Posts Tagged ‘La Mettrie’

Die drei Filter durch die die wirklichen Erschaffer der Gegenwart auf stark entstellte Weise wirkten und durch die ihr Lebenswerk gleichzeitig ins Gegenteil verkehrt wurde

13. Oktober 2026

Rousseau, Nietzsche und beispielsweise Foucault waren wie Filter, die den jeweils ursprünglichen Impuls (LaMettrie, Stirner und Reich) so modulierten, daß die ursprüngliche lebenspositive Botschaft so entkernt wurde, daß sie einerseits immer noch auf geradezu „magische“ Weise Widerhall fand, ein Faszinosum, andererseits aber das lebensfeindliche System nicht wirklich gefährdete, sondern eher noch stabilisierte. Mit anderen Worten wurden die erstgenannten zu einem anerkennten Kulturgut und gleichzeitig die kontrollierte „Opposition“ gegen eben diese Kultur. In diesem Zusammenhang möchte ich an Myron Sharafs Wortspiel „Fury on Earth“ erinnern. Das System fängt den wütenden Angriff ab, siebt das wirklich revolutionäre fein säuberlich heraus und verwandelt ihn dergestalt zu einer „revolutionären“ Stütze des Systems. Ein profanes Beispiel ist die Popmusik: aus Johnny Rotten wurde – Campino!

Das 18. und 19. Jahrhunderts stand unter dem Bann Rousseaus. Kant (menschliche Freiheit und moralisches Gefühl), Marx (Entfremdung), die gesamte romantische Bewegung (das Primat des Gefühls über den Verstand) standen unter seinem Stern, selbst Nietzsche. Dieser wiederum war davon überzeugt, daß sich in seiner, Nietzsches Person das Schicksal der nächsten zwei Jahrhunderte vorzeichne. Und tatsächlich gehört das 20. und 21. Jahrhundert Nietzsche: alle Philosophen, Psychologen und Kulturkritiker nach ihm waren und sind durch die Bank nur ein schwacher Abklatsch von ihm. Der Existentialismus, Heidegger, alle Schulen der Psychoanalyse, alle Kulturheinis, ob nun Gottfried Benn oder Thomas Mann oder wer auch immer – alle standen sie unter seinem Bann. Nicht zuletzt Reich war stark von Nietzsche beeinflußt. Ein Portrait Rousseaus war der einzige Wandschmuck in Kants Arbeitszimmer. In Reichs Arbeitszimmer der 1920er Jahre hing Nietzsches berühmte Totenmaske. Ohne Reich selbst wäre die gesamte heutige woke Kultur aus Frankfurter Schule, Fromm, Marcuse, Foucault, Deleuze, Derrida etc. undenkbar. Genauso wie vorher Nietzsche nur ein verzerrender „Filter“ war, durch den Stirner wirkte. Bei Rousseau war es LaMettrie, wie Bernd A. Laska und Christian Fernandes (LSR-Projekt) nachgewiesen haben.

Meine letzte Begegnung mit Bernd Senf

10. Oktober 2026

Es gab zwei Bernds in der Reich-Szene. Der eine, Bernd Laska, verlor nach einer Zeit das dezidierte Interesse an Reich und erkor zwei Philosophen zu seinem Interesse, die er als Vorläufer des frühen Reich hielt. Der andere, Bernd Senf, hielt jahrzehntelang Vorträge über Reichs Forschungen und sorgte dafür, dass Reichs Spätwerke ins Deutsche übersetzt wurden.

Als ich mit meiner damaligen Freundin am Spandauer Havelufer in Berlin spazieren ging, traf ich zufällig Bernd Senf am 22.08.2022. Es war ein schöner Spätsommertag. Zufällig hatten wir vorher noch einen Bekannten meiner Freundin getroffen, so dass diese sich mit diesem unterhalten konnte.

Ich erkannte Bernd Senf sofort. Ich sprach ihn auch direkt an und sagte, ich kenne ihn schon seit 1980. Ich lobte ihn, dass er sehr viel für das Interesse an und die Bekanntmachung von Wilhelm Reich getan hat.

Ich bedankte mich bei ihm dafür, und er fragte mich, ob ich damals dabei gewesen bin, als der Therapeut Navarro ihn vor allen Augen bei einen seiner Vortrags-Abende angegangen war. Bernd Senf schien noch immer sehr betroffen über diese therapeutische Intervention gewesen zu sein.

Leider hatten wir nicht allzu viel Zeit, miteinander zu reden, da ich auf meine Freundin Rücksicht nehmen musste. Ich verabschiedete mich deswegen bald wieder von ihm, und damit war die letzte Begegnung mit Bernd Senf geschehen. Immerhin konnte ich noch dieses Abschiedsfoto machen.

Martin Walsers Unbehagen in der Erinnerungskultur

3. Oktober 2026

Bedenkenswert ist der Brief eines gewissen Jochen Weber an Martin Walser über dessen Rede am 11. Oktober 1998 in der Paulskirche. Im Verlauf der eigenen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit sei ihm, Weber, aufgefallen,

wie im deutschen Fernsehen gewissenlos und gefühlskalt in zunehmendem Maße immer wieder Bildmaterial über die NS-Greuel eingesetzt wurde, um irgendein politisches Anliegen zu untermauern. Die Würde der präsentierten Toten hatte keinerlei Bedeutung. Gewisse Fernsehbeiträge ähnelten immer mehr, in Aufbau und Stil, der Goebbelschen Propaganda. Die vielen Leidenden und die massenhaften Toten wurden als Manövriermasse mißbraucht. Inzwischen entlarvt allein schon der Hinweis auf Auschwitz das unredliche Argument. (Frank Schirrmacher (Hrsg.): Die Walser-Bubis-Debatte, Frankfurt 1999, S. 171).

Die damalige Debatte ist wichtig, weil es um Schuld, Schuldgefühle, schlichtweg das „Über-Ich“ d.h. um PANZERUNG ging. Sie ist der eine Wendepunkt in der Auseinandersetzung Deutschlands mit seiner „historischen Schuld“, denn es war der erste „Befreiungsschlag“ gegen einen alles beherrschenden Alpdruck, d.h. der von Walser erwähnten „Moralkeule Auschwitz“. Einer Moralisierei, die sich prinzipiell der gleichen hysterischen, jede rationale Abwägung hintertreibenden Rhethorik befleißigte, wie es vorher Goebbels getan hatte. Linke behaupten charakteristischerweise, Walsers sei der „Dammbruch“ gewesen, der den Weg zum „Schlußstrich“ geöffnet hätte, also das Ende der emotionalen Erpressung des deutschen Volkes. Resultat: unsere Unterdrücker zogen die Schrauben der Folterbank weiter an.

In seiner Verteidigung griff Walser auf die durch Bernd A. Laska zugänglich gemachten Thesen LaMettries über die verheerende Rolle des Schuldgefühls bei der Unterdrückung des lebendigen Lebens zurück. 2004 wurde LaMettrie (und gewisserweise auch Laska) zum Helden von Walsers Roman Der Augenblick der Liebe. Schuldgefühle, die erwähnte „Moralkeule“, seien ein korosives Gift für Seele und Körper. Das aufoktroyierte schlechte Gewissen erzeuge innere Blockaden, Wut und Haß und entsprechend genau jene Gefühlskälte, die es doch bekämpfen soll. Was erwartet man eigentlich, wenn man Menschen Jahrzehnte in einer schuldbeladenen „Erinnerungskultur“ emotional erstickt? Was soll das Ergebnis dieser schwarzen (wohl eher roten) Pädagogik sein?

Es paßt ins Bild, daß Walsers Kritiker nicht etwa angesichts des durch Walser vermittelten aufklärerischen Impulses innehielten, sondern sie ganz im Gegenteil reflexhaft den Schuldkult weiterforcierten und „hysterisierten“. Niemals wurde so heftig gegen Hitler gekämpft wie in den letzten zwei Jahrzehnten, nie waren die Hetzreden schriller, nie wurde der erwähnte „Damm“ (!) höher aufgeschüttet!

Und das alles auf eine Art, die wirklich immer mehr an Goebbels erinnert. Man merkt, daß den wie Priester eines Kults auftretenden Propagandisten der „Erinnerungskultur“ die tatsächliche Erinnerung an die jüdischen Opfer der Emotionellen Pest egal ist – daß ihnen die Opfer gleichgültig sind. Sie sind vielmehr willkommenes Material, um auf pestilente Weise jede Regung von Gesundheit, Lebensfreude, „Identitätsfreude“ im deutschen Volkskörper zu ersticken, indem eine Art Dauerstreß unter der „Moralkeule“ erzeugt wird. Unter diesem Schirm und auf dem Rücken von sechs Millionen grausam ermordeter Juden machen die Blockparteien der Emotionellen Pest ihre Politik! Das Verrecken der Juden hatte einen Sinn: ihr Opfer verhindert die AfD – und erhält den Funktionären der Altparteien ihre gepanzerten Dienstlimousinen nebst Fahrern, fürstlichen Pensionen, Zugang zu… Sie mußten sogar für die ideologische Unterfütterung des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs der SPD und der Grünen auf Serbien herhalten. Wie moralisch verkommen und schlichtweg bösartig kann man eigentlich sein?

Email [Philosophie] 2010

30. September 2026

Email [Philosophie] 2010

Email [Der Kern von LSR] 2009

19. September 2026

Email [Der Kern von LSR] 2009

Email (Martin Walser und LaMettrie) 2004

17. August 2026

Email (Martin Walser und LaMettrie) 2004

Bernd A. Laskas LSR-Projekt und Wilhelm Reichs Charakteranalyse

29. Juli 2026

In den 1970er Jahren hat Laska die Wilhelm Reich Blätter herausgegeben. Auffällig war, wieviel Raum er Reich-Kritikern gab bzw. diese nicht als mediokre Ignoranten und „pestilente Charaktere“ vom Tisch fegte. Sie hatten uns offenbar etwas zu sagen! Vielleicht mehr als all die Reich-Fans…

Es ist ja nicht nur das Ausweichen vor dem Wesentlichen, sondern etwas, worauf Laska, angefangen mit der Analyse der diversen Kritiken an Reich, insbesondere abgehoben hat: daß dieses Ausweichen eine absolut geniale unbewußte Intelligenz zeigt. Mit traumwandlerischer Sicherheit verweist die Abwehr auf den Knackpunkt des Abgewehrten. Darauf beruht das LSR-Projekt: der Feind erledigt meine Arbeit. Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Der Feind offenbart uns unsere Wahrheit, unsere Identität, führt uns zu unserem Triumph über den Feind. Er will von uns aus der Lüge erlöst, ähnlich wie der Masochist aus seiner prekären Lage befreit werden. Charakteranalyse!

Bei so kurzen Blogeinträgen verlohnt etwas Kunst im digitalen Raum: Bild 20

Gnosis

23. Juli 2026

Die Grundaussage der Gnosis ist, daß mit „der Welt“, „der Natur“, „der Schöpfung“ etwas grundlegend nicht stimmt, d.h. daß der herrschsüchtige Demiurg böse, zumindest aber verblendet ist und deshalb verhindern will, daß wir die Früchte vom Baum der Erkenntnis pflücken – und infolge seine Plantage verlassen.

Reich und Laska (bzw. mit ihm neben Reich auch LaMettrie und Stirner) wurden wiederholt der Gnosis zugeordnet, was zunächst einmal deshalb abwegig ist, da die Orgonomie und LSR auf der Überzeugung beruhen, daß „mit der Natur alles seine richtig Bewandtnis hat“ und erst die Eingriffe durch den Menschen alles durcheinanderbringen. Man lese Reichs Äther, Gott und Teufel, betrachte LaMettries auf Selbststeuerung setzenden, wenn man so will, „vitalistischen Materialismus“, Stirners pädagogischen Ansatz (die Natur des Kindes sich ungehindert entfalten lassen) und Laskas Verachtung für alle Geisteswissenschaften („Unrat!“). Mit der Natur ist alles OK. Secundum Naturam!

Woher dann überhaupt die erwähnte Zuordnung zur Gnosis? Zunächst einmal ist offensichtlich nicht „alles in Ordnung“, wenn „die Natur“ durch den menschlichen Irrationalismus dermaßen dominiert werden kann! Reich konnte diesen „Einbruch der naturfeindlichen Moral“ nicht wirklich erklären, bis er im ORANUR-Experiment und der daran anschließenden Entdeckung des DORs, feststellte, daß eben nicht alles mit der Natur in Ordnung ist. Die naturwidrige Panzerung ist identisch mit dem DOR in der Natur und es gilt, dieses DOR zu sequestrieren.

Ist das nicht Gnosis mit dem ihr inhärenten Dualismus? Reich ist bei seiner Forschung unverhofft über bisher unbekannte Funktionen gestolpert und hat entsprechend ein paar seiner älteren Formulierungen relativiert oder eher dies dem Leser selbst überlassen. Man kann da das eine oder andere „gnostisch“ interpretieren, aber macht das Reich zu einem Gnostiker?

Natürlich ging es „L + S + R“ um die Befreiung des „authentischen Ich“ vom „Über-Ich“, das man mit „Gottes Stimme in uns“ und damit mit dem unterdrückerischen Demiurgen gleichsetzen könnte, aber das ist eine bloße Gnosis-Metapher kein Gnosis-Konstrukt. Will sagen: es ist nur ein Bild wie „Meine Gedanken schwingen sich auf wie ein Adler!“, was nicht bedeutet, daß meine Gedanken sich jemals als „Adler“, äh, „materialisieren“ werden. Genauso hat LSR über eine bloße Metapher hinaus substantiell nichts mit Gnosis zu tun.

Das sieht man allein schon daran, daß Gnosis vor allem Ritual ist: mittels Astrologie, Alchimie, Sexualmagie, Evokationen, Meditation, Yoga, etc. versucht der Adept sich von dieser Welt zu reinigen und sich dem fremden Gott, Luzifer, zu öffnen. Das funktioniert nur, weil er davon ausgeht, daß die materielle Welt imgrunde Geist ist und sich alles letztendlich dem Geist unterwerfen müsse. Deine Gedanken können sich entsprechend buchstäblich wie ein Adler erheben! Die Vorstellung ist also keine bloße Metapher mehr, sondern ein Konstrukt, das Realität werden kann.

Für Reich bzw. allgemein für die Orgontherapie ist dieser Kern der Gnosis, der „rituelle Weg“ und die Denunzierung der materiellen Welt als bloße Illusion, das diametrale Gegenteil der Wahrheit nämlich Spuk, Verblendung, Negierung der Selbstregulation, Sexualverneinung, Lebenshaß, Abpanzerung und DOR.

Vielleicht etwas schief formuliert, aber doch auf den Punkt gebracht: der gnostische Adept ist wie ein leeres Glas, das gefüllt werden muß, nach Reich hingegen muß das volle Glas geleert werden.

Wilhelm Reich, Bernd A. Laska und das Erahnenmachen des Kasus Knaxus

19. Juli 2026

Ich fand es immer schreiend komisch, daß sich die „letzten Wahrheiten“ der unterschiedlichen Religionen untereinander kraß widersprechen. „Wahrheiten“, für die sich Menschen selbst opfern und andere töten. Keine Gottesvorstellung und keine Seelenvorstellung stimmt mit der anderen überein. Man spürt und kann intellektuell nachvollziehen, daß sie sämtlich einer der zahllosen durch die Panzerung verzerrten Wahrnehmungen der kosmischen und organismischen Orgonenergie entsprechen, also durchaus einen Wahrheitskern haben, aber es ist halt genau das: ein Panoptikum absurdester sexueller Perversionen. Die Welt der Religionen ist eine bunte divers-perverse Regenbogenwelt! Von ihr etwas über die Orgonenergie erfahren zu wollen, ist etwa so sinnvoll wie in einem BDSM-Klub die Genitalität erforschen zu wollen! Aber, und dieses „aber“ ist entscheidend: die mystischen Religiösen haben wenigstens eine vage Ahnung von der Orgonenergie, während die mechanistischen Atheisten lebende Leichname sind. Seelenlos und innerlich tot, abgetrennt von der inneren und äußeren Natur. Wie in dem besagten Klub: es ist zwar eine widerliche Karikatur, aber immerhin annäherungsweise „Sex“ und ansatzweise sogar „Liebe“!

Das Ahnen der Orgonenergie bedeutet auch, daß das Instrument, das uns die Religion zur Verfügung stellt, nämlich die „Mythologisierung“, ein Potential hat, das der mechanistische Wissenschaft vollständig verschlossen bleibt. Man nehme Reichs Bücher Äther, Gott und Teufel über Gottvater, Die kosmische Überlagerung über den Heiligen Geist und Christusmord über den Sohn. Manche Dinge kann man gar nicht in „rein wissenschaftlicher“ Sprache ausdrücken. Die quasi religiöse Sprache muß auf den unvorbereiteten Leser befremdend, wenn nicht vollkommen bizarr wirken, aber es ist nun mal Fakt, daß es eine „Seele“ und „Gott“ wirklich gibt – nur vollkommen anders, als man es sich bisher vorstellte.

Das letztere ist auch einer der Gründe, warum ich so brutal abwehrend reagiere, wenn Leute mir mit Prana, Chi, Jakob Böhme, Anthroposophie und ähnlichem Dreck, gar einer „orgonomischen Spiritualität“ kommen. Sie haben nichts, aber auch rein gar nichts verstanden!

Man könnte natürlich einwenden, warum denn nicht schlicht Klartext gesprochen wird. Genau DAS ist ja aber das Problem: daß für manche Dinge die Sprache an ihre Grenze stößt. Von manchen Dingen kann man nur „raunen“, weil das Gegenüber sie selbst erfassen muß. Das fing schon mit Reichs Sexualökonomie an: „Ach Willi, Du meinst also das Ficken?!“ „Nein….“ „Also romantische reine Liebe?!“ „Äh, nein…“

Zuletzt hat Bernd A. Laska in seinem LSR-Projekt damit gerungen, wie er den Kasus Knaxus von „LSR“ eigentlich vermitteln soll. Und hat sich schließlich ganz auf die „Re(pulsions- und De)zeptionsgeschichte“ der Werke von LaMettrie, Stirner und Reich zurückgezogen, die den Kasus Knaxus erahnen lassen soll. Die ganze Problematik läßt sich vielleicht anhand des Wirkens von Hitlers Krohnjurist Carl Schmitt, der ein Krypto-Stirnerianer war, ja, erahnen. Ich verweise auf Laskas Schrift „Katechon“ und „Anarch“.

Als Schmitt im Zuchthaus der alliierten Kriegsverbrecher saß, also den absoluten Tiefpunkt seiner Existenz erreicht hatte, fand er Trost und Kraft bei „Max“. Seine gesamte Privatmythologie zielte auf diesen letzten Ausläufer des Späthegelianismus: Max Stirner. Mit ihm rang er privatmythologisch ein Leben lang: „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt.“

05In der Jugend von Nicolaus Sombart, Sohn des berühmten Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlers Werner Sombart, war Schmitt einer von Nikolaus väterlichen Freunden in der Reichshauptstadt Berlin. Er erinnert sich an etwas, was man nur vor dem Hintergrund von Laskas LSR-Projekts wirklich würdigen kann. Das letzte Geheimnis, das keiner anspricht… Nicolaus Sombart:

Carl Schmitt testete an mir seine Formulierungen. Er brauchte solche Testpersonen, um ihre Wirkung zu erproben. Aber so machte Geschichte Spaß. (…) Offenbar gab es, soviel hatte ich schon begriffen, zwei Arten von Wissen und zwei Arten der Erkenntnis. Beide hatten sie ihre Regeln, ihre Methode, ihre Evidenz. Die eine kannte ich durch meinen Vater; die andere, von der mein Vater nichts hielt, war mir durch meine Freunde Robakidse und Bruno Goetz, aber auch durch meinen Mentor Celibidache vertraut. Es handelte sich offensichtlich um zwei völlig verschiedene Mentalitäten, zwei ganz unterschiedliche Denkstrukturen. Die eine operierte mit Begriffen und Fakten, die andere mit Symbolen und Bildern.

Der entscheidende Unterschied lag wohl in ihrem Begriff von Wahrheit. Für meinen Vater ging der Weg der Erkenntnis über ein Wissen, das allen allgemein und jederzeit zugänglich war. Jeder Mensch guten Willens konnte es sich aneignen und damit den Weg zur Wahrheit betreten. Die Wahrheit war die Summe dessen, was man wissen konnte, natürlich immer nur ein Annäherungswert gegenüber einem absoluten Wissen, aber soweit allgemein verständlich, verifizierbar, übertragbar. Jedem zugänglich, der das Wissensniveau seiner Zeit erreicht hatte, immer einsehbar und aussprechbar. Für den anderen Denktypus lag nun alles genau umgekehrt.

Die Wahrheit ist das, was man nie aussprechen kann und darf. Sie ist ihrer Natur nach „geheim“. Das Wissen, das mit ihr verbunden ist, kann nicht ohne weiteres vermittelt werden. Was öffentlich ausgesprochen und gewußt werden kann, ist nicht wert, gewußt zu werden. Man erschließt sich die Wahrheit nicht durch logisch-diskursives Denken, sondern „erschaut“ sie, wenn man den nötigen Reifegrad erreicht hat. Darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen ist ein Sakrileg. Sie ist das streng gehütete Geheimnis-Monopol einer kleinen Zahl von „Eingeweihten“, der Zugang zu ihr „Initiation“, die nicht jedem gewährt wird. Man muß dazu berufen. „auserwählt“ sein. Das Medium der Verständigung darüber (der Vermittlung des Unaussprechbaren) ist das mythische Bild.

So weit, so gut. Das hatte ich ungefähr kapiert. Hie ein System positiven Wissens, die Grundlage dessen, was wir „Wissenschaft“ nennen – dort ein okkulter Traditionszusammenhang mystischer Gewißheiten und Sinndeutungen, der offenbar so lange zurückgeht, wie man menschliches Denken zurückverfolgen kann. Der Name dafür ist Gnosis.

In Carl Schmitt war mir nun eine sonderbare Mischform dieser beiden so konträren, wie man denken sollte, völlig inkompatiblen Denktypen begegnet. Er war ein Mann der Wissenschaft, des begrifflichen Denkens – ein Professor wie mein Vater, dem rationalen, diskursiven Denken verpflichtet, ein Meister des Syllogismus, der logischen Deduktion. Gleichzeitig aber war er auch der schauende Myste, der Epopt, der seine Einsichten nicht in Begriffen faßt und vermittelt, sondern in Symbolen und Bildern. Er beherrschte beide Register.

Er machte perfekte Wissenschaft – Staatstheorie, Verfassungslehre, Völkerrecht, immer mit einem leichten Vorbehalt, was die Positivität betrifft, aber mit einer emphatischen Betonung der „Wissenschaftlichkeit“. Dahinter stand seine Privat-Mythologie. Er maskierte seine Mythologeme mit einem Anschein von Theoriebildung. Seine Begriffe sind immer bildhaft, suggerieren Symbolisches, evozieren Archetypen. Er spielt mit dem Doppelsinn der Worte, die er als Zeichen benutzt, mit denen er aber Emotionen mobilisiert, die aus der Tiefe aufsteigen. Seine berühmten Formulierungen sind nie einfache „Sätze“, sondern Beschwörungsformeln. Wenn er auch nicht gerade von „Dämonen“ und „Wesenheiten“ sprach, so war doch so etwas im Spiel, wenn er die Mächte beschwor, die die Geschichte bewegen. Mit der griechischen und asiatischen Mythologie hatte er nichts im Sinn. Er bevorzugte die Gedankenfiguren der christlichen Theologie und Gnosis bis hin zu ihren hegelianischen Spätformen. Mit ihrer Hilfe mythologisierte er das ganze 19. Jahrhundert. (Nicolaus Sombart: Jugend in Berlin 1933-1943. Ein Bericht. München: Carl Hanser Verlag, 1984, S. 257-259)

Schmitt rang mit Stirner, weil dieser einerseits faszinierender „Versucher“ war, gleichzeitig aber auch die zu bekämpfende Negation der Kultur, also Satan höchstpersönlich. Er konnte ihn deshalb nicht „akademisch sachlich“ verarbeiten, sondern allenfalls im Rahmen einer Privatmythologie. Eine offene Auseinandersetzung hätte nur Werbung für „das Böse“ gemacht und Schmitts Anliegen gleichzeitig profanisiert und mit einer „demokratischen Zivilisation“ kompatibel gemacht, die er zutiefst verachtete. Tatsächlich hat er Stirner natürlich wie alle anderen intellektuell umgangen und emotional verdrängt. Laska seinerseits will den Kern von Stirners Anliegen durch das Kenntlichmachen dieses Umgehens und Verdrängens in den alleinigen Fokus rücken – und so unser eigenes Umgehen und Verdrängen unterlaufen.

Email [Freud, Reich und die Aufklärung] 2009

5. Juni 2026

Email [Freud, Reich und die Aufklärung] 2009