Posts Tagged ‘Tiefenwahrheit’

Peter Töpfer (Teil 19)

12. Januar 2026

Zu dem Tiefenwahrheit-Abschnitt „Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reichianischer Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis“ möchte ich nur sagen, daß die Panzerung nicht nur unser Leben zerstört, sondern es gleichzeitig auch ermöglicht. Es ist wie mit einer wirklichen „Ritterrüstung“: sie macht dich zu einem unbeweglichen, halbblinden hilflos vor sich hin stakenden lächerlichen Ungetüm, rettet dir aber auf dem Schlachtfeld das Leben. Gleichzeitig ist sie, hier bröckelt das Bild, Ausdruck deiner größten Stärke und Deines größten Talents.

Könnten wir die Panzerung einfach so ablegen, würden wir wahrscheinlich sterben oder zumindest wahnsinnig werden. Aus „philosophischer“, meinetwegen auch „postphilosophischer“ Sicht mag dies widersprüchlich klingen, denn die Panzerung bzw. das Über-Ich ist doch das verinnerlichte Fremde. Die Panzerung zu preisen klingt nach Verrat, Verwirrung, „Repulsion“ der Wahrheit. Tatsächlich geht es aber um das Problem der Wahrheits- und Freiheitskrämerei. Beispielsweise kann ich die gesellschaftliche Panzerung in Grund und Boden agitieren, wie dies nun schon seit Jahrzehnten geschieht, und nach immer umfassenderen „Freiheiten“ rufen. Am Ende stehen dann Veganer, Soyboys, Feministinnen, Antispezieisten, Transgender und Genderfluide vor dir, die nur noch Karikaturen des Menschentiers sind. Wir sehen gerade den Zusammenbruch nicht nur der gesellschaftlichen, sondern untrennbar damit verbunden auch der individuellen Panzerung. Was bleibt, ist das Nichts! Wie schrecklich die autoritäre Gesellschaft vor etwa 1960 auch war, es war doch noch immer eine Hochkultur und die Menschen hatten Charakter und Tiefe! Man schaue sich nur die Remakes von Filmklassikern an. Die heutigen Schauspieler und Schauspielerinnen wirken wie Schaufensterpuppen, auswechselbar und hohl. Die Filmschaffenden kriegen nur noch blasse Remakes zustande.

Das bringt mich zum nächsten Abschnitt bei Töpfer: „Laskas ‚rationales Über-Ich‘ als Rationalisierung des Über-Ichs und aus mangelnder Praxis entstandenes Theorem“. Ich muß zugeben, daß ich mit dem Begriff „rationales Über-Ich“ ähnliche Probleme habe wie Herrmann Schmitz in seiner Korrespondenz mit Laska. „Abstrakt“ ist der Begriff kaum zu rechtfertigen. Das entspricht etwa meinem Befremden, als ich das erste Mal Reichs Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, das er in den 1950er Jahren revidiert hatte, in den Händen hielt und mich wunderte, denn ursprünglich war der Titel Der Einbruch der Sexualmoral.

Ganz praktisch und pragmatisch: wir alle müssen uns an Regeln halten, etwa die Straßenverkehrsordnung, und unseren Kindern beibringen, daß sie nicht immer und überall „die Sau rauslassen können“, wie es so schön heißt. Mir reichen in dieser Beziehung schon die lauten und rücksichtslosen Balgen unserer Goldstücke! Mit Stirners Begrifflichkeit könnte man sagen, daß die Freiheit eingeschränkt werden kann und teilweise unbedingt eingeschränkt werden muß, solange nicht die Eigenheit tangiert wird. Man darf niemals und unter keinen Umständen das Selbstwertgefühl und die sexuelle Integrität eines Kindes verletzen. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN! Tut man das entsteht jene Niedertracht, Gemeinheit, Rücksichtslosigkeit und jener Sadismus, den wir an den besagten Balgen je ausgeprägter sehen, je älter diese „edlen Wilden“ werden!

Drittens gehört hier auch der Abschnitt „Christian Fernandessens (und La Mettries?) Idee von der ‚tugendhaften Lust‘“ hin. Ein erfülltes Sexualleben erzeugt tugendhafte Menschen und tugendhafte Menschen machen ein erfülltes Sexualleben möglich. Auf mystisch verklärte und realiter ziemlich verlogene Weise drückt das die mittelalterliche Minne aus, die bis heute die westliche Kultur prägt, die weitgehend als einzige überhaupt so etwas wie genitale „romantische“ Liebe kennt.

Töpfer sieht hier wieder nur philosophische Inkonsistenzen.

Ich möchte bei der Gelegenheit noch einmal daran erinnern, was für mich die LSR-Kernidee ist: „L, S und R waren der Meinung, daß der zivilisierte Mensch davon abgebracht wird, er selbst zu sein; dabei hinterläßt die Zivilisierung zerstörte Selbste. Das aber heißt Leid.“ Also selbst wenn es eine „tugendhafte Lust“ oder überhaupt eine Moral gäbe und ich selbstverständlich die Zerstörung des Selbstes auch in Verbindung mit der Zerstörung der Lust bringe, setze ich den Akzent doch ganz anders als Fernandes: die Frage, ob es „tugendhafte Lust“ gibt und worin der Nutzen einer solchen These läge, rangiert überhaupt nicht an erster Stelle. Es gibt wichtigeres. (S. 501)

Wie schon öfter erwähnt, geht es Töpfer gar nicht um das Über-Ich, wie wir mit dem Phämomen Panzerung und dem Zusammenleben in einer gepanzerten Welt fertigwerden, sondern es geht ihm um den „Urschmerz“, die prekäre Existenz des Ichs an sich. Hier sind wir in einem Bereich, der sich mit dem Zusammenbruch der Panzerung in der antiautoritären Gesellschaft auftut, wenn die muskuläre „neurotische“ Panzerung durch die „schizophrene“ Augenpanzerung ersetzt wird. Der schizophrene Charakter wächst von Anfang an in diesem existentiellen Überlebenskampf auf und kann froh sein, wenn ihn zumindest etwas muskuläre Panzerung durchs Leben trägt. Um so wichtiger ist es heute, die Panzerung zu würdigen, das rationale Über-Ich, d.h. eine lebensfördernde Moral und die tugendhafte Lust zu vertreten.

Es ist geradezu tragikomisch, daß Töpfer Nasselstein, Laska und Fernandes vorwirft sich einer konsequenten wirklichen Aufklärung entgegenzustellen, während er selbst mit wehenden Fahnen dem Untergang, dem vermeintlichen Heil, entgegeneilt: radikaler Subjektivismus und „Affekt-tionismus“. So, als würde die gegenwärtige woke Gesellschaft nicht an einem Übermaß an kindischem Subjektivismus und kindischem Emotionalismus leiden. Es gibt kaum noch Erwachsene, die sich an der objektiven Realität orientieren, sondern nur noch infantile Vollidioten mit ihren rein subjektiven „Meinungen“, und es gibt kaum noch Erwachsene, die ihre Emotionen im Griff haben, d.h. ERWACHSEN sind. Das ist ein Hauptgrund dafür, daß unsere Kinder, die bei uns nach Halt suchen, immer neurotischer, wenn nicht psychotischer werden.

Über 180 Seiten schreibt Töpfer gegen drei Thesen von Nasselstein, Laska und Fernandes an:

1. Wir investieren unsere besten Kräfte und unser ganzes Genie sinnlos in der Panzerung, statt es für Liebe, Arbeit und Wissen zu nutzen.

2. Hätten wir die Panzerung nicht, würden wir den notwendigen gesellschaftlichen Regeln weitaus besser folgen können und währen deshalb weitaus tugendhafter als die auf Zwangsmoral („Tugend“) beruhende Gesellschaft.

3. Ohne Panzerung wären wir spontan tugendhaft.

Diese drei Kernthesen kann man „philosophisch“ zerreden, wie Töpfer es tut, d.h. mit Worten spielen und dann behaupten, man stehe für das Authentische. Sei’s drum. Noch grotesker ist, daß Töpfer die Panzerung bzw. das Über-Ich selbst gar nicht angeht, dieses angehen sogar als maschinell denunziert, sondern das Ich stärken will, womit wir wieder am Anfang wären.

Hier eine typische Abschnittsüberschrift: „Laskas Ich-Schwäche treibt ihn zur Negation des irrationalen Über-Ichs der ‚anderen‘ noch weiter in die Pseudosozialität und weg von der Individualität in die philosophische Anthropologie anstatt in die phänomenologische Philosophie. Die philosophische Herangehensweise an Selbstermächtigung läuft jetzt unter ‚ferner liefen‘, ist mit Laskas Mitteln endgültig gescheitert.“

Und der Abschnitt selbst hebt wie folgt an:

Laskas „rationales Über-Ich“ ist das Bellen seines nasselstein’schen inneren Schweinehunds (siehe Kapitel 8.5.2. Peter Nasselstein repulsiert zwar nicht die Therapie, kommt aber wegen deren reich’scher Ausrichtung zu ernüchterndem Ergebnis). Es ist auch nicht gerade „egoistisches Denken“. Wie schlimm es um ihn bestellt ist, wie sehr er im Grunde von Mißtrauen gegenüber der „Selbstregulierung“ und dem „Eigner“ zerfressen ist – ja, daß ihm das alles eigentlich unbekannt ist und er gar nicht egoistisch denken kann –, davon zeugt diese weggelassene und nicht abgesendete Passage aus Laskas im Kapitel 8.5. Selbst bei der philosophischen Herangehensweise zur Eigner-Stärkung kommt es bei großer Ich-Schwäche zu Schwierigkeiten. Laska vorbildlich in der prinzipiellen Herangehensweise – doch trifft dann auf nichts Eigenes. Laskas Überlegungen, sich praktisch einem Verfahren der „Selbstermächtigung“ zu unterziehen zitierten Brief an Prütting: (…) (S. 548)

Peter Töpfer (Teil 11)

9. Dezember 2025

Töpfer beschreibt gewohnt lang und breit Reichs Kindheits- bzw. Jugendtragödie mit dem Selbstmord der Mutter und im Anschluß der des Vaters. Habe es doch damals die Tiefenwahrheit gegeben und hätte er, Reich, doch seinen Schmerz nicht „repulsiert“! Dann wäre er zur neuen postphilosophischen Aufklärung fortgeschritten!

Aber auch Laska hätte der Neuen Aufklärung einen größeren Dienst als ohnehin schon erweisen können, wenn er die reich‘sche Repulsion thematisiert und diese selbst nicht auch repulsiert hätte. Doch das machen wir ja jetzt als LSR-Fortführer. Das reich’sche Scheitern bei der Verarbeitung seines Traumas hängt mit seiner Resignation als Therapeut und seiner Aufgabe der Therapie bzw. deren verbleibendem Zweck der Geldbeschaffung zusammen. (…) Abgesehen davon, daß Reich und Laska offenbar den Mißbrauch und das Ausbeuten von Patienten gutheißen, kommt das doch einer schändlichen Kapitulation gleich, zumal es – wenn man von den Reichianern absieht, die sich am „LBTQ“-Verbrechen beteiligen – offensichtlich überhaupt nie zu irgendwelchen „Vorschlägen“, geschweige denn zu einer „Prophylaxe“ gekommen ist. Beide, Reich und Laska, haben kapituliert und ihre Kapitulation mittels „Prophylaxe“ ausagiert. Die auf Ignoranz basierende Kapitulation wird mit Arroganz überspielt und grenzt dann schon an den „Zynismus von Theologen“, den Laska selbst kritisiert: „[Der Leser des ‚Anti-Seneca‘] möge sich […] mit Kondylis auseinandersetzen: […]; kurz: ob das letzte Wort zum Thema ‚Aufklärung‘ (das bisher Kondylis sprach) im Endeffekt auf dasselbe hinausläuft, was zynische Theologen schon immer wußten.“ Dieses Laska-Zitat stellte ich 1998 meinem Aufsatz „Auschwitz, das Ende und die Fortführung der Aufklärung“ voran, und zwar – weil es so schön dazu paßte – neben dieses Zitat von [dem Holocaustleugner] Pierre Guillaume (…). (Tiefenwahrheit, S. 377)

Dieser ganze Quatsch mit der „Tiefenwahrheit“ als Alternative zu Orgontherapie und Neurosenprävention, Vorwürfe von Pädokriminalität und das unmotivierte Anklingenlassen von Holocaustleugnung – und im Zentrum ausgerechnet Laska: das ist der Inhalt von Töpfers Buch!

Eine Abschnittsüberschrift im Buch lautet allen Ernstes: „Kann sich die Neue Aufklärung mit Prophylaxe begnügen? Oder sollte sie nicht dem bedürftigen Publikum ein aktuell-individuelles Angebot einer Eigner-Werdung unterbreiten?“ Muß ich diese komplett verrückte Umkehrung der Sachlage, wie sie sich seit etwa 100 Jahrhundert Reich und seinen Nachfolgern darstellte, kommentieren? Leider ja, denn den nächsten Abschnitt überschreibt Töpfer: „Gefährliche Abwege bei Laskas Fixierung auf die ‚Prophylaxe‘.“

Zunächst einmal stellt Töpfer Laskas (bzw. Reichs!) „ultra-gefährliche“ Vision von der Unterbrechung der Kontinuität der Über-Ich-Implantierung in unserer Kultur dar. Was Töpfer „an irgendwelche schwer verpestete deutsche Grüne (erinnert), die den Kindern gern auch mal ein böses ‚Über-Ich‘ einredeten, wenn sie sich nicht bereitwillig sexuell ausbeuten und damit schwerst traumatisieren lassen wollten“ (S. 61). Das seien Laskas „[i]rre Phantasien von der großen, zukünftigen Welt – aber nichts im Kleinen bei sich selbst tun“ (S. 62).

Es geht weiter unter der Überschrift: „Das Märchen von der ‚Prophylaxe‘ – nur Veränderungen in der Gegenwart können für die ‚Kinder der Zukunft‘ (Reich) etwas bewirken.“ Was scheren den Stirnerschen Egoisten die „Kinder der Zukunft“, zumal die Prophylaxe eh eine Illusion sei, denn die Eltern sind mangels eigener Therapie eh zu krank, um gesunde Kinder aufzuziehen und das langsame Vorgehen über Generationen sei eh Blödsinn, angesichts von Kriegen alle drei Generationen, die alles wieder zunichte machen. Gesunde Kinder könnten nur sozusagen „Kollateralnutzen“ gesundender Eltern sein. Natürlich gesundet durch eine effizientere Therapie als den Dreck, den Reich angeboten hat (S. 64), nämlich der Tiefenwahrheit, „dem LSR-Verfahren“ (S. 130 oder wohl eher „LSRJ-Verfahren“, wobei das J für Janov steht (S. 129). Wir erinnern uns an die apostolische Abfolge: Reich – Janov –Töpfer! Später wird Töpfer entsprechend von „LRT“ sprechen, wie wir noch sehen werden.

Ich kann nur sagen, daß heutzutage die wenigsten Menschen an wirklicher Reichscher Therapie, also dem Abbau der Panzerung, interessiert sind. Ganz im Gegenteil suchen die Menschen heute nach mehr Panzerung, insbesondere durch Psychopharmaka und Psychotherapien, die immer spezifischer ganz bestimmte störende Symptome angehen, damit die zugrundeliegende Charakterneurose um so stabiler bleibt! Parallel dazu wollen sie ihre Kinder eher mehr abpanzern, damit die nicht rumnerven (Stichwort ADHS), Babys werden beispielsweise immer mehr wie Pakete eingeschnürt („pucken“) und durch irgendwelche „Aktivitäten“ am Bildschirm ruhiggestellt. Aber Leute, die dagegen ankämpfen, sind für Töpfer ja eh nur „Körpertherapie- und Orgonfreaks“ (S. 68), „Orgon-Spinner“ wie Walter Hoppe (S. 131). „Viele vermeintliche Helfer sind auch insofern Betrüger, als sie wissen, daß ihre Dienste nichts bringen und sie diese trotzdem anbieten – das war bei Wilhelm Reich und vielen Orgonomen der Fall“ (S. 241). „Reich (…) war ein formidabler ‚Freiheitskrämer‘. Er hat auf diese Weise viel Geld eingestrichen, das er zum Fenster in den blauen Orgonhimmel hinausgeworfen hat“ (S. 446). „Als Reich bei der Verfolgung der Verästelungen [Verschachtelung der Triebabwehr] mit seinem Latein am Ende war und nicht mehr mit dem an allen Enden aufreißenden Chaos fertigwurde, kam er auf den schlauen Gedanken, dem Symptom die Energie zu entziehen“ (S. 270).

Die Fortführung irgendeiner Art von „Therapie“ ist, so Töpfer, eine LSR-immanente Notwendigkeit und „Konsequenz“. Dabei will er über das Kognitive, also „die Wahrheit“, ins Emotionale übergehen, „die Tiefenwahrheit“, und von der Objektorientierung der Psychologen zur existentialistischen Subjektorientierung (S. 73). „In allen meinen Sitzungen geht es um die elementare Beziehung von Leben und Tod“ (S. 441). Wie schon bei der Lektüre seines Buches über Die Wahrheit wird auch hier klar, daß Töpfers Problem in erster Linie die „Ichlosigkeit“ (S. 84), will sagen die Kontaktlosigkeit ist, deshalb ja auch die Faszination mit „Wahrheit“ und „Tiefenwahrheit“!

Peter Töpfer (Teil 9)

28. November 2025

Wir sind endlich bei dem alles krönenden, Mitte dieses Jahres erschienenen Hauptwerk Peter Töpfers angelangt: Max Stirner und die Tiefenwahrheit als post-psychotherapeutisches Selbstermächtigungsverfahren (Bernd A. Laskas LSR-Projekt und die Weiterentwicklung der im Kognitiven, Affektiven und Korporellen operierenden Neuen Aufklärung).

Das Buch hebt mit der Aussage an, beim LSR-Projekt ginge es „um die fundamentalsten Dinge unseres Lebens (…) – das Totalprekariat der menschlichen Existenz –, auf die die Gegenaufklärung mit einer Rückwendung zum Transzendenten glaubt antworten zu können“ (S. 18). Nein, geht es nicht! Es geht Laska nicht um die „menschliche Existenz“, mit der ist alles in Ordnung, es geht nicht um das Sein und das Nichts, sondern um die jeweilige prekäre individuelle Existenz in einer durch die individuelle Implementierung eines „irrationalen Über-Ichs“ seit unzähligen Generationen vollkommen irrational gewordenen Gesellschaft. Das mag in der Formulierung kein großer Unterschied sein, doch von Anfang an stimmt Töpfer einen „existentiellen“ quasi „gnostischen“, geradezu „religiösen“ Ton an, der Laskas aufklärerischen Intentionen diametral zu widerläuft und ein 859seitiges Ausweichmanöver einleitet.

Dieses beginnt mit einer, wie stets bei Töpfer, fast unerträglich langatmigen Darstellung der am Jenseits ausgerichteten Lebensauffassung des Holocaustleugners und katholischen Gegenaufklärers Vincent Reynouard. Ja, es ist vollkommen absurd, wegen bloßer Worte, dazu noch Aussagen über die mittlerweile ferne Vergangenheit, ins Gefängnis zu kommen, aber ausgerechnet mit einer solchen Person und ihrem mystischen Gewäsch (man ist ja „Agnostiker“…) das erste Kapitel anzustimmen, in dem es in Folge um Bernd A. Laska, Wilhelm Reich und Laskas Nachfolger Christian Fernandes geht… Was soll das?!

Die Neue Aufklärung, etwa LaMettrie, ist, so Töpfer, ins „Sensuelle, also den Sinn“, sozusagen mitten ins Leben, vorgestoßen und hat „eine metaphysisch indifferente und agnostische Position“ eingenommen, die ein unausgesprochenes Bündnis mit den Gegenaufklärern ermöglichte, während die Alte Aufklärung Gott durch das sinnlose Nichts ersetzt hatte und danach dieses Nichts auch in der Mitte ihres Lebens gähnte (S. 23f).

Ihre Radikalen Kollegen erinnerten sie an den Urschmerz der Vernichtung ihrer Person. Da sie diesen Urschmerz unbedingt von sich fernhalten mußten – die Gegenaufklärer ließen ihn und den Trost dagegen zum Teil zu –, mußten sie die Neuen Aufklärer mörderisch verfolgen oder aber „repulsieren“, wie Laska das nennt. (S. 24)

Problem ist, so Töpfer, daß „das Nichts, die vernichtete Person und der ‚repulsierte‘ Urschmerz natürlich auch die Radikalen Aufklärer selbst betreffen“ (S. 25).

Wir landen bei Töpfer immer wieder konsequent an der Über-Ich-Problematik vorbeizielend beim „Existentiellen“, d.h. dem „Urschmerz“. Man könnte sagen, von dem Elend des neurotischen Charakters (Massenneurose) und dessen Über-Ich-Problematik werden wir abgelenkt hin zum Elend des schizophrenen Charakters, bei dem sich, wegen früher Vernachlässigung, alles um die bloße Existenz des Ich dreht. Ich erinnere an die Rede vom „Totalprekariat der menschlichen Existenz“!

Tatsächlich hat Töpfer hier einen Nerv getroffen, nämlich den, daß Laska den größten Epochenbruch seit 6000 Jahren, als die Panzerung des Menschen im Anschluß an die sexuelle Revolution anfing zu kollabieren, nicht recht ins Kalkül genommen hat. Ich spreche vom 1960 erfolgten Wechsel von der autoritären „neurotischen“ Über-Ich-Gesellschaft hin zu einer antiautoritären „schizophrenen“ Gesellschaft, in der das Über-Ich „isoliert“ ist, die Menschen nicht mal mehr wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind, die Moral auftritt wie der unvorhersehbar agierende sadistische Mörder in einem Horrorfilm und die Menschen zu undifferenzierten Fleischhaufen werden, die sich im „Urschmerz“ winden. Töpfer bzw. seine durch Arthur Janov inspiriertes „post-psychotherapeutisches Selbstermächtigungsverfahren“ („Befreiungs-Urschrei“) ist ein Ausdruck dieses epochalen Zusammenbruchs der Muskelpanzerung der Menschheit und ihre Ersetzung durch okulare Panzerung. Daß Töpfer Laska, die „Jahrtausendentdeckung“ und die Idee der Prophylaxe, dieses letzte Aufkeimen von Rationalität, in diesem Buch dekonstruiert, ist integraler Bestandteil dieses Verfallprozesses. Bezeichnenderweise spielt die verbrecherischste Seite der sexuellen Revolution, Kindersex, bei diesem Vernichtungswerk eine zentrale Rolle, wie wir noch sehen werden. Laska wird sozusagen zwischen den beiden Haupttriggerpunkten der BRD aufgeknüpft: zwischen Holocaustleugnung und Pädophilieverdacht.

Frei nach Karl Kraus ist die Tiefenwahrheit die Krankheit, die sie zu heilen vorgibt! Dazu gehört auch, daß Aufklärung heute eben NICHT „korporell“ sein kann, denn mit der Auflösung der Muskelpanzerung haben wir bereits genug affektives Ausagieren in der Gesellschaft, wohingegen bei all dem antiautoritären Irrationalismus der Appell an die Vernunft und klares Denken immer wichtiger wird. Dazu gehört das Angehen der Oberfläche, der sozialen Fassade, und das Vermeiden wahrheits- und freiheitskrämerisch bei zu tiefen biophysischen Schichten anzusetzen.