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Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 9)

14. Mai 2020

von Paul Mathews, M.A.

 

Eine andere Methode besteht darin, Amerika mit dem Verhalten dieser faschistischen Kräfte gleichzusetzen. Sie hat die Funktion, anscheinend beide Seiten im Interesse des utopischen Ideals zu verdammen. Auf mehr subtile Weise dient es der Funktion, das Identifikationsobjekt – die extreme Linke oder die Kommunisten – zu verteidigen, indem sie heimlich dem anerkannten Anstand Amerikas gleichgestellt werden, was bedeutet, wenn die Sowjetunion so schlecht ist wie Amerika, dann ist sie auch genauso gut. Es ist im Wesentlichen eine umständliche Abwehr3. Nochmals, wie Reich erklärte:

Die Menschen weichen der Wahrheit aus, weil schon das erste bißchen Wahrheit, das ausgesprochen oder gelebt würde, weitere Wahrheit hervorriefe; und dies würde sich unberechenbar fortsetzen und die meisten Menschen aus ihrer gewohnten Bahn werfen. Im Grunde aber wissen die Menschen, was wahr ist und was nicht, auch wenn sie so oft der Lüge beistehen. Sie unterstützen die Lüge, weil sie zu einer Krücke geworden ist, ohne die das Leben nicht mehr möglich wäre. Deshalb steht . . . die Wahrheit und nicht die Lüge unter dem Verdacht, falsch zu sein. (1:174)i

Ein weiterer Fallstrick des Mechanismus der Gleichsetzung ist der Glaube, dass man mit der organisierten emotionellen Pest genauso umgehen kann wie mit einem einfachen neurotischen oder gesünderen System. Dies führt unweigerlich zu solch potenziell katastrophalen Herangehensweisen wie der einseitigen Abrüstung sogar ohne Inspektion unter dem Deckmantel des Vertrauens in die Sowjets, sowie der Weigerung, die sowjetischen Eingriffe in Lateinamerika und anderswo klar zu sehen und sich ihnen gewaltsam zu widersetzen. Nämlich, da wir keine Expansionisten und auch keine Imperialisten mehr sind, folgt, dass sie es im Grunde genommen auch nicht sind bzw. sie davon überzeugt werden können und ihnen die Gewissheit gegeben werden kann, dass wir keine Bedrohung für sie darstellen (eine Tatsache, die sie bereits gut verstehen und die ihre vergangenen Abenteuer erklärt). Norman Podhoretz erklärt bei der Beschreibung der Liberalen in den 1930er und 40er Jahren:

Solche Leute, die sich im Allgemeinen als Liberale betrachteten. … weigerten sich hartnäckig zu glauben, dass die Sowjetunion so schlimm sei, wie es den Anschein hatte, oder dass Kommunisten etwas Anderes seien als „eilige Liberale“. Sie waren immer geneigt, der Sowjetunion den Vorteil des Zweifels zu geben, standen immer bereit mit einer entschuldigenden Erklärung für alles, was die Sowjets taten, und waren ebenso bereit, die Kommunisten als Teilnehmer am Kampf für soziale Gerechtigkeit im eigenen Land zu behandeln, zusammen mit anderen rechtschaffenen, anständigen, fortschrittlichen Menschen. (18)

Die letzte Zeile dieses Zitats bringt natürlich all jene „ehrbaren, fortschrittlichen“ Menschen auf eine Linie mit der Sowjetunion gegen ihre eigene Heimat („daheim“). Ein wesentliches Merkmal der „liberalen“ Haltung war laut Podhoretz ihre „Weigerung, den Kommunismus als Ideologie oder die Sowjetunion als Feind ernst zu nehmen“. Anscheinend hat sich nichts geändert. Das liberale „Establishment der Abwehr“, ein Produkt der Kindererziehung und der intellektuellen Indoktrination, die aus dem „Zeitalter der Vernunft“ stammt, hat sich gehalten. Die verzerrte Abwehr der sexuellen Energie des Kerns, die sich in religiöse Mystik verwandelte, die frühere historische Perioden kennzeichnete und sich als direkte oder rationalisierte Ausdrücke der sekundären Schicht manifestierte, wurde selbst in die nicht-religiöse Ideologie des säkularen Humanismus konvertiert, der den Intellekt als Gottheit inthronisiert hatte und lernte, in der tertiären Schicht des falschen Humanismus die gleichen Gräueltaten zu begehen wie sein Vorgänger. Obwohl die Ideologie des Liberalismus seit einigen Jahrhunderten Liebe, Frieden, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit predigt, haben deshalb die Katastrophen mit ihren letztendlichen Auswirkungen fortbestanden. Die Frage ist, ob eine Welt, in der nur ein kleiner Prozentsatz der Menschen ausreichend frei, ernährt, untergebracht und sexuell aufgeklärt ist, überleben kann, wenn die Mechanismen der Ideologie und des Nichtglaubenwollens bei zukünftigen Aktionsprogrammen nicht verstanden und berücksichtigt werden. Jean-Francois Revel stellte fest:

Jede Gesellschaft, egal welcher Art, kann heute der Demokratie beitreten, mit einer einzigen Ausnahme: der kommunistischen Gesellschaft, die nicht demokratisch werden kann, ohne sich selbst zu zerstören. Verständlicherweise versuchen totalitäre Strategen also, diese Tendenz in der immer noch formbaren Welt um sie herum umzukehren oder zu blockieren. Weniger leicht zu verstehen ist, dass sie einige ihrer eifrigsten Jünger aus den Führern und Denkern der Demokratie rekrutieren können. (19) [Hervorhebung hinzugefügt.]

Die „Führer und Denker“, auf die sich Revel bezieht, sind die Liberalen und Linken, deren Ideologie hier beschrieben wurde.

 

Anmerkungen

3 Winston Churchill sagte: „Setzen Sie denjenigen, der ‚Feuer‘ schreit, nicht mit dem Brandstifter gleich.“

 

Anmerkungen des Übersetzers

i Christusmord, Verlag Ullstein GmbH, 1983, S. 309.
The Murder of Christ, Farrar, Straus and Giroux, Sixth Printing, 1971, S. 174.

 

Literatur

1. Reich, W.: The Murder of Christ. Rangeley, Maine: Orgone Institute Press, 1953.
18. Podhoretz, N.: The Bloody Crossroads. New York: Simon & Schuster, 1986, S. 24.
19. Revel, J.-F.: How Democracies Perish. New York: Harper & Row, 1985, S. 345.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 21 (1987), Nr. 1, S. 68-83.
Übersetzt von Robert (Berlin)