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Die soziopolitische Diathese (Teil 3)

4. November 2018

von Paul Mathews, M.A., M.A.C.O.

Kommen wir nun zu den spezifischeren Punkten der Unterscheidung zwischen liberaler und konservativer Charakterologie.

 

Das liberale Syndrom

Der Liberale funktioniert hauptsächlich in der oberflächlichen Fassade der dreischichtigen Struktur des Menschen; dergestalt ist er im Wesentlichen kontaktlos, seine Energie ist nach oben zu seinem Kopf und Gehirn, das parasitär geworden ist, gezogen.2

Er leidet auch an chronischen, nagenden Schuldgefühlen, bedingt durch:

  1. Subversive Rebellion gegen die Eltern.
  2. Identifikation mit dem Außenseiter, wobei er gleichzeitig wohlhabender ist als der Außenseiter (zwanghafte „sozial bewusste“ Aktivitäten).
  3. Fehlende Zuflucht zu religiösem Trost (sein mechanistischer Atheismus, Humanismus, Hingabe an Ethik oder universalistische „Religion“).
  4. Unfähigkeit gefühlsmäßig zu wissen, ob er Recht oder Unrecht hat (kontaktlos); also sein chronisches bewusstes oder unbewusstes Gefühl im Unrecht zu sein.
  5. Chronische Gefühle der Unaufrichtigkeit (seine Subversion und Kontaktlosigkeit). Seine Rechtschaffenheit ist am engsten mit diesem Faktor verbunden; sie dient der Verhüllung oder der Kompensation.

Diese Eigenschaften stehen im Einklang mit der Umtriebigkeit des Liberalen, der „Intellektualität“ (ein hoch entwickeltes System von Begründungen für seine Fehler und wahren Motive) und seinem Zentralismus (das Gehirn als zentrales Hauptorgan des Körpers), der seine Fähigkeit zum Orgonempfinden und Fühlen reduziert. Paradoxerweise fordert sein „Intellektualismus“ (Gehirn) Freiheit, ist aber gleichzeitig seiner parasitären Funktion als Zentralorgan des Körpers verpflichtet. Dies manifestiert sich im zentralistischen politischen Denken – „Die Regierung muss tun, was für das Volk notwendig ist“ – ein perfektes Beispiel für die Sehnsucht nach und die gleichzeitige Unfähigkeit zur Freiheit, von der der Liberale der Archetyp ist. Die Lösung dieses Dilemmas für den Liberalen geschieht mit seiner ultimativen Identifikation mit jenen zentralistischen (totalitären) Gruppen, die Freiheit und Gerechtigkeit missionieren, aber das Gegenteil verkörpern, nämlich die rot-faschistische emotionale Pest. Ihre Ablehnung des Totalitarismus des Schwarzen Faschismus kommt daher, daß die Schwarzen Faschisten ihre destruktiven Ziele missionieren, ohne sie mit humanitären Ideologien zu tarnen; da es keine Vorspiegelungen hinsichtlich ihrer zerstörerischen Ziele gibt, bieten sie keine Modelle an, um sich mit ihnen identifizieren zu können.

Die Liberalen sind daher extrem anfällig für wahllose „Volksfront“-Ausrichtungen mit der Linken, einschließlich des Roten Faschismus, sowie für die Rationalisierung ihrer Pest-Aktivitäten. Schuldgefühle werden mittels frommer Empörung über konservative Verstöße und unablässigem Abscheu vor den schwarz-faschistischen Extremen gesühnt.

Ein weiterer triftiger Grund für die verborgene Identifikation des Liberalen mit den Roten Faschisten ist der Druck, stellvertretend und subversiv den grausamen Hass zu entladen, der in seiner sekundären Schicht eingebettet ist. Die Abwehr gegen diese Schicht ist die charakteristische Kontaktlosigkeit. Das löst natürlich nicht das Problem der Entladung dieser explosiven Hassenergie; welchen besseren Weg gibt es dann, als die Menschheit durch Sozialprogramme und als „menschlich“ getarnte Handlungen in die Knie zu zwingen? Die Identifikation mit Modju3 entspricht genau diesem spezifischen Mechanismus der Vortäuschung4d. Der Liberale sieht die Vortäuschung im Modju nicht und kann sie auch nicht sehen, weil er sie nicht in sich selbst sehen kann. Darüber hinaus steht dem Modju seine zerstörerische physische Aggression zur Verfügung, während der Liberale diese Aggression vermeiden muss, weil sie einen Zusammenbruch seiner Abwehr auslösen könnte, was für ihn völlig katastrophal wäre.

 

Fußnoten

2 Reich erklärte, dass das Gehirn unter bestimmten Umständen zu einem parasitären Organismus wird, der Energie aus den unteren Körpersegmenten buchstäblich absaugt.

3 Ein von Reich geprägter Begriff, der den ultimativen, tödlichen, emotionalen Pestcharakter symbolisiert, insbesondere des rotfaschistischen Typs.

4 Vgl.: Man in the Trap, Kapitel 13, von E. F. Baker.

 

Anmerkungen des Übersetzers

d Der Mensch in der Falle. Kapitel 13: Die soziopolitischen Charaktertypen.

 

Literatur

1. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Company, 1967
2. Mathews, P.: „A Functional Understanding oft the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1:138-48, 1967
3. Mathews, P.: „The Biological Miscalculation and Contemporary Problems of Man“, Journal of Orgonomy, 4:111-25, 1970
4. Mathews, P.: „On Armor, War and Peace“, Journal of Orgonomy, 5:165-74, 1971
5. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1970
6. Reich, W.: Character Analysis. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1971
7. Reich, W.: The Murder of Christ. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1972
8. Higgins, M. und Raphael, C., Hrsg.: Reich Speaks of Freud. New York: Farrar, Straus & Giroux (Noonday), 1967

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 8 (1974), Nr. 2, S. 204-215.
Übersetzt von Robert (Berlin)