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Reich in der Diskussion (Teil 5)

23. August 2026

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Stimmen zu den Linksreichianern Fritz Erik Hoevels und Andreas Peglau:

Hoevels: Wilhelm Reichs Beitrag zur Psychoanalyse (2001)

David schrieb 2014: Diese Charakterdeformation ist untrennbar mit Verachtung verbunden, die Folge davon ist,

… daß wir Energie vom Becken zum Gesicht hinaufziehen, so daß wir uns überlegen fühlen. Verachtung ist im Grunde eine Ablehnung des Genitale und wird gegenüber einem Objekt ausgedrückt, das wir für sexueller als uns selber halten, oder gegenüber jenen, die sich in sexueller Hinsicht von uns unterscheiden. Das gilt immer, ganz gleich, was oberflächlich der Grund für die Verachtung zu sein scheint.

Mir ist – betreffend Verachtung – auch sehr wohl das Gegenteil von dem oben Gesagten vertraut. Hiermit meine ich Menschen, die man als „muskel-orientiert“ oder „konservativ“ bezeichnen könnte.
Die verachten – zu Recht – den Sozialisten, den Intellektuellen. Sie verachten auch den Homosexuellen.
Anders ist es gar nicht erklärbar, dass viele Arbeiter sich zu den Rechtsradikalen hingezogen fühlen.
Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) hieß nicht nur so. Sie war es auch.
Gegenüber manchen Menschen in eher homophoben Kreisen geschieht es, wenn ich mich zu erkennen gebe, dass diese Menschen ihre Einstellung ändern. Es handelt sich um Menschen, die bisher einen Homosexuellen nie persönlich kannten.
Genau so wie Hamed Abdel-Samad als junger Mensch nie einen Juden persönlich kannte und deshalb glaubte, was ihm Gesellschaft und Schule in Ägypten über Juden erzählten.

Robert: Bei den Salonkommunisten im Westen fällt auf, dass sie immer nur die Redefreiheit der Demokratie ausnutzen, aber nie Anklagen, dass sie selbst in ihrem kommunistischen Paradiesen im Lager landen würden.

Robert 2016: Ich habe mich seit 1977 mit Hoevels beschäftigt, las zuerst seine Broschüre über den Ödipuskomplex, abonnierte später die Ketzerbriefe und System UBW, las viele Bücher aus dem Ahriman-Verlag etc. Ich habe viele gute Anregungen erhalten, mich z.B. mit der Evolutionsbiologie zu beschäftigen oder mit präkolumbischen Kulturen.
Ich war in den Achtzigern in einem Freud Lesekreis der MRI, kam an einem Nachdruck der Diplom-Arbeit (?) über das obige Buch (Reichs Beitrag) heran, was ich also schon Jahrzehnte früher lesen konnte.
Obwohl ich viele Ansichten Hoevels Teile (z. B. des Monoimperialismus), war für mich irgendwann eine Sackgasse erreicht, nämlich als mir klar wurde, dass die hoevelsche Utopie nichts weiter als eine Art trotzkistischer Diktatur auf mechano-biologischer Grundlage sein würde.
M. E. spricht Pirincci die Wahrheit inzwischen viel klarer aus, zumindest was Deutschland betrifft, obwohl man die Schnittstelle jetzt nicht gleich erkennt. Aber in den Ketzerbriefen gab es viele unterdrückte Nachrichten, z. B. über das Gesundheitswesen, allerdings war immer der US-Imperialismus daran Schuld (was tlws. stimmen mag, siehe TTIP). Jedoch die Aussaugung des deutschen Volkes durch Einwanderer östlicher und südlicher Herkunft wurde nicht thematisiert und das konnte ich persönlich manchmal erfahren genauso wie die linke masochistische Deutschenhasserei und Islamvergötterung.
Jede Wissenschaft oder jedes Gedankensystem wird durch die Panzerung des Interpreten gefiltert und geformt; so wird der Freudo-Marxismus zum hoevelschen und die Orgonomie zum nasselsteinschen Prokrustesbett.

Weiter mit:

Peglau: Unpolitische Wissenschaft? (2013)

2009 schrieb David: „Im Neuheidentum des deutschen Nationalsozialismus brach sich das vegetative Leben abermals Bahn. Der vegetative Wellengang wurde von der faschistischen Ideologie besser erfaßt als von der Kirche.“

… und besser als von den Kommunisten / Sozialisten, deren Bewegung wie ich glaube ebenfalls „abgebogen“ wurde. Nicht erst Stalin, schon Lenin verbreitete die Ansicht, die „Arbeiter“ seien dumm und sie selber, die Bolschewiki, seien ihnen intellektuell – „Kopf“ – weit überlegen, sie seien die Elite, sie müssten daher die Arbeiter führen, müssten ihnen das kommunistische Bewusstsein injizieren anstatt des gewerkschaftlichen „trade-unionistischen“ Bewusstseins, das sie von sich aus hätten.

Dazu Peter: Man muß noch weiter zurück bis zu den Quellen. Ich zitiere aus meinem Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie:

Nicht von ungefähr war „Zentralisation“ der Leitbegriff des Kommunistisches Manifests. Aus dem Wahn heraus der Geist, also ein Geist, könne alles überblicken, mußte sich logisch der Personenkult um das zentrale „Superhirn“ entwickeln (Marx, Lenin, Stalin, Mao, Castro, Abimael Guzman, etc.). Bereits in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von 1844 sagt Marx in seinem typischen verquasten Stil, „der Kopf“ der „menschlichen Emanzipation“ sei „die Philosophie, ihr Herz das Proletariat“. „Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen (…) Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie“ (z.n. 26:93). Der „Masse“ fehle völlig, so Marx im Kommunistischen Manifest, die theoretische Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate ihrer Befreiung.

Das ist einer der Gründe, warum ich bei kommunistischer „Antifa“ säuerlich aufstoßen muß.

David: Theoretisch hatte z.B. Mao eine ganz gute Idee, nämlich die Sache mit den Dorf-Hochöfen. Eisen bzw. Stahl sollte dezentral hergestellt werden.
Tatsächlich ist dann etwas Unerwartetes geschehen. Es konnte nicht die gleiche Qualität hergestellt werden wie in den Stahl- und Hüttenwerken der Sowjetunion oder des Westens.
Hier kommen wir in ein Gebiet was möglicherweise allein mit der herkömmlichen Wissenschaft nicht so leicht erklärt werden kann. Gewisse Prozesse sind nur im Großen möglich, oder nur im Großen gelingen sie so gut wie wir sie kennen. So kann zum Beispiel Ammoniumnitrat im Labormaßstab nicht zur Explosion gebracht werden; es zerfällt bei Erhitzen LANGSAM zu Distickstoffoxyd (Lachgas). Dieselbe Reaktion aber trat in den zwanziger Jahren bei einem großen Chemieunfall bei der BASF explosionsartig ein.
Also muss jede / jeder, die / der die Welt verändern will, den Armen helfen will, usw., mit der Realität in Kontakt bleiben, wozu Kommunisten normalerweise nicht willens und vielleicht auch nicht fähig sind.
Eine Ausnahme mag vielleicht die Einführung der „Neuen Ökonomischen Politik“, das Wieder-Erlauben von privaten Kleinunternehmen durch Lenin sein. Offenbar begriff Lenin, dass mit einer reinen Zentralverwaltungswirtschaft eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung und anderen wichtigen Dingen nicht möglich ist.
Wie, wann und warum die NEP wieder abgeschafft wurde, ist mir nicht ganz klar, ich glaube aber es ist noch vor Übernahme der Macht durch Stalin, also noch unter Lenin gemacht worden. Offenbar ging Lenins Bereitschaft, sich nach der Realität zu richten, wieder verloren.

Peter: Mao hatte auch die gute Idee, alle Vögel in Peking von den Roten Garden töten zu lassen. Seine Überlegung war, daß sie zu viel Getreide aufpicken. Ergebnis war eine Insektenplage. Reich hat gegen derartigen Wahnsinn sein Konzept der Arbeitsdemokratie gesetzt: jene Leute bestimmen, die wirklich im Arbeitsprozeß drinstecken und deshalb abschätzen können, was passieren wird, wenn man eine Maßnahme ergreift. Lenin hat die NEP durchgesetzt, und die Maoisten haben später entsprechendes getan, weil das Land schlichtweg vor dem ökonomischen Kollaps stand. Man hat die Fachleute (die „Kapitalisten“) wieder gewähren lassen – und dann nach getaner Arbeit erschossen. Das wird in China und im modernen Rußland nicht mehr geschehen, vielmehr geht das ganze System in einem undurchdringlichen Gewirr von Wirtschaftskriminalität auf.

Robert 2013: Gustav Hans Graber war später einer der Pioniere der pränatalen Psychologie, er vertrat so etwas wie eine Misch-Typenpsychologie von Jung und Freud. Seine Bücher sind heute noch lesenswert.

O.: Das „Fremde“ muss hier wohl eher als „Nicht-Ich“ als identifiziertes Elternteil aufgefasst werden und das Selbst soll diesen Teil des Ich abspalten. Das wäre inhaltlich an der Charakteranalyse orientiert mit einem anderen Lösungsansatz als Reich es vorschlug. –
Das Selbst könnte den Kern „psychisch repräsentieren“. Das wäre natürlich alles nur Psycho-Gefasel, aber immer hin an Reich angelehnt.

David 2013: Kontaktlosigkeit – ist da auch folgendes gemeint:
Wenn beispielsweise ein Vater befürchtet, er könne vielleicht auf seine Tochter einen inzestuösen Übergriff begehen – oder falls er tief unbewusst soger wünscht, das zu tun, könnte es dazu kommen, dass er jede, auch jede anständige freundschaftliche Berührung der Tochter vermeidet.
Der Schweizer Arzt Samuel Widmer hat über diese Dinge geforscht und er hat das den „Ehrbaren Inzest“ genannt. Samuel Widmer ist auch als Halluzinogen-Forscher bekannt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Widmer#Das_Inzest-Tabu [ist auf Wikipedia nicht mehr zu finden!]

O.: Welches Problem hinter einem „Inzestwunsch oder -gedanken“ steht, wird regelmäßig unbeachtet gelassen oder nicht erkannt.
Hier wird zumindest einmal Freuds (für mich) falsche These des Ödipuskonfliktes richtig gestellt. Nicht die Tochter begehrt den Vater, sondern umgekehrt.
__________________
Konia folgt dem Tenor der „modernen“ Körperpsychotherapeuten, die eine Zunahme der frühen Ströungen zu erkennen glauben. Letztere begründen dies mit ihrerer „Narzissmustheorie“, Konia mit „Kontaktlosigkeit“ (ouklare Blockierung).

Sebastian 2013: Helmut Dahmer wiederholt seit Jahrzehnten seine fruchtlose Kritik. Das Einzige, was er zu sagen hat, ist, dass Reich weder Freud noch Marx ist, was Reich aber selbst stets betonte. Worin liegt also der Erkenntnisgewinn seines Schreibens? Zudem stellt er die Theorie Reichs negativ dar, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu geben, das sachlich zu begründen. Die Frage, die Dahmer unbeantwortet lässt, lautet: WAS für FAKTEN sprechen gegen diesen „naturalisierenden“, „technisierenden“ Ansatz?
Seine Botschaft ist, dass Reich weder Freud noch Marx verstanden hat und sein (Reichs) eigener Ansatz sich ideologisch im Technizismus und Naturalismus verrannt hat. Er will Reich restlos zerstören. Warum darf so jemand die Einleitung von Peglau’s Buch schreiben?

Peter: Dahmer ist halt Experte in Psychoanalysegeschichte und Peglau ist stolz darauf, mit Leuten fruchtbar („arbeitsdemokratisch“) zusammengearbeitet zu haben, die seiner Einschätzung Reichs teilweise diametral entgegengesetzt sind.

O.: Nun wenn Prof. Dr. H. Dahmer (bekannt geworden unter Mitscherlich) einen Herrn Peglau kennt, ist dies schon eine Ehre, folglich geht es um „Anerkennung“ (!), die Mutter aller falschen Motive. Damit ist er auch für die „Reichszene“ attraktiv und er kann sich mit ihnen schmücken und umgekehrt.
Außerdem verlegt er im Psychosozial Verlag Gießen, was nach Beziehungen aussieht, die er sich wohl erarbeitet haben wird.

Sebastian: Ich habe mir nochmal den Aufsatz des Soziologen Helmut Dahmer in Birgit Johlers „Wilhelm Reich Revisited“ durchgelesen und möchte den kurz besprechen.
Dahmer kritzelt seit 40 Jahren irrational über Reich herum. Eine gewisse Genugtuung scheint es ihm zu bereiten, dass die Faszination für Reich seit der Studenten- und Jugendbewegung erloschen ist und seine „skurrilen Züge deutlicher präsent“ sind, obwohl er sich wundert, dass immernoch Reich-Biografien und -Monographien erscheinen. Dahmer versucht Reich nicht durch Klatsch und Tratsch über sein Privatleben zu zerstören, wie zB Christopher Turner, sondern durch die Beurteilung seines Werkes, vor allem seiner „Metatheorie“ aus Psychoanalyse und Marxismus.
Dabei überschreitet Dahmer erstens immer wieder die Grenze seines soziologischen Fachgebietes, was ja nicht schlimm wäre, wenn er sachliche Argumente dafür hätte. Da man sich in der wissenschaftlichen Gemeinde etabliert hat, hat man es aber zweitens nicht nötig sich mit lästigen Fakten herumzuschlagen. So werden Fakten zu „glücklichen Einfällen“ und „vorschnellen Generalisierungen“ und technische Weiterentwicklungen und soziale Konsequenzen aufgrund neuer Faktenlage zu quasi aus der Luft gegriffenen „Erfindungen“ oder „faszinierend einfachen Lösungen“, die anschließend „dogmatisiert“ werden.
Diese unwissenschaftliche Vorgehensweise praktiziert Dahmer seit 40 Jahren, ohne den geringsten Skrupel. Wer nicht mit sachlichen Argumenten überzeugen kann, der muss mit Plakaten um sich schmeißen. Reich hätte zwar dies und jenes „versucht“, aber sei daran letztendlich „verzweifelt“. Was übrig bleibe, sei ein „revolutionärer Arzt“ und „wunderlicher Naturforscher“, auf theoretischem Feld ein „Pamphletist und Säbelfechter“, ein „Sexualutopist“ und „Naturromantiker“, der über die „kosmische Lebensenergie Orgon“ „spekulierte“ bzw. „quacksalberte“.
Sein ganzer Hass richtet sich ganz offen gegen die Orgasmustheorie. Reich „überhöhe“ bzw. „fetischisiere“ die genitale Sexualität zu einem „naturgegebenen Ziel“ und hätte damit die „gegenwärtige Sexualökonomie“ vorweggenommen. Die Realität hätte ihn widerlegt. Für Dahmer ist Genitalität unnatürlich bzw. „pseudonatürlich“, weil das, was vergesellschaftet ist, niemals Natur sein kann. Ein rotes Tuch beim Orgasmus ist für ihn die Bewusstseinsverdunkelung, die reflexionslose Ungehemmtheit, die vergleichbar mit dem Schlaf ist. Dagegen sieht er gerade in der Reflexion in Verbindung mit Arbeit und Klassenkampf die Lösung der Probleme unseres Zeitalters. Die gegenwärtige Sexualökonomie nennt er gemäß Herbert Marcuse „repressive Entsublimierung“, dh, dass sozusagen keine Energie mehr für Sublimierung bzw. Kultur bzw. Gegenkultur übrig ist, wenn man ständig Sex hat.
Wenn man sein bisheriges Wirken oberflächlich anguckt, ist sein gesamtes Werk ein Gegenan gegen alles und jeden. Abweichen („Divergieren“) um jeden Preis in seiner prägenitalen, emotionslosen, intellektuell hypertrophierten Welt.
Worin hat Dahmer recht? Er sieht genauso wie die ACO Orgonomen (und wie Reich es auch gesehen hätte), dass die gegenwärtige Sexualökonomie Mist ist. Er übersieht, dass es sich bei der gegenwärtigen um eine ungeordnete Sexualökonomie handelt und er hat vor 40 Jahren wie heute nicht den Unterschied zwischen Prägenitalität und Genitalität verstanden.
Außerdem kritisiert er an Reich, dass sich seine Theorie „wenig zur Analyse der Entwicklung sozialer Systeme“ eignet. Dabei hat er die 60er Jahre vor Augen, die Reich tatsächlich nicht vorschwebte. Allerdings finden sich genug Hinweise verstreut in seinem Werk, die eine solche Transformation erklärbar machen. Das haben seine Nachfolger vom ACO überzeugend getan.

Peter: Was will Dahmer eigentlich? Er “betont die Bedeutung der angestrebten »Freien Assoziation« bei Marx (der Individuen) und Freud (der Gedanken)“ https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/205225.soziale-leiden.html
Auf so etwas muß man erstmal kommen! Die freie Assoziation bei Marx und Freud!
Mein Gott, mit Kategorienfehlern fängt Wissenschaft vielleicht an („Inspiration“ durch Verknüpfung von Dingen, die zuvor niemand verknüpft hat), aber bei Dahmer endet sie so. „Die freie Assoziation bei Marx und Freud“! Lol.

Peter: Hier, so sieht die freie Assoziation nach Marx und Freud konkret aus:

Eines meiner Lieblingslieder. DAS waren noch Schlager!

O. 2013: Wie es allen bekannt sei müsste, die sich mit der Geschichte der Psychologie auseinandergesetzt haben, hat C. G. Jung sich schon 1933, kurz nach der Machtergreifung Hitlers zum Führer schriftlich bekannt. Er unschied die arische (Psychologie) von der jüdischen Psychoanalyse und übernahm die führende Rolle (mit anderen) für die Psychologie im Nationalsozialismus. Freud und Reich wurden so verdrängt. Dennoch wurden gerade Freud und Reich bis ins Detail von den´Nationalsozialisten gelesen und verstanden! – Diese Haltung gilt ungebrochen bis in die Adenauerzeit und bis heute in der Psychologie, jedoch spricht man heute weder von Jung oder Reich, auch Freud wird mit Naserümpfen erwähnt. Der angebliche Positivismus und die „objektive, wissenschaftliche“ Haltung habe mit der Verhaltensmedizin (VT) eine „politische Psychologie“ (auch bezugnehmend auf Reich oder den Nationalsozialismus) überwunden und mit ihr quasi nichts mehr zu tun.
Das Bekenntnis zu Jung – und damit unweigerlich zum Nationalsozialismus – kommt in der psychologischen Literatur in Form von harmlosen Jungzitaten vor. Hiermit hisst man die NS-Fahne, ohne sich hierzu öffentlich bekennen zu müssen und kann Karriere machen. Die Verhaltenstherapie lehnt die (jüdische) Psychoanalyse kategorisch ab, trennt sich aber nicht und äußert sich nie kritisch gegenüber Jungs arischer Psychologie/ „Analyse“.
Die neuere Generation von Wissenschaftler weiß hierum selbstverständlich und versucht Jung nicht mehr die Bühne und Ehre zu geben, um eben nicht in denselben Verdacht zu geraten, aber ihre geistigen Väter sind natürlich dieser Tradition verbunden.
Es wundert also gar nicht das Deutschland gemäß dem 3. Reich in der Psychologie wieder einen eigenen Weg geht und alle anderen (jüdisch anmutenden) Methoden verdrängt, sagen wir es offen ausmerzt.
Dies müsste auch so bei Peglau stehen, wenn er nicht hierzu zu feige wäre.

Reichs phänomenologische Naturwissenschaft (Teil 4)

18. Februar 2026

Man könnte demnach einwenden, daß Goethe, Husserl und schließlich Reich das genaue Gegenteil des denkbar radikalen „Nominalismus“ Max Stirners verkörpern, bei dem es um den Gegensatz zwischen dem „lebenvollen Einzelnen“ und dem „leeren, leblosen Begriff“ geht (Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, reclam, S. 254).

Hat nicht Reich die „orgastische Potenz“ bzw. die „Genitalität“, das „Orgon“ bzw. „die kosmische Lebensenergie“ und die Hegelsche Dialektik bzw. den Dialektischen Materialismus in Gestalt des „orgonomischen Funktionalismus“ mit seinen „kosmischen Formgesetzen“ als „Allgemeinheiten“ hingestellt! Allein schon seine Definition einer allgemeingültigen „Gesundheit“!

Es geht aber genau darum, daß es bei den Allgemeinheiten gar nicht um ein philosophische Problem geht, sondern um den einen Faktor: das, was Laska, etwas hilflos als „irrationales Über-Ich“ bezeichnet hat. Jeder Physiker weiß, daß die Welt nach „Platonistischen“ Gesetzen, sozusagen dem „rationalen Über-Ich“, funktioniert und jeder gegenständliche bildende Künstler weiß, daß er vor der Wirklichkeit nicht kapitulieren muß, denn alles läßt sich quasi kubistisch auf wenige Formen reduzieren, die dann nur „ausgemalt“ werden müssen.

Stirners „Nominalismus“ kann uns gleichgültig sein. Laska führt aus, daß Freud für die bunte absolut unerschöpfliche Erscheinungswelt der Neurosen stand, sozusagen für „Diversität“, während Reich quasi „Platonistisch“ der einförmigen Gesundheit das Wort redete (Laska: Status der Reich’schen Theorie. C. Freuds „Kommentar“ zu Reich. Wilhelm Reich Blätter 3/80:114-163, 1980).

  • Freud: „Nur das Zusammen- und Gegeneinanderwirken beider Urtriebe Eros und Todestrieb erklärt die Buntheit der Lebenserscheinungen.“
  • Reich: „Die sogenannte individuelle Differenzierung der Menschen ist heute im wesentlichen ein Ausdruck überwuchernder neurotischer Verhaltungsweisen.“

Als guter Demokrat preist Freud hier die Panzerung (sich wechselseitig blockierende und verstärkende Triebe), während Reichs Haltung an Schneeflocken denken läßt, die allesamt einförmig sechseckig sind – und doch gibt es keine zwei Schneeflocken, die identisch sind. Hegels Identität von Identität und Nichtidentität bzw. Reichs gleichzeitige Einheit und Gegensätzlichkeit.

Das Problem bei Stirner ist, daß diejenigen, die wegen ihrer Degeneration gesellschaftlich ausgestoßen sind, sich als „Eigner ihrer selbst“ gerieren, und wirklich alles, was sie als Zumutung empfinden, als „Fremdbestimmung“ denunzieren können. Dieses Problem hat Reich einfach durch die simple Überlegung gelöst, daß du nicht wirklich du selbst bist, wenn lebenswichtige Reflexe bei dir nicht auslösbar sind. Das fängt beim Gewebeturgor an, geht über die Auslösung des Brechreizes bis hin zum Reich‘schen Orgasmusreflex, der dich unmittelbar mit kosmischen Funktionen verbindet (siehe Die kosmische Überlagerung).

Hier sind wir wieder beim Problem des radikalen Nominalismus Stirners (die Hypostasierung des Individuellen): man kann Stirner dergestalt radikal interpretieren, aber dabei kommt dann doch stets ein lauwarmer Extremliberalismus heraus. Wirklich radikal ist es aber, Stirner im Sinne Laskas zu lesen. Es geht hier nicht um alte scholastische Scheinprobleme, sondern um die Liquidierung des verinnerlichten Fremden: das erst durch dessen Auflösung zum Selbst wird. Dann tritt der „Naturbursche“ Stirners, das „Menschentier“ Reichs, zutage und mit ihnen Naturgesetzlichkeiten, die nur das Wort mit menschlichen „Gesetzen“ gemein haben. Stirner spricht vom „Natursohn“, will die Ernüchterung (Stirner, S. 181), d.h. zu den „eigenen Gefühlen“ kommen (ebd., S. 70), die der „menschlichen Natur“ (ebd., S. 372), der Stimme des Fleisches entsprechen (ebd., S. 68).

Solche Überlegungen bringen mich zu einem Bekenntnis zum Naturrecht, wohl wissend, daß 99,9 Prozent aller, die etwas Fundiertes über Stirner sagen können, Stirner als geradezu den Gegner des Naturrechts hinstellen. Philosophisch und philologisch zu recht.

Mit Stirner antworte ich: daß „Gott, Gewissen, Pflichten, Gesetze usw.“ bloße Flausen sind, „mit denen man Euch Kopf und Herz vollgepfropft und Euch verrückt gemacht [hat]“. Während „die Naturstimme“ eben, so Stirner, keine teuflische Verführerin ist, sondern umgekehrt vielmehr Gottes- und Gewissensstimme „Teufelswerk“ sind: „das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung (…), [welche] die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen“ (ebd., S. 179).

Diese „Naturstimme“ ist mir besonders wichtig angesichts der oben beschriebenen mechanistischen Weltanschauung, die heute in KI und Robotik kulminiert. Reich hat sich in Massenpsychologie des Faschismus breit darüber ausgelassen, daß der Mensch sich abpanzerte, also das Über-Ich triumphierte, als er sich mit dem identifizierte, was sein bloßes Werkzeug ist: die Maschine. Der Mensch versuchte das Lebendige mit Hilfe des Modells einer Maschine zu erklären und wurde dabei selbst maschinell: ein Teufelskreis.

Wilhelm Reich, Physiker: 1. Biophilosophie, c. Antifunktionalismus: Der Geist in der Maschine

6. Dezember 2025
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W:ilhelm Reich, Physiker: 1. Biophilosophie, c. Antifunktionalismus: Der Geist in der Maschine

Peter Töpfer (Teil 7)

26. November 2025

Wir waren bei dem Bündnis mit dem Theismus. Töpfer sieht die Annäherung insbesondere in der Frage des Gewissens gegeben – ausgerechnet:

Das Gewissen ist das Autonome schlechthin – die tiefste Stimme. Gott, so verstanden, hat nicht nur einen Sinn und Nutzen, er ist dann der oberste oder tiefste Befehlsgeber in existentiell unklaren Lagen und Fragen. Auch wenn es den Anschein haben könnte, als sei das Gewissen eine externe Instanz (Gott), so ist es doch die innerste Instanz – die innere und eigentliche Instanz par excellence. (Hervorhebung hinzugefügt)

Und noch unglaublicher:

Eine Teileinpflanzung des Gewissens muß (…) gar nicht unbedingt schlecht sein, muß der Eigenheit des Kindes nicht widersprechen, ja, das Kind braucht zu seiner Sozialisierung und Kultivierung einen Appell an sein Gewissen. (S 78, Hervorhebung hinzugefügt)

Das ist dermaßen hanebüchen, dermaßen das diametrale Gegenteil von allem wofür LaMettrie, Stirner, Reich und Laskas gesamtes LSR-Projekt stehen… Mir fehlen schlichtweg die Worte! DAS meint also Töpfer mit „Bündnis“: Verrat an LSR!

Apropos Emotionelle Pest: Eines der Hauptmankos derartiger Unternehmungen wie Töpfers Pan-Agnostik ist das Verfehlen der Emotionellen Pest. Stattdessen wird von der angeblich unausweichlichen Tragik des menschlichen Lebens mit seinen „unaufhebbaren Gegensätzen“ schwadroniert, die man „mannhaft“ zu tragen habe. In diesem Zusammenhang zitiert Töpfer Kierkegaard: „Heirate, und du wirst es bereuen. Heirate nicht, und du wirst es ebenfalls bereuen“ (S. 55). Aber erst angesichts des absoluten Nichts würde man wirklich anfangen zu beten, denn „Nichts und Gott (sind) funktional identisch“ (S. 56). Es geht hier nämlich um die letzten Fragen der ins Nichts geworfenen menschlichen Existenz. Aber genau DAS, diese Perspektive, ist „Metaphysik“, die vom Wesentlichen, nämlich der Emotionellen Pest ablenkt – und damit die offensichtliche Funktion der Töpferschen „Pan-Agnostik“ erfüllt, – die doch vorgeblich die Wertlosigkeit der Metaphysik für die Existenz erweisen will.

Wir haben es im Leben immer genau dann mit der Emotionellen Pest zu tun, wenn wir, was immer wir auch tun, wie immer wir uns auch entscheiden, das Falsche machen, etwa heiraten oder Single bleiben. Genauso ist es stets und in jedem Fall nichts weiter als Emotionelle Pest, wenn wir vor „existentielle Dilemmata“ gestellt werden, aus denen es prinzipiell kein entkommen gibt. Am Ende würdest du doch sterben, jede Sinngebung bzw. Sinnhaftigkeit sei letztendlich Illusion, es wäre besser du wärst nie geboren worden, etc. Beides, die Ausweglosigkeit des Alltags und die „metaphysische“ Ausweglosigkeit unserer Existenz, blockiert und verunmöglicht die Lösung konkreter Probleme insbesondere die sexualökonomischer Natur. Reich hat darüber ein ganzes Buch geschrieben, Die sexuelle Revolution. Ich verweise ausdrücklich auf das Motto „Aus dem Tagebuch des Schülers Kostja Rjabzew“: Leben ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Probleme des Alltags werden wir entsprechend mit einer wirklichen sexuellen Revolution lösen. Und was die unlösbare „existentielle Not“ betrifft: zur Hölle mit Kierkegaard, Heidegger und den restlichen Dunkelmännern mit ihrem unerträglichen lebensuntüchtigen Geseier über den „Urschmerz“! Wir haben es mit dem wirklichen Leben zu tun, nicht mit den „existentiellen“ Problemen lebensferner Randexistenzen.

Ja, das sind auch Probleme, mit denen man sich auseinandersetzen kann, aber es ist wie bei den öffentlichen Sexpol-Abenden Reichs in Wien und Berlin: die genitalen Probleme der Massen werden öffentlich debattiert, während die prägenitalen Perversionen im persönlichen Gespräch mit dem Arzt besprochen werden. Außerdem wird verhindert, daß die perversen Sonderlinge den öffentlichen Raum dominieren, wie es im damaligen Berlin ansatzweise tatsächlich gegeben war. Ja, die Seelenleiden, die „existentielle Not“ und der „Urschmerz“ von schizophrenen Charakteren sind ernst zu nehmen, haben aber im öffentlichen Diskurs nichts, aber auch rein gar nichts zu suchen. Leider ist es so, daß sie heutzutage alles bestimmen und das Lebendige marginalisieren. Reich und Laska haben diese Befindlichkeiten stets ihrerseits marginalisiert!

Ein dritter Punkt, der mich ganz persönlich umtreibt, hat tatsächlich explizit mit „Gott“ zu tun, den der Agnostiker ehrfurchtsvoll auf Abstand hält, wie es die Juden mit ihrem Gott tun, dessen Namen sie nicht mal auszusprechen wagen. Hier tut sich die Lücke auf, in der der Agnostiker Raum für die Moral und „Metaphysik“ schafft, die doch LSR angetreten ist, radikal zu liquidieren. Entsprechend sollten wir „Gott“ im Gegenteil ganz genau und vollkommen distanzlos betrachten. Lieber Theist, ich analysiere, seziere und rekonstruiere deinen „Gott“, diese Über-Ich-Mißgeburt selbstherrlich ohne den leiseste Anflug von Ehrfurcht und „erkenntniskritischer“ Bescheidenheit!

Namen haben eine Bedeutung, da sie einen ganzen Kontext herstellen, der sich in einer Persönlichkeit verkörpert. Töpfer tut so, als wäre „Gott“ etwas, das so jenseitig ist, daß man sich nicht drum kümmern muß. Tatsächlich ist es aber etwas grundlegend anderes, ob eine Gesellschaft ständig „Allah“ evoziert bzw. „herabbeschwört“, den „Waheguru“ der Sikhs, den Wotan der Neuheiden, den Seth der Satanisten oder Jesus, der eine Person des „dreifaltigen Gottes“ ist. Religionen sind so etwas wie „Energiefelder“, die etwas mit der Gesellschaft und dem Einzelnen machen. An seinen Früchten wird man den jeweiligen Gott erkennen. Beispielsweise war der Nationalsozialismus nichts anderes als ein Wotanskult:

Max Stirner, Soter (Teil 23)

25. August 2025

Äußere Gesetze kann man hinnehmen, wie man die Schwerkraft hinnimmt, aber die Menschheitsbeglücker wollen den „neuen Menschen“ schaffen, der Ideale verinnerlicht hat – und somit seine Eigenheit verloren hat. Stirner geht es weniger um abstrakte libertinistische „Freiheit“, sondern, da es z.B. immer eine beliebige Straßenverkehrsordnung geben muß, um die Eigenheit – die auch (oder sogar grade) die Hyperlibertinisten bei den Kindern brechen wollen, damit eine „freiheitliche“ Gesellschaft funktionieren könne (vgl. Der Einzige, S. 343f). Es gilt die Originalität und „Genialität“, die „bestimmte Eigenheit“ (Der Einzige, S. 179f) der Kinder aktiv zu unterstützen (nicht nur zu „tolerieren“), auf daß sie die natürliche Gesellschaft der Familie verlassen und mit anderen Vereine bilden können – die nicht sterben, d.h. zu Karikaturen der natürlichen Gesellschaft werden. Etwa die „Volksgemeinschaft“ als große Familie, wo sich dann, wie von Reich beschrieben, der Massenmensch mit dem Führer identifiziert.

Da ihm die innere Beherrschtheit durch irrationale kollektive Ideen der Menschen, also deren Freiheitsunfähigkeit, bewußt war, konnte Stirner kein Anarchist sein. Im allgemeinen wird er wohl als solcher verbucht, aber er argumentierte, wie die Todfeinde des Anarchismus von jeher über „den Pöbel“ gerichtet haben: „Weil in der Gesellschaft sich die drückendsten Übelstände bemerkbar machen, so denken besonders die Gedrückten, also die Glieder aus den unteren Regionen der Sozietät, die Schuld in der Gesellschaft zu finden, und machen sich’s zur Aufgabe, die rechte Gesellschaft zu entdecken. Es ist das nur die alte Erscheinung, daß man die Schuld zuerst in allem Anderen als in sich sucht; also im Staate, in der Selbstsucht der Reichen usw., die doch gerade unserer Schuld ihr Dasein verdanken“ (Der Einzige, S. 129). Konsequent will der angebliche „Anarchist“ Stirner keine Revolution, die auf neue Einrichtungen zielt, sondern die „Empörung“, die dahin führt, „Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten“ (Der Einzige, S. 354).

Für ihn haben die Unterdrückten keinerlei Recht auf Freiheit – „weil sie die Freiheit nicht haben, haben sie eben das Recht dazu nicht“. Sie wüßten die Freiheit nicht zu nutzen, wenn man sie ihnen geben würde – und deshalb sind sie nicht schon längst frei (Der Einzige, S. 207). „Betragt Euch als mündig, so seid Ihr’s ohne jene Mündigsprechung, und betragt Ihr Euch nicht darnach, so seid Ihr’s nicht wert, und wäret auch durch Mündigsprechung nimmermehr mündig.“ (Der Einzige, S. 185). Dies ist exakt der gleiche Gedanke, der auch hinter Reichs soziopolitischen Auffassungen und seinem Kampf gegen die verantwortungslose „Freiheitskrämerei“ steht. Beide Männer hatten die gleiche Lösung für das menschliche Dilemma: die Kinder von Anfang an so zu erziehen, daß sie freiheitsfähig werden, bzw. bleiben, bis sich die Menschheit nach einigen Generationen ganz von der Unfreiheit befreit hat. Doch anstatt diesen bequemen Weg zu beschreiten, der ja größtenteils im Unterlassen besteht, greifen wir, von willkürlichen Erziehungsideen angestachelt, ständig ein. Wo doch die eigene „egoistische“ Freiheit zwangsläufig die Freiheit der anderen, insbesondere aber der Kinder nach sich ziehen würde.

Reich hat gegen die willkürlichen Meinungen, z.B. wie Kinder zu erziehen seien oder was gesund sei, die objektive Autorität der nachweisbaren Lebensenergie Orgon gestellt. Diese „objektive Autorität“ des Orgons steht nicht im Gegensatz zur persönlichen „Eigenheit“, von der Stirner sprach, sondern ist sozusagen ihre Substanz – die Natur des Menschen, sein Kern, frei nach Friedrich Kraus die spontan (eigen) funktionierende „Tiefenperson“. Das Orgon ist also keine externe Autorität, der sich die Eigenheit anzupassen, der sie sich zu opfern hat, sondern diese Eigenheit selbst.

Daß die Menschen dieser Identität nicht gewahr werden; ihre Unwissenheit und Kontaktlosigkeit, ist für das religiöse Empfinden, für das „Heilige“ verantwortlich. Bei Menschen, die beten, zeigt sich diese „schizophrene“ Spaltung ganz deutlich, denn stets steht ein Wunsch im Mittelpunkt: die Sehnsucht nach Wiedervereinigung mit dem göttlichen Widerpart. Aus dem beschränkten weltlichen, aller Eigenheit entblößtem Ich, soll das entschränkte, göttliche, „eigentliche“ Ich werden.

Wie Reich 1941 schrieb, konnte der Mensch, der von jeher das kosmische Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung schenkte. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, wissenschaftlich zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden (Reich: Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science, International Journal of Sex-Economy and Orgone Research 1(2), July 1942, S. 97-107).

Wir ersticken in der Mystifikation dessen, was die Quelle unserer Existenz ausmacht, was uns selbst ausmacht. In einem ähnlichen Sinne, wie Reich, wollte auch Stirner die Welt „entheiligen“, denn „alles Heilige ist ein Band, eine Fessel“ (Der Einzige, S. 237). Wir ersticken in der Mystifikation dessen, was die Quelle unserer Existenz ausmacht, was uns selbst ausmacht. Die Aufklärung, d.h. die restlose Entzauberung der Welt, hat noch nicht einmal ansatzweise begonnen. Wohin die Pseudo-Aufklärung geführt hat, gegen die sich Stirner wandte, zeigt sich heute mehr denn je ganz praktisch daran, daß die Entscheidungsträger jedweden Sinn für die Realität verloren haben und ausschließlich in ideologischen Blasen leben – und entsprechend dieses Land zerstören. Stirner befreit davon und ist deshalb aktueller als jemals zuvor.

Was würdet Ihr aber denken, wenn Euch Einer erwiderte: daß man auf Gott, Gewissen, Pflichten, Gesetze usw. hören solle, das seien Flausen, mit denen man Euch Kopf und Herz vollgepfropft und Euch verrückt gemacht habe? Und wenn er Euch früge, woher Ihr’s denn so sicher wißt, daß die Naturstimme eine Verführerin sei? Und wenn er Euch gar zumutete, die Sache umzukehren, und geradezu die Gottes- und Gewissensstimme für Teufelswerk zu halten? Solche heillose Menschen gibt’s; wie werdet Ihr mit ihnen fertigwerden? Auf eure Pfaffen, Eltern und guten Menschen könnt Ihr Euch nicht berufen, denn die werden eben als eure Verführer von jenen bezeichnet, als die wahren Jugendverführer und Jugendverderber, die das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen. (Der Einzige, S. 179)

Max Stirner, Soter (Teil 20)

11. August 2025

Das Kind bedarf aller möglichen intellektuellen Anregungen, also „Kultur“. Man sollte es ihm jedoch selbst überlassen, was es daraus macht. „Die kindliche Eigenwilligkeit und Ungezogenheit hat so gut ihr Recht als die kindliche Wißbegierde“ (Parerga, S. 94). Doch statt neben dem Wissenstrieb auch den „Willenstrieb“ zu fördern, wird der Eigenwille des Kindes gebrochen und ihm alle möglichen Gefühle eingegeben. Gefühle der Ehrfurcht, Ehrerbietung, Untertänigkeit, Unverletzlichkeit und des Schauders gegenüber Gott, irgendwelchen Menschen und „der Moral“. Sind die Kinder dann gehörig mit „eingegebenen Gefühlen“ vollgestopft, gelten sie als mündige Bürger – auch wenn sie in Wirklichkeit zu hilflosen Tollhäuslern verbogen wurden (Der Einzige, S. 70f).

Bleiben die Menschen unverformt, tragen sie ihr Gesetz in sich selbst und leben danach (Der Einzige, S. 223), doch Jahrtausende der Kultur haben sie von ihrer eigentlichen, d.h. „egoistischen“ Natur entfremdet und in den Wahn verstrickt, sie seien zu irgend etwas „berufen“ (Der Einzige, S. 181). Der Mut, d.h. die Fähigkeit zur Empörung, wird gebrochen und so gebeugt, daß „Demut“ entsteht (Der Einzige, S. 88). Sie sollen sich „einrichten“ (Kontraktion) und buchstäblich nie mehr „aufrichten“ (Expansion) (Der Einzige, S. 354). Erziehung soll sie „vernünftig“ machen, d.h. sie sollen nicht mehr auf sich selbst hören, sondern auf die Stimme des Gewissens (Der Einzige, S. 372). Entsprechend sind die Kinder geborene gewissenlose Verbrecher, – einfach weil sie zunächst nicht wissen, was dem Volk und dem Staat, in das sie zufälligerweise hineingeboren werden, als „heilig“ gilt. „Jedes Kind ist von Geburt schon ein Verbrecher gegen das Volk, den Staat“ (Der Einzige, S. 219).

Die Frage der Erziehung ist die wichtigste, wichtiger als alle sozialen Fragen, – die auf der Erziehungsfrage ruhen (Parerga, S. 75). Die heutige Erziehung bringt den „gesunden“, will heißen normalen Charakter, den starren Homo normalis hervor, der sich gegen das Leben und das Leiden abpanzert, d.h. er wird „unerschütterlich“. Der Charakter einer Gesellschaft ist abhängig von dem Charakter ihrer Mitglieder. Es ist Stirners „Massenpsychologie des Faschismus“:

Weil es kaum Jemand entgehen kann, daß die Gegenwart für keine Frage einen so lebendigen Anteil zeigt, als für die „soziale“, so hat man auf die Gesellschaft besonders sein Augenmerk zu richten. Ja, wäre das daran gefaßte Interesse weniger leidenschaftlich und verblendet, so würde man über die Gesellschaft nicht so sehr die Einzelnen darin aus den Augen verlieren, und erkennen, daß eine Gesellschaft nicht neu werden kann, solange diejenigen, welche sie ausmachen und konstituieren, die alten bleiben. (…) Wie Du bist, so gibst Du Dich, so benimmst Du Dich gegen die Menschen: ein Heuchler als Heuchler, ein Christ als Christ. Darum bestimmt den Charakter einer Gesellschaft der Charakter ihrer Mitglieder: sie sind die Schöpfer derselben. So viel müßte man wenigstens einsehen, wenn man auch den Begriff „Gesellschaft“ selbst nicht prüfen wollte. (Der Einzige, S. 231)

Homo normalis reproduziert die gegenwärtige Gesellschaft, während der lebendige, d.h. nicht festgelegte Charakter etwas grundsätzlich Neues hervorbringen würde; etwas, was Stirner als „Verein“ bezeichnet. Der Verein ist keine fixe Formation wie der „gesunde Charakter“ oder eine „wohlgeordnete Gesellschaft“, sondern ewiger Verkehr, ein „unaufhörliches Sich-Vereinigen“ (Der Einzige, S. 342).

„Verkehr ist Gegenseitigkeit“, während Gesellschaft nur eine von außen definierte rein mechanische Anordnung ist, – die durch den Verkehr zwischen Einzelnen nur gestört wird. Die Gesellschaft wird mehr schlecht als recht von heiligen Prinzipien zusammengehalten, der Verein von dem wechselseitigen Austausch zwischen Einzelnen zu beiderseitigem Genuß; ein subversiver Verkehr gegen den sich die ach so soziale Gesellschaft wehrt, da er ihre Heiligkeit untergräbt (Der Einzige, S. 239-241).

Tatsächlich ist es so, daß, je „sozialer“ es zugeht, die Menschen um so kälter miteinander umgehen, man betrachte etwa die Auswirkungen der „Pflegeversicherung“. Oder etwa der vergangene Realsozialismus, der genau dem entsprach, wie Stirner die „Gefängnis-Gesellschaft“ beschreibt, in der jeder Verkehr unterbunden wird, da dieser direkte zwischenmenschliche Kontakt als Keimzelle eines „Komplotts“ betrachtet wird (Der Einzige, S. 240f). „Der Staat kann es nicht dulden, daß der Mensch zum Menschen in einem direkten Verhältnisse stehe; er muß dazwischentreten als – Mittler, muß – intervenieren. (…) Er reißt den Menschen vom Menschen, um sich als ‚Geist‘ in die Mitte zu stellen“ (Der Einzige, S. 282f). Ebenso kann die Gesellschaft persönliche Auseinandersetzungen („Zweikämpfe“, die keinen Dritten irgend etwas angehen) nicht zulassen, – „es sei denn, daß nicht ein Ich auf ein Du losprügele, sondern etwa ein Familienhaupt auf das Kind: die Familie ist berechtigt, und in ihrem Namen der Vater, Ich als Einziger bin es nicht“ (Der Einzige, S. 205).

Die Familie, also die ursprüngliche Gesellschaft der „natürliche Bund“ (genauso wie etwa der Stamm, die Nation, die Menschheit) ist – nicht der Verein (Der Einzige, S. 349). Stirner ist nicht so naiv, daß er von Individuen ausgeht, die sozusagen in die Welt fallen, von Natur aus selbständig handeln können und dann aus rationalem Kalkül zueinanderfinden. Vielmehr ist die Gesellschaft der Naturzustand; eine „Natur“, die ausreichend Mutterboden für die Entfaltung der Individuen bietet.

Nicht die Isoliertheit oder das Alleinsein ist der ursprüngliche Zustand des Menschen, sondern die Gesellschaft. Mit der innigsten Verbindung beginnt unsere Existenz, da Wir schon, ehe Wir atmen, mit der Mutter zusammenleben; haben Wir dann das Licht der Welt erblickt, so liegen Wir gleich wieder an der Brust eines Menschen, seine Liebe wiegt Uns im Schoße, leitet Uns am Gängelbande und kettet Uns mit tausend Banden an seine Person. Die Gesellschaft ist unser Natur-Zustand. Darum wird auch, je mehr Wir Uns fühlen lernen, der früher innigste Verband immer lockerer, und die Auflösung der ursprünglichen Gesellschaft unverkennbarer. Die Mutter muß das Kind, welches einst unter ihrem Herzen lag, von der Straße und aus der Mitte seiner Spielgenossen holen, um es wieder einmal für sich zu haben. Es zieht das Kind den Verkehr, den es mit Seinesgleichen eingeht, der Gesellschaft vor, in welche es nicht eingegangen, in der es vielmehr nur geboren ist. (Der Einzige, S. 342)

Max Stirner, Soter (Teil 19)

5. August 2025

Der Konflikt zwischen Max Stirner und Reich zeigt sich nicht nach der Funktion des Orgasmus von 1927 und auch nicht nach der Funktion des Orgasmus von 1942, sondern erst mit der „Funktion des Orgasmus“ von 1951 (Die kosmische Überlagerung). Genau da wo es „kosmisch“ wird, wird das Verhältnis zwischen Stirner und Reich problematisch. Weniger weil „Gott“ oder so etwas auftritt, sondern weil hier (in Gestalt des energetischen „Orgonoms“) überindividuelle Prinzipien, Gemeinsame Funktionsprinzipien, autonome Relationen bzw. „Funktionen“ ins Spiel kommen, „scholastische Realien“.

Reich wollte die Menschen von ihrem „Charakterpanzer“, d.h. ihren erstarrten Verhaltensmustern befreien, die jede wesenseigene Willensäußerung illusorisch machen. Entsprechend hatte sich schon Stirner fast hundert Jahre zuvor gegen die Welt „fixer Ideen“ gewandt, die wir selbst aufgestellt haben, denen wir aber trotzdem als absoluten Autoritäten blind folgen. Irgendwelche Leitlinien werden willkürlich aufgestellt und gelten fürderhin als heiliges Gesetz, dem wir uns zu unterwerfen haben, auch wenn mittlerweile die Umstände ganz andere sind. So sind wir an unserem gestrigen Willen gebunden. Stirner: „Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt“ (Der Einzige, S. 215). Die Nähe zum Reichschen Konzept der Panzerung ist evident.

Stirner schreibt im Rückblick über sich selbst: „Was Stirner sagt, ist ein Wort, ein Gedanke, ein Begriff; was er meint, ist kein Wort, kein Gedanke, kein Begriff. Was er sagt, ist nicht das gemeinte, und was er meint ist unsagbar“ (Parerga, S. 149). Ähnlich wie Reich mit der Beseitigung des Panzers den authentischen Menschen unter der Charaktermaske freisetzt, befreit Stirner das konkrete Individuum aus dem „Reich der absoluten Gedanken“, „d.h. Gedanken, welche einen eigenen Gedankeninhalt haben“. „Es ist, indem du der Inhalt des Einzigen bist, an einen eigenen Inhalt des Einzigen, d.h. an einen Begriffsinhalt nicht mehr zu denken“ (Parerga, S. 151).

Wie Stirner die Befreiung von den erstickenden Begriffshülsen beschreibt, gemahnt an die Orgontherapie:

Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab, ein Aufspringen schleudert den Alp der religiösen Welt von der Brust, ein aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab. Aber die ungeheure Bedeutung des gedankenlosen Jauchzens konnte in der langen Nacht des Denkens und Glaubens nicht erkannt werden. (Der Einzige, S. 164)

Die Aufklärung hätte ein solches „Recken der Glieder“ sein müssen, stattdessen wurden die Menschen nur noch mehr in die Welt bedeutungsloser Begriffe verstrickt. Die Aufklärer waren um keinen Deut besser als die Pfaffen: auch sie pfropften die Köpfe und Herzen mit Flausen über Gewissen, Pflichten, Gesetze voll. Auch sie waren nur Verführer – um keinen Deut besser als die „Jugendverführer und Jugendverderber, die das Unkraut der Selbstverachtung und Gottesverehrung emsig aussäen, die jungen Herzen verschlämmen und die jungen Köpfe verdummen“ (Der Einzige, S. 179).

Den „Idealisten“ ging es darum, den alten jüdischen und paulinischen Glauben an unabhängige Individuen, die sich gegenüber einem wandelbaren, launischen Gott, einem „Jenseits außer Uns“, versündigen können, durch ein unwandelbares „Jenseits in Uns“ zu ersetzen. Sobald sich der Mensch, fabulierte der „Atheist“ Fichte, „rein, ganz und bis in die Wurzel vernichtet“, bleibe, sozusagen als Kondensat der Seele, Gott übrig. „Diese Selbstvernichtung bestehe in der erkennenden Einsicht in die Scheinhaftigkeit der endlichen Individualität“ (Micha Brumlik: Deutscher Geist und Judenhaß, München 2002, S. 110).

Vor Stirner war alle Kritik willkürlichen Ideen dienstbar. Es handelte sich immer nur um den Streit zwischen Ideen. Stirner hat diese Ideenwelt grundsätzlich überwunden, indem er sie von einer ganz anderen, tieferen Ebene, von außerhalb des bloßen Denkens aus kritisierte (vgl. Jacob Meyerowitz: Visualizing the Limit of Thought, The Journal of Orgonomy 28(1), Spring/Summer 1994, S. 62-83). Damit war seine Kritik nicht normativistisch, aber gleichzeitig auch in keinster Weise relativistisch oder gar nihilistisch, denn er hatte die Ideen nicht alternativlos verworfen (Bernd A. Laska: Max Stirner als pädagogischer Anarchist). Seine Alternative war der lebendige Ursprung der toten Ideen, der das Kriterium seiner Kritik darstellte.

Da der besagte „Ursprung“, das Lebendige, jenseits der Ideen steht, ist er nicht in Worte ausdrückbar und damit „Nichts“. Entsprechend beginnt und endet Stirners Hauptwerk mit den Worten: „Ich hab‘ Mein Sach‘ auf Nichts gestellt“. Doch sind umgekehrt aus der Warte dieses unsagbaren „Nichts“ seinerseits die Ideen substanzlos und nichtig, da der Willkür des Lebendigen ausgeliefert. Stirner hat an die Stelle des bisherigen substanzlosen Wortgeklingels sozusagen, um mit Reich zu sprechen, „die Ausdruckssprache des Lebendigen“ gesetzt. Für Stirners vom bloßen Denken befreite Betrachtung ist der „unsagbare Urgrund“ nicht substanzlos, keine abstrakte Idee, sondern aktiv funktionierende unmittelbare Wirklichkeit – für deren Funktionieren dann aber auch das Wort „Willkür“ keinen Sinn mehr macht, da man ebensogut von Notwendigkeit sprechen könnte. Man muß unwillkürlich an Friedrich Kraus‘ „spontan dranghaft schöpferische“ „vegetative Strömung“ bzw. „Tiefenperson“ denken (Allgemeine und spezielle Pathologie der Person. Klinische Syzyiologie. Besonderer Teil. I: Tiefenperson, Georg Thieme Verlag, Leipzig 1926, S. 3).

Stirner hat diesen lebendigen Ursprung der Ideen provisorisch als „Eigner“, „Einziger“ oder „Egoist“ bezeichnet, was leider im gewöhnlichen Sprachgebrauch die besagte substanzlose abstrakte Willkür und Beliebigkeit impliziert, im Sinne von „Tu, was Du willst!“ Willkürlich handelt aber nur der, der nicht Herrscher über die Ideen ist, sondern ganz im Gegenteil von willkürlichen Ideen beherrscht wird, die nichts mit der jeweiligen konkreten Situation zu tun haben. Der Eigner tut als Naturwesen einfach, „was er nicht lassen kann“. Er steht jenseits von Ideen wie „Pflicht“ oder „Freiheit“.

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (2. Drittel)

30. Juni 2025

Barbara G. Koopman: Der Aufstieg des Psychopathen (2. Drittel)

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Die bioenergetischen Grundlagen von Schuld und Scham” und folgende

10. Juni 2025

Humana conditio ex orgonomico prospectu: Stichwort „Die bioenergetischen Grundlagen von Schuld und Scham“ und folgende

ABSCHLUSS DES BUCHES!

Max Stirner, Soter (Teil 8)

9. Mai 2025

Obwohl bei Stirner wenig bis nichts von der Sehnsucht nach genitalem Kontakt die Rede ist, sondern nur von der jugendlichen Sehnsucht nach dem jenseitigen „Idealen“ als Ersatzkontakt, entsprechen seine Ausführungen über die Struktur des Ich doch weitgehend Reichs Entdeckungen über die Struktur des Lebendigen, wie er sie 1951 in Die kosmische Überlagerung ausgeführt hat. Aus der massefreien Orgonenergie geht durch Überlagerung Materie im allgemeinen und die jedes Lebendige umhüllende Membran im besonderen hervor. Der so entstehende Widerspruch zwischen freier Orgonenergie und materieller Einschränkung ist Grundlage aller Entwicklung. Im emotionalen Bereich äußert sich dieser Gegensatz in der „kosmischen Sehnsucht“, d.h. dem Streben, sich aus der Membran wieder zu befreien. Das ist die gemeinsame Grundlage der Genitalität (das untere Ende des Orgonoms) und des Denkens (das obere Ende des Orgonoms).

Wie Reich bereits 1941 schrieb (Reich: Biophysical Functionalism and Mechanistic Natural Science, International Journal of Sex-Economy and Orgone Research 1(2), July 1942, S. 97-107), konnte der Mensch, der von jeher das kosmische Orgon in sich spürte, sich nur als Objekt und Werkzeug dieser Macht empfinden – der er sich gerne unterwarf, da sie ihm orgastische Erfüllung in Aussicht stellt. Dies erkläre, warum sich der Mensch so gerne und widerstandslos religiösen Gefühlen hingibt. Erst er, Reich, sei weitergegangen und habe diese Energie, die bisher als unerkennbarer Gott mystifiziert wurde, wissenschaftlich zugänglich und handhabbar gemacht. Erst er, Reich, habe die Angst vor dem Numinosen, dem Tabu, dem Heiligen überwunden.

Die ultimativ atheistische Haltung Stirners ist demnach nicht etwa eine Entfremdung von der kosmischen Orgonenergie und wahrhaft „religiösen“ Gefühlen im Sinne von echtem Kontakt zur Natur. Ganz im Gegenteil: es ist die Befreiung des „Triebes nach Selbstauflösung“ und die Abkehr von jedweder Entfremdung. Wenn Stirner gegen das „Heilige“ angeht, dann meint er Unaufgeschlossenheit (Un-Auf-Geschlossenheit) und natürlich nicht irgendwelche spontan aufkommenden natürlichen Gefühle, die man gegenüber seiner Geliebten, seinen Kindern, seinen Eltern, etc. hegt. Nicht das will er desavouieren, sondern alles, was keine spontane Sache des Herzens ist, sondern eine anerzogene „Gewissenssache“ (Der Einzige, S. 77) – im Sinne von „Über-Ich-Sache“.

Stirner unterscheidet beispielsweise zwischen dem Stolz einer Nation „anzugehören“, also ihr Eigentum zu sein, und dem Stolz eine Nationalität sein Eigentum zu nennen, genauso wie man etwa auf seine Körperstärke oder irgendeine andere seiner Eigenschaften stolz ist (Der Einzige, S. 270). Man ist „bezaubert“, „geht mit“, das Lächeln ist ansteckend, der Schmerz des anderen rührt einem das Herz, etc. Imgrunde ist es gar kein „Egoismus“ im Sinne von „Kalkül“, sondern ein spontanes Ausgreifen, eine Expansion des eigenen Egos: zeitweilige Erstrahlung („Gefühlsraum“). Im Unterschied dazu die Besessenheit und die „Liebe“, die der Papst predigt: unterschiedslos, unwandelbar und – letztendlich zynisch bedacht.

„Blind und toll wird die Liebe dadurch, daß ein Müssen sie meiner Gewalt entzieht (Vernarrtheit), romantisch dadurch, daß ein Sollen in sie eintritt, d.h. daß der ‚Gegenstand‘ Mir heilig wird, oder Ich durch Pflicht, Gewissen, Eid an ihn gebunden werde. Nun ist der Gegenstand nicht mehr für Mich, sondern Ich bin für ihn da“ (Der Einzige, S. 326). Man soll das achten, was die Menschen heilig halten, also ausgerechnet das, was sie zu gemeingefährlichen Trotteln macht. „Umgekehrt spricht sich der Egoist aus. Darum gerade, weil Du etwas heilig hältst, treibe Ich mit Dir mein Gespötte und, achtete Ich auch Alles an Dir, gerade dein Heiligtum achte Ich nicht“ (Der Einzige, S. 311).

Stirner hat den Weg zum Lebendigen geebnet, ist gegen die Kontaktlosigkeit angegangen, dem das Lebendige durch rigide Begriffe, Gesetze, Vorgaben ausgesetzt ist. Man denke vor allem an die „Moral“, aber auch allgemein an das Denken in Begriffen. Du bist dann nicht mehr das konkrete „Du“, sondern nur jemand, der für irgendeinen abstrakten Begriff steht! Descartes‘ cogito ergo sumhabe, so Stirner, den Sinn: „Man lebt nur, wenn man denkt!“ Auf diese Weise lebe nur der Geist. „Ebenso sind dann in der Natur nur die ‘ewigen Gesetze’, der Geist oder die Vernunft der Natur das wahre Leben derselben. Nur der Gedanke, im Menschen, wie in der Natur, lebt; alles Andere ist tot! Zu dieser Abstraktion, zum Leben der Allgemeinheiten oder des Leblosen muß es mit der Geschichte des Geistes kommen. Gott, welcher Geist ist, lebt allein. Es lebt nichts als das Gespenst“ (Der Einzige, S. 94). „Und was heißt vernünftig sein? Sich selbst vernehmen? Nein, die Vernunft ist ein Buch voll Gesetze, die alle gegen den Egoismus gegeben sind“ (Der Einzige, S. 372).

Nur Entfremdete, von Gespenster Besessene kümmern sich etwa um „die Sache der Menschheit“, der sie sich und andere opfern. Der sich selbst Genießende hingegen gibt sich wie ein Tier dem Fluß des Lebens hin. Wie dem „schweinischen“ Tiere, geht es ihm immer nur um seinen Lustgewinn, nie „um die Sache“ (Der Einzige, S. 400): „Kinder (…) haben kein heiliges Interesse und wissen nichts von einer ‚guten Sache‘. Desto genauer wissen sie, wonach ihnen der Sinn steht, und wie sie dazu gelangen sollen, das bedenken sie nach besten Kräften“ (Der Einzige, S. 392).