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Nietzsche: MEINE SCHWESTER UND ICH (Besprechung)

1. Juli 2025

An Nietzsche scheiden sich die Geister. Die einen phantasieren in ihn einen Metaphysiker hinein, der von dem Willen zur Macht als einer Art „Grundprinzip des Seins“ ausging,während die anderen den „dekonstruierenden“ Aphoristiker sehen, der illusionslos immer wieder auf einen jeweiligen Willen zur Macht gestoßen ist. Es ist aber gleichgültig, ob man ihn als Konstrukteur einer Art „arischen“ Lebensanschauung sieht oder, um in diesem Jargon zu bleiben, als eine Art quasi „jüdischen“ Dekonstrukteur der westlichen Geisteswelt, – „Belege“ wird man in seinem Werk für alles und das Gegenteil finden –, wichtig ist einzig die von Bernd A. Laska entdeckte „initiale Krise“, die am Anfang von Nietzsches Denken steht und an der auch die beiden genannten Interpretationstraditionen dieses Denkens straucheln. Die besagte „initiale Krise“ dreht sich natürlich um die Lektüre von Max Stirners Der Einzige und sein Eigentum.

Ob die einen hinter der Wirklichkeit irgendetwas Tieferes, etwa den „Willen zur Macht“, wirken sehen oder die anderen vermeinen, die Wirklichkeit selbst spräche zu ihnen: es ist und bleibt eine Illusion, da „sie“, die Subjekte, gar nicht sie selbst sind. Sie sind nicht, um mit Stirner zu sprechen, „Eigner ihrer selbst“, sondern Besessene (nicht Eigner, sondern Besitztümer anderer), die nur Wahngebilde wahrnehmen und Unsinn sprechen. Sie sind, wie man heute so schön sagt, in einer „Bubble“.

Wir alle stecken in einer, wie Reich sich ausdrückte, „Falle“, zu der vor allem das Verleugnen dieses Tatbestandes gehört, – was genau Nietzsches „initiale Krise“ ausmacht. Das führt jedwede „Philosophie“ ad absurdum, denn für den „gepanzerten“, d.h. in der Falle befindlichen Menschen ist das Leben nicht das Leben, sondern Lüge, Krampf und Scheitern. Manche sehen zumindest die Lüge, den Krampf und das Scheitern bei den „Metaphysikern“, verheddern sich bei ihrer Dekonstruktion der Metaphysik aber selbst. Egal, was da „synthetisch“ geraunt oder analytisch zersetzt wird, es bleibt doch alles – man verzeihe mir die unverzeihliche Platitüde – im Jargon des Eigentlichen gefangen, das nichts mit dem authentischen Eigent-lichen im Sinne Stirners zu tun hat, sondern doch nur inkorporierte Kultur ist.

Bei Stirner konnte Nietzsche Dinge lesen wie: „Macht – das bin Ich selbst, Ich bin der Mächtige und Eigner der Macht“ (Der Einzige, reclam, S. 230), und: „Ich bin nur dadurch Ich, daß Ich Mich mache, d.h. daß nicht ein Anderer Mich macht, sondern Ich mein eigen Werk sein muß“ (Der Einzige, S. 256). Das übernahm er, – um den eigentlichen Sinngehalt von Stirners Werk um so besser verschwinden zu lassen. Deshalb wird er über alle Maßen verehrt!

Man kann alles Mögliche über Meine Schwester und ich sagen, – beispielsweise war ich bei meiner Erstlektüre des englischen Originals vor vielen Jahren von der wachsenden Gewißheit getriggert, hier einen „widerlichen Betrug“ vor mir zu haben; eine hinterhältige Zurücknahme von Nietzsches Machtphilosophie – im Namen Nietzsches. Jetzt bei der „Zweitlektüre“, also dem Lesen der deutschen Übersetzung, widerte mich die Fixierung der jüdischen Literaturfälscher auf ihre Jüdischheit an. Ohne das alles entscheidende Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Christian Fernandes, das man als „Vorwort“ lesen sollte, wäre mir dabei beinahe das eigentlich Wichtige entgangen: die Bloßlegung der „Willensphilosophie“ und des, wenn man so will, „dekonstruktivistischen Zynismus“ Nietzsches als Funktion einer vollkommen vermurksten persönlichen und gesellschaftlichen Sexualökonomie, die nicht zuletzt im Holocaust mündete.

Der Übersetzer und Herausgeber Christian Fernandes präpariert das aus dem Wust an Aphorismen und pseudo-autobiographischen Versatzstücken heraus, was Bernd A. Laska als „Jahrtausendentdeckung“ bezeichnet hat: indem wir den Wahnsinn unterdrücken, erzeugen wir ihn. Nietzsche selbst ist vor dieser Einsicht unter einem ungeheuren Aufwand geflohen und hat dabei, wie angeschnitten, ein ganzes philosophisches Gebäude aufgebaut bzw. abgerissen. In Meine Schwester und ich gibt er, die literarische Figur „Nietzsche“, dieses (bzw. diese) Unterfangen auf, weil er dessen Grundlage zumindest erahnt – seine abschließende Endkrise. Das ist auch der Grund, warum Reich auf (zugegeben arg naive Weise) von der Authentizität des Buches überzeugt war und selbst der stets vorsichtig-skeptische Bernd Laska dem Buch in dieser Hinsicht über Gebühr Kredit einräumte.

Für den NACHRICHTENBRIEF hat dieses Buch zwei Gesichter: Erstens war Reich zeitlebens ein Nietzsche-Verehrer. Beispielsweise hang die Totenmaske in Reichs Studierstube in Wien. Entsprechend mußte es 1951 auf Reich dramatisch wirken, daß Nietzsche am Ende seines Lebens (vermeintlicherweise) seine Willensphilosophie zugunsten von „Liebe, Arbeit und Wissen“ aufgegeben hatte. In der Folgezeit gehörte Meine Schwester und ich zu Reichs „10 Büchern“, das jeder Student der Orgonomie gelesen haben muß. Zweitens fügt sich Fernandes‘ Veröffentlichung dieses Buches in das weiterlaufende paraphilosophische „LSR-Forschungsprojekt“ ein.

Hier liegt gerade Volker Gerhardts Nietzsche-Monographie aus den 1990er Jahren auf meinem Schreibtisch. Hinten auf dem Einband findet sich folgendes Zitat von Nietzsche – das also den gesamten Nietzsche charakterisieren soll:

Wozu die Menschen da sind, wozu „der Mensch“ da ist, soll uns gar nicht kümmern: aber wozu Du da bist, das frage dich, und wenn Du es nicht erfahren kannst, nun so steck Dir selber Ziele, hohe und edle Ziele und gehe an ihnen zu Grunde! Ich weiß keinen besseren Lebenszweck als am Großen und Unmöglichen zu Grunde zu gehen…

Das findet sich auch auf S. 11f von Gerhardts Buch mit dem abschließenden lateinischen Spruch „… animae magnae prodigus“.

„Wozu die Menschen da sind, wozu ‚der Mensch‘ da ist, soll uns gar nicht kümmern“, ist natürlich Stirner pur. Nur wird es im Folgenden instantan ins Über-Ich zurückgeholt: man soll sich DOCH opfern! Nietzsche als „Überwinder Stirners“! In Meine Schwester und ich wird genau das ad absurdum geführt: Nietzsche geht sinnlos zugrunde und hat ein verpfuschtes Leben hinter sich – von wegen „Verschwender einer großen Seele“!

Der Universitätsprofessor Gerhardt ist vollkommen taub für derartige Zusammenhänge. Er spricht von Nietzsches „großer Seele“ und deren „edlen Zielen“… Meine Schwester und ich zeigt zu recht den obszönen Mittelfinger!

Rechtfertigt das alles den Aufwand einer deutsch/englischen Ausgabe? Am Anfang war ich skeptisch („So dick?!“), bis mir auffiel, wie wenig ich doch vom englischen Original bei meiner Erstlektüre wirklich mitbekommen hatte. Die Fälscher haben sich eines derartig verschwurbelten, prätentiösen englischen Schreibstils befleißigt, daß selbst ein „native speaker“ Probleme hätte, dem Text zu folgen. Von daher kann Fernandes‘ Leistung als Übersetzer gar nicht überbewertet werden – zumal er sich der unmittelbaren Überprüfung stellt.

Max Stirner, Soter (Teil 12)

20. Juni 2025

Egoisten sind wir allein schon durch das perspektivische Wesen unserer Existenz: wir sind Mittelpunkt unserer Welt, ob wir es wollen oder nicht (Parerga, S. 159). Stirner nimmt die Welt als das „was sie Mir ist, als die Meinige, als Mein Eigentum: Ich beziehe alles auf Mich“ (Der Einzige, S. 14). Man vergißt dabei zu leicht, daß es Stirner um die nur scheinbare „Leiblichkeit“ der Gespenster geht, die es zu zerstören gilt: „so nehme Ich sie in die Meinige [Leibhaftigkeit] zurück und sage: ‚Ich allein bin leibhaftig‘“ (ebd.) Oder mit anderen Worten: es geht nicht um mein Gehirn und seine Hirngespinste, sondern um meinen Bauch – nicht „Solipsismus“, sondern um „Materialismus“.

Der „Einzige“ deutet aber nicht auf ein solipsistisches oder ein „ins Nichts geworfene“ „Seelenatom“; Stirner wählte dieses Wort nur, weil es von selbst jedes Allgemeine, jeden bloßen Begriff, jede bloße Idee ausschließt. Der Einzige ist einfach der unvergleichliche einzelne Mensch und so nichts weiter als eine tautologische Phrase, zu der jedoch im Gegensatz zu allen bisherigen Phrasen ein „Phraseneigner“ gehört (Parerga, S. 154f).

Die Welt ist nicht (von vornherein) mein Eigentum, sondern ich eigne sie mir an – das Gegenteil von „Solipsismus“. „Mein Eigentum aber ist kein Ding, da dieses eine von Mir unabhängige Existenz hat; mein eigen ist nur meine Gewalt. Nicht dieser Baum, sondern meine Gewalt oder Verfügung über ihn ist die meinige“ (Der Einzige, S. 307). „Die [Welt] ist mein eigen, sobald Ich selbst mein eigen, ein Eigener bin: dem Egoisten gehört die Welt, weil er keiner Macht der Welt gehört“ (Der Einzige, S. 316). „ (…) nicht das Ich ist alles, sondern das Ich zerstört Alles, und nur das sich selbst auflösende Ich, das nie seiende ich, das – endliche Ich ist wirklich Ich“ (Der Einzige, S. 199).

Stirner ist das Gegenteil von Selbstherrlichkeit und Arroganz. „‘Nichts in dieser Welt ist vollkommen‘. Mit diesem leidigen Spruche scheiden die Guten von ihr und flüchten sich in ihr Kämmerlein zu Gott oder in ihr stolzes ‚Selbstbewußtsein‘. Wir aber bleiben in dieser ‚unvollkommenen‘ Welt, weil Wir sie auch so brauchen können zu unserem – Selbstgenuß“ (Der Einzige, S. 357f). Auch wenn er vom Gegensatz zwischen Schöpfer und Geschöpft spricht, meint er keine illusorische Selbstherrlichkeit, vielmehr geht es darum, ob man die Kinder zu Schöpfern macht oder zu bloßen Geschöpfen erniedrigt, die dressiert werden müssen (Parerga, S. 75).

Das sieht dann so aus: Von dem Moment an, wo Mir nichts mehr über Mich geht „hört Staat, Kirche, Volk, Gesellschaft u.dergl. auf, weil sie nur der Mißachtung, welche Ich vor Mir habe, ihre Existenz verdanken, und mit dem Verschwinden dieser Geringschätzung selbst erlöschen: sie sind nur, wenn sie über Mir sind, sind nur als Mächte und Mächtige. Oder könnt Ihr Euch einen Staat denken, dessen Einwohner allesamt sich nichts aus ihm machen? Der wäre so gewiß ein Traum, eine Scheinexistenz, als das „‘einige Deutschland‘“ (Der Einzige, S. 316). Nur ein Idiot, kann hier, „Scheinexistenz der Welt“, Solipsismus hineindichten! Oder sagen wir mal so: Die dressierten Menschen leben in einer Scheinwelt aus lauter fixen Ideen, etwa so wie jemand, der unter einem Verfolgungswahn leidet oder gar unter einer manifesten Psychose. Stirner wollte diese Welt auslöschen und den Schöpfer dieser Welt, der zeitweise seine Souveränität verloren hat, wieder in seine Rechte setzen. Es ist die Auflösung von okularer Panzerung und generell von Panzerung.

Wie nahe sich Reich und Stirner nicht nur in der Sache („Panzerung“), sondern auch in den Sprachbildern stehen, wird deutlich, wenn Stirner im Zusammenhang mit der Gesetzgebung im Staate davon spricht, daß durch zurückliegende Willensäußerungen der Wille quasi „erstarrt“ sei, was aus einem einstigen „Wollenden“ einen „Willenlosen“ macht, der, wie Stirner sich ausdrückt, in seinem „Flusse“ und seiner „Auflösung“ gehemmt ist (Der Einzige, S. 215).

Email [Auseinandersetzung mit einem Philosophen] 2003

15. Juni 2025

Email [Auseinandersetzung mit einem Philosophen] 2003

Max Stirner, Soter (Teil 11)

8. Juni 2025

Verbrecher von Geburt! Es existiert nichts über dem „leibhaftigen Menschen“, nicht „Menschlichkeit“, nicht „Freiheit“ oder irgendeine andere dieser „heiligen“ Ideen (Der Einzige, S. 400). Aus dem Leibhaftigen gehen alle Gedankengebilde hervor, z.B. die Religion. Sie ist ein Produkt des künstlerischen Schaffens. Der Künstler schafft ein Ideal des Menschen, das dann angebetet wird. Der Religiöse gerät in den Bann dieses Ideals – und richtet sich gegen, beschneidet die schöpferische Quelle, die das Ideal hervorgebracht hat. Der Künstler wiederum erhält zwar die Religion aufrecht, haucht ihr ständig neues Leben ein, aber er kann sie auch jederzeit sozusagen „wieder in sich zurückholen“, etwa indem er das Ideal in der Komödie der Lächerlichkeit preisgibt (Parerga, S. 99-110).

Ich, der Einzelne, der Endliche, der Einzige (Der Einzige, S. 271), der Wirkliche und Leibhaftige löse die substanzlosen allgemeinen Begriffe, den „Geist“ auf (Der Einzige, S. 189). Das „leibhaftige Ich“ (Der Einzige, S. 190), das „lebendige Ich“ pustet die toten Gespenster, d.h. ganze „Völker“ weg (Der Einzige, S. 184). Und da es nur gegen ein Heiliges „Verbrechen“ gibt (Der Einzige, S. 224), bin ich der geborene Verbrecher, d.h. das „zügellose Ich“, und in meinem „geheimen Inneren“ bleibe ich es stets (Der Einzige, S. 219). Ein „eigenes“, d.h. nicht von Wahnvorstellungen okkupiertes Ich, kann nicht davon ablassen, ein Verbrecher zu sein, denn das Verbrechen ist sein Leben (Der Einzige, S. 222). Er gehört zu den Menschen, „in denen die Totalität ihres Denkens und Handelns in steter Bewegung und Verjüngung wogt“, im Gegensatz zu jenen, „die ihren Überzeugungen treu sind: die Überzeugungen selbst bleiben unerschüttert, pulsieren nicht als stets erneuertes Arterienblut durch das Herz, erstarren gleichsam als feste Körper“ (Parerga, S. 92). Allein schon um einschlafen zu können, muß er alles aus dem Sinn schlagen können, d.h. ein egoistischer Verbrecher wider die Ideen sein (Der Einzige, S. 375). Ein „Verbrechertum“, bei dem es darum geht, sich zu „ergeben“: sich selbst zu ergeben und einer Welt zu ergeben, die zu unserem Eigentum geworden ist (Der Einzige, S. 341f).

Man wird nicht dadurch zum Egoisten, indem man ängstlich an sich hält, sondern durch Hingabe. „Wer nur besorgt ist, daß er lebe, vergißt über diese Ängstlichkeit leicht den Genuß des Lebens. Ist’s ihm nur ums Leben zu tun und denkt er, wenn Ich nur das liebe Leben habe, so verwendet er nicht seine volle Kraft darauf, das Leben zu nutzen, d.h. zu genießen. Wie aber nutzt man das Leben? Indem man’s verbraucht, gleich dem Lichte, das man nutzt, indem man’s verbrennt. Man nutzt das Leben und mithin sich, den Lebendigen, indem man es und sich verzehrt. Lebensgenuß ist Verbrauch des Lebens“ (Der Einzige, S. 358f). „Ich habe gegen Andere keine Pflicht, wie Ich auch nur so lange gegen Mich eine Pflicht habe (z.B. die der Selbsterhaltung, also nicht Selbstmord), als Ich Mich von Mir unterscheide (meine unsterbliche Seele von meinem Erdendasein usw.)“ (Der Einzige, S. 357).

Die Welt zu „vernichten“ ist unlösbar damit verbunden sich selbst zu vernichten, d.h. aufzulösen (Der Einzige, S. 330). Was soll das bedeuten? Da die Welt nicht mehr fremdes Eigentum, nämlich das Eigentum der Religion oder des Staates ist, sondern unser Eigentum sein soll, verbrauchen wir sie entsprechend. Wir versuchen die Gewalt, die sie gegen uns wendet, „dadurch zu vollenden und überflüssig zu machen, daß Wir ihr entgegenkommen, und Uns ihr, sobald sie Uns gehört, gleich Uns ‚ergeben‘“ (Der Einzige, S. 341f). Die ehrfurchtsvolle Distanz ist weg – denn der Verbrecher hat dafür keinen Sinn.

Der Einzige ist dabei nur in bezug auf die fixen Ideen a- wenn nicht sogar unmoralisch – aus Moral. Eine Moral, die im Sinne Nietzsches aristokratisch ist: „Ich fordere kein Recht, darum brauche Ich auch keins anzuerkennen“ (Der Einzige, S. 230). Stirner sagt nicht (wie die Satanisten es tun und die allgemeine Gesellschaft, die in pestilenter Projektion die Stirnerianer zu Satanisten stempeln will, es tut): „Ich fordere mein Recht und erkenne kein anderes an.“

Man mag einwenden, daß sich Stirner gegen jede Naturrechts-Argumente verwahrt hat (Der Einzige, S. 216f), aber natürlich ist auch der Eigner seiner selbst nur ein Menschentier mit ganz normalen Ehr- und Moralempfindungen („gesundes Volksempfinden“). Sie sind sogar eher stärker ausgeprägt als bei anderen: „Redet mit dem sogenannten Verbrecher als mit einem Egoisten, und er wird sich schämen, nicht, daß er gegen eure Gesetze und Güter sich verging, sondern daß er eure Gesetze des Umgehens, eure Güter des Verlangens wert hielt; wird sich schämen, daß er Euch mitsamt dem Eurigen nicht – verachtete, daß er zu wenig Egoist war“ (Der Einzige, S. 222).

„Was ist der gewöhnliche Verbrecher anders, als einer, der das verhängnisvolle Versehen begangen hat, nach dem zu streben, was des Volkes ist, statt nach dem Seinen zu suchen. Er hat das verächtliche, fremde Gut gesucht, hat getan, was die Gläubigen tun: die nach dem trachten, was Gottes ist“ (Der Einzige, S. 221f). Wenn der Kriminelle wirklich Egoist wäre, würde er sich schämen, sich über den Grad seiner Gesetzestreue zu definieren, d.h. das Gesetz zum Maßstab seines Treibens zu machen; sich gegen die bestehenden Gesetze nur aufzulehnen, statt gegen das Gesetz an sich zu sein (Der Einzige, S. 120f).

Max Stirner, Soter (Teil 10)

2. Juni 2025

Wenn Stirner gegen das Naturrecht argumentiert, tut er das, weil es eben kein „Natur-Recht“ ist, sondern den Endpunkt der „Vergeistigung“ und „Heiligung“ darstellt, so daß nichts in der Natur wirklich Natur bleibt, d.h. „seinen Wert für sich behält“ (Der Einzige, S. 98). Folgt man nicht die fremden, „vergeistigenden“ Eingebungen, sondern wie ein Tier seinen Antrieben, wird man feststellen, daß man „trotzdem“ vernünftig handelt. „Allein die Gewohnheit religiöser Denkungsart hat unsern Geist so arg befangen, daß Wir vor Uns in unserer Nacktheit und Natürlichkeit –erschrecken; sie hat Uns so erniedrigt, daß Wir Uns für erbsündlich, für geborene Teufel halten“ (Der Einzige, S. 178). „Eure Natur ist nun einmal eine menschliche, Ihr seid menschliche Naturen, d.h. Menschen. Aber eben weil Ihr das bereits seid, braucht Ihr’s nicht erst zu werden“ (Der Einzige, S. 372). Die „eigene Kritik“ gleicht der „tierischen Kritik des Instinktes. Mir ist es, wie dem kritisierenden Tiere, nur um Mich, nicht ‚um die Sache‘ zu tun“ (Der Einzige, S. 400).

Der Mensch hat eine angeborene Natur:

Was Einer werden kann, das wird er auch. Ein geborener Dichter mag wohl durch die Ungunst der Umstände gehindert werden, auf der Höhe der Zeit zu stehen und nach den dazu unerläßlichen großen Studien ausgebildete Kunstwerke zu schaffen; aber dichten wird er, er sei Ackerknecht oder so glücklich, am Weimarschen Hofe zu leben. Ein geborener Musiker wird Musik treiben, gleichviel ob auf allen Instrumenten oder nur auf einem Haferrohr. Ein geborener philosophischer Kopf kann sich als Universitätsphilosoph oder als Dorfphilosoph bewähren. Endlich ein geborener Dummerjan, der, was sich sehr wohl damit verträgt, zugleich ein Pfiffikus sein kann, wird, wie wahrscheinlich Jeder, der Schulen besucht hat, an manchen Beispielen von Mitschülern sich zu vergegenwärtigen imstande ist, immer ein vernagelter Kopf bleiben, er möge nun zu einem Bürochef einexerziert und dressiert worden sein. Oder demselben Chef als Stiefelputzer dienen. Ja die geborenen beschränkten Köpfe bilden unstreitig die zahlreichste Menschenklasse. Warum sollten auch in der Menschengattung nicht dieselben Unterschiede hervortreten, welche in jeder Tiergattung unverkennbar sind? Überall finden sich Begabtere und minder Begabte. (Der Einzige, S. 364f)

„Was Du zu sein die Macht hast, dazu hast Du auch das Recht“, bedeutet nicht, einen Aufruf zu rücksichtsloser Gewalttätigkeit, d.h. „Unmündigkeit“, sondern ganz im Gegenteil, die Fähigkeit mit Freiheit mündig umzugehen (Der Einzige, S. 207). „Mündig“ sein bedeutet nicht „der“ Natur oder irgendwelchen Ideologien, sondern der eigenen Natur zu folgen: „Die Natur aber kann Mich zu dem nicht berechtigen, d.h. befähigen oder gewaltig machen, wozu Mich nur meine Tat berechtigt“ (Der Einzige, S. 208). Man betrachte hinsichtlich „Was Du zu sein die Macht hast, dazu hast Du auch das Recht“ auch das unmündige Kind mit seinem Lächeln oder seinem Weinen. „Bist Du imstande, seinem Verlangen zu widerstehen oder reichst Du ihm als Mutter nicht die Brust, als Vater so viel von deiner Habe, als es bedarf?“ (Der Einzige, S. 294f). Kind und Vater handeln schlicht als Naturwesen: „Ein Hund sieht den Knochen in eines andern Gewalt und steht nur ab, wenn er sich zu schwach fühlt. Der Mensch aber respektiert das Recht des Andern an seinem Knochen. Dies also gilt für menschlich, jenes für brutal oder ‚egoistisch‘“ (Der Einzige, S. 309).

„Eigner und Schöpfer meines Rechts – erkenne ich keine andere Rechtsquelle als – Mich, weder Gott, noch den Staat, noch die Natur, noch auch den Menschen selbst mit seinen ‚ewigen Menschenrechten‘, weder göttliches noch menschliches Recht“ (Der Einzige, S. 225). „Die Menschenrechte, das teure Werk der Revolution, haben den Sinn, daß der Mensch in Mir Mich zu dem und jenem berechtigt: Ich als Einzelner, d.h. als dieser, bin nicht berechtigt, sondern der Mensch hat das Recht und berechtigt Mich. Als Mensch kann Ich daher wohl berechtigt sein, da Ich aber, mehr als Mensch, nämlich ein absonderlicher Mensch bin, so kann es gerade Mir, dem Absonderlichen, verweigert werden“ (Der Einzige, S. 352).

Jeder Mensch ist ein Verbrecher, da jede Handlung und jede Unterlassung entweder ein göttliches bzw. „natürliches“ oder ein menschliches Recht verletzt: „Ihr wißt nicht, daß ein eigenes Ich nicht ablassen kann, ein Verbrecher zu sein, daß das Verbrechen sein Leben ist“ (Der Einzige, S. 222). „Es ist nicht Einer unter Euch, der nicht in jedem Augenblicke ein Verbrechen beginge: eure Reden sind Verbrechen, und jede Hemmung eurer Redefreiheit ist nicht minder ein Verbrechen. Ihr seid allzumal Verbrecher! Doch Ihr seid es nur, indem Ihr Alle auf dem Rechtsboden steht, d.h. indem Ihr es nicht einmal wißt und zu schätzen versteht, daß Ihr Verbrecher seid“ (Der Einzige, S. 308f).

Max Stirner, Soter (Teil 9)

25. Mai 2025

Das Recht ist die Gewalt des Staates, das Verbrechen die Gewalt des Einzelnen (Der Einzige, S. 216). „Und die Gesetze eines Volkes umgehe Ich, bis Ich Kraft gesammelt habe, sie zu stürzen“ (Der Einzige, S. 183). „Das Recht ist der Geist der Gesellschaft“ (Der Einzige, S. 204) – und stempelt mich zum Verbrecher, wenn ich ich bin. Das Recht, ursprünglich bzw. rationalerweise ein Interessenausgleich zwischen Individuen, ein Werkzeug meiner Macht, wurde zu einer heiligen fixen Idee, die mich, ihren Schöpfer, auslöschen will. Die Energontheorie Hans Hass‘ beschreibt nichts anderes: der Mensch erschuf sich seine Umwelt, um leben zu können und brachte es zu einer ungeheuren Machtsteigerung – nur um festzustellen, daß sich alles gegen ihn, den Schöpfer, wendet; manipuliert, abhängig und kurz vor der Auslöschung. Was bei Stirner der „Einzige“ ist, ist bei Hass die „Keimzelle Mensch“.

Stirner polemisiert insbesondere gegen das „Naturrecht“. Nicht „die Natur“ gebe mir etwas, sondern einzig und allein meine Macht. Es behauptet beispielsweise, die Eltern hätten „von Natur“ Rechte gegen ihre Kinder, was die anderen (die Kommunisten) ebenfalls mit Berufung auf „die Natur“ bestreiten (Der Einzige, S. 206). Dieser Streit „Recht gegen Recht“ wird beendet und ein gedeihliches Zusammenleben erst möglich durch etwas Drittes (siehe dazu aber weiter unten in diesem Post!), das den Streit aufhebt: den Einzigen. „Ich und das Egoistische ist das wirklich Allgemeine, da jeder ein Egoist ist und sich über alles geht“ (Der Einzige, S. 198). „Ob Ich Recht habe oder nicht, darüber gibt es keinen andern Richter, als Mich selbst. Darüber nur können Andere urteilen und richten, ob sie meinem Rechte beistimmen, und ob es auch für sie als Recht bestehe“ (Der Einzige, S. 205). Nur das garantiert die Gleichheit freier Personen, d.h. es ist die einzige Möglichkeit einer Einheit von Freiheit und Gleichheit (Parerga, S. 96).

Die vollendete Trennung schlägt in den Verein, die „Verein-igung“ um. Während derjenige, der nach dem Ideal, nach Wahrsein, Gutsein, Sittlichsein u.dgl. strebt, jeden scheel ansieht, „der nicht dasselbe ‚Was‘ anerkennt, dieselbe Sittlichkeit sucht, denselben Glauben hat: er verjagt die ‚Separatisten, Ketzer, Sekten‘ usw.“ (Der Einzige, S. 372) – und sorgt durch seinen Vereinigungsfimmel für ewigen Streit und Konflikt. Stirner weist beispielsweise darauf hin, daß es nichts bringe, wenn man die damaligen 38 deutschen Staaten dadurch vereinigen wollte, indem man die Bevölkerungen auf das ihnen gemeinsame „Deutschtum“ verweisen würde. Denn nur Einzelne können miteinander in Verein treten, „und alle Völker-Allianzen und Bünde sind und bleiben mechanische Zusammensetzungen, weil die Zusammentretenden, soweit wenigstens die ‚Völker‘ als die Zusammengetretenen angesehen werden, willenlos sind. Erst mit der letzten Separation endigt die Separation selbst und schlägt in Vereinigung um.“ Das „Deutschtum“ trage die Notwendigkeit der Spaltungen und Separationen in sich, „ohne gleichwohl bis zur letzten Separation vorzudringen, wo mit der vollständigen Durchführung des Separierens das Ende desselben erscheint: Ich meine, bis zur Separation des Menschen vom Menschen“ (Der Einzige, S. 254).

Man hat immer versucht die „Andersdenkenden“ zu integrieren, indem man das umfassendere Gemeinsame suchte. „Allein warum sollte Ich nur anders über eine Sache denken, warum nicht das Andersdenken bis zu seiner letzten Spitze treiben, nämlich zu der, gar nichts mehr von der Sache zu halten, also ihr Nichts zu denken, sie zu [vernichten]?“ (Der Einzige, S. 379).

Der letzte und entschiedenste Gegensatz, der des Einzigen gegen den Einzigen, ist im Grunde über das, was Gegensatz heißt, hinaus, ohne aber in die „Einheit“ und Einigkeit zurückgesunken zu sein. Du hast als Einziger nichts Gemeinsames mehr mit dem Andern und darum auch nichts Trennendes oder Feindliches; Du suchst nicht gegen ihn vor einem Dritten Recht und stehst mit ihm weder auf dem „Rechtsboden“, noch sonst einem gemeinschaftlichen Boden. Der Gegensatz verschwindet in der vollkommenen – Geschiedenheit oder Einzigkeit. Diese könnte zwar für das neue Gemeinsame oder eine neue Gleichheit angesehen werden, allein die Gleichheit besteht hier eben in der Ungleichheit und ist selbst nichts als Ungleichheit: eine gleiche Ungleichheit, und zwar nur für denjenigen, der eine „Vergleichung“ anstellt. (Der Einzige, S. 229)

Ironistische Verfehlung und implantierende Situation

10. Mai 2025

Das folgende ist vor dem Hintergrund des gestrigen Blogeintrags zu lesen:

Die „ironistische Verfehlung“, von der der Philosoph Hermann Schmitz spricht, beinhaltet schlicht, daß das Subjekt nicht zur Welt gehört und mit dieser nach Belieben seinen Spott treiben kann. Nichts muß man ernst nehmen, von nichts berührt werden, weil alles nur ein Spiel sei. Ein passendes Beispiel ist der psychopathische Massenmörder Hannibal Lector, der seine höhnische Distanz bei Vivisektionen von Menschen zeigt. „Frischer geht Leber nicht. Lecker!“

Hermann Schmitz ist auf diese alles menschliche Leben zerstörende Geisteshaltung vor allem in seinem Buch über Adolf Hitler in der Geschichte (Bonn 1999) eingegangen. Einer der ersten Übeltäter, neben Plotin und dessen selbstbezogenem Streben nach Glückseligkeit, sei Augustinus gewesen. Augustinus, der das Ende der Antike und den Anfang des Mittelalters markiert. Er war der Erste, der „Ich“ gesagt, eine Autobiographie geschrieben hat. Schmitz schreibt über ihn etwas, was uns Augustinus, Kirchenvater der Westkirche und damit des Westens schlechthin, sofort als ersten modernen Menschen erweist:

Jeder Mensch – das ist der Kern der Anthropologie Augustins – will vor allem glücklich sein und alles andere nur deshalb. Das letzte Ziel alles menschlichen Strebens ist das Glück. Die richtige Ordnung der Bestrebungen ist daher durch den Weg zum Glück vorgegeben. Glück ist Privatsache: Durch das Glück eines Anderen wird kein Mensch glücklich. Dieses streng auf den Einzelnen zugeschnittene Glück wird dem Seligen im ewigen Leben bei Gott zuteil. (Schmitz, S. 142)

Und weiter auf den eigentlichen Punkt kommend: „Wenn wirklich die Sehnsucht nach Glück das höchste Streben des Menschen und Genuß bei und an Gott dessen einzige Erfüllung ist, dann wird Gott nicht um seiner selbst willen geliebt, sondern als Mittel zur Erlangung des Glücks, das nur bei ihm zu finden ist“ (Schmitz, S. 144). Wenn sogar Gott ein bloßes Mittel zum Zweck ist, wie jede beliebige Prostituierte, ist ein „ironistisches“ Verhältnis zur Welt konstituiert.

Im Mittelalter selbst findet sich Meister Eckhart mit einer einzigen eher zufälligen und folgenlosen Äußerung, die zumindest ansatzweise in die gleiche Kerbe schlägt. Eckhart:

Mir kam einmal der Gedanke, es ist noch nicht lange her: Daß ich ein Mensch bin, das hat auch ein anderer Mensch mit mir gemein; daß ich sehe und höre und esse, das tut auch das Vieh; aber was ich bin, das gehört keinem Menschen sonst zu als mir allein, keinem Menschen noch Engel noch Gott, außer soweit ich eins mit ihm bin; es ist eine Lauterkeit und eine Einheit. (z.n. Schmitz, S. 169).

Seit Fichte, also mit dem Beginn der romantischen Bewegung, sei, so Schmitz, dieses Bewußtsein „massenwirksam“ wach geworden. Um 1800 beginnt sozusagen der echte Atheismus. Vorher betrachteten sich die Menschen noch als Objekte (Gottes) – selbst wenn sie sich als „Atheisten“ sahen, danach kam es sozusagen zu einem perspektivischen Wechsel. Dieses Erwachen zum „Ich“, dieser echte Atheismus, bei dem dem dergestalt „ironischen“ Subjekt alles distanzierte Travestie ist, hätte die endgültige Befreiung bringen können – hat aber stattdessen den endgültigen Untergang heraufbeschworen. Wir erinnern uns an Hannibal Lector: er hat wie kein anderer die Verlogenheit und Kontraproduktivität von Moral und Ethik, kurz dem „Über-Ich“ durchschaut, aber… – Nach Schmitz liegt die Tragik darin, daß sich der Mensch endlich findet – und im gleichen Augenblick endgültig verliert, da er sich als von allem separiertes Subjekt nicht mehr in der Welt der objektiven Tatsachen einreihen kann und so alles verspielt, nicht zuletzt sich selbst: „Weltverlust“ und „Selbstverlust“ sind ein und dasselbe.

Der Mensch hatte sich stets analog zu den Dingen betrachtet. Selbst für Descartes war das Ich von „Ich denke also bin ich!“ letztendlich, ob ausgedehnt oder nicht, auch nur ein „denkendes Ding“. Selbst Kant ist nicht darüber hinweggekommen und gehört noch ins überkommene Denken. Erst Fichte hat erkannt, daß „Ich“ kein Ding ist, sondern wirklich ein Subjekt. Aber was haben Fichte und seine Nachfolger, Schmitz zufolge insbesondere auch Stirner, aus der Einsicht gemacht, daß „ich“ kein Ding in der Welt bin? Sie haben das Ich von der Welt separiert, als sei es ein – Un-Ding, statt überhaupt Objektivität und Subjektivität, damit die ironische Distanz zu überwinden. Überwinden im Sinne einer „Atmosphäre“, bei der das Subjekt und die objektive Welt in eins fließen. Gefühle kommen dann nicht mehr von innen, sondern von außen, d.h. übermannen uns. Beispielsweise kann ich einen Sonnenuntergang auf einem Feld nur erleben, wenn ich integraler Bestandteil dieses einheitlichen „Situation“ werde. Wenn ich ihn distanziert, „ironisch“ betrachte, erlebe ich keinen Sonnenuntergang im eigentlichen Sinne. Die Welt wird leer und deshalb verschwinde auch ich. Nihilismus im eigentlichen Sinne!

Wie angedeutet reiht Schmitz auch Stirner in diese „ironistische Verfehlung“ ein, von daher ja seine epische Korrespondenz mit Laska: der wichtigste Briefwechsel der Menschheitsgeschichte. Was Schmitz nicht sieht, ist, daß Stirner den „verdinglichenden“ Faktor dingfest gemacht hat, nämlich die Vergesellschaftung des Menschen, seine „Verdinglichung“, seine Abtrennung von sich selbst und von den anderen Selbsten durch das, was Laska in Anlehnung an Freud „Über-Ich“ nennen sollte. Es geht schlichtweg um den Panzer, der den bioenergetischen Kern von der Umwelt und damit von sich selbst trennt. Das organismische und das kosmische Orgon sind ein und dasselbe, solange sie nicht durch den Panzer getrennt werden.

Mit der Rede von der „Atmosphäre“ vertritt Schmitz diese Einsicht – und umgeht sie gleichzeitig. Schmitz will den entfremdeten Menschen wieder in der Welt heimisch machen. Die „Atmosphäre“ ist ein Faktor, der sowohl die eigene Subjektivität und die Objektivität der Außenwelt in einer allumfassenden – ja, „Atmosphäre“ aufnimmt. Daß dieser „Neo-Animismus“, bei aller grundsätzlichen Berechtigung (siehe Reichs Äther, Gott und Teufel), die wahren Ursachen der Entfremdung nur verkleistert und sogar heiligt, war Schmitz nicht zugänglich zu machen. Was ist etwa mit der autoritären (heute „antiautoritären“) „Familienatmosphäre“ bzw. dem, was Schmitz wie blind hinsichtlich der eigentlichen Problematik ausgerechnet „implantierende Situation“ nennt?!

Max Stirner, Soter (Teil 8)

9. Mai 2025

Obwohl bei Stirner wenig bis nichts von der Sehnsucht nach genitalem Kontakt die Rede ist, sondern nur von der jugendlichen Sehnsucht nach dem jenseitigen „Idealen“ als Ersatzkontakt, entsprechen seine Ausführungen über die Struktur des Ich doch weitgehend Reichs Entdeckungen über die Struktur des Lebendigen, wie er sie 1951 in Die kosmische Überlagerung ausgeführt hat. Aus der massefreien Orgonenergie geht durch Überlagerung Materie im allgemeinen und die jedes Lebendige umhüllende Membran im besonderen hervor. Der so entstehende Widerspruch zwischen freier Orgonenergie und materieller Einschränkung ist Grundlage aller Entwicklung. Im emotionalen Bereich äußert sich dieser Gegensatz in der „kosmischen Sehnsucht“, d.h. dem Streben, sich aus der Membran wieder zu befreien. Das ist die gemeinsame Grundlage der Genitalität (das untere Ende des Orgonoms) und des Denkens (das obere Ende des Orgonoms).

Wie Reich bereits 1941 schrieb (Reich: Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science, International Journal of Sex-Economy and Orgone Research 1(2), July 1942, S. 97-107), konnte der Mensch, der von jeher das kosmische Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung in Aussicht stellt. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, wissenschaftlich zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden.

Die ultimativ atheistische Haltung Stirners ist demnach nicht etwa eine Entfremdung von der kosmischen Orgonenergie und wahrhaft „religiösen“ Gefühlen im Sinne von echtem Kontakt zur Natur. Ganz im Gegenteil: es ist die Befreiung des „Triebes nach Selbstauflösung“ und die Abkehr von jedweder Entfremdung. Wenn Stirner gegen das „Heilige“ angeht, dann meint er Unaufgeschlossenheit (Un-Auf-Geschlossenheit) und natürlich nicht irgendwelche spontan aufkommenden natürlichen Gefühle, die man gegenüber seiner Geliebten, seinen Kindern, seinen Eltern, etc. hegt. Nicht das will er desavouieren, sondern alles, was keine spontane Sache des Herzens ist, sondern eine anerzogene „Gewissenssache“ (Der Einzige, S. 77) – im Sinne von „Über-Ich-Sache“.

Stirner unterscheidet beispielsweise zwischen dem Stolz einer Nation „anzugehören“, also ihr Eigentum zu sein, und dem Stolz eine Nationalität sein Eigentum zu nennen, genauso wie man etwa auf seine Körperstärke oder irgendeine andere seiner Eigenschaften stolz ist (Der Einzige, S. 270). Man ist „bezaubert“, „geht mit“, das Lächeln ist ansteckend, der Schmerz des anderen rührt einem das Herz, etc. Imgrunde ist es gar kein „Egoismus“ im Sinne von „Kalkül“, sondern ein spontanes Ausgreifen, eine Expansion des eigenen Egos: zeitweilige Erstrahlung („Gefühlsraum“). Im Unterschied dazu die Besessenheit und die „Liebe“, die der Papst predigt: unterschiedslos, unwandelbar und – letztendlich zynisch bedacht.

„Blind und toll wird die Liebe dadurch, daß ein Müssen sie meiner Gewalt entzieht (Vernarrtheit), romantisch dadurch, daß ein Sollen in sie eintritt, d.h. daß der ‚Gegenstand‘ Mir heilig wird, oder Ich durch Pflicht, Gewissen, Eid an ihn gebunden werde. Nun ist der Gegenstand nicht mehr für Mich, sondern Ich bin für ihn da“ (Der Einzige, S. 326). Man soll das achten, was die Menschen heilig halten, also ausgerechnet das, was sie zu gemeingefährlichen Trotteln macht. „Umgekehrt spricht sich der Egoist aus. Darum gerade, weil Du etwas heilig hältst, treibe Ich mit Dir mein Gespötte und, achtete Ich auch Alles an Dir, gerade dein Heiligtum achte Ich nicht“ (Der Einzige, S. 311).

Stirner hat den Weg zum Lebendigen geebnet, ist gegen die Kontaktlosigkeit angegangen, dem das Lebendige durch rigide Begriffe, Gesetze, Vorgaben ausgesetzt ist. Man denke vor allem an die „Moral“, aber auch allgemein an das Denken in Begriffen. Du bist dann nicht mehr das konkrete „Du“, sondern nur jemand, der für irgendeinen abstrakten Begriff steht! Descartes‘ cogito ergo sumhabe, so Stirner, den Sinn: „Man lebt nur, wenn man denkt!“ Auf diese Weise lebe nur der Geist. „Ebenso sind dann in der Natur nur die ‘ewigen Gesetze’, der Geist oder die Vernunft der Natur das wahre Leben derselben. Nur der Gedanke, im Menschen, wie in der Natur, lebt; alles Andere ist tot! Zu dieser Abstraktion, zum Leben der Allgemeinheiten oder des Leblosen muß es mit der Geschichte des Geistes kommen. Gott, welcher Geist ist, lebt allein. Es lebt nichts als das Gespenst“ (Der Einzige, S. 94). „Und was heißt vernünftig sein? Sich selbst vernehmen? Nein, die Vernunft ist ein Buch voll Gesetze, die alle gegen den Egoismus gegeben sind“ (Der Einzige, S. 372).

Nur Entfremdete, von Gespenster Besessene kümmern sich etwa um „die Sache der Menschheit“, der sie sich und andere opfern. Der sich selbst Genießende hingegen gibt sich wie ein Tier dem Fluß des Lebens hin. Wie dem „schweinischen“ Tiere, geht es ihm immer nur um seinen Lustgewinn, nie „um die Sache“ (Der Einzige, S. 400): „Kinder (…) haben kein heiliges Interesse und wissen nichts von einer ‚guten Sache‘. Desto genauer wissen sie, wonach ihnen der Sinn steht, und wie sie dazu gelangen sollen, das bedenken sie nach besten Kräften“ (Der Einzige, S. 392).

Max Stirner, Soter (Teil 7)

1. Mai 2025

Das Ich ist der, so Stirner, „dritte Faktor“ zwischen dem Realen (der Vergangenheit bzw. natürlich deren Produkt) und dem Idealen (der Zukunft bzw. deren „Idee“). Es kann zwar weder die Vergangenheit beeinflussen, noch die Zukunft nach Belieben gestalten, aber es ist weder gezwungen das bestehende Reale zu heiligen und dergestalt zu perpetuieren, noch braucht es irgendwelche „heiligen Ideale“ real zu machen. In diesem Sinne „vernichtet“ das Ich sowohl die Realität als auch die Idealität (Der Einzige, S. 407). Statt er selbst zu sein, „frei“ zu sein, ist der Mensch in der Welt gefangen, wenn er das Reale heiligt und das Heilige real machen will. Der einzige Ausweg ist der Einzige, der sowohl das Reale als auch das Ideale (Der Einzige, S. 407), d.h. die „natürliche“ und die „sittliche“ Welt vernichtet (Parerga, S. 210). Mit anderen Worten: er akzeptiert die Zeit, so wie sie ist: die Vergangenheit liegt hinter uns und die Zukunft ist noch nicht da – ich LEBE in der Gegenwart. Es gilt, die Welt zu meinem Eigentum zu machen – damit ich nicht ihr Eigentum werde, d.h. Knecht der Tradition oder irgendwelcher Utopien.

„Wenn der Mensch erst seine Ehre darein setzt, sich selbst zu fühlen, zu kennen und zu betätigen, also in Selbstgefühl, Selbstbewußtsein und Freiheit, so strebt er von selbst, die Unwissenheit, die ihm ja den fremden, undurchdrungenen Gegenstand zu einer Schranke und Hemmung seiner Selbsterkenntnis macht, zu verbannen“ (Parerga, S. 91). Es geht um das An-Eignen von im Laufe der Zeit angesammelten Weltwissen; Wissen, das dergestalt persönlich geworden ist (Parerga, S. 88). Und es ist der Gegensatz zwischen dem nüchternen Ruf an den „geborenen Freien“ „Komm zu Dir!“ auf der einen Seite – und die verhängnisvolle romantische Sehnsucht der Träumer und Schwärmer nach „Freiheit“, „Jenseitigkeit“ und Zukunft auf der anderen Seite (Der Einzige, S. 180f). „Sehnsucht und Hoffnung überall, und nichts als diese. (…) Soll der Lebensgenuß über die Lebenssehnsucht oder Lebenshoffnung triumphieren, so muß er sie in ihrer doppelten Bedeutung (…) bezwingen, die geistliche und weltliche Armut [vernichten], das Ideal vertilgen und – die Not ums tägliche Brot“ (Der Einzige, S. 360): wie gesagt, das Reale und das Ideale bewältigen.

Wohlgemerkt, der tumbe hedonistische Allerweltsegoismus ist auch nur Verdinglichung bzw. Idealisierung des vermeintlich „eigenen“ Ichs. Zwar will man sich nicht opfern, ist aber trotzdem zum „Selbstgenuß“ im Stirnerschen Sinne nicht in der Lage, denn der Ich-Verrückte kann sich nicht genießen – nicht auflösen (Der Einzige, S. 361). „Sein“ vermeintliches „Ich“ ist nämlich doch nur ein „Ding“, ein „Geschöpf“, kreiert von anderen oder es ist eine zukünftige Vision, d.h. eine Chimäre. „Was wäre das Ideal wohl anders, als das gesuchte, stets ferne Ich?“ (Der Einzige, S. 359f). Deshalb gibt es zwischen den Gottesfürchtigen und Selbstsüchtigen eine heimliche Identität; obzwar feindliche Brüder, sind sie eben deshalb die nächsten Verwandten (Parerga, S. 47f).

Sowohl in der alten Religion als auch im neuen Materialismus dreht sich alles darum, etwas festzuhalten, sei es die „unsterbliche Seele“, sei es die „Liebe“ oder seien es materielle Güter. Ausgerechnet der „Egoist“ Stirner bricht radikal mit dieser Tradition: „Ein Interesse, es sei wofür es wolle, hat an Mir, wenn Ich nicht davon loskommen kann, einen Sklaven erbeutet, und ist nicht mehr mein Eigentum, sondern Ich bin das seine. Nehmen wir daher die Weisung der Kritik an, keinen Teil unseres Eigentums stabil werden zu lassen, und Uns nur wohl zu fühlen im – Auflösen“ (Der Einzige, S. 157). Das gilt auch für das eigene Ich! Man sucht nicht nach sich selbst, man bangt nicht um sich selbst, sondern genießt sich: „Erst dann, wenn Ich Meiner gewiß bin und Mich nicht mehr suche, bin Ich wahrhaft mein Eigentum: Ich habe Mich, darum brauche und genieße Ich Mich. Dagegen kann Ich Meiner nimmermehr froh werden, solange Ich denke, mein wahres Ich hätte Ich erst noch zu finden (…)“ (Der Einzige, S. 359).

Alle Religion, „Spiritualität“, Weltanschauung, Philosophie, wie immer sie auch geartet sei, ist nur eine pervertierte Kümmerform des Selbstgenusses. „Es will der Geist sich ausbreiten, sein Reich zu gründen, ein Reich, das nicht von dieser Welt ist (…). So sehnt er sich denn alles in allem zu werden (…)“ (Der Einzige, S. 12). „Der Himmel ist das Ende der Entsagung, er ist der freie Genuß. Dort versagt sich der Mensch nichts mehr, weil ihm nichts mehr fremd und feindlich ist“ (Der Einzige, S. 73). Entsprechend ist das Ziel aller religiösen und oder „sozialistischen“ Erlösung doch nur der – Selbstgenuß, der „Himmel“ bzw. der „Himmel auf Erden“. Unser Erlöser Stirner ist der einzige, DER EINZIGE, der diesem degoutanten, tragikomischen Unsinn ein Ende setzt.

Brief an Zoltán E. Erdély (1994)

27. April 2025

Brief an Zoltán E. Erdély (1994)