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Orgonometrie (Teil 2): Kapitel VI.14.

31. Mai 2016

orgonometrieteil12

I. Zusammenfassung

II. Die Hauptgleichung

III. Reichs „Freudo-Marxismus“

IV. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

V. Reichs Biophysik

VI. Äther, Gott und Teufel

1. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

2. Spiritualität und die sensationelle Pest

3. Die Biologie zwischen links und rechts

4. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

5. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

6. Die gesellschaftlichen Tabus

7. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

8. Dreifaltigkeit

9. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

10. Die Schöpfungsfunktion

11. Die Rechtslastigkeit der Naturwissenschaft

12. Bewegung und Bezugssystem

13. Der Geist in der Maschine

14. Orgonomie ist Wissenschaft, keine Naturphilosophie!

Von Freud zu Reich (Teil 7)

23. Oktober 2015

Freuds Psychoanalyse beruht auf einem extremen Determinismus. Wenn man mal von hirnorganischen Erkrankungen absieht, läßt sich für Freud jeder noch so kleine Versprecher in einer logischen (bzw. „psycho-logischen“) Kausalkette auf Verdrängtes zurückführen. Ja praktisch alles was man sagt. So haben beispielsweise Psychoanalytiker Reichs symbolische Rede von den Adlereiern, die er gelegt habe, aus denen aber nur „Hühner“ entschlüpft seien, auf Reichs angebliche „Analität“ und Identifikation mit der Mutter zurückgeführt! Noch als er selbst Psychoanalytiker war, hat er diese Art von „wilder Psychoanalyse“ bitter bekämpft, da sie aus Freuds Wissenschaft eine Karikatur mache. Immerhin trifft diese Karikatur den Wesenskern des Freudschen Systems: es ist eine Übertragung des mechanistischen Materialismus auf den Bereich der Psyche.

Heutzutage wird das Gehirn als eine Art konstruktivistische Sinnfindungsmaschine betrachtet, was ganz im Sinne Reichs ist:

In der modernen psychologischen Forschung hatte man mit der Vorstellung gebrochen, daß unsere Wahrnehmungen nur passive Erlebnisse wären, ohne eine Aktivität des Ichs. Man dachte nun richtiger, wenn man sagte, daß jede Wahrnehmung getragen sei von einer aktiven „Einstellung“ auf den betreffenden Reiz („Wahrnehmungsintention“ oder „-akt“) Dies war ein richtiger Schritt vorwärts. Denn nun konnte man sich erklären, daß die gleichen Reize, die eine Lustempfindung auszulösen pflegen, in anderen Fällen, bei anderer innerer Einstellung, nicht wahrgenommen werden. Für die Sexualwissenschaft bedeutet das: Sanftes Streicheln an einer sexuellen Zone löst bei dem einen eine Lustempfindung aus, doch beim anderen bleibt diese aus; er empfindet nur ein Tasten oder Reiben. Hier bereitete sich die Unterscheidung der orgastisch vollwertigen Lusterlebnisse von den reinen Tastempfindungen vor, also im Grunde der Unterschied von orgastischer Potenz und orgastischer Impotenz. Die Kenner meiner elektrobiologischen Arbeiten wissen, daß sich in der „aktiven Einstellung des Ichs in der Wahrnehmung“ die peripherwärts strömende elektrische Ladung des Organismus auswirkt. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 47, Hervorhebungen im Original)

Unser Gehirn, unsere „Sinngebungsmaschine“ läuft automatisch ab. Und genauso ist es mit der „Verdrängung“: in der Therapie werden neue, bisher verdrängte vegetative Impulse frei, strömen auf das Gehirn ein und dieses ordnet diesen vegetativen Impulsen (mit suggestiver Unterstützung durch den Psychoanalytiker) dann irgendwelche Bewußtseinsbilder zu.

Reich hatte dies beim Übergang von der Psychoanalyse zur Vegetotherapie erkannt:

Es ist nicht so, daß eine Erinnerung unter Umständen einen Affekt nach sich zieht, sondern die Konzentration einer vegetativen Erregung und deren Durchbruch reproduziert die Erinnerung. (ebd., S. 238)

Sagte eine Patientin bei der Auflockerung des Oberschenkels plötzlich: „Jetzt erinnere ich mich, wie mich mein Stiefvater mit elf Jahren vergewaltigt hat!“, ging Reich nicht mit ihr „analytisch“ mit in die Vergangenheit zurück, sondern nahm den Ausdruck als aktuellen bioenergetischen Indikator. Zum Beispiel betrachtete er ihn als Ausdruck der bioenergetischen Angst vor vaginaler Hingabe, die sich mit irgendwelchen psychischen Bildern verbunden hat, um sprachlich artikuliert werden zu können. Diese Bilder können aus tatsächlichen Erinnerungen stammen. Es kann ja durchaus eine Vergewaltigung stattgefunden haben, aber vielleicht wollte der kontaktlose und brutale Stiefvater ja auch „nur“ seiner renitenten Tochter gewaltsam eine angemessene Kleidung aufzwingen! Ebenso könnten diese Bilder aus Filmen, Romanen oder aus Modethemen stammen, die in aller Munde sind, wie heutzutage der Kindesmißbrauch. Es läßt sich unmöglich genau sagen, deshalb macht der Begriff der „psychischen Verdrängung“ nur geringen Sinn und deshalb, wegen des Fehlens einer durchgehenden Ursache-Wirkungs-Reihe, ist auch die gesamte Psychoanalyse – gefährlicher Unsinn.

In der späteren Entwicklung von der charakteranalytischen Vegetotherapie hin zur Orgontherapie wurden (angebliche) Erinnerungen zunehmend nebensächlich und uninteressant. Entscheidend ist, daß Reichs therapeutischer Ansatz in vollständiger Übereinstimmung mit der allerneusten neuropsychiatrischen Forschung steht, während die Psychoanalyse wissenschaftlich kaum haltbar ist. Es gibt keine psychische Verdrängung, sondern nur vegetative Abpanzerung, die, wenn sie aus der „muskulären Verdrängung“ gelöst wird, das Hirn überflutet, das dann irgendein Zeugs produziert.

Dies soll durchaus nicht besagen, daß in der Orgontherapie alles nur auf Atmen und Muskelbearbeitung reduziert wird. Psychotherapie nimmt hier eine dezidiert „unpsychoanalytische“ Bedeutung an: der Patient muß die Perspektive für seine Lebenszusammenhänge zurückgewinnen und sie emotional und intellektuell verarbeiten. Gerade diese Arbeit wird aber durch die Psychoanalyse und ihre überholten Denkschablonen nur behindert. Beispielsweise wird in der Orgontherapie die „Übertragung“ als Ersatzkontakt entlarvt. Es geht um die Etablierung genuinen zwischenmenschlichen Kontakts, der durch Augenpanzerung unmöglich gemacht wurde. Ein Kontakt mit dem Patienten der jede Technik übersteigt. Dieser Kontakt, der bis hin zu regelrechtem telepathischen Gedankenlesen geht, führt dann dazu, daß man die richtige Frage stellt, empathisch mitfühlt, wo der Atem noch blockiert ist und am eigenen Körper spürt, welcher Muskel funktionell wichtig noch verspannt ist.

Wie im vorangegangenen Teil dargelegt, ist der Orgonomie die wirkliche Bedeutung sprachlicher Äußerungen zugänglich, während die Psychoanalyse im Dunkeln tappt.

Ein gewiefter „Körpertherapeut“ kann sicherlich die Orgonenergie von außen wie wild aktivieren und den Patienten so dramatisch verändern – aber die charakterliche Grundlage bleibt letztlich doch unangetastet. Aus diesem Grunde hat auch Elsworth F. Baker gesagt, daß Worte (die von innen her wirken) weit besser sind als „Körperarbeit“; daß „Muskeldrücken“ immer eine therapeutische Notlösung und geradezu ein therapeutisches Armutszeugnis ist, denn es wird nur dann angewendet, wenn man mit der Charakteranalyse nicht weiterkommt. Orgontherapie ist in erster Linie Charakteranalyse, in zweiter Linie Atemaktivierung (inkl. Hinweise auf Körperpartien, wo der Atem nicht hinkommt, aber ohne den Patienten zu berühren) und erst in dritter Linie das direkte Angehen der Muskelpanzerung.

Das Bauhaus und Goethe

13. April 2013

ein Gastbeitrag von John Wilder

Zwar gibt es zahlreiche Theorien zur Farbe, die im Laufe der Jahrhunderte der Öffentlichkeit unterbreitet wurden, doch zwei Theorien stechen hervor: die von Isaac Newton, ein Engländer, und die von Johann Wolfgang von Goethe, ein Deutscher, denn beide sind seit Jahrhunderten bis zu unserem eigenen Jahrhundert einflußreich gewesen. Im Bauhaus konkurrierten diese beiden Theorien miteinander und beeinflußten einander, aber da das Bauhaus in Goethes Heimatstadt Weimar gegründet worden war und die ersten Leiter (Itten, Kandinsky, Klee) expressionistische Künstler waren, welche Farbtheorien zur Anwendung brachten und lehrten, die letztlich auf der Grundlage von Goethes Arbeit fußten, herrschte Goethes Ansicht vor.

Goethe, 1749-1832, launisch und künstlerisch, experimentierte auf eine explorative Weise und mischte Pigmente ohne viel theoretische Anleitung und zeichnete aufschlußreiche visuelle und emotionale Reaktionen auf. Newton, 1642-1727, ein strenger Puritaner, war zunächst einmal Theoretiker, und er ging davon aus, daß seine Lichtexperimente seine Theorien über die Eigenschaften der Lichtstrahlen, die durch ein Prisma projiziert wurden, kontrollieren.

Goethes mehr subjektive Theorie, die auf der Arbeit mit Pigmenten gründete, war von besonderem Interesse für praktizierende Künstler, während Physiker Newtons objektive (ohne emotionale Beteiligung auskommende) Theorie bevorzugten. Zu einem gewissen Grad spiegeln die Unterschiede zwischen Newton und Goethe sich in ihren jeweiligen Sprachen: im Englischen gibt es ein Wort für „Geist“ (mind) und ein anderes Wort für „Seele“ (soul), während im Deutschen ein einziges Wort beides bedeutet. [Im Englischen gibt es kein Wort für den umfassenden Begriff „Geist“! PN]

Ich glaube, daß eine frühere wissenschaftliche Meinungsverschiedenheit einiges Licht auf die Newton/Goethe-Auseinandersetzung werfen kann. Den unterschiedlichen Ansätzen zum Studium der Farbe bei Newton und Goethe waren unterschiedliche Ansätze zum Studium der Bewegung bei Newton und einen anderen Deutschen, Gottfried Wilhelm Leibniz, vorausgegangen. Newtons berühmte Studien der Bewegung waren durch Theorie motiviert, während Leibniz‘ Studien eine andere, mehr spirituelle Seite hatten. Zum Beispiel:

(Newton) Impuls = Masse X Geschwindigkeit
(Leibniz) Vis Viva = Masse X Geschwindigkeit X Geschwindigkeit

„Vis Viva“ war Leibniz‘ Begriff für Lebenskraft oder lebendigen Kraft, womit er ähnliche Interessen wie Goethe zeigte. Newtons mehr steriler Ansatz entwickelte sich zu „Kraft = Masse X Beschleunigung“, während Leibniz‘ Ansatz sich zur Formel für kinetische Energie entwickelte, die Energie der Bewegung (KE = 1/2 Masse X Geschwindigkeit X Geschwindigkeit). Heute verwenden Ingenieure die auf Leibniz‘ zurückgehenden Formeln, um Bewegungen mikroskopisch und makroskopisch zu beschreiben, ob die Brownsche Molekularbewegung oder Planetenbewegungen. Obwohl Physiker Newtons Darstellung der Planetenbewegungen verwenden, „Kraftvektoren“, die auf die Planeten einwirken, ist Leibniz‘ Darstellung für Ingenieure praktischer. Sie fordert, daß die Gesamtenergie (die sich ändernden Bewegungs- und Potentialenergien des Planeten) konstant bleibt. So gab die praktische Herangehensweise der Ingenieure Leibniz‘ Ansatz bei der Untersuchung von Körpern in Bewegung den Vorzug, genauso wie die praktische Herangehensweise der bildenden Künstler Goethes Ansatz bei der Untersuchung von Farben, die Emotionen beeinflussen, den Vorzug gab. Im Bauhaus sollten sich die unterschiedlichen Ansätze durch die sorgfältige Integration des Künstlers/Handwerkers und Technikers in der Werkstatt treffen.

Im frühen Bauhaus hatten Goethes Ansichten eindeutig den Vorrang. Johannes Itten, der 1919 den Einführungskurs des Bauhauses für neue Studenten kreiert hatte, verwendete die Entdeckungen Goethes über Farben, wie es ihm durch seine Mentoren Hölzel, Runge und den „Geisteswissenschaftler“ Rudolf Steiner vermittelt worden war. Der Theosoph Rudolf Steiner hatte viele Jahre der Herausgabe von Goethes Büchern gewidmet und das Goetheanum in Dornach, Schweiz gebaut, wo er mindestens zehn Vorträge über Farbenlehre hielt. Hölzels Theorie von den sieben Farbkontrasten entstammte unmittelbar Goethes Studien. In Ittens Einführungskurs wurden die sieben Kontraste Hölzels/Goethes jeweils objektiv, emotional und symbolisch untersucht nach Farbton, Wert, Temperatur, Komplementarität, Gleichzeitigkeit, Sättigung und Ausdehnung. Itten glaubte wie Goethe an die Fähigkeit der Kunst, den Menschen stärker in Kontakt mit seiner Seele bzw. seinem Geist zu bringen.

Kandinsky und Klee hielten ebenfalls grundlegende Lehrveranstaltungen über Farbe am Bauhaus und sie lehrten auch weiter, lange nachdem Itten 1923 gegangen war. Kandinsky, gleichfalls ein Anhänger von Steiners Theosophie, hatte geschrieben: „So ist hinter der Materie, in der Materie der schaffende Geist verborgen. Das Verhüllen des Geistes in der Materie ist oft so dicht, daß es im allgemeinen wenig Menschen gibt, die den Geist hindurchsehen können“ (Über die Formfrage, 1912). Wie Itten und Klee wollte auch Kandinsky Form auf ihr einfachstes Wesen reduzieren, auf ihr Minimum, so daß der innere Geist oder die Seele des Künstlers, der Künstlergruppe, des Volkes oder des Zeitalters stärker in der äußeren Form zum Ausdruck gebracht werden könnte. Form könnte vereinfacht werden durch Zersplitterung der linearen Perspektive und der Konturen, indem Farbe und Form transparent gemacht werden, durch das Verbannen von Schatten und Glanzlichtern oder mit der Übernahme einer regelmäßigen Musterung. Man glaubte, daß die Einfachheit der Form, die Farbe stärker betonen und die Wechselwirkung der Farben untereinander verbesserte. Der Maler Josef Albers, der von Itten, Kandinsky und Klee ausgebildet wurde, studierte später die psychologische Wirkung von Farben und Farbkombinationen und Kontrasten, wobei er die Form auf ein Minimum reduzierte. Bei Albers war das so, daß er Farbquadrate innerhalb von Farbquadraten malte.

Mir scheint, als wurden künstlerische, dynamische Farbwechselwirkungen als Königsweg zum Ausdruck der Seele angeboten. Klee schrieb, daß er nach der Brücke suche, die vom Sichtbaren zum Unsichtbaren führt. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wider, sondern macht sichtbar” (Schöpferische Konfession, 1920). Klee wollte seine Ideen von alltäglichen Erfahrungen ableiten, ganz so wie es Wissenschaftler und Ingenieure tun. Auch kleidete Klee wie sie seine Ideen in Begriffen von Bewegung, Energie und Ladung (siehe seine Notizbücher). Mir scheint Klee in seinem Ansatz mehr amerikanisch zu sein; empirischer und demokratischer als Kandinsky oder Itten, die beide offenbar zur autoritären Mystik neigten.

Als 1923 der Expressionist Itten durch den russischen Konstruktivisten und Kommunisten Moholy-Nagy ersetzt wurde, verlagerte sich das Bauhaus im Schwerpunkt von „Kunst um der Kunst Willen“ zur zweckdienlichen Kunst, von der individuellen Geistigkeit zum gemeinschaftlichen Sozialismus, vom Expressionismus zur Architektur und zum Industriedesign. Kunst (und die künstlerische Farbwechselwirkung) galt nun als eine Macht, die nicht nur Einzelpersonen, sondern ganze Gesellschaften umformen könnte. Sie könnte beim Aufbau einer neuen Welt helfen durch ein einheitliches Weltbild, geschaffen durch eine moderne Kunst mit Hilfe der modernen Technik. Anstelle von ein paar Einzelnen, die einen genuineren, expressiven Kontakt mit ihrem Geist entdecken, könnte sich die gesamte Gesellschaft durch „sowjetische“ (Arbeiterräte-) Architektur und durch die künstlerische Gestaltung der Massenproduktion umformen, durch das Erwecken und die Visualisierung des schlummernden „Volksgeistes“, und die Welt so sehen, wie Goethe sie vielleicht gesehen hat.

Bauhausalbers