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Die Nomenklatura der „Marktwirtschaft“

19. Juli 2014

Die kapitalistische Nomenklatura wuchert wie ein Krebsgeschwür am arbeitsdemokratischen Organismus.

Als Oskar Lafontaine 2005 aus der SPD austrat, verwies er als Alternative zu Schröder und Merkel voller Begeisterung auf die expansive Geld- und Fiskalpolitik der angelsächsischen Welt. Gemeinsam höhlten und höhlen Kommunisten wie Lafontaine und sein fiskalpolitisches Vorbild, der angeblich „konservative“ George W. Bush, den Kapitalismus energetisch aus und steuern auf eine apokalyptische Weltwirtschaftskrise zu. Mit Obama sind alle Dämme gebrochen.

Es ist unfaßbar, welche Summen die Leute, die die Weltwirtschaft und damit die Menschheit an den Rand des Abgrundes geführt haben, raffen.

Bereits 2003 zitierte das rechtskonservative Internet-Journal The Federalist Digest den Finanzanalytiker und Publizisten Don Bauder:

Wenn der Klassenkrieg ausbricht, werden sich die Aktiengesellschaften und Wall Street nur selbst die Schuld geben können. Vor drei Jahrzehnten verdienten die Geschäftsführer der 100 größten Gesellschaften das 39-fache dessen, was der durchschnittliche Arbeiter erhielt. Jetzt sind es 1000mal mehr.

2002 war das Einkommen in den Chefetagen Großbritanniens dramatisch angestiegen – um das Siebenfache im Vergleich zum durchschnittlichen Einkommen. Bei den Spitzenmanagern der 100 führenden Gesellschaften stieg das Einkommen im Durchschnitt um 23% (auf 1 677 685 Pfund), während es beim Volk nur 3,2% waren. Gleichzeitig war der Wert der betroffenen 100 Firmen in den vorangegangenen drei Jahren um 50% gesunken!

Damals berichtete das Wall Street Journal unter Berufung auf die US-Steuerbehörde, daß die 400 größten Steuerzahler der USA im Jahr 2000 ein Vermögen von fast 70 Milliarden Dollar aufgewiesen hatten – gegenüber 53,5 Milliarden Dollar im Jahr zuvor!

An der Abkoppelung der Managergehälter vom realen Wirtschaftsleben und aberwitzigen Steigerungsraten im Einkommen der vermeintlichen „Elite“ wird sofort deutlich, wie über alle Maßen grotesk unser Geldsystem ist. Die einzige gangbare Alternative zum derzeitigen irrealen Kapitalismus findet sich in Ökonomie und Sexualökonomie.

Dort wird der planwirtschaftliche (!) Mechanismus beschrieben, der die „Nomenklatura“ unermeßlich reich macht. Es sind mafiöse Strukturen, die langsam aber sicher unsere Gesellschaft unterhöhlt haben und sie sehr bald zum Kollabieren bringen werden.

Man schaue sich etwa an, was gegenwärtig bei der EZB abläuft. Dazu Andreas Marquart vom Ludwig von Mises-Institut. Die Milliarden von Mario Draghi nutzen jenen, die das Geld als erste bekommen: Staaten, Banken und Großunternehmen. Der Mittelstand, die Arbeitsdemokratie, wird geschröpft. Marquart:

Weil sich das neu in Form von Kredit geschaffene Geld nicht gleichmäßig in einer Volkswirtschaft verteilt. Wer das neue Geld als erster erhält, profitiert zu Lasten derer, die in der Reihe weiter hinten stehen. Die Hauptprofiteure sind Staat, Banken und Großunternehmen. Es verliert aber sogar der relativ, der sich am liebsten gar nicht oder nur gering verschulden möchte. Er muß zuschauen, wie beispielsweise die Immobilie, auf die er anspart, immer teurer wird. Viele andere, die bereit sind, sich zu verschulden oder sich höher zu verschulden, bieten um diese Immobilie mit und treiben den Preis nach oben. (…) Von den jüngsten Geldspritzen profitieren vor allem Staaten und Banken. Die Staaten profitieren in der Form, daß ein Teil der immensen Liquidität, die geschaffen wird, in Staatsanleihen fließt und deren Renditen sinken läßt. Das erhöht für die Staaten den Spielraum für weitere Schulden. Die Banken profitieren, weil sie relativ risikolos in Staatsanleihen investieren können. Sie haben gar kein großes Interesse, Darlehen an Unternehmen zu vergeben. Warum auch … sie bekommen Geld fast umsonst und streichen durch die Investition in Staatsanleihen die Zinsdifferenz ein. (…) Es profitieren aber auch Unternehmen aus Sektoren und Branchen, die überdimensioniert sind und eigentlich eine Bereinigung erfahren müßten. Hier werden Unternehmen indirekt künstlich am Leben erhalten, deren Ressourcen woanders dringender benötigt würden.

In Deutschland besitzen die reichsten 5 Prozent über die Hälfte des Vermögens – und die Politik der EZB setzt alles daran, diese Quote zu erhöhen. Das, was in dieser Hinsicht gegenwärtig in Spanien geschieht, wirkt, als hätte es sich ein durchgeknallter Gesellianer ausgedacht! Der krypto-Gesellianische Wahnsinn hat Methode! Gleichzeitig überlegen die Finanzeliten, wie sie die von ihnen erzeugte soziale Kluft langfristig überleben können.

Im Kapitalismus hat, wie Milton Friedman es einmal ausdrückte, farbig bedrucktes Papier nur deshalb einen Wert, weil alle glauben, daß es einen Wert hat! In diesem Sinne ist Geld etwas rein „Ideeles“. Entsprechend ist der Kapitalismus ein Tummelplatz der Gaukler und Betrüger und Verschwörer (die Nomenklatura), die wie die Maden im Speck der Arbeitsdemokratie leben.

Der wirkliche Wert des Geldes beruht darauf, daß es mit der dem arbeitsdemokratischen Kern der Gesellschaft verbunden ist, d.h. eine „materielle“ Grundlage hat: das Versprechen, für das das „farbig bedruckte Papier“ steht, wird tatsächlich eingelöst. Diese „Einlösung“ ist prinzipiell in zweierlei Gestalt möglich: jemand arbeitet, buchstäblich werden die Schulden „abgearbeitet“, oder der Geldschein wird gegen eine entsprechende Menge Gold eingetauscht, also etwas Materielles, was alle guten Eigenschaften des immateriellen Geldes hat. Beispielsweise, daß es gegen alles andere ausgetauscht werden kann, was bei einem beliebig anderen Gegenstand, etwa einer Banenenstaude oder einem Plastikeimer voller Würme oder einem Drehzahlmesser, nicht der Fall wäre.

Die besagte Nomenklatura versucht alles, um ihre Machtbasis, die Geldwirtschaft, von diesen materiellen und damit behindernden Grundlagen zu kappen. Die alten, vorkapitalistischen Zeiten sollen wiederhergestellt werden, in der alles auf Symbolik beruhte. Entsprechend sind die natürlichen Verbündeten der kapitalistischen Nomenklatura die rechts- und linksextremen Antikapitalisten.

In Ökonomie und Sexualökonomie wird erklärt, warum die Islamisten und die neo-feudalistischen Sozialisten die USA (den Kapitalismus) so abgrundtief hassen. Die wirtschaftlichen, politischen und sogar religiösen Gründe sind nur vorgeschoben. Um was es wirklich geht, ist das verzweifelte Festklammern an überkommenen Strukturen, die zwar unglücklich machen, aber gleichzeitig verhindern, daß die Menschen ihr Elend spüren („erleiden“) müssen.

Diese Strukturen sind vor Jahrhunderten aufgebrochen und haben in blutigen Geburtswehen dem Kapitalismus schließlich freie Bahn gelassen. Reich hat, unter dem verhängnisvollen Einfluß der Marxschen Lehre, diesen Prozeß anfangs nicht durchschaut. Als er dann in Die Massenpsychologie des Faschismus die „sexuellen Verhältnisse“ gleichberechtigt neben die wirtschaftlichen Verhältnissen zu stellen wagte, wurde er von den Marxisten geächtet. Später, im Christusmord, betonte er schließlich, daß die genitale Misere im Westen in der Bedeutung im Rang weit vor den wirtschaftlichen Sorgen steht „und in den asiatischen Gesellschaften sind sie unmittelbarer Grund und ständige Quelle von deren ökonomischem Elend“ (Christusmord, Freiburg 1978, S. 115).

Was bei der kapitalistischen Emanzipationsbewegung falsch gelaufen ist, wird ebenfalls in Ökonomie und Sexualökonomie ausgeführt: der Kern des Kapitalismus, das Geld, ist sozusagen „feudalistisch“ geblieben, d.h. es hat sich von der arbeitsdemokratischen Sphäre gelöst bzw. nie an sie Anschluß gefunden.

Seit Nixon 1971, getreu der Doktrin John Maynard Keynes‘, die Golddeckung des Dollars endgültig beseitigte, ist die Fiskal- und Geldpolitik nichts anderes als staatliche Herstellung von Falschgeld, das den Organismus des Kapitalismus von innen her aushöhlt. Der Kapitalismus ist an einer Art „Krebsschrumpfungs-Biopathie“ erkrankt! Die Wirtschaft wird ständig künstlich mit „Geldschöpfung“ angekurbelt. Es fließt dermaßen viel Geld in den Markt, daß es dafür keine sinnvollen Investitionsmöglichkeiten gibt. So platzt eine „Blase“ (ein „Tumor“) nach der anderen, die Internetblase, die Imobilienblase, etc. Jetzt ist das System dermaßen instabil, die Fundamente des Geldwertes dermaßen brüchig, daß noch mehr Geld, und zwar unermeßlich viel, „geschöpft“ wird.

Der Wirtschaftswissenschaftler Guido Hülsmann führt in seinem Nachwort zu Murray Newton Rothbards Buch Das Schein-Geld-System folgendes aus:

Genau wie die nationalen Währungssysteme geschaffen wurden, um den jeweils politisch einflußreichsten Gruppen ständige Vorteile zu Lasten aller anderer Bürger zu verschaffen, so wurden bestimmte internationale Institutionen (EWS, EZB, IWF usw.) ins Leben gerufen, um diese Vorteile für die politische und administrative Kaste zu erhalten und zu festigen.

Siehe auch Roland Baaders Geld, Gold und Gottspieler.

Die entsprechenden staatskriminellen Kreise in Europa stecken z.B. hinter dem Euro. Die Nomenklatura will an die Goldreserven, so eine mögliche Wiedereinführung des Goldstandards hintertreiben und die ökonomischen Grundlagen der Arbeitsdemokratie endgültig zerstören, auf daß sie ewig für ihre Klientel Geld „schöpfen“ können.

Naiv wie unsereiner ist, frägt er sich, warum man nicht gleich auf die eine funktionierende Weltwährung zurückgreift: das Gold!

Selbst den Science Fiction-Autoren fällt kein besseres Geld ein als das fiktive Edelmetall „Latinum“ der Ferengi! Wie, um alles in der Welt, soll eine internationale (gar „interplanetare“) Wirtschaft auch anders funktionieren können!

Star Trek ist in dieser Hinsicht tatsächlich sehenswert. Wie wäre ein längerfristiger Handel zwischen unterschiedlichen Sternensystemen möglich, also Zivilisationen, die nichts miteinander verbindet außer gegenseitiges Mißtrauen und Angst? Über das Universalzahlungsmittel Gold (bzw. „Latinum“) und/oder über Arbeit! Betrug und Übervorteilung sind dergestalt so gut wie ausgeschlossen. Unruhe kommt erst ins Spiel, wenn irgendeine „dritte Macht“ auf Gewalt setzt und das Wechselspiel von Geben und Nehmen außer Kraft setzt.

legendsoftheferengi

War Reich gesellschaftspolitisch naiv?

4. Dezember 2013

War Reich naiv, was die Struktur der menschlichen Psyche und was die Struktur des Kapitalismus anbetrifft? Hatte nicht Freud gezeigt, daß der Mensch ein polymorph-perverses, sado-masochistisches Tier ist und in der Neurose unser tierisches Erbe durchscheint, die Urmenschen entsprechend Neurotiker waren? Sollte der Mensch deshalb nicht bestrebt sein, sich stoisch von der Natur zu emanzipieren? Hatte nicht Marx gezeigt, daß entgegen den besten Intentionen der Menschen, einschließlich der der Kapitalisten selbst, der Kapitalismus von den Zwängen der Profitmaximierung beherrscht wird, die alles Menschliche zermalmen? Wird der Kapitalismus nicht von Eigentumstiteln beherrscht, die ihren unerbittlichen Tribut fordern, was jeder Kreditnehmer (oder auch -geber) am eigenen Leibe erfährt? Anders gefragt, sind wir nicht in subjektiv-biologische (Freud) und objektiv-ökonomische (Marx) Zwänge eingebunden, die Reichs Appell an die „Arbeitsdemokratie“ einfach hoffnungslos naiv erscheinen lassen müssen?

Nun zunächst einmal war Reich zu der Zeit, als er das Konzept der Arbeitsdemokratie nach und nach aus seiner praktischen Erfahrung heraus entwickelte, d.h. in den 1930er Jahren, alles andere als „naiv“: er war der einzige Psychoanalytiker und punktuell vielleicht sogar der einzige Marxist, der eben nicht politisch blauäugig war. Oder wie Andreas Peglau in Unpolitische Wissenschaft? nach eingehender Durchforstung der Quellen konstatiert:

Reich scheint (…) in den 1930er Jahren nicht nur der einzige Psychoanalytiker gewesen zu sein, der sich öffentlich tiefgründig mit dem Faschismus auseinandersetzte, sondern auch der einzige, der dem Stalinismus offen anprangerte. (S. 296)

Was setzte Reich dazu in die Lage? Wie Freud durchschaute er das gesittete bürgerliche Leben und sah den grausamen, sadistischen, lüsternen, raubgierigen und von Neid zerfressenen „Mr. Hyde“, doch:

Die Orgonbiophysik vermochte das Freudsche Unbewußte, das Antisoziale im Menschen, als sekundäres Resultat der Unterdrückung primärer biologischer Antriebe zu begreifen. Dringt man durch diese zweite Schichte des Perversen tiefer ins biologische Fundament des Menschentieres vor, so entdeckt man regelmäßig die dritte und tiefste Schichte, die wir den „biologischen Kern“ nennen. Zutiefst, in diesem Kern, ist der Mensch ein unter günstigen sozialen Umständen ehrliches, arbeitsames, kooperatives, liebendes oder, wenn begründet, rational hassendes Tier. Man kann nun in keinem Falle charakterlicher Auflockerung des Menschen von heute zu dieser tiefsten, so hoffnungsreichen Schichte vordringen, ohne erst die unechte scheinsoziale Oberfläche zu beseitigen. Fällt die Maske der Kultiviertheit, so kommt aber zunächst nicht die natürliche Sozialität, sondern nur die perverssadistische Charakterschichte zum Vorschein. (Die Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 11)

Durch den Blick „von der Natur aus“, den Blick „von der Wiese auf die Bühne“ (vgl. Die kosmische Überlagerung), d.h. den Blick vom biologischen Kern her auf die Tragikomödie des menschlichen Lebens, war Reich sensibilisiert für die wirklichen Gefahren. Für jene, die in der Welt der ersten und zweiten Charakterschicht gefangen blieben und für die entsprechend „alles relativ“ war, waren weder Hitler noch Stalin besonders bedrohliche Erscheinungen – sie gehörten zum Spiel. Nur der angeblich „naive“, weil im biologischen Kern geerdete Reich konnte die waren Größenverhältnisse, die wirklichen Gefahren ausmachen. Für die anderen war der Mensch ohnehin „ein sadomasochistisches Tier“ und, was die Marxisten betrifft: es waren halt „die objektiven sozioökonomischen Erfordernisse des sich verschärfenden Klassenkampfes“ verantwortlich. Nicht zu ändern!

Aber hat nicht zumindest das ökonomisch fundierte Denken recht? Mag ja alles schön und gut sein, was Reich über die Charakterstruktur des Menschen gesagt hat und auf die Psychologie ist es ja vielleicht anwendbar, aber was ist mit den objektiven ökonomischen und rechtlichen Bedingungen, unter denen die Menschen leben müssen?

Das klingt wie ein schlagendes Argument, aber gerade darüber hat Reich ja ein ganzes Buch geschrieben: Die Massenpsychologie des Faschismus. Der erste Teil und der zweite Teil, über den Hitlerismus und Stalinismus, handeln davon, daß die Massen in ihrem Denken und Handeln eben nicht von den Gesetzen der Ökonomie bestimmt werden, sondern charakterologischen Determinanten unterliegen, d.h. diese „ehernen Gesetze“ gar keine Macht auf sie ausüben. Die „mittlere, sekundäre Schicht des Charakters“ brachte Hitler und Stalin gegen alle Rationalität an die Macht. Im zweiten Teil des Buches, über die Arbeitsdemokratie, geht es darum, daß der biologische Kern genauso geschichtsmächtig sein könnte gegen alle Irrationalität. Diesmal eben nicht gegen die objektiven Gesetze der Ökonomie, wie im Hitlerismus und Stalinismus, sondern in Übereinstimmung mit diesen Gesetzen.

Die Antwort wird natürlich (beispielsweise) sein: „Alles Unsinn! Solange sich die Menschen nicht zunächst von diesem auf Zins und Zinseszins beruhendem Geldsystem befreit haben, wird eine Lösung der sozialen Frage illusorisch bleiben und sich folglich auch das psychische Elend perpetuieren!“ Worauf ich natürlich antworten werde, daß solange sich an den Charakterstrukturen nichts ändert, sich das Elend fortsetzen wird trotz aller wohlgemeinten Reformen und Revolutionen – wie einst in der Sowjetunion.

Das Problem bei dieser ganzen Angelegenheit ist, daß das alles nur wohlfeile Theorien sind (Karl Marx, Silvio Gesell, etc.), die möglicherweise vollständig an der Wirklichkeit vorbeigehen oder Schaden anrichten, wenn von ihnen inspirierte gesellschaftliche Veränderungen in Gang gesetzt werden. Selbstverständlich werden selbst gesunde Menschen, „genitale Charaktere“, die morgen die Welt bevölkern, nicht einfach eine vernünftige Wirtschaftstheorie aus dem Hut zaubern können, aber das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Die sich ausbreitende und konsolidierende Arbeitsdemokratie wird aus sich heraus, d.h. aus der Praxis heraus entsprechende Theorien entwickeln.

Wirtschaftstheorien sind abhängig von der soziopolitischen Charakterstruktur ihrer Urheber und ziehen entsprechende Exponenten an. Entweder sind es Leute, die mit dem kastrierenden Vater wetteifern und entsprechend eine den rücksichtslosen Kapitalismus feiernde Theorie vertreten („Akkumulation“), oder sie rebellieren auf subversive Weise gegen den kastrierenden Vater und favorisieren entsprechend eine gesellschaftliche Umverteilung („Distribution“). Beide Ansätze sind letztendlich unbrauchbar, weil aufgrund der Panzerung einseitig.

soponaivreich

Charakter und Institution

13. Juni 2013

Seit 1968 geht es unaufhaltsam nach links. Zwar ist Helmut Kohl 1980 mit dem Anspruch einer „geistig-moralischen Wende“ angetreten, aber die wurde gnadenlos ins Lächerliche gezogen. Ähnlich ist es etwa der „deutschen Leitkultur“ 20 Jahre später ergangen. Zwar sind die persönlichen Angriffe der Linken nur als viehisch zu bezeichnen, ich erinnere nur daran, daß die meisten der berüchtigten Ausrutscher von Bundespräsident Heinrich Lübke in den 1960er Jahren in einer von der „DDR“ gesteuerten Kampagne schlichtweg frei erfunden waren, aber man täusche sich nicht: als gute „Materialisten“ ging es den Linken stets um die Deslegitimierung der Institutionen. Nicht, daß jemand auf den Gedanken komme, daß mit einem „idealistischeren“ Präsidenten etwa des Arbeitgeberverbandes alles im Lot sei!

Die Diskreditierung von Einzelpersönlichkeiten sollte die tumben Massen mobilisieren, denen man nicht mit drögen politökonomischen Analysen kommen kann. Ganz ähnlich wurde auch die Niederlage des Sozialismus Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre kaschiert: indem die „Neonazis“ an die Wand gemalt wurden. Wer ins Fernsehen kommen wollte, mußte sich damals nur entsprechend Kleiden und Unsinn von sich geben. Zeitweise machten die linken Medien den „Beruf Neonazi“ zu einem einträglichen Geschäft für die nützlichen Idioten der sozialistischen Propaganda. Man malte die „neonazistische Gefahr“ als „eigentliches Gesicht des Kapitalismus“ an die Wand, während gleichzeitig die kommunistischen Kader aus Ostdeutschland der rotfaschistischen Bewegung der alten Bundesrepublik frischen Wind einhauchten. Immerhin sitzen diese jetzt in Gestalt von Die Linke in den Parlamenten!

Wie das ganze ablief, läßt sich anhand einer Anzeige des einstigen FDJ-Organs junge Welt von Mitte der 1990er Jahre ablesen: „Die Deutschen erinnern sich an die Öffnung der Berliner Mauer. Die junge Welt berichtete an diesem Tage über das Verdrängungs- und Entschuldungsprogramm, das vor 5 Jahren seinen Anfang nahm. Die junge Welt: endlich eine linke Tageszeitung ohne Zonengrenze, aber mit antifaschistischem Schutzwall.“ Dergestalt ist die Linke mit ihrer Niederlage fertiggeworden und hat zum Gegenschlag ausgeholt. In der betreffenden Anzeige findet sich auch der Satz: „Wenn die Herrschenden den Faschismus wieder als Option der Politik entdecken, dann wird das in der jungen Welt beim Namen genannt.“

Das Appeasement der 68er und die Anbiederung an den Zeitgeist von Seiten der Konservativen (die den Einflüsterungen von „akademischen“ Beratern folgten) hat der Linken im Laufe der Jahre ein fast absolutes Meinungsmonopol verschafft, das mittlerweile die Meinungsfreiheit fast ganz zerstört hat. Die freiheitlich-demokratische Grundordnung wird von der EUdSSR aufgehoben, während der Linksextremismus langsam aber sicher zur Staatsdoktrin wird.

Diese Doktrin läßt sich in dem Satz zusammenfassen, daß nicht etwa die „Unmoral“ (also das, was Reich als „Emotionelle Pest“ bezeichnet hat) für Fehlentwicklungen und Fehlentscheidungen verantwortlich sei, sondern „das System“ selbst. Dieses gelte es radikal umzugestalten. Man nehme etwa das „Schulsystem“, an das fast alle, die vor 1960 geboren wurden, eine schlechte Erinnerung haben: autoritäre Lehrer, die ihren Lebenshaß an den Kindern ausließen. Doch statt die Emotionelle Pest im Lehrerstand zu bekämpfen, wurde eine mechanische „Schulreform“ nach der anderen durchgepeitscht. Heute stehen wir vor dem totalen Chaos. Die Schulen, und damit die Zukunft des Landes, sind irreparabel zerstört.

Und so in allem: Attac und andere derartige pestilente „Bewegungen“ werden dafür sorgen, daß das Finanzsystem, die Verwaltungen, die Wirtschaft, wirklich alle Institutionen systematisch zerstört werden, während das eigentliche Problem, die Emotionelle Pest, nicht nur weiterbesteht, sondern ausufert.

Die Emotionelle Pest macht sich z.B. in all den Tabus, den Diskussions- und sogar Denkverboten, den Geboten der Political Correctness bemerkbar, mit denen die links-intellektuellen Meinungsmacher diese Gesellschaft langsam aber sicher erdrosseln. Unter keinen Umständen darf Bewegung aufkommen, die aus dem bioenergetischen Kern stammt. Prinzipiell ist das kein Unterschied zur gesellschaftlichen Erstarrung im einstigen Realsozialismus.

Mit geradezu bewundernswerter Kunstfertigkeit spielen die Linksintellektuellen auf der Klaviatur der Emotionellen Pest. Der Trick besteht darin, daß, wenn sich das Opfer wehrt, es nur noch mehr Munition für seine Gegner liefert. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an die Kampagne gegen den Präsidentschaftskandidaten Steffen Heitmann 1993. Er verkörperte die letzte Chance, die Republik vor dem Abgleiten in den roten Faschismus zu bewahren. Stattdessen triumphierten Gestalten wie Rita Süßmuth, die der Bevölkerungsmehrheit, dem „Stammtisch“, nur abgrundtiefe Verachtung entgegenbrachten und einem imaginären „Zeitgeist“ folgten, um nicht genauso moralisch abgeschlachtet zu werden, wie Heitmann vom Stalinistischen Dreckspack in den Redaktionen abgeschlachtet wurde.

Die hier beschriebene Dynamik wird auch deutlich, wenn man George W. Bush und Barack Obama miteinander vergleicht. Der eine wurde dämonisiert und als Dummkopf dargestellt (obwohl er auf der Universität bessere Leistungen erbracht hatte als sein Gegenspieler John Kerry!), während der andere geradezu zu einer intellektuellen Heilsgestalt gemacht wurde, obwohl er offensichtlich ein stotternder Idiot ist, der von einem Fettnäpfchen ins andere stapft. Bush, der von den Linken in dem ihnen eigenen Haß, entmenscht und lächerlich gemacht wurde, brachte der Institution des US-Präsidentenamtes eine fast schon religiöse Verehrung entgegen. Nicht im Traum wäre es ihm jemals eingefallen das mittlerweile jahrhundertealte Protokoll zu brechen! Obama hingegen, der von den Medien unisono vergöttlicht wurde, zeigte von Anfang an nichts als Verachtung für diese Institution, wie beispielsweise dieser Bericht zeigt.

Die Linke haßt die überkommenen Institutionen einfach dafür, daß sie überkommen sind, d.h. aus der Arbeitsdemokratie hervorgegangen sind. Die Menschen, die diese Institutionen verkörpern, sind für Linke austauschbar und nichtig. Sie sind für Linke hassenswert, weil sie die Institutionen repräsentieren; – auf sie selbst als Individuen zu blicken wäre „Idealismus“.

Die Menschen im Kapitalismus haben nach Marx zwar spezifische Rollen und Funktionen, die durch die Gesellschaft bestimmt werden. Grundsätzlich aber müssen sie immer als Kapitalisten bzw. Proletarier agieren, alles andere (z.B. professionelle Ethik) – auch „persönliche“ Eigenschaften (z B. Großherzigkeit) – sind Masken, die fallen, wenn es ernst wird. (Charaktermaske)

Oder wie Ulrike Meinhof sagte: „Der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch.“ Mit der „Zuspitzung des Klassenkampfes“ gibt es nur noch Proletarier (wie das Schickeria-Mädel Ulrike Meinhof) und Kapitalisten (wie der unterbezahlte Streifenpolizist).

Der Marxismus ist das perfekte Gedankengebäude, um die Wirklichkeit verschwinden zu lassen und das eigentliche Problem, die Emotionelle Pest, aus dem Diskurs restlos zu streichen. Wer es erwähnt, steht als „idealistischer“ Dorftrottel da.

MarxStalinReich