Posts Tagged ‘wissenschaftlicher Sozialismus’

Der Nihilist, der Zyniker und der Fanatiker

23. Januar 2023

Montesquieu, Voltaire, Buffon, Rousseau, Diderot, Helvétius, Condillac, d’Alembert, Holbach – sie alle widmeten sich der vernünftigen Erhellung natürlicher und moralischer Wirkungsgesetze in der Welt, während einzig er, der unbelehrbare La Mettrie, die dunklen, antiaufklärerischen Seiten einer menschlichen Maschinenmoral mit den denkerischen Fluchtpunkten von Agnostizismus, Atheismus, Nihilismus und Gewissenslosigkeit entwickelte. Kein Wunder, distanziert sich unter diesen Bedingungen das Projekt „Aufklärung“ von einer Figur, die nur als Kritiker, ja Verräter am gemeinsamen Ziel einer fortschrittsoptimistischen „Erleuchtung“ gelten kann. (Ursula Pia Jauch: Jenseits der Maschine, München 1998, S. 31)

Für den Marxisten Max Adler (…) zeigt sich an Stirners Einzigem die kognitive Beschränktheit, moralische Fragwürdigkeit und politisch-soziale Destruktivität bürgerlicher individualistischer Ideologie – ein Deutungsschema, das standardisiert und bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts fortgeschrieben wurde. In der Entgegensetzung von wissenschaftlichem Sozialismus und bürgerlicher Ideologie erscheint Stirner regelmäßig als Vertreter der bürgerlichen Ideologie. Adler sah Stirner hingegen differenzierter: Er ist für ihn auch genauso ein „Vorläufer“ des Marxismus und zwar hinsichtlich seiner psychologischen Einsichten und – marxistische Dialektik – seiner Bekämpfung aller und jeder Ideologie. (Information Philosophie, Heft 2/12, Juni 2012, S. 90).

(…) Reichs Kampfansage an Freuds „Kulturkonservatismus“ und Versuch der „Radikalisierung“ der Psychoanalyse stand im Zeichen einer Befreiung der ‚wahren Natur’ von der kulturellen Sexualmoral. Reich war stets auf der Suche nach dem biologischen Fundament der Triebe, von dem aus er die gesellschaftlich geschaffene Verkümmerung der Menschen kritisieren konnte. Weil sich, so Reich, das „menschliche Tier“ (…) durch den historischen „Einbruch der Sexualmoral“ (…) von seiner Natur und dem in ihr schlummernden harmonisierenden „sexualökonomischen“ Selbstregulationsprinzip entfremdete, herrschten in der Welt seelische und körperliche Störungen, Krieg, Gewalt und Irrationalismus vor. Wieder aufgehoben werden könne diese Entfremdung nur durch die Herstellung der „orgastischen Potenz“ der Menschen (…). An den richtigen Orgasmus ist die ganze Reichsche Norm geknüpft, und das Glücksversprechen einer natürlichen harmonischen Ordnung. Freuds revolutionäre Erkenntnis war es gerade – auch hier zeigt sich wieder die dem Freudschen Denken immanente Tendenz zur Entbiologisierung des vermeintlich Natürlichen –, dass der scheinbar natürlichen genitalen Sexualität eine lebensgeschichtliche Genese zugrunde liegt, dass sie nichts Ursprüngliches ist. Dies brachte ihn dazu, den Begriff der Sexualität auf die Dimension der Lust im Allgemeinen auszuweiten und eine infantile Sexualität zu konstatieren, eine These, mit der er auf breitesten Widerstand stieß. Reich macht diese Freudsche Differenzierung zwischen dem Sexuellen, dem Streben nach Lust, und der Genitalität, der psychosexuellen Zentrierung der Lust im Genitalorgan, wieder rückgängig und fällt so (…) hinter Freud zurück. Genitalität, auch noch reduziert auf ein physiologisch fassbares Konzept, ist ihm ein „Naturgesetz“, das sich selbsttätig entfalten würde, würde sie nicht sexualmoralisch gehemmt, und wird zum Fetisch, dem jede andere Lustform zum Opfer fällt. (Markus Brunner: Eros und Emanzipation. Zur Dialektik der sexualrevolutionären „Radikalisierung“ der Freudschen Psychoanalyse. In: Dehmlow: “… da liegt der riesige Schatten Freud’s jetzt nicht mehr auf meinem Weg”, Marburg 2008, S. 270-287)

Wilhelm Reich über Annalena Baerbock

8. Juli 2021

Das folgende sei eine Ergänzung von Robert Hases extrem wichtigem Beitrag, der in der internationalen orgonomischen Diskussion für einige Furore gesorgt hat. Tatsächlich referiert er ja „nur“ Reichs Ausführungen über die Arbeitsdemokratie aus dem Jahre 1944, aber, wie ein amerikanischer Orgonom feststellte: sie, die heute niemandem mehr recht präsenten Ausführungen Reichs, passen zur heutigen Zeit wie die Faust aufs Auge!

Ich lese gerade die neuste Ausgabe von Orgonomic Functionalism, der Zeitschrift des Wilhelm Reich Infant Trust, die ausschließlich Texte von Reich enthält. Dort wird Reichs eigene englische Übersetzung eines Textes aus dem Jahre 1939 abgedruckt: Die natürliche Organisation der Arbeit. Bei der Lektüre mußte ich unwillkürlich an das absolut degoutante Schmierentheater denken, das heute von allen sozialistischen („demokratischen“) Parteien in Deutschland, seien das nun die CDU oder Die Grünen, vorgeführt wird:

Reich schrieb vor 82 Jahren (deutsches Original):

Nur wer selbst im Strome der lebendigen Arbeit steht, nur wer selbst sich über die Möglichkeiten der menschlichen Bedürfnisbefriedigung den Kopf zerbrechen muß, und zwar nicht aus „Gesinnung“, sondern aus den Notwendigkeiten des Arbeitsprozesses heraus, kann das Leben beurteilen, mehr, hat allein das Recht, das Leben zu beurteilen.

Von dieser Einsicht aus ergab sich völlig unerwartet eine Anschauung von der Funktion der Vergesellschaftung des Menschen, die nicht nur zu den besten Stücken der Gesellschaftswissenschaft gut paßt, sondern auch eine Antwort auf die heutigen wirren Zustände zu enthalten scheint. Sie heute zu äußern, ist gefährlich, doch unerläßlich. Der alte wissenschaftliche Sozialismus hatte im Staat einen Unterdrückungsapparat erkannt, der die Masse der arbeitenden Menschen beherrscht und parasitär von ihrer Arbeit lebt. Jetzt wurde des weiteren klar: der autoritäre Staat schafft die Politikanten und die Politikanten stützen den Staat. Diese Politikanten sind mit den ernsthaften, soziologisch geschulten und sachlich gerichteten Politikern nicht zu verwechseln, die im Chaos der gesellschaftlichen Erscheinungen einen Weg zu einer vernünftigen Neuordnung suchen (z.B. Roosevelt). Die bisherige Ergebnislosigkeit der Arbeit dieser Politiker ist im wesentlichen das Werk dieser Politikanten.

Nicht nur persönliche Lebensinteressen, sondern auch die Verantwortung für die lebendige Arbeit an grundsätzlichen Lebensfragen verpflichten zu dem Beschluß, sich unter keinen Umständen von irgend einem Politikanten, welcher Richtung immer, in seiner Arbeit am Menschen einschränken und schon gar nicht, sich von ihm aus dieser oder jener „politischen“ Marotte heraus erschießen zu lassen. Es wurde völlig klar, daß die heutige Welt u.a. ganz wesentlich daran krankt, daß das Politisieren und Diplomatisieren als eine sachliche Arbeit entsprechend der des Schriftstellers, des Drehers, des Maschinisten, des Arztes, Administrators oder Lehrers angesehen wird. Doch Politiker sein, bedeutet nicht, daß man lebensnotwendige und förderliche Arbeit leistet. Im Gegenteil, so wie die Politik heute beschaffen ist, trägt sie alle Kennzeichen der Entwurzelung von der Arbeit am Leben in sich.

Die allermeisten heutigen politischen Handlungen und Kundgebungen nehmen sich wie Verlegenheits- und Selbstbetäubungsaktionen von Menschen aus, die, in eine lebensgefährliche Situation geraten, völlig sinnlos um sich herumfuchteln, um dem Anschein sinnvoller Aktionen zu erwecken. Es bleibt nun die Frage, wie sich dieses politikante Herumfuchteln solange halten kann, ohne von der Masse der arbeitenden Menschen durchschaut und dementsprechend behandelt zu werden.

Man schämt sich, daß eine Gesellschaft von 70 Millionen Menschen von einer kleinen Gruppe beherrscht wird, in der buchstäblich kein Einziger in seinem Leben etwas Ordentliches und Anständiges an menschlicher Arbeit gelernt oder dauernd geleistet hat. Sämtliche Führer der Bewegung waren sozial entwurzelt, Menschen, die es in den primitivsten Berufen nicht weitergebracht hatten. Ein Blick in jene Kreise der sozialistischen Bewegung, die von innen her ihren Untergang mit bereiten halfen, lehrt, daß auch da die Entwurzelung aus der Arbeit, die Entwurzelung aus dem lebendigen Leben eine Ursache der Vernichtung alles dessen ist, was uns früher an dieser Bewegung ernst, ja heilig war.