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Stottern (Teil 2)

3. Juni 2020

von Richard Schwartzman, D.O.

 

Für die meisten Stotterer ist die Unterbrechung des Sprechens mit Belastungs- oder Spannungsgefühlen verbunden. Diese finden sich normalerweise in den Muskeln für die Artikulation, können aber an anderer Stelle im Körper wahrgenommen werden. Solomon (1) beobachtete, dass eine Person, die stottert, das Sprechen kurzzeitig mit Ablenkung durch eine unwillkürliche Muskelaktion wie der Bewegung eines Arms oder Beins oder der Atmung befreien konnte. Manchmal weisen Atembewegungen einen Antagonismus zwischen Bauch- und Brustbereich auf. Elektromyographische Untersuchungen der Kaumuskeln haben Hinweise auf eine fehlerhafte Synchronisation gezeigt, während andere Studien ergaben, dass die Spannung primär im Kiefer, vorne im Mund, vorne auf der Brust und im Bauch registriert wurde und sekundär in der Innen- oder Rückseite des Rachens und vorne bei der Zunge.

Ungewöhnliche Augenbewegungen, die mit dem Stottern verbunden sind, wurden sowohl beim mündlichen Lesen als auch beim spontanen Sprechen festgestellt. Es wurden vertikale Zuckungen der Augen und eine verlängerte Fixierung mit gehemmtem oder erhöhtem Lidschlag registriert. Die Dilatation der Pupillen ist variabel. Eine Studie weist auf eine grössere Ausdehnung während des Sprechens hin, mit einer Zunahme des Pupillendurchmessers während des Stotterns, und eine andere Studie berichtet von einer Kontraktion der Pupillen zu Beginn des Sprechens. Auch während der Blockade weisen Stotterer häufig eine erhebliche Unfähigkeit auf, akustische oder visuelle Reize wahrzunehmen. Diese Beobachtungen sind ein klarer Hinweis für einen gestörten Energiefluss, der das Augensegment beeinflusst.

Die folgende Fallgeschichte beschreibt die Behandlung eines Stotterers und es werden einige vorläufige Schlussfolgerungen über die Störung gezogen.

Ein 28jähriger, alleinstehender Schwarzer kam ausdrücklich wegen seines Stotterns zur Therapie. Es begann kurz nachdem er das Sprechen lernte. Er war ein Einzelkind, das willensstarke Eltern hatte. Er beschreibt seine Mutter als unterstützend und ziemlich religiös und seinen Vater als dominant und eigensinnig. Der Vater bestrafte ihn fürs Weinen und forderte oft, dass er „die Klappe hält“. Das Stillen wurde schroff beendet, als die Mutter krank wurde und A acht Monate alt war. Er lernte mit einem Jahr laufen und wurde mit zwei Jahren einer Sauberkeitserziehung unterzogen. Er erinnert sich daran, dass er als Kind Spielkameraden gebissen hat und daran, dass ihm dies von seinem Vater mit Prügel ausgetrieben wurde. Seine Händigkeit wechselte von links nach rechts im Alter von etwa 2 1/2 Jahren. [D] Er hatte sich immer unbehaglich mit Menschen gefühlt, hatte Schwierigkeiten im Umgang mit ihnen und es mangelte ihm an Selbstvertrauen und Zuversicht. Er war besessen von dem Gedanken, dass die Leute auf seinen Mund schauen. Als Heranwachsender fühlten sich Frauen zu ihm hingezogen, aber er war schüchtern, misstrauisch und hatte eine harte und bösartige Einstellung entwickelt, um die Angst und Unsicherheit zu verbergen, die er fühlte. In der Schule war er ein durchschnittlicher Schüler.

Eine sechsmonatige Behandlung im Alter von 16 Jahren bei einem Sprechtherapeuten war nicht hilfreich. Die erste Verabredung und der Sex begannen im Alter von 19 Jahren und die Masturbation begann ein Jahr später. Sein Interesse an östlicher Philosophie, Yoga und Meditation begann im Alter von 14 Jahren. Und als er aus dem Vietnamkonflikt zurückkehrte, in dem er sich als Offizier auszeichnete, schloss er sich einem Aschram an, um den Lehren des Gurus Maharaji zu folgen. Für sechs Monate sei er „glückselig“ gewesen, mit einem Monat perfekten Sprechens, völlig frei von Stottern. Dieses bemerkenswerte Ereignis geschah, nachdem er sich geliebt und in der Gnade des Gurus fühlte und Episoden tiefen Schluchzens erlebte. In dem Monat, in dem er nicht stotterte, nahm er die Energie wahr, die sich an der Vorderseite seines Körpers zwischen Hals und Genitalien auf und ab bewegte, mit einem veränderten Bewusstseinszustand, den er seitdem nicht mehr erlebt hat. Dieser Zustand konnte nicht aufrechterhalten werden, und das Stottern nahm seine frühere Häufigkeit wieder auf. In letzter Zeit hatte er zum ersten Mal das Gefühl von Energiebewegungen im Unterleib verspürt. Diese Wahrnehmung seiner selbst vermittelte ihm eine dreidimensionale Qualität und unterscheidet sich bemerkenswert von dem für ihn üblichen Gefühl des „Nichts“ zwischen Hals und Genitalien. Wenn er die strömenden Empfindungen in seinem Körper wahrnimmt, fühlt er sich solider, klarer und konzentrierter, und bei diesen Gelegenheiten kann er ohne Schwierigkeiten sprechen. Die Wiederherstellung eines freieren Energieflusses in seinem Organismus hat ein gesteigertes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sowie die Fähigkeit mit sich gebracht, die Welt um ihn herum mit einer besseren Perspektive zu sehen. Bisher war dieser Zustand selten und flüchtig, aber es gibt einige Anzeichen dafür, dass er sich in diese Richtung bewegt.

 

ZUSÄTZLICHE HINWEISE

[D] Der Wechsel der Händigkeit oder andere emotionale Traumata, wie z.B. das abrupte Ende des Stillens, führen nicht immer zum Stottern. Dies wirft die Frage auf: Warum entwickelt ein Individuum, das einem emotionalen Schock ausgesetzt ist, die Erkrankung, während ein anderes nicht stottert? Warum tun die meisten Kinder, die anfangen zu stottern, dies, ohne augenscheinlich traumatisiert worden zu sein?

Basierend auf Reichs Arbeit und meiner Erfahrung theoretisiere ich, dass emotionale Schocks sich nur dann als Symptome manifestieren, wenn mehrere Faktoren zusammenwirken. Dazu gehören, ohne darauf beschränkt zu sein: die angeborene Empfindlichkeit des Kindes, die Schwere des Schocks und das Alter zum Zeitpunkt des traumatisierenden Ereignisses. Wichtig ist auch der Grad, in dem die Eltern mit ihrem Kind in Kontakt sind. In dem Maße, in dem sie sich einfühlen können, werden sie spüren, welche Auswirkungen ein Ereignis gehabt hat und wie viel Trost notwendig ist, um ihr verzweifeltes Kind zu trösten. Schließlich wird die Entwicklung von Kiefer- und Halsblockaden häufig dadurch bestimmt, ob das Kind laut sprechen und/oder Gefühle ausdrücken durfte, insbesondere Wut und Weinen.

 

Literatur

1. Hahn, E.F.: Stuttering, Significant Theories and Therapies. Stanford, Ca.: Stanford University Press, 1943.

 

Quelle der Übersetzung:
https://orgonomist.blogspot.com/p/stuttering-by-richard-schwartzman-do.html
Erstabdruck: Journal of Orgonomy, Jhg. 16, Nr. 2 (ohne zusätzliche Hinweise)
Übersetzung: Robert (Berlin)
Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis von Dr. Schwartzman