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Peter liest den Roman DER TROLLRING von Sigurd Hoel (Teil 1)

1. April 2026

Der Trollring (norwegisches Original „Trollringen“, Bedeutung in etwa „Teufelskreis“) erschien 1958 als letzter Roman von Sigurd Hoel (geb. 1890), der zwei Jahre später verstarb. Die deutsche Übersetzung erschien 1980 in der DDR (Rostock: Hinstorff Verlag). Auf dem Schutzumschlag findet sich ein Schneeflocke und 13 schwarze Raben, die ringförmig einen 14. Raben umringen, der offenbar in einer Blutlache liegt. Der Roman erzählt vom Neuerer Haarvard Gjermundsen, der an der verbiesterten ländlichen Bevölkerung Norwegens scheitert.

Der Roman handelt im weitesten Sinne von Ökonomie, sozusagen ein „Wirtschaftsreformer“ und sein Scheitern. Aus funktioneller Sicht gehören Belletristik und Wirtschaft tatsächlich eng zusammen. Ökonomie handelt im Kern vom Gegensatz Arbeitsdemokratie und Emotionelle Pest, große Literatur von dem zwischen Genitalität und Emotioneller Pest. Hoels Buch beschreibt beides.

Haarvard („Hoher Wächter“ oder „Der den Felsen bewacht“) stellt eindeutig Reich da. Diese These stellte erstmals Harvard Nilsen (Universität Oslo) auf der Internationalen Reich-Tagung 2007 in Rangeley, Maine auf: The Troll Circle. The Social Construction of Wilhelm Reich as a Pseudo-Scientist. Nilsen:

Der Trollring ist die Geschichte eines jungen, starken, begabten und einfallsreichen Mannes (…), der in den 1820er Jahren aus einem reichen, sonnigen Dorf in ein armes, dunkles und rückständiges Dorf kommt, um dort die reichste und schönste Frau zu heiraten. Er will die Fruchtbarkeit des Bodens verbessern und erkennt, daß man die Hindernisse für den Wasserfluß in der Gegend beseitigen muß. Er hat großartige Ideen, wie der natürliche Wasserfluß besser reguliert werden könnte. Er wird zum naheliegenden Gegenstand von Neid und Mißgunst. Er ist der Fremde, der versucht, ihnen neue Wege beizubringen. Er wird zum Gegenstand von Klatsch und Verleumdung, und schließlich wird er völlig zermalmt. Niemand, der das Buch gelesen hat, wird die unheimliche Atmosphäre vergessen, ebensowenig wie die bedrückende ländliche Gesellschaft, der es schließlich gelingt, den jungen Mann (…) zu zerstören, der schließlich in einem Prozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Wie man sicher verstanden hat, ist Wilhelm Reich das Vorbild für den Hauptprotagonisten des Buches.

Unmittelbar an Reich erinnert folgende Beschreibung des Romanhelden: „Er stürzte sich in die viele Arbeit auf dem Hof. Um ihn herum durfte nichts stillstehen, keine Atempause eintreten, keine Ruhe. Hundert Dinge sollten erledigt werden, eins drängte das andere“ (S. 90). Oder etwa: „Er hatte einen ungewöhnlich leichten, weich-federnden Gang, sogar jetzt, wo er eine ansehnliche Last zu tragen hatte, die doch nach unten zog“ (S. 134). Dieser ungepanzerter Gang ist jedem bei Reich aufgefallen.

Er ist ein Fremdling, der die wohlgeachtete Witwe Rönnau Larsdatter Olstad heiratet, worauf sich seine Freundin zu Tode stürzt. Ähnlich wie Reich ist er von tiefer Schuld belastet. Die Landbevölkerung steht dem Fremden feindselig gegenüber, weil der sich aufdrängt als Missionar moderner Landwirtschaftsmethoden. Er soll hervorragend pflügen können, heißt es gehässig. „Doch am besten pflügt der wohl zwischen den Schenkeln der Weiber. Sonst hätte er gewiß die Rönnau nie bekommen!“ (S. 38). Hinter ihm ist alles „verbrannt und versperrt“. „Er konnte all dem nur den Rücken zuwenden“ (S. 40). Doch von Rönnau geht Wärme aus – „ein lebendiger Mensch, kein Schatten aus Vergangenheit oder Zukunft“ (S. 72).

Der Roman baut auf der Dichotomie zwischen Haarvards Träumen, Visionen und Plänen (S. 46f) und den rückständigen norwegischen Bauern: „Sie waren stolz, selbstgefällig und stur. Aber ängstlich. Und schwerfällig. Oh so schwerfällig…“ (S. 50). „ – ja, hatte er nicht sogar davon geträumt, die Häusler zu freien Menschen zu machen?“ (S. 264). Über Haarvards Bestrebungen würden sie sich „lustig machen, zunächst einmal. Würden grinsen und ihre abfälligen Bemerkungen machen“ (S. 50f). Doch obwohl Haarvard keinen von ihnen kannte: „Ha! Er kannte sie wie seine eigene Hosentasche. Es gab nicht einen schwarzen Winkel in ihrer Seele, den er nicht kannte – besser als sie selbst“ (S. 50). Sie wiederum, würden wechselseitig Erkundungen über ihn einholen – „bei anderen, nicht bei ihm selbst, oh, wie ihnen das ähnlich sähe!“ (S. 51). „– dieser Ort hat alle Fröhlichkeit aus mir herausgesogen“, so Haarvard (S. 310).

Selbst bei Rönnau zeigen sich Anzeichen der Emotionellen Pest. Sie konnte in der Nacht mit Haarvard „glühen“, ja „weißglühend werden“. „Doch am nächsten Morgen, wenn sie sich wieder abgekühlt hatte, war sie so hart wie zuvor. Oder noch härter? Ja, ab und zu schien es, als suchte sie gerade an einem solchen Morgen Streit oder als haßte sie ihn wegen irgend etwas“ (S. 89). Es ist, als beschreibe Hoel hier das teilweise spannungsreiche Zusammenleben von Reich und Elsa Lindenberg: „Hatten er und Rönnau eine ihrer heißen Stunden gehabt, dann konnte es geschehen, daß er sofort einschlief, in eine bewußtlose Tiefe versank. Am nächsten Morgen konnte er dann frisch und munter erwachen, wie seit langem nicht, und ohne daß er es selbst bemerkte, begann er beim Ankleiden zu singen“ (S. 91). Doch in anderen Nächten mit Rönnau wurde er von schlimmen Alpträumen voll von Schuldgefühlen über eine längst vergangene Tragödie gepeinigt. Ilse Ollendorff beschreibt solche Nächte mit Reich aus eigener Erfahrung und von den Erzählungen Elsa Lindenbergs her.

Gleich zu Anfang hatte Rönnau Haarvard für sich gewonnen, indem sie vorgab von ihm schwanger zu sein, woraufhin sich, wie erwähnt, dessen Verlobte umbrachte. Schließlich sollte Rönnau durch ihre unbegründete Eifersucht auf ihre Stieftochter selbst den Unfall verschulden, der ihr das Leben kostete und Haarvard schließlich zu Fall bringt. Ihr vorangehender Wahnsinn wird wie folgt erklärt:

(…) Rönnau kann jenem ausgesetzt sein, was einige Nemesis, andere Circulus vitiosus nennen. Hier oben in den Dörfern spricht man vom Trollring oder Teufelskreis. Die Vergangenheit rächt sich, das Schicksal beißt sich, gleich einer Schlange, selbst in den Schwanz… (S. 348)

Der offensichtliche, geradezu plakative emotionell pestkranke Charakter der Handlung, Kerstaffer, betreibt passenderweise eine Art „Privatpsychiatrie“ auf seinem Hof, d.h. er sperrt im Auftrag des Landkreises die Irren der Umgebung in seinen Keller ein. Tatsächlich stellt sich jedoch heraus, daß der stets freundliche und zuvorkommende ewig lächelnde Hans Nordby der wirkliche Intrigant war. Am Ende hat Haarvard das Gericht vor Augen, „und er wußte, was er von dort zu erwarten hatte, von Menschen, die ihn hassen, weil er das ist, was sie nicht sind – ein Mann, von der Frauen geliebt, von Ebenbürtigen bewundert“ (S. 391).

Die erwähnte Schwiegertochter, namens Kjersti, wird kurz vor Haarvards Hinrichtung von den Frauen durchs Dorf gehetzt und stürzt sich, ähnlich wie einst Haarvards Verlobte, in den Tod. „Haavard mußte sterben – die Männer bewunderten ihn, doch mehr noch weckte er ihre Mißgunst. Und Kjersti mußte sterben, die haßerfüllten Weiber ertrugen nicht den Gedanken, daß Haarvard sie vielleicht geliebt hatte“ (S. 425).

Das ägyptische Geheimnis der Linksreichianer

12. Oktober 2024

Linksreichianer waren und sind immer wieder empört, daß seit Erscheinen von Elsworth F. Bakers Der Mensch in der Falle 1967, dann von Paul Mathews und schließlich heute von Charles Konia die Orgonomie ins rechtskonservative Lager versetzt wurde. Angesichts dessen, daß das eine direkte Fortführung dessen war und ist, was Reich im wachsenden Maße vertreten hat: Woher diese Empörung mit dem Vorwurf eines politischen Mißbrauchs der Orgonomie? Und zwar von Leuten, die umgekehrt sich am linken Rand des linksliberalen Mainstreams bewegen und das offensiv vertreten?

Was sie aufregt und vor Wut beben läßt, wird deutlich, wenn ihr Hauptargument laut wird: „Baker et al. mißbrauchen die Orgonomie für ihre eigene politische Agenda.“ Und wie ungerecht es doch sei, daß man ihre, der Linksreichianer, entgegengesetzte politische Ansichten, etwa ihre Unterstützung von Killary Clinton und Camela Harris, nun skandalisiere. Was beim Kampf gegen Baker et al., Trump und in Deutschland gegen die AfD auffällt, ist der Schrecken vor und die Empörung angesichts der Aggressivität mit der die Rechten ihre Position vertreten. Linke sind das schlichtweg nicht gewöhnt. Wie selbstverständlich gehen sie stets davon aus, daß Konservative schwach und eingeschüchtert reagieren, eben „konservativ“, wenn der „unaufhaltsame Fortschritt“ seinen sozialistischen Gang geht.

Ein Konservativer, der nicht nur nicht zurückweicht, sondern ganz im Gegenteil zum Gegenangriff übergeht oder gar von sich aus angreift, kann in den Augen eines Linken nichts anderes sein als ein „Nazi“, das ultimative Böse. Konservative haben gefälligst schulterzuckend die Überfremdung des eigenen Lebensraums hinzunehmen und gar zu fördern, so wie es die CDU unter Merkel und die Republikaner unter Bush jr. getan haben. Wenn nun aber Trump und die AfD sich dem Unrecht entgegenstellen, dann … „Nazis!“

Genauso reagierte ein Gutteil der „Reichianer“ auf Baker, Mathews, Konia und deren Gesinnungsgenossen: mit Schock, Verwirrung, Panik und Haß. Es wäre für sie akzeptabel gewesen, wenn Baker, Mathews und Konia folgenlos mit „konservativen Versatzstücken“ des späten Reich hantiert hätten, aber dem konservativen Charakter eine stärkere Bindung an den bioenergetischen Kern zuzuschreiben und den „modernen Liberalen“ in Amerika bzw. den Sozialdemokraten in Europa als Verkörperungen der Emotionellen Pest zu charakterisieren, die es offensiv zu bekämpfen gelte, führte und führt bei Linksreichianern zur emotionalen Kernschmelze. So etwas erwarten sie einfach nicht, dafür stehen ihnen keine adäquaten Bewältigungsmuster zur Verfügung, weshalb sie nur wirr und buchstäblich mit Schreikrämpfen reagieren können.

Gut, die Linken erwarten keine „konservative Aggression“ und reagieren empört, hilflos und voller Panik auf sie, aber warum? Den Konservativen und den Linken kann man sich wie zwei Pyramiden vorstellen: die eine, die konservative Pyramide, steht unverrückbar natürlich auf ihrer breiten Basis, während die andere, die linke Pyramide, unnatürlich prekär auf ihrer Spitze steht. Das hat fünf Aspekte:

  1. Die stabile „konservativen“ Pyramide ruht fest in der Realität, d.h. ihr breites Fundament unten symbolisiert all das Faktenwissen, die Evidenz, die Lebenserfahrung, Realitätstauglichkeit, die Arbeitsdemokratie, während die kleine Spitze oben der daraus abgeleiteten Theorie entspricht. Bei der labilen „linken“ Pyramide wird alles von einem utopischen Wolkenkuckucksheim bestimmt, das in keinster Weise im realen Leben verankert ist. Man schaue sich die gegenwärtige kommunistische Regierung der BRD an!
  2. Konservative leben in der realen Welt und beschäftigen sich mit mondänen, faktischen Dingen, sie sind sozusagen „Materialisten“, Handwerker, Bauern, Arbeiter, Unternehmer. Sie stehen mit beiden Beinen auf der Erde. Sie sind wie Donald Trump. Linke sind von Natur aus spintisierende Platonisten, die akrobatisch auf abstrakten Ideen von „Gerechtigkeit“ und „Liebe“ balancieren, so wie eine Pyramide, die auf ihrer Spitze steht.
  3. Die überwiegende Mehrheit der Menschen sind zumindest charakterstrukturell konservativ oder gemäßigt liberal, während wirkliche Linke, als pestilente Charaktere (Emotionelle Pest), eine verschwindend kleine Minderheit sind, die sich in Sekten wie der SPD oder der Redaktion des Spiegel organisiert hat, und trotz ihrer flächendeckenden Dominanz, was die öffentliche Meinung betrifft, eine klitzekleine Minorität bleibt, die sich zwar als die alles tragende Elite empfindet, aber gleichzeitig auch spürt, daß die Massen sie zerquetschen wird – wie bei einer auf den Kopf gestellten Pyramide.
  4. Die labilen Linken geraten aber vor allem deshalb in Panik, wenn sie in Frage gestellt werden, weil diese beiden Pyramiden in erster Linie die Bioenergetik symbolisieren: Der Konservative ist durch die Muskelpanzerung, die ihn beherrscht, im Körper verankert und hat einen (wenn auch mystisch verzerrten) Kontakt zum bioenergetischen Kern, von daher ist er „bioenergetisch stabil“. Der Linke, mit seiner intellektuellen Abwehr, d.h. okularen „Kopfpanzerung“ und seiner kompletten Abgeschnittenheit vom bioenergetischen Kern steht hingegen buchstäblich auf dem Kopf und droht ständig umzukippen.
  5. Konservative sind es gewohnt mit starken „Bauchgefühlen“ umzugehen, während Linke mit der unerwarteten bioenergetischen Erregung nicht umgehen können, weil bei ihnen alles kopflastig ist und sie folglich die Energie weder binden, noch in Muskelaktivität umsetzen können, – wie eine Pyramide, die auf dem Kopf steht. Linke können wegen ihrer strukturellen Labilität mit Aggressivität nicht umgehen. Sie sterben fast vor Angst!

Es gibt, bleiben wir im spätestens jetzt schiefwerdenden Bild, für die auf dem Kopf stehende Pyramide nichts Erschreckenderes als mit einer aggressiv umstürzlerischen auf der Bodenplatte stehenden Pyramide konfrontiert zu sein, von der man doch eher harmlose Beharrung erwarten würde. Von daher, aus diesem Schrecken des „Sie bewegt sich doch!“ heraus, stammt all das linke Gerede vom verfassungsfeindlichen, systemumstürzenden Trump bzw. der AfD. Die Apokalypse! Von daher auch die entsprechende Reaktion der Linksreichianer auf das American College of Orgonomy, die einzige, DIE EINZIGE legitime Vertretung der Orgonomie!

Peter liest die kommentierte Neuauflage der Originalausgabe von Reichs MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 4)

29. Dezember 2022

Ich hatte geschrieben, daß angesichts des heute neu heraufziehenden Nationalsozialismus mit seiner Mischung aus Staatsterror, Dominanz der Großindustrie und sozialistischen Elementen (etwa dem generellen Grundeinkommen), die Neuauflage der Massenpsychologie des Faschismus ein Glücksfall sei. Gleichzeitig ist hier auch ein ungeheures Mißbrauchspotential gegeben, denn Reichs zentrale Angriffsziele sind das Kleinbürgertum (Bauern, Mittelständler, kleine Gewerbetreibende [vom Beamtentum wollen wir an dieser Stelle absehen!]) und der Individualismus.

Man könnte sagen, daß alles Gewachsene und „Widerständige“, das sich der folgerichtigen Entwicklung der Produktionsmittel entgegenstemmt, nunmehr auch mit Hilfe der Psychoanalyse überwunden werden soll. In dieser Form ist das Buch geradezu „anti-orgonomisch“.

Beispielsweise greift Reich die „Zadruga“ an, die, soweit ich es überblicke, vom Herausgeber Andreas Peglau nicht erklärt wird. Auf Wikipedia heißt es dazu:

Die Zadruga (kroatisch bzw. serbisch: Genossenschaft, im Sinne von Hausgenossenschaft; auch: Hauskommunion, Hausgemeinschaft, Großfamilie, Gemeindeschaft) war eine bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei den Südslawen verbreitete, Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft, die auf den Prinzipien der patriarchalischen Autorität und der Familie aufbaute. Ihre Mitglieder führten die Landwirtschaft in einem Haushalt und unter einem Familienoberhaupt. (…) Nach einer Theorie ist die Zadruga im 14. Jahrhundert als Ergebnis der Feudalzeit entstanden, als die Bauern eine Organisationsform suchten, um dem Druck durch den herrschenden Stand zu widerstehen. (…) Nach anderer Meinung soll es sich bei Zadruga um eine urslawische Einrichtung gehandelt haben, die ihren Ursprung in dem kollektivistisch denkenden Menschen des Ostens hatte, der seinen Gegensatz zu dem individualistisch denkenden Menschen des Westens hatte. (…) Die Zadruga existierte in vielen Gegenden auch neben anderen individualistischen Lebens- und Wirtschaftsformen.

Das „individualistisch“ ist kein Widerspruch: im Westen entzieht sich das Individuum der zentralen staatlichen Kontrolle, im Osten die lokale Gemeinschaft, die in diesem Sinne „individualistisch“ auftritt. Und genau das ist der Punkt: daß der Kommunist Reich 1933 für das Kollektiv eintritt und die Kollektivierung der Landwirtschaft und Kleinbetriebe in der Sowjetunion bzw. dem zukünftigen „Rätedeutschland“. Er war damit sozusagen Sprachrohr des „Great Reset“: „Du wirst nichts besitzen, aber glücklich sein!“

Daß ist das Perfide dieser Ausgabe der Massenpsychologie des Faschismus: daß sie explizit gegen die NSDAP gerichtet ist, die sich heute als AfD tarne, implizit jedoch das Programm der NSDAP unterstützt, nämlich den besagten Great Reset, den Faschismus, der klassisch definiert ist als Zusammengehen von zentralisierter staatlicher Macht und dem zentralisierten Kapital. Entsprechend bezeichnete Reich in der revidierten und erweiterten dritten Auflage der Massenpsychologie des Faschismus den Stalinismus auch als „Staatskapitalismus“ („roten Faschismus“). Alles „Zadruga-Hafte“, alle lokale Autorität muß beseitigt werden. In diesem Sinne wird von Peglau Reich für die antiautoritäre Gesellschaft, in der an die Stelle der zahllosen lokalen Autoritäten die eine „Zentralautorität“ tritt, nutzbar gemacht.

Eine notwendige Anmerkung: 1940 schrieb Reich an Fritz Brupbacher: „Was sie als neuen Individualismus bezeichnen, glaube ich für meine Person zunächst nur für mich unter dem Begriff ‚Arbeitsdemokratie‘ formuliert zu haben.“

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 14)

24. April 2020

Blankertz‘ Buch ist in vieler Hinsicht eine Inspiration. Etwa der Hinweis, es sei bemerkenswert, daß die Sexualität, also das, was den Fortbestand der Menschheit sichert, derartig marginalisiert wird. Es werde vollkommen verkannt, daß vor allem darum gearbeitet wird, um an die Dinge zu kommen, mit denen man einen Sexualpartner anziehen kann (siehe dazu mein Ökonomie und Sexualökonomie). Oder etwa: „Die perverse Koppelung von sex’n’crime ist literarisch akzeptierter als jede Form natürlicher, befriedigender Liebe“ (S. 23).

Es war mir bisher vollkommen entgangen, daß das Vorwort in der Originalübersetzung durch Theodore Wolfe das Datum „August 1945“ trägt, während die von Mary Higgins initiierte Neuübersetzung das in „August 1942“ umgewandelt hat, obwohl Reich hier bezug nimmt auf das Jahr 1945 (S. 28). Wie soll man auf einer solchen Datengrundlage, mit solchen wirren Editionen vernünftig arbeiten?

In Blankertz‘ Buch wird insinuiert Reich sei im Gefängnis ermordet worden (der Mann war seit Jahren schwer herzkrank!), der Besitz seiner Schriften sei bis in die 1960er verboten gewesen (Unsinn!) und es wird die offenbar unzerstörbare Mär aufrechterhalten, die FDA hätte das Labor Reichs, irgendwelche Versuchsanlagen unwiederbringlich zerstört, etc. (S. 123f). Nein, es wurde nur ein ungeheuerlicher finanzieller Schaden und Rufschädigung begangen, indem alle Akkumulatoren zerstört und die Bücher, Zeitschriften und Broschüren verbrannt wurden. Wobei übrigens keine Belegexemplare oder gar Manuskripte vernichtet wurden! Die Aufbauarbeit von Jahrzehnten wurde zunichte gemacht, weil eine blöde Fotze, eine rotgrün angehauchte „Verbraucherschützerin“ namens Mildred Brady die kommunistisch unterwanderten Behörden auf Reich aufmerksam gemacht hatte.

Blankertz zufolge bringt Reich dem Bauernstand nur Ablehnung und sogar Haß entgegen (S. 34). Nicht erwähnt wird, daß sich das ab Der Krebs und in späteren Büchern, etwa Christusmord, ändern sollte. Es ist halt so, daß mit der Entdeckung des Orgons zunehmend auch eine Änderung von Reichs „politischer“ Perspektive einherging. Ähnliches gilt für Reichs Haltung zu Familie und Religion. In Der Krebs hebt er hervor, wie absolut lebensnotwendig der enge orgonotische Kontakt zwischen Mutter und Kind sei. Und was die Religion betrifft wurde auch hier seine Haltung im Gefolge der Entdeckung des Orgons weniger einseitig. Blankertz behauptet auch, Reich habe nicht nur nicht das Widerständige des Bauern, der Familie, sondern auch der Religion nicht erkannt (S. 35, 106). Dazu ist zu sagen, daß Reich, bzw. sein Mitarbeiter Karl Teschitz, bereits in den 1930er Jahren nicht nur den reaktionären, sondern auch die widerständigen Aspekte des Christentums herausgearbeitet hatte.

Aber, wie gesagt, Blankertz‘ Buch ist gut geschrieben und ein intellektueller Genuß. Stellen wie folgende sind schlichtweg überragend:

A. Hitler ist nicht die Ursache des Nationalsozialismus und Autor seines Sieges, sondern nur dessen Ausdruck. Ist das so schwer zu verstehen? Nein. Aber diejenigen, die das System bewahren wollen, das den Nationalsozialismus hervorbrachte, wollen es nicht hören, nicht wahrhaben. (S. 47)

Andererseits schießt Blankertz‘ Interpretation der Massenpsychologie eindeutig über das Ziel hinaus: Individuen wie Ernst Röhm (mit dem es m.E. zweifellos den Holocaust nie gegeben hätte) oder Hitler (ohne den es m.E. zweifellos den Holocaust nie gegeben hätte) hätten keinerlei Einfluß und wer das glaube, sei psychisch krank (S. 60). Hier verwechselt er die Massenpsychologie mit dem ökonomischen Determinismus des Vulgärmarxismus. Man könnte bei Blankertz geradezu von „Vulgärmassenpsychologie“ sprechen. „Führer“ werden nur zu solchen, wenn ihre Charakterstruktur mit der Charakterstruktur der breiten Massen kompatibel ist. Bei Hitler war es die Gleichzeitigkeit von „reaktionärer“ Unterwürfigkeit (Angst) und „revolutionärer“ Rebellion (Wut), bei Merkel ist es die Indolenz und die Flucht vor den realen Problemen bei gleichzeitiger Flucht in das Wolkenkuckucksheim irgendwelcher ferner Visionen. Hitler und Merkel werden so zu Fokalpunkten bestimmter Charakterzüge der Massen. Hätte es zufällig (ja, zufällig!) andere „Fokalpunkte“ gegen, etwa General Schleicher oder Schäuble, wäre die Geschichte vollkommen anders verlaufen – aber doch nach massenpsychologischen Gesetzmäßigkeiten!