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Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 6)

6. Mai 2020

von Paul Mathews, M.A.

 

Lassen Sie uns an dieser Stelle eine Pause einlegen, um einige zwingende Fragen zu stellen: Wie bestimmen wir, was ideologisch und was natürliches, rationales Denken ist? Wie messen wir den Grad der Wahrheit in der Ideologie? Auch hier können wir uns an Reich wenden, um uns beraten zu lassen:

Wahrheit ist voller, unmittelbarer Kontakt zwischen wahrnehmendem und wahrgenommenem Leben. Je besser der Kontakt ist, desto voller ist das wahrheitsgetreue Erleben. Je besser die Funktionen der lebendigen Wahrnehmung koordiniert sind, desto umfassender ist eine jeweilige Wahrheit. Und die lebendige Wahrnehmung ist genau in dem Grade koordiniert, wie die Bewegung des lebendigen Protoplasmas koordiniert ist. . . . Wahrheit ist ihrem Wesen nach kein ethisches Ideal, wie viele Glauben. Sie wurde erst zum ethischen Ideal, als sie zusammen mit dem „Paradies“, d.h. der vollen Funktionsfähigkeit des Lebendigen im Menschen, verloren ging. . . . Wahrheit ist in einem und wirkt in einem, genau wie das Herz eines Menschen schlägt und seine Augen sehen, nämlich gut oder schlecht, je nach dem Zustand seines Organismus. . . . Wahrheit ist demnach eine natürliche Funktion, ebenso wie das Gehen oder das Laufen oder das Jagen von Bären bei den Eskimos oder das Auffinden von Spuren des Feindes bei den Indianern. (1:167)f

Wenn es also eine grundlegende Wahrheit gibt, dann sind es die Gesetze des Lebens. Reichs Entdeckung der Orgasmusformel und des funktionellen Denkens haben verdeutlicht, welche diese Gesetze sind. Die Wahrheit liegt also unter den Trümmern der sekundären Schicht und ihrer oberflächlichen Fassade. Sie liegt innerhalb des primären Kerns der Lebensstruktur. Rationales Denken muss daher in funktioneller Hinsicht den Bedürfnissen dieses Kerns entsprechen und nicht der Abwehrfunktion der oberen destruktiven und täuschenden Schichten. Reich bezeichnete die sekundäre Schicht als das „Reich des Faschisten“ und die äußere Schicht als das „Reich des Liberalen“ (15). Damit verdeutlichte er die Charakterfunktion des Liberalen; dass er seine Schuld und Scham vor anderen und vor sich selbst verbergen muss. Die humanistische Ideologie des Liberalen ist, wie E.F. Baker und andere gezeigt haben, nur eine große Täuschung, die ironischerweise versucht, das Gute des primären Kerns zu nutzen, um es sehr gut abzuwehren (16, 17). Der Liberale tut dies, indem er eine Ethik von Güte und „Fairness“ schafft, die aufgrund ihrer kontaktlosen und mechanistischen Anwendung unweigerlich zum Gegenteil führt und zur Unterstützung der schlimmsten Unterdrücker der Menschheit, der organisierten und der unorganisierten. Hinsichtlich der Liberalen („Freiheitskrämer“) sagte Reich:

. . . Er meint nicht das, was er sagt. Er weiß nichts über das Leben und dessen Schwierigkeiten. Er verwandelt alle Realitäten in Formalitäten und alle praktischen Probleme des Lebens in Ideen über ein zukünftiges Paradies der Menschheit. Auf diese Weise bringt er sich – und wenn er durch gutgläubige Massen an die Macht gebracht wurde, auch diese – in eine schlimme Situation. . . . Wahrheit ist für ihn ein „Ideal“ und nicht die Art und Weise, in der alle Angelegenheiten erledigt werden. Ist er rechthaberisch, so glaubt er, dass er die Wahrheit verteidigt. Der Konservative, der aus der instinktiven Kenntnis der großen Schwierigkeiten, die mit dem Streben nach Wahrheit verbunden sind, den status quo im gesellschaftlichen Leben verteidigt, ist weit ehrlicher. (1:173g)

In Übereinstimmung mit dem obigen Zitat neigt der Liberale dazu, sich selbst als ein Modell für Mitgefühl, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit darzustellen. Doch wo immer sein Einfluss vorherrscht, wird entweder das Gegenteil von dem erreicht, was er angeblich anstrebt – oder eine grobe Verzerrung davon – wie ein Zustand der Zügellosigkeit, der Verwirrung, des Chaos und der Unordnung, der sich leicht für eine Übernahme durch eine Gegentyrannei (das Weimarer Deutschland, Kerenskis Russland, Benes‘ Tschechoslowakei usw.) oder der Reaktion eignet. Dafür gibt es, wie bereits erwähnt, einen guten Grund, also lassen Sie uns unter anderem speziell die Frage des modernen Liberalismus und des Rassismus untersuchen.

 

Anmerkungen des Übersetzers

f Christusmord, Verlag Ullstein GmbH, 1983, S. 297f.
g Christusmord, Verlag Ullstein GmbH, 1983, S. 307. Fehlendes Kursiv hinzugefügt.

 

Literatur

1. Reich, W.: The Murder of Christ. Rangeley, Maine: Orgone Institute Press, 1953.
15. Reich, W.: The Mass Psychology of Fascism. New York: Orgone Institute Press, 1946, p.viii.
16. Baker, E.F.: Man in the Trap. New York: Macmillan Co., 1967.
17. Mathews, P.: „A Functional Understanding of the Modern Liberal Character“, Journal of Orgonomy, 1(1&2), 1967.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 21 (1987), Nr. 1, S. 68-83.
Übersetzt von Robert (Berlin)