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Ideologie und das Nichtglaubenwollen (Teil 11)

19. Mai 2020

von Paul Mathews, M.A.

 

Ich wäre nachlässig, wenn ich nicht auch die ideologische Blindheit der Rechten unter bestimmten Umständen und an bestimmten Orten anerkennen würde. A.M. Rosenthal, der geschäftsführende Herausgeber der New York Times, schrieb einen wichtigen Artikel mit dem Titel „Reise inmitten der Tyrannen“, in dem er die USA dafür geißelt, dass sie mit unseren tyrannischen „Freunden“ nicht genauso entschieden auf Freiheit insistieren, wie wir den Kommunisten ablehnend und feindlich gegenüberstehen (20)j. Er räumt jedoch eine Haltung der Apathie und Blindheit westlicher Journalisten und Liberaler – einschließlich der New York Times – gegenüber den Kommunisten ein. Diese Haltung führt er zum Teil auf die Erkenntnis zurück, dass die Kommunisten „sich nicht durch das ändern, was der Rest der Welt von ihnen denkt, genauso wenig wie sie sich zurückziehen“ und zum Teil (hinreichend ehrlich) auf „politische Neigungen“. In meinem (wie üblich) unveröffentlichten Brief an die Times zu seinem Artikel lobte ich ihn für seinen brillanten Stil, seinen beeindruckenden, scheinbar einzig dastehenden Standard (er geißelt diejenigen, die die linken Tyrannen unterstützen), seine Ehrlichkeit (in Bezug auf seine eigene Zeitung und seine „politischen Neigungen“), und ich schloss mit folgenden Worten:

Genau diese Doppelmoral verschärft das Dilemma für diejenigen, die den Demokratisierungsprozess in Ländern, in denen wir eine gewisse Macht haben, beschleunigen wollen. Wie viel einfacher wäre es für uns, auf Demokratie in Chile zu drängen, wenn es eine ebenso große Verurteilung der Tyranneien in Kuba und Nicaragua gäbe, die bereit sind zu gewinnen? Wie viel einfacher wäre es, selektiver in den Reihen der Contras in Nicaragua zu sein (deren Anzahl von Somozisten meiner Meinung nach Herr Rosenthal stark übertrieben hat), wenn die Sandinisten nicht im öffentlichen Fernsehen und anderswo gepriesen und entschuldigt würden? . . . Wenn Herr Rosenthal endlich in seiner logischen Schlussfolgerung konsequent wäre und die Tatsache des Nichtglaubenwollens, dass die Bedrohung durch den Kommunismus das größte Hindernis für die Demokratisierung ist, konstatieren könnte, hätte er eine enorme Leistung erbracht.

(Man fragt sich natürlich, ob Herr Rosenthal charakterologisch in der Lage ist, konsequent und logisch zu folgern. Sicherlich ist das Fehlen von Anerkennung durch die Times oder Herrn Rosenthal nicht ermutigend).

Ein weiteres Beispiel für die Macht der Ideologie liefert der große schwarze Ökonom Thomas Sowell. Zum Abschluss seiner vernichtenden und brillanten Analyse des Marxismus stellt er fest:

Die größte Ironie des Marxismus bestand darin, dass ein grundlegend humanes und egalitäres Glaubensbekenntnis so von einer lebensfernen Perspektive dominiert wurde, dass es blind für Fakten und taub für die Menschlichkeit und Freiheit wurde. . . . Einige der bedeutendsten Namen der westlichen Zivilisation – unter anderem George Bernard Shaw, Jean-Paul Sartre, Sidney und Beatrice Webb – sind zu Apologeten für brutale Diktaturen geworden, die im Namen von Marx regieren und Gräueltaten begehen, die sie unter keinem anderen Etikett dulden würden. Menschen, die niemals durch Geld oder Macht korrumpiert werden könnten, können dennoch durch eine Vision geblendet werden. In diesem Zusammenhang hat die Behauptung von Engels, dass Marx‘ Name und sein Werk „die Zeiten überdauern werden“, düstere Implikationen. (21)

 

Anmerkungen des Übersetzers

j https://www.nytimes.com/1986/03/23/magazine/journey-among-tyrants.html

 

Literatur

20. Rosenthal, A. M.: „Journey Among Tyrants”, The New York Times Magazine, March 23, 1986.
21. Sowell, T.: Marxism – Philosophy and Economics. New York: William Morrow & Co., Inc., 1985.

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 21 (1987), Nr. 1, S. 68-83.
Übersetzt von Robert (Berlin)