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Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen (Teil1)

14. Juni 2018

von Paul Mathews, M.A.*

In einem früheren Artikel für diese Zeitschrift (1) habe ich die orgonomische Anklage gegen den modernen Liberalismus dargelegt. Ich werde nun versuchen, die diesem Artikel zugrundeliegende These, dass der Mensch bei all seinen Versuchen einer Problemlösung die überragende Bedeutung der bioenergetischen Faktoren nicht erfasst, weiter zu vertiefen. Auf dieser Weise werde ich einige allgemeine, aber lebenswichtige Probleme ansprechen, die die Menschheit bedrängen und sie unter funktionellen Gesichtspunkten diskutieren. In zukünftigen Artikeln werde ich jedes der hier skizzierten Probleme eingehender untersuchen.

Mehr als 25 Jahre sind vergangen, seit Wilhelm Reich den „biologischen Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“ (2) erläuterte: es gibt noch keine überzeugenden Beweise dafür, dass die entscheidende Erkenntnis verstanden wurde.

Im Wesentlichen entdeckte Reich, dass die Wurzel der soziopolitischen (wie auch der intrapsychischen) Pathologie des Menschen seine biologische Panzerung ist, die durch die Unterdrückung der Genitalität im Säuglings- und Kindesalter hervorgerufen wird.

Orgastische Impotenz, verankert in Muskelspasmen, manifestiert sich in mystischen und mechanistischen Verzerrungen des Denkens und Verhaltens sowie in autoritären oder zügellosen soziopolitischen Systemen. Diese gegensätzlichen Ausdrucksweisen menschlichen Verhaltens, Mystizismus und Mechanismus, Autoritarismus und Zügellosigkeit, teilen dementsprechend ein gemeinsames Funktionsprinzip, die orgastische Impotenz. Vom funktionellen Standpunkt ist es sowohl irrational, absolute, uneingeschränkte Freiheit und sofortige Befriedigung zu fordern, als auch alle Freiheiten und das Streben nach möglichen Veränderungen in der Gesellschaftsordnung zu unterdrücken. Der Faschismus des „kleinen Mannes“ manifestiert sich in beiden Extremen. Der Grad der zulässigen Freiheit und die Geschwindigkeit der Veränderung sollten mit der biologischen Fähigkeit des Menschen zur verantwortungsvollen Selbstregulierung in Einklang stehen. Funktionelles Denken, das auf dem Naturgesetz und wissenschaftlicher Erkundung beruht, kann nützliche Maßstäbe bieten.

Das Studium der Geschichte zeigt, dass die Menschheit periodisch von autoritärer Unterdrückung (Mittelalter, Inquisition, Hitlerismus, roter Faschismus usw.) zu Zeitabschnitten sogenannter Aufklärung, Vernunft und Freiheit pendelt, die früher oder später zu Zügellosigkeit degenerierten.

Gegenwärtig erleben wir angeblich einen großen Schwung in Richtung „Freiheit“. Angeblich sind die Zeichen dieses Schwungs die sexuelle „Revolution“, die Anti-Kriegs- und Anti-Establishment-Bewegungen, die Anti-Armuts-Kampagne, das Streben nach rassischer Gleichheit und Gerechtigkeit und die Campus-Rebellionen.

Kann die seit Jahrtausenden gepanzerte Menschheit plötzlich wie der Phönix aus der Asche der heutigen Zivilisation auftauchen und eine „schöne neue Welt“ erschaffen – oder stehen wir wieder einmal vor der Fata Morgana und der Scharade der Freiheitskämpfe, die nichts anderes sind als die Entfesselung sekundärer Triebe? Ich werde versuchen, diese Fragen im Lichte der folgenden vorrangigen zeitgenössischen Probleme zu klären: Krieg und Frieden, Rassismus, Jugend und die emotionale Pest.

 

Fußnoten

* Pädagoge, Sprachlehrer und Kliniker. Doktorand der Psychologie, New York University. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews (1924-1986)]

 

Literatur

1. Mathews, P.: „A Functional Understanding of the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-148, 1967
2. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Orgone Institute Press, 1946

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 4 (1970), Nr. 1, S. 111-125.
Übersetzt von Robert (Berlin) mit Unterstützung von Peter Nasselstein