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Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 2)

16. Februar 2026

Friedrich Kraus‘ „Tiefenperson“ ist das, was das Leben an sich im jeweiligen Menschen ausmacht, wenn man alle Strukturen von den Organen des Körpers bis hinab zu den Zellorganellen wegdenkt. Es ist das in sich Dranghafte, das, was für den Turgor sorgt, und bei dessen Wegfall sofort die Strukturen des Körpers zerfallen. Für den Internisten Kraus war das einfach der Druck der Kochsalzlösung, die uns ausmacht und die durch Osmose, Ionenfluß etc. in Wallung kommt. Dieser Kern, der das Lebendige ausmacht, ist genau das, was Reich in den 1930er Jahren bei seiner „sexualökonomischen Lebensforschung“ mittel der erwähnten „Orgasmusformel“ ergründen wollte.

Die von Kraus aus der internistischen Praxis an der Berliner Charité heraus postulierte „vegetative Strömung“ wollte Reich zunächst „bio-elektrisch“ beschreiben, scheiterte daran jedoch und landete dabei beim Orgon. Zu dieser Zeit, d.h. ab etwa 1933 entwickelte Reich das, was er zunächst als „charakteranalytische Vegetotherapie“ bezeichnete. Sie sollte die Kraus‘sche vegetative Strömung freilegen, indem die Panzerung systematisch Schritt für Schritt aufgelöst wird. Systematisch bedeutet: von oben nach unten, von außen nach innen und von der Gegenwart in die Vergangenheit. Es ist nicht abwegig zu behaupten, daß das der Weg jeder authentischen Aufklärung ist. Man folgt nicht vorgefaßten Meinungen, sondern dringt Schicht für Schicht wie ein lege artis vorgehender Archäologe ins Unbekannte vor. Bei diesem Prozeß sät man im Patienten Zweifel und regt zum Selberdenken an. Man führt zum Kern der Sache hin. Für Reich bedeutete das hin zum Genital, hin zum „pneumatischen Zentrum“ und hin zur Sexualhemmung, d.h. dem Ursprung des Über-Ichs bzw. der Panzerung. Ein Hinführen zur Einsicht und zum „Einleben“!

Reich verkündete nicht deduktiv was verdrängt wurde, sondern zeigte induktiv erstens auf, daß überhaupt verdrängt wurde und wie sich diese Verdrängung im einzelnen und systematisch vollzog. Aufklärung, d.h. Wissen-Schaffen, ist in diesem Sinne buchstäblich das Beseitigen von zunächst oberflächlichen und danach schrittweise immer tieferen Panzerschichten bis schließlich die vegetative Strömung wieder freiliegt: die Kunst Wollust zu empfinden, das authentische Ich, die Jahrtausendentdeckung. Die „Jahrtausendentdeckung“ ist, daß die Beschneidung dieser Selbstregulation, künstliche Regulation notwendig macht, deren Produkte selbst wieder künstlich reguliert werden müssen, statt daß man von Anfang an schlichtweg der vegetativen Strömung vertraut, die sich ihre besten Daseinsbedingungen selbst schaffen wird (Reich: Die sexuelle Revolution). Secundum naturam! Die mechanistische Naturauffassung ist unmittelbarer Ausdruck der besagten „künstlichen Regulation“ (ich verweise zurück auf die „Legosteine“)!

Dem von Bernd A. Laska beeinflußten Philosophen Ronald Hinner zufolge geht es dem Hegel-Schüler Stirner um die Verflüssigung und Auflösung der „fixen Ideen“. Ähnliches konstatiert Hinner beim Positivismus Ernst Machs. Stirner endet beim endlichen Subjekt, dem leiblichen Ding an sich, Mach beim endlichen Objekt, dem sinnlich greifbaren Element, nachdem sie jeweils alle fixen Ideen und bloßen Begriffe negiert haben (Hinner 2016: Max Stirner und Ernst Mach. Elemente des modernen Gnostizismus).

Reich schreibt an einer quasi „positivistischen“ Stelle in Äther, Gott und Teufel gegen das „bloße Denken“ an, deren Ergebnisse „als sekundär gegenüber den beobachtbaren Naturfunktionen angesehen werden (müssen)“. Er hebt die Bedeutung des voraussetzungslosen Beobachtens hervor und fordert „die Funktion des Denkens selbst (…) logisch und konsistent aus den beobachtbaren Naturfunktionen im Beobachter selbst (abzuleiten)“ (S. 150f), wobei er insbesondere auf die Rolle der Panzerung abzielt, die den Zugang zum „Ding an sich“ verhindert.

Mit „bloßem“, von den tatsächlichen Naturvorgängen abweichendem Denken meint Reich offensichtlich zweierlei: erstens ein Denken, das indirekt und eines das direkt fremdbestimmt ist. Bei ersterem handelt es sich um eben „gepanzertes Denken“, d.h. ein Denken, das auf das durch die Erziehung gehemmte Funktionieren des Organismus zurückgeht. Beim direkt fremdbestimmten Denken geht es um die unhinterfragte Übernahme der Meinungen von Autoritäten. Man folgt dem „Über-Ich“, weil man die gesellschaftlichen Vorgaben verinnerlicht hat und durch diese charakterstrukturell umgeformt wurde. Das trifft nicht nur auf mystische Ideen in der Religion, sondern auch auf mechanistische Theorien in der Naturwissenschaft zu.

Das funktionelle Universum

26. September 2024

Zerteilt man einen Körper um festzustellen, was Leben konstituiert, wird man nach wenigen Schnitten ins Fleisch feststellen, daß das Phänomen „Leben“ unteilbar ist. Man könnte zwar sagen, es gäbe sozusagen „Lebensatome“ in Gestalt der Zellen und meinetwegen der Zellorganellen, etwa der Mitochondrien, aber das sind ja auch nur Körper. Sobald ich die analysiere, d.h. zerteile, in ihre Bestandteile auflöse, verschwindet das Leben. Zwar verschwindet ebenso das Wasser, wenn ich es durch Elektrolyse in seine Bestandteile auflöse und infolge feststelle, daß Wasser sich aus zwei Wasserstoff- und einem Sauerstoffatom zusammensetzt, aber wenn ich dieses Gas, ein Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch, verbrenne, entsteht erneut Wasser. Mit Frankensteins Monster ist das leider nicht möglich!

Die kleinsten Einheiten der Materie, Leptonen (also Elektronen) und Quarks (die Protonen bilden), kann man von vornherein nicht zerteilen. Sie haben keine innere Struktur und sind „punktförmig“, d.h. sie sind von der Dimension 0. Trotzdem sind sie die materiellen Bestandteile, aus denen die Physiker das Universum aufbauen. Das Universum ist entsprechend eine Menge von Punkten, die zueinander in Beziehung stehen: der ein- (Gerade), zwei- (Fläche), dreidimensionale Raum. Aber „an sich“ setzt sich das Universum aus „nichts“ zusammen (Mechano-Mystizismus)!

Den Raum kann ich immerhin aufteilen, während, trotz der Uhren, die die Zeit in Sekunden aufteilt, sich dem konzeptionellen Zugriff zu entziehen scheint. Man behilft sich mit dem „Zeitpfeil“, der letztendlich durch die Entropie definiert wird. Ich weiß spätestens dann, ob ein Stummfilm richtigherum abgespielt wird, wenn eine Tasse vom Tisch fällt und auf dem Küchenboden in tausend Einzelteile zerschellt. Das Umgekehrte, tausend Einzelteile setzen sich spontan zu einer Teetasse zusammen, wird im realen Leben niemals passieren. Wenn ich nun den Film selbst in „tausend Einzelteile“ zerschneide, und diese dann ungeordnet neu zu einer Filmrolle zusammenklebe, merke ich sofort, daß ich sozusagen „die Zeit“ zerstört habe. Entsprechend können beispielsweise indigene Völker Filmen nur folgen, wenn es keine Rück- und Vorblenden gibt. „Zeit“ scheint ähnlich unteilbar zu sein wie „Leben“.

Leben, Materie, Raum und Zeit entziehen sich unserem Begreifen, weil wir das Universum nicht funktionell betrachten. Reich hingegen hat von Anfang an das Phänomen „Leben“ nicht vom materiellen Körper her betrachtet, sondern von der Funktion „Pulsation“ her. Die Untersuchung der Funktionsabfolge „Spannung, Ladung, Entladung, Entspannung“ führte ihn über die bioelektrischen Versuche (das „bio-elektrische Feld“) und die Bionversuche („pulsierende Energiebläschen“) zur Entdeckung der primordialen Orgonenergie. Von der aus betrachtete er die Materie (Stichwort „kosmische Überlagerung“) statt umgekehrt, die energetischen Vorgänge der Welt von „Materieklötzchen“ herzuleiten, die letztendlich aus nichts bestehen.

Das Gemeinsame Funktionsprinzip von Länge (L) und Zeit (t) ist die relative Bewegung v:

Es gibt zwei Arten von relativer Bewegung, die Reich beobachten konnte, Pulsation (die Abfolge von Expansion und Kontraktion) und Kreiselwelle (die Abfolge von Welle und Puls). Sie definieren Länge und Zeit. Das, was Raum ist, wird beispielsweise anhand von „Experiment XX“ deutlich, wo sich längliche plasmatische Filamente durch Kontraktion bzw. Überlagerung aus konzentrierter Orgonenergie (Bionwasser) bilden.

Mit dem umgekehrten Vorgang, d.h. der Freisetzung von Energie aus Materie) begann die Orgonbiophysik als Reich durch Kochen, Autoklavieren und Glühen von Materie auf die Bione stieß, zu deren vorrangiger Eigenschaft die Eigenpulsation gehört. Diese „Taktgebung“ macht das Wesen der Zeit aus. Die Bione könnte man als die anfangs erwähnten „Lebensatome“ bezeichnen, doch Reich ging es bei ihnen eben nicht um Struktur (L), sondern um Funktion (1/t). Deshalb auch die „sinnlos hohe“ Auflösung seines Lichtmikroskops, wodurch man zwar keine feineren Strukturen bei den Bionen, aber dafür ihre pulsatile Bewegung besser sehen konnte.