Posts Tagged ‘kapitalistische Gesellschaftsordnung’

Das sozialistische Patientenkollektiv (Teil 2)

15. April 2019

Das, was wir heute an Laternenpfählen finden, setzt in seinem ganzen Irrsinn ungebrochen das fort, was einst in Heidelberg seinen Anfang nahm. Der 1935 geborene Psychiater Wolfgang Huber begann in den 1960er Jahren die damalige unmenschliche Psychiatrie zu kritisieren und wurde dafür gemaßregelt. Wikipedia:

Am 12. Februar 1970 demonstrierte eine Patientenvollversammlung in der Psychiatrischen Poliklinik Heidelberg gegen die wegen „Aufhetzung der Patienten“ verfügte Entlassung Hubers. Huber gründete im Februar 1970 mit Kollegen, Studenten und 52 Patienten das Sozialistische Patientenkollektiv („SPK“) als Selbstorganisation von Psychiatrie-Patienten, in der es keine Trennung mehr von Patienten und Ärzten gab. Er sah Erkrankungen als Folge der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, demzufolge sei Krankheit eine Form von Protest. Psychisch Kranke hätten revolutionäres Potential, sie seien daher als politische Gefangene anzusehen. Das Kollektiv hatte bis zu 500 Mitglieder und gab insgesamt 51 Flugblätter heraus.

Lutz Hachmeister führt in seinem Buch über den RAF-Terror, in den Huber schon bald verwickelt war, aus, daß dessen „Grundaxiom“ gewesen sei, „daß es in der kranken kapitalistischen Gesellschaft keine ‚Gesunden‘ im eigentlichen Sinne geben könne“ (Schleyer. Eine deutsche Geschichte, München: C.H. Beck, 2004, S. 349). Hachmeister weiter:

Wer sich gesund fühlte, war krank, wer krank war und das als Resultat gesellschaftlicher Prozesse begriff, hatte zumindest schon mal eine höhere Stufe des Bewußtseins erreicht (….). In einer zusammenfassenden Agitationsschrift des SPK aus dem Jahre 1973 hieß es: „Auf eine einfache Formel gebracht, war das SPK die größte in den Jahren 70/71 mögliche Konkretisierung der Widersprüche des Begriffs Krankheit bei dessen höchst möglicher Verallgemeinerung… Die Gesundheit ist ein biologisch-faschistisches Hirngespinst, dessen Funktion in den Köpfen der Verdummer und Verdummten dieser Erde die Verschleierung der gesellschaftlichen Bedingtheit und gesellschaftlichen Funktion von Krankheit ist.“ (ebd.)

Was für ein verschwurbelter Mist! Was wirklich dahinter stand, wird aus den Erinnerungen von Margit Schiller deutlich, die aus dem SPK hervorging und zum ersten RAF-Kader gehörte:

Den Stein meiner Einsamkeit und Verzweiflung am Leben aufzuheben und ihn gegen seine Ursache zu werden. Die Ursache war die kapitalistische Gesellschaftsordnung… (…) Die Revolution mußte heute gemacht werden, und wer das nicht verstand, war ein Dummkopf und ein Ausbeuter. (ebd., S. 350)

Man kann wirklich argumentieren, daß der RAF-Terror unmittelbar aus der allgemeinen Neurose entsprungen ist. Das verschwurbelte Flugblatt (sic!), das man erst annähernd versteht, wenn man es mehrmals gelesen hat, spricht überdeutlich von der Abtrennung von den eigenen Emotionen. Und der Aufruf jenseits dieses leeren Geschwafels endlich aktiv zu werden, bringt das neurotische Ausleben des verkorksten Innenlebens offen zum Ausdruck. Diese Kontaktlosigkeit, Neurose und offene Emotionelle Pest wird dann auch noch als Ausdruck eines „höheren Bewußtseins“ hingestellt. Und schließlich ist die Aussage „Gesundheit ist ein biologisch-faschistisches Hirngespinst“ eine zumindest implizite Kampfansage an Wilhelm Reich, eine Kampfansage im Geiste Marcuses und Adornos.

Die RAF hat keine einzige, nicht eine, politische Forderung gestellt! Diese Psychopathen haben bei ihren Anschlägen neben ihre Bomben Eimer voll Schrauben und Nägel gestellt und ausschließlich mit Dummdummmunition geschossen. Beides ist an blutrünstigem Sadismus nicht zu toppen! Und diese Irren, die einem schlechten Horrorfilm entsprungen schienen, konnten sich auf eine landesweite Sympathisantenschar stützen, die bis heute ungebrochen fortwirkt, unsere Medien, die „Wissenschaft“ und mittlerweile sogar die Behörden kontrolliert. Heute ergötzen sich diese Psychopathen am „Volkstod“. Und das alles nur aus einem einzigen Grund: weil ähnlich wie in den 1930er Jahren Politik zur ausschließlichen Neurosenbewältigung mutiert ist: die Verzweiflung am Leben wird gegen ihre vermeintliche Ursache gekehrt, „die kapitalistische Gesellschaftsordnung“, die unverzüglich beseitigt werden muß – weil diese Arschlöcher keinen Zugang zu ihren eigenen Emotionen finden. Würden sie mit ihren Emotionen in Kontakt kommen, würden sie sich nicht mehr lächerlicherweise als „Opfer“ hinstellen.

Der sexuelle Kampf der Gegenwart

6. März 2016

Wie soll man heutzutage mit Aussagen wie der folgenden aus Der sexuelle Kampf der Jugend (1932) umgehen, was damit anfangen?

Vor der Revolution steht vor der klassenbewußten kommunistischen Jugend die Aufgabe, die Masse aller Jugendlichen für die Revolution zu mobilisieren. In dieser Phase gehört die sexuelle Frage der Jugend hinein in die Gesamtfront der proletarischen Bewegung. Vor der Revolution können wir der Masse der Jugendlichen in sexueller Hinsicht nicht viel helfen, aber wir müssen diese Frage politisieren, die geheime oder offene sexuelle Rebellion der Jugend in revolutionären Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaftsordnung verwandeln.

Spätestens nach 1942, als er im Vorwort von Die Massenpsychologie des Faschismus politische Einstellungen bioenergetisch erklärte, d.h. mit dem Dreischichen-Modell der menschlichen Panzerung, kann es für Reich keine politische Lösung der menschlichen Misere geben. Aus dem „Klassenbewußtsein“ wurde im Rahmen der Ausformulierung des Konzepts der Arbeitsdemokratie das „Fachbewußtsein“, d.h. ein Bewußtsein, daß sich explizit gegen die stets fachfremde Politik richtet. Hier ein beliebiges Beispiel für Arbeitsdemokratie gegen „antikapitalistische“ Politik (Emotionelle Pest).

Heute muß es noch immer um Bewußtmachung der Massen gehen, das Schaffen von einem „richtigen Bewußtsein“, aber nicht im Sinne politischer Agitation, sondern: die Politik muß als Äußerungsform blockierter Bioenergie entlarvt werden und es muß ein Bewußtsein für die Emotionelle Pest geschaffen werden und wie diese die Grundlagen unseres Lebens, die Arbeitsdemokratie untergräbt.

Wie das ganze mit der heutigen anti-autoritären Gesellschaft zusammenhängt wird anhand des Absatzes klar, der dem oben zitierten aus Der sexuelle Kampf der Jugend folgt:

In den Zeiten der Revolution, wo alles durcheinandergeworfen wird, alles Morsche versinkt, wo wir auf den Trümmern einer korrupten, ausbeuterischen, grausamen und verfaulten Gesellschaftsordnung stehen, gilt es, nicht zu moralisieren, wenn sich die sexuellen Widersprüche in der Jugend zunächst steigern; da gilt es, die sexuelle Revolution im Zusammenhang mit der geschichtlichen Umwälzung verstehen und sich auf die Seite der Jugend stellen, ihr helfen, soweit es möglich ist, aber im übrigen wissen, daß es Übergangszeit ist.

Reich hat hier vorausgesehen, was sich 30 Jahre später, also zu Anfang der 1960er Jahre zugetragen hat: der komplette Zerfall der autoritären Gesellschaft und der Beginn einer Periode des Chaos. Wer auch nur ansatzweise etwas tiefgehender mit der „heutigen Jugend“ zu tun hat, wird es wie mir gehen: Ich frage mich immer wieder, ob es denn nur noch Borderliner gibt. Oder etwa: es gibt meiner Erfahrung nach schlichtweg kein Treppenhaus mehr, in dem es nicht nach Cannabis riecht.

Aber wie Reich fortfährt:

Vor den Wirren dieser Übergangszeit zurückschrecken, vor der „tollgewordenen Jugend“ Angst bekommen und in bürgerliche Ideologien zurückfallen, in Asketentum und Moralistentum, die zu beseitigen mit eine Aufgabe der proletarischen Revolution ist, bedeutet hinter den geschichtlichen Ereignissen zurückbleiben und sich gegen die Entwicklung stemmen.

Charles Konia hat all die hier angeschnittenen Punkte in The Emotional Plague eingehend behandelt, insbesondere aber auch, daß es kein Zurück zu den vermeintlich „guten alten Zeiten“ gibt. Die einst in der autoritären Gesellschaft komplett verpanzerte Lebensenergie ist in Bewegung geraten, ist außer Rand und Band, und keine Macht der Welt wird sie wieder bändigen können. Alle konservativen Träume von der guten alten Zeit sind Schall und Rauch. Was tatsächlich fehlt, ist das Bewußtsein, daß es eine Übergangszeit ist, und eine Vorstellung davon, was eigentlich das Ziel dieses Übergangs ist. Wir können immer so weitermachen, bis es zum kompletten Kollaps kommt, oder wir können uns einer genitalen Welt zumindest annähern.

Es ist so ähnlich wie in einer Orgontherapie: ein „Reichianischer“ Therapeut wird die Energie in Bewegung bringen und für jede Menge Scheinexpansion und nihilistisches Chaos sorgen, während ein Orgontherapeut, selbst wenn er den Patienten nicht orgastisch potent macht, zumindest eine klare Vorstellung von diesem Ziel hat und dieses vermittelt, den Patienten dergestalt in die richtige Richtung in Bewegung setzt und damit im kosmischen Orgonenergie-Ozean verankert. Die entsprechende Aufgabe hat heute die soziale Orgonomie auf Massenbasis.

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