Posts Tagged ‘Geldschöpfung’

Die bio-ökonomischen Grundlagen unseres Gesellschaftssystems (Teil 1: Das Bankensystem)

29. Januar 2020

Neulich veröffentlichte jemand in einem Internetforum folgenden Kommentar („Z“ steht übrigens für „zionistisch“, also „jüdisch“!):

Die Privatisierung des Geldschöpfungsrechts in Verbindung mit der Zinsbelastung der gesamten im Umlauf befindlichen Geldmenge ist die zentrale Ursache unserer heutigen Situation, wovon seit Jahrhunderten versucht wird abzulenken. Schulden dienen zur Unterdrückung von Ländern. Wenn jemand sich weigert, sein Land zu verschulden, dann kommt Krieg. Mit diesem Geldsystem und dem Dollar als Leit(d)währung, daß die weltweite Nachfrage nach dem Dollar sicherstellt, verfügt die Z-Hochfinanz über die zentrale Macht zur Steuerung einer Volkswirtschaft und bestimmen dadurch über Verteilung von Wohlstand und Armut. Die Finanzwirtschaft hat die Bevölkerungen zu Sklaven gemacht, indem sie die Kontrolle der Nationen über das Geldwesen an sich gerissen hat, folglich bleibt auch der Finanzwirtschaft die Hoheit, wann der Crash eingeleitet wird…

Angesichts der seit vielen Jahren anhaltenden weltweiten bankenvernichtenden Nullzinspolitik schob ich verwundert ein:

Welche Zinsbelastung? Keine Ironie, sondern eine Frage!

Darauf die nichtssagende Antwort am Thema vorbei:

Sämtliches im bisherigen System vorhandene, aus dem nichts erzeugte Geld ist in Form von Schulden entstanden, für die Zinsen fällig sind. Selbst der Versuch einer Rückzahlung würde eine sprunghafte Reduktion der Geldmenge bewirken. Die Wirtschaft käme mangels Tauschmittel zum Erliegen und Leid, Verelendung oder andere Verwerfungen wären die Folge…

„Nichtssagend“, weil einfach nochmal die Ideologie von Gesell, Bernd Senf und den anderen Banken- und Zinskritikern wiederholt wird, ohne auf den offensichtlichen Widerspruch zum heutigen Geschehen einzugehen, wo Banken aufgrund der Nullzinspolitik Reihenweise am Rande der Pleite stehen.

Wenn die Bank dir einen Kredit gibt, wirkt sich das positiv auf deine Bilanz auf, jedoch negativ auf die Bilanz der Bank. Selbst wenn Banken Geld aus dem Nichts schöpften, kommt ihnen dieses Geld nicht zugute, da Geld immer ein Schuldverhältnis ist. Sie machen (neben Gebühren und Spekulationsgewinnen) nur durch die Zinsen Gewinne, die der Kreditnehmer ihnen zahlen muß. Kann er diese Zinsen nicht aufbringen und gar den Kredit nicht zurückzahlen, bedeutet das für die Bank eine komplette Katastrophe.

Und wer behauptet, die heutigen billigen Kredite würden ganz Gesellianisch die Wirtschaft ankurbeln, verkennt, daß dergestalt Unternehmungen am Leben erhalten werden, die schon längst hätte pleite gehen müssen. Gehen diese Zombies dann tatsächlich eines Tages zugrunde, d.h. können massenweise horrende Kredite nicht zurückgezahlt werden, dann ist die Katastrophe perfekt, da das gesamte Bankensystem mit in den Abgrund gerissen wird. Aus einem Schneeball wird eine alles vernichtende Lawine! (Von Renten, Lebensversicherungen und Spareinlagen zu Zeiten der Nullzinspolitik will ich erst gar nicht anfangen! Auch nicht von den diversen „Blasen“, der Mietpreisexplosion, etc.)

Die lebendige Produktivkraft, Arbeitskraft. Wider die heutigen „Stalinisten“!

20. Juni 2018

Propaganda für eine vermeintlich „natürliche Wirtschaftsordnung“, Zinskritik, „Geldreform“, die Forderung nach „Vollgeld“, etc. geistern seit geraumer Zeit am abwegigen Rand der Orgonomie herum. Da werden alle möglichen wirtschaftspolitischen Forderungen aufgestellt und das dann irgendwie als „orgonomisch“ hingestellt. Was diesen Leuten nicht bewußt zu sein scheint, ist, daß sich Reich selbst schon vor langem mit ihnen beschäftigt und sie radikal von sich gewiesen hat. Sie sind nämlich funktionell identisch mit den diversen Marxisten der alten Schule, die konsequent bei Marx den einen alles entscheidenden Faktor übersehen haben: die lebendige Produktivkraft, Arbeitskraft. Sie gelte es, so Reich, von ihren Fesseln zu befreien und sich selbst regulieren zu lassen. Siehe dazu das entsprechende Kapitel über Karl Marx in Reichs Buch Menschen im Staat von 1953.

Sehen wir uns eine heutige Entsprechung des damaligen Konflikts zwischen den Vulgär-Marxisten und Reich an, beispielsweise diesen Filmbeitrag:

Auf den ersten Blick sieht das alles folgerichtig aus, kein rationales Gegenargument bietet sich an! Doch tatsächlich werden hier nach alter vulgärmarxistischer Manier nur mechanistische Eingriffe propagiert, ohne jede tiefe Einsicht in die bioenergetischen bzw. biosozialen Zusammenhänge. Folge der angeregten Reformen wird deshalb höchstwahrscheinlich noch mehr menschliches Elend sein! Im Zentrum des Geldproblems steht nämlich nicht die Frage nach „vernünftigen“ oder gar „gerechten“ Mechanismen der Geldschöpfung, sondern einzig und allein die bioenergetisch (charakterologisch) determinierte Arbeitsfähigkeit der Massen und ihre Fähigkeit Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen. Ohne wahrscheinlich je von Wilhelm Reich und dem Orgonomen Robert A. Harman gehört zu haben, faßt einer der Kommentatoren unter dem obigen Video diese lebendige (orgonomische) Sichtweise sehr schön zusammen:

Die Aussagen in diesem und ähnlichen Beiträgen haben einen großen Mangel: sie erklären nicht was Geld eigentlich ist. Geld ist nichts Mythisches. Es gehört zur realen Wirtschaft (somit zu deren drei Hauptbereichen: Waren, Dienstleistungen und Rechte). Da Geld keinen Wert „an sic“ hat und sich deren Wert ableitet von der realen Wirtschaft, ist Geld also ein Ableitung (Derivat) die dem Inhaber die Möglichkeit (Option) gibt dies oder das damit zu machen. Somit gehört Geld zu den Rechten, konkret, Vertragsrechten – wie Arbeitsverträge, Mietverträge, Patente, Lizenzen etc. Geld ist somit nichts anderes als ein Vertrag zwischen Gläubiger und Schuldner, der sich Kredit nennt und als Zwischentauschmittel (Geld, Zahlungsmittel) funktioniert. Geld entsteht indem Vertragspartner einen entsprechenden Vertrag schließen. Die Bank alleine kann nichts schöpfen (und drucken darf sie ja nicht). Somit ist alles immer in Butter – es sei denn die Vertragsparteien agieren unseriös. Damit Geld, also der Vertrag funktioniert, müssen die Vertragsparteien auch wirklich vertragsfähig sein. Vertragsfähigkeit bedeutet letztlich realwirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Geld ist also immer gedeckt durch die Vertragsfähigkeit der Vertragspartner. Ist die gegeben ist es egal welche Knöpfe gedrückt wurden, ist sie nicht gegeben wären auch verliehene Goldmünzen futsch.

Es geht bei der „realwirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“ um die die lebendige Produktivkraft, Arbeitskraft, d.h. es geht letztendlich um die Frage der Panzerung des Massenindividuums, also um jene Probleme mit denen sich Reich, Elsworth F. Baker und Charles Konia in ihren epochemachenden Werken auseinandergesetzt haben. Die großen pseudo-orgonomischen „Wirtschafstheoretiker“, die uns mit immer neuen weltbewegenden Reformkonzepten behelligen, sind die funktionelle Entsprechung der Stalinisten, mit denen Reich seit Anfang der 1930er Jahre rang.

Papiergeld und Warengeld

9. September 2015

Die Österreichische Schule der Ökonomie glaubt, daß Papiergeldsysteme alles andere als selbstverständlich oder gar „naturgegeben“ sind. Sie haben gegenüber Warengeldsystemen (Gold, Silber, Kupfer und andere Edelmetalle) keine Vorteile und sind inhärent instabil.

Erst 1973 wurde der Goldstandard endgültig abgeschafft und das erste Mal in der Geschichte haben wir heute weltweit ein Papiergeldsystem. Bisher sind alle Papiergeldsysteme zusammengebrochen, entweder indem man rechtzeitig zum auf Waren (meist Gold und Silber) basierten System zurückkehrte oder indem es zur Hyperinflation und infolge zum gesellschaftlichen Kollaps kam. Alles sieht danach aus, als würde auch das gegenwärtige System so enden. Nur, daß diesmal der Zusammenbruch den gesamten Planeten umfassen wird.

Der Unterschied zwischen den Papier- und Warengeldsystemen liegt darin, daß die Menge des Papiergeldes flexibel ist, während Warengeld mehr oder weniger fix ist. Beispielsweise konnten Bush und Obama die Krise von 2008 überwinden, indem sie Unmengen von frischem Geld in die Wirtschaft pumpten. In einem System mit Warengeld wäre dies unmöglich, da Geld zunächst einmal erwirtschaftet werden müßte.

Hieran sieht man bereits das Grundproblem: das, was das ganze System am Leben erhält, da es den Austausch von Gütern ermöglicht, das Geld, wird verwässert und alle ökonomischen Regeln willkürlich außer Kraft gesetzt. Imgrunde ist es das gleiche System wie einst im Ostblock.

Das Gegenargument lautet meist: wir leben in einer wachsenden Wirtschaft und brauchen deshalb auch eine wachsende Geldmenge. Die Antwort darauf lautet, daß Geld dem Tausch dient und deshalb (in vernünftigen Grenzen) jede Menge an Geld paßt. Wenn sich entsprechend auch alle anderen Preise anpassen, ist es vollkommen egal, ob ein Auto EUR 60 000 kostet oder EUR 600, ein Fahrrad EUR 600 oder EUR 6, eine Flasche Olivenöl EUR 6,00 oder EUR 0,06. „Geldmengensteuerung“ ist planwirtschaftlicher Unsinn.

Statt wie im Papiergeldsystem, wo alles immer teurer wird (Inflation), kommt es in einem Warengeldsystem zu einer natürlichen Deflation: alles wird ständig billiger. Gegenwärtig sehen Ökonomen in der Deflation das schlimmste überhaupt, was geschehen kann, doch das zeigt nur, daß das Papiergeldsystem die Wirtschaft sozusagen „auf Droge“ gesetzt hat (siehe dazu Der Kult der Expansion).

Die Zentralbanken können so viel Geld produzieren, wie sie wollen – vollkommen willkürlich. Und tatsächlich bestimmt heute die Geldzufuhr den Zustand der Ökonomie, nicht umgekehrt, wie uns gerne weisgemacht wird. Hinzu kommt das „Mindestreserve-Bankwesen“: du hinterlegst EUR 100 bei der Bank, die es jemandem anderen verleiht, die Geldsumme hat sich also verdoppelt. Du sagst, du besitzt die EUR 100, und derjenige, der diese EUR 100 von der Bank als Kredit erhalten hat, behauptet ebenfalls diese EUR 100 zu besitzen.

Statt, daß Investitionen durch Ersparnisse finanziert und entsprechend verantwortlich (d.h. arbeitsdemokratisch) gehandelt wird, entsteht ein System vollkommener Verantwortungslosigkeit, das zwar zunächst zu einer Scheinblüte führt, aber über kurz oder lang zusammenbrechen muß. Man denke nur an die Immobilienblasen, die schon geplatzt sind und noch zu platzen drohen!

Und was das Zinssystem betrifft: Zinsen signalisieren, wie dringend das vorhandene Geld jetzt ausgegeben werden muß. Hohe Zinsen zeigen an, daß das Geld hier und jetzt benötigt wird („Ich leihe dir kein Geld!“), niedrige Zinsen zeigen an, daß der Konsum auch später erfolgen kann („Ich leihe dir sehr gerne Geld!“). Ökonomische Selbststeuerung der Gesellschaft!

Gegenwärtig wird durch künstlich billig gehaltenes Geld die Überexpansion angeheizt (es wird trotz Krise kräftig investiert) und vollkommen falsche ökonomische Signale gesendet (nämlich die, den Konsum zu drosseln – Kontraktion). Ein einziges Tohuwabohu. Früher oder später wird das Weltwirtschaftssystem über seine eigenen Füße stolpern.

Die Gegenwahrheit zu dieser Position der „Österreichischen Schule“ ist augenfällig: Die Wirtschaft ist nicht nur ein „objektives“ hydraulisches System, durch das Geld und Waren fließen, sondern es geht in ihr in erster Linie um „subjektive“ emotionale Erregungszustände. Es geht auch nicht nur um den Ausgleich irgendwelcher Ungleichgewichte, sondern um das unvorhersehbare Erschaffen „aus dem Nichts“. Ein schönes Beispiel ist der Milliardär Donald Trump, der mit einem Startkapital von 6 Millionen Dollar anfing. Daß er das innerhalb von vier Jahrzehnten vertausendfacht hat, bedeutet nicht, daß er („global gesehen“) anderen etwas weggenommen hat. Es ist schlicht mehr da, als es ohne ihn gegeben hätte. Von daher ist die Geldschöpfung „aus dem Nichts“ nicht so irrational, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Anlagebetrüger treten „wie Donald Trump auf“ und geben vor, daß sie das Geld ihrer „Kunden“ auf wundersame Weise, quasi aus dem Nichts vermehren können. Der Unterschied zwischen Trump und einem Betrüger besteht darin, daß, obwohl sich auch bei letzterem alles um den Namen und das Image dreht, Trump sich einen Namen in der realen Welt gemacht hat und er von realen Dingen getragen wird, d.h. er hat sozusagen Substanz, während der Betrüger nichts weiter als Schall und Rauch ist. Das entspricht dem heutigen Weltfinanzsystem, das sich vollkommen von der Substanz, dem Gold, getrennt hat und glaubt, mit Gelddrucken („Hilfspakete“) Länder wie die USA oder Griechenland retten zu können, weil das auf mystische Weise angeblich irgendwelche „Impulse setzt“. Das gegenwärtige Weltwirtschaftssystem ist eine merkwürdige Mischung aus Mystizismus und Mechanismus („quantitative easing“), die nur durch eine funktionelle Ökonomie überwunden werden könnte, die sowohl die emotionalen als auch die „realen“ Aspekte der Wirtschaft berücksichtigt, ohne daß es zu mechano-mystischen Kurzschlüssen kommt.

papierwaren

Es bedarf orgonotischen Kontakts, um die qualitativen und quantitativen Aspekte des ökonomischen Systems richtig zu bewerten; zu erkennen, daß sich in der Wirtschaft alles um Emotionen dreht, d.h. die Einschätzung der Zukunft (Kreditvergabe), dies aber stets durch „Realitäten“ (insbesondere die weitgehend fixe Goldmenge in der Welt) fundiert und im Rahmen gehalten werden muß, damit das System nicht außer Kontrolle gerät. Das Gold gemahnt ständig an die Wirklichkeit, d.h. die „Endlichkeit“.

Die Österreichische Schule will nicht wahrhaben, daß es auch zu Zeiten des Goldstandards nie ein reines Warengeld gegeben hat, sondern daß die Golddeckung wegen der Kreditvergabe der Banken tatsächlich stets nur marginal war; bzw. daß diese fehlende Golddeckung nicht einfach nur „Betrug“ war, – den man ohnehin niemals wird unterbinden können. Das bedeutet aber umgekehrt nicht, daß man auf die Golddeckung ganz verzichten kann, wie heute die gängige ökonomische Lehre glaubt. Das Gold ist wie jede „Substanz“: sie hindert am „Abdriften“. Auch wenn die Analogie etwas abwegig klingt: ohne Reibung und Gravitation würden wir hilflos im Nichts driften – ohne Goldstandard driftet die Weltökonomie in die Katastrophe. Siehe Robert Harmans Ausführungen.

Wie dieses „Abdriften“ konkret aussieht, ist etwa ersichtlich, wenn man die Produktivitätssteigerung mit der Lohnsteigerung vergleicht. In den USA liefen die beiden Graphen bis 1973 parallel. Danach stieg die Produktivität weiter im gleichen Tempo an, während die Löhne seitdem weitgehend auf dem gleichen Niveau verharren.

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Die orgonomische Theorie des Geldes

25. Februar 2012

Für die Formulierung einer orgonomischen Theorie des Geldes kristallisierten sich mir zwei Alternativen heraus. Zunächst die Theorie von Johann Philipp Freiherr von Bethmann, von dem ich zu dessen Hochzeiten alle Bücher las:

  • Die Zinskatastrophe. Das Buch zur Krise, Frankfurt 1982
  • Der verratene Kapitalismus. Die Ursachen der Krise, Frankfurt 1984
  • Auf Inflation folgt Deflation. Unerhörte Warnungen, Frankfurt 1986
  • Die Deflationsspirale, Frankfurt 1986
  • Das Kartenhaus unseres Wohlstandes. Warum der Kapitalismus nicht triumphieren kann, Düsseldorf 1991

Schließlich wandte ich mich jedoch der in vieler Hinsicht diametralen Gegenposition von Murray N. Rothbard zu:

  • Das Schein-Geld-System. Wie der Staat unser Geld zerstört, Gräfelfing: Resch Verlag, 2000, dessen erste Auflage 1963 in den USA unter dem Titel What has the Government done to our money? erschienen ist.

In Deutschland wurde diese Sichtweise beispielsweise von dem christlich orientierten Unternehmer und Autor Roland Baader vertreten. An Rothbard habe ich mich beispielsweise in Deep Space Nine blickt zurück auf unsere heutige Zeit orientiert.

Zunächst einmal der Punkt, in dem sich beide Wirtschaftstheoretiker einig sind:

Merkwürdigerweise gibt es in durchweg allen kapitalistischen Wirtschaften einen bestimmten Bereich, der vollkommen von planwirtschaftlichen Prinzipien bestimmt wird, ohne daß auch nur ein Funken marktwirtschaftlichen Problembewußtseins vorhanden ist: im Bereich der „Notenbanken“.

Der Privatbankier und Autor v. Bethmann hat dieses „realsozialistische“ Geschwür, das den Kern unserer kapitalistischen Ordnung aushöhlt, dingfest gemacht: die „Geldmengensteuerung“, wie sie die amerikanische FED, die EZB und andere Zentralbanken betreiben.

v. Bethmann zeiht ihnen des „Verrats am Kapitalismus“. Ihre Geldmengensteuerung sei vergleichbar mit der sozialistischen Bewirtschaftung und müsse eines Tages genauso zum Zusammenbruch des „Realkapitalismus“ führen, wie vorher der Realsozialismus am Plan krepiert ist. Die „Geldproduktion“ regulieren zu wollen, ist gleichbedeutend mit dem Ansinnen, die Produktion „bewirtschaften“ zu wollen. „Geldmengenpolitik“ ist eine genaue Entsprechung der einstigen planwirtschaftlichen Regulierung des Produktionsprozesses im Realsozialismus. Und trotzdem geschieht dies nicht nur national, sondern sogar weltweit mit Hilfe von Institutionen wie der Weltbank und dem Internationalen Währungsfond. Doch ist beides, Güterproduktion und „Geldproduktion“ einzig eine Angelegenheit von Privatleuten, eine Funktion des privatwirtschaftlichen arbeitsdemokratischen Austausches.

Nach der gängigen Theorie ist es Aufgabe der Zentralbanken Geld zu „schöpfen“ und je nach Wirtschaftslage mit Hilfe ihrer konjunkturpolitischen Mittel, also vor allem dem Leitzins, via die Geschäftsbanken in die Wirtschaft fließen zu lassen, bzw. der Wirtschaft überschüssiges Geld wieder zu entziehen. Ein hydraulisches System, mit den Gremien der Zentralbanken an den Schalthebeln.

Nach v. Bethmann ist die Produktion und Vernichtung von Geld jedoch ein autonomer Prozeß, der zwischen zwei freien Wirtschaftsteilnehmern selbstbestimmt abläuft. Geld wird automatisch produziert, wenn Schulden gemacht werden. Entsprechend wird Geld vernichtet, wenn Schulden beglichen werden. Geld ist nichts anderes als die Abstraktion konkreter Forderungen eines Gläubigers gegenüber einem Schuldner, die an irgendeinen beliebigen Dritten abtrettbar sind.

Imgrunde ist jede Art von Kreditaufnahme eine Geldschöpfung. Dazu gehört auch jeder Gang in den Supermarkt, weil Kaufen und Bezahlen zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind: von dem Augenblick, wo ich das Produkt an mich nehme bis zu jenem, wo ich es bezahle, habe ich praktisch einen Kredit aufgenommen. Wenn ich bezahle, begleiche ich diesen Kredit und vernichte damit das „geschöpfte“ Geld wieder, indem ich meine Schuld tilge.

Man kann, auch wenn es widersinnig klingt, sagen, daß Geld beim Kaufen entsteht. Oder anders ausgedrückt: Nachfrage entsteht nicht, wenn Geld vorhanden ist, sondern Geld entsteht durch Nachfrage, da Kaufbereitschaft dasselbe ist wie Verschuldungsbereitschaft. Neues Geld entsteht mit jeder neuen Geldforderung, d.h. Geldschöpfung ist nichts anderes als Kreditschöpfung.

Da also jede Forderung potentiell Geld ist, ist seine Menge weder bestimmbar noch begrenzbar. Geldneuschöpfung ist ein autonomer, mengenmäßig prinzipiell unkontrollierbarer Vorgang.

Das Grundproblem einer derartigen Geldtheorie ist, daß hier das Geld sozusagen in der Luft hängt – und dadurch inflexibel wird. Wie der Orgonom Robert Harman in seinem Aufsatz „Practical Functional Economics“ ausführt, ist es ohne einen internationalen Goldstandard für ein Land praktisch unmöglich die eigene Währung abzuwerten, ohne auf verheerende Weise in den Kapitalmarkt einzugreifen. Als Beispiel dafür führt er China an. Harman selbst ist aufgrund seiner 35 Jahre zurückgehenden Beschäftigung mit der ökonomischen Theorie zu dem Schluß gekommen, daß, was die Funktionsweise des Geldsystems betrifft, Gold ohne (aus Krediten hervorgegangenes) Papiergeld kein „Gold“ ist und daß umgekehrt das Papiergeld ohne dieses Gold kaum mehr ist als ein Fetzen Papier (Journal of Orgonomy, Vol. 44, No. 1, S. 60).

Beiden Seiten, hier durch Rothbard und durch v. Bethmann vertreten, geht es darum, den Kapitalismus zu retten bzw. erst möglich zu machen. Die eine (die mechanistische) Seite behandelt dabei das Geld wie eine „Substanz“, die durch die Venen des Wirtschaftorganismus fließt, und verkennt, daß sich das Geld ständig verändert und es potentiell unendlich viele Arten von „Geld“ gibt („Geldmenge M1, M2, M3“). Die andere (die mystische) Seite verkennt, daß Geld ohne substantielle Basis undenkbar ist: es konnte sich nur auf der Grundlage des Austausches von Edelmetallen entwickeln und kann nur auf dieser „materiellen Grundlage“ angemessen funktionieren.