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Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 3)

1. Januar 2014

Hans Hass‘ Energontheorie harmoniert perfekt mit Reichs Ausführungen in Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf. Wir haben die Maschinen und Werkzeuge geschaffen, die auf uns zurückwirken und uns (die wir doch eigentlich ihre Herren sein sollten) versklaven.

Orgonometrisch sieht das wie folgt aus:

lebendiemaschine

In einer ungepanzerten Gesellschaft benutzt der Mensch seine zusätzlichen Organe (Maschinen), um die Macht des Lebendigen auszuweiten (Gleichung 1). Gleichzeitig separiert er das Lebendige in sich von der toten Maschine (Gleichung 2).

In einer gepanzerten Gesellschaft hingegen identifiziert sich der Mensch mit der Maschine und wird selbst zur Maschine (Gleichung 1). Gleichzeitig verliert er jede Kontrolle über die Maschine (Gleichung 2).

Darüber hinaus gibt es in der Energontheorie keinen Unterschied zwischen materiellen Werkzeugen (Hammer, Auto, PC, etc.) und immateriellen Werkzeugen (Sprache, Gesetze, Moral, Ethik, Religion, etc.). So gesehen ist in ihr durchaus Platz für das Über-Ich und Charakterpanzer bzw. natürlich Kritik am Über-Ich und am Charakterpanzer, was die obigen orgonometrischen Erörterungen weiter vertieft.

Der Energontheorie zufolge besteht kein funktioneller Unterschied zwischen der Schutzvorrichtung eines Igels (Stacheln) und der eines Kaninchens (die immaterielle Verhaltensvorschrift „Lauf weg!“). Es ist letztendlich gleichgültig ob der Gendarm real vor mir steht oder immateriell in meiner Brust steckt (vgl. Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, S. 55).

Wie sich vom Über-Ich, dem „Gendarmen in der Brust“ befreien? In Begriffen der Energontheorie: im Rahmen einer Funktionserweiterung. Wir sind einerseits Tiere (Metazoen, die aus Keimzellen hervorgegangen sind), andererseits wiederum selbst Keimzellen von Hyperzellern. Wir haben die Welt erschaffen, die uns umgibt. Wie haben wir das gemacht? Mit unseren Händen, die ursprünglich dazu geschaffen waren, um sich an Äste zu klammern, und mit unserem Gehirn, das ursprünglich dazu geschaffen war, uns zu intelligenten Tieren zu machen, die das natürliche Nahrungsangebot optimal ausnutzen können. Durch Funktionserweiterung dieser beiden Organe wurden wir zu Keimzellen von Hyperzellern – und im Laufe der Entwicklung wurden wir zu Sklaven unserer von uns erschaffenen Umgebung. Aber genauso, wie wir das Gehirn für die Entwicklung von zusätzlichen Organen (vom Hammer bis zum Space Shuttle, von der Sprache bis zur höheren Mathematik) „mißbrauchten“, steht es uns frei im Rahmen einer weiteren Funktionserweiterung des Gehirns uns kritisch mit unserer Lage auseinanderzusetzen und uns von unseren zusätzlichen Organen, insbesondere dem Über-Ich, wieder zu distanzieren, bzw. sie ganz abzustoßen.

Hass hat uns gelehrt, unsere Ehrfurcht vor der Lebensentfaltung zu überwinden: das, was ist und was „natürlich“ ist, muß nicht gut sein. Gut für wen? Für die Hyperzeller (Wirtschaft und Staat). Nicht gut für wen? Für den nackten Menschen, für den Egoisten, für den Einzigen, für das Menschentier. Das bedeutet nicht ein Zurück zur Natur, sondern: die Lebensentfaltung hat uns, hat mir zu dienen.

Ich möchte nie mehr auf das zusätzliche Organ Computer und Internet verzichten – sehr wohl aber auf das Über-Ich. Wie sieht dieses ominöse „Über-Ich“ aktuell aus? Wie werden unsere Kinder im Interesse der Hyperzeller bzw. des Lebensstroms, den sie fortsetzen, verformt? Es liegt im Interesse der Lebensentfaltung, daß sie selbstvergessene, konsumorientierte, unkritische RTL-Gucker werden, die sich einbilden Egoisten zu sein, in Wirklichkeit aber einzig und allein dem Egoismus der Lebensentfaltung dienen. Der größte Feind dieser über die Keimzellen der Hyperzeller hinwegströmenden Lebensentfaltung sind kritische „Egoisten“, die ihre Stellung im Rahmen der Lebensentfaltung kennen. Aus energontheoretischer Sicht sind sie die Stimme der Keimzelle(n) der Hyperzeller. Beispielseise hatte Max Stirner eine recht gute Vorstellung von der Lebensentfaltung in Gestalt der Philosophie Hegels („die Entfaltung des absoluten Geistes“).

Betrachten wir doch einmal Stirners Leben und Werk aus energontheoretischer Sicht: Damals waren Staaten entweder Berufskörper des jeweiligen Königs (wie im absolutistischen Frankreich: „der Staat bin ich“ – so wie der Handwerker sagt: „die Firma bin ich“) oder gigantische Erwerbsorganisationen, etwa Preußen, wo sich der König als erster und höchster Diener des Staates verstand. Hegel war der Ideologe dieser Erwerbsorganisation, in der der Bürger zum Rädchen im Getriebe wird und von Kindheit so gedrillt wird, bis er schließlich „den Gendarmen in seiner Brust hat“. Auch Stirner wurde da hineingepreßt und sollte als Lehrer aus freien Menschentieren Zellen des Hyperzellers „Preußen“ machen. Dagegen empörte er sich in Funktionserweiterung dessen, was er gelernt hatte. Leider blieb seine Argumentation größtenteils „geistesgeschichtlich“. Dagegen stellte Marx sein „materialistisches“ Programm, – das aber nicht viel mehr war als doch nur wieder Hegel.

Stirners „Verein der Egoisten“ ist nichts anderes als eine Ansammlung von Keimzellen, die sich von ihren Hyperzellern emanzipiert haben und mit ihren zusätzlichen Organen wieder frei umgehen.

Stirner stellt (ganz im Sinne von Hans Hass) das Recht (also gewisserweise das „Über-Ich“ der Gesellschaft) als „zusätzliches Organ“ (sozusagen ein immaterielles Werkzeug) dar, daß sich gegen seinen eigenen Schöpfer wendet, ihm sozusagen über den Kopf wächst:

Der Gedanke des Rechts ist ursprünglich mein Gedanke oder er hat seinen Ursprung in Mir. Ist er aber aus Mir entsprungen, ist das „Wort“ heraus, so ist es „Fleisch geworden“, eine fixe Idee. Ich komme nun von dem Gedanken nicht mehr los; wie Ich Mich drehe, er steht vor Mir. So sind die Menschen des Gedankens „Recht“, den sie selber erschufen, nicht wieder Meister geworden: die Kreatur geht mit ihnen durch. Das ist das absolute Recht, das von Mir absolvierte oder abgelöste. Wir können es, indem Wir‘s als absolutes verehren, nicht wieder aufzehren, und es benimmt Uns die Schöpferkraft; das Geschöpf ist mehr als der Schöpfer, ist „an und für sich“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 225)

„Das Recht ist der Geist der Gesellschaft“ (Der Einzige und sein Eigentum, S. 204) – und stempelt mich zum Verbrecher, wenn ich ich bin. Das Recht, ursprünglich ein Interessenausgleich zwischen Individuen, ein Werkzeug meiner Macht, wurde zu einer heiligen fixen Idee, die mich, ihren Schöpfer, auslöschen will. – Die Energontheorie beschreibt nichts anderes: der Mensch erschuf sich seine Umwelt, um leben zu können und brachte es zu einer ungeheuren Machtsteigerung – nur um festzustellen, daß sich alles gegen ihn, den Schöpfer, wendet; manipuliert, abhängig und kurz vor der Auslöschung. – Was bei Stirner der „Einzige“ ist, ist bei Hass die „Keimzelle Mensch“.

Wie drückt man diese Gewalt nun verkehrterweise aus? Man sagt, Ich habe ein Recht auf diesen Baum, oder er sei mein rechtliches Eigentum. Erworben also habe Ich ihn durch Gewalt. Daß die Gewalt fortdauern müsse, damit er auch behauptet werde, oder besser: daß die Gewalt nicht ein für sich Existierendes sei, sondern lediglich im gewaltigen Ich, in Mir, dem Gewaltigen, Existenz habe, das wird vergessen. Die Gewalt wird, wie andere meiner Eigenschaften, z.B. die Menschlichkeit, Majestät usw., zu einem Fürsichseienden erhoben, so daß sie noch existiert, wenn sie längst nicht mehr meine Gewalt ist. Derart ist ein Gespenst verwandelt, ist die Gewalt das – Recht. Diese verewigte Gewalt erlischt selbst mit meinem Tode nicht, sondern wird übertragen oder „vererbt“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 307)

Das entspricht ganz der Panzerung, die ja in der individuellen Geschichte des Menschen am Anfang auch eine rationale Schutzfunktion hatte, d.h. anfänglich ebenfalls sozusagen ein „zusätzliches Organ“ war, dann aber außer Kontrolle geriet: wir haben keine Panzerung mehr, wir sind Panzerung, d.h. wir „haben“ einen Charakter. Ausgeweitet auf die Gesellschaft ist das die jeweilige „Kultur“, die von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Seitdem die Abstammung des Menschen aus primitiveren Lebensformen erwiesen sei, liege, so Hass, ein „natürliches und neutrales“ Bezugssystem vor. So wie aus der Lebensentwicklung

jede neue Struktur, jedes neue Phänomen hervorgegangen ist – so sollten auch die Begriffssysteme aller Spezialwissenschaften auf die gemeinsame Wurzel dieser Entwicklung zurückgehen. (…) Es wird nur allzuleicht übersehen, daß (die) Begriffe das höchst persönliche Werk des Menschen sind – nicht aber notwendigerweise ein Spiegel der Wirklichkeit. (…) Diese „Schubladen“, die über Erziehung und Tradition von einem Gehirn auf das nächste übertragen werden, machen uns leicht glauben, daß die Erscheinungen, die in ihnen zusammengefaßt sind, von Natur her zusammengehören, daß diese Einheiten also das „Wesen“ dieser Welt kennzeichnen. Das tun sie aber nur beschränkt – denn jeder Begriff ist bloß eine uns dienliche Einrichtung, ein Werkzeug unseres Geistes – jeder von ihnen, mit einem Wortsymbol versehen, ist ein uns dienender Funktionsträger und in diesem Sinn auch wieder ein erworbenes – ein „künstliches“ Organ. Und (…) hier besteht die Gefahr, daß aus Dienern Herren werden, indem sich diese Schubladen nicht mehr wirklich unseren Zwecken unterwerfen, sondern höchst selbstsüchtig unsere Gedanken in ihre Schablone pressen. (…) Wir brauchen (Worte), wir können ohne sie nicht denken – aber man muß ihnen mit äußerstem Mißtrauen begegnen. (…) Das junge, sich erst bildende Gehirn ist in dieser Hinsicht noch frei und unbehindert. Es kann jeden dieser Diener erst prüfen, ehe es sich ihm anvertraut.

Hass stimmt hier vollkommen mit Stirner überein, d.h. die „emanzipatorischen“ Implikationen sind bei beidem identisch. Stirner:

Begriffe sollen überall entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe herrschen. (…) Nach Begriffen wird alles abgeleiert, und der wirkliche Mensch, d.h. Ich werde nach diesen Begriffsgesetzen zu leben gezwungen. (…) Eine unzählige Menge von Begriffen schwirren in den Köpfen umher, und was tun die Weiterstrebenden? Sie negieren diese Begriffe, um neue an deren Stelle zu bringen! (…) So schreitet die Begriffsverwirrung vorwärts. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 104f)

Es geht um eine zweifache „Götzendämmerung“: einerseits um die erörterte Befreiung von der Knechtung durch Begriffe, die von unseren zusätzlichen Organen, sich zu Herren über uns aufgeschwungen haben und andererseits um die Empörung gegen jenen Entfaltungsstrom, dessen willenlose Werkzeuge wir bisher waren, der aber doch nur aufgrund unserer Anstrengung leben kann.

Zum Gedenken an Hans Hass (Teil 1)

6. Juli 2013

Dies ist eine Fortführung meines Aufsatzes Zum Tode von Hans Hass.

Hans Hass war ganz wie Reich Funktionalist und Energetiker:

Die Verwandtschaften, die von der Energontheorie her wichtig sind, lassen sich nicht in das Schema Homologie-Analogie pressen. Was hier bedeutsam wird, ist weder der phylogenetische Zusammenhang noch äußerlich ähnliches Aussehen. Ein Antikörper im Blut, ein Stachel und ein Rezept für Fluchtverhalten sind weder homolog noch anlog (und auch nicht „konvergent“) – und doch sind sie gemeinsam zu beurteilen. Sie dienen dem gleichen Funktionskomplex: der Abwehr von Räubern. Sie sind „funktionsverwandt“. In der Bilanz, die das Existenzrückgrat, „Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit“ aufzeigt, gehören sie in die gleiche Rubrik. (Hass: Naturphilosophische Schriften, München 1987, Bd. 3, S. 255)

Daß Hass so gut wie der einzige Weiterführer der Ostwaldschen Energetik ist, liegt an der ernsten Krise, in die die Energetik geriet, als Anfang dieses Jahrhunderts der Nachweis der bis dahin rein hypothetischen Moleküle und Atome gelang, die durch ihre „Wärmebewegung“ die thermodynamischen Gesetze im Rahmen mechanischer Modelle erklärbar machten. Wilhelm Ostwald warf vergebens ein, daß die neue Physik alle Größen, und hier insbesondere die Masse, als veränderlich erwiesen habe und nur der Energieerhaltungssatz sich als unumstößliche Grundlage der Physik bewährt habe. Auch Hans Hass hebt die Energie als die fundamentale Größe schlechthin hervor und beruft sich dabei auf die Quantenmechanik. Nicht die Energie sei eine Funktion materieller Partikel oder Stoffe, vielmehr seien sie umgekehrt eine Erscheinungsform von Energie.

Die energetische Weltsicht ermöglichte eine beträchtliche Vereinfachung des Denkens, da sich mit Blick auf die Energie und ihre Umwandlung sämtliche Strukturen der Lebenswelt in ein und dasselbe Begriffssystem einordnen ließen. So konnten sich Biologen, Wirtschafts- und Staatswissenschaftler austauschen und dabei Erkenntnisse in einem Gebiet zur Erklärung von Phänomenen in einem anderen heranziehen. Die Nähe zum orgonomischen Funktionalismus Reichs ist offensichtlich. In einer energetischen Betrachtung der materiellen Strukturen steht einzig ihr Funktionieren, ihr Energiehaushalt, bzw. ihre Funktion im Energiehaushalt, im Mittelpunkt. In dieser Beziehung haben z.B. eine Pflanze und ein Wirtschaftsunternehmen „auf den ersten Blick“ wirklich nichts miteinander zu tun, betrachtet man sie jedoch abstrakt vom Standpunkt ihrer Energiebilanz her, sind sie funktionell identisch.

Das Konzept, daß eine Erwerbsorganisation ein Organismus ist, ist auch der Orgonomie alles andere als fremd. Reich hat z.B. die organisierte Orgonomie als einen lebendigen Organismus betrachtet, dessen „Organe“ die einzelnen Funktionsträger der Orgonomie sind. Das jeweilige einzelne Organ müsse „langsam, behutsam und geduldig in eine kontinuierliche, wohlgeordnete und (…) ‚disziplinierte‘ Koordination und Kooperation mit der Gesamtfunktion hineinwachsen“ (Reich/Neill: Zeugnisse einer Freundschaft, Köln 1986, S. 576).

Auch läßt sich die Arbeit des „Organisations-Therapeuten“ Martin Goldberg nennen, wie er sie im Journal of Orgonomy dargelegt hat. Goldberg zufolge kann man die „arbeits-psychologische“ Entwicklung von Wirtschaftsunternehmen genauso fassen, wie es die Psychoanalyse und die Orgonomie mit der „sexual-psychologischen“ beim einzelnen Menschen getan haben. Störungen während der „libidinösen“ Entwicklung bestimmen den Charakter der Organisation entsprechend der Charakterentwicklung des Individuums. Entweder geht ein solches System zugrunde oder es entwickelt sich ein neues biopathisches Gleichgewicht, eben der neurotische Charakter des Menschen bzw. der Organisation. Diese neurotischen Charakterstrukturen können behandelt werden, indem man die Panzerungen auflöst.

Den sieben Panzersegmenten im Individuum entsprechen die drei funktionellen Grundstrukturen einer Organisation: der „Kopf“, der der Arbeit Richtung verleiht; die mittlere Ebene, die alles für die Produktion bereitstellt und organisiert; und der arbeitende Kern, der die Arbeitsleistung vollführt. Dies entspricht dem leitenden Management, dem mittleren Management und der Arbeitsebene. Aufgabe des ersten Segments ist die grundlegende Ausrichtung der Arbeit, des zweiten die Organisierung des Arbeitsflusses und des dritten die Entladung der Arbeit durch Wechselwirkung mit der Umwelt. Ziel der Goldbergschen „Organisationstherapie“ ist die „Befähigung von chronisch blockierten Systemen ihre Arbeitsenergie wieder frei in einer produktiven, befriedigenden Art und Weise zu entladen“. Dies entspricht genau dem Ziel der individuellen Orgontherapie hinsichtlich der Sexualenergie.

Nach Reich bildet sowohl der Organismus als auch die „Arbeitsdemokratie“ in der Gesellschaft „ein natürliches Kooperativ gleichwertiger Organe verschiedener Funktion“. Mit Hilfe der Energontheorie läßt sich nun diese organismische Vorstellung der Arbeitsdemokratie konkretisieren: es kann Arbeitsdemokratie nur dort geben, wo die „organismischen“ Voraussetzungen gegeben sind, d.h. einzig und allein zwischen Menschen, die sich wechselseitig zu zusätzlichen Organen gemacht haben. Demnach stehen z.B. der Gerber und der Schuhmacher in einem arbeitsdemokratischen Verhältnis. Der Friseur wird zu einem „Pflegeorgan“ seines Kunden, während der Kunde zu einem „Leistungsorgan“ des Friseurs wird (er schafft Geld und weitere Kunden herbei). In der Sklaverei wäre dieses Verhältnis einseitig.

Für jede Kooperation gilt, daß die entstehende Gemeinschaft als neues größeres Energon anzusehen ist, sofern der Nutzen bei getrennter Tätigkeit insgesamt geringer als bei vereinter Tätigkeit ausfällt. Bei Symbiosen, in denen jeder Partner für den anderen bloß eine von diesem benötigte Leistung erbringt, liegt ein aus geringfügig integrierten Teilen bestehendes Energon vor. Je vielseitiger die funktionelle Verflechtung zwischen den Kooperationspartnern wird, desto mehr steigert sich die Integration des von ihnen gebildeten Energons. (Hass und H. Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978, S. 145)

Diese engere arbeitsdemokratische Integration beinhaltet aber gleichzeitig die Gefährdung eben dieser Arbeitsdemokratie. Das kann man sich am Übergang von den unabhängigen Einzellern zum festen Verband des Vielzellers vergegenwärtigen. Einerseits konnte, ganz entsprechend dem Reichschen Konzept der Arbeitsdemokratie, der Einzeller den gesamten Organismus als sein Organ betrachten, doch andererseits wurde der Einzeller auch zu einem austauschbaren Rädchen in einem zum Selbstzweck gewordenen Gesamtgefüge. Beim Übergang von voneinander unabhängigen, „freiberuflichen“ Berufskörpern zum festen Verband einer Erwerbsorganisation ergeben sich entsprechende Vor- und Nachteile, doch hier fallen die letzteren mehr ins Gewicht, da der Erfolg der Erwerbsorganisation mit der Überwindung des „föderativen Aufbaus“ verbunden ist. So ist die Arbeitsdemokratie gerade auf dem Höhepunkt ihrer Naturgeschichte am stärksten gefährdet.

Wie sich wirtschaftliche Probleme aus energontheoretischer Sicht darstellen, wird exemplarisch an folgendem Zitat deutlich:

In der gesamten Lebensentfaltung spielte der Konkurrenzkampf stets eine überaus wichtige Rolle. Er sorgte dafür, daß weniger Geeignetes auf der Strecke blieb und besser Geeignetes sich durchsetzte. Auch Partnerschaft und Synergie unterliegen dieser Auslese. Nur wenn solche Verbindungen zur Ausbildung von Strukturen höherer Leistungskraft führen, also zu stärkerer Konkurrenzfähigkeit, können sie bestehen. In der Wirtschaft führt Abdrosselung des Konkurrenzkampfes – wie etwa bei Monopolstellungen oder in den zentralverwaltungswirtschaftlichen Ländern kommunistischer Prägung – unweigerlich zum Stagnieren des Fortschrittes in wesentlichen Bereichen. Besteht nicht die Möglichkeit, daß Bessergeeignetes sich durchsetzt, dann lohnt es nicht der Mühe, solches zu erzeugen. Andererseits ist allzu harter Konkurrenzkampf (…) ganz ebenso für den Fortschritt nicht förderlich. Die Konkurrenten reiben sich dann in einigen Sektoren untereinander auf, was dem „Verbraucher“ vielleicht in Gestalt von Preisunterbietungen zugute kommt (…) aber insgesamt weder ihm noch der Volkswirtschaft dient. Gibt es in einer Stadt 30 Buchhandlungen, die alle die gerade am meisten gefragten Titel anbieten, dann wirkt jeder gegen den anderen so gut er kann. Richten sich dagegen einzelne auf „Teilzielgruppen“ aus – profilieren sie sich auf verschiedene Nachfragerwünsche – der eine auf Belletristik, der zweite auf wissenschaftliche Literatur, weitere auf Kinder- und Jugendbücher, auf Antiquariat, auf Gartenpflege, auf Taschenbücher etc., dann wird das verfügbare Angebot und die individuelle Betreuung der Kunden in dieser Stadt wesentlich verbessert und der Konkurrenzkampf entschärft. Die Marktwirtschaft ermöglicht ein immer stärker differenziertes Angebot, was zu immer neuen Spezialisierungen führt. Bei der Evolution der Tiere und Pflanzen zeigte bereits die so ungeheuer vielfältige Artenbildung den gleichen Trend, das gleiche sich nun in der Wirtschaft fortsetzende Lebensgesetz. (Hass: Der Hai im Management, München 1988, S 163f)

Hans_Hass