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Orgonotische Erregungseffekte II (1958) (Teil 5)

6. Dezember 2018

von David Boadella

4. Anziehung und Dissoziation bei Isolatoren

Es war so verstörend an den Unterschieden zwischen den orgon-physikalischen und den akademischen Erklärungen der Elektroskop-Reaktionen, daß sie durch sorgfältige Beobachtungen so leicht aufzulösen sein sollten, doch, als ich zu sorgfältigen Beobachtungen kam, die Schwierigkeiten nicht im geringsten abnahmen, sondern vielmehr zunahmen. Die elektrische Erklärung sagt einfach, und mit dem Dogmatismus eines physikalischen Gesetzes, daß „gleichsinnige Ladungen sich abstoßen, ungleichsinnige Ladungen sich anziehen“. Wenn man ein Elektroskop positiv auflädt und einen negativ geladenen Stab heranführt, sollten von daher die Blätter konvergieren. Wenn man einen zweiten positiv geladenen Stab nimmt, sollten die Blätter um so mehr divergieren.

Üblicherweise werden Gummi und Glas als die Materialien genommen, die beim Reiben an geeigneten Materialien eine negative bzw. positive Ladung annehmen. Es sollte eine ganz einfache Sache sein, das Elektroskop mit Gummi aufzuladen und dann etwas geladenes Glas zu nehmen und zu sehen, was passiert. Ich habe das bei vielen Gelegenheiten gemacht. Manchmal konvergierten die Blätter und die elektrische Theorie der positiven und negativen Elektrizität schien vollkommen erwiesen. Aber zu anderen Zeiten divergierten die Blätter um so mehr, genau wie Reich es beschrieben hatte. So scheinen sowohl der Elektrophysiker als auch der Orgonom „in gewisser Weise“ recht zu haben. Ich versuchte herauszufinden, ob ich unfair war oder ob ich die Ergebnisse irgendwie präjudizierte. Ich überprüfte sorgfältig, ob das Elektroskop tatsächlich seine positive Ladung behalten hatte, bevor ich die negative nahm und umgekehrt.

Ich legte das Elektroskop zur Seite mit dem inneren Gefühl, daß es irgendwie „fehlerhaft“ sein müsse und „verrücktspiele“, und begann mit verschiedenen Isoliermaterialien zu experimentieren. Ich wählte hauptsächlich die Materialien aus, die ich für gut geeignet befunden hatte: Glas, Gummi, Polyäthylenfolie, Hartgummi, Plexiglas und Äthylen. Ich lud jedes dieser Materialien auf, indem ich sie durch meine Hände zog oder über meine Haare führte, und bestätigte, daß sie tatsächlich geladen waren, indem ich sie über die Elektroskopscheibe hielt, um zu sehen, ob sich die Blätter bewegten, und dann feststellte, ob sie sich gegenseitig abstießen oder anzogen.

Der Ethilon-Streifen wurde, wenn er frei aufgehängt war und von Luftströmungen nicht gestört wurde, stark von geladenem Polyäthylen, Gummi, Hartgummi und Glas angezogen, von Plexiglas jedoch abgestoßen. Schlußfolgerung, nach der elektrischen Theorie: Ethilon und Plexiglas sind gleichsinnig geladen; antithetisch zu ihnen, aber in Beziehung zueinander gleichsinnig geladen, sind Polyäthylenfolie, Gummi, Hartgummi und Glas. Doch wir wissen, daß Gummi und Glas eine entgegengesetzte Ladung haben sollten und von daher Ethilon entweder durch Gummi oder Glas abgestoßen werden sollte.

Wenn ein Stück geladenes Gummi suspendiert war, wurde es von Plexiglas, Ethilon und Glas angezogen; und abgestoßen von Ebonit, Polythen und einem anderen Stück Gummi. Fazit nach der elektrischen Theorie: Glas hat die gleiche Ladung wie Ethilon und Plexiglas. Aber wir haben bereits gefunden, daß Glas Ethilon anzieht, und daher von ungleicher Ladung sein sollte.

Wenn eine dünne Polyäthylenfolie frei aufgehängt war, wurde sie von Gummi und Hartgummi abgestoßen, aber von Glas, Äthylen und Plexiglas angezogen. Die Sache scheint jetzt anzufangen einfach zu werden: Glas muß von gleicher Ladung sein wie Ethilon und Plexiglas, und die Tatsache, daß Glas Ethilon anzieht, muß ein ‚Fehler‘ sein. Im Laufe der immer neuen Wiederholungen dieser Beobachtungen stellte ich fest, daß ich das geladene Plexiglas dazu bringen konnte, das geladene Ethilon anzuziehen, um es dann abzustoßen und danach wieder anzuziehen. Es war genau so, als ob das Material einen eigenen Kopf hatte und bewußt unvorhersehbar war, um mich durcheinander zu bringen. So verhalten sich Äthylen und Styropor manchmal so, als wären sie gleich geladen und manchmal wie von ungleicher Ladung. In einem Moment sind sie positiv und im nächsten negativ.

Was ich beobachtete, war genau parallel zum Verhalten von Glas und Gummi am Elektroskop; manchmal eine Wirkung in die eine Richtung und manchmal in die gegensätzliche Richtung. Je mehr ich versuchte, das Material ‚festzunageln‘ und es sich in der einen oder anderen Richtung eindeutig verhalten zu lassen, desto mehr mußte ich erkennen, daß dieser Prozeß nicht starr ist und nicht auf die Frage reduziert werden kann, ob bestimmte Materialien regelmäßig mit zu wenigen oder zu vielen Elektronen hinterlassen werden, wenn sie gerieben werden. Tatsächlich ist die Theorie der positiven und negativen Elektrizität, so sie auf die Anziehung und Abstoßung von Isolatoren angewandt wird, nur haltbar, wenn man die Gelegenheiten übersieht und ignoriert, wo Gummi und Glas gegenseitig ihre Erregung des Elektroskops verstärken und die Gelegenheiten, wenn anscheinend identisch geladene Materialien sich gegenseitig anziehen.

Anschließend konnte ich ein kleineres Stück Ethilon aufnehmen, indem ich den großen Streifen etwa einen Zoll darüber hielt. Das kleinere Stück sprang dann aufwärts und klebte genau so, wie man es erwarten würde, wenn die beiden Stücke ungleiche Ladungen hätten. Aber beide Stücke stammten von einem Originalstreifen, beide waren auf die gleiche Weise gerieben worden, und beide hatten tatsächlich durch Einwirkung auf das Elektroskop zuerst gezeigt, daß sie geladen waren.

Ähnliche Erwägungen führten Reich zu der Schlußfolgerung, daß die Phänomene besser erklärt werden könnten, wenn man annimmt, daß die Isolatoren mit ein und derselben Energie aufgeladen sind, aber daß sie zwei gegensätzliche Funktionen aufweist: Anziehung und Dissoziation (oder Abstoßung). „Die Orgonenergie besteht also nicht aus zwei gegensätzlichen Fluida, sondern aus zwei antithetischen Funktionen, Anziehung und Abstoßung; und jede dieser Funktionen hat eine spezifische Beziehung zur Natur der Substanz“ (5, S.136). Diese Schlußfolgerung ist nicht so revolutionär, wie sie sich anhört. Wenn wir nach dem Ursprung des Begriffs positive und negative Elektrizität, wie er für Isolatoren verwendet wird, suchen, finden wir:

Die Elektrifizierung von mit Seide geriebenem Glas wurde früher vitreous genannt (von Vitrum das lateinische Wort für Glas); diejenige, die von Siegellack oder Harz, das mit Flanell gerieben wurde, abgeleitet wurde, wurde resinous genannt. Diese Namen sind jedoch längst von anderen verdrängt worden, da Glaselektrizität aus Substanzen, die Harzelektrizität erzeugten, gewonnen werden konnte und umgekehrt, indem lediglich das Material des Gummis verändert wurde. (12, S. 60)

Man weiß, daß, wenn rauhes Glas auf glattem Glas gerieben wird, die beiden Glasstücke Anziehung zeigen und daher von ungleicher Ladung sein sollen. Der Zustand der Substanz, die Art und Weise, in der sie angeregt wird, und die Intensität ihrer anfänglichen Ladung sind alles Faktoren, die bestimmen, ob es die anziehende oder die dissoziative Funktion ist, die ausgedrückt wird.

Nach dieser Beschreibung der Erregung eines Isolators durch einen anderen ist es leichter, die Aktivität der Elektroskopblätter zu verstehen.

 

Literatur

5. Reich, Wilhelm: „Orgonotic Pulsation: the differentiation of orgone energy from electro-magnetism. Presented in talks with an electro-physicist“ (insbesondere Part II: The orgonotic excitation of insulators. Questionable points in the concept of static electricity), International Journal of Sex-Economy and Orgone Research, Vol. 4, 1945

12. Poyser, A.W.: MAGNETISM AND ELECTRICITY, Longmans, Green, & Co. 1895

 

Abdruck der Übersetzung aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung des Autors, Dr. Boadella. Der Originalaufsatz „Orgonotic Excitation Effects II“ findet sich in der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 5 (1958), No. 4, S. 211-232.