Posts Tagged ‘Wut’

David Holbrook, M.D.: ÜBER WUT

24. März 2020

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über Wut

 

Orgonomie und Christentum: Die Abfolge Heidentum – Christentum – Neoheidentum – Orgonomie (Teil 1)

5. Januar 2020

Alle heidnische Spiritualität baut auf der Vorstellung von einer dreischichtigen Seele auf: das Alltags-Ich, das zusammen mit dem Körper stirbt, das emotionale bzw. „leidenschaftliche“ Ich, das nach Ehre, dem Status als Kriegsheld, nach „ewiger Liebe“ und ähnlichem strebt und sich nach dem Tod in „Walhalla“ oder irgendwelchen „Paradiesen“ widerfindet, und schließlich das spirituelle Ich, das eins wird mit dem Logos.

Inwieweit diese Vorstellungen auf konkretes bioenergetisches Erleben zurückzuführen sind, erschließt sich uns durch einen Blick in die Charakteranalyse, in der Reich die Unterbrechung der „plasmatischen Bewegungen“ eines Wurms und die daran anschließende Frage bespricht:

Wir würden genauso handeln wie der Wurm, wenn uns jemand mit einer großen Zange am Rumpf festklemmte. (…) Diese funktionelle Identität zwischen Mensch und Wurm ist es, die uns befähigt, von der Ausdrucksbewegung des sich krümmenden Wurms im korrekten, objektiv wahren Sinne „beeindruckt“ zu werden. (…) Aber wir empfinden den Schmerz des Wurms und sein Neinschreien nicht unmittelbar, sondern wir nehmen nur einen Bewegungsausdruck wahr, der unter allem Umständen identisch wäre mit dem Bewegungsausdruck unseres eigenen Plasmasystems in der gleichen schmerzhaften Situation. Daraus folgt: Wir begreifen die Ausdrucksbewegungen und den Bewegungsausdruck eines anderen lebenden Organismus aufgrund der Identität unserer eigenen Emotionen mit denen alles Lebendigen. Wir begreifen die Sprache der Lebendigen unmittelbar aufgrund der funktionellen Identität der biologischen Emotionen. (KiWi, S. 501f, Hervorhebungen im Original)

Hier geht es nur um Bewegung (Motion) und Bewegtsein (E-Emotion), d.h. es geht nur um die Funktion „relative Bewegung“. Deutlich wird auch, daß grundsätzlich alle Emotionen identisch sind. Die Emotion des Wurms ist dasselbe wie mein Gefühl – sonst könnte ich den Wurm oder ein anderes Lebewesen nicht verstehen. Alle Emotionen sind gleich oder vielmehr alle Lust, Angst, Wut, Sehnsucht und Trauer ist jeweils gleich. Die Sehnsucht des Eichhörnchens ist identisch mit meiner Sehnsucht, einfach weil alle Sehnsucht das „Ausgreifen“ der organismischen Orgonenergie ist und alle bioenergetischen Prozesse identisch sind.

Nun zur Sensation (z.B. die Schmerzempfindung des Wurms, die Reich erwähnt) und zum Bereich der Funktion „ko-existierenden Wirkung“. Es ist nicht von vornherein von der Hand zu weisen, daß es nur einen Schmerz auf dieser Welt gibt. Ich erinnere nur an die Sprache! Wir können nur kommunizieren, weil die Wörter für uns die gleiche Bedeutung haben. Dies wird von den Mystikern die „spirituelle Welt“ genannt, eine Welt, die allen „Geistwesen“ gemeinsam ist. Vielleicht entspricht das ihrer verzerrten Wahrnehmung des Funktionsbereichs der ko-existierender Wirkung. Ich fühle nicht nur deine Angst, weil sich bei uns beiden das Orgon auf die gleiche Weise bewegt, sondern ich fühle auch deinen Schmerz – was wenig mit Bewegung zu tun hat.

Es gibt ein Kontinuum von der Sensation zum Denken. Die Sensation ist eine Funktion des energetischen Orgonoms, das im Zentralen Nervensystem zentriert ist. Das Denken (das dem Zentralen Nervensystem zugeordnet ist) wiederum ist eindeutig Ausdruck der ko-existierenden Wirkung. Die Verbindung zwischen Emotion und Denken ist nicht so direkt, da Emotion mit dem Vegetativen Nervensystem assoziiert ist.

Fassen wir zusammen:

Eine gegebene Emotion ist bei allen Lebewesen gleich, da dieselbe relative Bewegung auftritt (z.B. Kontraktion gegen Expansion bei der Angst). Die ko-existierende Wirkung spielt hier sicherlich ebenfalls eine Rolle, aber nur eine untergeordnete.

Jede Sensation ist kollektiv. Es gibt zum Beispiel keine individuellen Schmerzen. Mein Zahnschmerz ist unabhängig von zeitlichen und räumlichen Entfernungen mit deinem Zahnschmerz identisch. Dies liegt daran, daß es zum Bereich der ko-existierenden Wirkung gehört. Die relative Bewegung (in diesem Fall die Kontraktion von Nerven) spielt zwar ebenfalls eine Rolle, ähnlich wie die Funktion ko-existierende Wirkung bei den Emotionen, aber nur eine untergeordnete.

Ich habe gerade die bioenergetischen Grundlagen der Philosophien der Hindus, des Mahayana-Buddhismus, des Platonismus und imgrunde der Weltanschauung aller Menschen, insbesondere aber der primitiven Menschen, z.B. Voodoo, aufgedeckt.

Sie haben die Vorstellung, daß das eingangs erwähnte „emotionale Ich“ fortbesteht, weil anders als der materielle Körper die Emotionen unmittelbar in der Bewegung der kosmischen Lebensenergie verankert sind und sozusagen „Universalien“ darstellen. Bei Sensationen und Gedanken ist ähnliches gegeben, aber die Funktion der ko-existierenden Wirkung tritt hier in den Vordergrund, die in etwa dem „Logos“ entspricht, der unabhängig von Zeit und Raum ist. Das ist die bioenergetische Grundlage der vermeintlich „höchsten“ Aspirationen der menschlichen Existenz mit ihren Vorstellungen von „Erlösung“ und „Befreiung“ von den Beschwernissen der individuellen Existenz und der Bedrohung durch den Tod.

Charakteristischerweise ist das plebejische Christentum und sein Paradies ganz Leidenschaft, Glaube und Liebe, Emotion; während die höheren Weihen des aristokratischen Heidentums ganz in stoischer Emotionslosigkeit, reiner Sensation und abstrakten Ideen aufging, die allen Seelen eigen sind.

Erst vor diesem Hintergrund kann man die Religion und die Kunst, d.h. „Spiritualität“ wirklich verstehen. Etwa die Kunst des größten indischen Musikers, der seine Emotionen frei fließen läßt und uns, mystisch ausgedrückt, zum Kontakt mit der göttlichen Ebene und ihren ewigen Formgesetzen führt:

David Holbrook, M.D.: DIE ÜBERLEGENHEIT DER CHARAKTEROLOGISCHEN IM VERGLEICH ZUR SYMPTOMATISCHEN DIAGNOSE (Therapieverlauf)

28. November 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Die Überlegenheit der charakterologischen im Vergleich zur symptomatischen Diagnose

 

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

31. August 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über die Gegenwahrheit

 

„to emote“

5. Mai 2019

Ich stimme Claus zu, möchte aber mit Theordore Dairymple ergänzen: „We lieve in an age of emotionnal intontinence, where they who emote the most are believed to feel the most.

Dieses kindische und „hysterische“ Ausagieren von in jeder Hinsicht unangebrachten „Emotionen“ ist tatsächlich die Flucht vor der Emotion. Diese Ausbrüche über Nichtigkeiten zurückzuhalten, würde zum Ausbruch authentischer, „eigentlicher“ Emotionen führen, etwa eine tiefe Traurigkeit, Angst, Wut, etc. Es können natürlich auch tiefe Emotionen, etwa „mystische Sehnsucht“, als Ersatzkontakt mißbraucht werden, um dem konkreten Alltag und seinen emotionalen Herausforderungen zu entfliehen. Man denke nur an nationalistische oder religiöse Ergriffenheit. Es ist eine Art von „Emotionskrämerei“ entsprechend der „Wahrheitskrämerei“, von der Reich sprach. In jedem Fall tritt der Ersatzkontakt an die Stelle des Kontakts. Du weinst beispielsweise beim Tod eines Filmhelden, doch das Leiden der Menschen in deiner Umgebung oder gar in deiner Familie läßt dich kalt. Man kann sich ausmalen, was für ein Tollhaus Laien-„Therapeuten“ erzeugen können, denn derartige „Emotionen“ lassen sich denkbar einfach hervorrufen, gehören sie doch heute geradezu zum guten Ton. Das Gegenmittel ist nicht etwa Seneca und der Stoizismus, wie im obigen Video angedeutet wird, sondern das Ertragen und der Ausdruck von echten Emotionen. Als Kind pflegte ich zu lachen, wenn sich meine Mutter verletzte, etwa einen Stromschlag erlitt. Ich konnte einfach den ganzen Terror meiner wahren Empfindungen nicht ertragen. Heute flüchtet sich eine ganze Gesellschaft in diesen Eskapismus, einen bizarren Zirkus aus „Fun“ auf der einen Seite und auf der anderen aus ebenfalls infantiler Rührseligkeit, Sentimentalität, Gefühlsseligkeit und natürlich „Betroffenheit“, d.h. mit dem Kopf fühlen und dem Bauch „denken“:

Oder zurück nach Amerika:

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Über die Gegenwahrheit

 

Ein dritter Blick auf Reichs Triebtheorie (Teil 5)

22. Februar 2019

Die orgonomische Psychologin Virginia Whitener hat die Erziehungspraxis in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls wie folgt zusammengefaßt:

Ohne Konsequenz und das Setzen von Grenzen fürchtet und mißtraut ein Kind seinen eigenen Gefühlen. Bei ihm steigt die Angst, wenn die Erwachsenen nicht die Kontrolle haben. Werden Kinder zu sehr verwöhnt, nehmen sie einen Mangel an Kraft bei ihren Eltern wahr. Das ängstliche Gefühl durchdringt alles, das Kind fühlt sich unsicher. Wenn die Eltern Grenzen setzen und sich daran halten, ist es frei, seine eigenen Gefühle, Angst oder Wut, auszudrücken und hat dabei den Trost, daß die Eltern seine Gefühle tolerieren können. Das Kind läßt Wut und Schmerz aus sich heraus, findet Erleichterung und lernt, Gefühle zu tolerieren und nicht zu fürchten, einschließlich der Wut über seine Eltern. Wenn Mama und Papa eine unparteiische Haltung gegenüber unangenehmen Gefühlen zeigen, d.h. sie als Teil des Lebens betrachten, mit dem sie umgehen können, ist den Kindern auf zweifache Weise geholfen. Wenn die Eltern den irrationalen Forderungen ihrer Kinder nicht nachgeben, um Gefühlsausbrüche zu vermeiden, nicht die emotionalen Eruptionen ihrer Kinder fördern bzw. sich nicht über die Maßen an diesen beteiligen und die Kinder nicht zu Gefühlsäußerungen drängen oder diese bestrafen, helfen sie ihnen, den Kontakt zu deren eigenen Gefühlen aufrechtzuerhalten. Die Kinder können dann, abhängig von ihrem Alter, in Streßsituationen die zunehmende Fähigkeit für Gefühlsausdruck und rationales Denken entwickeln. Natürlich muß im Sinne der Sicherheit des Kindes und anderer Personen destruktives Verhalten gestoppt werden, damit das Kind Respekt vor sich selbst und anderen lernen kann und es sich sicher fühlen kann, wenn es darum geht Gefühle auszudrücken. Die Kontrolle, die Weitsicht und der Reifegrad des Kindes sind noch nicht vollständig entwickelt und werden mit fortschreitender Entwicklung im Laufe der Jahre zunehmen. Widersprüchliche Emotionen und Impulse bei den Eltern fördern Verwirrung und das Ausagieren. („Changes in Parenting with Progress in Therapy“, The Journal of Orgonomy, Vol. 50,1)

Läßt man Kindern alles durchgehen, erhält man keine selbstbewußten Nachkommen, sondern welche, die ständig zwischen substanzloser Anmaßung und Unsicherheit changieren, zwischen Rebellion und rückgratloser Anpassung. Ein schönes Beispiel sind Muttis Sturmtruppen, die „Anti“fa.

Erstaunlicherweise sieht es in türkischen und arabischen Familien nicht viel anders aus und auch das Produkt der Erziehung ist zwar nicht identisch, aber doch erstaunlich ähnlich. Jungendlich Straftäter mit Migrationshintergrund „werden speziell von ihren Müttern extrem verwöhnt und erfahren keinerlei Grenzsetzung. Die Lehrerinnen, Lehrer und Jugendamtsmitarbeiter, die als Erste mit den Familien zu tun haben, wenn sich bereits in der Grundschule erste Verhaltensauffälligkeiten zeigen, berichten von Gewaltbereitschaft und Respektlosigkeit. Wenn die Mütter – und höchst gelegentlich auch die Väter – darauf angesprochen werden, suchen die Eltern das Verschulden grundsätzlich beim ‚System‘.“ Zuhause sind sie der Pascha und draußen fordern sie, unsicher und schwach wie sie sind, „Respekt“. So die geselbstmordete Jugendrichterin Kerstin Heisig vor einem Jahrzehnt in ihrem Buch Das Ende der Geduld.

Anmerkungen zum Thema „Emotion“

31. Januar 2019

„Angst ist in Wirklichkeit eine Kontraktion, die gegen die Ausdehnung gerichtet ist. Kontraktion allein, z.B. gegen Kälte, ruft keine Angst hervor“ (Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle, S. 45). Bei der Schrumpfungsbiopathie hat man keine Angst, obwohl sich der Körper kontrahiert.

Bei der Expansion sollte man zwei Dinge auseinanderhalten, nämlich Liebe und Wut. Demnach ist nämlich nicht jede Expansion mit „lustvoller Entspannung“ oder gar „Auflockerung der muskulären Panzerung“ verbunden. Bei Wut ist wohl eher das Gegenteil gegeben, trotzdem sie eine Expansion ist. Andererseits löst sich bei Kontraktion, etwa bei tiefer Traurigkeit, die Panzerung auf.

Bei der Lust haben wir es mit einer Expansion zu tun, die frei zur Haut fließt, bei der Wut mit einer Expansion, die in die Muskulatur geht. Sehnsucht ist eine Emotion, bei der die Energie in die Brust, zum Mund und zum Genital hin expandiert. Bei Traurigkeit zieht sich die Energie einfach wieder zurück, während bei der Angst sie es gegen die Expansion macht und es zum inneren Stau kommt („Stauungsangst“).

Was ist mit „Lustangst“? Betrachten wir zunächst die Orgasmusformel: Spannung – Ladung – Entladung – Entspannung. Das Phönomen der „kalten Erektion“ schließt aus, daß der Flüssigkeitsstrom zur Peripherie eine sekundäre Folge der energetischen Ladungsverschiebung ist („Ladung – Spannung“). Wie Walter Hoppe in seinem Buch über Wilhelm Reich schrieb, muß man zentrale Erregung und periphere Aufladung auseinanderhalten, weshalb es „Spannung – Ladung“ ist (S. 226). Wenn man dies bedenkt, schließen sich Angst und sexuelle Lust durchaus nicht aus. Die anfänglichen Gefühle im Solar Plexus (zentrale Erregung) sind ja identisch. Generell sind „das Gefühl der Erwartungslust und das der Erwartungsangst miteinander verwoben“ (Die Funktion des Orgasmus). Das erklärt beispielsweise die Lust an Horrorfilmen. „Auch beim Schaukeln, im rasch abwärts fahrenden Lift (…) verspürt man am Herzen und am Genitale Empfindungen, die angst- und lustbetont zugleich sind“ (ebd.). Das erklärt die Lust an der „Todesangst“ auf der Kirmes.

Orgonometrie (Teil 3): Kapitel 2

8. Januar 2019

orgonometrieteil12

2. Modell, Funktionsschema, orgonometrische Gleichung

Zur Entstehungsgeschichte der Orgonomie (Teil 3)

9. September 2018

Klaus Heimann (Philipps-Universität Marburg/Lahn 1977, gepostet mit der freundlichen Genehmigung des Autors)

I. Die Spannungs-Ladungs-Funktion: 2. Die Entdeckung der Orgasmusfunktion

Wiederum war es klinische Beobachtung, die Reich einen Schritt weiterbrachte. Stand das Therapieziel der Herstellung der orgastischen Funktionsfähigkeit inzwischen fest, so blieb doch noch offen, wie dies zu erreichen sei. Die in der Behandlung durch Symptomauflösung freigesetzte seelische Energie, die bislang in den Symptomen gebunden war, reichte offenbar nicht aus, um die volle orgastische Funktion herzustellen. Die Kranken verloren zwar ihre Symptome, doch im Ganzen blieben sie gesperrt. Es drängte sich logischerweise die Frage auf, wo, außer in den neurotischen Symptomen sexuelle Energie gebunden ist. „Aufgrund der psychoanalytischen Neurosenlehre lag es nahe, die fehlende Energie für die Herstellung der vollen Orgasmusfähigkeit in den nichtgenitalen, also in den frühkindlichen prägenitalen Betätigungen und Phantasien zu suchen … Dadurch verschärfte sich die Anschauung, daß die einzelnen sexuellen Triebe nicht gesondert voneinander funktionieren, sondern eine Flüssigkeit in kommunizierenden Röhren, eine Einheit bilden. Es kann nur eine einheitliche Sexualenergie geben, die sich an verschiedenen erogenen Zonen und seelischen Vorstellungen zu befriedigen sucht.“1

Im Laufe der Entwicklung der Charakteranalyse2 fand Reich heraus, daß es der gesamte Charakter eines Patienten ist, der sich gegen die volle sexuelle Hingabe richtet und somit den Mechanismus darstellt, der alle Energie bindet. Bei der Charakteranalyse trat das, was die Patienten sagten, immer mehr in den Hintergrund. Wichtig wurde die Art und Weise, wie der Patient spricht und handelt; der Habitus des Patienten ist weit mehr Ausdruck seines Charakters als der Inhalt seiner Worte. Die einzelnen Charakterzüge sind voneinander abhängig und bilden zusammen ein einheitliches System der Abwehr gegen alle Emotionen, die als gefährlich empfunden werden. Die Gesamtheit und Starre des Abwehrsystems nannte Reich den Charakterpanzer. Dieser hat die Funktion, Unlust zu vermeiden. Bei der Untersuchung der Körperhaltungen, die die emotionalen Ausbrüche der Patienten begleiteten, zeigt sich, daß dem psychischen Panzer ein entsprechender somatischer Muskelpanzer gegenübersteht. Gab ein Patient in seiner seelischen Abwehrhaltung nach, brachen stets auch körperliche Affekte durch. Wurden umgekehrt muskuläre Verspannungen aufgelöst, so kam es zu Ausbrüchen von Wut, Haß, oder Angst oder auch zu sexueller Erregung. Das bedeutet, daß die sexuelle Energie durch dauernde muskuläre Spannungen gebunden werden kann und daß auch Lust und Angst durch muskuläre Spannungen abgebremst werden können. „Die charakterliche Panzerungen erscheinen nun als ‚funktionell identisch‘. Der Begriff ‚funktionell identisch‘ besagt nichts anderes, als das muskuläre und charakterliche Haltungen im seelischen Getriebe dieselbe Funktion haben, einander ersetzen und gegenseitig beeinflußt werden können. Im Grunde sind sie nicht zu trennen, in der Funktion identisch.“3 „Emotional“ bedeutet nicht mehr bloß etwas „Psychisches“, sondern meint die Bewegung von Energiepotentialen im Organismus.

Einen Todestrieb, wie ihn Freud einführte, fand Reich in der klinischen Praxis nicht bestätigt. Vielmehr erwiesen sich alle seelischen Äußerungen, die als Todestrieb gedeutet werden konnten, als Produkte der Neurose. Das Motiv der Destruktion, des Tötens, ist nicht die ursprüngliche Lust an Destruktion, sondern das Interesse des Lebenstriebes, Angst zu ersparen und das Gesamt-Ich zu erhalten. Der Destruktionstrieb will nicht Lust erzielen, sondern das Ich von Unlust befreien, somit tritt die Destruktion in den Dienst des Lebenstriebes. Ein Masochist, der phantasiert, gepeinigt zu werden, um zu zerplatzen, erhofft sich dadurch Entspannung. Man kann also sagen, daß auch der Masochist dem Lustprinzip folgt und nicht einen Leidenstrieb (Todestrieb) agieren läßt.4

Immer noch war die Frage unbeantwortet, welcher Natur die sexuelle Energie sei. Sie kann nicht auf irgendwelche chemischem Stoffe zurückgeführt werden, die in den Eierstöcken und Zwischendrüsen des Hodens produziert werden. Dem widersprach unter anderem die Tatsache, daß Kastration nach der Pubertät die Erregungsfähigkeit des Menschen nicht ausschaltet und er zum Geschlechtsakt fähig bleibt. Auch kann die sexuelle Erregung keinesfalls alleine identisch sein mit Blutbewegung, denn es gibt Blutfüllungen der Genitalorgane ohne eine Spur von Erregungsgefühl. Reich vermutete schließlich, daß es sich bei der gesuchten Energie um Bioelektrizität handele. Er berief sich auf den Berliner Internisten Kraus, der festgestellt hatte, daß der Körper von elektrischen Prozessen gesteuert wird. Auch der Orgasmus mußte ein bioelektrischer Vorgang sein. Bei der sexuellen Reibung wird in den beiden Körpern zunächst Energie aufgeladen, dann im Orgasmus wieder entladen.

„Untersucht man den Vorgang genauer, so entdeckt man einen merkwürdigen Viertakt des Erregungsablaufs: Die Organe füllen sich erst mit Flüssigkeit: Erektion mit mechanischer Spannung. Dies führt eine starke Erregung mit sich …, elektrischer Natur: Elektrische Ladung. Im Orgasmus baut die Muskelzuckung die elektrische Ladung beziehungsweise sexuelle Erregung ab: Elektrische Entladung. Dies geht über in eine Entspannung der Genitalien durch Abfluß der Körperflüssigkeit: Mechanische Entspannung.“5 Es ergibt sich als Spannungs-Ladungs-Funktion, auch Orgasmusformel genannt, der Viertakt:

SPANNUNG – LADUNG – ENTLADUNG – ENTSPANNUNG

Zur Überprüfung der Orgasmusformel untersuchte Reich die elektrischen Oberflächenladungen der menschlichen Haut an den erogenen Zonen im Zustand von Lust und Angst.6 Die Experimente schienen die bioelektrische Erklärung der Sexualenergie zu bestätigen. An den sexuellen Zonen wurden Schwankungen des Oberflächenpotentiale bis zu 50 MV gemessen. „Einzig und allein biologische Lust, die mit dem Empfinden des Strömens und der Wollust einhergeht, ergibt Steigerung der bioelektrischen Ladung. Alle anderen Erregungen, Schmerz, Schreck, Angst, Druck, Ärger, Depressionen gehen mit Erniedrigung der Oberflächenladung des Organums einher.“7

Gegen die Auffassung, bei der Bioelektrizität handele es sich um die bekannte bioelektromagnetische Energie (Elektrizität), wandte Reich mehrere Argumente ein. „Die elektromagnetische Energie bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit … Man beobachte nun die Art der Kurven und Zeitmaße, die die Bewegung der bioelektrischen Energie kennzeichnen, und man wird finden, daß der Charakter der Bewegungen der bioelektrischen Energie sich grundsätzlich von den bekannten Tempo- und Bewegungsarten der elektromagnetischen Energie unterscheidet. Die bioelektrische Energie bewegt sich außerordentlich langsam mit Millimettern in der Sekunde … Die Bewegungsform ist langsamwellig. Der Bewegungscharakter dieser biologischen Energie ähnelt den Bewegungen eines Darms oder einer Schlange … Man könnte zur Auskunft greifen, daß es der große Widerstand der tierischen Gewebe ist, der si Geschwindigkeit der elektrischen Energie im Organismus verlangsamt. Diese Auskunft ist unbefriedigend. Die Zuführung eines elektrischen Reizes am Körper wird augenblicklich empfunden und beantwortet.“8

Reich wies ferner darauf hin, daß Menschen feine Voltmeter durch Berühren beeinflussen. Aber die Quantitäten dieser Reaktion sind nach Reichs Auffassung im Verhältnis zu den Energieleistungen des menschlichen Organismus viel zu gering, als daß sie alleine dafür verantwortlich gemacht werden könnten. Also mußte nach eine andere, bislang unbekannte Energie die Grundlage der Bioelektrizität bilden.

Mit der Entdeckung der Orgasmusformel war aber der grundlegende Schritt zur Entdeckung dieser noch unerforschten Energie getan. Es zeigte sich, daß der Spannungs-Ladungsvorgang ebenfalls die Herzfunktion dirigiert. Ebenso folgen Darm, Harnblase und Lunge in ihrer Funktionsweise diesem Viertakt. Die Spannungs-Ladungsfunktion gilt für sämtliche Funktionen des autonomen Lebensapparates. Auch die Zellteilung unterliegt dieser Funktion. Die Teilung einer Zelle mit gespannter Oberfläche in zwei kleinere Zellen, bei denen der gleiche Volumeninhalt von einer weit größeren und daher weniger gespannten Oberflächenmembran umgeben ist, entspricht einer Spannungslösung.9 Ebenso folgen die Bewegungen von Würmern und Schlangen und Einzellern dem Rhythmus der Spannungs-Ladungsfunktion. „Ein Grundgesetz scheint also den Organismus als Ganzen ebenso wie seine autonomen Organe zu beherrschen. Die Gesamtorganismus zuckt im Orgasmus wie das Herz bei jedem Pulsschlag, Wir fassen mit unserer biologischen Grundformel den Kern des lebenden Funktionierens.“10 Die Orgasmusformel entpuppt sich somit als Lebensformel schlechthin. Der menschliche Organismus ist also am Höhepunkt der sexuellen Befriedigung im Grunde genommen nichts anderes als ein zuckender Plasmahaufen.

 

Fußnoten

  1. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 101
  2. Eine ausführliche Darstellung der Charakteranalyse findet sich in: Reich, W. Charakteranalyse, Frankfurt 1973, S. 23 – 252
  3. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus, a.a.O. S. 203
  4. Vgl. ebenda S. 189 – 193; u. Reich, W. Charakteranalyse, a.a.O., S, 213 – 253
  5. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Die Funktion des Orgasmus a.a.O. S. 206
  6. Vgl. ebenda S. 278 – 286
  7. ebenda S. 284
  8. ebenda S. 288
  9. Vgl. ebenda S. 204 – 214
  10. Reich, W. Die Entdeckung des Orgons – Der Krebs, Frankfurt 1976, S. 29