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Wilhelm Reich: Arzt und Physiker

8. August 2014

Dr. med. Wilhelm Reich steht mit seiner Entdeckung der Orgonenergie in einer kontinuierlichen Tradition von Ärzten, die der Physik neue Wege gewiesen haben. Diese Herangehensweise war äußerst fruchtbar, die umgekehrte, von der unbelebten Natur auf die belebte zu schließen, hat uns die mechanistische Genetik gebracht. Hier die Tradition, in der Reich steht:

Der Arzt Georg Bauer alias Agricola (1494-1555) hat die Gesteins- und Bergbaukunde begründet. Als größte Autorität auf dem Gebiet des Magnetismus in seiner Zeit und als Begründer der experimentellen Methode ist der Arzt William Gilbert (1540-1603) hervorgetreten. Von ihm stammt der Begriff „elektrisch“. Sein Berufskollege und Begründer der naturwissenschaftlichen Denkrichtung in der Medizin, Santoro Santorio (1561-1636), der auch eine medizinische Waage zum Studium des Stoffwechsels konstruierte, maß nicht nur als erster das Fieber mit dem Thermometer, sondern erfand auch den Feuchtigkeitsmesser. Der Mediziner und „Iatrochemiker“ Johann Baptist Helmont (1577-1644) unterschied erstmalig andere Gase vom „Element Luft“. James Hutton (1726-97), ebenfalls Arzt, war der Begründer der Geologie. Der Medizinprofessor Joseph Black (1728-99) entdeckte die spezifische Wärme und die Umwandlungswärme.

Der Professor der Anatomie Luigi Galvani (1737-98) half mit, die moderne Elektrizitätslehre zu begründen. Bizzi und Chiurco, zwei Mitarbeiter Walter Hoppes (der Anfang der 1970er Jahre die Orgonomie nach Deutschland brachte), schreiben über Galvanis Forschungen, mit ihnen hätte er sich als erster der Lebensenergie experimentell genähert. Obwohl er als Gründer der Elektrophysiologie anerkannt wird, begründete er in Wirklichkeit eine Theorie der Lebensenergie. Er nannte die von ihm entdeckte biologische Energie zunächst „animalische Elektrizität“, dann „galvanisches Fluidum“ und schließlich „Lebenskraft“. (Eine verblüffende Parallele zur Geschichte des Begriffs „Orgonenergie“.) Galvani ging sogar so weit, eine Verbindung zwischen der atmosphärischen Elektrizität, zwischen dem „elektrischen“ Ozean und dem Organismus zu postulieren. Diesen Punkt bringen die Autoren in Zusammenhang mit dem Konzept Benjamin Franklins (1706-90), der elektrostatische Phänomene mit einem pulsierenden „einheitlichen Fluidum“ erklärte (Hoppe: Wilhelm Reich, München 1984).

Der Arzt Thomas Young (1773-1829) gelangte über die Beschäftigung mit der physiologischen Augenoptik zur Wiederaufnahme der Huygenschen Wellentheorie. Ein anderer Mediziner, William Prout (1785-1850), stellte die für die Entwicklung von Chemie und Physik so fruchtbare und nach ihm benannte Hypothese auf, daß die Atome der Elemente aus Mehrfachen des Wasserstoffatoms bestünden. Ernst Heinrich Weber (1795-1878), ein Professor der Anatomie und Physiologie, begründete experimentell mit seinem Bruder, dem Physik-Professor Wilhelm Edward Weber (1804-1891), die Wellentheorie. Sie machten die ersten Beobachtungen über den Unterschied zwischen Gruppen- und Wellengeschwindigkeit. Der berühmte Léon Foucault (1819-1868) war von Haus aus Mediziner. Mit seinen Pendelversuchen wies er experimentell die Achsendrehung der Erde nach, er maß die Lichtgeschwindigkeit und arbeitete über die induzierten elektro-magnetischen „Foucaultschen“ Wirbelströme.

Julius Robert Mayer (1814-1878) formulierte als erster den allgemeinen Energieerhaltungssatz. Durch Beobachtungen in seiner ärztlichen Praxis war er zu dem Schluß gelangt, daß mechanische Energie, Wärme und chemische Energie äquivalent seien. Auf dem gleichen Gebiet und in die gleiche Richtung, von der Biologie zur Physik hin, arbeitete der Professor der Physiologie Hermann von Helmholtz (1821-1894), der später Physik lehrte. Er erfand Instrumente zur Untersuchung der Augen, begründete die physikalische Theorie der Tonempfindung, beschäftigte sich mit der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Nervenerregung und brachte z.B. die Hypothese von der atomaren Natur der Elektrizität auf. Der Physiologe Henry Gray (1825-1861) unterschied zwischen Leiter und Nichtleiter für Elektrizität.

Reich war über seine ausgeprägten naturwissenschaftlichen Interessen zur Medizin gelangt und hier vor allen Dingen zur Sexologie. So mußte er zwangsläufig auf Freud stoßen. Dessen Theorien gingen aus seiner neurologischen Forschung, aus der Darwinistischen Biologie (z.B. Onto- als Wiederholung der Phylogenese) oder beispielsweise aus der „Psychophysik“ Gustav Theodor Fechners (1801-87) hervor, der wiederum als Schelling-Schüler auf die deutsche Naturphilosophie zurückgeht.

Heute wird gerne so getan, als hätte Freud den Begriff „Energie“ (ursprünglich ein biologischer Begriff) nur als reine Metapher benutzt, doch war es für ihn vielmehr ein erklärendes Konstrukt. Reich hat dann gezeigt, daß diesem Konstrukt eine Wirklichkeit entsprach. Doch während Freud sich von seinem Hintergrund als Physiologe emanzipieren wollte, führte Reich den ursprünglichen naturwissenschaftlichen Ansatz weiter, kam zur Biologie und schließlich, wie viele Ärzte vor ihm, zur Physik und begründete dabei ähnlich wie der Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815) ein neues naturwissenschaftliches Lehrgebäude. Die Systeme beider Männer reichten von Fragen der Medizin, oder z.B. der Erziehung, bis hin zu physikalischen Betrachtungen über Elektrizität und Gravitation. Es gibt auch eine direkte Linie von Mesmer zu Reich, denn der Mesmer-Schüler Puysegur erfand die Hypnose, wie sie von Freuds Lehrer Charcot praktiziert wurde.

mfr

Außer über den dänischen Physiker und Schelling-Schüler Hans Christian Oerstedt (1777-1851) hatte die deutsche „Naturphilosophie“ fast keinerlei Einfluß auf die Physik. (Eine Ausnahme ist der Einfluß der „deutschen Lebensphilosophie“ auf Leute wie Heisenberg bei der Ausformulierung der Quantenmechanik.) Die Naturphilosophie hatte Oerstedt dazu gebracht, nach der Einheit in der Natur zu suchen. So schlug er die Brücke zwischen Elektrizität und Magnetismus. Entscheidenden Einfluß hatte die Naturphilosophie auf die Biologie (z.B. auf die Zellenlehre und Embryologie). Mit Reich sollte ein Ausläufer der Naturphilosophie (vermittelt durch Bergson, Freud und andere) mit ihren Hauptcharakteristiken (Lebensenergiekonzept und im weitesten Sinne „dialektische“ Betrachtungsweise) endlich auch der Physik zu konkreten Entdeckungen verhelfen, nachdem Goethe mit seiner Farbenlehre gescheitert war und nur im biologischen Bereich „subjektiver Farben“ wirken konnte.

Während in der Biologie die Mechanisten Anhänger der falschen Präformationslehre waren (der ganze Organismus sei schon im Keimei vollständig en miniature vorhanden), folgten die Vitalisten der richtigen Theorie der Epigenese (der Organismus entwickelt sich durch Neubildung aus der Keimenergie einer spezifischen Formkraft). Ähnlich nahm Reich die Naturgesetze nicht als gegeben, statisch und unveränderlich hin, sondern suchte ihre Genese zu ergründen, sie auf Orgonenergie-Funktionen zu gründen.