Gericht vom 10. Jan. 1957 ausdrücklich sagt (Jerome Eden, Hrsg.: Earth on Trial, Idaho 1988, S. 41). Neben Reichs Eingaben an die Gerichte ist sein Interview mit Kurt Eissler ein weiteres Dokument der „sozialen Psychiatrie“. Hier werden die Probleme der Sozial-Psychiatrie im historischen Kontext seiner psychoanalytischen Anfänge erläutert (Reich Speaks of Freud).

Dergestalt stand für Reich die Sozial-Psychiatrie zentral in seinem Lebenswerk und verband dessen Endpunkte: seine Anfänge als Charakteranalytiker und sozialer Aktivist in Wien mit seinem in die CORE-Arbeit eingebetteten Kampf gegen die FDA in Amerika. Die Sozial-Psychiatrie kann geradezu als Kulminationspunkt seiner Laufbahn betrachtet werden, da hier seine gesamte Entwicklung in ein einheitliches Gebilde floß. Man findet, zusammen mit CORE-Arbeit, eine Rückbesinnung auf Reichs angefangenes Jurastudium, auf seine „Marxistische“ Gesellschaftsanalyse („Higs“, Gangster in der Regierung, irrationale Geschäftsinteressen der Großindustrie gegen die orgonomische Medizin, etc.), sowie auf die rein verbale Vorgehensweise der Psychoanalyse und ihren konzeptionellen Rahmen.

Im Gerichtsprozeß blieb der wahre Angreifer, der Drahtzieher, im Hintergrund verborgen. Er benutzte – und mißbrauchte – seelisch kranke Menschen: Voyeure, Leute, die sich persönlich angegriffen fühlen durch meine Enthüllungen über den „Kleinen Mann“ (…), phallisch-sadistisch-homosexuelle Menschen, die ihre Bewunderung für mich, und ihren Wunsch von mir behandelt zu werden, so zum Ausdruck brachten, wie sie es in meiner Arztpraxis tun würden: durch Messerattacken, durch sadistisches Verspotten, Verleumdungen, oder – als schizoider Charakter – durch tatsächliche Versuche mich zu ermorden. Diese Beispiele mögen genügen, um zumindest etwas von der Pathologie im Hintergrund freizulegen; passiv-homosexuelle Menschen, die sich dem phallischen Charakter unterwerfen, dem Drahtzieher der Verschwörung. (Earth on Trial, S. 41)

Für Reich war Cloudbusting und CORE-Arbeit „planetarische Medizin“, soziale Massenaktion, Massentherapie, Öko- und Sozial-Hygiene: mit Verschwinden der „atmosphärischen Panzerung“ (DOR) hat der Kern wieder die Möglichkeit sich zu entfalten.

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.d.

20. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

Orgonomie im Schnelldurchlauf

18. April 2016

Es gibt eine lückenlose und vor allem detaillierte Darstellung der europäischen Periode der Arbeit Reichs:

  1. Fritz Erik Hoevel: Wilhelm Reichs Beitrag zur Psychoanalyse (2001)
  2. Karl Fallends Darstellung von Reichs politischem Wirken in Wien: Wilhelm Reich in Wien (1988)
  3. Andreas Peglaus Darstellung der Sexpol in Berlin: Unpolitische Wissenschaft? (2013)
  4. Christiane Rothländers Biographie von Karl Motesiczky (2010), die eine ausführliche Darstellung der Sexpol in Skandinavien beinhaltet
  5. James Stricks Wilhelm Reich, Biologist über Reichs sexualökonomische Lebensforschung in Skandinavien

Für die Kontiuität sorgt Reichs wissenschaftliche Autobiographie Die Funktion des Orgasmus von 1942. Reichs erste Jahre werden von ihm in Leidenschaft der Jugend (1994) beschrieben.

Was die Entwicklung der Orgontherapie aus der charakteranalytischen Vegetotherapie und Reichs amerikanischer Periode betrifft, sieht die Lage weniger rosig aus. Als Übergang bis etwas besseres vorliegt, sozusagen „Wilhelm Reich, Physicist“, kann ich nur auf das Buch Wilhelm Reich von Ilse Ollendorff verweisen, die Reichs Entwicklung in den 1940er Jahren hautnah miterlebt hat. Sodann Ola Raknes‘ Wilhelm Reich und die Orgonomie und schließlich Jerome Edens Die kosmische Revolution. Reichs letzte Jahre werden ausführlich von Jerome Greenfield in USA gegen Wilhelm Reich beschrieben.

Orgonomie ist die Wissenschaft von der kosmischen Lebensenergie. Diese Energieform ist durch zwei Charakteristika gekennzeichnet: ihren Energiemetabolismus und die Bewegungsformen, die ihr eigen sind.

Aufgrund des ihr inhärenten „orgonomischen Potentials“, durch das Energie spontan von niedrigeren zu höheren Konzentrationen fließt, kommt es zu lokalen Energieansammlungen, die sich ebenso spontan wieder entladen („mechanisches Potential“).

Das zeigt sich insbesondere anhand der Funktion des Orgasmus: die als extrem lustvoll empfundene Entladung überschüssiger Energie. Nur so kann der Organismus sein hohes Energieniveau und seinen entsprechend hohen Energieumsatz (= Gesundheit) aufrechterhalten.

In den Konvulsionen des Orgasmus zeigen sich besonders eindeutig die beiden Bewegungsformen, die der Orgonenergie eigen sind: die Pulsation und die Kreiselwelle.

Die orgastische Plasmazuckung ist nichts weiter als eine beschleunigte Pulsation, bei der die Kontraktion überwiegt, während in der normalen organismischen Pulsation die Expansion überwiegt. Das wird insbesondere in der Zellteilung (Kontraktion) evident, die am Ende einer langen Wachstumsphase (Expansion) steht.

Bei Vertebraten erfolgt die orgastische Entladung im Zusammenhang mit einer Überlagerung (Kontraktion).

Dazu muß man zunächst die zweite Art der orgonotischen Bewegung betrachten, die Kreiselwelle:

Höhere Organismen sind nach der Kreiselwelle, bzw. einem „Wellenzug“ der Kreiselwelle, geformt:

Entsprechend sieht die genitale Überlagerung aus:

Wird die Orgonenergie in ihrer natürlichen Bewegung behindert, insbesondere durch die toxische Wirkung von Kernstrahlung, kommt es zunächst zu einem „Wutanfall“ (ORANUR), der schließlich in „Resignation“ (DOR) endet. Dazu muß man wissen, daß Emotionen der unmittelbarste „psychische“ Ausdruck der Orgonenergie sind.

Die funktionelle Identität subjektiver (qualitativer) und objektiver (quantitativer) Gegebenheiten hat Reich mit Hilfe der „Orgonometrie“ beschrieben, die wiederum mit den nichtlokalen sozusagen „geistigen“ Eigenschaften der Orgonenergie zusammenhängen. Siehe dazu meine Ausführungen in Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 2.i..

Anhand der Orgonometrie wird auch deutlich, wie es zu einer Störung kommen kann: sie tritt immer dann auf, wenn die natürliche Entwicklung von „links nach rechts“ sich umkehrt und ein höherer („rechterer“) Funktionsbereich einen tieferen („linkeren“) Funktionsbereich beeinflussen will. Beispielsweise geschieht das, wenn Kernstrahlung frei wird, also eine hochenergetische Ausdruckform der („sekundären“) Materie, die aus der („primären“) Orgonenergie hervorgegangen ist.

Im menschlichen Bereich (Medizin, Psychologie, Soziologie, Ökonomie) ist diese Wendung gegen den eigenen Ursprung identisch mit Panzerung.