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Elsworth F. Baker

9. September 2022

Meines Wissens gab es nur vier Orgonomen zu Reichs Lebzeiten: die siamesischen Zwillinge, der Psychiater Elsworth F. Baker, ursprünglich Chef der Frauenabteilung eines psychiatrischen Krankenhauses in New Jersey, und dessen Mitarbeiter und enger Freund, der GYNÄKOLOGE Dr. Chester M. Raphael, sowie das Todespaar Wilhelm Reich und Michael Meyer Silvert! Der Rest war nur Füllmasse. In den 1950er Jahren wurden in Reichs Zeitschrift (Orgone Energy Bulletin und CORE) sowie in Bakers Zeitschrift (Medical Orgonomy) James A. Willie, Victor Sobey und die anderen M.D.s jeweils als „medical orgone therapist“ tituliert, der einzige Nichtmediziner, Ola Raknes, als „orgone therapist“ und beispielsweise Walter Hoppe als „medical director of the OIRL, Israel“. Ausschließlich Baker, Raphael und Silvert wurden offiziell jeweils als „medical orgonomist“ geführt.

Von daher ist es auch vollkommen lächerlich, daß Bakers Erklärung in Zweifel gezogen wird, Reich habe ihm gesagt, er solle sich von den Therapeuten trennen und die Orgonomie mit neuen Orgonomen neu aufbauen. Silvert starb kurz nach Reich und war aus anderen Gründen auch sonst vollkommen indiskutabel (u.a. mußte ihm Reich verbieten, weiterhin weibliche Patienten zu behandeln!), Raphael hatte überhaupt keine psychiatrische und psychoanalytische Ausbildung, so daß es zu Baker keine Alternative gab, zumal der sowieso seit 1949 von Reich beauftragt wurde, die Ausbildung zukünftiger psychiatrischer Orgontherapeuten zu übernehmen, da sich Reich ganz auf die Forschung konzentrieren wollte. Baker hat diese Aufgabe bruchlos bis zu seinem Tod 1985 fortgeführt.

Baker, zu Reichs Lebzeiten der unbestrittene Anführer der vor allem in New York und Umgebung konzentrierten Orgontherapeuten, wurden neben seiner angeblichen „Anmaßung“ die Orgonomie nach Reichs Tod weiterzuführen vor allem folgendes vorgeworfen:

  1. Die „rechtskonservative Politisierung“ der Orgonomie. Tatsächlich war es so, daß alle Orgontherapeuten „New Yorker Demokraten“, also nach europäischem Verständnis „linksliberal“ waren, mit Ausnahme von Baker, dessen Freund Robert Ing Duvall und Silvert. Spätestens anläßlich der Wahl von Eisenhower 1952 zwang Reich allen Orgonomen diese konservative Haltung auf: die Orgonomie unterstützt die Republikaner!
  2. Nachgiebigkeit gegenüber der FDA und Verzicht auf den Orgonenergie-Akkumulator. Am Ende gab es zwei Extrempositionen unter Reichs Anhängern: auf der einen Seite Silvert, der den Kurs einer fundamentalen Opposition gegen die FDA einschlug und dadurch letztendlich für Reichs Inhaftierung und frühen Tod verantwortlich zeitigte, und auf der anderen Seite Baker, dem Reichs gesamter Ansatz gegen den Strich ging, weil er Reichs persönliche Sicherheit und die Zukunft der Orgonomie in Gefahr sah. Heute ist das Problem weniger die FDA, als vielmehr die obligatorische und in Amerika extrem teure Arzthaftpflichtversicherung, die kaum ein Ausscheren aus der medizinischen Orthodoxie erlaubt.
  3. Eine unangebrachte „Re-Psychoanalytisierung“ der medizinischen Orgonomie. Zu Reichs Lebzeiten erlebte die Psychoanalyse einen Triumph nach dem anderen und es zeichnete sich ab, daß sie in Zukunft die Psychiatrie dominieren würde. Reich stellte seine „Biologie“ dagegen. Doch bereits Mitte der 1950er Jahre zeichnete sich mit der Einführung der ersten wirklichen Psychopharmaka eine ganz andersgeartete „Biologisierung“ der Psychiatrie ab, die Bakers Ansatz merkwürdig janusköpfig dastehen läßt, denn einerseits wollte er mit seiner auffallend psychoanalytisch geprägten Begrifflichkeit sicherlich an den psychiatrischen Mainstream anknüpfen, wie er sich ihm noch Anfang der 1960er Jahre darstellte, als er sein Buch Der Mensch in der Falle verfaßte – und andererseits stellte er sich damit gegen einen verhängnisvollen Trend, der die „Psyche“ aus der Psychiatrie zunehmend verdrängte und den Menschen auf eine Art „biochemischen Roboter“ reduzierte.

Der Vorwurf der „Anmaßung“ ist, wenn man so sagen kann, „ahistorisch“ und die drei Kritikpunkte sind zwar nachvollziehbar, aber zielen ins Leere. Diese vier Aspekte werden von Bakers Konservatismus zusammengehalten – und zwar „Konservatismus“ in wirklich jedem Sinne des Wortes: Tradition, Erhaltung, Vorsicht, Realismus und Strenge:

Die Orgonomie ist in Wirklichkeit eine sehr puritanische Disziplin. Sie läßt natürlich nicht jeden, der nicht mit ihr einverstanden sind, als Hexe hängen. Sie stützt sich auf Naturgesetze und läßt, wie die Natur, diejenigen, die den Naturgesetzen nicht folgen, durch das bestrafen, was sie im Leben versäumen. Es gibt nur eine Ausnahme, und das ist die Verpflichtung, diejenigen aktiv zu bekämpfen, die die Rechte anderer beeinträchtigen. Die Grundprinzipien sind individuelle Rechte und individuelle Verantwortung. (Elsworth F. Baker: Fourth Annual President’s Address, July 6, 1972, Journal of Orgonomy, Elsworth F. Baker Commemorative Issue, February 1986, S. 65-69)