Posts Tagged ‘Emotion’

Wie du Menschen helfen kannst, die dir wichtig sind, auch wenn du kein Therapeut bist

15. März 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Menschen (einschließlich der meisten Therapeuten) unterschätzen bei weitem die Macht, die es hat, einfach einem anderen Menschen zuzuhören, was immer es sei, was dieser zum Ausdruck bringen muß, bis er genug hat.

Da es in der Menschheitsgeschichte noch nie eine Kultur gegeben hat, die Emotionen verstanden hat und keine Angst vor ihnen hatte, wird uns allen implizit beigebracht, daß die schmerzhaften oder beängstigenden Emotionen eine Büchse der Pandora sind, deren Deckel niemals geöffnet werden dürfe. Dieses Mißverständnis ist darauf zurückzuführen, daß bis zum Auftreten des österreichischen Psychiaters Wilhelm Reich der Kern der menschlichen Natur nicht erkannt wurde. Alles, was wahrgenommen wurde, war das, was Reich die Mittlere Schicht nannte, die Schicht zwischen der oberflächlichen Fassade der Persönlichkeit und dem tiefen, natürlichen und gesunden Kern. Die Mittlere Schicht enthält all die verzerrten, zerstörerischen und furchterregenden Emotionen, die durch den „Panzer“, die Abwehrfunktionen der Psyche, erzeugt wurden.

Alle bisherigen Denksysteme, einschließlich aller Religionen und politischen Philosophien, haben den Kern nicht ergründet und die mittleren und oberflächlichen Schichten der menschlichen biopsychischen Struktur nicht verstanden. Infolgedessen wurde die Mittlere Schicht fälschlicherweise als die Kernnatur des Menschen wahrgenommen, weil der Kern durch die Mittlere Schicht verdeckt wurde und nicht wahrgenommen werden konnte. Wenn es wahr wäre, daß es keinen gesunden Kern im Menschen gibt und seine innerste Natur nur aus den Inhalten der zerstörerischen Mitteleren Schicht besteht, wäre es absolut richtig, daß die einzige Option sei, die Büchse der Pandora verschlossen zu halten. Und diese Büchse-der-Pandora-Theorie der menschlichen Emotion ist die Grundlage aller vorangegangenen menschlichen Denksysteme, bevor Reich das „funktionelle“ Denken einführte: Denken, das darauf basiert, wie die Natur tatsächlich funktioniert.

Das Verständnis der Natur des Kerns öffnet das Tor, um die Angst zu verlieren, störenden Emotionen zuzuhören und ihnen eine Chance zu geben sich auszudrücken. Aus Angst vor Emotionen besteht die Tendenz einen Leidenden vorzeitig zu beruhigen oder ihm vorzeitig irgendwelche Ratschläge zu erteilen, um ihn von schmerzhaften Emotionen abzulenken, die als zu destruktiv oder beängstigend empfunden werden, um sie zu fühlen oder auszudrücken. Dieses Mißverständnis basiert auf der Annahme, daß es für Menschen schlecht sein muß, mit ihren unangenehmen Emotionen in Kontakt zu treten und diese auszudrücken. Infolgedessen unternehmen wohlmeinende, aber kontaktlose Menschen alle möglichen Manöver, um alle Löcher, die im Panzer von jemandem erscheinen, schnell zu stopfen, bevor all das „schlechte Zeugs“ herauskommt und „das Ruder übernimmt“. Es gibt keine Wahrnehmung des Kerns, also gibt es keinen Glauben an das Gute, keinen Glauben, daß das Gute das Böse besiegen wird. In Wirklichkeit ist es jedoch von großem Nutzen, einfach und ruhig jemandem zuzuhören, der seinen Schmerz, seine Angst oder seinen Zorn zum Ausdruck bringt, und es kann viel Gutes dabei herauskommen.

Eine verwandte Sache hinsichtlich der Emotionen, die nicht verstanden wird, ist, daß die Fähigkeit zur Vernunft auf einem gesunden emotionalen Funktionieren basiert und nicht umgekehrt. Infolgedessen ist es oft fruchtlos und sogar kontraproduktiv, zu versuchen, die Menschen mit Vernunftargumenten aus ihren irrationalen Emotionen herauszuholen. Der Glaube an die Macht des Kerns kann einem Zuhörer jedoch zur Erkenntnis verhelfen, daß das Denken dieser Person spontan immer rationaler wird, wenn du einfach zuhörst und jemandem die Möglichkeit gibst, seine Gefühle seinem Bedürfnis gemäß bis zum Ende emotional auszudrücken.

Wenn du einfach jemandem zuhörst, der dir etwas bedeutet, sendest du das Signal, daß du keine Angst vor dem hast, was derjenige in seinem Inneren hat. Das gibt ihm den Glauben, daß ER SELBST vielleicht auch keine Angst vor dem haben muß, was in ihm ist und daß das, was sich im Inneren befindet, nicht unbedingt „schlecht“ ist. In der Tat ist der Kontakt mit dem Kern die Grundlage allen Glaubens an die Güte, die Liebe und die Freiheit von Furcht und Leiden.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

David Holbrook, M.D.: ÜBER DIE GEGENWAHRHEIT

25. Februar 2019

von David Holbrook, M.D.

 

Am Ende seines Buches Christusmord schrieb der österreichische Psychiater Wilhelm Reich einen Anhang mit dem Titel „Die Waffe der Wahrheit“. „Die Waffe der Wahrheit“ ist eine der wichtigsten schriftlichen Äußerungen Reichs. Darin prägte er einen neuen Begriff: „Gegenwahrheit“. Er definierte die Gegenwahrheit als Grund dafür, daß sich die Wahrheit nicht durchsetzt, und er sagte, es sei manchmal sogar noch wichtiger, die Gegenwahrheit zu verstehen, als die Wahrheit selbst zu verstehen, weil es nutzlos und möglicherweise sogar gefährlich ist, die Wahrheit zu unterstützen, ohne die Gegenwahrheit zu verstehen.

Das Konzept der Gegenwahrheit ist ein soziologisches Konzept und Reich hat meines Wissens niemals explizit Parallelen zur klinischen Situation gezogen, die Parallelen sind aber offensichtlich.

Man könnte sagen, daß die psychologische Abwehr eine Gegenwahrheit ist. Die psychologische Abwehr ist „kostspielig“. Sie schränkt unsere psychische Gesundheit ein. Warum gibt es sie dann? Die Gegenwahrheit der Abwehr besteht darin, daß sie verhindern soll, daß wir von Emotionen überwältigt werden, mit denen wir vielleicht nicht umgehen können.

Reich wies auf das autonome Nervensystem (ANS) als das physiologische Substrat für das Funktionieren von Emotionen im Körper hin. Das ANS reguliert Dinge wie Herzschlag, Atemfrequenz und die glatte Muskulatur, die die Blutgefäße auskleidet, wodurch der Blutfluß zu den verschiedenen Organen des Körpers einschließlich der verschiedenen Regionen des Gehirns bestimmt wird. Das ANS beeinflußt auch das Funktionieren des endokrinen Systems und des Immunsystems.

Das ANS macht also den physiologischen Mechanismus der Psyche (Emotion) – und der Abwehr gegen die Psyche und Emotion – im Körper aus. Reich behauptete, das ANS sei der Schlüssel zum Verständnis der uralten Frage nach der Natur der Verbindung von Geist und Körper.

Wenn der Geist vor schmerzhaften Gedanken und Gefühlen zurückschreckt, geschieht dies auch physiologisch und die Physiologie wird durch das ANS vermittelt. Was als sympathischer Zweig des ANS bekannt ist – der Zweig „Kampf oder Flucht“ – vermittelt das Phänomen Angst und Wut im Körper. Bei Angst wird die Blutversorgung von bestimmten physiologischen Strukturen weggelenkt. Wenn die Blutversorgung auf diese Weise begrenzt ist, bedeutet dies, daß die Fähigkeit zur Bekämpfung von Krankheiten in diesen Körperbereichen begrenzt ist, da die Blutversorgung die notwendigen Komponenten des endokrinen Systems und des Immunsystems zur Bekämpfung von Krankheiten bereitstellt.

Es gibt also eine Form der Homöostase zwischen Gesundheit und Abwehr, sowohl auf psychologischer als auch auf physiologischer Ebene. In einem gewissen Sinne ist das eine Neuformulierung von Freuds „Todestrieb“. Warum sollte ein Organismus „die Wahl treffen“ zu sterben? Die Antwort ist, daß ein Organismus lieber sterben will, als unter überwältigender Angst und Schmerz zu leiden. Und das ist die Gegenwahrheit von Leben oder Tod in biologischen Organismen. Wir alle führen einen lebenslangen Kampf zwischen Lust oder Angst, Leben oder Tod.

 

Dieser Text wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 9)

13. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE (Fortsetzung)

Erst als ich ungefähr 30 war, wurde mir klar, daß ich nicht wirklich die Wörter eines Songs höre – ich höre den Klang der Wörter. Mir wurde klar, daß ich oft keine Ahnung hatte, worum es in einem Song geht, auf verbaler Ebene. Ich habe mich immer darauf konzentriert, welche Gefühle die Sounds in mir hervorriefen, nicht so sehr auf den verbalen Inhalt der Texte. Für mich erzählten mir die Musik und der Klang der Wörter eine Geschichte, die lauter sprach, als die Worte selbst. Und ich fühle mich genauso, wenn ich mit Menschen interagiere oder sie beobachte.

Körpersprache, Ausdruckssprache, Emotion sind ansteckend. Es wird von Körper zu Körper ohne bewußte Absicht oder bewußte Teilnahme übertragen. Man fühlt, was andere fühlen, ob man will oder nicht. Reich drückte das schön aus, als er schrieb:

Wenn in einer Gruppe von Sperlingen ein einziger Sperling unruhig wird und Gefahr witternd davonfliegt, fliegt die ganze Gruppe, gleichgültig ob alle anderen Sperlinge die Ursache der Unruhe bemerkt haben oder nicht … Der Bewegungsausdruck des Kranken führt in unserem Organismus unwillkürlich eine Imitation herbei. Indem wir imitieren, empfinden und verstehen wir den Ausdruck in uns selbst … Unter „Charakterhaltung“ verstehen wir den „Gesamtausdruck“ eines Organismus. Dem emtspricht wörtlich der „Gesamteindruck“, den ein Organismus auf uns macht. (Reich 1949, S. 478f, kursiv im Original).

Mir wurde immer mehr bewußt, daß so viel im Leben eine plasmatische Erfahrung ist, eine organismische Erfahrung, etwas, das vom Körper bestimmt wird, nicht nur vom Gehirn oder von Worten. Es ist, als ob das Gehirn nur Mitfahrer wäre. Der Körper „weiß“, bevor das Gehirn „weiß“. Das Gehirn versucht zu artikulieren, was der Körper ihm sagt, Dinge in Worte zu fassen, die manchmal fast unmöglich in Worte zu fassen sind. Dies steht im Einklang mit der Vorstellung, daß das ANS, dessen Funktion so tiefgehend mit körperlichen, emotionalen Erlebnissen verbunden ist, eine weitaus wichtigere Rolle im menschlichen Leben spielt, als das bisher außerhalb der Orgonomie gewürdigt wurde. In der konventionellen Psychiatrie und Neurowissenschaft wird das ZNS gegenüber dem ANS weit überbetont, aber ist das wirklich gerechtfertigt? Dr. Robert Harman hat darüber in The Journal of Orgonomy geschrieben. Er schreibt:

Das autonome Nervensystem hat sich viel weiter entwickelt als das Gehirn. Das autonome Nervensystem wird manchmal als „primitives“ Nervensystem verstanden im Gegensatz zum Gehirn … das genaue Gegenteil ist der Fall … Das Gehirn eines Menschen hat sich gegenüber dem Gehirn eines Fisches sehr wenig verändert. … mit einer Ausnahme … dem retikulären System … in 300 Millionen Jahren erscheint nichts „Neues“ … Im Gegensatz dazu ändert sich das autonome Nervensystem in jeder Entwicklungsstufe tiefgreifend …. es ist im Fisch nicht vollständig vorhanden. (Harman 2007, S. 33).

Dr. Harman erklärt, daß die Evolution des ANS eng mit der Evolution der emotionalen Funktion bei Tieren zusammenhängt, im Gegensatz zur Funktion der Sensation, die eher mit dem ZNS verbunden ist und in der Evolution viel früher vorhanden ist. Daher entspricht die verbreitete Vorstellung, daß Emotionen primitiv sind und das Denken, das als eine Art Sensation betrachtet werden kann, fortgeschrittener ist, zumindest in gewisser Weise genau dem Gegenteil der Wahrheit. Dr. Harman läßt die Entwicklung des ANS Revue passieren und weist darauf hin, daß es bei Säugetieren und insbesondere beim Menschen am höchsten entwickelt ist (Harman 2007).

 

Literatur

  • Harman R 2007: The Autonomic Nervous System and the Biology of Sleep (Part 1). Journal of Orgonomy 41(1):7-49
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 7)

9. Februar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

DER WEG EINES ORGONOMEN ZUR ORGONOMIE

Ich möchte einige meiner eigenen Gedanken über Emotionen zur Sprache bringen und einiges darüber, was Reich und andere in der Orgonomie über Emotionen gesagt haben und über die Beziehung zwischen Wörtern und Emotionen. Dabei werde ich persönliche Geschichten über einige der Dinge erzählen, von denen ich denke, daß sie mich zur Orgonomie und zum Thema Emotion hingezogen haben könnten. Ich hoffe, daß dies in den Köpfen und Herzen der Leser einige Überlegungen zu die persönliche Lebensreise anregt, was im Leben wirklich wichtig war und was einen dazu gebracht hat, die Entscheidungen zu treffen, die man getroffen hat und darüber, was einen begeistert und motiviert; und was diejenigen betrifft, die sich für die Orgonomie interessieren, wie es dazu kam, daß Sie sich für die Orgonomie interessiert haben und was Sie an der Orgonomie berührt hat. Ich hoffe, daß dieses kurze Verweilen beim Persönlichen unser Denken darüber voranbringt, was Emotionen sind und warum sie manchmal lauter sind als Worte.

Während ich diesen Artikel schrieb, habe ich mich gefragt: Warum wollte ich über dieses Thema, die Emotion, sprechen? Und wie tief muß ich in mich selbst dringen, um diese Frage beantworten zu können? Bezüglich meiner eigenen Geschichte muß ich damit beginnen, daß ich eine intensive emotionale und intellektuelle Reaktion auf Reichs Arbeit hatte, als ich 1975, als ich 20 Jahre alt war, sie erstmals kennenlernte. Um die Sprache der 70er Jahre zu verwenden, fand ich seine Einsichten und Ermittlungen „umwerfend“. Ich denke, dies ist auch eine Art zu sagen, daß die Orgonomie meine Denkweise über die Dinge verändert hat.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich angenommen, daß ich wahrscheinlich Schauspieler werden würde. Die Schauspielerei hatte mich seit ungefähr meinem fünften Lebensjahr sehr gefesselt. Meine Eltern waren Schauspieler und als Kind war ich ein paarmal mit ihnen auf der Bühne aufgetreten. Ich identifizierte mich stark mit meinem Vater, der ein erfolgreicher Schauspieler war. Aber als ich Teenager war, interessierte ich mich eher für das Leben in der „freien Natur“, für die Natur und ihre Erforschung. Ich habe ein paar Sommer auf einer Ranch in Montana verbracht. Ich verbrachte die Abschlußklasse der Oberstufe in einem Alternativprogramm, in dem wir elf Monate lang durch die Vereinigten Staaten reisten, die ganze Zeit draußen schliefen, in der Wildnis wanderten und etwas über die Natur lernten. Dies hatte einen enormen Einfluß auf mich.

In meinen frühen Zwanzigern machte ich lange Wanderungen in der Wildnis, einmal für einen zweimonatigen Trip. In diesen Jahren verbrachte ich viel Zeit alleine, trampte durch alle 48 US-Staaten, fuhr Güterzüge usw. (es war „eine 70er Jahre-Sache“!). Ich denke, daß meine Erfahrungen mit der Natur und dem Alleinsein mit der Reise verbunden waren, die ich zu dieser Zeit während der späten Adoleszenz unternahm, eine Reise, bei der die Erwachsenenwelt, in die ich gerade eintrat, tief in Frage gestellt wurde. Ich fühlte mich zerrissen zwischen tiefen Gefühlen, die aus meiner Kindheit stammen, die ich in Kontakt mit Schauspielern und der Theaterwelt verbrachte, der Welt der Menschen, der Kulturwelt; im Gegensatz zur nichtmenschlichen Welt, dem riesigen Reich der Natur, von dem ich mich sehr berührt fühlte und die mich stark beeindruckte. Ich hatte damals das Gefühl, daß die Natur voller Wahrheit, Schönheit und Leben war, während die Menschheit voller Ausweichen, Häßlichkeit und Zerstörung war. Gewisserweise hatte ich das Gefühl, man könne sich auf die Natur verlassen, aber nicht auf Menschen, was mit unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen zu tun hatte, die ich durchlebt habe.

Dieser Unterschied zwischen der menschlichen und der natürlichen Welt erinnert mich an Reichs Kapitel mit der Überschrift „Bühne und Wiese“ in seinem Buch mit dem Titel Die kosmische Überlagerung, das ich zu dieser Zeit zum ersten Mal las. In dem Buch schreibt Reich:

In welcher Weise ist der Mensch in der Natur verwurzelt? … der Autor hat sich bemüht, die letzten Konsequenzen aus dem Wissen über das Funktionieren des Menschen zu ziehen, das er sich in mehr als dreißig Jahren intimer Kenntnis der charakterologischen Vorgänge hinter der Bühne des menschlichen Lebens angeeignet hat. … er hat die Tür geöffnet, die von der Kulisse des Theaters zu den weitläufigen Feldern und Wiesen führt, die das Theater des gegenwärtigen Alltagslebens umgibt. Für einen Beobachter, der auf diesen Wiesen steht, über sich die schimmernden Sterne am endlosen Firmament, wird das Schauspiel auf der Bühne befremdlich sein. Es hat den Anschein, als stünde der weite Himmel der stillen Nacht in keinem Zusammenhang mit dem aufgeführten Stück und seiner Thematik … (Reich 1951, S. 10f, Übersetzung verbessert PN).

Junge, diese Worte klingen heute noch wahrer! Reich fährt fort:

Wenn Christus Sorgen hatte, dann zog er sich in die Einsamkeit und Stille einer Wiese oder eines Hügels zurück … Alle religiösen Bewegungen der Menschheitsgeschichte haben versucht, die Botschaft von der emotionalen Tiefe von der Wiese auf die Bühne drinnen zu versetzen, doch vergebens …. (S. 12f, Übersetzung verbessert, PN). Die Orgonomie hat uns dadurch, daß sie Übergänge vom Denken zu den Emotionen, von den Emotionen zu den Instinkten, von den Instinkten zu den bioenergetischen Funktionen und von den bioenergetischen Funktionen zu den physikalischen Funktionen der Orgonenergie sichtbar gemacht hat, einige wichtige Anhaltspunkte … geliefert. (S. 14, Übersetzung verbessert, PN) …. alle Ereignisse, die auf der Bühne stattfinden, [sind] irgendwie auf das Geschehen auf der Wiese zurückzuführen. (S. 14, Übersetzung verbessert, PN).

Warum zitiere ich diese Passage? Ich weiß es nicht!! Es bewegt mich einfach wirklich sehr. Ich habe aus der Orgonomie gelernt, daß es nicht immer notwendig ist, sofort zu verstehen, warum man fühlt, was man fühlt, daß es das Beste ist, sich einfach seinem Gefühlen zu überlassen, und oft wird das Verständnis später spontan folgen.

„Bühne“ könnte unter anderem als Metapher für Worte betrachtet werden, während „Wiese“ als Metapher für Emotionen betrachtet werden könnte. Ein anderer Gedanke über meine eigenen Erfahrungen ist, daß die Orgonomie geholfen hat, die Spaltung in mir zu heilen zwischen „Wiese“, die ich als die Wahrheit empfand, und „Bühne“, von der andere behaupteten, daß sie die Wahrheit sei.

Reichs Schriften haben mich zutiefst bewegt. Sie haben mich sowohl emotional als auch intellektuell in Erregung versetzt und inspiriert. Ich fühlte mich zu seinen Schriften hingezogen und wollte die Dinge genauso tief fühlen wie er und die Natur einschließlich der menschlichen Natur in der tiefen und profunden Art und Weise verstehen, wie er es tat. Nach einem mehrjährigen Umweg in den 1980er Jahren, als ich professioneller Schauspieler wurde, entschied ich mich im Alter von 34 Jahren, als Neuling für vier Jahre an ein College zurückzukehren und dann ein Medizinstudium aufzunehmen, um Psychiater und medizinischer Orgonom zu werden. (Ja, das heißt, ich habe mit 42 Jahren das Medizinstudium abgeschlossen und meine Facharztausbildung mit 47 abgeschlossen, also vor 15 Jahren!! Puh!! Außerdem hatte ich zwei Kinder!) Obwohl ich der Schauspielerei sehr verbunden war, war Orgonomie zu meiner Muse geworden, das Drehbuch, das mich mehr als alle anderen Drehbücher gefesselt hat und in dem ich am meisten auftreten wollte.

 

Literatur

  • Reich W 1951: Die kosmische Überlagerung. Frankfurt: Zweitausendeins, 1997

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Emotionen sprechen lauter als Worte (Teil 2)

30. Januar 2019

Eine Einführung in die klinische Theorie der Orgonomie mit einer Diskussion einiger paralleler Funde in der modernen Neurowissenschaft und Psychotherapie von David Holbrook, M.D.

 

Als Reich Patienten verfolgte, die genesen sind und ihre Gesundheit aufrecht erhalten konnten, wurde sein Interesse für die Sexualität und deren Rolle in der emotionalen, psychischen und körperlichen Gesundheit wach. Er stellte fest, daß Menschen, die ihre Gesundheit aufrechterhalten, zur sexuellen Befriedigung fähig sind, während Menschen, die keine Gesundheit erlangen oder aufrechterhalten, chronische psychische und körperliche Rigiditäten aufwiesen, die ihre Fähigkeit beeinträchtigten, volle Befriedigung zu erlangen, was sowohl die emotionalen als auch die sexuellen Aspekte der Liebesbeziehungen betrifft. So wie die Fähigkeit, volle emotionale Beteiligung in der Liebe zu tolerieren, durch den Charakterpanzer eingeschränkt wird, werden auch die Bewegungen des vollständigen sexuellen sich Gehenlassens durch den Muskelpanzer eingeschränkt.

Schließlich interessierte sich Reich dafür, Bewegung in allen Lebensformen zu studieren, um die Natur der nonverbalen Ausdrucksbewegung beim Menschen und den Zusammenhang dieser Bewegungen mit anderen Bewegungsarten in der Natur besser zu verstehen. Er stellte fest, daß zum Beispiel die Bewegungen des Orgasmus eine pulsierende Qualität aufweisen, und machte die Beobachtung, daß Pulsation eine Bewegungsform ist, die in der Natur unter einer großen Anzahl verschiedener Bedingungen beobachtet werden kann. Das Pulsieren hat zwei Komponenten: Expansion und Kontraktion, die sich abwechseln. Reich beschloß, primitive Lebensformen unter dem Mikroskop zu untersuchen, um ihre Bewegungen, insbesondere ihre pulsierenden Bewegungen, zu beobachten. Schließlich verwendete er höhere Vergrößerungen als alle Wissenschaftler zuvor. Während dieser mikroskopischen Experimente machte Reich unabsichtlich zunächst einige Beobachtungen zum Zerfall organischer und anorganischer Materie. Durch die Verwendung des Elektroskops und anderer wissenschaftlicher Instrumente entdeckte er, daß diese Präparate diverser Stoffe beim Zerfall eine Energieform ausstrahlen, die durch bestehende energetische Konzepte, wie die elektromagnetische Theorie oder die Kernphysik, nicht ausreichend beschrieben oder erklärt wurde. Reich ging daran, eine Reihe von Experimenten durchzuführen, in denen die Funktionsweise dieser Energie in der Natur untersucht wurde.

Die Natur bewegt sich. Emotion ist auch eng mit Bewegung verbunden. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Emotion ist, daß sie spontan entsteht. Reich definierte Emotion als: „eine Plasmabewegung“ [an expressive plasmatic motion, Übersetzung von Wolfe/Reich] (Reich 1949, S. 358). Reichs Definition zufolge besteht das plasmatische System aus dem autonomen Nervensystem, über das ich später sprechen werde, und dem Gefäßsystem. Ein anderer orgonomischer Wissenschaftler, Dr. Charles Konia, weist darauf hin, daß das vaskuläre System das endokrine, lymphatische und das Immunsystem umfaßt (1989, S. 224). Reich betrachtete die Plasmabewegung als Manifestation einer spontanen bioenergetischen Bewegung. Wie Reich sich ausdrückt:

Das Lebendige drückt sich in Bewegungen aus … Das deutsche Wort „Ausdruck“ … besagt wörtlich, daß sich im lebendigen System etwas „aus-“ oder „herausdrückt“ und sich folglich „bewegt“. Nichts anderes als das Vorquellen des Protoplasmas, also die Expansion und Kontraktion, kann gemeint sein. Die wörtliche Bedeutung von „Emotion“ ist „Herausbewegung“. Sie ist gleichzeitig „Ausdrucksbewegung“. Der physikalische Vorgang der plasmatischen Emotion oder Ausdrucksbewegung ist unabtrennbar verknüpft mit einer unmittelbar verständlichen Bedeutung, die wir den „Bewegungsausdruck“ [emotional expression] zu nennen pflegen. (1949, S. 360, kursiv im Original).

Ein Teil des Nervensystems, für den sich Reich sehr interessierte, war das autonome Nervensystem (ANS). Das ANS reguliert Funktionen, die meist unwillkürlich sind und sich normalerweise außerhalb des Wahrnehmung bzw. der bewußten Kontrolle befinden, wie Atemfrequenz, Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung, Wärmeregulierung, Blutfluß und Orgasmus. Reichs Interesse für die ANS wurde geweckt, als er bemerkte, daß der Patient manchmal eine starke emotionale Reaktion zeigte, begleitet von Veränderungen im Hauttonus, der Atemfrequenz und anderen Manifestationen von Änderungen in der ANS-Aktivität, wenn er den Patienten besonders effektiv auf eine charakterliche Haltung hinwies.

Die ANS hat zwei Zweige, das sympathische Nervensystem (SNS) und das parasympathische Nervensystem (PNS). Das SNS ist mit der sogenannten „Kampf oder Flucht“ -Reaktion verbunden, die körperliche Zustände von Angst und Wut vermittelt. Im Gegensatz dazu ist das PNS im allgemeinen mit Zuständen von Entspannung und Lust verbunden. Reich machte die Beobachtung, daß das PNS sowohl auf physiologischer als auch auf psychologischer Ebene mit einer lustvollen, expansiven Bewegung auf die Welt zu und mit entspannten, ungepanzerten Zuständen verbunden ist. Im Gegensatz dazu ist das SNS gemeinhin mit einer Kontraktion verbunden, mit anderen Worten, einer ängstlichen oder wütenden abwehrenden Bewegung weg von der Welt weg. Es ist in gepanzerten Zuständen chronisch aktiviert. Wir sehen also wieder die Pulsation, ein grundlegendes Merkmal der Natur, in diesem Fall evident werdend durch die alternierenden Zweige der ANS.

Das Interessante an der ANS ist u.a., daß sie das physiologische Substratum für bestimmte Aspekte der Geist-Körper-Beziehung darstellt. Wir wissen, daß wir eine Emotion erleben, u.a. weil ANS-vermittelte Änderungen in körperphysiologischen Funktionen wie der Herzfrequenz auftreten. Der ANS ist besonders stark mit Teilen des Gehirns verbunden, die emotionale, nonverbale Phänomene koordinieren, beispielsweise die rechte Seite des Gehirns im allgemeinen. Die rechte Gehirnhälfte kommuniziert dann mit der eher verbalen linken Gehirnhälfte. Durch Verbindungen zwischen dem ANS und dem zentralen Nervensystem (ZNS) „weiß“ das Gehirn also, was es „fühlt“. Das Erleben von Emotionen ist also eine Ganzkörpererfahrung, nicht nur etwas, das sich in bestimmten Strukturen des Gehirns zuträgt. Man könnte von einem „autonomen Selbst“ sprechen, mit dem man in Kontakt bleiben muß, um die eigenen Emotionen und den eigenen Körper vollständig wahrnehmen und erleben zu können.

 

Literatur

  • Konia C. 1989: Somatic Biopathies, Part I. Journal of Orgonomy 23(2):224-236
  • Reich W 1949: Charakteranalyse, Köln: KiWi, 1989

 

Dieser Text aus dem Jahre 2013 wurde mit Genehmigung von Dr. Holbrook seiner Facebook-Seite entnommen und übersetzt.

Die Wirkungsweise der emotionalen Pest* (Teil 1)

9. Januar 2019

von Paul Mathews, M.A.**

Würde man fragen: „Was war historisch gesehen das größte Problem der Menschheit“, so gäbe es sicherlich eine Vielzahl von Antworten. Einige mögen feststellen, dass es die Bezwingung von Krankheiten war, andere, die Verhinderung von Kriegen und das Erreichen von Kooperation, Brüderlichkeit und gegenseitiger Verständigung. Reichs Antwort war einzigartig: die emotionale Pest. Diese Pest des gepanzerten Menschen wurde von Reich als eine emotionale und charakterologische Biopathie definiert, die sich zerstörerisch auf dem sozialen Schauplatz ausdrückt (1). Die emotionale Pest blockiert nicht nur die Lösung der Probleme des Menschen, sondern sie verkompliziert diese und schafft neue. Es ist ein Muster, das Reichs Beschreibung der Schichten und Verflechtungen der neurotischen Struktur des Menschen nicht unähnlich ist (1, S. 322f)a. Diese komplexen Verflechtungen von emotionalen Pestmechanismen dienen dazu, die wahre Natur eines Problems so zu verschleiern, dass es nicht mehr zu lösen ist und es immer schwieriger wird, zu seinen Wurzeln zu gelangen. Das Ziel ist immer die Verfolgung von Wahrheit, Liebe und Leben. Nehmen wir zum Beispiel die geschickte Art und Weise, in der die Wahrheit Solschenizyns durch die emotionale Pest in den Medien und in der gegenwärtigen Administration der US-Regierung erstickt und erdrosselt wurde (2).

Die emotionale Pest ist die heimtückischste Abwehr des Menschen, seine ultimative Waffe gegen sich selbst, seine Freiheit und sein Leben. Einfach weil ihn tausende Jahre der gepanzerten Existenz versteift haben, findet er jene Aspekte seiner bio-kosmischen Natur am schrecklichsten und erschreckendsten, die ihm die Rationalität und Lebensfreude geben könnten, nach der er sich paradoxerweise in seinen tiefsten Gedanken und größten Schöpfungen sehnt und sie sogar gelegentlich erlebt.

Ein konsistentes Muster der Geschichte ist die Verfolgung jener Individuen, Institutionen und sozialen Bewegungen, die dem Verständnis und der Lösung des Rätsels des menschlichen Dilemmas, der „Falle“, am nächsten gekommen sind. Wann immer und wo immer die emotionale Pest durch eine Einsicht in ihre Krankhaftigkeit bedroht wird – sei diese Bedrohung eine Idee, eine Emotion oder ein lebendiger Ausdruck – hat sie versucht, sie zu zerstören. Reich stellte fest:

Der Pestkranke handelt unter einem strukturellen Zwang; er mag es noch so gut meinen, er kann nicht anders als pestkrank handeln; dieses Handeln ist ihm ebenso wesensgemäß wie dem genitalen Charakter das Liebesbedürfnis oder die Wahrheit; aber der Pestkranke leidet, und zwar unter dem Schutze seiner subjektiven Überzeugtheit, nicht unter der Einsicht in die Schädlichkeit seines Handelns (1, S. 258)b.

Die Pest nimmt sich selbst nicht als böse wahr und glaubt, dass alles, was sie tut, im Interesse ihres Konzepts des Guten notwendig ist. So erklärt Reich:

Es ist eines der wesentlichen Merkmale des Mordes am Lebendigen durch das gepanzerte Menschentier, dass er in vielerlei Tarnungen daherkommt. Der gesellschaftliche Überbau aus Ökonomie, Kriegsführung, irrationalen politischen Bewegungen und gesellschaftlichen Institutionen, die der Unterdrückung des Lebens dienen, überschwemmt die fundamentale Tragödie, unter der das Menschentier leidet, mit einer Flut von Rationalisierungen, Vertuschungsversuchen und Manövern, um vom eigentlichen Problem abzulenken; und er kann sich dabei auch noch auf eine vollkommen logische und in sich stimmige Rationalität verlassen, die nur gültig ist innerhalb des Rahmens von Gesetz versus Verbrechen, Staat versus Volk, Moral versus Sexualität, Zivilisation versus Natur, Polizei versus Verbrecher – und immer so weiter in der langen Geschichte des menschlichen Elends (3)c.

 

Fußnoten

* Dieser Artikel ist zum Teil das Ergebnis einer Seminarpräsentation von Professor Mathews an der New York University.

** Orgonomischer Berater. Außerordentlicher Assistenzprofessor, New York University. Sprechkliniker und Oberschullehrer. Mitglied des American College of Orgonomy. [Anm. d. Übers.: Paul N. Mathews, 1924-1986]

 

Anmerkungen des Übersetzers

a Charakteranalyse, Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 426f.
Character Analysis, Farrar, Straus & Giroux 1971, S. 317f.

b Charakteranalyse, Kiepenheuer & Witsch 1989, S. 341.
Character Analysis, Farrar, Straus & Giroux 1971, S. 514.
Mathews zitiert nach der besseren Übersetzung von Theodore Wolfe, 1945.

c The Murder of Christ, Farrar, Straus and Giroux 2013, S. 6.
Christusmord, Zweitausendeins, S. 24.

 

Literatur

1. Reich, W.: Character Analysis. New York: Orgone Institute Press, 1949
Paperback edition, Noonday Press, New York

2. Buckley, W.F.: „The Strangled Cry of Solzhenitsyn“, National Review, 29. August 1975

3. Reich, W.: The Murder of Christ. Orgone Institute Press, 1953

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Charles Konia.
Journal of Orgonomy, Jahrgang 9 (1975), Nr. 2, S. 206-218.
Übersetzt von Robert (Berlin)

Der Kern des orgonomischen Funktionalismus, die Orgonometrie

27. Oktober 2017

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

nachrichtenbrief69

13. September 2017

Die Natur des Orgons

23. Februar 2017

Bücherlogo

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

Die Natur des Orgons

Buddha und die beiden Mandelkerne

22. Februar 2016

Der Weg zur Gesundheit (d.h. zur orgastischen Potenz) bedeutet immer mehr Angst ertragen zu können. Man traut sich mehr, wodurch sich der Organismus zunehmend öffnet und es kommt entsprechend zu weniger „Rückstau“ (= Angst). In der Meditation wird diese Angstbewältigung umgangen und durch eine Scheinexpansion ersetzt. Das wird beispielsweise in diesem Aufsatz beschrieben.

Angst bedeutet, daß aus dem Kern Energie nach außen strömt, die bei „ängstlicher“ Kontraktion zurückgestaut wird („Stauungsangst“). Wenn die Expansion langsam aber sicher nachläßt, verschwindet auch die Angst. Die „Angstlosigkeit“ wird dann als Scheinexpansion empfunden. Das tritt beispielsweise auf, wenn man Antibiotika nimmt. Krebspatienten sind im Endstadium erstaunlich „gut gelaunt“. Für die indischen „Weisheitslehrer“ ist Leid schlichtweg inexistent. Beispielsweise habe der „Gottmensch“ Christus niemals gelitten.

Neuere Forschungen zeigen, daß es bereits nach achtwöchiger regelmäßiger Meditationspraxis zu strukturellen Veränderungen im Gehirn kommt. Während sich bei den Versuchsteilnehmern die Dichte der Grauen Substanz im Hippokampus und anderen Hirnregionen vergrößerte, nahm sie in der Amygdala ab. Die Zunahme der Dichte betrifft Hirnregionen, die mit „Re-Flektion“ zu tun haben: Erinnerung („re-mind“, „re-member“), Selbst-Beobachtung und Rück-Sichtnahme. Die Abnahme der Dichte betrifft die beiden Mandelkerne (Amygdala).

Die Amygdala ist wesentlich an der Entstehung der Angst beteiligt und spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren: sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein. Eine Zerstörung beider Amygdalae führt zum Verlust von Furcht- und Aggressionsempfinden und so zum Zusammenbruch der mitunter lebenswichtigen Warn- und Abwehrreaktionen. Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2004 deuten darauf hin, daß die Amygdala an der Wahrnehmung jeglicher Form von Erregung, also affekt- oder lustbetonter Empfindungen, einschließlich des Sexualtriebes beteiligt sein könnte.

Nun, wirklich jede längere Tätigkeit verändert das Gehirn, beispielsweise haben Taxifahrer einen ausgesprochen großen Hippokampus, weil sie sich ständig erinnern und im Raum orientieren müssen. Entsprechend weisen die oben erwähnten hirnstrukturellen Veränderungen darauf hin, daß die Meditation zu genau dem führt, was ihre Vertreter von jeher behauptet haben: zu größerer Selbstkontrolle und weniger „Triebhaftigkeit“.

Dies wird auf ähnliche Art und Weise erreicht, wie der Schizophrene mit seinen anstürmenden Erregungen fertigwird: durch Augenpanzerung. Beim Schizophrenen ist die okulare Panzerung der letzte Rückzugspunkt des Organismus vor dem endgültigen Abgleiten in die Psychose, der letzte Damm, der vor der „Überschwemmung“ des Organismus mit alles zerstörender Angst schützt. Der Meditierende nutzt einen ähnlichen Mechanismus, um seine existentielle Angst zu überwinden und „Ruhe zu finden“.

Dieses Festklammern hat der indische Meditationslehrer Ramana Maharshi sehr schön beschrieben:

Während einer elementaren Todesangst habe er sich [im Alter von 16 Jahren] mit der Frage beschäftigt, was im Tod stirbt. Er sei zu der Antwort gekommen, daß zwar der Körper sterben möge, jedoch nicht der Geist bzw. das Bewußtsein. Später sagte er zu dem Erlebnis: „Das Selbst war etwas sehr Reales, das einzige Reale in meinem derzeitigen Zustand, und die gesamte bewußte Aktivität meines Körpers konzentrierte sich auf dieses Selbst. Seither ist die faszinierende Kraft dieses Selbst im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit geblieben […] Das Aufgesaugt-Sein in das Selbst dauert seitdem ohne Unterbrechung an. Andere Gedanken erscheinen und verschwinden wieder, ähnlich wie die Noten eines Musikstücks, aber das Selbst ist wie ein Grundton unter den anderen Noten stets vorhanden und mischt sich mit diesen. Auch wenn mein Körper vom Reden, Lesen oder was auch immer eingenommen ist, ist mein ganzes Sein nicht minder auf das Selbst zentriert. Vor dieser Krise vermochte ich das Selbst nicht klar wahrzunehmen, und ich fühlte mich nicht bewußt vom Selbst angezogen.“

Das ganze kann man wie folgt funktionell beschreiben:

Charakteristischerweise ist Ramana Maharshi der „Berufskrankheit“ der indischen Heiligen erlegen: Krebs! Irgendwann war die somatische Erregung derartig kompromittiert, daß der Mann bei lebendigem Leibe verfault und mit dem milden Lächeln Buddhas krepiert ist.

Zu diesen Ausführungen paßt auch folgender Hinweis aus dem oben zitierten Wikipedia-Beitrag:

Primaten, denen die Amygdala zu Testzwecken entfernt wurde, können zwar Gegenstände sehen, sind aber nicht mehr in der Lage, deren gefühlsmäßige Bedeutung zu erkennen. Zudem verändert sich ihr Verhalten grundlegend und sie verlieren jegliche Aggression.

Ich erinnere an meine Ausführungen über die funktionelle Transformation von Emotion (Lust, Angst, Wut, Sehnsucht, Trauer) in Sensation (Sinneswahrnehmungen und das Wahrnehmen von „Zuständen“), die den „östlichen Weisheitslehren“ zugrundeliegt. Es verschwinden die Emotionen, was bleibt sind „Eindrücke“. Das wird von „meditativer Kunst“ und „meditativer Musik“ sehr gut vermittelt.

Man brauch sich nur den schier unerträglichen „scheinexpansiven“ Eckart Tolle anzuschauen, um den durch Meditation hervorgerufenen Geisteszustand verkörpert zu finden. Erschreckend wie dieser perverse Murx, das diametrale Gegenteil der Orgontherapie, Millionen immer tiefer in die Falle verstrickt.