Zu dem Tiefenwahrheit-Abschnitt „Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reichianischer Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis“ möchte ich nur sagen, daß die Panzerung nicht nur unser Leben zerstört, sondern es gleichzeitig auch ermöglicht. Es ist wie mit einer wirklichen „Ritterrüstung“: sie macht dich zu einem unbeweglichen, halbblinden hilflos vor sich hin stakenden lächerlichen Ungetüm, rettet dir aber auf dem Schlachtfeld das Leben. Gleichzeitig ist sie, hier bröckelt das Bild, Ausdruck deiner größten Stärke und Deines größten Talents.
Könnten wir die Panzerung einfach so ablegen, würden wir wahrscheinlich sterben oder zumindest wahnsinnig werden. Aus „philosophischer“, meinetwegen auch „postphilosophischer“ Sicht mag dies widersprüchlich klingen, denn die Panzerung bzw. das Über-Ich ist doch das verinnerlichte Fremde. Die Panzerung zu preisen klingt nach Verrat, Verwirrung, „Repulsion“ der Wahrheit. Tatsächlich geht es aber um das Problem der Wahrheits- und Freiheitskrämerei. Beispielsweise kann ich die gesellschaftliche Panzerung in Grund und Boden agitieren, wie dies nun schon seit Jahrzehnten geschieht, und nach immer umfassenderen „Freiheiten“ rufen. Am Ende stehen dann Veganer, Soyboys, Feministinnen, Antispezieisten, Transgender und Genderfluide vor dir, die nur noch Karikaturen des Menschentiers sind. Wir sehen gerade den Zusammenbruch nicht nur der gesellschaftlichen, sondern untrennbar damit verbunden auch der individuellen Panzerung. Was bleibt, ist das Nichts! Wie schrecklich die autoritäre Gesellschaft vor etwa 1960 auch war, es war doch noch immer eine Hochkultur und die Menschen hatten Charakter und Tiefe! Man schaue sich nur die Remakes von Filmklassikern an. Die heutigen Schauspieler und Schauspielerinnen wirken wie Schaufensterpuppen, auswechselbar und hohl. Die Filmschaffenden kriegen nur noch blasse Remakes zustande.
Das bringt mich zum nächsten Abschnitt bei Töpfer: „Laskas ‚rationales Über-Ich‘ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem“. Ich muß zugeben, daß ich mit dem Begriff „rationales Über-Ich“ ähnliche Probleme habe wie Herrmann Schmitz in seiner Korrespondenz mit Laska. „Abstrakt“ ist der Begriff kaum zu rechtfertigen. Das entspricht etwa meinem Befremden, als ich das erste Mal Reichs Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, das er in den 1950er Jahren revidiert hatte, in den Händen hielt und mich wunderte, denn ursprünglich war der Titel Der Einbruch der Sexualmoral.
Ganz praktisch und pragmatisch: wir alle müssen uns an Regeln halten, etwa die Straßenverkehrsordnung, und unseren Kindern beibringen, daß sie nicht immer und überall „die Sau rauslassen können“, wie es so schön heißt. Mir reichen in dieser Beziehung schon die lauten und rücksichtslosen Balgen unserer Goldstücke! Mit Stirners Begrifflichkeit könnte man sagen, daß die Freiheit eingeschränkt werden kann und teilweise unbedingt eingeschränkt werden muß, solange nicht die Eigenheit tangiert wird. Man darf niemals und unter keinen Umständen das Selbstwertgefühl und die sexuelle Integrität eines Kindes verletzen. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN! Tut man das entsteht jene Niedertracht, Gemeinheit, Rücksichtslosigkeit und jener Sadismus, den wir an den besagten Balgen je ausgeprägter sehen, je älter diese „edlen Wilden“ werden!
Drittens gehört hier auch der Abschnitt „Christian Fernandessens (und La Mettries?) Idee von der ‚tugendhaften Lust‘“ hin. Ein erfülltes Sexualleben erzeugt tugendhafte Menschen und tugendhafte Menschen machen ein erfülltes Sexualleben möglich. Auf mystisch verklärte und realiter ziemlich verlogene Weise drückt das die mittelalterliche Minne aus, die bis heute die westliche Kultur prägt, die weitgehend als einzige überhaupt so etwas wie genitale „romantische“ Liebe kennt.
Töpfer sieht hier wieder nur philosophische Inkonsistenzen.
Ich möchte bei der Gelegenheit noch einmal daran erinnern, was für mich die LSR-Kernidee ist: „L, S und R waren der Meinung, daß der zivilisierte Mensch davon abgebracht wird, er selbst zu sein; dabei hinterläßt die Zivilisierung zerstörte Selbste. Das aber heißt Leid.“ Also selbst wenn es eine „tugendhafte Lust“ oder überhaupt eine Moral gäbe und ich selbstverständlich die Zerstörung des Selbstes auch in Verbindung mit der Zerstörung der Lust bringe, setze ich den Akzent doch ganz anders als Fernandes: die Frage, ob es „tugendhafte Lust“ gibt und worin der Nutzen einer solchen These läge, rangiert überhaupt nicht an erster Stelle. Es gibt wichtigeres. (S. 501)
Wie schon öfter erwähnt, geht es Töpfer gar nicht um das Über-Ich, wie wir mit dem Phämomen Panzerung und dem Zusammenleben in einer gepanzerten Welt fertigwerden, sondern es geht ihm um den „Urschmerz“, die prekäre Existenz des Ichs an sich. Hier sind wir in einem Bereich, der sich mit dem Zusammenbruch der Panzerung in der antiautoritären Gesellschaft auftut, wenn die muskuläre „neurotische“ Panzerung durch die „schizophrene“ Augenpanzerung ersetzt wird. Der schizophrene Charakter wächst von Anfang an in diesem existentiellen Überlebenskampf auf und kann froh sein, wenn ihn zumindest etwas muskuläre Panzerung durchs Leben trägt. Um so wichtiger ist es heute, die Panzerung zu würdigen, das rationale Über-Ich, d.h. eine lebensfördernde Moral und die tugendhafte Lust zu vertreten.
Es ist geradezu tragikomisch, daß Töpfer Nasselstein, Laska und Fernandes vorwirft sich einer konsequenten wirklichen Aufklärung entgegenzustellen, während er selbst mit wehenden Fahnen dem Untergang, dem vermeintlichen Heil, entgegeneilt: radikaler Subjektivismus und „Affekt-tionismus“. So, als würde die gegenwärtige woke Gesellschaft nicht an einem Übermaß an kindischem Subjektivismus und kindischem Emotionalismus leiden. Es gibt kaum noch Erwachsene, die sich an der objektiven Realität orientieren, sondern nur noch infantile Vollidioten mit ihren rein subjektiven „Meinungen“, und es gibt kaum noch Erwachsene, die ihre Emotionen im Griff haben, d.h. ERWACHSEN sind. Das ist ein Hauptgrund dafür, daß unsere Kinder, die bei uns nach Halt suchen, immer neurotischer, wenn nicht psychotischer werden.
Über 180 Seiten schreibt Töpfer gegen drei Thesen von Nasselstein, Laska und Fernandes an:
1. Wir investieren unsere besten Kräfte und unser ganzes Genie sinnlos in der Panzerung, statt es für Liebe, Arbeit und Wissen zu nutzen.
2. Hätten wir die Panzerung nicht, würden wir den notwendigen gesellschaftlichen Regeln weitaus besser folgen können und währen deshalb weitaus tugendhafter als die auf Zwangsmoral („Tugend“) beruhende Gesellschaft.
3. Ohne Panzerung wären wir spontan tugendhaft.
Diese drei Kernthesen kann man „philosophisch“ zerreden, wie Töpfer es tut, d.h. mit Worten spielen und dann behaupten, man stehe für das Authentische. Sei’s drum. Noch grotesker ist, daß Töpfer die Panzerung bzw. das Über-Ich selbst gar nicht angeht, dieses angehen sogar als maschinell denunziert, sondern das Ich stärken will, womit wir wieder am Anfang wären.
Hier eine typische Abschnittsüberschrift: „Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der ‚anderen‘ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter ‚ferner liefen‘, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert.“
Und der Abschnitt selbst hebt wie folgt an:
Laskas „rationales Über-Ich“ ist das Bellen seines nasselstein’schen inneren Schweinehunds (siehe Kapitel 8.5.2. Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reich’scher Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis). Es ist auch nicht gerade „egoistisches Denken“. Wie schlimm es um ihn bestellt ist, wie sehr er im Grunde von Mißtrauen gegenüber der „Selbstregulierung“ und dem „Eigner“ zerfressen ist – ja, daß ihm das alles eigentlich unbekannt ist und er gar nicht egoistisch denken kann –, davon zeugt diese weggelassene und nicht abgesendete Passage aus Laskas im Kapitel 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen zitierten Brief an Prütting: (…) (S. 548)















