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Orgonotische Erregungseffekte II (1958) (Teil 4)

2. Dezember 2018

von David Boadella

3. Die Erstrahlung des Elektrokops

Um die Beobachtungen an Isolatoren ein Stück voranzubringen, habe ich zwei Goldblatt-Elektroskope erworben. Die Elektroskope waren nicht teuer und die Messingstäbe, die die Blätter hielten, waren einfach in Glasflaschen mit Gummistopfen eingeschlossen. Sie wurden zu einer Zeit gekauft, als ich alles rieb, was aus Glas bestand, um zu sehen, ob es aufleuchtete, so daß ich an dem Abend, als sie geliefert wurden, sobald es dunkel wurde, das Elektroskop mit etwas Vorsicht rieb, da ich nicht das empfindliche Blattgold beschädigen oder verdrehen wollte. Nach einer oder zwei Minuten erschien zeitweise eine bläulich-grüne Erstrahlung um den Bauch der Flasche und weniger ausgeprägt im Hals der Flasche. Keine der Erstrahlungen war besonders stark, aber doch unmißverständlich. Gelegentlich gab es einen stärkeren kleinen Blitz in der Mitte des Behältnisses, dort wo ich annahm, daß sich die Blätter befänden.

Wenn das gleiche Streicheln des Halses und der Bauches der Flasche bei Tageslicht durchgeführt wurde, bemerkte ich keine Erstrahlung, fand aber, anfangs mit einiger Überraschung, daß die Blätter auf diese Weise tatsächlich sehr leicht zum Abspreizen gebracht werden konnten. An einem trockenen Tag war es möglich, mit einer oder zwei Strichen, die mit der Hand über dem Glas ausgeführt wurden, eine sehr starke Abspreizung hervorzurufen. Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen dem Elektroskop und der elektrischen Glühbirne fiel mir erstmals zu dieser Zeit auf. Sie bestehen jeweils aus einer Glashülle, die eine Art Metallstange umgibt. Ob diese Anordnung etwas mit der Leichtigkeit zu tun hat, mit der die Ladung der Hand jeweils durch das Glas geht, weiß ich nicht.

Die Tatsache, daß das Elektroskop wie die Glühbirne direkt auf Erregung durch die Hand reagiert, ist auf den ersten Blick bemerkenswert, da die Elektroskopscheibe mit der Hand zu berühren die übliche Art ist, das Elektroskop zu entladen. Die Vorstellung, das Elektroskop von Hand aufzuladen, klingt eigenartig, genau wie die Vorstellung, eine Glühbirne mit der Hand zum Erstrahlen zu bringen. Elektroskope sind nicht dazu gedacht, auf diese Weise verwendet zu werden. Tatsächlich könnten die teureren Elektroskope mit einer Holzkiste und nur zwei Seiten flachen Glases, die im rechten Winkel zur Ebene der Blätter stehen, wahrscheinlich nicht so leicht mit der Hand aufgeladen werden. Die stärksten Reaktionen im Elektroskop, wie in der Glühbirne, finden sich, wenn es möglich ist, die Glashülle zu umfassen, um sozusagen eine erregende Umhüllung zu schaffen.* Dennoch ist das Elektroskop nur dazu bestimmt, an der Scheibe aufgeladen zu werden wie Glühbirnen „dazu bestimmt“ sind, von der Steckdose durch den Glühfaden beleuchtet zu werden.

Ein weiterer vorläufiger Einwand kann formuliert werden: Gasentladung sollte auf Ionisierung der Gasatome zurückzuführen sein. Wir haben gesehen, daß das Streichen der elektrischen Glühbirne eine Gasentladung erzeugt, die vom klassischen Physiker als Folge der Ionisierung eines Teils des Gases durch „mit der Hand hervorgerufene Elektrisierung“ betrachtet wird. Gemäß der Ionisationstheorie erfolgt die Ionisierung um so leichter, je mehr Gas vorhanden ist. Daher können wir erwarten, daß die Luft in Elektroskopen bei Atmosphärendruck leichter leuchtet als die Gasfüllung in Glühbirnen, die unter einem niedrigeren Druck stehen. Tatsächlich wurde in der Luft des Elektroskops sehr wenig Erstrahlung beobachtet: es waren hauptsächlich die Seite des Glases und das Metall, die glühten. Dennoch muß die „Elektrifizierung“ durch das Glas gegangen sein, um die Blätter abzulenken. Es ist auch bekannt, daß sich das geladene Elektroskop im Verhältnis zum Ausmaß der Ionisation der umgebenden Luft schneller entladen kann. So erstrahlt Luft, wenn sie durch das Glas einer Glühbirne hindurch angeregt wird, weil sie „ionisiert“ ist. Wenn jedoch die gleiche Aktion mit einem Elektroskop ausgeführt wird, das auch erstrahlt und sich dadurch auflädt, wird die Entladungswirkung dieser „ionisierten Luft“ übersehen. Wir werden bald einen ähnlichen Widerspruch in Verbindung mit der Erdung des Elektroskops finden.

Bevor ich weitere Experimente mit dem Elektroskop beschreibe, muß ich einen sehr starken Widerstand erwähnen, der sich im Laufe von mehreren Wochen entwickelt hat. Ich wußte, daß alles, was am Elektroskop geschah, vom orthodoxen Physiker als positive und negative Elektrizität erklärt werden würde. Mechanische Reibung sollte in einigen Isolatoren zu einem Überangebot an Elektronen führen (negative Ladung) und in anderen zu einem Mangel an Elektronen (positive Ladung). Im Laufe vieler Wochen, in denen ich verschiedene Materialien in unterschiedlichen Kombinationen an das Elektroskop heranführte, um zu sehen, wie es reagierte, hatte ich diese orthodoxe Erklärung der Phänomene im Kopf. Das Verhalten des Elektroskops war sehr verwirrend: Manchmal reagierte es auf eine Weise, die der orthodoxen bipolaren Theorie zu widersprechen schien; zu anderen Zeiten schien es sie zu bekräftigen. Wann immer das passierte, war ich versucht, das ganze sein zu lassen, sich dem größeren Wissen der Elektrophysiker zu beugen und zu denken, es müsse doch alles nur „Elektrizität“ sein. Meine Zweifel wurden noch dadurch bestärkt, daß ich, nachdem ich Reichs Artikel über Orgon und Statik gelesen hatte, feststellte, daß Reich die Ansichten des Elektrophysikers in ein oder zwei Punkten falsch dargestellt hatte. Etwas in mir wollte an der Sicherheit festhalten, keine Fragen stellen und keine Probleme lösen zu müssen, wenn ich die elektrische Erklärung ohne weiteres Hinauszögern akzeptierte. Die Aussicht, mit nur ein paar bahnbrechenden orgon-physikalischen Erkenntnissen, die mich leiteten, draußen vor zu sein, war beängstigend. Ich begann zu fühlen, was vom wohlwollenden Elektrophysiker in Reichs Artikel beschrieben wird: „Ich hätte nicht gedacht, daß ein einfaches Elektroskop einen dazu bringen könnte, sich das Hirn derartig zu zermatern.“

Auch hatte ich Angst, Fehler zu machen, mich in den Augen von Leuten, die viel mehr Physikkenntnisse besaßen als ich, zum Idioten zu machen und allgemein ins Fettnäpchen zu treten. Ich erfuhr, daß es einen gewissen Mut erfordert, um einfach sagen zu können, wie Reich es getan hat: „Ich möchte den Leser bitten, nachsichtig zu sein, was kleine Fehler betrifft, die hier und da gefunden werden könnten. Wenn man sich durch einen Dschungel schlägt, stolpert man leicht über eine Wurzel und macht einen Fehler. Der Pionier im Dschungel muß nicht unbedingt die exakte chemische Zusammensetzung der Blätter kennen. Die Theoretische Physik enthält so viele fundamentale Fehler, daß sie es sich nicht leisten kann, in der Rolle des intoleranten Kritikers einer jungen und wegweisenden fruchtbaren Wissenschaft wie der Orgonphysik aufzutreten“ (5, S. 98).

 

Fußnote

* Ähnlich funktioniert Orgon, wenn man es therapeutisch verwendet, am effektivsten in Form einer Umhüllung. Das Orgon-Kissen zum Beispiel ist viel stärker, wenn es um das betroffene Körperteil herum gelegt wird, statt es einfach auf es zu legen.

 

Literatur

5. Reich, Wilhelm: „Orgonotic Pulsation: the differentiation of orgone energy from electro-magnetism. Presented in talks with an electro-physicist“ (insbesondere Part II: The orgonotic excitation of insulators. Questionable points in the concept of static electricity), International Journal of Sex-Economy and Orgone Research, Vol. 4, 1945

 

Abdruck der Übersetzung aus dem Englischen mit freundlicher Genehmigung des Autors, Dr. Boadella. Der Originalaufsatz „Orgonotic Excitation Effects II“ findet sich in der von Paul und Jean Ritter in Nottingham, England herausgegebenen Zeitschrift Orgonomic Functionalism, Vol. 5 (1958), No. 4, S. 211-232.

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4. April 2018