Posts Tagged ‘Kapitalisten’

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 5)

9. Juli 2021

von Robert Hase

Reich stand nunmehr vor der Aufgabe, die sozialen Lehren aus dem Weltgeschehen zu ziehen, hatte doch der Faschismus, Reich zufolge „der extreme Despotismus“, Millionen von Menschen für sich gewonnen. Dieses Ereignis warf zum ersten Mal in der Geschichte der Soziologie und Massenpsychologie die Frage auf, „wie es möglich ist, dass unterdrückte Massen der politischen Reaktion folgen und sie zur Macht tragen“. An dieser Stelle hebt Reich ausdrücklich hervor, dass er als Erster diese Frage im Jahr 1930 formuliert hatte. Nunmehr, zur Zeit der Niederschrift (1944), werde sie breit diskutiert, doch zumeist ohne Verweis auf die Quelle. Er betone seine Priorität, weil er allein die Verantwortung für den sexualökonomischen Aspekt des Problems zu tragen hatte, während andere Massenpsychologen versuchten, das Verhalten der Massen in einer sozial harmlosen und gefahrlosen Weise begreiflich zu machen.

Damit dürfte Reich besonders das Buch Die Furcht vor der Freiheit von Erich Fromm, aber auch andere ehemalige Kollegen gemeint haben, z.B. Otto Fenichel. Wahrscheinlich ist damit auch die Neo-Psychoanalyse um Horney, Sullivan etc. gemeint, die analytisch-soziologische Schriften verfassten, aber ohne biologisches Fundament und die Libidotheorie negierten.

Mit dieser Frage, d.h. wie eine reaktionäre Bewegung mit Massenbasis, der Faschismus, möglich gewesen sei, wurden die gesellschaftlichen Akzente verschoben: „Wichtig war nicht mehr der reaktionäre Führer oder der Kapitalist, sondern ausschließlich die „menschliche Natur“, also die menschliche Charakterstruktur, die die Unterdrückung nicht nur akzeptierte, sondern sogar bejahte und förderte“. (3)

Es ging also nicht mehr um Unterdrückung auf der Rechten und um Unterdrückt-Werden auf der Linken. Vielmehr „war die gesellschaftliche Unterdrückung in den Menschen selbst am Werk“. Jedoch nicht als Manifestation eines angeblich biologischen „Todestriebes“ oder „Leidensbedürfnisses“, wie es eine degenerierte psychoanalytische Theorie formulierte, sondern, wie die Sexualökonomie als erste feststellte, „als Ergebnis gesellschaftlich bedingter Rigidität der menschlichen Plasmafunktionen, die wiederum die Gesellschaft mechanistisch rigide macht“.

Hier teilt Reich gegen Freud selbst und gegen seinen psychoanalytischen Kontrahenten Theodor Reik aus, der das Buch Aus Leiden Freuden (sic!), deutsche Originalausgabe 1940 bei Imago (London), schrieb. Reik setzte sich in dem Buch auch explizit mit Reich auseinander. (Später auch als Fischer Taschenbuch mit dem Titel Aus Leiden Freuden. Masochismus und Gesellschaft, neu herausgegeben.)

Reich meint, wenn man diese Rigidität des Massenmenschen nicht versteht, kann man keinem einzigen Schritt seiner Arbeit folgen. Es war im Wesentlichen dieses soziale Problem, das seine klinische Arbeit in eine Richtung zwang, die einige Jahre später eine wissenschaftliche Einsicht ersten Ranges hervorbrächte: den „muskulären Panzer“ bzw. die „charakterologische Hilflosigkeit“. Dergestalt habe, so Reich weiter, die Beschäftigung mit einem sozialen Problem die medizinische Forschung vorangebracht.

Mit der Verlagerung des gesellschaftlichen Akzents weg von kleinen Gruppen, politischen Parteien, einzelnen großen Männern usw. auf die Charakterstruktur der Menschenmassen brach die Sexpol zusammen, denn sie hatte auf einem Schwarzweißdenken beruht: der irrigen Vorstellung „Rechts ist schwarz“ und „Links ist weiß“. Die Verbreitung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Sexualökonomie unter den Massen stieß auf so große Schwierigkeiten und scheiterte schließlich, weil die Sexualökonomie die Panzerung des Massenindividuums nur theoretisch verstehen, aber nicht praktisch auflösen konnte.

Die Erfahrung zeigte immer wieder, dass Menschen, „die sich von der Sexualökonomie angezogen fühlten, nicht nur ein ernsthaftes Interesse hatten, sondern auf der anderen Seite auch sekundäre Triebe und eine pornografische Sexualstruktur, die eine verantwortungsvolle Lebensweise im sexualökonomischen Sinne unmöglich machte“. Die pornografische Sicht auf das Sexualleben war zu tief verwurzelt und zu sehr gesellschaftlich gestützt. Die natürliche Genitalität war zu sehr gestört und gesellschaftlich geächtet, um – wie Reich früher geglaubt hatte – sexuelle Selbstregulierung und natürliches Funktionieren zu ermöglichen. Die Sehnsucht nach Glück hatte keine Grundlage in der Fähigkeit zum Glück. Mehr noch, die politische Reaktion eines Mussolini oder Hitler ging von den Massen aus; die Massen selbst erwiesen sich in erster Linie als reaktionär. So erstaunlich und schmerzlich diese Tatsache zunächst gewesen war, so selbstverständlich war sie, wenn man sich an diese Einsicht gewöhnt hatte: Wenn die Masse der Menschen jahrhundertelang in Unwissenheit gehalten und mit falschen, oberflächlichen Parolen überschüttet worden sei und davon abgehalten wurde, ihr Leben selbst zu regeln, erntete die Gesellschaft nur die Früchte ihres Verbrechens an diesen Massen. Die Erkenntnis dieser Tatsachen machte die ökonomistische Sichtweise der „linken“ Parteien unhaltbar, denn diese Sichtweise rechnete mit eindeutig progressiven menschlichen Strukturen. Die klinische Erfahrung zeigte, dass die Masse sowohl reaktionär als auch progressiv ist. Das mache die Notwendigkeit von noch radikaleren sozialen Maßnahmen deutlich, entferne den Sexualökonomen aber auch immer mehr von den praktischen Möglichkeiten des Alltags. Die biologische Steifheit der Massen machte eine Massenorganisation, die gegen die Parteien gerichtet ist, unmöglich. So trat damals die Alltagspolitik mehr und mehr in den Hintergrund, ob die sexualökonomische Gruppe das wollte oder nicht.

Fußnoten

(3) Führer im engl. Original

Reichs Gründe der Abkehr von der Tagespolitik (Teil 3)

5. Juli 2021

von Robert Hase

Reich gibt sodann Aufschluss darüber, wieso Tagespolitik, in die sich auch die besten und ehrlichsten Sozialisten und Liberalen verstrickt hatten, sinnlos ist. Nach der Erkenntnis der biosozialen Katastrophe des Menschentieres entfernte sich die Gruppe der Sexualökonomen im gleichem Maße von der Tagespolitik, wie die Forschungen in die Tiefe vordrangen. Sie verstanden den Widerstand der Politiker, die die Verantwortung trugen, die Größe des Problems, das die „Gesellschaft des irrational reagierenden Menschentieres“ darstellt, zur Kenntnis zu nehmen. Denn je mehr man darüber erfuhr, desto aussichtsloser erschien es, desto schrecklicher erschien die gesellschaftliche Illusion von der Möglichkeit des Fortschritts „ohne Beseitigung jener menschlichen Struktur, die sich nach einem Führer sehnt“. (3)

Je dringlicher die Tagespolitik nach praktischen Maßnahmen rief, desto schärfer trat der Befund der Naturwissenschaft hervor: Die soziale Misere hat ihre Wurzeln weit, weit tiefer unten, als die Politiker es zu erkennen wagten. Sie ist verankert in der gepanzerten Charakterstruktur der Menschenmassen. Diktatoren sind nicht wichtig. Wichtig sind nur die Menschenmassen. Sie allein tragen, so Reich, die Verantwortung. Sie allein können sich selbst bewältigen. Reich betrachtet den Menschen als das einzige Tier, das den Kontakt zum Leben verloren hat, das unbeweglich wurde und aus seiner biologischen Steifheit heraus das heutige Chaos geschaffen hat. Die Voraussetzung für jede echte Freiheitsbewegung sei, so Reich weiter, die Beseitigung der Bedingungen und Institutionen, die eine Charakterpanzerung schaffen.

Dies war eine erschütternde Erkenntnis, denn sie zeigte, wie sinnlos es wäre, nur gegen Diktatoren und die politische Maschinerie zu kämpfen! Das würde nichts ändern, denn die hilflosen, obrigkeitshörigen Massen würden sofort neue Diktatoren der einen oder anderen Art schaffen und sich ihnen unterwerfen. (Wie gesagt: nur die Menschen selbst können sich bewältigen! [PN]) „Der Faschismus verdankt seine Macht der sozialen Hilflosigkeit der Massen und der unbewussten Sympathie vieler demokratischer Politiker für den Faschismus (München, 1938; Stalin-Hitler-Pakt, 1939).“

Anschließend behandelt Reich den Unterschied zwischen praktischer Arbeit und Ideologie: Die Parole „Bejahung des jugendlichen Sexuallebens“ klinge einfach, selbstverständlich und „revolutionär“, sei aber nur ideologisch, weshalb, wie er später schrieb, die historische Sexpol auf jeden Fall scheitern mußte. In dem hier beschriebenen Text schlägt Reich stattdessen vor, man solle es doch einmal praktisch versuchen, die Hindernisse zu beseitigen, die einer Jugendgruppe auf dem Weg zu einem gesunden Sexualleben entgegen stehen. Dabei werde man unweigerlich scheitern, solange man nicht wisse, wo man den Feind zu suchen hat: im Parteisekretär, der um die „Reinheit“ der Parteiideologie besorgt ist, im Schuldirektor, der um seinen Job fürchtet, und im Jugendlichen selbst, der unter Orgasmusangst leidet, ganz zu schweigen von Ministern und Staatsanwälten gleich welcher Parteiideologie.

Reich stellt fest, dass der Faschismus wie Unkraut wucherte, und das nicht nur in den Kreisen der Kapitalisten, sondern auch in den Kreisen des „kleinen Mannes“. Dass die Kapitalisten den Faschismus für ihre Zwecke nutzten, als er einmal da war, und dass wiederum der kleine Mann den Kürzeren zog, sei eine andere Geschichte. Wenn der Faschismus endgültig besiegt werden solle, müsse man sich klar vor Augen halten, dass all die nationalistischen Diktaturen, die den Weltkrieg entfachten, ihre Kraft aus den unterdrückten Massen bezogen. Das hätte mit Ökonomie direkt nichts zu tun, sondern sei Ausdruck der Massenstruktur, ein biopsychologisches Problem, das psychohygienische Maßnahmen in gigantischem Ausmaß erfordere. Kein Soziologe oder Politiker des vergangenen Jahrhunderts hätte voraussehen können, dass die unterdrückten Massen selbst eines Tages den irrationalen politischen Veitstanz unterstützen würden.

„Das war 1939 klar und der Krieg hat diese Erkenntnisse bestätigt. Aber ich wagte es erst 1942 aufzuschreiben und es wurde erst 1943 veröffentlicht („Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf“, lnternat. J. of Sex-economy and Orgone Research, 2, 1943, 97-121).“ (4)

Fußnoten

(3) Führer im engl. Original

(4) 1946 in der englischen Ausgabe integriert als 2. Unterkapitel von Kapitel X.

Siehe https://www.bibliotecapleyades.net/archivos_pdf/masspsychology_fascism.pdf

In der von Higgens-revidierten Ausgabe Kapitel XII. Siehe https://d-nb.info/1012166651/04

nachrichtenbrief203

2. Mai 2021

Wider Eurozentrismus, Patriarchat und Heteronormität

24. April 2021

Die Ideologie des Westens ist dermaßen von Eurozentrismus, „Männer-Zentrismus“ und „Genital-Zentrismus“ durchwirkt, daß sich niemand in die Muselmanen, Weiber und Schwuchteln wirklich reinversetzen kann!

Hier drei Beispiele, wie man diese ideologische Verblendung überwinden kann:

1. Unsere Freunde aus dem Morgenland sind nicht etwa undankbar, ganz im Gegenteil danken sie ihrem grausamen Wüstendämon Allah dafür, daß er sie ins gelobte Land gebracht hat und hier ständig reich beschenkt. Sie danken ihm, indem sie das ungläubige Gesindel bekämpfen, das widerrechtlich das Land bevölkert, das Allah seinen Sklaven, den Mohammedanern, geschenkt hat.

2. Die sogenannte „Frauenemanzipation“ ist nichts anderes als der Versuch des Patriarchats, die Frau den Stereotypen der Männlichkeit anzugleichen. Es wird das „Mannweib“ propagiert, das ihre Erfüllung darin sieht, sich von Kapitalisten ausbeuten zu lassen und auf dem Altar einer vermeintlichen „Karriere“ ihr ureigenstes Frausein zu opfern. Dazu soll sie sich kleiden und verhalten wie ein Mann und männertypische Krankheiten wie etwa Haarausfall und Herzerkrankungen zum Opfer fallen.

3. Jeder, der nicht der heterosexuellen Norm entspricht, wird durch die Ideologie der normativen Heterosexualität in eine obszöne Karikatur derselben hineingezwungen. Homosexuelle werden durch die heteronormative gesellschaftliche Ideologie Verhaltensweisen und sogar Sexualpraktiken aufgezwungen, die eine genaue Entsprechung der Heterosexualität sind bis hin zur „Heirat“. Es ist von „Zärtlichkeit“, „Treue“, „Liebe“, gar von „Orgasmus“ die Rede, statt den Sexus, die gesamte Biologie, die immer mit einem Speziesismus einhergehen wird, ganz hinter sich zu lassen und mit dem vermeintlich „Nichtlebenden“ eins zu werden. Nicht nur den Fortpflanzungszwang, sei es auch nur als Travestie, gilt es zu überwinden, sondern den zutiefst faschistischen Biozismus an sich, der sich imperialistisch gegen die „unbelebte“ Natur und die Robotik richtet.

Das ist Funktionalismus, d.h. etwas zu Ende denken. Linke sind dazu grundsätzlich nicht in der Lage. Das sieht man beispielweise auch am neusten Gedöns um den fehlenden Wohnraum. Exakt die gleichen Leute, die nach ihm rufen, trauern untröstlich um jeden Teichmolch und sehen nicht, daß das eine das andere ausschließt. Mein geliebtes Diekmoor wird in einen neuen öden Stadtteil voller Moslems verwandelt, weil Wohnraum wichtiger ist als alle Liebe zur Natur:

Oder wie ein geistig normaler und bedeutender orgonomischer Denker auf diesem Blog neulich sagte: linke Trottel!

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 15)

24. Dezember 2020

Die Sache mit dem Gehirn („liberal“) und dem Bauch („konservativ“) bringt mich schließlich zum leidigen Thema „Verschwörung“.

Um das ganze einordnen zu können muß man Reichs Entwicklung verfolgen. Anfangs war da das Konzept einer Kapitalistenklasse, die die Arbeiter ausbeutet und um dies effektiv zu tun mit Hilfe von Staat und Kirche deren Sexualität unterdrückt, um sie buchstäblich zu „Ochsen“ zu machen, die man, kastriert wie sie sind, leichter abrichten und unters Joch spannen kann. Eine Verschwörung „von oben nach unten“.

Sehr bald entwickelte Reich jedoch seine „Massenpsychologie des Faschismus“, derzufolge die ökonomische Unterdrückung die Menschen rebellisch macht, die dazu komplementär verlaufende sexuelle Unterdrückung sie jedoch ängstlich und folgsam macht, so daß sie die Rebellion aufgeben oder auf Scheinziele (beispielsweise „die Juden“) umlenken – und genau das ist Faschismus: das nach oben Buckeln und nach unten Treten. Die Massen unterdrücken sich selbst aus Angst vor der Freiheit (Orgasmusangst): sozusagen „von unten nach oben“.

Den ersten Ansatz konnten die Kommunisten noch eben gerade akzeptieren und wollten ihn für ihre Parteipropaganda nutzen (die Anfänge von Reichs „Sexpol“), doch die zweite Analyse trug Reich spätestens 1933 den maßlosen Haß der Kommunisten ein, der sich nochmals zuspitzte, als er Massenpsychologie des Faschismus 1946, ergänzt um eine Kritik am Stalinismus und die Präsentation des Konzepts „Arbeitsdemokratie“ (= der einzig wirkliche Antifaschismus: die Massen nehmen ihr Leben selbst in die Hand), in Amerika herausbrachte.

Daraufhin entwickelte Reich eine erneute „Verschwörungstheorie“: eine Klasse von Nichtsnutzen, die dem Arbeitsprozeß vollkommen entfremdet sind, versuchen „Liebe, Arbeit und Wissen“ zu zerstören, weil diese Funktionen ihre Charakterstruktur buchstäblich zu zerreißen droht: die organisierte Emotionelle Pest, die vor allem von Linksintellektuellen verkörpert wird.

Man muß stets mit beiden Faktoren rechnen: der Hilflosigkeit und dem latenten Faschismus der Massen einerseits und den Machtinteressen (letztendlich charakterlichen Zwängen) vermeintlicher „Eliten“ („die öffentlich-rechtlichen Medien haben einen Bildungsauftrag“).

Buchbesprechung: THE MASS PSYCHOLOGY OF FASCISM (Teil 5)

26. Oktober 2020

von Paul N. Mathews

 

Reich blickte mit Hoffnung auf Amerika, ungeachtet echter Missstände und Ungerechtigkeiten. Aber die Aktivitäten und Verzerrungen der Freiheitskrämer ließen ihn um den Fortbestand Amerikas als Bastion der allmählichen sozialen und sexuellen Revolution fürchten und das versetzte ihn wegen der Säuglinge und Kinder in Sorge.

Das lag daran, dass er deutlich sah, wie wenig die Freiheitskrämer die charakterologischen – bzw. biologischen – Voraussetzungen für die Selbstverwaltung und die Fähigkeit der Massen in dieser Hinsicht verstanden. Die Tendenz, sowohl in Skandinavien als auch in den Vereinigten Staaten, vom Privat- zum Staatskapitalismus überzugehen, hielt er angesichts der bestehenden Charakterstruktur für bedrohlich. Dieser Prozess erschien ihm als der eigentliche Mechanismus zur Schaffung eines faschistischen Staates – wie in Nazi-Deutschland und der Sowjetunion (1, S. 280-284)h. Obwohl er keine große Bewunderung für engstirnige Kapitalisten hatte, setzte Reich sie nicht mit Faschisten gleich, sondern betrachtete sie als Anhänger einer Wirtschaftsphilosophie und -praxis, die in einer gepanzerten Welt zu erwarten sind, genauso wie auch Sozialisten. Für Reich waren die Übel des Staatskapitalismus nicht auf dessen kapitalistische Züge zurückzuführen, sondern auf die Unfähigkeit der Massen, ihr Leben selbst zu verwalten, wodurch immer mehr Macht an Bürokraten verlagert wurde, die sich in Führeri verwandeln (7, 8)j. Der charakterologische bzw. biologische Faktor ist viel tiefer als alle Klassen- oder Wirtschaftsunterschiede und überschreitet alle Grenzen.

Der wesentliche Bestandteil für eine gesunde Gesellschaft ist der Kontakt zum Kern. Hier bot Reich eine höchst sinnvolle Herangehensweise für das menschliche Dilemma an: Arbeitsdemokratie, die die besten Merkmale der kapitalistischen Individualität und des Unternehmertums und der sozialen Kooperationsfähigkeit in sich vereinte, jedoch über beides hinausging durch ihre Betonung freudvoller Arbeit auf der Grundlage genitaler Gesundheit. Ein System ohne willkürliche Klassifikationen von Proletariat und Nichtproletariat, sondern das vielmehr all jene umfasst, die die „lebensnotwendige Arbeit“ als Ausdruck ihrer natürlichen Fähigkeit zu Arbeit, Liebe und Wissen leisten.

 

Anmerkungen des Übersetzers

h Massenpsychologie, ebenda, S. 251-255.

Zitate: „So grundverschieden auch die staatliche Kontrolle der sozialen Produktion und Konsumtion in Rußland, Deutschland, Skandinavien und den Vereinigten Staaten aufgrund der historischen Entwicklung ausfiel, es gab dennoch einen gemeinsamen Nenner: die Unfähigkeit der Menschenmassen zur Selbstverwaltung der Gesellschaft, und aus dieser gemeinsamen Grundlage der staatskapitalistischen Entwicklung folgt logisch und einfach die Gefahr der Entwicklung autoritärer Diktaturen. (…) Es gibt in Wirklichkeit, gesehen von der Struktur und Ideologie der arbeitenden Menschenmassen, keine einzige konkrete Garantie dafür, daß sich aus der staatskapitalistischen Richtung keine Diktatur entwickelt.“

„Der deutsche und der russische Staatsapparat waren aus alten Despotismen hervorgegangen. Das charakterliche Untertanentum der Menschenmassen war daher in Deutschland und Rußland außerordentlich stark. So führte in beiden Fällen die Revolution mit der Treffsicherheit irrationaler Logik zu neuem Despotismus. Verglichen damit ging der amerikanische Staatsapparat aus Menschengruppen hervor, die sich dem europäischen und asiatischen Despotismus durch die Flucht in eine jungfräuliche, von aktuell wirksamen Traditionen freie Gegend entzogen hatten. (…) Wenn wir den Tatsachen gerecht sein wollen, dann müssen wir, ob wir es wollen und mögen oder nicht, feststellen, daß die Diktatoren Europas, die sich auf Millionenmassen stützten, durchwegs aus den unterdrückten Volksschichten stammen.“

„Der Einfluß der Charakterstruktur der Menschenmasse ist entscheidend für die Staatsform, gleichgültig ob sie sich durch Passivität oder durch Aktivität ausdrückt.“

i Im Original steht: führers

j Hayek: Der Weg zur Knechtschaft. Olzog, München 2009. (Erstübersetzung: Eugen Rentsch, Erlenbach-Zürich 1945.)
Burnham: Das Regime der Manager. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 1951

 

Literatur

1. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. Translated by Theodore P. Wolfe, M.D. New York: Orgone Institute Press, 1946.
7. Hayek, F. A.: The Road to Serfdom. Chicago: University of Chicago Press, 1962.
8. Burnham, J.: The Managerial Revolution. New York: John Day Co., 1941.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 5 (1971), Nr. 1, S. 107-112.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Arbeitsdemokratie, Emotionelle Pest und Sozialismus (Teil 4)

25. September 2020

Generell muß ich über Marx und Reich folgendes sagen:

1. Wenn die Leute vor Marx‘ Zeiten, sagen wir, ein hochherrschaftliches Schloß betrachteten, dachten sie an den Fürsten oder König und vielleicht an den Architekten und einige große Künstler als „die Erbauer“. Wenn ein Marxist dasselbe Gebäude (oder etwas anderes von Menschenhand Geschaffene) betrachtet, sieht er nur die „lebendige Arbeitskraft“ in irgendeiner Materie verdichtet bzw. „geronnen“. Es ist ähnlich wie Reichs Konflikt mit den Freudianern, die nur Symbole und „Komplexe“ und anderes verkopftes psychisches Zeugs sahen, während Reich die freie Libido in verspannten Muskeln und Verhaltenssymptomen erstarren sah. Es geht um Arbeitsenergie (Marxismus) und Sexualenergie (Psychoanalyse).

2. Im Vergleich zu vorangegangenen Arbeiten zum Thema habe ich meine orgonometrische Sicht auf die Marxsche Werttheorie geändert, die die Arbeit auf das rein quantitative Maß der Zeit reduziert. Eigentlich steht hinter dieser Theorie das zentrale Konzept des Dialektischen Materialismus von „Quantität schlägt in Qualität um“, die primäre Materie wird gewissermaßen zum daraus abgeleiteten „Geist“, was eben den „Materialismus“ konstituiert. Heute glaube ich, daß hinter dieser Denkfigur etwas Funktionelles steckt, nämlich die orgonotische Kreiselwelle. Bei der Arbeitsenergie geht die über lange Zeit gedehnte Pulsfunktion („Quantität“) plötzlich in die Wellenfunktion („Qualität“) über. Ähnlich wie bei der Sexualität, also dem Bereich der Sexualenergie: lange Reibung, kurzer Höhepunkt.

3. „Reich’s Marx“ ist im Wesentlichen der Anfang von Das Kapital. Hier beschreibt Marx in klassischer Weise die Funktion der lebendigen Arbeit. Kein Wunder, daß Reich davon fasziniert war. Jeder ist fasziniert, der das liest. Aber der Pestcharakter Marx konnte seine wesentliche Einsicht nicht entwickeln, und der Rest von Das Kapital ist unlesbarer pseudodialektischer Müll. Noch schlimmer sind Band 2 und 3, die erst von Engels auf der Grundlage von Notizen geschrieben wurden, die Marx hinterlassen hatte. Die einzige Funktion der riesigen Buchstabenwüste besteht darin, daß Marxisten auf dicke Bände angeblicher „Wirtschaftswissenschaft“ verweisen können.

4. Wie ich bereits angedeutet habe, produziert nicht nur der Arbeiter einen „Mehrwert“, sondern auch der Kapitalist. Die letztere Funktion wurde vor Marx von allen gesehen (siehe Punkt 1), aber seit Marx vernachlässigt man sie. Heute sagt man zum Beispiel, daß die Neger Amerika aufgebaut haben, was natürlich eine Absurdität ist. Warum hatten die Schwarzen dann in ihrer afrikanischen Heimat nichts aufgebaut? Der weiße Meistergeist hinter ihrer Arbeit war natürlich wesentlich. Wenn man Reichs Massenpsychologie des Faschismus aufmerksam liest, sieht man, daß er versucht hat, beide Standpunkte, beide „Mehrwerte“, in einem gemeinsamen Funktionsprinzip zu harmonisieren. Auf unheimliche Weise taten die Stalinisten dasselbe, als sie in einer fast schon psychotischen Weise Stalin als den führenden Kopf hinter den „Errungenschaften der Sowjetunion“ darstellten.

5. Was ist Kommunismus? Im Gegensatz zur öffentlichen Meinung, die Dutzende von „Marx-Bänden“ (fast alles Polemiken und endlose Notizen zu ökonomischen Fragen) sieht, hatte Marx nur drei Werke geschrieben: Das Kommunistische Manifest (zusammen mit Engels), den ersten Band Das Kapital und Fußnoten zum Gothaer Parteiprogramm der SPD. Und all das läuft auf das hinaus, was die vormarxistischen ursprünglichen Kommunisten der Arbeiterklasse lange vor dem Plagiator Marx gelehrt hatten:

Das Kommunistische Manifest: die rationale Organisation der Gesellschaft nach den Erfordernissen der Arbeit und nach denen, die tatsächlich die Arbeit verrichten (eine Art Arbeitsdemokratie = Sozialdemokratie).

Das Kapital: Arbeit wird in Zeiteinheiten gemessen.

Fußnoten zu Gotha: jeder Arbeiter sollte Bezugsscheine je nach der Zeit erhalten, in der er gearbeitet hat (Sozialismus) – später, in einer perfekten kommunistischen Gesellschaft, würde jeder diese Coupons nach seinen Bedürfnissen erhalten.

Offensichtlich gibt es hier eine gewisse Rationalität, denn auch beispielsweise medizinische Orgonomen werden streng nach der Zeit bezahlt, die Sie mit Ihren Patienten verbringen. Und in einem Wohlfahrtssystem erhalten die Bedürftigen „Bezugscoupons“ entsprechend ihren Bedürfnissen. Und es ist offensichtlich, wie all dies wegen der Emotionellen Pest allzuschnell in roten Faschismus („Stalinismus“) ausarten kann.

Der rechte Blick auf DIE MASSENPSYCHOLOGIE DES FASCHISMUS (Teil 10)

11. April 2020

Es ist verachtenswert ein „Revolutionär“ oder „Rebell“ zu sein, denn altes einzureißen ist schnell und einfach gemacht. Und was macht das Gesindel dann? Es bedarf unendlicher Anstrengung und Disziplin ein Konstruktor zu sein. Es bedarf all der Tugenden, die den Revolutionären und Rebellen abgeht. Entsprechend konnte Friedrich von Hayek den Untergang der UdSSR wirklich exakt vorhersagen: 70 Jahre, also zwei Generationen, in denen all die Investitionen und Immobilien, die die Kapitalisten errichtet hatten, verrottet bzw. hoffnungslos überaltert sind. Es gibt keinen „sozialistischen Aufbau“!

Wer sind heute unsere „ideologischen“ TODfeinde? Alle die, die den „Dekonstruktionisten“ Althusser, Deleuze, Foucault, Lacan etc. folgen in ihrem Kampf gegen Gesetz, Ordnung, Wissenschaft und die Wahrheit selbst. Dinge, die nur die bürgerlichen Machtverhältnisse verschleiern würden, die ihrerseits immer neue Katastrophen gebierten. Obwohl gerade zu Hochzeiten der besagten „Intellektuellen“, unter deren Augen und in deren unmittelbaren Umgebung (Paris), mit Pol Pot, Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, einer der größten Völkermorde der Menschheitsgeschichte zum Anlauf ansetzte (Roger Scruton: How to be a Conservative, Bloomsbury 2015, S. 5).

Andererseits, die Orgonomie kann gar nicht konservativ sein, weil es keinen Weg zurück gibt. Wie nicht zuletzt die verbrecherischen Körperpsychotherapien zeigen. Wenn erst einmal die Panzerung in Bewegung geraten ist, stehen nur drei Wege offen: Entweder es kommt zum kompletten chaotischen Zerfall oder es kommt zu einer noch weitaus verhärteteren reaktiven Panzerung, die die ursprüngliche in den Schatten stellt. Die dritte Alternative eröffnet einzig und allein eine korrekt durchgeführte Orgontherapie: die Beseitigung der Panzerung, orgastische Potenz.

Die „Dekonstruktion“, insbesondere die der Sexualmoral, führte zu einer Unterminierung der gesellschaftlichen Panzerung, die durch kein „Zurück“ mehr aufgefangen werden kann. Es wäre nicht mal sonderlich erstrebenswert, denn die vermeintlich „guten alten Zeiten“ waren alles andere als gut. Es ist so wie mit den alten Hamburger Arbeiterbezirken, die durch den „antifaschistischen“ Bombenterror der Alliierten ausgebrannt wurden. Wie meine Mutter mal sagte: sie wirkten nur solange malerisch, wie man nicht drin wohnen mußte! Nur ein weltfremder Idiot sehnt sich nach der „guten alten Zeit“ zurück!

Die Orgonomie ist in dem Sinne konservativ, als sie glaubt, daß es die Arbeitsdemokratie und das „Gute, Wahre und Schöne“ (die Gesundheit in Gestalt der gesellschaftlichen Ideale) schon immer untergründig gegeben hat und daß man sich daran halten muß, um eine neue Gesellschaft aufzubauen, die gar nicht so „neu“ sein wird. Tatsächlich wird sich so gut wie nichts verändern, genauso wie sich ein gesundes Individuum, das endlich sein Ichideal lebt, kaum verändert haben wird. Imgrunde bleibt alles beim Alten, außer das eben die Ideale mehr sein werden als bloße Träume (der Kontakt zum Kern ist hergestellt) – und, fast genauso wichtig: die Emotionelle Pest in Gestalt der linken Destruktoren wird radikal ausgemerzt sein.

Freudismus, Marxismus, Orgonomie und Verschwörungstheorien

6. April 2020

Gestern habe ich die Frage der Intentionalität offengelassen. Das möchte ich heute nachholen:

Verschwörungstheorien und Orgonomie? Schwierig! Einfach, weil Reich selbst eindeutig „Verschwörungstheoretiker“ war, von wegen „The Red Thread of a Conspiracy“ (Der rote Faden einer Verschwörung), andererseits dieses Denken in Begriffen bewußter Intentionalität der Orgonomie so wesensfern ist. (Wobei natürlich von vornherein zu sagen ist, daß niemand und keine Theorie derartige Verschwörungen jemals wirklich ausschließen kann!)

Die Psychoanalyse war in ihrem Wesen vor allem eine Psychologie, in der es um Bilder, Vorstellungen und Intentionen ging, d.h. um Bewußtsein, das Vorbewußte und vor allem das Unbewußte, das sich aber immer noch mit Hilfe der Sprache ausdrückt. Reich gesamter Ansatz hingegen war es nicht nur jenseits des Bewußtseins, sondern prinzipiell auch jenseits der Sprache zu gehen. Es ging also sozusagen nicht um die „K-a-t-z-e“, sondern um die Katze als „Ding an sich“. Das Unbewußte war entsprechend unmittelbar in der verspannten Muskulatur gegeben, jenseits aller Sprache. Und die Sprache selbst war unmittelbarer Ausdruck von Körperlichkeit, beispielsweise in dem Wort „Hartnäckigkeit“. Psychologie und Soziologie wurden auf Biologie reduziert und die weiter auf Physik bzw. „Biophysik“.

In dieser Weltsicht bleibt kein Platz für eine zentrale Rolle von Intentionalität, dem „freien Willen“, der insbesondere in der Gestalt des „gefallenen Engels“ Satan zum Ausdruck kommt, der dem Vaterunser zufolge mit seinen bewußten Machinationen hinter allem steckt, was in der Welt falschläuft. Auf diese Vorstellung lassen sich wirklich alle Verschwörungstheorien zurückführen, von der „jüdischen Verschwörung“ („die Synagoge Satans“) angefangen. Das Denken der weitaus meisten Menschen auf diesem Planeten wird von diesem Grundmuster („alles läßt sich auf die böse Intention zurückführen“) geprägt, insbesondere in der moslemischen Welt.

Für die Orgonomie gibt es nicht „den Bösen“, sondern nur „das Übel“ der Panzerung, das jeden guten Impuls in sein Gegenteil verkehrt. Mit anderen Worten geht es um Struktur ganz entsprechend dem Marxismus. In Der Mensch im Staat legt Reich größten Wert darauf, daß für Marx die Kapitalisten keine „Teufel“ waren, sondern Menschen, die in einem System gefangen sind, das ihnen selbst keine Wahl, keine Willensfreiheit läßt. Von daher sind alle Verschwörungstheorien über „die bösen Kapitalisten“ null und nichtig bzw. rotfaschistische Propaganda.

Wenn Reich von „Verschwörung“ spricht, dann meint er etwas vollständig anderes: die Emotionelle Pest, d.h. keine intentionale, „gedankliche“ Verschwörung, sondern eine emotionale Verschwörung. Dabei geht es um objektive Strukturen, d.h. die Panzerung, die aus gesunden (primären) Impulsen kranke (sekundäre) Impulse macht, welche für gepanzerte Menschen leider ansprechender (sozusagen naher) sind als die primären (die bedingt durch den Panzer fern, fremd und deshalb nicht ansprechend wirken). Es entwickelt sich entsprechend ein struktureller Zwang „Böses“ (eben „Sekundäres“) zu tun, ähnlich wie bei Marx die Kapitalisten auch bei besten bewußten Intentionen durch das kapitalistische System gezwungen sind, die Arbeitskraft ihrer Mitmenschen auszubeuten.

Die hier erläuterte Unterscheidung mag spitzfindig klingen, entspricht aber dem, wie Reich den Unterschied zwischen ursprünglichem „Arbeiterkommunismus“ und dem späteren roten Faschismus der Sowjetunion beschrieb. Gleicher Art ist der Unterschied zwischen den üblichen Verschwörungstheorien und dem, was Reich mit „The Red Thread of a Conspiracy“ ausdrücken wollte. Ihm ging es dabei nicht um „Verschwörungen“ per se, sondern um „emotionale Verschwörungen“, die auf dem beschriebenen (charakter-) strukturellen Zwang beruhen.

David Holbrook, M.D.: REICHS POLITIK

15. Dezember 2019

 

DAVID HOLBROOK, M.D.:

 

Reichs Politik