Archive for 1. Januar 2020

Ergänzung zu NACHRICHTENBRIEF145

1. Januar 2020

In nachrichtenbrief145 ging es darum, daß Deutschland Opfer der Emotionellen Pest wurde, weil in ihm die Arbeitsfunktion einigermaßen frei operierte und entsprechende Früchte zeitigte, was bei anderen zu „Neid und Mißgunst“ führte. An dieser Aussage ist nichts falsch, aber sie ist doch etwas flach, denn letztendlich geht es um den grundlegenden Gegensatz zwischen Emotioneller Pest und Arbeitsdemokratie. Warum verkörperte Deutschland die Arbeitsdemokratie?

Zunächst einmal hat Reich das Konzept der Arbeitsdemokratie ungefähr von 1937 bis 1942 ausgearbeitet, d.h. vor einem deútschen Erfahrungshintergrund und mit „deutscher Gesinnung“ – und natürlich ausschließlich in deutscher Sprache. Es ist zweifelhaft, ob er es als Angelsachse oder Franzose hätte schreiben können. In den Ländern Westeuropas gab es von jeher vielleicht ein „Klassenbewußtsein“ (insbesondere in England und Frankreich), aber mit Sicherheit kein Fachbewußtsein, d.h. ein Bewußtsein des eigenen Könnens und der eigenen Produktivität, der Stolz Teil einer langen Handwerkstradition zu sein und auf eigene Initiative zu arbeiten und nicht nach vorgegebenen Blaupausen, a la „Qualitätsmanagement“, das uns die angelsächsische Welt gegenwärtig aufzwingt. Dort war man Teil eines Getriebes, in das man eingewiesen wurde, frei nach Chaplins Moderne Zeiten, während man in Deutschland Herr über den eigenen Arbeitsbereich war.

Worum es bei diesem ganzen Komplex geht, zeigt etwa eine Untersuchung über die Haltung der Amerikaner zu Deutschen. Anfang der 1930er Jahren galten die Deutschen als „wissenschaftlich orientiert, fleißig, schwerfällig (stolid), intelligent, methodisch“. Weiter heißt es:

Die Wurzeln dieses Stereotyps reichen historisch weit zurück. Schon 1753 charakterisiert Benjamin Franklin die deutschen Einwanderer als fleißig. Er schreibt, „daß die Engländer in der Neuen Welt fauler zu werden schienen. Aber das ist nicht so bei den Deutschen; sie bewahren ihren gewohnten Fleiß und ihre Sparsamkeit und bringen sie mit …“ (…). Die Charakterisierung der Deutschen als ‚fleißig‘ hängt mit den Berufen und der Schichtzugehörigkeit der deutschen Einwanderer zusammen: es waren Bauern und Handwerker. (…). Häufig ist im 18. und 19. Jahrhundert das mittelständischer Handwerkstradition entsprechende „deutsche Familienunternehmen, das nicht gewillt ist, die Qualität seiner Arbeit seiner geschäftlichen Ausdehnung zu opfern“ (…). Im 19. Jahrhundert waren sie „von der Oberschicht der neuenglischen Handelskapitäne und den sich neu herausbildenden Industriedynastien … um Welten entfernt …“ (…). (Stapf, Stroebe, Jonas: Amerikaner über Deutschland und die Deutschen, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1986, S. 40)

Geschichtlich ging dieser grundsätzliche Unterschied zwischen den Deutschen und den Westeuropäern darauf zurück, daß der deutsche Kaiser eigentlich von vornherein eine Witzfigur war. Was hatte jemals ein Kaiser mit der freien Reichsstadt Hamburg zu tun? Bis heute nimmt ein echter Hanseat Orden und Ehrungen ausschließlich vom Hamburger Senat an. Undenkbar, etwa das Bundesverdienstkreuz zu akzeptieren. – Der Kaiser hatte nicht viel zu melden, mußte ständig um seine Finanzierung besorgt sein, zog anfangs von Pfalz u Pfalz und auch später gab es nie eine echte Machtzentrale. Anfangs wurde er sogar von den Kurfürsten gewählt! Er war geschwächt durch den Investiturstreit und nicht zuletzt wegen der hoffnungslosen territorialen Zersplitterung des Landes. In vieler Hinsicht war das Reich so, wie sich die Gründerväter der USA, Kinder des zentralistischen Englands, die neue Nation erträumten: ein Bund von Staaten, in der sich die verschiedenen Machtebenen gegenseitig in Schach halten, um dem Bürger eine möglichst große Freiheit und Sicherheit zu garantieren und diesen frei agieren zu lassen. Die USA waren zumindest der Versuch, sich der Tendenz, die das gesamte westliche Europa erlegen war, zu widersetzen: die Machtkonzentration und dem damit einhergehenden allumfassenden Schlendrian und Ineffizienz. Aber es ist immer noch die angelsächsische Welt…

Die grundlegende Auseinandersetzung zwischen der „Reichsidee“ und „dem Westen“ kulminierte in der Auseinandersetzung zwischen der „arbeitsdemokratisch“ organisierten Wehrmacht und den rein maschinellen Verbänden der Alliierten, insbesondere denen der USA.

Siehe dazu Die Saharasia-Theorie im Lichte der Arbeitsfunktion und Arbeitsdemokratie und Kriegsführung.