
Wilhelm Reich, Physiker: 2. Orgonbiophysik, b. Arzt und Physiker
Weder die Originalüberschrift in den Archiven „Der Besuch Professor Roger Du Teil’s von der Universität Nizza in Oslo vom 26.7 bis 7.8.1937“, noch die von den Herausgebern gewählte Überschrift „A Report on the Biological Experimental Work at the Institute for Sex-Economic Life Research in Oslo, 7 August 1937“ trifft den Text. In diesem dritten Beitrag dieser Nummer von Orgonomic Functionalism beschäftigt sich Reich mit dem irrationalen Umgang mit seinen bioelektrischen und Bion-Experimenten. Zunächst geht es um Dr. Löwenbach, Reichs Assistenten bei den bioelektrischen Versuchen. Löwenbach kennen wir bereits aus Jenseits der Psychologie. Er tat alles, um Reichs Ergebnisse, nämlich daß sich die körperliche und „seelische“ Erregung im Verlauf des elektrischen Hautpotentials (unterhalb der Haut gegen Hautoberfläche) widerspiegelt, zu hintertreiben. Das tat er mit dem Leugnen klarer Ergebnisse, deren Wegerklärung, beispielsweise als Artefakte, und durch das Verlangen nach ausufernden (und vor allem kostspieligen) Kontrollexperimenten.
Ähnlich gestaltete sich das Treffen mit Albert Fischer, Leiter des Rockefeller Institute for Biology in Kopenhagen und die Auseinandersetzung mit Professor Tjötta vom Institut für Bakteriologie in Oslo. Zwei Figuren, die wir ebenfalls aus Jenseits der Psychologie kennen. Diese Irrationalität wird mit dem Verhalten von Prof. DuTeil aus Nizza kontrastiert, der Fachkollegen um deren Expertise bat und den Aufwand auf sich nahm, nach Oslo zu reisen und dort die Experimente unter Anleitung selbst durchzuführen. Das ganze verweist natürlich auf Reichs damals sich langsam formierendes Konzept der „Emotionellen Pest“!
Der vierte Beitrag stammt wieder aus der Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie. Es geht um Reichs am 1. Mai 1937 gehaltene Eröffnungsrede seines neuen Laboratoriums in Oslo: „Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung – Bericht über die Bion-Versuche“. Auf sein sich bereits langsam ausformendes Konzept der „Arbeitsdemokratie“ verweist, daß er sich dagegen verwahrt den „Arbeitenden“ auf den Proletarier zu beschränken (wie es nach der Mehrwerttheorie nur folgerichtig ist, PN), sondern auch auf einen „Laborarbeiter“ wie ihn auszuweiten. Hierher gehört auch, daß er als erstes Grundelement des Dialektischen Materialismus (dem späteren orgonomischen Funktionalismus) die „Einheit von Theorie und Praxis“ hervorhebt.
In der Rede scheint auch die ganze Widersprüchlichkeit von Reichs damaliger Position durch. Einerseits ist seine Polemik gegen die Spezialisierung in der „Lebensforschung“ (warum ein Psychologe wie er sich mit Mikrobiologie beschäftigt) deutlich eine Entsprechung der Marxschen Polemik gegen die Arbeitsteilung im Kapitalismus (die sich letztendlich in der Spaltung zwischen ausbeutendem Kapitalisten und ausgebeutetem Proletarier zeigt), andererseits beruht Reichs Konzept der Arbeitsdemokratie ja gerade auf Spezialistentum. Das war jedenfalls der Einwand des jungen Willy Brandt auf Reichs erste Formulierungsversuche des besagten Konzepts (die Tyrannei der Fachidioten würde drohen).
Die Rede Reichs ist leicht zugänglich (oben den Link anklicken!) und sollte unbedingt von jedem Studenten der Orgonomie gelesen werden!
Es folgt als fünfter Beitrag Reichs Vortrag von 1938 „Bion Experiments on the Cancer Problem“, der hier in Reichs eigener Übersetzung abgedruckt wird. Das deutsche Original wurde noch nie veröffentlicht, die Herausgeber traktieren uns ja lieber mit spanischen Übersetzungen – weitgehend der englischen Übersetzungen… Der Inhalt mitsamt fast aller Illustrationen und Mikrophotos ist in Reichs Der Krebs aufgegangen.
Es folgt Reichs: „Die natürliche Organisation der Arbeit in der Arbeitsdemokratie (Teil 1)“ und drei weitere Arbeiten, deren Inhalte später in Der Krebs aufgegangen sind: „Beobachtungen über Strahlungsphänomene bei SAPA-Bionen“ (unveröffentlichtes Manuskript,), „Drei Versuche am statischen Elektroskop“ (ursprünglich zusammen mit „Bion Experiments on the Cancer Problem“ veröffentlich), „Die Auswirkungen der Luftfeuchtigkeit auf Orgonstudien“ (unveröffentlichtes Manuskript).
von Bernd Laska
Der Akku war nicht eine geniale Idee, die Reich plötzlich hatte, sondern das Resultat jahrelanger, intensiver Forschungsarbeit.
Nach gut einem Jahrzehnt klinischer Arbeit auf psychoanalytischer Grundlage war Reich etwa um 1932/33 an die Grenzen der Psychologie gestoßen. Sicher gab es (und gibt es auch heute) noch zu erforschende Details; aber das war für den Pionier Reich keine Aufgabe, er wollte nicht in die Breite forschen, sondern in die Tiefe.
Da Reichs Orientierung von Anfang an naturwissenschaftlich war, hielt er sich neben seiner sonstigen Tätigkeit über die Entwicklungen in anderen Wissenschaften wie Biologie, Medizin, Physiologie etc. auf dem laufenden. Zudem wuchs mit seinen Einsichten in die Ursachen der Neurosenentstehung sein gesellschaftspolitisches Engagement, sodaß man kaum erwarten konnte, daß Reich sein Leben wie die meisten Psychoanalytiker mit dem einträglichen Kurieren von Neurosen verbringen würde.
Die wesentlichen Erkenntnisse, die mit der psychoanalytischen Methode gewonnen worden waren, hielt Reich gegen die ‚revisionistischen‘ Bestrebungen von vielen Analytikern und Freud selbst fest und brachte sie mit Erkenntnissen in Verbindung, die aus anderen Naturwissenschaften kamen. Er integrierte ausgewählte Ergebnisse aus Physiologie, Biochemie (speziell Kolloidchemie) und Biologie, die er mit eigenen charakteranalytischen Erkenntnissen zu einer ganzheitlichen Theorie vom Menschen zu entwickeln suchte. So stammt zB das Konzept der vegetativen Strömung vom Berliner Internisten Friedrich Krause. Auch die Untersuchungen von Walter und Käthe Misch zur Biochemie von Lust und Angst sowie L.R. Müllers Forschungen zum vegetativen Nervensystem ergänzten sich in Reichs Sicht gegenseitig und mit seinen eigenen Konzepten. Während dieses Jahres intensiven Studiums (1934) im dänischen Exil machte Reich selbst keine neuen Entdeckungen; er verarbeitete die erwähnten und weitere bisher kaum miteinander in Beziehung gebrachte Ergebnisse der Spezialwissenschaften zusammen mit eigenen Theorien zu dem fundamentalen biologischen Konzept der „psychosomatischen Identität und Gegensätzlichkeit“.
In diesem Prozeß der Aufarbeitung aller ihm in diesem Zusammenhang relevant erscheinenden Theorien tauchten bald Fragestellungen auf, deren Beantwortung er selbst in Angriff nehmen mußte. Er frischte also seine alten experimentellen Kenntnisse wieder auf, erweiterte sie und ging mit einigen speziell ausgebildeten Mitarbeitern diese neuen Probleme an. So kam es zu den elektrophysiologischen Versuchsreihen zur Angst und Sexualität (lange vor Masters/Johnson und mit anderer Zielrichtung) und zu den Bionversuchen.
Trotz der schlechten äußeren Bedingungen der Emigration waren die Jahre 1933-39 eine sehr fruchtbare Periode in Reichs Leben. Auch im ideologischen Bereich fand in diesen Jahren eine entscheidende Veränderung statt. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem französischen Vitalisten Roger DuTeil bei den Bionversuchen und unter dem Eindruck der Entwicklung im ‚sozialistischen Lager‘ löste sich Reich langsam vom offiziellen Marxismus, ohne jedoch die Ziele aufzugeben, die einst ihn und viele andere zum Marxismus geführt hatten.
Bei seinen elektrophysiologischen Vorsuchen und bei der Arbeit mit den Bionkulturen arbeitete Reich noch immer mit dem Konzept der Bioelektrizität. Einige Ergebnisse paßten dort jedoch überhaupt nicht hinein, sodaß sich Reich gezwungen sah, die Existenz einer energetischen Strahlung außerhalb des elektromagnetischen Spektrums zu postulieren, die er Orgonenergie nannte.
Dieser so konsequente Weg Reichs, der hier nur ganz grob skizziert werden konnte, ist allgemein wenig bekannt und deshalb hier dem eigentlichen Thema vorangestellt.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Aus: Wilhelm Reich Blätter 4/76.