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„Kapitalistische Reichianer“ (Teil 2)

3. März 2015

Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre setzte sich Reich im Rahmen einer „Marxistischen“ „politischen Sexualökonomie“ fast ausschließlich mit der Pathologie des rechten Spektrums auseinander. Dabei wollte er insbesondere erklären, warum die „Massen“ nicht die Ideologie der „herrschenden Klasse“, die zur Ideologie der gesamten Gesellschaft geworden war, spontan von sich abtaten, „der wirtschaftlichen Entwicklung gemäß ein revolutionäres Klassenbewußtsein entwickelten“ und die „Ausbeuterklasse“ aus ihrer Machtstellung beseitigten.

Reich konnte das Ausbleiben dieser revolutionären Umwälzung damit erklären, daß wohl die ökonomische Unterdrückung in die Rebellion führe, die damit aber verbundene sexuelle Unterdrückung das genau gegenteilige Ergebnis zeitigte. Die sexuelle Unterdrückung würde autoritätshörige Menschen erzeugen, die aktiv die Interessen ihrer Unterdrücker verfechten. Die Agentur dieser charakterlichen Verformung durch sexuelle Unterdrückung ist die Familie, deren Erhalt deshalb der Kern jedweder konservativen Gesellschaftsdoktrin sei. Darüber hinaus sei erst der sexuell verkrüppelte Mensch überhaupt in der Lage, die entfremdete Fabrikarbeit zu leisten. Daß diese strukturelle Umformung auch weitere neurotische Symptome bedingt, die durchaus ungewollt sind, da sie die Arbeitsfähigkeit letztlich doch untergraben, ist ein nicht zu vermeidendes Nebenprodukt.

Eben wegen dieses letzten Punktes ist Reichs Kritik am Kapitalismus hinfällig geworden und hat sich in eine des Sozialismus verwandelt. Der entwickelte Kapitalismus benötigt kreative, innovative Mitarbeiter, keine menschlichen Automaten, die stur einen festgesetzten Plan erfüllen. Demgemäß war ja auch die sexuelle Unterdrückung in sozialistischen Wirtschaftssystemen weit größer als in kapitalistischen.

In seiner Schrift Die natürliche Organisation der Arbeit zeichnete sich 1939 Reichs Bruch mit der sozialistischen Bewegung ab, um sich in Weitere Probleme der Arbeitsdemokratie 1941 ganz zu vollenden. Am 7. November 1940 schrieb Reich an Neill, er fühle sich, was seine bisherigen sozialistischen Ansichten beträfe, „völlig verunsichert“ und er tendiere dazu,

das meiste zu revidieren, was ich je in Europa darüber gelernt habe, was Sozialismus sein könnte oder sollte. Ich kann nur hoffen, daß die Grundlagen meiner fachlichen Arbeit mich davor schützen, reaktionär zu werden. Wenn man Sozialisten und Kommunisten, die hier herübergekommen sind, sagen hört, daß Roosevelt ein Diktator oder Faschist sei, dann dreht sich einem einfach der Magen um. Ich fange an, sie zu hassen. Sie erscheinen mir ausgesprochen schädlich mit ihrer völligen Unfähigkeit, einen Gedanken zu Ende zu denken oder irgendeine Arbeit zu tun. Aber es kann sein, daß dies Gefühl zum Teil nichts als Enttäuschung ist.“ (Hervorhebungen hinzugefügt)

Doch schon 1942 sollte Reich im Vorwort zur Massenpsychologie des Faschismus die Grundlage für die objektive Bewertung linker Politik schaffen, indem er den falschen Liberalismus auf die oberflächliche, verlogene Charakterschicht zurückführte.

Heute, 70 Jahre später, geht es schlicht darum, was den Zielen der Orgonomie (= die individuelle und gesellschaftliche Selbststeuerung) näher steht: die libertär-kapitalistische eigentümlich frei oder all die krypto-kommunistischen Medien, die in einem Land gegen „die Auswüchse des Neo-Liberalismus“ wettern, dessen Staatsquote und Sozialleistungen (in denen Deutschland ungeschlagen Weltspitze ist) es zu einem de facto sozialistischen Land machen.

Was soll ich tun? Für noch mehr „Arbeitnehmerrechte“ eintreten? Damit noch weniger Leute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben! Für mehr Mieterrechte? Damit der Wohnungsmarkt weiter schrumpft! Für mehr Konsumentenrechte? Damit unser aller Leben noch komplizierter und bürokratisierter wird! Mehr Mitbestimmungsrechte im Betrieb? Damit die politische Pest weiter um sich greift! Höhere Besteuerung der Reichen? Um die Kapitalflucht und das Auswandern der Leistungsträger zu fördern! Soll ich gegen die Ausgrenzung älterer Arbeitnehmer wettern? Damit würde ich für noch mehr Antidiskriminierungsgesetze eintreten! Soll ich in den allgegenwärtigen „Antiautoritarismus“ einstimmen und „gegen die da oben“ wettern? Also das tun, was ohnehin alle tun! Soll ich (gegen meine Überzeugungen) gegen die „Zinsknechtschaft“ anschreiben oder Marx Mehrwerttheorie vertreten?

Nein, ich ziehe es vor mit „Libertär-Kapitalisten“ wie Hayek, Mises und Rothbard gegen das planwirtschaftliche System der Zentralbanken und die politische Korruption der Großindustrie „anzugehen“.

Dabei bin ich mir mit Adam Smith durchaus bewußt, daß es der Natur des Kapitalismus entspricht wirklich aus allem „Kapital zu schlagen“ und seien es Heroin oder Kinderpornos. Deshalb war Smith durchaus für einen starken und schlagkräftigen Staat, der gegen das vorgeht, was Reich später als „Emotionelle Pest“ bezeichnet hat. Je mehr der Staat in dieser Hinsicht überflüssig wird, desto mehr nähern wir uns einer Arbeitsdemokratie an.

Die anhaltende Weltwirtschaftskrise spiegelt unser tragisches Leben in der Falle wider:

Einerseits ringen die Massen darum, daß alles noch bürokratisierter und gesellschaftlich immobiler (gepanzerter) wird und schaden sich durch das Abwürgen der Arbeitsenergie nur selbst, da die Produktion des Reichtums immer weiter erschwert wird. (Wenn man die Staatsquote von formal fast 50% und real 70% betrachtet, sind wir bereits ein sozialistisches Land! 80% der Parlamentarier sind eh Beamte. Der Asozialstaat verschlingt schon mehr als die Hälfte des Etats. Vor 20 Jahren gab der Bund 90 Milliarden Euro für Asolziales aus, heute sind es 150 Milliarden!) Andererseits haben die Massen durchaus recht, wenn sie gegen „die da oben“ anrennen, denn der gesellschaftliche Reichtum wird von der Nomenklatura immer mehr monopolisiert und sinnlos verpulvert. Man denke nur an den ungeheuerlichen Betrug, dem Kleinaktionäre in den letzten Jahren zum Opfer gefallen sind. Vom Betrug mit dem Euro und an den Kleinsparern wollen wir gar nicht erst reden.

Doch auch hier schädigen sich die Massen mit ihrem Engagement nur selbst, denn sie fordern die Verschärfung genau dessen, was Ursache der Misere ist: die „Kontrolle der Finanzmärkte“, letztendlich Planwirtschaft. Dabei ist die Ausbeutung nur möglich, weil Geld heute gar keine echte Ware ist, sondern planwirtschaftlich, d.h. mafiös verwaltet wird. Dieser Bereich ähnelt der strukturellen Mißwirtschaft in der ehemaligen UdSSR und erodiert entsprechend unsere Wirtschaft langsam aber sicher (vgl. Ökonomie und Sexualökonomie).

Symptomatisch für die umrissene Falle ist der vor drei Jahren verstorbene Ökonom Milton Friedman.

Konservative, insbesondere in den angelsächsischen Ländern, können sich in ihren Lobreden für diesen „Champion der Freiheit und Demokratie“ kaum überbieten. Der Student der Orgonomie kann bei Friedman über ein Phänomen sinnieren, das Reich in Äther, Gott und Teufel diskutiert hat:

Mit neurotischer Zwanghaftigkeit geht der Mensch immer wieder in die Irre, weil er eine panische Angst davor hat, folgerichtig zu denken. Stattdessen bleibt er immer an irgendeinem „Absoluten“ hängen, an dem sich dann von neuem das alte Elend kristallisiert und mit frischer Kraft perpetuiert. Es ist wie mit der Panzerung: die Energie fließt, bis sie an einem bestimmten Punkt ins stocken gerät.

Beim Friedmanschen „Monetarismus“ war es die sozialistische (sic!) Bewirtschaftung des Geldes. Die Wirtschaft soll vollkommen frei sein, aber ausgerechnet das Geld, das Lebensblut der Wirtschaft, habe einer strengen planwirtschaftlichen Regulierung unterworfen zu sein! Jene Völker, die in die richtige, und d.h. die kapitalistische, Richtung gehen, werden auf diese Weise immer weiter ins sozialistische Elend getrieben und die Linken können ihren Finger auf das Amok laufende „Finanzkapital“ richten, das Scheitern des Kapitalismus konstatieren und, wie gegenwärtig in Südamerika, ausgerechnet den Sozialismus als Alternative preisen.

An diesem Beispiel wird auch deutlich, daß es ziemlich gleichgültig ist, wie man sich selbst ideologisch einordnet oder von anderen eingeordnet wird. Man kann „Friedmanianer“ und trotzdem ein pseudoliberaler modern liberal character (ein Kommunist) sein, der alles tut, um die kapitalistische Gesellschaft in den Untergang zu treiben.

The Journal of Orgonomy (Vol. 12, No. 2, November 1978)

29. Dezember 2011

Bernd A. Laska hat zu Recht darauf hingewiesen, daß Therapie für Reich „hauptsächlich so etwas wie Grundlagenforschung (war), um fundierte Vorschläge für eine wirksame Prophylaxe machen zu können“ („Bemerkungen zum Thema ‚Therapie’“, Wilhelm Reich Blätter, 4/75, S. 2). Bereits 1933 schrieb Reich:

Wenn wir in irgendeinem (…) Zweige der Medizin eine Seuche bekämpfen wollen, werden wir alle Mühe daransetzen, einzelne typische Krankheitsfälle mit den bestausgebauten Methoden zu untersuchen und zu verstehen, um von daher dem Sozialhygieniker Anweisungen geben zu können. Wir konzentrieren uns also auf die individuelle Technik nicht, weil wir die individuelle Therapie allzu hoch einschätzen, sondern weil wir ohne eine gute Technik nicht die Einsichten gewinnen, die wir für das umfassendere Ziel der Strukturforschung brauchen. (Charakteranalyse, Fischer TB, S. 11)

Reichs Schüler Morton Herskowitz hat hinsichtlich des Therapieerfolgs gesagt, daß seine Patienten, selbst, wenn sie nicht ganz gesund werden, zumindest ihre Kinder besser erziehen. Die Therapie wirkt sich also erst auf die Kinder des Patienten in vollem Maße aus.

Als Arzt, der am Krankenbett des gesellschaftlichen Organismus tätig ist, war es für Reich von Anfang an eine Selbstverständlichkeit an den sozialen Kämpfen seiner Zeit an vorderster Front teilzunehmen:

Als angesehener Arzt und Wissenschaftler Arbeitslosendemonstrationen aktiv mitzumachen, Flugblätter [der Sozialhygiene, WR] in den Arbeitervierteln zu verteilen, sich in Schlägereien mit der Polizei zu begeben; das galt als verrückt. Die Intellektuellen konnten nicht verstehen, warum ich meine gesellschaftliche Stellung durch solche Sachen riskierte. Sie schreiben als Soziologen über Probleme der Gesellschaft. Doch sie benehmen sich wie ein Arzt, der weise Bücher über den Typhus schreibt, ohne je eine Spur davon gesehen zu haben. Daher blieben die meisten Lehrbücher der Soziologie bisher ohne Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft vorwärts. Das gleiche gilt für die Sexualwissenschaft und Sexualreform. Die Sexuologen jener Zeit schrieben ihre Bücher nach den Erfahrungen der Privatpraxis. Doch die Sexual- und Neurosenprobleme sehen in der Masse anders aus, bieten grundsätzlich andere Probleme als die in der Privatpraxis, besonders der psychoanalytischen. (Menschen im Staat, S. 115)

„Ein Arzt darf sich nie auf den abstrakten Standpunkt stellen“ (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 158). Reich betrachtete sich als Arzt des „Kleinen Mannes“ und da dieser den Planeten Erde bevölkert als „planetaren Arzt“ (Rede an den Kleinen Mann, S. 79).

Myron R. Sharaf beschreibt in „Thoughts About Reich: Some Aspects of Reich’s Later Social Position” ein Treffen Reichs im Sommer 1955 mit den Orgonomen und seinen Anwälten. Vor dem anstehenden Prozeß erläuterte er sein Vorgehen. Er wolle im Gerichtssaal den Panzer seiner Prozeßgegner „durchstoßen“ und das „menschliche Wesen“ aus ihnen „herausziehen“, d.h. freilegen. Man müsse da wie ein „geübter Chirurg“ vorgehen. Mehrmals habe, Sharaf zufolge, Reich während der Zusammenkunft unterstrichen, daß die anwesenden Orgonomen „die ersten Ärzte gegen die Emotionelle Pest“ seien. Er selbst wäre froh über die reichen Erfahrungen, die er im Kampf gegen die Emotionelle Pest gewonnen habe, als er seine beschränkte Privatpraxis aufgab und sozial aktiv wurde und es sei gut, daß er jetzt Jahrzehnte nach den Tagen seiner sexual-ökonomischen Aktivitäten erneut auf dem sozialen Schauplatz tätig sein könne (S. 266f).

Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatte Reich geschrieben:

So wie der Bakteriologe in der Ausrottung von Infektionskrankheiten seinen Lebensinhalt sieht, so hat der Sexualökonom die emotionelle Pest zu enthüllen und als Endemie der Erdbevölkerung zu bekämpfen. (Charakteranalyse, KiWi, S. 371)

Reichs eigene Emotionelle Pest zeigte sich aufgrund seiner gestern diskutierten ödipalen Belastungen insbesondere in seiner eigenen Familie. Beispielsweise war sein Sohn Peter Zeuge häßlicher Ehestreitigkeiten zwischen seinen Eltern, wo Reich z.B. seiner Frau eine unbewiesene Liebschaft mit seinem Mitarbeiter Theodore Wolfe von vor 12 Jahren vorwarf. Elsworth F. Baker beschreibt das in diesem Journal of Orgonomy in „My Eleven Years With Wilhelm Reich (Part V)“. Als „Hauspsychiater“ der Familie Reich behandelte Baker damals, 1951, Reichs Ehefrau Ilse Ollendorff. Offensichtlich flirtete Ollendorff, wie auch alle anderen Frauen, mit dem sehr attraktiven Wolfe, doch versicherte sie glaubhaft, daß nie „etwas vorgefallen“ sei (S. 178).

Es ist unverzeihlich, daß ein Kind so etwas miterleben muß. Siehe auch Neills Brief an Reich vom 1. Oktober 1956, der kraß Reichs Anspruch in Children of the Future ins Gesicht schlägt: Peters Gefühle seien völlig durcheinander. „Er ist nicht Peter Reich; er ist Peter Reich plus Wilhelm Reich“ (Zeugnisse einer Freundschaft). Geradezu emotionaler Kindesmißbrauch ist es, wenn Reich sich an Peter mit der Bitte klammert, ihn nicht im Stich zu lassen (Der Traumvater, S. 64). Es ist einfach nicht die Aufgabe des Kindes, den Freund, die Geliebte oder gar den Elternteil für den Vater zu spielen.