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Buchrezension: THE INVASION OF COMPULSORY SEX-MORALITY von Wilhelm Reich (Teil 3)

4. August 2020

von Paul Mathews, Brooklyn, N.Y.

 

Ein großer Teil des Wertes dieses Buches liegt auch in den Erkenntnissen, die man über natürliche, genitale Verhaltensmuster bei Liebe und Sex gewinnt, sowohl wie Malinowski sie präsentiert als auch in der Interpretation durch Reich. Als Antwort auf die Ängste derer, die sich um die „Kultur“ in einer sexuell gesunden Welt sorgen, vergleicht Reich zum Beispiel das, was er das „Bordell“-Leben unserer eigenen Jugend nennt, mit Malinowskis Beschreibungen von Trobriand-Jugendlichen (S. 73)f: „. . . nie werden die Partner ausgetauscht, und ‚wildern‘ oder ‚gefälligsein‘ kommt nicht vor. Im Gegenteil, innerhalb des bukumatula [Junggesellenhaus für Jugendliche] wird ein besonderer Ehrenkodex beobachtet, der jedem Bewohner auferlegt, geschlechtliche Rechte innerhalb des Hauses viel sorgsamer zu achten als außerhalb.“ Aus dieser Studie lässt sich viel über die möglichen Trugschlüsse der gegenwärtigen sexuellen Ansichten in unserem Zeitalter der „sexuellen Revolution“ lernen.

Die ökonomische Interpretation des Einbruchs der sexuellen Zwangsmoral zeigt Reichs frühe Beschäftigung mit dem sexuellen Elend. Er gab den ökonomischen Ansatz schnell auf und wandte sich vom Marxismus ab zugunsten einer tieferen Suche nach dem biologischen Kern des Menschen. Die ganze Frage nach dem Ursprung der menschlichen Panzerung geht viel tiefer als die Ökonomie und Reich verstand dies natürlich mehr und mehr, als er mit seinen Entdeckungen der kosmischen Orgonenergie voranschritt. Dies machte er durch seinen Hinweis in Die kosmische Überlagerung (S. 112)g auf die ursprüngliche Entwicklung der Selbstwahrnehmungsprozesse des Menschen deutlich:

Daß der Panzerungsprozeß heute über die Gesellschaft und die Kultur reproduziert wird, heißt jedoch nicht unbedingt, daß er bei seiner Entstehung in den frühen Tagen der Menschheitsgeschichte ebenfalls durch sozioökonomische Einflüsse in Gang gebracht wurde. Es scheint eher umgekehrt gewesen zu sein. Der Panzerungsprozeß fand höchstwahrscheinlich zuerst statt, und die sozioökonomischen Bedingungen, die heute und seit Anbeginn der überlieferten Geschichte den gepanzerten Menschen reproduzieren, waren nur die ersten Folgen seiner biologischen Verirrung.

Reich spekuliert dann (S. 17, 18)h:

Indem er über das eigene Sein und Funktionieren nachdachte, wandte sich der Mensch unwillkürlich gegen sich selbst . . . erschrak [irgendwie] und zum ersten Mal in der Geschichte seiner Spezies begann [der Mensch], sich gegen seine innere Angst und Verblüffung zu panzern . . . es [ist] gut möglich, daß die erste emotionelle Sperre im Menschen entstand, als sich sein Denken auf das eigene Ich richtete . . . Als er versuchte, sich selbst und das Strömen seiner Energie zu begreifen, STÖRTE DER MENSCH DIESES STRÖMEN UND BEGANN, INDEM ER DIES TAT, SICH ZU PANZERN UND DAMIT VON DER NATUR ABZUWEICHEN.

Jeder, der eine rein sozioökonomische Verantwortung für den Ursprung des menschlichen Elends konstatieren möchte, möge gut über die volle Bedeutung dieser späteren Gedanken von Reich nachdenken. Die Schwierigkeit des menschlichen Dilemmas sowie die Schritte zu seiner endgültigen Lösung werden im Lichte des oben Gesagten etwas deutlicher.

 

Anmerkungen des Übersetzers

f Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 39. Einschub in eckige Klammern von Mathews.

g Die kosmische Überlagerung, Zweitausendeins, 1997, S. 136f. Kursiv in deutscher Übersetzung fehlend.
Seitenzahl ist von der Ausgabe der Orgone Institute Press, 1951.

h Die kosmische Überlagerung, Zweitausendeins, 1997, S. 142f. Die Auszeichnungen der deutschen Ausgabe sind inkorrekt und wurden hier der Originalausgabe (1951) entsprechend angeglichen.
Mathews Seitenzahlen stimmen nicht. Korrekt sind die Seitenzahlen 116-118.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 6 (1972), Nr. 1, S. 120-123.
Übersetzt von Robert (Berlin).