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Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 7)

8. Mai 2020

von Paul Mathews, M.A.

 

Das sicherste Zeichen von Rassismus ist das Rassenbewusstsein. Der Liberale ist ein Paradebeispiel für letzteres. Er verströmt Rassenbewusstsein in seiner übertriebenen Ehrerbietung gegenüber den Schwarzen. Es ist sein Schuldgefühl, das zu Buche schlägt und das er kompensieren muss. Nicht so sehr Schuldgefühle für Dinge der Vergangenheit – wie er vielleicht behauptet – sondern tatsächlich für die Gegenwart, Schuldgefühle für seinen eigenen Rassismus der sekundären Schicht, die er durch eine oberflächliche Fassade aus übertriebener Sorge, Sympathie und Mitgefühl verbirgt. Er ist verärgert über diejenigen, die nicht rassenbewusst sind und für Schwarze die gleichen Standards wie für Weiße fordern, weil ihr wahrer Nicht-Rassismus – und in einigen Fällen ein verbleibender, aber direkt zum Ausdruck gebrachter Rassismus – seine oberflächliche Abwehr bedroht und die Maske seiner Unaufrichtigkeit wegreißt. Dieser Prozess ist analog zu vielen liberalen Abwehrhaltungen, was ihn mit den Schwarzen bzw. mit dem „Frieden“, dem „Hunger“, dem „McCarthyismus“ in Verbindung bringt und die Kommunisten als das enthüllt, was sie wirklich sind.

Nun sprechen wir nicht von echter Sorge, Sympathie und Mitgefühl für eine gute Sache. Das Problem ist, dass die kompensatorische, d.h. abwehrende Sorge, starr und mechanistisch ist. Sie beruht nicht auf ihrem vorgeschobenen Motiv und ist daher weder der korrekten Wahrnehmung eines bestimmten Problems noch seiner Lösung zugänglich. Das oberflächlich abwehrende Individuum – d.h. der moderne Liberale – muss sich mit einer Frage auf der Grundlage seiner persönlichen Bedürfnisse und nicht auf der Grundlage der Fakten befassen. So wird z B. „positive Diskriminierung“ zu einer Religion und nicht zu einer zweckmäßigen Maßnahme, die geändert oder widerrufen werden kann, wenn die Ergebnisse darauf hinweisen. Die Entspannung gegenüber einem unnachgiebigen Feind muss aufrechterhalten werden, damit er seine „Friedensliebe“ zeigen kann. „Schwulenrechte“ und „Frauenrechte“ müssen unabhängig von bizarren Verzerrungen der Realität unterstützt werden. Nationen und Individuen der Dritten Welt müssen begünstigt oder sogar gefeiert werden, ungeachtet der Mängel hinsichtlich ihrer Menschlichkeit oder ihren demokratischen Strukturen – deren Ursache als Produkt der Unterdrückung durch das eigene Land („Vater“) rationalisiert und ihm zur Last gelegt werden muss – das im Vergleich unendlich demokratischer und menschlicher sein kann. Das letztere Phänomen beruht nicht nur auf der üblichen Rebellion gegen den Vater, sondern gleichzeitig und funktionell auch auf der unbewusst wahrgenommenen Identifikation mit dem Vater, von der die Rebellion sich ableitet. Sobald der Kurs der Rebellion eingeschlagen ist, muss er aus Angst vor einer Regression ständig verstärkt werden – genau wie der phallische Narzisst sich ständig gegen eine Regression auf die anale Stufe wehren muss. Außerdem, so wie die Demaskierung der phallischen genitalen Rache zu einer kriecherischen, verängstigten Person führt, so führt die Demaskierung des Liberalen zuerst zu Wut und dann zu Angst. Das ist es, was Reich mit dem Begriff „struktureller Zwang“ meinte. Das Nichtsehenwollen wer der wirkliche Feind ist, kommt daher dem strukturellen Zwang gleich, sich gegen die Enttarnung der wahren Natur des Charakters zu wehren.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 21 (1987), Nr. 1, S. 68-83.
Übersetzt von Robert (Berlin)