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24. September 2019

Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen

19. Mai 2019

 

Paul Mathews:
Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen

 

Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen (Teil 5)

25. Juni 2018

 

Paul Mathews: Der biologische Rechenfehler und die gegenwärtigen Probleme des Menschen

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.i.

4. Mai 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

d. Der bioenergetische Hintergrund der Klassenstruktur

e. Die Illusion vom Paradies und die zwei Arten von „Magie“

f. Die gesellschaftlichen Tabus

g. Animismus, Polytheismus, Monotheismus

h. Dreifaltigkeit

i. „Ätherströme“, Überlagerung und gleichzeitige Wirkung

Christentum und die Biologische Revolution (Teil 1)

22. September 2015

Zum Beispiel heute im IC: eine Blonde, leicht ins Rötliche gehend, „nordischer“ kann man gar nicht sein, mit einer Goldkette um den Hals, – an der ebenfalls in Gold der afrikanische Kontinent hing. Sie war mir vorher, d.h. bevor mir die Kette ins Gesicht gesprungen war, aufgefallen, weil sie den Neger, der Snacks verteilte und zu dem sie zu keiner Zeit Blickkontakt hatte, d.h. vollkommen anlaßlos, so auffallend wohlwollend und freundlich angeschaut hatte. Es ging nicht um seine Person, sondern einzig und allein um seine Rasse! Hitler, bzw. der Kampf gegen Hitler, hat uns dazu gebracht alles Eigene zu verachten und zu hassen und alles Fremde auf rassistische Weise, d.h. ohne das Individuum zu sehen, zu verehren und zu lieben.

Diese Perversion geht jedoch tiefer. Wir sind so, weil wir Christen sind, d.h. „dem Fremden“ unser letztes Hemd geben.

Es wird fast universell verkannt, daß Giordano Bruno ein Todfeind des Christentums im allgemeinen und von Jesus Christus im besonderen war. Die Angriffe Brunos gegen Jesus Christus treten nirgendwo deutlicher hervor als in jener Passage eines seiner Dialoge, die auf die Frage Neptuns, was mit Orion (Brunos Name für „Christus“) geschehen solle, folgende Antwort des Momus wiedergibt:

Dieser versteht es ja, allerlei Wunderwerke zu verrichten, und wie Neptun weiß, kann er über die Wogen des Meeres hinwandeln, ohne einzusinken, ja ohne sich die Füße zu benetzen, und deshalb wird er auch noch viele andere schöne Kunststücke aufführen können; so laß uns ihn unter die Menschen senden und diesen durch ihn begreiflich machen, was uns irgend gut und genehm anmutet, indem er sie glauben läßt, daß weiß schwarz ist, daß der menschliche Verstand, gerade wo er am Klarsten zu sehen glaubt, nur Blindheit, daß demnach alles, was der Vernunft vortrefflich, gut oder als das Beste erscheint, nur gemein, verwerflich und äußerst böse ist, daß die Natur nur eine feile Dirne, das Naturrecht nur eine Schurkerei ist, daß Gott und die Natur niemals zu ein und demselben Endzweck zusammenwirken können und daß die Gerechtigkeit der einen nicht der Gerechtigkeit des andern untergeordnet, sondern ganz und gar entgegengesetzt ist wie die Finsternis dem Licht“ (Vertreibung der triumphierenden Bestie, übersetzt von L. Kuhlenbeck, 2. Aufl., Leipzig 1904, S. 242; z.n. Jochen Winter: Giordano Bruno. Eine Einführung, Düsseldorf: Parerga, 1999, S. 116).

Ein härterer und kompromißloserer Angriff auf das Christentum ist kaum denkbar! Bruno wirft Jesus und dem Christentum vor, das Naturrecht negiert, die natürliche Ordnung auf den Kopf gestellt und sich damit gegenüber Gott versündigt zu haben, der sich in der Natur offenbart. Tatsächlich hat sich das Christentum immer wieder als Verhängnis für alles Gute, Wahre und Schöne erwiesen, da es jede natürliche Regung, etwa das eigene Territorium gegenüber anstürmenden „Hilfesuchende“ zu schützen, negiert und in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Oder wie jetzt der katholische Bischof Franz-Josef Overbeck gesagt hat: „Deutschland darf nicht für Selbstbehauptung stehen!“

Für Nietzsche war das Christentum ein fluchwürdiger Pesthauch aus der Hölle: „Dächte man sich das Christentum, in seiner ganzen Stärke aufgefaßt, als herrschend, dächte man sich, daß keine Kräfte dagegen wirken, so würde es in kurzer Zeit den Untergang des Menschengeschlechts herbeiführen“ (Studienausgabe Bd. 9, S. 76). Man mache das Fernsehen an und man wird sehen, daß Nietzsche ein Prophet war! „Wir finden im Gefolge des Buß- und Erlösungstraining (…) jene todsüchtigen Massen-Delirien, deren entsetzlicher Schrei ‚evviva la morte‘ über ganz Europa weg gehört wurde (…)“ (Studienausgabe Bd. 5, S. 391f). Im christlichen Gott sieht er „das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heiliggesprochen!“ (Studienausgabe Bd. 6, S. 185). Man geht zum Hauptbahnhof und klatscht verzückt Beifall, wenn die Vernichtung des eigenen Volkes aus den Zügen steigt – und Margot Käßmann lächelt milde, weil das gesellschaftliche Immunsystem ausgeschaltet ist…

Das Christentum ist eine verhängnisvoll mißglückte Biologische Revolution:

Reich hat die Psychoanalyse als den Vater und den Marxismus als die Mutter der Sexualökonomie bezeichnet. Beide Doktrinen beinhalten eine radikale Kritik der Religion, die als Herrschaftsinstrument entlarvt wird. Aber ausgerechnet beim Christentum, bzw. bei Jesus zielt diese Kritik ins Leere.

Es ist gerade Jesus, der die schwere Last des Vaters, das Über-Ich, von den Menschen nehmen will:

Ihr plagt euch mit den Geboten, die die Gesetzeslehrer euch auferlegt haben. Kommt doch zu mir; ich will euch die Last abnehmen! Ich quäle euch nicht und sehe auf keinen herab. Stellt euch unter meine Leitung und lernt bei mir; dann findet euer Leben Erfüllung. Was ich anordne, ist gut für euch, und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last. (Mt 11,28-30)

Für Jesus ist Gott „mehr ein Geschehen als ein Sein, mehr eine Bewegung als ein Begriff, mehr Wille als Idee, und eben dieser göttlichen Dynamik entspricht der geheimnisvolle Wachstumsprozeß zwischen Aussaat und Ernte“ auf den Jesus in seinen Gleichnissen anspielt (Heinz Zahrnt: Jesus aus Nazareth, München 1987).

Und was nun den Marxismus betrifft, möchte ich nur Ernst Bloch zitieren:

Als Menschensohn, als herrschaftsfreier Mensch, ist Jesus Atheist. Jesus ist der Mensch, der den autoritären Himmelsgott entthront und sich an die Stelle Gottes setzt. Die Wiederkunft des Menschensohns Christus ist die Heraufkunft des neuen Menschen, der sich von Gott und allen anderen Herren befreit hat. Der Menschensohn und Mensch ersetzt den Herrengott. (z.n. Horst Georg Pöhlmann: Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988)

Ein Gutteil dieser ursprünglichen, „anarchokommunistischen“, libertinistischen Lehre Jesu, hat wohl die gnostische Sekte der Karpokratianer noch einige Zeit am Leben erhalten können. Hierzu verweise ich auf den marxistischen Artikel von Karl Muster unten.

THEOLOGIE – SPOTET IHRER SELBST UND WEISS NICHT WIE
Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie Band I, Heft 3, 1934

Äußerungen, wie die folgende stehen in der Antike nicht vereinzelt da (vgl. Platon Staat, Aristophanes Ekklesiazusen). Erinnerungen an das mutterrechtliche Zeitalter, das ja noch gar nicht so lange verflossen war, mögen in ihnen mitgeschwungen haben. Doch derartige Kritiken an Eigentums- und Sexualordnung mußten Utopien bleiben, da die antike Produktionsweise die Herausbildung eines Proletariats als seiner geschichtlichen Rolle bewußter Klasse nicht gestattete.

Epiphanes, der Sohn des Häretikers Karpokrates, so berichtet der Kirchenvater Clemens Alexandrinus (Stromateis Buch 3, Cap. 2, verfaßt etwa 190 n.Chr.) schreibt in seinem Buch „Über die Gerechtigkeit“:

Die Gerechtigkeit Gottes ist eine Art Gemeinschaft mit Gleichberechtigung. Denn gleichmäßig und nach allen Seiten hin ausgespannt umfaßt der Himmel im Kreise die Erde, gleichmäßig zeigt die Nacht die Gestirne. Und die Sonne, die den Tag bewirkt und das Licht zeugt, … sehen alle gemeinsam, da Gott darin nicht Reich und Arm, Volk und Fürsten, Unbesonnene und Besonnene, Frauen und Männer, Freie und Sklaven unterschieden hat …
Die Gesetze der Menschen aber konnten die Unwissenheit nicht bändigen und lehrten Unrecht tun. Die Beschränkung durch die Gesetze zerschnitt und zernagte die Gemeinschaft. Das „Mein“ und das „Dein“ ist durch das Gesetz hereingekommen, da die Menschen nicht mehr zu gemeinsamen Genuß von Erde und von Besitz Gebrauch machen konnten und auch nicht mehr von der Ehe.
Denn gemeinsam für alle hat Gott die Weingärten gemacht, die keinen Sperling und keinen Dieb abweisen. Doch der Rechtsbruch an der Gemeinschaft schuf den Dieb an Vieh und Früchten …
… Die Aber so gezeugt sind, verleugnen die Gemeinschaft, der sie ihre Geburt verdanken und sagen: Wer eine Frau genommen hat, soll sie besitzen – wo doch alle an ihr teilnehmen könnten, wie bei den übrigen Lebewesen …
Daher: Wie lächerlich ist das Wort des Gesetzgebers von: „Du sollst nicht begehren“ angefangen bis zu dem noch lächerlicheren „alles was Deinem Nächsten gehört.“ Denn derselbe, der die Begierde als etwas Angeborenes gab, befiehlt nun, daß wir uns ihrer entledigen sollen, wo er sie doch keinem Tier wegnimmt. Doch dies „Deines Nächsten Weib“ zwingt die Gemeinschaft in die Vereinzelung und ist darum noch lächerlicher.

Unser Kirchenvater ist natürlich auf’s tiefste empört über die Ketzerei, mit der hier die theologische Betrachtung durch ihre eigenen Widersprüche ad absurdum geführt wird. Auch ist er sogleich mit einem Bericht über den wahllosen Geschlechtsverkehr bei der Hand, der die Gelage der Karpokratianer angeblich abschließe. Also: Wer die herrschende Sexualordnung angreift, der predigt und praktiziert „das sexuelle Chaos“: Im zweiten Jahrhundert genau wie im zwanzigsten. Wahr wird er wahrscheinlich damals so wenig gewesen sein wie heute.

Jesus war ein gewissenloser Libertinist, ein antinomistischer Nihilist wie nur LaMettrie oder Max Stirner. Dazu gehörten z.B. Amalrich von Bena (um 1200) und die „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ (13. und 14. Jahrhundert), des weiteren die „Reformation der Reformation“, wie z.B. Sebastian Franck (1499-1543). Sie lehnten die 10 Gebote und alle kirchlichen Institutionen ab. Wahre Christen bräuchten kein Gesetz.

Jesus war kein Jude mehr, sondern Sohn des Menschen. Alfons Rosenberg (Jahrgang 1902) der, nachdem er 1935 in die Schweiz geflüchtet war, 1942 vom Judentum zu Christentum übertrat, legt dies in seinem Fragment Jesus der Mensch (München 1987) eindringlich dar. Jesus befreite sich vom Judentum als Menschensohn, den Jesus

weder nur innerlich noch nur eschatologisch verstanden wissen wollte, sondern ontologisch. Er muß gespürt haben, daß in ihm die lebendige Substanz, der göttliche Kern des Menschseins durch alle Schalen durchgebrochen ist (…) Wie begreiflich ist es, daß einem so fremden, unbegreiflichen Wesen gegenüber die einen zwar in Erstaunen, die anderen aber in Furcht und Zorn gerieten. Wie kann es da anders gewesen sein, als wie Johannes sagt: „Er kam in das Seine, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ (Joh 1,11)

Ein gläubiger Jude könnte jetzt mit Recht einwenden, der Kern des Judentums sei das Gebot der Nächstenliebe und alles andere nur sekundärer Zusatz – und das sei ja auch die Meinung des frommen Juden Jesus gewesen, der sich dabei ausdrücklich auf die Thora berufen hätte (Mt 22,34-40). Der Witz bei der Sache ist nur, daß dies die einzige Stelle in den Evangelien ist, wo Jesus überhaupt von Nächstenliebe spricht!

Paulus ist derjenige, der ständig von ihr predigt. Jesus gibt nur die pharisäische Lehrmeinung von sich – und das war’s dann auch schon. Auf die Frage seiner Jünger nach den Speisevorschriften, Fasten, Beten und dem Gebot des Almosengebens, antwortet Jesus lapidar: „Lügt nicht, und tut nicht was ihr haßt!“ (Th 6). Demgemäß paßt auch das Hauptgebot seine Mitmenschen so zu lieben, wie man sich selbst liebt, einfach nicht zu seiner frohen Botschaft der Freiheit – die uns frei macht unsere Mitmenschen zu lieben – eben weil wir nicht mehr verpflichtet sind, „Liebe“ zu heucheln.

Wie der Gott Stirner in Der Einzige und sein Eigentum (Reclam, S. 324) schrieb:

Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber ich liebe sie mit dem Bewußtsein des Egoismus; Ich liebe sie, weil die Liebe Mich glücklich macht, Ich liebe, weil Mir das Lieben natürlich ist, weil Mir’s gefällt. Ich kenne kein „Gebot der Liebe.“

Hier spricht Christus! Man hat sich oft darüber lustig gemacht, daß Stirner sein Buch, „das extremste, das wir überhaupt kennen“ (F.A. Lange), ausgerechnet seinem „Liebchen“ Marie gewidmet hat, so als wäre die Liebe nicht die letzte Konsequenz des Einzigen. Das werden „gute Menschen“ wie Paulus oder Erich Fromm mit ihren widerwärtigen „Hoheliedern der Liebe“ (1 Kor 13) nie verstehen.

Die letzte Konsequenz des Gebots der Nächstenliebe ist der Haß. Das wird jeder bestätigen, der Opfer dieser Art von „Liebe“ geworden ist, etwa Menschen, die katholische Heimerziehung genossen haben. Genauso ist auch die affektierte „Liebe“ der weitaus meisten Pärchen nichts weiter als Haß, Angst und Verachtung (E.F. Baker).

Nach 5000 Jahren moralischer Bearbeitung des Menschen ist die Welt eine einzige große Hölle, die sich mit jedem Gebot weiter verfinstert. Es geht nicht um bessere Gesetze, bessere Ideologien oder bessere Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller konservativen und „fortschrittlichen“ Ideologien und Religionen. Es geht um das Überflüssigmachen aller Moral, aller Ethik und aller Sittlichkeit. Selbst ein „guter Mensch“ wie Alfons Rosenberg hat hier Jesus teilweise verstanden, wenn er schreibt:

Indem Jesus feststellte, daß ein Teil, pars pro toto, des jüdischen (…) Gesetzes nur Menschenwerk sei, hat er das ganze System fragwürdig gemacht. Eine solche Relativierung muß aber unweigerlich (…) auch zur Relativierung der „Religion“ schlechthin führen. Dies betrifft auch jene „Religion“, die in seinem Namen (…) geschaffen wurde (…)

Fragen wir doch, warum sich denn ausgerechnet die Botschaft Jesu im von religiösen Angeboten übersättigten Römischen Reich hat durchsetzen können. Weil es eine Botschaft der Befreiung war! Die „Frohe Botschaft“, die den Menschen aus dem spätantiken Schicksalsglauben befreite. Von Astrologie und Magie, die jede Lebensäußerung zu ersticken drohte. Genauso wie es bei den Juden „das Gesetz“ tat. Das Christentum befreite von derartigen „gesetzlichen“ Verstrickungen. Dies erklärt zum Teil auch heute noch die Missionserfolge in Weltgegenden wie z.B. Zentral-Neuguinea, wo die Menschen von Dämonenglauben, Stammessatzungen und Tabus geradezu zerdrückt werden.

In dieses alles zermalmende Räderwerk schien das befreiende Licht Christi und verkündete, daß kein Schicksal, keine Gestirne, kein Gesetz, kein Karma uns bindet, denn Gott ist unser unmittelbarer Vater, der uns bedingungslos auch ohne Opfer und gute Taten annimmt. Wir sind frei. In der Reformation bahnte sich dies Licht dann einen breiteren Weg, der unmittelbar zur eigentlichen Aufklärung führen sollte. Und gerade heute, 200 Jahre später, wo das Mittelalter und das Schicksal wieder an die Tür klopfen, ist die Frohe Botschaft aktueller denn je.

Zuerst löst sich Jesus radikal von seinen Familienbanden (Mt 12,46f), er überwindet die „Familitis“ (Reich). Danach befreit er sich von der „Sozialistis“ (Reich), transzendiert sein Menschentum und wird er selbst. Dies ist auch schon daran ersichtlich, daß Jesus vielleicht als erster das Individuum entdeckt hat. Dazu schreibt der Theologe Pfarrer Horst Georg Pöhlmann:

Wie sehr Jesus den Einzelmenschen aufgewertet hat, erhellt sich nicht nur aus seiner Parteinahme für die Ausgestoßenen der Gesellschaft, sondern auch aus seiner Unabhängigkeit von seiner Sippe und Verwandtschaft (Mk 3,31-35). Im damaligen Judentum hatte der Mensch nur einen Stellenwert als Glied seiner Sippe, von der er in allem abhängig war. Man könnte fast sagen: Jesus hat den Einzelnen entdeckt. Wenn er eine Gruppe gegründet hat, dann nicht als Kollektiv, sondern als Gemeinschaft unverwechselbarer Einzelner. (Wer war Jesus von Nazareth?, Gütersloh 1988, S. 97f)

Dazu muß man sich sein Umfeld vergegenwärtigen:

Der Mensch (…) wird in der hebräischen Anthropologie so sehr in seine Gemeinschaften einbezogen gesehen, daß höchstens der Sippe oder dem Volk als Groß-Ich das Prädikat „Person“ zugeschrieben werden kann. Erst in der neutestamentarischen Religion wird der Kollektivbezug der Religion völlig gebrochen und insofern jedes Individuum vor Gott zur Person. (Reclams Bibellexikon, Stuttgart 1978)

Dies erklärt auch die Renaissance des Christentums in Osteuropa und die geradezu sensationellen Missionserfolge im konfuzianischen Korea, neuerdings auch in China und sogar in islamischen Ländern wie dem Iran.

Vergleicht man alle Hochkulturen miteinander, wird man feststellen, daß ausschließlich im christlich geprägten Abendland das Individuum sich emanzipiert hat. Nur hier hat es so etwas wie die Reformation und die Aufklärung gegeben. Hier finden wir die Phylogenese von Max Stirners „Einzigen“. Und deshalb macht es auch einen tiefen Sinn, daß unsere Zeitrechnung mit Jesus anfängt. Diese Zeitrechnung hat eine ähnliche Bedeutung, wie jene, die vor 200 Jahren die französischen Revolutionäre einsetzen wollten. Damit will ich sagen, daß wir nicht nur den 200sten, sondern auch den 2000sten Jahrestag der Revolution feiern: Wir feiern sozusagen den Geburtstag von Stirners „Einzigem“!

Wir könnten den Geburtstag des Einzigen feiern, hätte man nicht alle wahren Christen als Ketzer verfolgt und wären nicht in der Neuzeit die einzig wahren Aufklärer (LaMettrie, Stirner, Reich) in Acht und Bann getan worden. Hören wir, wie nah sich doch die wahren Christen und die wahren Aufklärer stehen:

In seinem Buch der Ketzer (Frankfurt 1962, S. 223) beschreibt Walter Nigg das Denken der mittelalterlichen Sekte der „Brüder und Schwestern des freien Geistes“ wie folgt:

Der Christ müsse Gott werden wollen, und dann werde er zuletzt auch wie Gott. Wenn der Mensch aus der Äußerlichkeit in die Innerlichkeit sich wendet, Gott und Gottes willen läßt, dann wird er Gott gleich, Gottselbst und bedarf Gottes nicht mehr; dann ist er auch über die Liebe hinausgekommen und hat den Zustand erreicht, in welchem Gott alles in ihm wirkt. (…) Nach Auffassung der gottleidenden Menschen ist der Christ bei der Erreichung dieser Stufe über alle Verdienste der Heiligen und Marias hinausgelangt und hat sogar Christus übertroffen.

Schon auf der Erde habe er den vollkommenen Zustand der Auferstehung und die absolute Freiheit erlangt.

In seinem „Gegenwort eines Mitgliedes der Berliner Gemeinde“ (Parerga) meinte fünf Jahrhunderte später Max Stirner weit weniger radikal:

Gott ist der Mensch, das ist die Lehre Christi; wer sich selbst ganz besitzt, wer in das Heiligtum seines eigenen Wesens eingedrungen, wer bei sich ist, der ist beim Vater.

Und weiter:

Erkennt euch, so erkennt ihr Gott und die Welt, liebt euch, so liebt ihr alle, sucht euch, so sucht ihr Gott, habt euch, so habt ihr alles, trachtet im höheren Sinn zuerst nach euch, so fällt euch alles andere zu. Nichts ist euch so verborgen, als ihr euch selbst, nichts kann euch aber auch so offenbar werden, als euer Selbst und auch darin offenbart sich Gott eurem suchenden Geiste.

Übrigens meint auch der Neutestamentler Herbert Braun, daß der, der sich annimmt, damit gleichzeitig auch Gott annimmt (Jesus der Mann aus Nazareth, Gütersloh 1988, S. 129).

Bei der Gleichsetzung des eigenen Selbst mit Christus steht Stirner in einer deutschen Tradition zwischen Goethe und Nietzsche. So schreibt Goethe 1787 aus Rom

mit einer Anspielung auf Lukas [2,49] die wieder einmal, wie früher ähnliche Stellen in der Umgebung des Werther, auf einen leisen Versuch, sich Christus gleichzusetzen, schließen läßt: „So lebe ich denn glücklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist.“ (Emil Staiger: Goethe, Bd. 2, Zürich 1962)

Und wenn Nietzsche alle Werte umwertet, tut er dies mit der gleichen „unerhörten Souveränität“, mit der Jesus in der Bergpredigt Gottes Gebote aufhebt: „Gebote Gottes aufheben kann nur einer, der mit Gott identisch ist“ (Pöhlmann, S. 28).

Die Rolle des Beobachters in der Quantenphysik (Teil 1): eine Ergänzung zu „Orgonometrie (Teil 1): Kapitel VII.4.f.“

6. September 2015

Im folgenden wollen wir uns die Aufhebung der Trennung zwischen Forscher und Forschungsobjekt anhand der Seinsbestimmung „Bewegung“ vergegenwärtigen. Dazu wenden wir uns Zenons Paradoxon, dem Anfang aller Philosophie im 6. Jahrhundert v.Chr., zu: Versuche ich mir einen Pfeil im Pflug vorzustellen, verharrt er im Zeitpunkt meiner Betrachtung im Vorstellungsraum. Wenn der Pfeil aber in jedem Moment ruht, kann er sich ja unmöglich bewegen.

Nach den Gesetzen der formalen Logik schließen sich das „Hiersein“ und „Dortsein“ einerseits und das „Nirgendsein“ der Bewegung andererseits aus. Aus der Konstatierung dieses Widerspruchs entwickelte sich die Platonische Philosophie von der Trennung zwischen der Welt des absoluten Seins (Subjekt) und der illusorischen Welt des Werdens und Vergehens (Objekt). Erst Hegel und die Quantenphysik (ohne daß sich m.W. bisher ein Quantenphysiker auf Hegel berufen hätte) sollten nach mehr als 2000 Jahren diese widersinnige Trennung wieder aufheben.

Die klassische Dialektik bildete sich am ungelösten Paradoxon Zenons aus. Hegel schuf seine Dialektik, indem er das Paradoxon auflöste. Hegel:

Daß die Dialektik zuerst auf die Bewegung gefallen, ist eben dies der Grund, daß die Dialektik selbst diese Bewegung oder die Bewegung selbst die Dialektik alles Seienden ist.

Damit will Hegel sagen, daß der Geist, der sich in einen Widerspruch verfängt, wenn er versucht die Bewegung als etwas zu erfassen, was ist, zu sich selber aber damit gleichzeitig zur objektiven Bewegung außerhalb seiner selbst findet, sobald er die formale Logik überwindet. So erkennt er, daß die Bewegung „der Begriff der wahren Seele der Welt“ ist; „wir sind gewohnt sie als Prädikat, Zustand anzusehen, aber die ist in der Tat das Selbst, das Subjekt als Subjekt, das Bleiben eben des Verschwindens.“ Durch die Betrachtung der Bewegung und durch die Aufhebung des Widerspruchs, der aus dieser Betrachtung erwächst, wird dem Geist gewahr, daß er selbst eins mit der Bewegung, der „wahren Seele der Welt“ ist. Das leistet der Geist, indem er den Widerspruch von These und Antithese in der Synthese aufhebt. Das kann er aber nur, weil diese Dialektik das Wesen der Bewegung selbst ist. Fast das Gleiche hat Reich orgonometrisch wie folgt ausgedrückt:

Ich habe hier das „fast“ unterstrichen, weil Hegel grundsätzlich nur zu Begriffen vorzudringen in der Lage war. Wie Jacob Meyerowitz in einer entsprechenden orgonometrischen Analyse aufgezeigt hat, war Hegel in den Gesetzen reiner Gedankentätigkeit verfangen und paßte sein Denken nicht der funktionellen Entwicklungsrichtung der Natur an (Before the Beginning of Time, Easton, Pennsylvania 1994). Weil also auch Hegel letztlich die Natur vergewaltigte, konnte er Zenons Paradoxon nicht wirklich gänzlich auflösen. Dies kann erst die Orgonometrie leisten.

Innerhalb der Orgonomie kann die Hegelsche Dialektik für sich eine eingeschränkte Gültigkeit beanspruchen, da sie die triadische Denkstruktur und die funktionelle Identität von Subjekt und Objekt beinhaltet. Ähnliches gilt für die Quantenphysik, weil sie die Welt sich in fortwährenden Bifurkationen entfalten läßt und weil sie die Trennung zwischen Beobachter und Beobachtungsobjekt überwunden hat.

Um dies nachvollziehen zu können, müssen wir zum Doppelspaltversuch zurückkehren und das Verhalten mehrerer einzeln durch den Versuchsaufbau fliegender Elektronen untersuchen. Dabei sehen wir, daß sich jedes einzelne Elektron wie eine kontinuierliche mit sich selbst interferierende Welle verhält, die durch beide Spalten gleichzeitig fliegt. Sind wir aber neugierig und prüfen, durch welchen der beiden Spalten das unteilbare Elektron jeweils dringt, verhält sich das Elektron ganz gemäß unserer Herangehensweise wie ein diskontinuierliches Teilchen und bildet kein Interferenzmuster aus. Faktisch ist das Zenons Paradoxon vom Vorstellungsraum in den physikalischen Raum übertragen: Beobachtung läßt fließendes und ineinandergreifendes Funktionieren erstarren. Der Quantenphysiker spricht hier vom „Kollaps der Wellenfunktion“ durch Beobachtung.

Reich in der Platonischen Akademie (Teil 1)

28. April 2013

In seinem neuen Buch Time Reborn stellt der theoretische Physiker Lee Smolin das Platonistisch/Einsteinsche Diktum in Frage, daß die Zeit eine Illusion sei und er kommt dabei zu einer Argumentation, die weitgehend identisch mit der Reichs ist. Smolin:

Die Zeit ist entscheidend und die Wirklichkeitserfahrung, die wir alle haben, in der Gegenwart zu sein, ist keine Illusion, sondern die tiefste Einsicht in den grundlegenden Charakter der Wirklichkeit.

Anfangs habe er wie die meisten seiner Kollegen angenommen, die Zeit sei nur subjektiv, eine Illusion. Doch „im Laufe der Zeit“ gewann er die Überzeugung, daß die Zeit etwas Reales ist und sogar der Schlüssel sein könnte, um die Naturgesetze zu verstehen. Diese seien nämlich nicht etwas Absolutes und Unveränderliches, quasi Platonistische Ideen, sondern würden sich „im Laufe der Zeit“ entwickeln.

Überlegungen über den Charakter der Zeit sind alles andere als abgehobene Spitzfindigkeiten theoretischer Physiker. Smolin:

Wenn ich glaube, daß die Zukunft bereits festgelegt ist, dann sind die Dinge, die das Wertvollste des Menschseins ausmachen genau wie die Zeit selbst eine Illusion. Wir streben doch nach Entscheidungen im Leben. Das ist ein wertvoller Teil unseres Menschseins. Wenn das das wirklichkeitsgerechte metaphysische Bild ist, daß es nur Atome gibt, die sich in der Leere bewegen, dann wird es niemals etwas neues geben und nichts wird jemals eine Überraschung sein — es ist nur die Neuordnung von Atomen. Das geht mit einem Verlust von Verantwortung, sowie einem Verlust der menschlichen Würde einher.

Jedem Physikstudenten werden von vornherein zwei Dinge ausgetrieben: das Vertrauen in seinen natürlichen Sinn für Logik und in die eigenen Sinne. Nur mit Hilfe dieser Platonistischen Didaktik, und einer wohlorganisierten Inquisition, konnte die Relativitätstheorie überleben. Die Gründe dafür, daß sich Einstein durchsetzen konnte (mit all den unausdenkbaren ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen, die die Zerstörung der physikalischen Wissenschaften zeitigte) hat nichts mit Physik zu tun, sondern ist der irrationalen menschlichen Charakterstruktur zu schulden. Die einzige Funktion der Relativitätstheorie bestand darin, das Universum in eine leblose Wüste aus mathematischen Formeln zu verwandeln. Oder wie Reich es ausdrückt:

Einstein gelang es, die erste Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts zu beeindrucken, gerade weil er den Raum leer gemacht hatte. Den Raum so zu entleeren, daß das ganze Weltall zu einem statischen Nichts wurde, war die einzige Theorie, die die wüstenhafte Charakterstruktur des Menschen dieses Zeitalters befriedigen konnte. Der leere, unbewegliche Raum und eine Wüsten-Charakterstruktur passen gut zusammen. Es war ein letzter Versuch von Seiten des gepanzerten Menschen, dem Wissen über ein mit Lebensenergie angefülltes Weltall zu widerstehen und zurückzuhalten, das in vielen Rhythmen pulsiert und sich ständig im Zustand der Entwicklung und Veränderung befindet; das in einem Wort funktionell ist und nicht mechanistisch, mystisch oder relativistisch. Es war, aus Sicht der Naturwissenschaft, die letzte Schranke vor dem endgültigen Zusammenbruch der Panzerung des Menschen. (American Odyssey, S. 248)

Smolins fast durchweg Platonistisch geprägte Kollegen haben gegen ihn ein scheinbar treffendes Gegenargument: das Dilemma des Meta-Gesetzes. Wenn nämlich physikalische Gesetze der Zeit unterliegen, muß es jenseits der Zeit ein „Meta-Gesetz“ geben, das diese Entwicklung steuert. Oder mit anderen Worten: die physikalischen Gesetze stehen doch über der Zeit!

Hier zeigt sich das ganze Elend des mechano-mystischen Weltbildes, d.h. einem Weltbild, das eine bizarre Kombination von „Atomen, die sich in der Leere bewegen“ und Platonistischer Philosophie ist, in der alles von überweltlichen statischen Ideen (Gesetzen) beherrscht wird. Diese Weltsicht ist unmittelbarer Ausdruck des Selbsterlebens des gepanzerten Organismus.

Was nun das besagte „Dilemma“ anbetrifft verschwindet dieses mit der Entdeckung des Orgons, denn damit wurde ein physikalischer Bereich jenseits „der Atome, die sich in der Leere bewegen“ entdeckt, der das mechano-mystische Weltbild aufsprengt:

widfunk

Das Geheimnis der Entropie

29. Juli 2012

Der Zustand der maximalen Entropie ist die ultimative Verkörperung dessen, was in der Orgonomie als „mechanisch“ bezeichnet wird. Es gibt keine Ordnung, keine Strukturen. Ein derartiger Zustand ist gar nicht so einfach herzustellen. Beispielsweise muß man Laboratorien für Unsummen ins Weltall schießen, um dem Ordnungsfaktor Gravitation zu entgehen.

Wirklich interessant wird es, wenn man einen anderen Störfaktor ausschaltet: die Wärmebewegung. Nähert sich die Temperatur dem absoluten Nullpunkt treten Phänomene auf, die allem zu widersprechen scheinen, was wir mit einem „entropischen Zustand“ verbinden. Ich habe das in Orgonenergie-Kontinuum und atomare Struktur beschrieben.

Man kann sogar diskutieren, ob die Annäherung an das thermodynamische Gleichgewicht von genau jenen quantenmechanischen Mechanismen abhängig ist, deren Nähe zu orgonphysikalischen Phänomen ich im verlinkten Aufsatz aufgezeigt habe. Oder mit anderen Worten: das Zweite Thermodynamische Gesetz bedarf der spontanen Orgonenergie bzw. ihren quantenmechanichen Äquivalenten. (Siehe dazu David Z. Albert: „The Foundations of Quantum Mechanics and the Approach to Thermodynamic Equilibrium“, The British Journal for the Philosophy of Science, 45, S. 669-677, 1994.) Man muß einen Satz von Spielfiguren oder Spielkarten sozusagen „erst durchschütteln“, bevor man mit dem Spiel anfangen kann, das darin besteht, aus maximaler Unordnung maximale Ordnung zu machen. Am Anfang steht also das „Druchschütteln“ – ein anentropischer Akt, an dessen Ende maximale Entropie steht, die dann nach und nach abgebaut wird.

Ein Äquivalent zu quantenmechanischen Prozessen am Rande des absoluten Nullpunkts sind gleichförmige Nanoteilchen: In der Studie „Predictive Self-Assembly of Polyhedra into Complex Structures“ von Sharon Glotzer (University of Michigan) et al. konnten, jedenfalls in der Computer-Simulation, Ansammlungen von verschieden geformten Nanoteilchen dazu gebracht werden sich spontan zu verschiedenen makrokosmischen Strukturen zusammenzufinden.

Sich selbst überlassen finden schwebende Teilchen zu Zusammenstellungen mit der höchsten Entropie zueinander. Diese Zusammenstellung entspricht dann der Vorstellung, daß Entropie mit Unordnung gleichzusetzen ist, wenn die Teilchen ausreichend Raum zur Verfügung haben: sie zerstreuen sich und weisen in zufällige Richtungen. Aber dicht zusammengepackt fingen [in der Simulation] die Teilchen an, sich zu Kristallstrukturen zusammenzufinden, so wie es Atome tun – auch wenn die Nanoteilchen keine chemischen Bindungen eingehen konnten. Diese geordneten Kristalle mußten ebenfalls hochentropische Zusammenstellungen sein.

Glotzer erklärt, daß das nicht wirklich „Unordnung ist, die aus sich heraus Ordnung erschafft“, vielmehr benötige das Image der Entropie ein Update. Sie beschreibt sie als ein Maß für Möglichkeiten. Wenn man die Schwerkraft abdrehen könnte und einen Beutel mit Würfeln in ein Glas entleerte, würden die einzelnen schwebenden Würfel in jede mögliche Richtung zeigen. Wenn man jedoch damit fortfahre Würfel hinzuzufügen, werde der freie Raum schließlich so begrenzt, daß die Würfel mehr Optionen hätten, wenn sie sich gegeneinander ausrichten. Dasselbe passiert mit den Nanoteilchen, die so klein sind, daß sie die Einwirkung der Entropie stärker erfahren als die der Gravitation.

„Es dreht sich alles um Möglichkeiten“, sagt Glotzer. „In diesem Fall erzeugen geordnete Zusammenstellungen die meisten Möglichkeiten, die größten Freiräume. Das ist natürlich kontraintuitiv.“

70 Prozent der in den Computerdurchläufen getesteten Formen für Nanoteilchen ergaben unter dem Einfluß der Entropie Kristalle. Wobei die Forscher geradezu geschockt waren, wie kompliziert einige dieser Kristallstrukturen waren. Mittlerweile ist es sogar möglich, aus der Form der einzelnen Nanoteilchen die Art der Kristalle vorauszusagen, die sich aus den Nanoteilchen bilden. Warum 30 Prozent der Nanoteilchen, die sich in ihrer Form kaum von den anderen Nanoteilchen unterschieden, keine kristallinen Strukturen ergaben, bleibe jedoch ein Rätsel.

Wie an anderer Stelle dargelegt, ist aus schulphysikalischer Sicht der Orgonenergie-Akkumulator die perfekte Einrichtung, um einen Raum von Umgebungseinflüssen physikalisch zu isolieren: ein Faradayscher Käfig mit zusätzlicher Wärmedämmung. Mit Hilfe dieser „Abschirmung“ konnte Reich unerwartete Strukturen bzw. unerwartete Ordnung ausmachen, d.h. Energie akkumulieren. Entsprechende Phänomene beobachtet man, wenn man den Umwelteinfluß „Wärmebewegung“ gegen Null fährt oder, jedenfalls in der Computer-Simulation, die Freiheitsgrade von Nanoteilchen drastisch einschränkt, indem sie alle beispielsweise nur kleine Diskusse in einem beschränkten Raum sind. Statt einen amorphen „entropischen Brei“ zu bilden, zwingt die Entropie diese sozusagen „eingeschränkten“ Nanoteilchen zur Bildung von teilweise komplizierten Strukturen.

Sollten sich diese Erkenntnisse vom Computer in die Wirklichkeit übertragen, d.h. technologisch umsetzen lassen, hätten wir Materialien zur Verfügung, von denen kein Science-Fiction-Autor bisher auch nur träumen konnte!

Im übrigen erinnert mich das ganze fatal an die Atomtheorie der alten Griechen in Platons Fassung:

Im Timaios hat Platon um 350 v.Chr. die Ansicht vertreten, daß die vier „Elemente“, aus denen die Welt aufgebaut ist – Feuer, Wasser, Luft und Erde – alle aus winzigen Teilchen zusammengesetzt sind. Und da die Welt nur aus perfekten Bausteinen gemacht sein kann, so schloß er weiter, müssen diese Bausteine die Formen der regulären Körper haben. Zum leichtesten der Elemente, dem Feuer, muß das Tetraeder gehören. Als stabilstes aller Elemente muß die Erde aus Würfeln aufgebaut sein. Das Wasser ist flüssig und beweglich, also muß es aus Ikosaedern bestehen, dem regulären Körper, der am leichtesten rollt. Und in Bezug auf die Luft schreibt Plato: „…Luft verhält sich zu Wasser wie Wasser zu Erde“, so schließt er etwas mysteriös, „also muß Luft aus Oktaedern aufgebaut sein“.

Nietzsche und die Entwicklung des Menschen

15. November 2011

Der natürliche Mensch empfindet sich nicht als zu den Tieren gehörig. Was übrigens schon 1870 Nietzsche aufgefallen ist (Studienausgabe, Bd. 7, S. 102). Nietzsche fügt aber auch hinzu, der Mensch müsse sich durch die Illusion des Nichttierseins dem „Gesamtzweck des Weltwillens“ entziehen, denn nur im Wahn seiner Überweltlichkeit könne er Frieden finden. Diesen Wahn des gepanzerten Menschen hat Reich denn ja auch angegriffen und die Rückkehr zur Natur gepredigt. Nietzsche sagte 18 Jahre später aber auch: „Auch ich rede von ‚Rückkehr zur Natur‘, obwohl es eigentlich nicht ein Zurückgehen, sondern ein Hinaufkommen ist“ (Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen, A 48). Wie nahe Nietzsche der Vorstellung der Orgonomie kommt und wie gleichzeitig unendlich fern er ihr steht (da er primäre und sekundäre Triebe nicht ausreichend trennt), zeigt folgende Stelle aus Der Antichrist (A 3):

Nicht was die Menschen ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen ist das Problem … (– der Mensch ist ein Ende –): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren. Dieser höherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen, aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare – und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ

Als Stirnerianer und Nietzscheianer schrieb Reich 1920, der Mensch müsse sich aus seinen infantilen inzestuösen Bindungen lösen, genauso habe die ganze Menschheit in ihrer „geistigen Phylogenese“ die Reife des Mannes zu erlangen, der „er selbst“ ist, „wie es einzelnen Individuen in der Ontogenese tausendfach gelang“. Die Menschheit befinde sich also noch auf der „infantilen Stufe“ und der Fortschritt liege in der „phylogenetischen Reifung“ der Menschheit hin zur „geistigen Individualität“ (Frühe Schriften, S. 71).

Der Nietzsche-Interpret Walter Kaufmann setzt Nietzsches Willen zur Macht mit dem platonischen „Eros“ gleich (Psychoanalytiker haben das gleiche mit Freuds „Libido“ getan; siehe dazu auch Götzendämmerung, A 23). Nietzsche lasse keinen Zweifel daran, „daß dieser Trieb der Eros ist, der sich erst in der Selbstvervollkommnung erfüllen kann“ (Nietzsche, Darmstadt 1988, S. 298). Bei Reich ist diese Erfüllung identisch mit Genitalität, bei Nietzsche mit dem antiken „hedonistischen“ verfeinerten, andauernden Glück der Selbstüberwindung. Der erste Psychologe Nietzsche spricht hier von der Sublimation, wie sie später auch Freud verstand – die Reich dann durch sein Konzept der Genitalität ersetzte.

Nietzsches Meisterung des Chaos durch eine bezwingende Idee („Wille zur Macht“) wird durch Reichs Genitalität („Meisterung des prägenitalen Chaos“) aufgehoben, die wiederum dem Platonischen „Eros“ entspricht, d.h. dem Hingezogensein zu den perfekten schönen Gestalten der Ideenwelt. Doch hinter der übersinnlichen Wirklichkeit des Platon verbirgt sich etwas sehr sinnliches, das als Genitale Umarmung identisch ist mit dem allgemeinen Funktionsprinzip der Kosmischen Überlagerung und schließlich mit jener Ewigkeit, die sich am Höhepunkt des Tages, dem Platonischen „Großen Mittag“ Nietzsches, wenn die Sonne im Zenit steht und die Schatten verschwinden, aktualisiert. Erst Wilhelm Reich hat das mit Leben erfüllt, was, jedenfalls nach Kaufmans Einschätzung, die beiden größten Denker der Menschheit (Platon und Nietzsche) halbfertig – erdachten. kam Immerhin kam Nietzsche dem schon sehr nahe als er schrieb:

Die eigentlichen Epochen im Leben sind jene kurzen Zeiten des Stillstandes, mitten innen zwischen dem Aufsteigen und Absteigen eines regierenden Gedankens oder Gefühls. Hier ist wieder einmal Sattheit da: alles andere ist Durst und Hunger – oder Überdruß. (Der Wanderer und sein Schatten, A 193)

Was sekundäre Triebe betrifft entspricht die Nietzschesche Sublimation des Willens zur Macht, die zur aristokratischen Noblesse, menschlicher Größe und Gerechtigkeit führt, dem „Erkenne dich selbst“ aus Reichs Rede an den Kleinen Mann. Doch ansonsten steht Nietzsche sicherlich Freud näher als Reich, wie die Kapitelüberschriften des Hauptteils von Kaufmanns Buch zeigen:

Nietzsches Philosophie der Macht: „Moral und Sublimierung“, „Sublimierung, Geist und Eros“ und „Macht gegen Lust“

Nietzsche ging es wie Freud um Bändigung, Sublimierung und (im Sinne Hegels) Auf-Hebung der Natur, was wohl das Gegenteil der Unterdrückung der Natur ist, aber bei einer mangelnden Unterscheidung zwischen primären und sekundären Trieben doch darauf hinausläuft.