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Besprechung von ORGONOMIC FUNCTIONALISM, No. 7 (Teil 1)

1. Juli 2019

Nach Jahren ist dieser Tage wieder eine neue Ausgabe der Zeitschrift des Wilhelm Reich Infant Trust, Orgonomic Functionalism erschienen, die No. 7. Die Artikel stammen aus jedem Jahr zwischen 1935 und 1939.

Das ganze wird eingeleitet durch ein „Gespräch mit einem Frisörgehilfen“ aus Reichs Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie. Dieses Gespräch ist ein Beispiel für die besagte „politische Psychologie“. Es wird zwei Arten von Lesern geben:

Erstens jene, die in Reich einen (Mit-)Marxisten erkennen, der die Mehrwerttheorie „massengerecht“ darstellt. Ein perfekter Propagandist für die Demokratische Partei der USA, die seit spätestens Bernie Sanders den Sozialismus als Vision für Amerika entdeckt hat. Dazu passend sind viele Artikel nicht nur ins Amerikanische, sondern auch ins – Mexikanische übersetzt worden. Für den US-Amerikaner ist das ein politisches Statement „für Vielfalt und offene Grenzen“.

Die zweite Art von Lesern wird sich über Reichs Argumentation verwundert zeigen. Kein Arbeiter auf der ganzen Welt brauchte jemals die Mehrwerttheorie, um dem Tatbestand seiner Ausbeutung gewahr zu werden. Charakteristischerweise wird der Friseurgehilfe von Reich gefragt, warum er nicht mehr Geld bekomme, wenn die Geschäfte gut laufen, aber nicht, warum er nicht weniger Geld bekommt, wenn diese schlecht laufen.

Verblendet durch Marx‘ pseudowissenschaftliche Theorie sieht Reich nicht, daß die Frage der Bezahlung eine pure Machtfrage ist, die von der Mehrwerttheorie nur verkleistert wird. Diese Theorie hat eine ganz andere Funktion: sie soll den Kapitalismus an sich in Frage stellen. Der Friseurgehilfe könnte statt 100 im Monat 1000 Mark verdienen – solange der Unternehmer den Mehrwert einheimst, bleibt es eine (vermeintliche) Ungerechtigkeit. (Man sieht, ohne MORAL funktioniert der angeblich „materialistische“ Marxismus gar nicht!)

Gerade aus psychologischer Sicht ist Reichs ganzer Ansatz an Absurdität kaum zu überbieten. Der Friseurgehilfe soll seiner vermeintlich eigenen Interessen gegenwärtig werden und damit aufhören sich mit seinem Boß zu identifizieren. Dieser soll enteignet werden und der Mehrwert, der vorher in die Taschen des Kapitalisten floß, soll der Gemeinschaft der Werktätigen zugute kommen. Das bedeutet schlichtweg den Anreiz zu beseitigen, überhaupt Friseursalons aufzumachen und zu expandieren. Der erste Schritt hin zum Sozialismus ist stets die Einführung einer konfiskatorischen Erbschaftsteuer. Daß wir evolutionär so geprägt sind, für unsere Nachkommen zu arbeiten, d.h. für unsere Gene, und daß mit solchen Maßnahmen entsprechend der „psychologische“ Grundantrieb aller ökonomischen Aktivität zerstört wird… Zu diesem biologischen Erbe gehört auch, daß man sich mit seinem Boß identifiziert und mit ihm in Wettstreit tritt. (Ich verweise auf die soziopolitische Charakterologie und den dort beschriebenen grundlegenden „psychologischen“ Unterschied zwischen dem Konservativen, Identifikation und Wettstreit mit dem Vater, und dem Linken, subversive Rebellion gegen den Vater.)

Reichs hochnotpeinlicher Aufsatz ist nur von geschichtlichem Interesse, aber nun wirklich nichts für eine Zeitschrift, die der Verbreitung der Orgonomie dient. Läge der Fokus primär auf der Wissenschaft, würden die Aufsätze parallel im deutschen Original veröffentlicht werden und nicht ausgerechnet auf spanisch! Ich verweise auf Paul Mathews Ausführungen zu den SEX-POL-Essays: Reichs frühe Schriften werden gegen ihn selbst in Stellung gebracht. Die Emotionelle Pest in Aktion: Reich wird benutzt, um die Orgonomie zu zerstören.