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Orgonomie und Metaphysik (Teil 14)

8. Dezember 2021

Die moderne Esoterik beruht auf zwei Grundannahmen:

  1. gibt es keine Zufälle; und
  2. besitzt der Mensch einen freien Willen.

Auf diesen selbstwidersprüchlichen mechano-mystischen Unsinn kann man alles reduzieren, was Spökenkieker so von sich geben. Zum Beispiel, wenn dir gesagt wird, daß, wenn du negativ denkst, du schwarze Magie ausübst, die sich gegen dich selbst und gegen deine Umwelt auswirkt, du also alles sabotierst – dann bezieht sich das auf deinen allmächtigen freien Willen, der die Umwelt determiniert. Sollte morgen eine neue Mildred Brady auftauchen, die die Orgonomie in Deutschland zerstört, dann ist das kein dummer Zufall, sondern beruht auf schwarzer Magie – auf einen Mind, und zwar dem des negativistischen Menschen, der mit seinen schlechten Gedanken die schwarzen Energien auf sich und seine Umgebung herabgezogen hat. Das ist exakt das gleiche Denken, das dem mittelalterlichen Hexenwahn zugrundegelegen hat! (Im übrigen ist es auch genau das Denken, das die pestilenten Verschwörer an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie verbreiten: denke positiv, auch wenn du eine versklavte Existenz fristest. „Positiv denken“…)

Die Orgonomie vertritt das exakte Gegenteil:

  1. gibt es dumme Zufälle (d.h. die Welt ist nicht mechanistisch determiniert); und
  2. besitzt der Mensch keinen absolut freien Willen (d.h. die Welt ist nicht mystisch organisiert).

Reich schrieb dazu:

Die zeitgenössischen Ökonomen, Philosophen und Psychologen hafteten an der metaphysischen Lehre von der „freien Willensbestimmung“ des Menschen. Sie konnten davon nicht abkommen, denn diese Anschauung bedeutet einen illusorischen Trost im Chaos des Naturgeschehens. Wie wir wissen, zogen Illusionen das menschliche Gemüt immer mehr an als handfeste Wirklichkeit. Die Illusion einer freien Willensbestimmung und einer überirdischen Bestimmung des Menschen, einer Vorsehung und einer Schicksalhaftigkeit des Lebens erfüllt gleichzeitig zwei irrationale Funktionen: Sie hebt den Menschen über seine Hilflosigkeit gegenüber der Natur, seine eigenen Triebe eingeschlossen, hinweg und übertönt sein Ohnmachtsgefühl und seine Angst mit dem Empfinden der Gottähnlichkeit. (…)
Die zweite Funktion der Lehre von der freien Willensbestimmung hat einen, wenn auch schließlich irreführenden, rationalen Kern. Sie hat die Funktion, den Menschen dort, wo er sich hilflos, klein und ohnmächtig fühlt, wo ihm Wissen um Vorgänge und Prozesse fehlen, mit dem Mut zu erfüllen, seine Existenz dennoch durchzusetzen.
Der Mensch muß existieren, auf jeden Fall, mit oder ohne Wissen; dazu braucht er die Emotion der Illusionen. (…) Aber die Gefahren und Schädlichkeiten der Illusionen sind weit größer als der reale Nutzen, den sie bringen. Die ihnen entspringenden Leistungen reichen nie an praktische Leistungen heran, die aus realem Wissen um Prozesse und Tatbestände hervorgingen. Illusionäre Weltanschauungen treten seit Urzeiten immer wieder gegen das rationale Bestreben des Menschen auf, das Gebiet des Unbewußten einzuschränken und die Gebiete des Wissens zu erweitern. Illusionen führen immer und regelmäßig zu reaktionären und rückschrittlichen sozialen Einrichtungen. (…) Wenn ich also hier eine rationale Funktion der Illusion nachgewiesen habe, so bedeutet das nicht, daß der scharfe Kampf um wissenschaftliche Erweiterung des Machtbereichs der Menschen nicht stets hochgehalten werden muß. Wenn ich mein Bein nicht zum Gehen benützen kann, so bediene ich mich einer Krücke, um mich zur Not dennoch fortzubewegen. Aber deshalb werde ich doch die Krücke wegwerfen, sobald ich die natürliche Bewegungsfähigkeit in meinen Beinen wiedererlange. (vgl. Menschen im Staat, Frankfurt 1995, 1976, S. 79f)