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Politik und Orgonomie (Teil 2)

1. August 2019

Das Wort „fanatisch“ stammt von zwei lateinischen Wörtern her: „fanum“, was Tempel bedeutet, und „fanaticus“, was bedeutet, von einem Gott inspiriert zu sein. Ich denke, daß grundsätzlich alles, was den Kern und/oder die sekundäre Schicht stark erregt, Fanatismus hervorrufen kann. Sowohl die Orgonomie als auch die Politik erregen den Kern und die sekundäre Schicht (wie es auch die Liebe tut)! Mir scheint, daß alles, was tiefempfunden wird oder uns inspiriert, zu einem gewissen Fanatismus führen wird, zumindest in dem Maße, in dem wir alle gepanzert sind. Ich denke, der Fanatismus kommt hauptsächlich von der sekundären Schicht, die die Erregung aus dem Kern nicht ertragen kann. In der Politik geht es auch darum, wie wir versuchen, als Gesellschaft und als Individuum zu überleben, was natürlich eine Menge intensiver Angst und Uneinigkeit hervorrufen wird. Das hängt zum Teil wieder damit zusammen, daß es wahrscheinlich unterschiedliche biopolitische Charaktertypen gibt. Einige Typen gedeihen vielleicht in einem liberalen Umfeld besser, andere Typen können vielleicht besser in einem konservativen Umfeld gedeihen. So wird es natürlicherweise Konflikte geben.

Die Politik ist in gewisser Hinsicht sehr, sehr tief und in anderer Hinsicht mehr oberflächlich. Ich sehe das bei meinen Patienten, wenn sie politische Themen ansprechen. Ich sage fast immer nichts. Ich habe Verständnis für ihre Gefühle, auch wenn ich ihrer Politik nicht zustimme. Leute benutzen Politik oft, um den Kern zu vermeiden. Wenn Menschen beispielsweise in der Therapie über Politik sprechen, ist dies eindeutig eine etwas oberflächlichere Angelegenheit, als über sich selbst zu sprechen.

Die Beobachtung, daß Politik charakterologisch ist, wird durch Phänomene gestützt, wie etwa, daß bei einer persönlichen Auseinandersetzung zwischen Freunden oder in der Familie oder zwischen Liebenden das Thema sehr leicht zwischen zwischenmenschlichen Konflikten und der Politik hin und her wechseln kann. Aus jemandem könnte zum Beispiel hervorbrechen: „Du bist genau wie Trump!“ Oder so ähnlich. Die Menschen scheinen grundsätzlich mehr auf politische Persönlichkeiten zu reagieren, als auf den eigentlichen Inhalt der Politik. Politik ist zutiefst persönlich.