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Psychoanalyse contra Orgontherapie

28. August 2012

Anfang der 1980er Jahre wurde mir von gutinformierter Seite gesteckt, daß etwa eineinhalb Jahrzehnte zuvor, der damals berühmteste deutsche Psychoanalytiker (ja, genau der!) persönlich beim Verlag Kiepenheuer & Witsch interveniert hatte, um den Druck von Reichs Büchern in Deutschland zu verhindern. Woher diese Abgründe von Haß bei Leuten, die Toleranz und Rationalität wie eine Monstranz vor sich hertragen?

Intuitiv erahnen sie, daß Reich gleichbedeutend mit ihrem Ende, bzw. dem Ende ihrer absurden Profession ist.

Sagen wir, ein Mensch kommt zu ihnen wegen einer Spinnenphobie. Sie werden alles tun, um das „infantile Ich“ (nur Kinder haben Angst vor Spinnen!) zu stärken. Mit anderen Worten, sie werden ihren Patienten dabei behilflich sein, sich noch mehr abzupanzern, den „Loch im Panzer“ wieder zu schließen, auf daß sie sich wieder als brauchbare Roboter in die gepanzerte Gesellschaft einfügen.

In der Psychoanalyse findet Angst sozusagen „im Ich statt“. Es ist ein Warnsignal gegen verbotene Triebe und kann nur bewältigt werden, wenn, wie gesagt, das Ich in der Therapie gestärkt wird. Entsprechend, gelinde gesagt, merkwürdig wirken Psychoanalytiker und ihre Patienten.

Die Psychoanalyse beruhte zwar ursprünglich auf der Libidotheorie, doch endete sie damit, daß ein „souveränes Ich“ Lust im Namen der „Kultur“ von sich weist, bzw. sozusagen „Lustprämien“ bilanziert.

Letztendlich haben wir ein „Kontrollzentrum“ vor uns, in das, wie bei einem Roboter, Signale eingehen und verarbeitet werden.

Die psychoanalytische „Therapie“ dreht sich darum, die Vergangenheit, imgrunde einen zweidimensionalen Film, zu „analysieren“ und entsprechende infantile Triebregungen zu verurteilen. Ein Zuschauer, der Signale verarbeitet.

Die Orgontherapie ist grundsätzlich andersgeartet: Angst und Lust sind keine „Signale“, sondern die beiden grundlegenden Körperströmungen (Kontraktion und Expansion). Es dreht sich alles um das dreidimensionale Hier und Jetzt.

Der Körper panzert sich gegen Angst ab, d.h. die Atmung wird zurückgehalten und die Muskeln angespannt, um die Intensität der Angst so weit wie möglich zu drosseln. Eine andere Möglichkeit liegt darin, gegen die Angst mit Gewalt sozusagen „kontraphobische“ Gefühle zu aktivieren. In die gleiche Kategorie fällt die intellektuelle Abwehr: wir nehmen eine „skeptische“ Haltung ein, relativieren die Bedeutung von Ereignissen, lenken bewußt unsere Aufmerksamkeit auf irrelevante Nebensächlichkeiten, etc. Nicht zuletzt wenden wir die Aufmerksamkeit von der Gegenwart auf eine imaginäre kindliche Vergangenheit, die „psychoanalytisch“ aufgearbeitet wird.

All das hilft zweifellos kurzfristig, doch tatsächlich verschärft es das Problem, denn die Energie hinter dem Affekt staut sich immer weiter auf, bis sie irgendwann dramatisch durchbricht, was dann zu neuen derartigen Interventionen führt und immer so weiter, bis der Organismus schließlich unter der Last dieses grausamen Spiels kollabiert.

„Echte“ Heilungen erfolgen in der Psychoanalyse nicht wegen, sondern trotz ihrer Techniken. Sie erfolgen, weil der Therapeut trotz seiner wirren Theorien kontaktvoll genug ist, den Patienten erst einmal reden zu lassen, was diesem ermöglicht in Kontakt mit seinen Emotionen zu treten. Bioenergetischer Kontakt ist, entgegen allen gottverfluchten „Reichianischen“ kontaktlosen „Körpertherapeuten“, der effektivste Weg, Panzerung zielgerichtet aufzulösen und so den pathogenen Energiestau aufzulösen.

Katharina Kircanski (University of California, Los Angeles) et al. konnten einen Effekt für Arachnophobiker nachweisen, der bereits für andere psychische Störungen verifiziert worden war: bloßes Reden über Probleme und negative Gefühle vermindert deren Gewicht (Druck?).

In der Studie wurden 88 Menschen untersucht, die eine starke Angst vor Spinnen zeigten. Nachdem sie im realen Leben mit ihrer Spinnenphobie konfrontiert worden waren, setzte man sie vor Bildschirme auf denen entsprechende Spinnen gezeigt wurden. In diesem Fall ganz besonders eklige haarige Vogelspinnen.

Die Probanden wurden in vier Gruppen eingeteilt und ihnen jeweils folgende Anweisung gegeben:

  1. Gruppe: die Spinne mit negativen Worten beschreiben und dabei den ganzen Ekel zum Ausdruck bringen;
  2. Gruppe: die Spinne mit neutralen Worten beschreiben;
  3. Gruppe: über etwas vollkommen anderes sprechen, was rein gar nichts mit Spinnen zu tun hat (beispielsweise Möbel); oder
  4. Gruppe: keine Anweisung.

Zum Abschluß befragten die Wissenschaftler die Probanden erneut nach ihrer Angst vor den Spinnen. Die Ergebnisse der Befragung sowie die körperliche Anspannung beim Betrachten der Bilder zeigten eine deutlich verminderte Spinnenangst für Probanden, die ihre Empfindungen laut formuliert hatten. Entsprechend trauten sie sich auch näher an die Vogelspinne heran. Der geringste positive Effekt war bei denjenigen zu beobachten, die über Einrichtungsgegenstände gesprochen hatten, sich also von ihrer Angst abgelenkt hatten. (Hervorhebungen hinzugefügt)

All das heißt nicht, daß die Erkenntnisse der Psychoanalyse, aus der die Orgontherapie schließlich erwachsen ist, null und nichtig sind. Der Punkt ist, daß sie, beispielsweise der Ödipuskomplex oder die Entwicklung der Libido, in der Psychoanalyse selbst durch immer kompliziertere Theorien hoffnungslos überwuchert sind.

Was von der Psychonalyse nachwievor brauchbar ist, findet sich, zum Schrecken „orgonomischer“ Puristen, in Elsworth F. Bakers Der Mensch in der Falle. Auch daß Myron Sharaf in seiner Reich-Biographie Fury on Earth Reichs Leben psychoanalytisch aufgeschlüsselt hat, ist akzeptabel. Was auf keinen Fall akzeptabel ist, daß Therapeuten ihre Patienten helfen wollen, indem sie sie weiter von ihren Gefühlen im Hier und Jetzt entfremden und ihnen die abstrusen Deutungen irgendwelcher „Schulen“ aufzwingen. Daß die Kassen diesen „tiefenpsychologischen“ Unsinn finanzieren, ist ein Skandal.

The Journal of Orgonomy (Vol. 27, No. 2, Fall/Winter 1993)

27. Juli 2012

In der Schulmedizin spielt die Definition von „Gesundheit“ in nur einer Beziehung eine Rolle, nämlich für die Einschränkung der ärztlichen Tätigkeit. Ethisch darf der Arzt nur dann eingreifen, wenn eine Krankheit vorliegt. Beispielsweise ist es geboten, künstliche Befruchtung nur vor der Menopause zur Anwendung zu bringen.

In der Psychotherapie kommt dieses Prinzip im „Neutralitätsgebot“ zum Ausdruck. Der Therapeut soll weder bei den inneren neurotischen Konflikten des Patienten, noch bei dessen neurotischen Verstrickungen in Beziehung, Familie und Freundeskreis Partei ergreifen.

Zunächst einmal ist offensichtlich, daß das ein entscheidendes Unterscheidungskriterium zwischen einem Gespräch mit einem Freund und einem Gespräch mit einem Psychotherapeuten ist. Das erstere verstrickt uns eher weiter in unsere neurotische Welt, während das letztere für eine gewisse Distanz sorgt, so daß wir unser Leben neu ordnen können.

Damit der Psychotherapeut aber wirklich helfen kann, bedarf es, wie Peter A. Crist in „The Biosocial Basis of Family and Couples Therapy“ (S. 166-189) ausführt, zusätzlich der aktiven Unterstützung der gesunden Anteile. Die offizielle Psychotherapie, so wie sie an Universitätskliniken gelehrt wird, mag darin zwar einen groben Behandlungsfehler sehen, doch diese Einschätzung beruht darauf, daß es keine klaren Kriterien für Gesundheit und rationales Verhalten gibt.

Ein Orgontherapeut wird sich niemals entblöden, sich in die neurotische Welt des Patienten verwickeln zu lassen, aber er wird stets Partei für gesunde und rationale Strebungen ergreifen und beispielsweise auch die Partei des Patienten ergreifen, sollte der Opfer pestilenter Attacken werden.

Das so wichtige, notwendige und, richtig verstanden, vollkommen rationale Neutralitätsgebot wird zu einer Absurdität, wenn es genau das verstärkt, worunter der Patient zentral leidet: Kontaktlosigkeit, die eigene und die der Mitmenschen.

In diesem Fall entspricht das Neutralitätsgebot jener verlogenen „toleranten“ Haltung gegenüber der Sexualität, die Reich zeitlebens bekämpft hat. Es gelte sie bei Kindern und Jugendlichen nicht nur „liberal“ zu tolerieren, sondern sie vielmehr zu schützen und zu fördern. In einer gepanzerten Gesellschaft nur „Toleranz“ zu zeigen, ist gleichbedeutend mit Mittäterschaft.