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Dobzauer Erinnerungen

4. September 2019

Besprechung von: Hampl, Stefan (2017). Dobzauer Erinnerungen. Eine (Zeit-)Reise zum Geburtsort von Wilhelm Reich. In T. Slunecko, M. Wieser, & A. Przyborski (Hrsg.), Kulturpsychologie in Wien (S. 90–127). Wien: Facultas Verlag

von Robert (Berlin)

 

Hampl ist Vizedekan an der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität, die ein Analogon in Berlin hat. Im o.g. Sammelband befasst er sich mit den Jugendorten Reichs, über die bisher wenig geforscht wurde. Ich werde seine Überlegungen zu Erinnerungskultur, Geschichte und andere Themen hier außer Acht lassen und mich nur auf seine Ergebnisse zu Reichs Leben konzentrieren. Über die Ukraine plaudernd, behauptet Hampl, „der Psychoanalytiker und Naturforscher Wilhelm Reich entwickelte seine Theorie der Sexualität und Charakterpanzerung aufgrund seiner Erfahrungen am väterlichen Gutshof“. Zurecht stellt er fest, in „Wilhelm Reichs Autobiografie stellt der Name seines Geburtsorts eine überraschende Leerstelle dar“.

Nachdem er kurz Reichs Vita passieren lässt, kommt er zu dessen Geburtsort. Er schreibt: „Laut Eintrag 93 aus dem Trauungsbuch des israelitischen Matrikenbezirkes Lemberg (Abb. 2) haben Reichs Eltern 1895 geheiratet. Die Mutter Cecylia stammte aus Brody nahe der ehemals österreichisch-russischen Grenze, der Vater Leon war wohnhaft in Dobrzanicy bzw. Dobrzanica (poln.; dt. Dobzau, ukr. Dorbrjanytschi), wo er eine Landwirtschaft betrieb. Laut Ratz (1994) wurde auch Wilhelm Reich dort geboren“.

Hampl berichtet uns nun von seiner Autofahrt 2015 nach „Dobzau (…), das auf Polnisch Dobrzanica und auf Ukrainisch Dobrjanytschi heißt.“ Er trifft den Bürgermeister, dieser berichtet, „Fremde Leute kommen nicht oft in diese Gegend. Das letzte Mal seien vor etwa fünf Jahren ein paar Ausländer hier gewesen. Diese hätten ebenso nach Wilhelm Reich gesucht …“. Vergeblich versucht Hampl, bei älteren Dorfbewohnern fündig zu werden. Auch die Suche nach dem Geburtshaus endet in eine Sackgasse, da es ja keine Zeitzeugen mehr gibt und es zeitgeschichtlich ethnische bzw. religiöse Säuberungen gegeben hat. Nun versucht er es mit den Resten des deutschen Friedhofs. Dazu Hampl: „Die Einträge im Trauungsbuch (Abb. 2) bestätigen, dass Reichs Mutter Cäcilie Roniger-Reich offensichtlich aus dem 90 Kilometer entfernten Brody stammte. In den Biografien von Wilhelm Reich selbst (W. Reich 1994) sowie jener seiner Frau Ilse (I. O. Reich & Reich 1975) und der seines Sohns Peter (P. Reich 2015) gibt es jedoch keine Angaben zum Verbleib der Großeltern. … Wo Josef Blum und Josephine Roniger genau begraben sind, ist nicht bekannt. Auch der Verbleib von Leon Reichs Bruder, dem Juristen Arnold Reich, ist ungewiss“.

Zurück in Wien stellt Hampl Recherchen zur deutschen Kolonie in Dobzau an, wobei er herausfindet, „Die deutsche Kolonie in Dobzau wurde 1786 errichtet …“. Bemerkenswert erscheint mir, dass nach „Auffassung der k.u.k-Chronisten gab es (…) zwei Speerspitzen des Deutschtums in Galizien: die Protestanten und die deutschsprachigen Juden, zu denen auch die Familie von Wilhelm Reich gehörte. So paradox es aus heutiger Sicht klingen mag, wurde gerade in die jüdischen Kolonist/inn/en die Hoffnung gesetzt, das Deutschtum in Galizien zu verteidigen. Diese grenzten sich von den galizischen Juden ab, die vorwiegend Jiddisch sprachen.“

Hampl versucht dann, auf dem Friedhof der deutschen Kolonie „noch eine Spur zu Wilhelm Reich zu finden. Laut seiner Autobiografie (W. Reich 1994) sind seine beiden Eltern zirka 200 Kilometer südlich in Jujinetz bei Czernowitz verstorben. Dass wir auf die Gräber weiterer Familienangehöriger stoßen könnten, halten wir für unwahrscheinlich. Für Juden gab es mit Sicherheit, wie auch in anderen Dörfern Galiziens, einen separaten Friedhof. Die jüdischen Friedhöfe wurden jedoch vielfach von den Sowjets zerstört, die Grabsteine entfernt und teilweise als Baumaterial verwendet.“ Zwar findet er z.Z. der Abfassung des Artikels nichts, aber dann ist es besonders Interessant, dass er später, wie auf seiner Website dokumentiert, doch den Grabstein der Mutter entdeckt.

Als Fazit stellt er fest: „Die Gespräche mit den heutigen Bewohner/inne/n und die Untersuchung der materiellen Kultur des Dorfs Dobrjanytschi haben gezeigt, dass Wilhelm Reich an seinem Geburtsort weder Teil der persönlichen bzw. kommunikativen noch der materiellen Erinnerung ist. Sein Name, seine Existenz und auch die deutsch-österreichische Kultur, der er angehörte, wurden dort tatsächlich ausgelöscht“.

Fotos und Kartenabbildungen runden die Abhandlung ab.

 

Quintessenz:

Die Abhandlung hat gezeigt, dass vor Ort nicht mehr viel zu eruieren ist. Die Suche in Archiven bleibt als einzige Möglichkeit erhalten.

Hampl hat eine hochinteressante (englischsprachige) Website, auf die ich hier im Blog schon häufiger hingewiesen habe und die zu dem Thema Daten sammelt: https://www.wilhelmrei.ch/

 

Literatur (nach Hampl):

Reich-Ollendorf, Ilse & Reich, Wilhelm (1975). Das Leben des grossen Psychoanalytikers und Forschers, aufgezeichnet von seiner Frau und Mitarbeiterin. München: Kindler. [Diese Literaturangabe ist natürlich fehlerhaft, da Reich an Ilse Ollendorffs Biographie nicht mitgewirkt hat.]

Reich, Peter (2015) A book of dreams. London: John Blake Publishing Ltd.

Reich, Wilhelm (1994) Leidenschaft der Jugend – Eine Autobiographie 1897-1922, hrsg. von Chester M. Raphael & Mary Boyd Higgins. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Ratz, Wolfram (1994) Wilhelm Reich. In Oskar Frischenschlager (Hrsg.) Wien, wo sonst! Die Entstehung der Psychoanalyse und ihrer Schulen. Wien: Böhlau.