Archive for the ‘Psychologie’ Category

The Journal of Orgonomy (Vol. 30, No. 1, Spring/Summer 1996)

15. August 2012

Der medizinische Orgonom Gary A. Karpf hat mit „Reactionary Socio-Political Traits in a Paranoid Schizophrenic Character“ eine Fallgeschichte präsentiert, die an den 15 Jahre später zu trauriger Berühmtheit gelangten norwegischen Terroristen Anders Behring Breivik gemahnt.

Der rechte Reaktionär sei, so Karpf, der sich wiederum auf Elsworth F. Baker und Reich bezieht, geprägt von stark mystischen Tendenzen, einem ausgeprägten Moralismus und er bewältige starke Ängste mit sadistischer kontraphobischer Aggression.

Karpf beschreibt einen Patienten weitgehend ohne soziale Fassade, d.h. er kümmerte sich kaum um andere, lebte sozial zurückgezogen und glaubte, daß andere ihn nicht mögen, weil er so „direkt“ sei. Er war voller Komplexe und Selbstzweifel und träumte davon, an der Seite „großer Heerführer“ sich bewähren zu können. Auch war sein „Denken“ vom Primärprozeß geprägt (beispielsweise „Neger = schwarz = schlecht = Schmutz“) und er hing mystischen Theorien an. Er glaubt an die Wiedergeburt und daß er beispielsweise einst an der Seite von Julius Cäsar kämpfte. Was seine Sexualität betrifft bevorzugte er das Masturbieren mit Phantasien von Dominanz. Geschlechtsverkehr konnte er nur ertragen, wenn er von hinten in die Partnerin eindrang, so daß er dominant und „im Kopf“ bleiben konnte. Seine Frau, die beiden Kinder und die gesamte Familie betrachtete er nicht als Individuen, sondern als bloße narzißtische Ausläufer seiner selbst. Jede Form von Zärtlichkeit war ihm fremd.

[Seine] Symptome und sein Auftreten stimmten mit der charakterologischen Diagnose einer paranoiden Schizophrenie überein. Obzwar er emotional sadistisch war, gab es keine Hinweise auf das Manipulieren von Menschen oder sozialen Systemen für lebensnegative Ziele, weshalb er kein pestilenter Charakter bzw. Faschist war. Das Vorliegen und die Schwere des Rassismus, Moralismus und Mystizismus rechtfertigte die zusätzliche Diagnose eines reaktionären soziopolitischen Charakters.

Nachdem er Vertrauen gefaßt hatte, gestand der Patient gegenüber Karpf seinen gegen Juden und Schwarze gerichteten Rassismus und seine mit diesem einhergehenden Phantasien, die um Folter, Erniedrigung und Mißhandlung kreisten. Gleichzeitig war sein Leben geprägt von Reinlichkeitsritualen, um nicht von der Umwelt „kontaminiert“ zu werden.

Beim Patienten hätte es, so Karpf, zwei Zustände gegeben: im ersten wäre die okulare Panzerung sehr ausgeprägt, was mit einem falschen Gefühl der Expansion und „rassischen Überlegenheit“ einherging; wenn diese okulare Panzerung nachließ, stiegen depressive Gefühle auf, die innere Konfusion wurde evident und sein Leben wurde desorganisiert. Entsprechend schwer, langwierig und für den Patienten gefährlich war die Auflösung des okularen Panzers!

Die soziale Isolation, der verschrobene „Kriegerkult“, der Mystizismus, der Narzißmus, die Gefühlskälte, der hohe moralischen Anspruch, die überwertige Idee „Rassenreinheit“ und nicht zuletzt die Diagnose einer paranoiden Schizophrenie verbinden Karpfs Patienten mit Breivik, der sein von Mißerfolgen und Versagen geprägtes Leben nur zusammenhalten konnte, indem er immer mehr „in den Augen wegging“ und ganz in einer Phantasiewelt aus „Tempelrittern“ und verwickelten Verschwörungstheorien aufging.

Breivik ist nur Extrembeispiel der allgemeinen sozialen Tragödie, die mit der Panzerung des Menschen einhergeht. Je mehr sich die Menschen den politischen Rändern nähern, desto gepanzerter sind sie, insbesondere aber okular gepanzert. Sie werden zusehends unfähig klar und folgerichtig zu denken. Was gemeint ist, wird unmittelbar evident, wenn man in Internetforen, „dem engagierten Volk aufs Maul schaut“ (in diesem Fall „auf die Finger“): der nackte, sinnleere Wahnsinn grinst einen an. Karpf:

Am Ende der Analyse, d.h. mit einem Verstehen des einzelnen Menschen aus einer orgonomischen sozio-politischen Perspektive heraus, wird deutlich, daß das irrationale soziale Funktionieren während der gesamten Geschichte Ergebnis des gemeinsamen sozialen Funktionierens von Menschen mit Augen- (Gehirn-) Panzerung ist und weiterhin sein wird. Bis das beim Massenindividuum rückgängig gemacht wird durch eine verbesserte Betreuung von Säuglingen und Kindern, kann es keine umfassende Verbesserung im sozialen Verhalten und Funktionieren geben. Die Gesellschaft reproduziert sich, indem sie ihre Werte im Charakter des Einzelnen verankert. Umgekehrt verewigt der Einzelne die Gesellschaft.

Was die beiden, Karpfs Patient und Breivik, trennt, ist Breiviks Versuch andere zu manipulieren. Etwas, was bei Karpfs Patient fehlt. Breiviks Bluttaten sollten in Norwegen eine „Hetzjagd auf Kulturkonservative und Nationalisten provozieren“, deren Gegenwehr dann schließlich in der von Breivik ersehnten nationalistischen Revolution münden würde. Diese boshafte Hinterhältigkeit erweist ihn als pestilenten Charakter. Beispielsweise versuchte Breivik vergebens das Gericht und die Medien in seinen grandiosen Plan einzuspannen. Für einen derartigen manipulativen Pestcharakter und Faschisten ist Orgontherapie keine Option. Er ist prinzipiell untherapierbar ist.

Karpfs Patient hatte immerhin eine eigene Familie und eine Berufslaufbahn aufzuweisen, während Breivik, ähnlich fast der gesamten Führungsmannschaft des Nationalsozialismus, allen voran Hitler selbst, eine gescheiterte, berufslose Existenz ohne Kontakt zu Frauen fristete.

Max Stirner und die Orgonbiophysik

14. August 2012

Panzerung zersplittert das Ich. Das kann man sich an folgendem Schema verdeutlichen:

Der gesunde Mensch ist eine Einheit, während der Neurotiker innerlich zerrissen ist, was beim Psychotiker so weit geht, daß die abgespaltenen „Persönlichkeitsanteile“ zu inneren Stimmen werden. Der Neurotiker ist zumeist zu weit abgepanzert, als daß er etwas von dem Chaos weiß, das in ihm herrscht. Es wird erst „laut“, wenn sich die Panzerung aufzulösen beginnt. Das erklärt das Phänomen, warum so viele Menschen „rumzuspinnen“ beginnen, wenn sie weicher werden. Insbesondere durch eine Orgontherapie können die befreiten Strömungen zu Teilstrebungen werden, die wie „höhere Eingebungen“ imponieren. Das wird verschärft durch eine der erstaunlichsten Erfahrungen, die man während der Orgontherapie machen kann: daß sich das eigene Ich, „die Gesundheit“, fremdartig anfüllt. Man selbst ist sich am fremdesten, weil man sein Leben lang den Kontakt geflohen ist – und das „Ich“ ist nichts anderes als Kontakt! „Kasper Hauser“ hat kein Ich!

Wenn wir ganz allein „mit uns“ sind, spalten wir uns automatisch auf: das reicht von „Ich bin Ich“ (also zwei?), geht über das Selbstgespräch und endet bei der Schizophrenie. Wenn wir alleine sind, sind wir „der Wanderer und sein Schatten“. Wir sind nie wirklich „In-Dividuum“. Erst in der Liebe hören wir auf, eine „Affäre mit uns selbst zu haben“ und werden mit uns selbst identisch, weil wir aus der Welt der Selbstbespiegelung treten. Erst wenn sich zwei Spiegel gegenübertreten und sich der eine im anderen spiegelt, wird er mit sich selbst identisch. Indem ich in einen anderen Menschen aufgehe, vereinige ich mich mit dem ganzen Universum, konkret mit dem Orgonenergie-Ozean, von dem ich nur ein abgeschnürter Teil bin.

Während der genitalen Überlagerung hört Schritt für Schritt jede Phantasietätigkeit und das Denken selbst auf. Die Spaltung im Organismus in verschiedene Geistesfunktionen wird aufgehoben, so daß der Mensch erst in diesem Zustand zu einem mit sich selbst identischen unteilbaren In-Dividuum wird.

In der genitalen Umarmung streift man seine Masken, Gedanken und Hintergedanken ab – und erreicht einen nackten Zustand, in dem man nicht mehr handelt, sondern Handlung ist. Diesen Zustand kann man nicht alleine, als Einzelner, erreichen, da man, wenn man „alleine“ ist, niemals wirklich alleine sein kann: man hat immer sich selbst. Es klingt absurd, ist aber vollkommen logisch: man kann erst zu sich selbst finden, wenn man in einem anderen „vergeht“.

Wenn ich mich nicht auf die Arbeit konzentrieren kann, weil mir andere Sachen durch den Kopf gehen, bin ich auch nicht bei mir: ich bin gespalten und deshalb kein „In-Dividuum“. Löse ich mich aber ganz selbstvergessen in der Arbeit auf – bin ich wirklich. Das ist orgastische Potenz.

Es gibt keinerlei Gegensatz zwischen Reichs „Plasmasack“ und Max Stirners „leibhaftigem Einzigen“.

Man kann behaupten, daß der „Eigner seiner Selbst“ sein Selbst nicht aufgibt – und damit letztendlich orgastisch impotent ist. Ich behaupte hingegen, daß nur dieser „Eigner seiner Selbst“ überhaupt in der Lage ist, sich nicht nur von seinem Über-Ich, sondern auch von seinem Ich zu trennen, da er weiß, daß er mehr ist als seine Gedanken und sein Selbstbild.

Schon auf dem Gymnasium habe ich mich über meinen Philosophielehrer geärgert, der immer behauptete, daß wir nicht mehr sind als unsere Gedanken und damit vollständig in der Sprache aufgehen. Gerade bei Reich und Stirner hat mir besonders gefallen, daß das wirkliche Selbst, der leibhaftige Eigner dieser Gedanken zwischen und Unterhalb der Gedanken steckt. In diesem Bereich harmonieren Reich und Stirner vollständig.

Als die Europäer in der Renaissance das Individuum entdeckten, war dies praktisch identisch mit der Entdeckung der Leiblichkeit, d.h. der Sexualität. Und wenn Stirner als Höhepunkt und Abschluß dieser Aufklärung vom Einzigen als dem „Leibhaftigen“ spricht und vom „Weltgenuß = Selbstgenuß“, dann ist das – „Wilhelm Reich“.

Wirklich wichtig an Stirner ist natürlich weniger, daß „im Einzigen selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurückkehrt“, sondern das, was wie kein anderer Bernd Laska herausgearbeitet hat: es geht in erster Linie um das Über-ich, also das, was Stirner die „internalisierte Hierarchie“ nennt – das, was Reich als „Panzerung“ bezeichnet hat.

Die Frage nach dem Ziel

20. Januar 2012

Reich unterschied die Handlungsweise des genitalen Charakters von der des Neurotikers wie folgt:

Bei der Sublimierung liegt der Akzent auf dem Effekt der Handlung, wenn auch das Handeln selbst libidinös betont ist; bei der Reaktionsbildung kommt es zunächst auf das Tun selbst an, der Effekt ist ziemlich nebensächlich, und das Handeln ist nicht libidinös betont, sondern negativ bestimmt: Es kann nicht unterlassen werden. Der Sublimierende kann mit seiner Arbeit auch längere Zeit aussetzen, die Ruhe ist ihm ebenso wertvoll wie die Arbeit; beim Aussetzen der reaktiven Leistung aber stellt sich früher oder später eine innere Unruhe ein, die sich bei längerer Dauer zu Irritiertheit, ja Angst steigern kann. Auch der Sublimierende ist gelegentlich irritiert, gespannt, aber nicht, weil er nicht leistet, sondern weil er seine Leistung sozusagen erst gebiert. Der Sublimierende will leisten und freut sich an seiner Arbeit; wer reaktiv arbeitet, muß – nach dem treffenden Ausdruck eines Patienten – „roboten“, und hat er eine Arbeit beendet, so muß er sofort eine neue beginnen, weil seine Arbeit eine Flucht vor der Ruhe ist. (Charakteranalyse, KiWi, S. 239)

Dies läßt sich auf das gesamte biosoziale Funktionieren übertragen, selbstredend insbesondere auf das Wirtschaftsgeschehen, das Konsumieren und Produzieren. Man arbeitet nicht einfach aus Lust an der Arbeit, sondern um sich etwas zu „erarbeiten“, sich etwas zu „leisten“, d.h. um Konsumgüter und um Status zu erlangen. Dieser Mechanismus treibt die Wirtschaft an, die ganz ähnlich funktioniert wie die Sexualökonomie. Wir streben alle, getrieben von kleinen „Teillösungen“, jeweils der großen Lösung unserer inneren Spannung zu.

Genauso wie in der Sexualität erreichen wir im Wirtschaftsgeschehen den Zustand der Befriedigung und Spannungslösung durch Überlagerung, die uns mit Menschen zusammenführt, die das gleich erstreben wie wir. In der Sexualität geht aus der Überlagerung das Geflecht unserer Familienbeziehungen hervor, in der Ökonomie das Geflecht dessen, was Reich als „Arbeitsdemokratie“ bezeichnet hat.

Im Bereich der Sexualität verwandeln sich aufgrund der Emotionellen Pest lebendige Beziehungen in „Zwangsfamilien“, die ein lustvolles, glückliches Leben unmöglich machen. Genauso wird auch die Arbeitsdemokratie zerstört durch Bürokratie und wirtschaftskriminelles Verhalten, die einander bedingen und sich gegenseitig solange hochschaukeln, bis von der Arbeitsdemokratien wenig übrigbleibt. Das entspricht ganz den Verhältnissen in Zwangsfamilien, wo von der ursprünglichen Liebe, der das ganze Gebäude erst seine Existenz verdankt, kaum noch etwas auszumachen ist.

Sozialistische Gesellschaftsmodelle können unter keinen wie auch immer gearteten Umständen funktionieren. Produktive Menschen arbeiten „tierartig“ auf ein konkretes Ziel hin, nicht für das abstrakte „Gemeinwohl“. Deshalb muß es zwangsläufig zu „Sabotageakten“ kommen, woraus sich wiederum mit unabwendbarer Notwendigkeit „Stalinismus“ entwickeln muß. Selbst in sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland kommt das zum tragen: aufgrund der Sozialgesetzgebung sind wir alle miteinander Straftäter, die mit einem Bein im Gefängnis stehen, weil wir irgendwelche der unendlich vielen Vorschriften nicht beachten oder irgendwelche Abgaben nicht leisten bzw. Leistungen widerrechtlich beziehen. Neuerdings werden sogar Meinungen strafrechtlich verfolgt, die der sozialdemokratischen Einheitspartei CDUCSUFDPSPDGRÜNELINKEPIRATEN nicht genehm sind!

Ein Gutteil, selbstverständlich nicht alles, des immer weiter um sich greifenden „Antikapitalismus“ entspringt erstens dem Unvermögen des durch und durch sexualfeindlichen Neurotikers „Zielgerichtetheit“ richtig einzuordnen. Für ihn ist sie nur letztendlich verbrecherische Gier. Noch wichtiger scheint mir aber die schlichte Mißgunst zu sein. „Wenn es mir schlecht geht, warum soll es dir gut gehen?“ Das ist nichts anderes als Emotionelle Pest und entspricht exakt dem Verhalten der sprichwörtlichen alten Jungfer, die alles daran setzt ein junges Liebesglück zu zerstören.

  1. Dem genitalen Charakter geht es um die Erreichung eines Ziels, letztendlich der Gewinnung von Lust. Jeder kleine Schritt in die richtige Richtung ist selbst lustvoll, so daß die Anstrengung und zeitweise Unlust gerne in Kauf genommen wird.
  2. Der neurotische Charakter robotet zwanghaft und ziellos vor sich hin, wobei die Arbeit selbst so gut wie keine Lust mit sich bringt.
  3. Der pestilente Charakter „arbeitet“ zwar ebenfalls aus einem inneren Zwang heraus, doch hat er dabei ein Ziel vor Augen: den beschriebenen bioenergetischen Gesetzmäßigkeiten ein Ende zu machen. Anders als der einfache Neurotiker nimmt er sein Los nicht an, sondern lebt in der Rebellion.

Man betrachte diesen Artikel:

  1. Der Student der Orgonomie (d.h. der Neurotiker, der zeitweise und auf einem kleinen Teilgebiet durch „Löcher in seiner Panzerung“ funktioniert) versucht Zusammenhänge klar zu erfassen und darzustellen und sich an dem Produkt seiner Arbeit zu erfreuen. Wobei er zeitweise auch Unlust, etwa innere Unruhe und Unsicherheit, auch rein mechanische und ziemlich unerquickliche Arbeitsprozesse, auf sich nimmt.
  2. Der mechanistische oder mystische Neurotiker wird ellenlang irgendein kaum nachvollziehbares Zeugs verzapfen, was kein Mensch nachvollziehen kann. Der übliche (pseudo-) akademische Schreibstil.
  3. Der pestilente Charakter hingegen folgt dem inneren Zwang, das Arbeitsresultat, hier den Erkenntnisgewinn, zu zerreden, ungeschehen zu machen, ein gedeihliches Weiter zu unterbinden und den arbeitsdemokratischen Dialog zu vergiften. Er tut alles, um die Orgonomie zu zerstören. Ungefähr so wie Leute ohne erkennbares Motiv nachts rumlaufen und Autos anzünden.

Von einer anderen Sichtweise her, habe ich das Problem der „Zielgerichtetheit“ in Orgonenergie und Abstraktion angeschnitten: der ungepanzerte Organismus ist in der Lage sich auf etwas zu fokussieren, während beim gepanzerten Organismus der Geist hoffnungslos „zerfasert“.

Sexpol 2012 (Teil 2)

18. Januar 2012

Eines der Hauptprobleme bei der Vermittlung des Reichschen Werkes ist die Mär, daß „mehr Ficken“, die Menschen „befreie“. Diese Sichtweise wurde etwa von Christopher Turner in seiner leider sehr einflußreichen Reich-Biographie Adventures in the Orgasmatron vertreten. Angesichts der Zustände in der permissiven Gesellschaft sei Reich definitiv widerlegt. Reich diese Vorstellung unterzuschieben ist natürlich vollkommen absurd, da er ausführlichst gezeigt hat, daß die Menschen aufgrund ihrer Panzerung orgastisch impotent sind. Ebensogut könnte man einem Farbblinden raten, er solle in einer farbenfrohen Umgebung leben, um zu gesunden!

Wie fast immer ist in diesen falschen Anschauungen ein Körnchen Wahrheit enthalten, – das sie am Leben erhält. In diesem Fall: partielle sexuelle Entspannung ist natürlich immer noch besser als gar keine. Wie Richard A. Blasband ausgeführt hat, gilt das sowohl für Masturbation, selbst wenn man dabei Schuldgefühle hat („Q & A: Masturbation and Guilt“, Journal of Orgonomy, 11(1), May 1977, S. 116), als auch für sexuelle Perversionen, die einer sexuellen Abstinenz vorzuziehen sind („Q & A: Neurotic Sexual Relations and Abstinence“, Journal of Orgonomy, 14(1), May 1980, S. 114). Der Neurotiker kann immer einen Höhepunkt erleben, der die sexuelle Spannung reduziert, wenn auch keinen Orgasmus, der sie vollkommen beseitigt (Elsworth F. Baker: „Sexual Theories of Wilhelm Reich“, Journal of Orgonomy, 20(2), November 1986, S. 176). Dies heißt natürlich nicht, daß man Sex als Heilmittel verschreiben kann (ebd., S. 183), jedoch kann man seine Triebe frei leben, solange sie andere nicht verletzen.

Für Freud war „die Sublimierung das einzige Mittel (…), ohne Verdrängung oder Perversionsbildung die Konflikte zwischen Ich und Sexualität zu lösen“ („Trieb- und Libidobegriffe von Forel bis Jung“, Frühe Schriften, S. 131). Reich hingegen war der Ansicht, die sexuelle, d.h. genitale Befriedigung ermögliche erst die Sublimierung von prägenitalen Strebungen.

Reich unterscheidet zwischen der genitalorgastischen Befriedigung und Sublimierung auf der einen und der prägenitalen Befriedigung und Reaktionsbildung auf der anderen Seite.

Dieser qualitative Unterschied drückt sich dann auch in einem quantitativen aus: Der neurotische Charakter leidet unter einer sich ständig steigernden Libidostauung, (…) weil seine Befriedigungsmittel den Bedürfnissen des Triebapparats nicht adäquat sind; der andere, der genitale Charakter, steht unter dem Einfluß eines ständigen Wechsels von Libidospannung und ädaquater Libidobefriedigung, verfügt also über einen geordneten Libidohaushalt. (Charakteranalyse, KiWi, S. 225f)

Beim genitalen Charakter stehen Ich-Libido („Selbsterhaltung“) und Objekt-Libido („Sexualität“) in keinerlei Widerspruch, sondern bestärken einander.

In der autoritären Gesellschaft hingegen werden mit Hilfe von Drohungen, die die Selbstliebe aktiviert (Angst um das eigene Selbst, etwa infolge mehr oder weniger direkter Kastrationsdrohungen), die sexuellen Objektstrebungen in Schach gehalten. Sie kommen dann nur mehr als „Idealismus“ zum Ausdruck. Aus Sexualität wird „Altruismus“. Diese Reaktionsbildung ist beispielsweise die Grundlage des Christentums („selbstlose Liebe“).

Seit 1960 haben sich die Charakterstrukturen der Massenindividuen zusehends verändert. Im antiautoritären Individuum ist von Drohungen und Sexualunterdrückung keine Rede mehr. An ihre Stelle tritt der Terror der „Political Correctness“, etwa in Bezug auf die „Gender-Problematik“. Als Kompensation der frustrierten Selbstliebe wird die Umwelt nur noch mit der Brille des Egoismus betrachtet und entsprechend opportunistisch ausgebeutet.

Der ungepanzerte, genitale Charakter ist orgastisch potent und deshalb fähig imgrund antisoziale prägenitale Strebungen zu sublimieren, d.h. sozial fruchtbar zu machen.

Der gehemmte Charakter der autoritären Gesellschaft ist orgastisch impotent und nur zu einer Karikatur des Sublimierens fähig: aus Selbstliebe wird heuchlerische „Nächstenliebe“. Derartige Reaktionsbildungen sind, so Reich, „krampfhaft und zwangsartig“, während die Sublimierung „frei strömt“.

Es ist, als ob hier das Es in Einklag mit Ich und Ich-Ideal direkt mit der Realität in Verbindung stünde, dort hingegen bekommt man den Eindruck, als ob alle Leistungen von einem strengen Über-Ich einem sich sträubenden Es aufdiktiert würden. (ebd., S. 238f)

Beim gehemmten, „idealistischen“ Charakter kommt es zu einer krampfartigen „Stärkung der Ich-Formation in Form chronischer Abpanzerung gegen Es und Außenwelt“, während beim ungehemmten, „opportunistischen“ Charakter das Ich zu schwach ist, um antisozialen libidinösen Regungen Herr zu werden. Entsprechend ist er Spielball zahlloser neurotischer Strebungen (ebd., S. 252).

Der ungehemmte Charakter der antiautoritären Gesellschaft gibt sich ganz seinem Egoismus hin und „lebt sich aus“. Baker hat 1970 dieses prägenitale Paradies anläßlich der ersten Welle des Antiautoritarismus, d.h. der Hippie-Bewegung, folgendermaßen analysiert:

Eine solche um das Vergnügen kreisende Kultur, würde allmählich verfallen und schließlich dem Nichts anheimfallen, wie es in der Zeit der alten Griechen und Römer geschah oder wie H.G. Wells es in Die Zeitmaschine für die Zukunft visualisierte. Es stimmt, daß man dazu fähig sein muß Lust, sogar Ekstase, zu erleben, um so Spannung entladenden zu können, aber das Leben findet Erfüllung in sinnhafter und schöpferischer Arbeit, nicht indem man sich auf künstlich hinausgezögerte Weise mit seiner Partnerin bzw. seinem Partner herumrekelt. Derartige Liebesspiele sind kein Ausdruck von Genitalität, vielmehr sind sie infantil mit oralen und masochistischen Komponenten. (Leserbrief an den „Playboy“, Journal of Orgonomy, 5(1), S. 116f)