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Die Orgonomie und die Energetik (Teil 1)

2. Mai 2015

Die Orgonomie ist kein neues „Paradigma“, sondern der Grund, auf dem die Wissenschaft ruht, sie ist die Wissenschaft per se (Clark/Frauchiger: Journal of Orgonomy, 1986). Dergestalt spielt sie die gleiche Rolle, die die Orgonenergie in der ganzen Natur innehat oder beispielsweise die Arbeitsdemokratie in der Gesellschaft. Insoweit andere Theorien, insbesondere „energetische Theorien“, wissenschaftlich sind, wurde in ihnen die Orgonomie vorweggenommen oder gar weiterentwickelt. Wo Reich sich geirrt hat, war er nicht orgonomisch.

Gefahr des Eklektizismus? Die könnte auf drei Elementen beruhen:

  1. daß die Orgonomie mit allen möglichen mechano-mystischen Elementen überfrachtet und erstickt wird, wie ein Pflanzenkeimling, auf den Abfall geworfen wird;
  2. darauf, daß man diese fremden Ansätze dazu instrumentiert, dem Wesentlichen auszuweichen; und
  3. daß man die energetischen, „kosmischen“ Momente der Orgonomie gegen die Sexualökonomie ausspielt.

Es besteht immer die Gefahr, daß die Orgasmus-Theorie verloren geht. Schon 1940 schrieb Reich, die Orgonomie werde sich wahrscheinlich in zwei Lager spalten, wobei die eine Gruppe erklären werde, „die sexuelle Funktion sei der allgemeinen Lebensfunktion untergeordnet – und daher streichbar.“

Auch müssen wir, um die Orgonomie besser verstehen zu lernen, ihre „Eltern“, z.B. die deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts, die Psychoanalyse und den Marxismus durchleuchten. Die Orgonomie hat beispielsweise ihre Wurzeln auch in der „Energetik“ von Wilhelm Ostwald.

Aber meinen Reich und die Energetiker eigentlich dasselbe, wenn sie von „Energie“ sprechen? Natürlich wußten diese nichts von der Orgonenergie, aber es finden sich doch Anklänge an sie. Außerdem läßt beispielsweise der Energetiker Hans Hass in seinen Büchern den Energie-Begriff explizit offen. Niemand wisse, was „Energie“ eigentlich sei. Andererseits meint Hass, es gäbe ohne dieses Unbestimmte „keine Bewegung, keinen Vorgang, keine Entwicklung – somit auch keinen Gedanken, keine Musik, keine Religion.“

Besonders bemerkenswert ist jedoch, daß sich Hass von den mechanistischen Denkschablonen löst, die Energie sei eine Funktion materieller Partikel oder Stoffe, vielmehr seien diese umgekehrt „eine Erscheinungsform von Energie“ (Naturphilosophische Schriften, Bd. 3, München 1987). So lehnt er auch folgerichtig den Begriff „Materialismus“ ab.

Denn gerade das, was uns die Materie als etwas Klotziges, Plumpes, von den geistigen Vorgängen und unseren Gefühlen so äußerst Verschiedenes erscheinen läßt, hat gar keine reale Basis. Es ist bloß eine Interpretation unserer höchst mangelhaften Sinne. Dieses Klotzige, Plumpe, „primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchende“ ist in Wahrheit eine Erscheinungsform höchst differenzierter Kräfte. Was wir Materie nennen, besteht ganz und gar aus dem gleichen geheimnisvollen Etwas [Energie], das auch den subtilsten Prozessen, auch unseren Denk- und Gefühlsvorgängen zugrunde liegt.

Bereits 1895 hielt Wilhelm Ostwald einen Vortrag in diesem Sinne vor der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften über „Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus“. In ihrem Buch Wilhelm Ostwald (Stuttgart 1953) schrieb seine Tochter über Ostwald, die Energie

wurde ihm von einer mathematischen Funktion zur unmittelbarsten Wirklichkeit, zum umfassendsten Naturbegriff neben Raum und Zeit, zum erfolgreichsten Wegweiser, den wir bisher kennen, für das Leben der Völker wie des Einzelnen.

Bemerkenswert funktionell ist auch, wie Hass noch einen Schritt weitergeht und die Energie als die fundamentale Größe hervorhebt. Er beruft sich dabei auf den Physiker Gottfried Falk, der beklagt, die Physikbücher würden einen falschen Eindruck von der Bedeutung der Energie vermitteln. Demnach seien Raum und Zeit die fundamentalen Begriffe gefolgt von Geschwindigkeit, Beschleunigung, Masse und Kraft. Aus diesen Größen werde die Arbeit abgeleitet und aus dieser dann als letztes die Energie. Dieser Ansatz wäre ein Erbe der Newtonschen Mechanik und vermittele alles andere als eine „tiefere Wahrheit“ über die physikalische Welt. Er sei durch die Entwicklung der Physik überholt:

Jedem Physiker ist es geläufig, daß die Quantenmechanik nicht mit den ihr zunächst als fundamental vorgestellten Größen Lage, Geschwindigkeit, Kraft operiert, sondern mit anderen Größen, allen voran mit der Energie. (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978)

Ein Energetiker, auf den sich Hans Hass unmittelbar beruft, ist der belgische Chemiker, Unternehmer und Soziologe Ernest Solvay (1838-1922). Er wurde durch das „Solvay-Verfahren“ zur Soda-Herstellung bekannt. 1894 hatte er das „Solvay-Institut für physiologische und soziologische Forschungen“ gegründet, das später der Freien Universität Brüssel angegliedert wurde.

Solvays soziologische Konzepte wurden durch seine Beschäftigung mit der Physik und Chemie geprägt. So wollte er, wie später Wilhelm Ostwald, eine „soziale Energetik“ aufbauen. Für ihn war Energetik das Prinzip

einer vollständigen und ununterbrochenen Verkettung von einfachen chemischen Reaktionen, von belebten chemischen Reaktionen oder lebenden Zellen, von Zusammenschlüssen von Zellen oder lebenden Wesen, von Zusammenschlüssen lebender Wesen oder tierischer Gesellschaften und schließlich menschlicher Gesellschaften. (z.n. Bernsdorf/Knospe: Internationales Soziologenlexikon, Stuttgart 1980)

„Die gesamte Evolution sah er in ihrer inneren Verwandtschaft“ (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 3, München1987).

In Notes sur des Formules d’Introduction à l’Énergetique Physio- et Psycho-Sociologique (Brüssel 1906) definierte Solvay den Organismus als „Energietransformator in potentiellem Zustand“. Dies entspricht exakt dem Hass’schen Begriff „Energon“. Weiter meinte Solvay, man könne den Energietransformator „Mensch“ nicht „in sich selbst und für sich selbst“ beurteilen, sondern nur in seiner energetischen Wechselwirkung zur Gesellschaft. Auch in ihr, sowohl in einzelnen Menschengruppen als auch im ganzen Menschengeschlecht, sah er ein energetisches Gebilde.

Auf dieser Grundlage baute Solvay seine soziale Theorie auf, die sich aus den Konzepten „productivisme“ und „comptabitisme“ zusammensetzt: Förderung der schöpferischen Kräfte einerseits und Rechnungsführung andererseits.

Solvay vertritt die Grundthese, daß das Elend der Menschen einer schlechten Ausnutzung der Energie zuzuschreiben sei, die productivisme als die „Organisation und Verteidigung aller materiellen und ethischen Interessen der Gesamtheit“ stelle der Menschheit die Aufgabe, die schöpferischen Kräfte zu mobilisieren und zu vervielfachen, indem man sie so anpaßt, daß sie ein Maximum an Leistung bei einem Minimum an Aufwand hergeben. (Internationales Soziologenlexikon)

So versuchte Solvay ausgehend von der Energiebilanz und „– im rein Theoretischen verbleibend – mathematische Grundformeln für die Strukturen der menschlichen Gemeinschaftsbildung aufzustellen“ (Hass: Naturphilosophische Schriften Bd. 2, München1987). Hass glaubt, er habe diesen Ansatz vervollkommnet, indem er ihn von der Soziologie löste und auf die Ökonomie übertrug.

Wilhelm Ostwald widmete 1909 sein Buch Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft Ernest Solvay, genauso wie 70 Jahre später Hans Hass seine zusammenfassende Darstellung der Energontheorie Ostwald widmete (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978). Als weiteren „Vorgänger“ und „Kampfgenossen“ nannte Ostwald den Dresdner Mathematiker Georg Ferdinand Helm (1951-1932), einer der Begründer der Energetik des 19. Jahrhunderts.

Von Helm stammen Werke wie Die Lehre von der Energie (1887), Energetik (1898) und Die Energielehre (1913). Sein Verdienst lag darin, thermodynamische Vorstellungen auf den gesamten Bereich der Physik und Chemie auszuweiten. Er war Gegner der atomistischen Betrachtungsweise, d.h. er wandte sich dagegen, „die eigentliche wissenschaftliche Grundlage der Thermodynamik in der Mechanik der Atome zu suchen“.

Die Entdeckung des französischen Physikers Carnot (1796-1832), daß das Funktionieren einer Dampfmaschine nichts mit der Zusammensetzung der dabei verwendeten Stoffe zu tun hat, hatte dazu geführt, daß die sich entwickelnde Thermodynamik jede Hypothese über die Beschaffenheit der Materie für überflüssig hielt. So gelangten u.a. Helm und Ostwald

zu der Auffassung, daß sich in den Naturerscheinungen allein die Energie mit ihren vielfältigen Umwandlungsprozessen offenbare. Sie begründeten damit die naturphilosophische Denkweise der Energetik. (Stephen F. Mason: Geschichte der Naturwissenschaft, Stuttgart 1991)

Dazu muß sogleich einschränkend gesagt werden, daß Ostwald 1923 in Moderne Naturphilosophie schrieb:

Die Energie ist auch für den modernen Energetiker durchaus nicht ein Grund- und Zentralgedanke, aus welchem sich die ganze übrige Welt ausspinnen ließe.

Um die Rolle der Energie in Ostwalds System zu verstehen, muß man sich seine „Wissenschaftspyramide“ vergegenwärtigen:

Diese seine „Ordnung aller Wissenschaften“ beinhaltet a priori, daß der Begriff der Ordnung der allgemeinste ist. Genausowenig wie es eine Energetik der Geometrie, Mathematik oder Logik geben könne, würde auch das spezifisch Soziologische, Physiologische und Psychologische von der Energetik nicht ganz gedeckt werden. An dieser Spitze der Pyramide sei „Leben“ der Hauptbegriff, „Energie“ nur ein Hilfsbegriff. Sie sei der Hauptbegriff in Physik und Chemie.

Jede höhere Stufe braucht die Begriffe der darunter liegenden, nicht aber umgekehrt. Die Soziologie ist für die Ordnungs- und Energiewissenschaften unwesentlich, die Ordnungs- und Energiegesetze sind aber sehr wichtig für die Soziologie.

Als logische Folgerung der Energetik verzichtete der Physiker und Philosoph Ernst Mach (1838-1916) auf jede Hypothese hinsichtlich des Wesens der Energie. Dergestalt bildete Mach eine „funktionalistische Erkenntnistheorie“ aus. Ganz im Sinne Reichs (trotz der unorgonomischen Abstraktion) sollte die Physik, von „hypothetischen Bildern und theoretischen Konstruktionen“, von mechanischen Naturmodellen gereinigt, zu einer „phänomenologischen Physik“ werden, in der, statt der Mechanik, die Thermodynamik als Prototyp naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise gelten würde.

Der Mach‘sche Ansatz wurden dann sehr schnell durch den Nachweis des Atoms, durch die „Atomistik“ in Frage gestellt. Deshalb ersetzte Ostwald den alten Gegensatz Atomistik/Energetik durch den von Materialismus/Energetik. Außerdem sagte er, die Energetik würde durch die Atome

nicht berührt, denn da sie die allgemeinere Begriffsbildung ist, besteht sie ganz unabhängig davon, ob es Atome gibt oder nicht. (…) Während infolge der neuen Physik die anderen Größen, die man bisher als unveränderlich angesehen hatte, insbesondere die Masse, diese Beschaffenheit haben aufgeben müssen, ist das unbedingte Erhaltungsgesetz nur für die Energie in Geltung geblieben, d.h. sie hat sich als die letzte Realität erwiesen, auf welche die Entwicklung der Wissenschaft hingeführt hat.

Da der Energie nach Einstein auch Masse zuerkannt wurde, habe sie „also die Materie begrifflich verschluckt“. Hass zufolge sprach Ostwald „bereits 1887 die Ansicht aus, daß Materie ‚ein sekundäres Produkt der Energie‘ sei“ (Naturphilosophische Schriften, München 1987). Ostwald schrieb sich zu, den Fortschritt vom energetisch-materiellen Dualismus zum reinen energetischen Monismus vollzogen zu haben, indem er die Materie energetisch deutete.

Mit Einschränkung war demnach in Ostwalds Denken die Energie der Dreh- und Angelpunkt. Hatte Reich z.B. sein Heim und Laboratorium nach der Orgonenergie „Orgonon“ genannt, so taufte zuvor Ostwald sein Anwesen „Energie“. Auch sonst waren sich die beiden Männer ähnlich. Bei Ostwalds Tochter Grete Ostwald ist von der „Unbekümmertheit seines kindlichen Gemütes“ die Rede.

Der Reichtum seines unerschöpflichen Gedächtnisses, sein Organisations- und Ordnungstalent und seine Findigkeit für Zusammenhänge und Ähnlichkeit weit auseinander liegender Dinge dazu (…). (Wilhelm Ostwald. Mein Vater, Berlin 1953)

Ostwald war neben Ernst Haeckel (1834-1919) einer der bedeutendsten Vertreter des „Monismus“, den er 1912 in Der energetische Imperativ als „das Einheits-Prinzip der Wissenschaft“ definierte. Aber auch bei Staat und Familie, ökonomischer und künstlerischer Arbeit sollte der Einheitsgedanke durchgeführt werden:

Wir wollen nicht unseren Geist umschalten müssen, wenn wir aus der Wissenschaft in die Kunst treten, wir wollen dieselben Prinzipien für unser ethisches wie für unser wirtschaftliches Handeln anwenden können; wir wollen uns bewußt sein, daß wir nichts tun oder treiben können, als was überall im Grunde mit dem wissenschaftlichen und sozialen Denken zusammenhängt und daher allseitig übereinstimmen muß. Also die Harmonie unserer gesamten Betätigung ohne jede Ausnahme, die wir doch bewußt oder unbewußt alle anstreben, das ist das, was ich Monismus nenne.

40 Jahre später schrieb Reich in seiner Abhandlung zum ORANUR-Experiment:

Alle Grenzen zwischen Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Kunst, Objektivem und Subjektivem, Quantität und Qualität, Physik und Psychologie, Astronomie und Religion, Gott und Äther stürzen unwiderruflich in sich zusammen und werden ersetzt durch eine Konzeption der grundsätzlichen Einheit, eines grundsätzlichen gemeinsamen Funktionsprinzips (CFP) der gesamten Natur, das sich in die verschiedenen Arten menschlicher Erfahrung verzweigt.

Ostwald versuchte, übrigens genau wie Mach und neuerdings Ilya Prigogine, naturwissenschaftliche Methoden im Rahmen der Energetik, bzw. der Thermodynamik, auf die „Geisteswissenschaften“ zu übertragen. (Und hier ist durchaus eine Nähe zur naturwissenschaftlichen Psychologie von Reich gegeben.) Wie gesagt stützte sich Ostwald in Die energetische Grundlagen der Kulturwissenschaft 1909 auf die soziologischen Theorien Solvays. Dessen Begriff „Energietransformator“ übertrug er „auf die Organe und auf die Werkzeuge der menschlichen Machtkörper, Maschinen inbegriffen“ (Hass/Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978). Was die Wirtschaftler „Produktionsmittel“ nennen, bezeichnete er deshalb als „Transformationsmittel“. So breite der Mensch sein „energetisches Gebiet“ auf die anorganische Umwelt aus und konnte „fremde Energie“, z.B. fossile Brennstoffe oder Kernkraft, dem Lebensprozeß nutzbar machen.

Ganz im Sinne des Fortschrittsoptimismus seiner Zeit ging Ostwald davon aus, daß der Mensch mit Hilfe der Technik, und der durch sie möglich gewordenen größeren Energienutzung, immer glücklicher werden würde. Glaubte er doch, das Glück „wachse sowohl mit der gesamten Energiebetätigung wie mit dem willensgemäßen [Energie-] Überschuß.“ Glück definierte er als „stärkste, freiwillige Energiebetätigung.“ Widerstand, die diese lähme, müsse ausgeschaltet werden. Wie nah Ostwald hier doch formal den Prinzipien der Orgonomie gekommen ist!

Geprägt durch die Drohung des 2. Thermodynamischen Gesetzes (des „Dissipationsgesetzes der Energie“ wie Ostwald es nennt) die Welt strebe dem „Wärmetod“ zu, diesem „Fundamentalphänomen allen Geschehens in der Welt“, dachte Ostwald natürlich nicht, wie Reich, an die Entladung überschüssiger Energie. So lautete Ostwalds „energetisches Imperativ“ folgerichtig: „Vergeude keine Energie, verwerte und veredle sie.“ Damit ließe sich, so Ostwald 1912, seine „bisherige gesamte Arbeit am deutlichsten zusammenfassen.“ Dies läuft natürlich direkt gegen das Orgonomische Potential als dem Grundcharakteristikum der Orgonenergie.

Medizinische Orgontherapie (Teil 1)

11. Januar 2015

DIE ZEITSCHRIFT FÜR ORGONOMIE

Howard J. Chavis: Medizinische Orgontherapie (Teil 1)

acologo

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 3)

1. Januar 2014

Hans Hass‘ Energontheorie harmoniert perfekt mit Reichs Ausführungen in Der biologische Rechenfehler im menschlichen Freiheitskampf. Wir haben die Maschinen und Werkzeuge geschaffen, die auf uns zurückwirken und uns (die wir doch eigentlich ihre Herren sein sollten) versklaven.

Orgonometrisch sieht das wie folgt aus:

lebendiemaschine

In einer ungepanzerten Gesellschaft benutzt der Mensch seine zusätzlichen Organe (Maschinen), um die Macht des Lebendigen auszuweiten (Gleichung 1). Gleichzeitig separiert er das Lebendige in sich von der toten Maschine (Gleichung 2).

In einer gepanzerten Gesellschaft hingegen identifiziert sich der Mensch mit der Maschine und wird selbst zur Maschine (Gleichung 1). Gleichzeitig verliert er jede Kontrolle über die Maschine (Gleichung 2).

Darüber hinaus gibt es in der Energontheorie keinen Unterschied zwischen materiellen Werkzeugen (Hammer, Auto, PC, etc.) und immateriellen Werkzeugen (Sprache, Gesetze, Moral, Ethik, Religion, etc.). So gesehen ist in ihr durchaus Platz für das Über-Ich und Charakterpanzer bzw. natürlich Kritik am Über-Ich und am Charakterpanzer, was die obigen orgonometrischen Erörterungen weiter vertieft.

Der Energontheorie zufolge besteht kein funktioneller Unterschied zwischen der Schutzvorrichtung eines Igels (Stacheln) und der eines Kaninchens (die immaterielle Verhaltensvorschrift „Lauf weg!“). Es ist letztendlich gleichgültig ob der Gendarm real vor mir steht oder immateriell in meiner Brust steckt (vgl. Der Einzige und sein Eigentum, Reclam, S. 55).

Wie sich vom Über-Ich, dem „Gendarmen in der Brust“ befreien? In Begriffen der Energontheorie: im Rahmen einer Funktionserweiterung. Wir sind einerseits Tiere (Metazoen, die aus Keimzellen hervorgegangen sind), andererseits wiederum selbst Keimzellen von Hyperzellern. Wir haben die Welt erschaffen, die uns umgibt. Wie haben wir das gemacht? Mit unseren Händen, die ursprünglich dazu geschaffen waren, um sich an Äste zu klammern, und mit unserem Gehirn, das ursprünglich dazu geschaffen war, uns zu intelligenten Tieren zu machen, die das natürliche Nahrungsangebot optimal ausnutzen können. Durch Funktionserweiterung dieser beiden Organe wurden wir zu Keimzellen von Hyperzellern – und im Laufe der Entwicklung wurden wir zu Sklaven unserer von uns erschaffenen Umgebung. Aber genauso, wie wir das Gehirn für die Entwicklung von zusätzlichen Organen (vom Hammer bis zum Space Shuttle, von der Sprache bis zur höheren Mathematik) „mißbrauchten“, steht es uns frei im Rahmen einer weiteren Funktionserweiterung des Gehirns uns kritisch mit unserer Lage auseinanderzusetzen und uns von unseren zusätzlichen Organen, insbesondere dem Über-Ich, wieder zu distanzieren, bzw. sie ganz abzustoßen.

Hass hat uns gelehrt, unsere Ehrfurcht vor der Lebensentfaltung zu überwinden: das, was ist und was „natürlich“ ist, muß nicht gut sein. Gut für wen? Für die Hyperzeller (Wirtschaft und Staat). Nicht gut für wen? Für den nackten Menschen, für den Egoisten, für den Einzigen, für das Menschentier. Das bedeutet nicht ein Zurück zur Natur, sondern: die Lebensentfaltung hat uns, hat mir zu dienen.

Ich möchte nie mehr auf das zusätzliche Organ Computer und Internet verzichten – sehr wohl aber auf das Über-Ich. Wie sieht dieses ominöse „Über-Ich“ aktuell aus? Wie werden unsere Kinder im Interesse der Hyperzeller bzw. des Lebensstroms, den sie fortsetzen, verformt? Es liegt im Interesse der Lebensentfaltung, daß sie selbstvergessene, konsumorientierte, unkritische RTL-Gucker werden, die sich einbilden Egoisten zu sein, in Wirklichkeit aber einzig und allein dem Egoismus der Lebensentfaltung dienen. Der größte Feind dieser über die Keimzellen der Hyperzeller hinwegströmenden Lebensentfaltung sind kritische „Egoisten“, die ihre Stellung im Rahmen der Lebensentfaltung kennen. Aus energontheoretischer Sicht sind sie die Stimme der Keimzelle(n) der Hyperzeller. Beispielseise hatte Max Stirner eine recht gute Vorstellung von der Lebensentfaltung in Gestalt der Philosophie Hegels („die Entfaltung des absoluten Geistes“).

Betrachten wir doch einmal Stirners Leben und Werk aus energontheoretischer Sicht: Damals waren Staaten entweder Berufskörper des jeweiligen Königs (wie im absolutistischen Frankreich: „der Staat bin ich“ – so wie der Handwerker sagt: „die Firma bin ich“) oder gigantische Erwerbsorganisationen, etwa Preußen, wo sich der König als erster und höchster Diener des Staates verstand. Hegel war der Ideologe dieser Erwerbsorganisation, in der der Bürger zum Rädchen im Getriebe wird und von Kindheit so gedrillt wird, bis er schließlich „den Gendarmen in seiner Brust hat“. Auch Stirner wurde da hineingepreßt und sollte als Lehrer aus freien Menschentieren Zellen des Hyperzellers „Preußen“ machen. Dagegen empörte er sich in Funktionserweiterung dessen, was er gelernt hatte. Leider blieb seine Argumentation größtenteils „geistesgeschichtlich“. Dagegen stellte Marx sein „materialistisches“ Programm, – das aber nicht viel mehr war als doch nur wieder Hegel.

Stirners „Verein der Egoisten“ ist nichts anderes als eine Ansammlung von Keimzellen, die sich von ihren Hyperzellern emanzipiert haben und mit ihren zusätzlichen Organen wieder frei umgehen.

Stirner stellt (ganz im Sinne von Hans Hass) das Recht (also gewisserweise das „Über-Ich“ der Gesellschaft) als „zusätzliches Organ“ (sozusagen ein immaterielles Werkzeug) dar, daß sich gegen seinen eigenen Schöpfer wendet, ihm sozusagen über den Kopf wächst:

Der Gedanke des Rechts ist ursprünglich mein Gedanke oder er hat seinen Ursprung in Mir. Ist er aber aus Mir entsprungen, ist das „Wort“ heraus, so ist es „Fleisch geworden“, eine fixe Idee. Ich komme nun von dem Gedanken nicht mehr los; wie Ich Mich drehe, er steht vor Mir. So sind die Menschen des Gedankens „Recht“, den sie selber erschufen, nicht wieder Meister geworden: die Kreatur geht mit ihnen durch. Das ist das absolute Recht, das von Mir absolvierte oder abgelöste. Wir können es, indem Wir‘s als absolutes verehren, nicht wieder aufzehren, und es benimmt Uns die Schöpferkraft; das Geschöpf ist mehr als der Schöpfer, ist „an und für sich“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 225)

„Das Recht ist der Geist der Gesellschaft“ (Der Einzige und sein Eigentum, S. 204) – und stempelt mich zum Verbrecher, wenn ich ich bin. Das Recht, ursprünglich ein Interessenausgleich zwischen Individuen, ein Werkzeug meiner Macht, wurde zu einer heiligen fixen Idee, die mich, ihren Schöpfer, auslöschen will. – Die Energontheorie beschreibt nichts anderes: der Mensch erschuf sich seine Umwelt, um leben zu können und brachte es zu einer ungeheuren Machtsteigerung – nur um festzustellen, daß sich alles gegen ihn, den Schöpfer, wendet; manipuliert, abhängig und kurz vor der Auslöschung. – Was bei Stirner der „Einzige“ ist, ist bei Hass die „Keimzelle Mensch“.

Wie drückt man diese Gewalt nun verkehrterweise aus? Man sagt, Ich habe ein Recht auf diesen Baum, oder er sei mein rechtliches Eigentum. Erworben also habe Ich ihn durch Gewalt. Daß die Gewalt fortdauern müsse, damit er auch behauptet werde, oder besser: daß die Gewalt nicht ein für sich Existierendes sei, sondern lediglich im gewaltigen Ich, in Mir, dem Gewaltigen, Existenz habe, das wird vergessen. Die Gewalt wird, wie andere meiner Eigenschaften, z.B. die Menschlichkeit, Majestät usw., zu einem Fürsichseienden erhoben, so daß sie noch existiert, wenn sie längst nicht mehr meine Gewalt ist. Derart ist ein Gespenst verwandelt, ist die Gewalt das – Recht. Diese verewigte Gewalt erlischt selbst mit meinem Tode nicht, sondern wird übertragen oder „vererbt“. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 307)

Das entspricht ganz der Panzerung, die ja in der individuellen Geschichte des Menschen am Anfang auch eine rationale Schutzfunktion hatte, d.h. anfänglich ebenfalls sozusagen ein „zusätzliches Organ“ war, dann aber außer Kontrolle geriet: wir haben keine Panzerung mehr, wir sind Panzerung, d.h. wir „haben“ einen Charakter. Ausgeweitet auf die Gesellschaft ist das die jeweilige „Kultur“, die von Generation zu Generation weitergetragen wird.

Seitdem die Abstammung des Menschen aus primitiveren Lebensformen erwiesen sei, liege, so Hass, ein „natürliches und neutrales“ Bezugssystem vor. So wie aus der Lebensentwicklung

jede neue Struktur, jedes neue Phänomen hervorgegangen ist – so sollten auch die Begriffssysteme aller Spezialwissenschaften auf die gemeinsame Wurzel dieser Entwicklung zurückgehen. (…) Es wird nur allzuleicht übersehen, daß (die) Begriffe das höchst persönliche Werk des Menschen sind – nicht aber notwendigerweise ein Spiegel der Wirklichkeit. (…) Diese „Schubladen“, die über Erziehung und Tradition von einem Gehirn auf das nächste übertragen werden, machen uns leicht glauben, daß die Erscheinungen, die in ihnen zusammengefaßt sind, von Natur her zusammengehören, daß diese Einheiten also das „Wesen“ dieser Welt kennzeichnen. Das tun sie aber nur beschränkt – denn jeder Begriff ist bloß eine uns dienliche Einrichtung, ein Werkzeug unseres Geistes – jeder von ihnen, mit einem Wortsymbol versehen, ist ein uns dienender Funktionsträger und in diesem Sinn auch wieder ein erworbenes – ein „künstliches“ Organ. Und (…) hier besteht die Gefahr, daß aus Dienern Herren werden, indem sich diese Schubladen nicht mehr wirklich unseren Zwecken unterwerfen, sondern höchst selbstsüchtig unsere Gedanken in ihre Schablone pressen. (…) Wir brauchen (Worte), wir können ohne sie nicht denken – aber man muß ihnen mit äußerstem Mißtrauen begegnen. (…) Das junge, sich erst bildende Gehirn ist in dieser Hinsicht noch frei und unbehindert. Es kann jeden dieser Diener erst prüfen, ehe es sich ihm anvertraut.

Hass stimmt hier vollkommen mit Stirner überein, d.h. die „emanzipatorischen“ Implikationen sind bei beidem identisch. Stirner:

Begriffe sollen überall entscheiden, Begriffe das Leben regeln, Begriffe herrschen. (…) Nach Begriffen wird alles abgeleiert, und der wirkliche Mensch, d.h. Ich werde nach diesen Begriffsgesetzen zu leben gezwungen. (…) Eine unzählige Menge von Begriffen schwirren in den Köpfen umher, und was tun die Weiterstrebenden? Sie negieren diese Begriffe, um neue an deren Stelle zu bringen! (…) So schreitet die Begriffsverwirrung vorwärts. (Der Einzige und sein Eigentum, S. 104f)

Es geht um eine zweifache „Götzendämmerung“: einerseits um die erörterte Befreiung von der Knechtung durch Begriffe, die von unseren zusätzlichen Organen, sich zu Herren über uns aufgeschwungen haben und andererseits um die Empörung gegen jenen Entfaltungsstrom, dessen willenlose Werkzeuge wir bisher waren, der aber doch nur aufgrund unserer Anstrengung leben kann.

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 2)

31. Dezember 2013

Energone müssen ihrer Energiequelle entsprechen, die sie dergestalt zwar nicht herstellt, aber trotzdem ihren Bau bestimmt. Hans Hass:

Jene ihrer Funktionsträger, die das Aufschließen einer Energiequelle besorgen, müssen in Form und Anordnung deren Besonderheiten entsprechen. Die Energiequelle stellt sie nicht her, diktiert aber doch, wie sie beschaffen sein müssen. Wie und auf welche Weise sie zustande kommen, ist somit sekundär; wichtig ist bloß, daß sie die richtigen Eigenschaften haben. Fragen wir somit nach dem „Ursprung“ dieser Eigenschaften, dann dürfen wir diesen nicht beim Hersteller suchen. Diese notwendigen Eigenschaften haben ihren Ursprung in der Beschaffenheit der Energiequelle.

Und weiter:

Die Gestalt der Tiere und Pflanzen erklärt sich somit nicht aus ihrer Herstellungsart, nicht aus dem Weg ihres Zustandekommens. Sie wird vielmehr weitgehend durch die Beschaffenheit der Energie- und Stoffquellen diktiert. Diese haben mit dem Herstellungsvorgang nicht das geringste zu tun – und sind doch für wesentliche Strukturelemente verantwortlich.

Diese „steuerkausale“ Betrachtungsweise kann jedoch die Entwicklung des Lebens nur recht unvollkommen erfassen, da sie von vornherein hinsichtlich der funktionellen Zusammenhänge blind ist. So kann Hass zwar überzeugend darstellen, wie durch die natürliche Auslese die Arten geformt wurden und wie der Artenwandel sich in der Natur vollzogen hat, doch er erklärt nicht die verblüffende morphologische Konstanz, die Reich bei den Lebewesen beobachtet hat. Warum, so ist zu fragen, sind sich fast alle Leistungsgefüge in der Natur morphologisch so verblüffend ähnlich. Reich hat diese Formgesetze in Die kosmische Überlagerung beschrieben und auf Energiebewegung zurückgeführt. Doch nach Hass‘ Theorie, der zufolge allein die Effizienz der erbrachten Leistungen die Evolution bestimmt, müßte die Natur von abenteuerlich gestalteten Monstern bevölkert sein, so wie unsere Maschinenparks von Gestalten geprägt sind, die keinerlei Formgesetzen, sondern einzig und allein Leistungskriterien folgen.

Das Zweckmäßige, also Leistungsgerechte, entstehe, so Hass, rein mechanisch dadurch, daß alles Unzweckmäßige, also alles, was nicht die erforderlichen Leistungen erbringt, nicht überlebt. Auf diese Weise bestimmen die aktuellen Leistungserfordernisse, was an den vorgefundenen Funktionen zweckmäßig ist und was nicht. Entgegen seinem eigenen funktionalistischen Ansatz übernimmt Hass diesen leistungsfixierten, mechanistischen Blickwinkel des Entfaltungsstroms. Der denkbar „unfunktionellen“ Logik der natürlichen Auslese folgend, führt Hass die gesamte Entwicklung der Energone einseitig auf die „Steuerkausalität“ zurück. Die „lebendige Funktion“ wird dergestalt von zwei Seiten her eingeklemmt:

ReiHasFuncmech

Für Hass bezeichnet Funktion „einen auf einer konkreten materiellen Struktur beruhenden aktiven oder passiven Vorgang, der zum Zustandekommen einer benötigten Leistung beiträgt“. So kann nur jemand argumentieren, der nichts von der Entdeckung der kosmischen Orgonenergie weiß.

Hass betrachtet Energie als eine mehr oder weniger eigenschaftslose bzw. rein quantitative Gegebenheit, mit deren Hilfe „Bilanz gezogen wird“, ähnlich dem Geld, das zwar alles in Gang setzt, aber selbst keine Eigenschaften hat.

Die Orgonenergie hingegen ist sozusagen das widerspenstige, „elastische“ Material, das der Steuerkausalität ausgesetzt wird, durch sie aber nur in eng umschriebenen Grenzen verformt werden kann. Entsprechend kann Reich die Grundgestalt einer Giraffe erklären, während Hass verständlich macht, wie aus dieser Grundgestalt unter Selektionsdruck ein langhalsiges „Monstrum“ sich entwickelt hat. So wird erklärlich, wie sich die Orgonom-Form einerseits bei manchen Lebewesen bis zur Unkenntlichkeit verändert hat, andererseits aber doch im Verlauf der Evolution immer wieder durchschlug.

Wie nahe Hass trotz allem Reich steht, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß auch für ihn Energie allem real Seienden zugrunde liegt und sogar Raum und Zeit konstituiert. Deshalb lehnt er, wie vor ihm Wilhelm Ostwald, den „Materialismus“ ab. Hass:

Denn gerade das, was uns die Materie als etwas Klotziges, Plumpes, von den geistigen Vorgängen und unseren Gefühlen so äußerst Verschiedenes erscheinen läßt, hat gar keine reale Basis. Es ist eine Interpretation unserer höchst mangelhaften Sinne. Dieses Klotzige, Plumpe, „primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchende“ ist in Wahrheit eine Erscheinungsform höchst differenzierter Kräfte. Was wir Materie nennen, besteht ganz und gar aus dem gleichen geheimnisvollen Etwas, das auch den subtilsten Prozessen, auch unseren Denk- und Gefühlsvorgängen zugrunde liegt.

Leider war für Hass in Anlehnung an seinen Lehrer Konrad Lorenz das Bewußtsein nur „Projektionsschirm“ der Außenwelt. Eine energetische Theorie, die nicht vor dem Problem steht, vom „Klotzige, Plumpe, ‚primitiven Gesetzmäßigkeiten blind Gehorchenden’“ auszugehen, hätte in dieser Hinsicht ein Potential, das Reich im Gegensatz zu Hass ausgeschöpft hat.

Aus orgonomischer Sicht stellt sich ohnehin die Frage, ob ein funktionierender Organismus eine Art „Orgonmotor“ ist, für den die zugeführte sekundäre Energie nur so etwas wie eine aktivierende „Anschubenergie“ darstellt. Immerhin reagieren tierische Organismen auf die Witterung genauso wie Reichs Orgonmotor. Man vergegenwärtige sich nur die Verluste bei der Umwandlung der zugeführten Nahrungsenergie in die lebensnotwendigen Leistungen. 80 bis 99 % geht verloren, wenn die in die Muskelzellen gelangende chemische Energie in mechanische Energie umgewandelt wird, bei der Reibung in den Gelenken, etc. Ob der klägliche Rest ausreicht, um (insbesondere) die Maschine Mensch am Laufen zu halten, kann bezweifelt werden.

Nun beruht aber die gesamte Energontheorie auf der Prämisse, daß wegen des horrenden Energieverlusts, der bei der „Umsetzung der vereinnahmten Rohenergie in funktionale Nutzenergie“ auftritt, die Bilanz der Lebewesen „außerordentlich positiv“ sein muß. Bedeutet demnach die Entdeckung der „freien“, d.h. negentropischen, Lebensenergie Orgon, daß die Energontheorie nicht nur Stückwerk ist, sondern null und nichtig? Im hoffe, es wird deutlich, daß dem nicht so ist, sondern daß die Energontheorie, obwohl sie erst durch die Orgonomie ein festes Fundament erhält, eine unverhoffte wie wichtige Ergänzung der Orgonomie darstellt.

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 1)

30. Dezember 2013

Ursprünglich, in der ersten Formulierung der Energontheorie (Energon. Das verborgene Gemeinsame, Wien 1970), hatte Hans Hass Energone als sich aus „Wirkungen“ zusammensetzende Systeme bezeichnet. In der verbesserten Neuauflage von 1987 ersetzte er diesen Begriff durch den der „Funktion“. Denn „Wirkung“ beziehe sich auf das gesamte organische und anorganische Geschehen in der Welt. Jeder rollende Stein zeitigt eine Wirkung, was aber nicht heißt, daß er eine Funktion erfüllt. In den Energonen jedoch, die sich ja ausschließlich auf das Lebensgeschehen beziehen, kommt es auf das koordinierte Arbeiten der Teile im Zusammenspiel des Ganzen, also auf die Funktionserfüllung an.

Man kann sagen, daß sich „Wirkung“ auf jeden beliebigen Gegenstand bezieht und daß aus einer bloßen Wirkung eine „Funktion“ wird, wenn sie in einem Energon „eine Rolle spielt“.

Da Hass die Energone vor allem im Rahmen der natürlichen Auslese betrachtet, muß er den Begriff der Funktion noch weiter differenzieren und zwischen „Funktion“ und „Leistung“ unterscheiden. Wie vorher die Wirkungen im Verhältnis zu den Organismen unterliegen die Energone als Ganzheiten also einer weiteren „Bewertungsinstanz“, der natürlichen Auslese:

ReiHasFuncmech1

Diese letzte Instanz, der „Entfaltungsstrom“, ist vollkommen blind für Funktionen, ähnlich wie es Funktionen egal ist, womit die Aufgabe erfüllt wird. Die Umwelt (etwa in Gestalt eines Fuchses, der im Winter nur braune Kaninchen erlegt, während ihm die weißen Kaninchen entgehen) kann nur Leistungen (also Funktionen, die unmittelbar zweckmäßig sind) nicht jedoch die Funktionen bewerten, welche diesen Leistungen zugrunde liegen. Die natürliche Auslese (und damit in letzter Instanz der Entfaltungsstrom) richtet sich buchstäblich nur nach dem äußeren Anschein und ist vollständig blind für die tieferliegenden lebendigen Funktionen.

Es ist nahezu unmöglich, die beiden Begriffe „Funktion“ und „Leistung“ exakt voneinander zu trennen. Im Rahmen der Energontheorie bezeichnet „Funktion“ einen auf einer konkreten materiellen Struktur beruhenden aktiven oder passiven Vorgang, der zum Zustandekommen einer benötigten Leistung beiträgt. Leistungen sind in einem übergeordneten Sinn Erfüllungen von grundlegenden Anforderungen und setzen sich meist aus einer Fülle von Einzelfunktionen zusammen. Wird ein Gebäude durch einen Anbau vergrößert, so ist das Ergebnis aller beteiligten Abläufe eine Leistung: die Vermehrung von Energonstruktur. Eine Betonmischmaschine erfüllt dabei nur eine von unzähligen Einzelfunktionen, welche für diese geforderte Leistung nötig sind.

Aus Sicht der natürlichen Auslese kommt es nämlich weniger auf das Funktionieren eines Organs an, sondern darauf, ob es die vom Lebewesen benötigte Leistung auch erfüllt. Unter veränderten Umweltbedingungen kann nämlich ein Organ noch immer voll funktionsfähig sein, jedoch keine Leistung mehr erbringen. Das Unterscheidungskriterium von Funktion und Leistung ist also die Zweckmäßigkeit von Organen, über die wiederum die natürliche Auslese entscheidet.

So wird die Frage nach der Zweckmäßigkeit zum Dreh- und Angelpunkt der Energontheorie, wodurch sich zwischen Reichs Funktionalismus, der die finalistische Betrachtungsweise in der Biologie stets bekämpft hat, und der dergestalt offenbar an „Zweckursachen“ orientierten Energontheorie ein Graben aufzutun scheint. Doch bei Hass ist es durchaus nicht so, daß das Ziel die Funktion bestimmt, ganz im Gegenteil ist gerade die „ziellose“ Blindheit der natürlichen Auslese – die nur Leistungen, aber nicht die Funktionen bewerten kann, die zu diesen Leistungen geführt haben – für den Eindruck von Teleologie verantwortlich.

Ein Hase funktioniert nur und ist zufällig braun oder weiß. Die Weißen überleben im Winter besser als die Braunen. Das entscheidet der Fuchs, der ebenfalls nur funktioniert. Die Frage nach der Zweckmäßigkeit bestimmt zwar alles, doch das lebendige funktioniert vollkommen unabhängig davon. Tatsächlich entspricht Hass‘, oberflächlich betrachtet, „teleologische“ Sichtweise vollkommen Reichs durch und durch materialistischer Denkweise, der zufolge sich zunächst sozusagen erst das „Material“ angesammelt haben muß, bevor großartige „Ziele“ formuliert werden können. Reich:

Es ist offensichtlich, daß bevor es das Ziel geben kann, Chicago mit dem Zug zu erreichen, zunächst die Funktion der Dampfmaschine entwickelt werden mußte. Und die Funktion der Dampfmaschine wurde nicht aufgrund einer bestimmten Zielsetzung erfunden; sie entwickelte sich aus zuvor entwickelten Funktionen wie dem rollenden Rad und kochendem Wasser. Die ersten Menschentiere, die ein Rad rollen ließen oder Wasser zum Kochen brachten, konnten im Voraus nichts von den möglichen Zwecken wissen, denen diese Funktionen später nutzbar gemacht wurden. (Reich: “Orgonometric Equations: 1. General Form”, Orgone Energy Bulletin, 1950, S. 177f)

Das, was die beiden Ansätze unterscheidet, ist die mangelnde Konsequenz bei Hass, der sich Funktionen nur auf der Grundlage „konkreter materieller Strukturen“ vorstellen kann, die dann durch die beschriebene „Steuerkausalität“ beispielsweise zur Lunge führen.

Dazu ließe sich Charles Konia zitieren:

Wenn ein Gedankensystem (…) fehlschlägt, muß mystisches Denken (…) entweder die Lücken im Denken schließen oder für Beschränkungen sorgen. Man nehme ein Beispiel aus der Biologie, die mechanistisch-mystische Beschreibung der Atmungsfunktion: Die Lungen verhalten sich wie ein Ballon, um die Gewebe mit Sauerstoff zu versorgen. Der erste Teil dieser Aussage, die Lungen verhalten sich wie ein Ballon, ist eine mechanistische Verzerrung der grundlegenden biologischen Pulsationsfunktion. Die Pulsation der Lunge (Einatmung und Ausatmung) wird mit einer einfachen mechanischen Pumpe verglichen. Es folgt ein mystischer, teleologischer „Grund“ für den ersten Teil – um Sauerstoff zu den Geweben zu bringen.

In der Tat pulsieren die Lunge jedoch einfach wie alle anderen pulsierende Organe des Körpers auch, einschließlich Herz, Darm, Blase, Gebärmutter, usw. Sie expandieren und kontrahieren spontan. Dergestalt reicht die biologische Pulsationsfunktion aus, um die Atmung zu definieren und ihr „Ziel“, die Bereitstellung von Sauerstoff für die Gewebe, in Perspektive zu setzen. Im Gegensatz dazu behauptet das mechanistische Denken das Gegenteil: das Ziel der Bereitstellung von Sauerstoff definiert die Pulsationsfunktion (Atmung). Nach dieser Auffassung ist die Lunge daher nichts anderes als eine mechanische Pumpe. Mechanistische Biologie und Soziologie sind voll von solchen Beispielen verzerrten Denkens; ein Denken, das äußerst destruktiv ist, wenn es auf lebendige Funktionen angewendet wird. (Neither Left Nor Right, S. 185f)

Konia fügt an:

Der einzige Schutz vor mechanistisch-mystischem Denken in den Naturwissenschaften ist Einsicht in Orgonenergie-Funktionen, die für alle Manifestationen der Natur verantwortlich sind. (ebd., S. 186)

Bei Hass fehlt genau das. Trotzdem sind Hass‘ Beiträge wertvoll.

Erstrahlung, Überlagerung und Relativität

5. Dezember 2013

www.orgonomie.net

Ursprünglich hatte ich vor, den Text Erstrahlung, Überlagerung und Relativität vollkommen neu zu schreiben, weil ich die Dinge mittlerweile etwas anders sehe, insbesondere was die Funktion der Erstrahlung betrifft. Bei der erneuten Lektüre mußte ich jedoch einsehen, daß der Text so steht, ich ihn noch immer zu rechtfertigen vermag und er kaum sinnvoll auf grundlegende Weise umgebaut werden kann. Er wurde deshalb nur leicht verändert und sozusagen „endgültig“ ins Netz gestellt.

Zum Gedenken an Hans Hass (Teil 3)

10. Juli 2013

Eines der Grundleistungen der Energone, die Verbesserung ihrer Nachkommen, dient weder dem Individuum, dem durch die Fortpflanzung, d.h. durch die fünfte als Voraussetzung der sechsten Grundleistung, nur Verluste entstehen, noch der Art, die durch die Entstehung neuer, besser angepaßter Arten nur neue Konkurrenz gewärtigen muß, sondern einzig und allein einer Instanz, die über Individuum und Art hinausweist: der Entfaltung des Lebens. Ständig steigert dieser „Entfaltungsstrom“ sein räumliches Volumen und seine Potenz, Arbeit zu leisten. Er ist ein sich ausbreitender Prozeß der Energieballung.

In der zweiten Phase der Evolution wird durch diese alles besiegende Kraft, die immer mehr Materie zusammenballt und organisiert, das gesamte Leben auf diesem Planeten bedroht. Scheinbar kann nichts mehr die Berufskörper und Erwerbsorganisationen davon abhalten, diesen Planeten in einen mit ihren Abfallprodukten übersäten Mond zu verwandeln.

Für Hass ist die Lebensentfaltung nicht heilig, sondern ganz im Gegenteil – nicht verdammens-, aber sehr wohl im Stirnerschen Sinne empörenswert! Daß am „Entfaltungsstrom“ nichts per se „lebenspositives“ ist, sieht man am Energon „Handelsvertreter“: er könnte z.B. Kettensägen in die letzten Winkel Brasiliens bringen. Hier werden die Lebensgrundlagen des Menschen vernichtet, aber die Wirtschaft wird (zumindest kurzfristig) angekurbelt, was den blinden, bewußtseinslosen „Entfaltungsstrom“ anschwellen läßt.

Man muß das durchschauen und sich von der Lebensentfaltung emanzipieren. Kern dieser Aufklärung ist die Empörung des Einzelnen, der seinen Egoismus wiederfindet. Und hier kommt das Über-Ich ins Spiel, denn das Über-Ich ist nichts anderes als „der Gendarm in der Brust“, die Eltern in uns, die Gesellschaft in uns, letztendlich die „zusätzlichen Organe“ in uns.

Wenn z.B. Max Stirner von der „Menschheit“ schreibt, entspricht dies vollkommen, bis hin zum „ich will nicht dem Egoisten ‚Menschheit‘ dienen, sondern selbst Egoist sein“ (Stirner sinngemäß). Im folgenden entspricht „Menschheit“ bei Stirner der „Lebensentfaltung“ bei Hass – man braucht nur die Wörter tauschen und es könnte ebenso von Hass stammen:

Wie steht es mit der Menschheit, deren Sache Wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines Anderen und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickelt, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienste sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine – rein egoistische Sache? (Der Einzige und sein Eigentum, S. 4).

Stirners Der Einzige und sein Eigentum ließe sich mit Hass‘ Theorie naturwissenschaftlich ableiten und zwar mit einem zeitgemäßen Akzent: „Konsum“ statt „das Wahre, Gute und Rechte“ wie zu Stirners Zeiten.

Die Verbindung von Energontheorie und Triebtheorie liegt darin, daß in der ersten Phase der Evolution die Energone (Pflanzen und Tiere) ihre Energiequellen („Platz an der Sonne“, Pflanzen und andere Tiere) durch Raub („Raubinstinkte“) anzapfen, während sie in der zweiten Phase der Evolution (Hyperzeller: Berufskörper und Erwerbsorganisationen) ihre Energie ganz im Gegenteil dadurch gewinnen, indem sie nicht etwa die Gebrechen ihrer Energiequellen ausnutzen (wie es Raubtiere tun, die junge und kranke Tiere reißen), sondern indem sie behilflich sind, diese Gebrechen zu überwinden. Sie gewinnen so Kunden und damit ein Einkommen (Energie). Sie versuchen, die Kunden an sich zu binden.

Das Problem ist, daß dadurch die gesellschaftliche Tendenz entsteht, die Menschen zu dem zu machen, was gemeinhin mit den Worten „Konsumismus“ und „Markenfixiertheit“ umrissen wird. Genauso wie in der individuellen Über-Ich-Produktion das Kind „ent-eignet“ werden soll, liegt es in der inneren Logik der Lebensentfaltung, dem Konsumenten (die Energiequelle der Hyperzeller) den Eigenwillen zu rauben. Man betrachte sich nur mal, eine beliebige Schulklasse, wo die Kids nur für irgendwelche schwachsinnigen Markenartikel leben und zu willenlosen Vollidioten heranwachsen – und sich dabei allen ernstes einbilden „Egoisten“ und frei zu sein.

Der Grundimpetus der Energontheorie ist ein emanzipatorischer:

[L]etzter Zweck dieser Ausführungen ist es, das, was Glaube, Moral und ethische Wunschvorstellungen seit eh und je anstreben, einer konkreten Verwirklichung näherzubringen – freilich, auf einem anderen als dem bisher beschrittenen Weg. (Der Hai im Management, S. 49).

Die gesellschaftspolitischen Konsequenzen lassen sich aus folgender Aufstellung ableiten, bei denen das Interessen des einzelnen Menschen gegen das Interesse des Lebensstrom (hier mit rot markiert) gestellt werden:

  • Persönliches Interesse
    Lebensstrominteresse.
  • Großer Glücksbezug aus Wenigem.
    Glücksbezug aus möglichst teuren Gütern und Dienstleistungen. Unersättlichkeit.
  • Lange Haltbarkeit und Nutznießung der künstlichen Organe.
    Möglichst schnelles Verschleißen, besonders jener des Luxuskörpers. Unmodern-, Wertloswerden.
  • Zufriedenheit aus Freundschaftsbeziehungen.
    Freundschaftsbeziehungen, die zu Konsum führen (Essen, Trinken, Reisen, Unterhaltung usw.).
  • Bescheidenheit, Glück aus dem eigenen Selbst.
    Unbescheidenheit, kein Glück aus dem eigenen Selbst, Glück aus konsumfördernden Handlungen.
  • Verringerung der unangenehmen Arbeit, Freude an der Arbeit.
    Vermehrung jeglicher Arbeit, Umsatz, Steigerung des Nationalproduktes.
  • Befriedung der Welt, niedrigere Steuern.
    Gefühl der Unsicherheit, das hohe Staatsausgaben für Verteidigung rechtfertigt.
  • Abstimmung der Luxuskörper auf die eigenen Fähigkeiten.
    Keine solche Abstimmung. Jeder soll sich bis zum Tod nach etwas sehnen, das er noch nicht hat.
  • Entwicklung der eigenen Interessen.
    Entwicklung der eigenen Interessen derart, daß sie in konsumführende Kanäle einfließen.
  • Eigene Meinung.
    Ja keine eigene Meinung.
  • Charakter, Ehrenhaftigkeit.
    Charakter und Ehrenhaftigkeit nur insofern, als sie nicht zu einem Stagnieren der Machtsteigerungswünsche führen.
  • Eigener Entschluß.
    Ja kein eigener Entschluß. Die Entschlüsse werden fertig ins Haus geliefert, und zwar so, daß sie zu Konsum führen.
  • Verläßliche Nachrichtenübermittlung.
    Nachrichten werden zum Unterhaltungs- und Beeinflussungsmittel.
  • Unaufdringliche Staatsleitung.
    Aufdringliche Staatsleitung.
  • Gemächlichkeit.
    Steigerung der Schnelligkeit. Die Reise von Europa nach den USA soll nicht fünf, sondern nur mehr zwei Stunden dauern. Das ist ungeheuer wichtig.
  • Beherrschung der menschlichen Technik. Sie soll sein Diener sein, den man selbst ruft, wenn man etwas braucht. Der Diener soll einen nicht unaufhörlich stören, indem er seine möglichen Dienste anpreist.
    Beherrschung des Menschen durch seine Technik. Anhaltendes, rapides Wirtschaftswachstum.

(…) Dieses Modell wird somit von einem Menschen getragen, der darauf ausgerichtet ist, sich von direkter oder indirekter Beeinflussung freizuhalten, sich freiwilliger Selbstbeschränkung zu unterwerfen [PN: rationales Über-Ich], um so die negativen Faktoren der Lebensentfaltung zu beherrschen. [Hass:] „Auf seiner Fahne steht wieder Freiheit, jedoch vielleicht zum erste Mal völlig zurecht [PN: im Zusammenhang wird deutlich, daß Stirners „Eigenheit“ der passendere Begriff im Rahmen der Energontheorie wäre]. Sein zentrales Streben ist: Herr im eigenen Haus zu sein. Es läuft darauf hinaus, das Ich von allen fremddienlichen Einheiten zu befreien – so daß jede tatsächliche Fremddienlichkeit eine durchaus selbstgewollte und somit freie ist. Endziel ist hier ein möglichst freier Wille“. (Andreas Hantschk und Michael Jung: Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung. Die Energontheorie des Hans Hass und ihre Stellung in den Wissenschaften, Solingen 1996, S. 196)

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=UONfK3fsF_8%5D

Zum Gedenken an Hans Hass (Teil 2)

8. Juli 2013

Was die Einteilung der Energone betrifft, hält Hass die geläufige Unterteilung in Pflanzen und Tiere bei:

Hier liegen zwei große klar unterschiedene Gruppen vor – ebenso wie im zweiten Evolutionsteil jene der Berufstätigen und Erwerbsorganisationen. Auf diese Weise wird freilich nach verschiedenen Kriterien eingeteilt: erst nach der Art des Energieerwerbes, dann nach der Integrationsstufe. Formal richtiger wäre die Einteilung: Einzeller, Vielzeller, Berufstätige, Erwerbsorganisationen. Da jedoch jedes Einteilungssystem etwas künstlich in die Natur Hineingetragenes ist, scheint mir übertriebene Konsequenz hier nicht am Platz. (Hass: Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, München 1987, S. 93)

Man kann das Lebendige auch von Hass‘ „Hyperzeller-Theorie“ aus betrachten: Was wäre ein Wolf ohne Beine? Tot, denn er würde schnell verhungern. Was wäre eine Spinne ohne Netz? Tot, denn sie würde schnell verhungern. Der Unterschied ist nur, daß der Wolf ein Vielzeller ist, dessen sämtliche Organe zu seinem Zellgefüge gehören. Während eine Spinne imgrunde immer nur ein Zellgefüge plus ein zusätzliches Organ (das Netz) ist, das nicht zum Zellgefüge gehört. Deshalb ist die Spinne nicht nur ein Vielzeller, sondern auch ein Hyperzeller. Während sich der Zellkörper nur aus natürlichen Organen zusammensetzt, kann sich der Leistungskörpers zusätzlich auch aus „zusätzlichen Organen“ zusammensetzen. Ohnehin bedeutet „Organ“ (griechisch organon) nichts anderes als „Werkzeug“.

Stellen wir uns nun mal vor, wir würden den werten Leser nackig machen und irgendwo in der russische Tundra aussetzen. Außerdem hätten wir ihn lobotomiert, so daß er die Intelligenz eines durchschnittlichen Säugetiers hat und sich keine Werkzeuge bauen könnte. Er wäre selbst im Sommer innerhalb von Tagen, wenn nicht Stunden tot. Der Mensch kann nur als Hyperzeller überleben. (Seine Vorstellungen vom Paradies beinhalten stets Szenarien, in denen er „nur Vielzeller“ sein kann!)

Er ist noch weit mehr von seinen zusätzlichen Organen abhängig als die Spinne. Zum „Hyperzeller“ wird er dadurch, daß er seinen Beruf ausübt und genauso wie die Spinne mit ihrem Netz mit seinen Werkzeugen und Kenntnissen („immateriellen“ Werkzeugen) Energie gewinnt, um leben zu können (konkret erhält er Anweisungsscheine auf Energie: Geld). Da er aber in einer Firma angestellt ist und alleine seinen Beruf nicht ausüben könnte, ist er nur Teilorgan eines umfassenderen Hyperzellers: der „Soundso GmbH“. Etwa so, wie auch eine einzelne Ameise biologisch betrachtet ein Unding ist und nur als Teil des Ameisenhaufens biologisch sinnvoll funktioniert.

Ich brauche den Leser nicht zu erklären, daß einerseits die Firma, in der er arbeitet, ihm sein Leben garantiert, es aber andererseits zerstört, weil sie keinerlei Rücksicht auf ihn als „nacktes Menschentier“ nimmt. Seine zusätzlichen Werkzeuge kommen über ihn und zerstören ihn. Aus den Sklaven, d.h. den Werkzeugen des Menschen, werden die Meister. So geht es gegenwärtig allen Menschen und zwar nicht nur als Individuen, sondern auch als Tierart, denn die Entwicklung der vom Menschen ausgehenden Hyperzeller (die die Lebensentfaltung der Ein- und Mehrzeller bruchlos fortführen) macht nicht nur aus den Einzelnen Wracks, die ihr Leben nur im Suff ertragen können, sondern sie zerstört auch die Lebensbasis der Tierart Mensch: der Planet geht an der Umweltzerstörung zugrunde.

Über die vierte Art von Energonen (nach Pflanzen, Tieren und Berufskörperen) bzw. den Hyperzeller höherer Integration schreibt Hass:

Ebenso, wie vor mehr als einer Milliarde Jahren manche Arten von Einzellern dazu übergingen, größere, vielzellige Lebewesen zu bilden, kam es auch bei den Hyperzellern zur Bildung von größeren, auf gemeinsame Aufgaben ausgerichtete Erwerbsorganisationen. Und ähnlich, wie im vielzelligen Körper die Zellen größere, leistungsfähigere Organe aufbauen – zum Beispiel die aus vielen Zellen bestehenden Flossen, Augen und Knochen, so bestehen auch in den größeren, von Tausenden von Hyperzellern gebildeten Lebenskörpern „Abteilungen“, die auf bestimmte Aufgaben ausgerichtet sind, in Wirtschaftsunternehmen etwa die aus zahlreichen Hyperzellern gebildete Betriebsleitung samt ihren ausführenden Organen, die Produktionsabteilung, die Verkaufsabteilung und andere. (Hass: Die Hyperzeller, Hamburg 1994)

Damit kann man den Menschen funktionell mit den Einzellern vergleichen, aus denen die Vielzeller hervorgegangen sind. Hass:

Wie bis heute jeder vielzellige Organismus aus einer Einzelzelle – der Keimzelle – hervorgeht, so haben auch die größeren Leistungskörper, die der Mensch aus zusätzlichen Organen aufbaut, stets einen oder mehrere Menschen als steuerndes Zentrum. Ich bezeichne die größeren Lebenseinheiten als Hyperzeller und behaupte, daß sie die Evolution der Einzeller und der Vielzeller unmittelbar fortsetzen. (ebd.)

Anders ausgedrückt: aus Sicht des lebendigen Funktionierens ist nicht der biologische Körper, wie man ihn in Präparatesammlungen begutachten kann, wichtig, sondern das lebendige Leistungsgefüge als ganzes, das aus mehr Einheiten bestehen kann als der bloße Zellkörper.

In der Entwicklung der Energone von den Pflanzen bis zu den Tieren, lassen sich vier Entwicklungsstufen unterscheiden:

  1. das Erbrezept (das Genom) baut Organe auf, die dann nach eigener Kompetenz funktionieren (Pflanzen);
  2. zusätzlich baut das Erbrezept das Zentrale Nervensystem auf, das das Zusammenwirken der Organe koordiniert, wozu zusätzlich Rezepte vererbt werden (die Tiere mit ihren angeborenen Verhaltensprogrammen);
  3. das Zentralnervensystem übernimmt selbst die Bildung dieser Rezepte (das Säugetier als „Lerntier“);
  4. durch Vormachen und Nachahmung („Erziehung“) und durch Sprache, Schrift, etc. können diese erworbenen Rezepte „vererbt“ werden. (Hass: Naturphilosophische Schriften, Bd. 2, S. 47-51)

Das ist eine Entwicklung zu immer mehr Freiheit und Autonomie, die aber gleichzeitig mit einer zunehmenden Gefährdung von Freiheit und Autonomie einhergeht: im Gegensatz zu einem Fisch oder Reptil kann man ein Säugetier dressieren – und einen Menschen kann man fast beliebig „erziehen“, d.h. ihm ein „Über-Ich“ verpassen. Betrachtet man dazu parallel die Entwicklung der Organe von den angeborenen, über die erworbenen zu den selbst hergestellten Organen (Werkzeugen), hat man die Naturgeschichte des menschlichen Elends vor sich: die Einheit von Panzerung („Über-Ich“) und „technischer Zivilisation“:

  1. alle Organe werden vom Genom aus Zellen gebildet;
  2. das Genom enthält Verhaltensrezepte für den Erwerb und Gebrauch zusätzlicher Organe (z.B. der Einsiedlerkrebs und sein Schneckenhaus);
  3. mit Hilfe seines Zentralnervensystems kann der Mensch beliebig viele zusätzliche Organe zur Anwendung bringen;
  4. es kommt zur Ausbildung der technischen Zivilisation, in der der Mensch selbst zum Anhängsel der Maschine wird.
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Zum Gedenken an Hans Hass (Teil 1)

6. Juli 2013

Dies ist eine Fortführung meines Aufsatzes Zum Tode von Hans Hass.

Hans Hass war ganz wie Reich Funktionalist und Energetiker:

Die Verwandtschaften, die von der Energontheorie her wichtig sind, lassen sich nicht in das Schema Homologie-Analogie pressen. Was hier bedeutsam wird, ist weder der phylogenetische Zusammenhang noch äußerlich ähnliches Aussehen. Ein Antikörper im Blut, ein Stachel und ein Rezept für Fluchtverhalten sind weder homolog noch anlog (und auch nicht „konvergent“) – und doch sind sie gemeinsam zu beurteilen. Sie dienen dem gleichen Funktionskomplex: der Abwehr von Räubern. Sie sind „funktionsverwandt“. In der Bilanz, die das Existenzrückgrat, „Erwerbs- und Konkurrenzfähigkeit“ aufzeigt, gehören sie in die gleiche Rubrik. (Hass: Naturphilosophische Schriften, München 1987, Bd. 3, S. 255)

Daß Hass so gut wie der einzige Weiterführer der Ostwaldschen Energetik ist, liegt an der ernsten Krise, in die die Energetik geriet, als Anfang dieses Jahrhunderts der Nachweis der bis dahin rein hypothetischen Moleküle und Atome gelang, die durch ihre „Wärmebewegung“ die thermodynamischen Gesetze im Rahmen mechanischer Modelle erklärbar machten. Wilhelm Ostwald warf vergebens ein, daß die neue Physik alle Größen, und hier insbesondere die Masse, als veränderlich erwiesen habe und nur der Energieerhaltungssatz sich als unumstößliche Grundlage der Physik bewährt habe. Auch Hans Hass hebt die Energie als die fundamentale Größe schlechthin hervor und beruft sich dabei auf die Quantenmechanik. Nicht die Energie sei eine Funktion materieller Partikel oder Stoffe, vielmehr seien sie umgekehrt eine Erscheinungsform von Energie.

Die energetische Weltsicht ermöglichte eine beträchtliche Vereinfachung des Denkens, da sich mit Blick auf die Energie und ihre Umwandlung sämtliche Strukturen der Lebenswelt in ein und dasselbe Begriffssystem einordnen ließen. So konnten sich Biologen, Wirtschafts- und Staatswissenschaftler austauschen und dabei Erkenntnisse in einem Gebiet zur Erklärung von Phänomenen in einem anderen heranziehen. Die Nähe zum orgonomischen Funktionalismus Reichs ist offensichtlich. In einer energetischen Betrachtung der materiellen Strukturen steht einzig ihr Funktionieren, ihr Energiehaushalt, bzw. ihre Funktion im Energiehaushalt, im Mittelpunkt. In dieser Beziehung haben z.B. eine Pflanze und ein Wirtschaftsunternehmen „auf den ersten Blick“ wirklich nichts miteinander zu tun, betrachtet man sie jedoch abstrakt vom Standpunkt ihrer Energiebilanz her, sind sie funktionell identisch.

Das Konzept, daß eine Erwerbsorganisation ein Organismus ist, ist auch der Orgonomie alles andere als fremd. Reich hat z.B. die organisierte Orgonomie als einen lebendigen Organismus betrachtet, dessen „Organe“ die einzelnen Funktionsträger der Orgonomie sind. Das jeweilige einzelne Organ müsse „langsam, behutsam und geduldig in eine kontinuierliche, wohlgeordnete und (…) ‚disziplinierte‘ Koordination und Kooperation mit der Gesamtfunktion hineinwachsen“ (Reich/Neill: Zeugnisse einer Freundschaft, Köln 1986, S. 576).

Auch läßt sich die Arbeit des „Organisations-Therapeuten“ Martin Goldberg nennen, wie er sie im Journal of Orgonomy dargelegt hat. Goldberg zufolge kann man die „arbeits-psychologische“ Entwicklung von Wirtschaftsunternehmen genauso fassen, wie es die Psychoanalyse und die Orgonomie mit der „sexual-psychologischen“ beim einzelnen Menschen getan haben. Störungen während der „libidinösen“ Entwicklung bestimmen den Charakter der Organisation entsprechend der Charakterentwicklung des Individuums. Entweder geht ein solches System zugrunde oder es entwickelt sich ein neues biopathisches Gleichgewicht, eben der neurotische Charakter des Menschen bzw. der Organisation. Diese neurotischen Charakterstrukturen können behandelt werden, indem man die Panzerungen auflöst.

Den sieben Panzersegmenten im Individuum entsprechen die drei funktionellen Grundstrukturen einer Organisation: der „Kopf“, der der Arbeit Richtung verleiht; die mittlere Ebene, die alles für die Produktion bereitstellt und organisiert; und der arbeitende Kern, der die Arbeitsleistung vollführt. Dies entspricht dem leitenden Management, dem mittleren Management und der Arbeitsebene. Aufgabe des ersten Segments ist die grundlegende Ausrichtung der Arbeit, des zweiten die Organisierung des Arbeitsflusses und des dritten die Entladung der Arbeit durch Wechselwirkung mit der Umwelt. Ziel der Goldbergschen „Organisationstherapie“ ist die „Befähigung von chronisch blockierten Systemen ihre Arbeitsenergie wieder frei in einer produktiven, befriedigenden Art und Weise zu entladen“. Dies entspricht genau dem Ziel der individuellen Orgontherapie hinsichtlich der Sexualenergie.

Nach Reich bildet sowohl der Organismus als auch die „Arbeitsdemokratie“ in der Gesellschaft „ein natürliches Kooperativ gleichwertiger Organe verschiedener Funktion“. Mit Hilfe der Energontheorie läßt sich nun diese organismische Vorstellung der Arbeitsdemokratie konkretisieren: es kann Arbeitsdemokratie nur dort geben, wo die „organismischen“ Voraussetzungen gegeben sind, d.h. einzig und allein zwischen Menschen, die sich wechselseitig zu zusätzlichen Organen gemacht haben. Demnach stehen z.B. der Gerber und der Schuhmacher in einem arbeitsdemokratischen Verhältnis. Der Friseur wird zu einem „Pflegeorgan“ seines Kunden, während der Kunde zu einem „Leistungsorgan“ des Friseurs wird (er schafft Geld und weitere Kunden herbei). In der Sklaverei wäre dieses Verhältnis einseitig.

Für jede Kooperation gilt, daß die entstehende Gemeinschaft als neues größeres Energon anzusehen ist, sofern der Nutzen bei getrennter Tätigkeit insgesamt geringer als bei vereinter Tätigkeit ausfällt. Bei Symbiosen, in denen jeder Partner für den anderen bloß eine von diesem benötigte Leistung erbringt, liegt ein aus geringfügig integrierten Teilen bestehendes Energon vor. Je vielseitiger die funktionelle Verflechtung zwischen den Kooperationspartnern wird, desto mehr steigert sich die Integration des von ihnen gebildeten Energons. (Hass und H. Lange-Prollius: Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978, S. 145)

Diese engere arbeitsdemokratische Integration beinhaltet aber gleichzeitig die Gefährdung eben dieser Arbeitsdemokratie. Das kann man sich am Übergang von den unabhängigen Einzellern zum festen Verband des Vielzellers vergegenwärtigen. Einerseits konnte, ganz entsprechend dem Reichschen Konzept der Arbeitsdemokratie, der Einzeller den gesamten Organismus als sein Organ betrachten, doch andererseits wurde der Einzeller auch zu einem austauschbaren Rädchen in einem zum Selbstzweck gewordenen Gesamtgefüge. Beim Übergang von voneinander unabhängigen, „freiberuflichen“ Berufskörpern zum festen Verband einer Erwerbsorganisation ergeben sich entsprechende Vor- und Nachteile, doch hier fallen die letzteren mehr ins Gewicht, da der Erfolg der Erwerbsorganisation mit der Überwindung des „föderativen Aufbaus“ verbunden ist. So ist die Arbeitsdemokratie gerade auf dem Höhepunkt ihrer Naturgeschichte am stärksten gefährdet.

Wie sich wirtschaftliche Probleme aus energontheoretischer Sicht darstellen, wird exemplarisch an folgendem Zitat deutlich:

In der gesamten Lebensentfaltung spielte der Konkurrenzkampf stets eine überaus wichtige Rolle. Er sorgte dafür, daß weniger Geeignetes auf der Strecke blieb und besser Geeignetes sich durchsetzte. Auch Partnerschaft und Synergie unterliegen dieser Auslese. Nur wenn solche Verbindungen zur Ausbildung von Strukturen höherer Leistungskraft führen, also zu stärkerer Konkurrenzfähigkeit, können sie bestehen. In der Wirtschaft führt Abdrosselung des Konkurrenzkampfes – wie etwa bei Monopolstellungen oder in den zentralverwaltungswirtschaftlichen Ländern kommunistischer Prägung – unweigerlich zum Stagnieren des Fortschrittes in wesentlichen Bereichen. Besteht nicht die Möglichkeit, daß Bessergeeignetes sich durchsetzt, dann lohnt es nicht der Mühe, solches zu erzeugen. Andererseits ist allzu harter Konkurrenzkampf (…) ganz ebenso für den Fortschritt nicht förderlich. Die Konkurrenten reiben sich dann in einigen Sektoren untereinander auf, was dem „Verbraucher“ vielleicht in Gestalt von Preisunterbietungen zugute kommt (…) aber insgesamt weder ihm noch der Volkswirtschaft dient. Gibt es in einer Stadt 30 Buchhandlungen, die alle die gerade am meisten gefragten Titel anbieten, dann wirkt jeder gegen den anderen so gut er kann. Richten sich dagegen einzelne auf „Teilzielgruppen“ aus – profilieren sie sich auf verschiedene Nachfragerwünsche – der eine auf Belletristik, der zweite auf wissenschaftliche Literatur, weitere auf Kinder- und Jugendbücher, auf Antiquariat, auf Gartenpflege, auf Taschenbücher etc., dann wird das verfügbare Angebot und die individuelle Betreuung der Kunden in dieser Stadt wesentlich verbessert und der Konkurrenzkampf entschärft. Die Marktwirtschaft ermöglicht ein immer stärker differenziertes Angebot, was zu immer neuen Spezialisierungen führt. Bei der Evolution der Tiere und Pflanzen zeigte bereits die so ungeheuer vielfältige Artenbildung den gleichen Trend, das gleiche sich nun in der Wirtschaft fortsetzende Lebensgesetz. (Hass: Der Hai im Management, München 1988, S 163f)

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Zum Tod von Hans Hass

23. Juni 2013

Hans Hass hat mich mein ganzes Leben über begleitet. Eines meiner Schätze war stets ein Buch meines Vaters, das wie ein Wunder den Krieg, die Kriegsgefangenschaft und die 10jährige Emigration von Karl-Heinz Nasselstein überlebt hat: Fotojagd am Meeresgrund (1942). Die Photos in dem Buch haben mich damals zutiefst beeindruckt, sich von klein an unauslöschlich in mein Hirn gebrannt, ich habe nachher niemals mehr etwas „Mystischeres“ gesehen. Später sah ich im Fernsehen seine Reiseberichte und eine Wiederholung seiner Dokumentationsreihe „Wir Menschen“. Viele Jahre danach blieb mein Blick in der Hamburger Zentralbücherhalle an einem breiten Buchrücken mit der Aufschrift „Energon“ haften. Energon?! Wie Orgon? Meine Überraschung war groß, als sich herausstellte, daß der Verfasser Hans Hass war. Mein Hans Hass! Auch zeigte sich sehr bald, daß kein anderer Denker jemals so nahe an Reichs Orgonomischen Funktionalismus herangekommen ist wie Hans Hass. Ich habe über seine Arbeit einen Artikel geschrieben, dem er in mehreren Telefonaten („Warum haben Sie sich nie bei mir gemeldet?“ „Ähhhh, nun ja, Herr Professor…..“) und einem kurzen Briefwechsel ausdrücklich zugestimmt hat. Sein einziger Einwand war, daß ich die „innere Front der Energone“ nicht thematisiert hatte.

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Hans Hass war ein Universalgenie vom Kaliber eines DaVinci, Goethe und Reich. Daß die Energon-Theorie nie allgemeine Anerkennung gefunden hat, war die größte Enttäuschung seines Lebens. Jahrzehnte hatte er darum gerungen, daß irgendwo eine Lücke, ein innerer Widerspruch oder gar eine umfassende Widerlegung seiner Theorie vorgebracht werde. Nichts! Die Energon-Theorie ist schlicht und ergreifend wahr, d.h. sie befindet sich, soweit wir es bis heute beurteilen können, in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, trotzdem – oder gerade deshalb – wird sie ignoriert. Die Menschen haben eine instinktive Angst vor dem funktionalistischen Denken, da es scheinbar zusammenhanglose Dinge miteinander in Beziehung bringt. Auf diese Weise gefährdet es die Panzerung, deren Funktion darin besteht, Zusammenhanglosigkeit herzustellen.

Hass betrachtete Lebewesen nicht primär als materielle Gebilde, sondern als energetische Leistungsgefüge, die er entsprechend als „Energone“ bezeichnete. Jedes Energon stellt ein energieakkumulierendes Potential dar. Es besitzt also die Fähigkeit, aus der Umwelt mehr freie, arbeitsfähige Energie zu gewinnen, als es selbst verbraucht. Es besteht aus dem Zellkörper und einem „Leistungskörper“. Sie können identisch sein, doch der Leistungskörper kann auch aus Einheiten bestehen, die nicht zum Zellgefüge gehören, z.B. dem Fangnetz einer Spinne. Das Netz ist nicht etwa nur das Werk der Spinne, vielmehr ist es aus Sicht der Energiebilanz der Spinne ein unverzichtbares „zusätzliches Organ“, so daß erst beide zusammen einen voll funktionsfähigen Organismus, bzw. ein Energon ausmachen. An dieses Leistungsgefüge und nicht nur an den Zellkörper setzt die natürliche Auslese an. Das gilt sowohl für die Spinne und ihr Netz, als auch etwa für den Handelsvertreter und sein Auto.

Sämtliche Energone müssen ausnahmslos folgende sechs Grundleistungen erbringen:

  1. Energieerwerb, da ohne arbeitsfähige Energie überhaupt jeder Prozeß unmöglich wäre;
  2. Erwerb benötigter Stoffe für Aufbau, Wachstum und Fortpflanzung;
  3. Abwehr widriger Umwelteinwirkungen, worunter auch die Abwehr von Konkurrenten fällt, die die gleichen Energie- und Stoffquellen nutzen wollen;
  4. Nutzung günstiger Umweltfaktoren, worunter auch die Nutzung der Leistungen anderer Energone zu zählen ist;
  5. Fortpflanzung, die die Fortexistenz wohl nicht des einzelnen Energons aber der Energonart sichert; und
  6. Strukturverbesserung, die für die Anpassung und Höherentwicklung der Energone verantwortlich ist und so die Entfaltung des Lebens sichert.

Außerdem müssen alle Energone (wie auch jeweils jedes einzelne ihrer Bestandteile) bei diesen Leistungen drei Effizienzkriterien erfüllen, um im Überlebenskampf bestehen zu können:

  1. muß jede lebensnotwendige Leistung mit möglichst geringer Energieausgabe „kostengünstig“ erfolgen;
  2. muß man sich auf die Güte dieser Leistungen verlassen können, d.h. auf ein günstiges Verhältnis zwischen den Bemühungen zur Leistungserbringung und den Fehlschlägen (Hass spricht von der „Präzision“, mit der das leistungserbringende Organ zu seiner Aufgabe paßt); und
  3. ist es auch entscheidend, wieviel Zeit die jeweilige Leistung in Anspruch nimmt.

Dabei ist zwischen der Aufbau- und Funktionsperiode der leistungserbringenden Organe zu unterscheiden und in letzterer wiederum zwischen den Phasen der Funktionsausübung, der Ruhe und der Funktionsumstellung. Zusammen ergibt das zwölf Kriterien, mit deren Hilfe man den „Selektionswert“ alles Lebendigen erfassen kann. Es handelt sich um die unaufhebbaren objektiven Grundlagen der gesamten lebenden Natur vom primitivsten Einzeller bis zur höchsten Ausformungen des menschlichen Wirtschafts- und Staatswesens. Es ist das unveränderbare energetische Grundgerüst des Energons.

Hass beschrieb vier Arten von Energonen. In der ersten Phase der Evolution bauen „Keimzellen“ zwei Arten von Energonen auf, deren grundlegend unterschiedlicher Bauplan durch ihren Energieerwerb bestimmt wird: die Pflanzen, die als „Parasiten der Sonne“ leben, und die Tiere, die ihrerseits Parasiten der Pflanzen sind. Hier sind die beiden Funktionen „aufbauendes Rezept“ und „Steuerung“ noch im Genom konzentriert. Mit der Entwicklung des Menschen verlagerte sich die Steuerung zunehmend auf das Gehirn, das darüber hinaus „künstliche“ Verhaltensrezepte aufbauen kann. Damit kann man den Menschen funktionell mit den Einzellern vergleichen, aus denen die Vielzeller hervorgegangen sind. Hass:

Wie bis heute jeder vielzellige Organismus aus einer Einzelzelle – der Keimzelle – hervorgeht, so haben auch die größeren Leistungskörper, die der Mensch aus zusätzlichen Organen aufbaut, stets einen oder mehrere Menschen als steuerndes Zentrum. Ich bezeichne die größeren Lebenseinheiten als Hyperzeller und behaupte, daß sie die Evolution der Einzeller und der Vielzeller unmittelbar fortsetzen.

Jeder Hyperzeller, der auf dem Markt mit neuen speziellen Leistungen erfolgreich ist, z.B. indem er Schuhe produziert, begründet eine neue „Art“, denn andere Menschen werden durch den Erfolg dazu motiviert, entsprechende Hyperzeller aufzubauen, d.h. in diesem Fall Schuster zu werden. Die verschiedenen Berufsformen sind dabei ebenso der natürlichen Auslese unterworfen, wie vorher die pflanzlichen und tierischen Energone. In dieser Beziehung besteht keinerlei Unterschied zwischen den Arten im Pflanzen- und Tierreich einerseits und den „Berufsarten“ bei den Hyperzellern andererseits. Hass:

Sowohl die Hersteller benötigter Produkte wie auch die Dienstleistungserbringer und die Vermittler spezialisierten sich auf immer neue Berufe, erschlossen sich so immer neue Nischen, immer neue Lebensmöglichkeiten. Hier wie dort wurden Arten durch andere verdrängt, die besser angepaßt und somit effizienter waren, und starben dann aus. Hier wie dort bestand zwischen den Artgenossen ein besonders heftiger Konkurrenzkampf, während Angehörige anderer Arten indifferent behandelt wurden, weil sie die eigenen Interessen nicht berührten. Hier wie dort kam es zu Interessengemeinschaften und mannigfaltigen Abhängigkeiten. So setzten die Hyperzeller, obwohl sie sich äußerlich und in ihrem Verhalten so ausgeprägt von Tieren und Pflanzen unterscheiden, in ganz analoger Weise die Bildung von Arten fort.

In der zweiten Evolutionsphase wird jedoch die artgleiche Evolution überwunden, d.h. jeder einzelne Hyperzeller kann Ursprung eines vollkommen andersgearteten Hyperzellers werden. Dies ist möglich, weil sich die Arten nicht mehr über das Genom fortpflanzen, sondern über Sprache und Schrift, z.B. durch Anleitungen für die Schuhherstellung.

Die Hyperzeller leben von dem Bedarf anderer Hyperzeller, d.h. ihre Energiequelle ist der Absatzmarkt. Dabei sind der Vielzeller Mensch und der betreffende Hyperzeller nicht identisch. Der Tod des Hyperzellers, z.B. der Konkurs eines Schuhmachers, weil dieser Hyperzeller mangels Nachfrage von Schuhen „verhungert“ ist, greift nur in seltenen Ausnahmefällen auf seine menschliche Keimzelle über, die ihrerseits verhungern könnte. Als einziges Lebewesen überhaupt kann der Mensch seinen Leistungskörper – oder anders gesagt, kann sich der Hyperzeller – nach Belieben verändern und den Gegebenheiten anpassen. Ein weiterer evolutionärer Sprung, auf dem vor allem der ungeheuerliche evolutionäre Erfolg der Hyperzeller beruht, ist, daß der Hyperzeller, mit Hilfe des zusätzlichen Organs „Geld“, mit einer einzigen Spezialleistung, z.B. die Herstellung von Schuhen, an die Produkte aller anderen Spezialleistungen herankommen und mit ihnen seinen eigenen Leistungskörper, seinen „Berufskörper“ ergänzen kann.

Die vierte Art von Energon ist der Hyperzeller höherer Integration, die Erwerbsorganisation. Dazu schreibt Hass:

Ebenso, wie vor mehr als einer Milliarde Jahren manche Arten von Einzellern dazu übergingen, größere, vielzellige Lebewesen zu bilden, kam es auch bei den Hyperzellern zur Bildung von größeren, auf gemeinsame Aufgaben ausgerichteten Erwerbsorganisationen. Und ähnlich, wie im vielzelligen Körper die Zellen größere, leistungsfähigere Organe aufbauen – zum Beispiel die aus vielen Zellen bestehenden Flossen, Augen und Knochen –, so bestehen auch in den größeren, von Tausenden von Hyperzellern gebildeten Lebenskörpern „Abteilungen“, die auf bestimmte Aufgaben ausgerichtet sind, in Wirtschaftsunternehmen etwa die aus zahlreichen Hyperzellern gebildete Betriebsleitung samt ihren ausführenden Organen, die Produktionsabteilung, die Verkaufsabteilung und andere.

Zentrum des Berufskörpers ist stets ein einzelner Mensch, während Unternehmen und Staaten überindividuell organisiert sind, so daß auch der Eigentümer ersetzbar ist und Menschengruppen zum Zentrum werden können. Im Gegensatz zum Berufskörper wird der Mensch in der aus Berufskörpern aufgebauten Erwerbsorganisation zur ersetz- und austauschbaren Einheit.

Mit der Erwerbsorganisation hat sich in der Evolution, Hass zufolge, endlich das Energon von der Last des „föderativen Aufbaus“ befreit. Zum Beispiel wurde vorher jede Zelle mit dem Unterhalt eines eigenen Kraftwerkes, den Mitochondrien, belastet. Erst bei der Erwerbsorganisation ist jede erdenkliche Funktionszusammenfügung möglich geworden, z.B. benötigt nicht jeder einzelne Berufskörper einen eigenen Elektrogenerator. Damit ist die Erwerbsorganisation effizient wie kein Energon zuvor. Die Erwerbsorganisationen stellen den nicht weiter zu steigernden Höhepunkt der Evolution dar. Sie sind die größten Organismen überhaupt und könnten theoretisch die Ausmaße einer ganzen Galaxie annehmen. Doch trotz dieses quantitativ unbegrenzten Wachstums haben mit ihnen die Energone doch den nicht überschreitbaren qualitativen Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht, denn eine Vereinigung von Erwerbsorganisationen wäre doch nur eine weitere Erwerbsorganisation.

Uns, die wir in solchen Erwerbsorganisationen arbeiten, ist es praktisch unmöglich zu erfassen, daß es sich um Organismen handelt. Einem Einzeller, z.B. einem Weißen Blutkörperchen, müßte es, hätte es Bewußtsein, genauso widersinnig vorkommen, den Menschen, in dem es steckt und dessen integraler Bestandteil es ist, als einen Organismus zu betrachten. Wir sind abhängig von unserem beschränkten perspektivischen Blick, den wir erst mit Hass‘ Energontheorie überwinden können.