Posts Tagged ‘Soziobiologie’

Die psychische Dynamik ist auf individueller und sozialer Ebene identisch

24. August 2019

Dr. Charles Konia über die Tatsache, daß auf allen Funktionsebenen die gleichen orgonotischen Gesetzmäßigkeiten gelten.

Die psychische Dynamik ist auf individueller und sozialer Ebene identisch

Gesellschaften sind biologische Systeme

18. Juli 2019

Der amerikanische Psychiater Dr. Charles Konia über die Gesellschaft als Patienten:

Gesellschaften sind biologische Systeme

Orgonometrie (Teil 2): Kapitel 6.c.

16. April 2016

orgonometrieteil12

1. Zusammenfassung

2. Die Hauptgleichung

3. Reichs „Freudo-Marxismus“

4. Reichs Beitrag zur Psychosomatik

5. Reichs Biophysik

6. Äther, Gott und Teufel

a. Der modern-liberale (pseudo-liberale) Charakter

b. Spiritualität und die sensationelle Pest

c. Die Biologie zwischen links und rechts

Orgonomische „Soziobiologie“ (Teil 1)

25. Juni 2015

Wie in Die biologische, psychologische und soziologische Struktur des Menschen (Teil 1) dargestellt, gab es in der Evolution der Tiere eine alles entscheidende Weggabelung:

  1. ein Zweig der Hohltiere entwickelte sich zu den Vordermündern: Würmer, Mollusken, Krebse, Spinnen und Insekten;
  2. der andere Zweig der Hohltiere entwickelte sich zu den Zweitmündern: Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere.

Als Höhepunkte dieser zwei Entwicklungsreihen haben bei den Insekten (neben Wespen und Bienen) die Ameisen bzw. bei den Säugetieren die Menschen „biologische Organismen höherer Ordnung“ gebildet: den Ameisenstaat und die arbeitsdemokratische Gesellschaft (bzw. ihre degenerierten Abarten). Meines Wissens sind es auch die einzigen beiden Tierarten, die sich „Haustiere“ halten und „Landwirtschaft“ betreiben.

Der auffälligste morphologische Unterschied zwischen diesen evolutionären Grundalternativen ist der zwischen dem Außenskelet (Chitinpanzer) und dem Innenskelet. Oder kurz: Im Gegensatz zum Menschen ist die Ameise gepanzert. Darauf, daß diese Art von „Panzerung“ mit der des neurotischen Menschen funktionell identisch sein könnte, hat der medizinische Orgonom Charles Konia hingewiesen:

Die unverkennbare Gleichartigkeit zwischen der Bildung der Panzerung im Menschen und die Entwicklung einer somatischen Panzerung in niederen Organismen verlangt eine sorgfältige Untersuchung. (Journal of Orgonomy, May 1986)

Wird es von außen bedroht, kommt es bei jedem Tier zu einer vorübergehenden Panzerung. So ist die Panzerung letztlich die Abwehr von Schmerzen. Nur beim Menschen ist diese Art Panzerung chronisch geworden. In diesem Zusammenhang macht der Verhaltensforscher Hans Hass im ersten Band seiner Naturphilosophischen Schriften (München 1987) eine sehr interessante Anmerkung:

Bei Tieren mit starrem Außenpanzer hat Schmerzempfindung kaum einen biologischen Wert – demnach bildete sich auch keine solche aus. Besonders deutlich zeigen das die Insekten, wie aus einem oft wiederholten, brutalen Experiment hervorgeht: Schneidet man einer trinkenden Biene vorsichtig mit einer Schere den Hinterleib ab, dann bemerkt sie dies nicht, sondern trinkt weiter. Das Getrunkene fließt dann an der Schnittstelle heraus. Je mehr ungepanzerte und demnach verletzbare Teile ein Tier hat, um so wichtiger wird für dieses die Schmerzwahrnehmung, die dann reflexhaft Flucht, Abwehrverhalten oder Gegenangriff auslösen kann. Ganz besonders gilt das für den Menschen, der nicht wie seine Säugetierverwandten durch ein Fell, also durch einen Haarpanzer geschützt ist.

Wir sind sicherlich die schmerzempfindlichsten Tiere überhaupt, was zwar unsere Entwicklung gefördert hat (da wir Strategien zur Schmerzvermeidung entwickeln mußten), aber uns auch sehr leicht muskulärer Panzerung anheimfallen ließ. Geht man weiter davon aus, daß ein Mangel an „Empfindlichkeit“ funktionell identisch mit einem Mangel an „Empfindsamkeit“ – an Emotionen – ist, kann man durchaus behaupten, daß sich der gepanzerte Mensch in Richtung auf ein insektenartiges Wesen entwickelt – seine evolutionäre Bestimmung also denkbar weit verfehlt hat. Außerdem kann man wohl mit vollem Recht sagen, daß solche absolut empfindungslosen Insekten etwas „Roboterhaftes“ an sich haben.

Aus diesem besonderen Blickwinkel heraus wollen wir jetzt zunächst den historischen Anfang der sozialen Orgonomie, bzw. das Reich „politisierende“ Ereignis vom Juli 1927 in Wien betrachten. Reich hatte eine Arbeiterdemonstration beobachtet, bei der die Polizei völlig sinnlos in die Menge schoß:

Ich hatte (…) das Empfinden: „sinnlose Maschinen“, sonst nichts. Stupid, blöde, ohne Sinn und Vernunft, ein Automatismus (…) Maschinelle Menschen! Der Gedanke kam ganz klar und unwiderleglich. Er hat mich seither nie mehr verlassen. Er war der Keim aller späteren Untersuchungen über den Menschen im Staat. Ein solcher Maschinenbestandteil war ich im Krieg gewesen. Ich hatte genauso blind, auf Befehl, ohne Denken geschossen. „Knechte der Bourgeoisie“? Bezahlte Henker? Falsch!! Nur Maschinen! (Menschen im Staat)

Diese Gedanken waren der Ausgangspunkt aller späteren soziopolitischen Überlegungen in der Orgonomie!

In Massenpsychologie des Faschismus sprach Reich später von der „maschinellen Dreieinigkeit“ – der „kompletten Identität“ des folgenden:

  1. der mechanistischen Wissenschaft, bzw. „Maschinenwissenschaft“, welche die Maschine zum Herren über den Menschen macht;
  2. der maschinell gewordenen menschlichen Struktur; der Mensch als Maschine („Maschinenmenschen“, „Maschinenautomaten“); und
  3. dem „wissenschaftlichen Morden“; die militaristische Gesellschaftsstruktur, die autoritäre Lebensauffassung, das sadistische Morden durch die Faschisten.

So sei der Mensch gespalten „in ein Leben nach biologischen Gesetzen (…) und ein Leben, das durch die Maschinenzivilisation bestimmt ist.“ Diese Spaltung in „Tiersein und Nichttiersein“, biologische Verwurzelung auf der einen und technische Entwicklung auf der anderen Seite“, stellt sich orgonometrisch wie folgt dar:

Zur Rassenfrage

25. Mai 2015

Das erste, was der Arzt in der Gerichtsmedizin auf Band spricht, wenn er eine unidentifizierte Leiche seziert, ist die Feststellung der rassischen Zugehörigkeit, sie kommt gleich nach der Geschlechtszugehörigkeit. Selbst innerhalb von Völkern kann man ziemlich leicht unterschiedliche Typen ausmachen, etwa Bayern (Strauß), Schwaben (Stoiber) und Franken (Beckstein).

Und es gibt nicht nur offensichtliche anatomische Unterschiede, sondern auch physiologische und geistige. Jeder weiß, daß man in einem Chinarestaurant kein Glas Milch bestellen kann. Chinesen sind nicht in der Lage, frische Milch zu verdauen. Nur ein Ignorant kann die Unterschiede im IQ zwischen den Rassen bestreiten.

Die „Bell-Kurve“, der zufolge sich statistisch nachweisen läßt, daß in Amerika und weltweit der ökonomische Status von Menschengruppen mit ihrem Hirnvolumen und angeborenem IQ korreliert, ist stimmig, wie kaum etwas sonst. Das trifft übrigens auch auf den Unterschied zwischen Frauen und Männern zu! Ja, „Statistik“ und man wisse doch gar nicht, was man eigentlich genau messe, wenn man den IQ bestimme, etc.. Schön, aber ich kenne keine andere Theorie, die so augenfällig mit der Realität übereinstimmt. Beispielsweise haben nordamerikanische Universitäten schwer mit dem „Problem“ zu ringen, daß, wenn es ausschließlich um intellektuelle Leistungen ginge, sie fast ausschließlich von Ostasiaten und Juden bevölkert wären. Stattdessen wird nach Rasse sortiert („Affirmative Action“).

Obwohl sich die Menschengruppen schon rein äußerlich mehr unterscheiden als die unterschiedlichen Außerirdischen bei Raumschiff Enterprise wird nicht nur die Existenz der Rassen bestritten, sondern selbst die Erwähnung des Begriffs „Rasse“ als „rassistisch“ gebrandmarkt. Jedenfalls fordert das „Deutsche Institut für Menschenrechte“ die Streichung des Begriffs Rasse aus dem Grundgesetz.

Die Kommissare wollen alles gleichschalten: Klassenunterschiede, Rassenunterschiede und schließlich sogar Geschlechtsunterschiede („Gendermainstreaming“). Ihr Hauptfeind ist dabei die Biologie (der „Biologismus“). Es darf (und kann deshalb) nicht sein, daß Unterschiede im Wohlstand in letzter Instanz aus angeborenen Unterschieden in der Leistungsfähigkeit hervorgehen. Es darf (und kann deshalb) nicht sein, daß sich kleine Mädchen von Anfang an anders verhalten als kleine Jungs. Und von rassischen Unterschieden zu sprechen, ist eh von vornherein intellektueller Selbstmord!

Leider Gottes macht die Biologie linken Träumern immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Wir alle wissen, wie die Stimmung in einer vertrauten Gruppe kippt, wenn Leute hinzutreten, die nicht dazugehören. Ich selbst habe aus unmittelbarer Anschauung miterleben müssen, wie die deutsche Arbeiterkultur durch die Gastarbeiter zerstört wurde. Das Gefühl der Kameradschaft, die komplexe Verständigung durch bloße Blicke, das Gefühl, wie weit man mit dem ständigen Frotzeln gehen kann, das Gefühl der Heimat ging vor die Hunde. Was blieb war freudlose Maloche und einsame Abende im Fernsehsessel.

Menschen bleiben „unter sich“, nur so können sie sich entspannen und sich gehenlassen. Werden sie dazu gezwungen, in einer „multikulturellen Gesellschaft“ zu leben, erstarren sie emotional und ziehen sich in sich selbst zurück. Selbst wenn in amerikanischen Familienserien, in krasser Abweichung von der gesellschaftlichen Realität, sich Schwarz und Weiß treffen, um die Abende gemeinsam unter guten Freunden zu verbringen, spürt man den Krampf, das Aufgesetzte, Unechte. Entsprechend kommt es in Deutschland einfach nicht vor, daß sich deutsche und türkische Familien etwa zu gemeinsamen Feiern treffen. Mein Gott, bereits unterschiedliche deutsche Landsmannschaften haben genug Probleme miteinander!

Derartige Probleme wachsen zweifellos mit dem Grad der Panzerung, da die orgastische Impotenz je nach ihrem Ausmaß die biologischen Impulse verstärkt. So entsteht etwa Fettleibigkeit: der natürliche Appetit wird zum Heißhunger. Entsprechend ist es mit dem Rassismus: das natürliche „Fremdeln“ wird zum faschistischen Rassenhaß. Und genauso wie ein Anorektiker nicht weniger gepanzert ist, sondern nur anders, ist auch der „antirassistische“ Gutmensch alles andere als rational!

Robert hat in einem Kommentar auf diesem Blog angemerkt:

Die Antirassisten haben eine Reaktionsbildung auf ihre eigenen Impulse, weil sie ihre Haßgefühle gegen Andersartige nicht wahrhaben wollen und ertragen können. Sie bekämpfen an den „Rassisten“ in extrem neurotischer Weise das, was ihre verdrängten feindlichen Impulse sind. Alle werden bei ihnen zu Rassisten, welche die natürliche Ungleichheit der Menschen anerkennen, ohne zu bewerten („höher“ oder „niedriger“). Das macht ihre Irrationalität aus.
Die Ungleichheit der Ethnien und anthropologischen Rassen spielt immer mehr in der Medikamentenforschung eine Rolle.

Daß ein gewisses Ausmaß an „Rassismus“ angeboren und deshalb natürlich ist, zeigt ein überraschendes Forschungsergebnis von Andreas Meyer-Lindenberg (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit) et al.:

Die Zuschreibung bestimmter Merkmale zu einem Menschen aufgrund von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht ist allgegenwärtig. So zeigen auch dreijährige Kinder Mißtrauen gegenüber Menschen aus fremden ethnischen Gruppen und bevorzugen Mitglieder der eigenen Gruppe. Dies gilt nicht für Kinder mit Williams-Syndrom, wie die Wissenschaftler nun gezeigt haben. Die Ursache dieser Krankheit ist das Fehlen von 26 Genen auf einem bestimmten Chromosom. Die Patienten haben eine veränderte Kopfform, das sogenannte Elfengesicht, und leiden unter Eß- und Hörstörungen sowie Infektionen und kognitiver Behinderung. Eine Besonderheit ist, daß die Erkrankten oft auch sehr kontaktfreudig sind und offen auf fremde Menschen zugehen: Ihnen fehlt die bei vielen Kinder typische Schüchternheit oder Angst in neuen gesellschaftlichen Situationen.

Es gibt einen Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die vermaledeite Biologie!

Mit einem besseren Verständnis der dafür verantwortlichen Gehirnprozesse hoffen die Forscher, Ansätze zu finden, um rassistischen Vorbehalten begegnen zu können: Kontaktfreudiges Verhalten sei ein Mittel gegen rassistische Vorurteile.

Dieser Blog bekennt sich offen zu Israel. Zu solchen „Bekenntnissen“ neulich auf der Achse des Guten: wenn Leute wie ich herausfänden, daß Israel von auf die Nerven gehenden lauten Orientalen, eben Juden, bevölkert ist, würde sich unser schleimiger Philosemitismus sehr schnell ins Gegenteil umkehren!

Klingt überzeugend, der Autor vergißt jedoch, daß dieser Bruch auch mitten durch die israelische Gesellschaft selbst geht, wo orientalische Juden die europäischen Juden schon mal als „Nazis“ titulieren, weil sie sich von oben herab behandelt fühlen. Da wird von säkularen Juden alles getan, damit keine orthodoxen Juden in die Nachbarschaft ziehen, die, wenn sie eine kritische Masse erreicht haben, den Rest der Einwohner mit ihren Forderungen nach Sabbatruhe und ähnlichem terrorisieren. Die sprechen dann von „Antisemitismus“ mitten in Israel!

Bleiben wir beim richtigen Nazi – heute ist das der „Israelkritiker“:

Er leugnet zwar nicht den Holocaust, stellt ihn aber mit der israelischen Behandlung der Palästinenser gleich und reduziert ihn damit auf ein unwesentliches Maß. Er spricht nicht vom jüdischen Blutmordritual, stellt aber israelische Soldaten dar, die genüßlich palästinensische Kinder bei lebendigem Leibe verspeisen. Er wirft den Juden keine volksfeindliche Illoyalität vor, nennt aber den Zentralrat das Sprachrohr Israels. Er grölt nicht „kauft nicht bei Juden! “, fordert aber den Boykott israelischer Waren und Firmen. Er schreit nicht „Juden raus“, bestreitet aber ihr Niederlassungsrecht in ihrem Heimatland Israel. Er sagt nicht, „die Juden sind unser Unglück“, geißelt aber Israel als größtes Hindernis zum Weltfrieden.

Dieser „antizionistische“ Abschaum dominiert heute die öffentliche Meinung, auch die „philosemitische“!

„Rassismus“ ist tief in uns verankert. Selbst bei Reich finden sich schier unglaubliche Sätze wie:

Ich liebe meine Vögel und Rehe und Wiesel, die den Negern nahe sind! Ich meine die Neger aus dem Busch, nicht die Neger aus Harlem in steifen Kragen und Zoot-Zoot-Anzügen! Ich meine nicht die fetten Negerinnen mit Ohrgehängen, denen die behinderte Lust in Fett der Hüften überhing, deren Lust Jesus entdeckte. Ich meine die schlanken, weichen, biegsamen Körper der Mädchen der Südsee, die du, sexuelles Schwein dieser oder jener Armee, bevögelst; die Mädchen, die nicht wissen, daß du ihre reine Liebe wie in einem Bordell in Denver nimmst. (Rede an den Kleinen Mann, S. 94)

Ich glaube nicht, daß in unserer Familie jemals das Wort „Pole“ gefallen ist. Ich kann mich auch sonst nicht erinnern, daß mir von irgendjemanden eine „anti-polnische“ Haltung nahegebracht wurde, trotzdem steckt es in mir. Beispielsweise, daß ich Polen und Aussiedler dezidiert unfreundlich behandele – und mich danach über mich selbst wundere, teilweise über mich selbst entsetzt bin.

Was offenbar stört, wenn ich mich denn selbst verstehen kann, ist ihr serviles Gehabe, das „Unwestliche“, fast schon „Unzivilisierte“, das „Unpreußische“ oder, wenn man so will, „Unhanseatische“.

In dieser Hinsicht fängt mein „Rassismus“ schon bei Süddeutschen, insbesondere Bayern an.

Neulich hat mir ein Mann aus dem Ruhrgebiet, den es nach Hamburg verschlagen hat, gesagt, wie schrecklich kalt und abweisend doch die Menschen hier seien.

Gerade in diesem Moment gehen Berliner, die in Hamburg zu Besuch sind, unter meinem Fenster lang, laut berlinernd, große Show; die Frauen (irgendwo zwischen 50 und 70) grell rot gefärbte Haare und angezogen wie Transvestiten. Ich spüre geradezu wie sich, von mir unkontrollierbar, alles voller Widerwillen in mir zusammenzieht. Ein genuin rassistischer Affekt. „Ich hasse Berlin!“

Es geht beim Rassismus immer nur um das eine: darum, um Reichs Massenpsychologie des Faschismus zu paraphrasieren, „das Nicht-Tiersein, das grundsätzliche Anders-als-das-Tier-sein, immer wieder zu betonen“. Ich bin etwas besseres, ich habe mich unter Kontrolle, ich gebe mich nicht meinen Impulsen hin, bin nicht laut und vulgär – ich bin Hanseat. Oder mit anderen Worten: ich bin asexuell! („Ich bin kein Tier!“)

So schauen wir auf die mediterranen „heißblütigen“ Türken herab – und so schauen sie auf uns „zügellose Schweinefleischfresser“ herab. Diese Haltung ist untrennbar mit Verachtung verbunden, die daraus resultiert,

daß wir Energie vom Becken zum Gesicht hinaufziehen, so daß wir uns überlegen fühlen. Verachtung ist imgrunde eine Ablehnung des Genitale und wird gegenüber einem Objekt ausgedrückt, das wir für sexueller als uns selber halten, oder gegenüber jenen, die sich in sexueller Hinsicht von uns unterscheiden. Das gilt immer, ganz gleich, was oberflächlich der Grund für die Verachtung zu sein scheint. (Elsworth F. Baker: Der Mensch in der Falle, München 1980)

Solange die weit überwiegende Mehrheit der Menschen gepanzert ist und damit unter einer verheerenden Sexualstörung leidet (orgastische Impotenz), wird dieser im wahrsten Sinne des Wortes „hochnäsige“ Rassismus weiter grassieren und Träume von Völkerverständigung, internationaler Solidarität und Multikulturalismus immer wieder in blutige Alpträume umkippen lassen.

Hier ist gleichzeitig auch die Ursache für den „Klassenhaß“ zu finden, etwa die Verachtung eines sauberen, gradlinigen Proletarierkindes wie mich für das halt- und disziplinlose Bürgertum (das sich am verlotterten, inzuchtgeschädigten Adel orientierte) – und umgekehrt, deren Verachtung für einen „ungehobelten Klotz“ wie mich. Dazu gehört auch mein „viszeraler“ Haß auf das stinkende, ungewaschene „Lumpenproletariat“. Siehe dazu meine – Peter, Du alter Wichtigtuer! – Ausführungen in Der politische Irrationalismus aus Sicht der Orgonomie.

Man schaue auf das 20. Jahrhundert zurück: jederzeit können sich die Pforten der Hölle öffnen – Jugoslawien und Ruanda sind jederzeit möglich.

Man muß bei der Bundeswehr gewesen sein, um auch nur erahnen zu können, was für ein viehischer Haß auf Frauen, Schwule und Behinderte in der Seele „normaler“ Männer schlummert. Von ihrem Haß auf „Schwarze“ ganz zu schweigen!

Reich und Nietzsche

26. April 2015

Eine Nachbildung von Nietzsches Totenmaske hing an prominenter Stelle in Reichs Arbeitszimmer in Wien.

Also sprach Zarathustra war eines von Reichs „10 Büchern“. Nietzsche stand er in mancher Beziehung näher als Freud, z.B. sagte er in Reich Speaks of Freud ein Strindberg, Ibsen oder Nietzsche hätten keine Angst vor jenen intensiven Gefühlen des Lebens, wo „Freud anscheinend in seinem eigenen Bedürfnis zu ’sublimieren‘ befangen war.“

Für Reich stand Nietzsche mit Marx gegen den Zeitgeist Anfang des Jahrhunderts, als die Schuldidee und die absolute Moralität in den Vordergrund geschoben wurden. Nietzsches Kritik an der Moral öffnete den Weg „in den Bereich des unbewußten Seelenlebens, das von Freud erfaßt und erforscht wurde“ (Äther, Gott und Teufel).

Den Begriff „Es“ hatte Freud bei Georg Groddeck und dieser bei Nietzsche entliehen.

Reich schreibt in Der triebhafte Charakter:

„Im Manne ist ein Kind verborgen, welches spielen will.“ Mit diesen Worten hatte Nietzsche die klassische Formel Freuds über den neurotischen Konflikt antizipiert.

Reichs erster größerer Aufsatz über „Libidokonflikte und Wahngebilde in Ibsens Peer Gynt“ (Frühe Schriften) fängt mit einem Nietzsche-Zitat an, welches wohl auf die Leiden des Menschen an seinen inzestuösen Bindungen anspielen soll:

Ich lehre Euch den Übermenschen. Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau. Und ebenso soll der Mensch für den Übermenschen sein: Ein Gelächter oder eine schmerzliche Schau.

Das Genie ist seinen orgonotischen Strömungen gewahrer als Homo normalis, er empfindet die gepanzerte Agonie stärker. Nietzsche war ein solch zutiefst kranker Mensch – der gleichzeitig gesünder war. Reich schreibt:

Die Fähigkeit, Unlust und Schmerz zu ertragen, ohne enttäuscht in die Erstarrung zu flüchten, geht einher mit der Fähigkeit, Glück zu nehmen und Liebe zu geben. Um mit Nietzsche zu reden: Wer das „Himmel-hoch-Jauchzen“ lernen will, muß sich auch für das „Zum-Tode-betrübt“ bereithalten.“ (Die Funktion des Orgasmus)

Als zu viel zu ertragen war, brach der „Wissende“ schließlich doch an seiner Gesund-/Krankheit psychotisch (siehe Charakteranalyse, KiWi, S. 583).

Der homo normalis, der seinen ersten Sinn verloren hat, macht das Leben für derartige Individuen zu schwer und unerträglich.

Nietzsche wurde gebrochen, indem man ihn isolierte, ihn in die Einsamkeit abdrängte. (Reich Speaks of Freud)

In seiner Autobiographie (Die Funktion des Orgasmus) kommt Reich auf seine Beschäftigung mit der Ibsenfigur zurück und beschreibt sie als einen Menschen, der „aus der marschierenden Reihe dieser Menschen herausspringt. Man verlacht ihn, wenn er harmlos ist, man versucht ihn zu vernichten, wenn er kräftig ist.“ Was sie aber nicht davon abhielt den Peer Gynt zu einem Teil ihres „Kultur“gutes zu machen.

Reich hat die Popularisierer seines Werkes schon in Nietzscheanischer Gewandung durchschaut:

Es gibt geistreichelnde junge Leute, die man in ernsten Kreisen in Europa als „Kulturschmöcke“ zu bezeichnen pflegte. Sie waren klug, aber ihre Intelligenz diente einer Art Kunstbetätigung um ihrer selbst willen, ohne die todernsten Probleme eines Goethe oder Nietzsche je praktisch begriffen oder erlebt zu haben, lieben sie es, einander Klassik vorzuzitieren. Gleichzeitig ist ihr Wesen von Visionen geprägt. Sie betrachten sich als moderne, freisinnige von keiner Konvention belastete Lebewesen. Da sie ernsten Erlebnissen unfähig sind, ist ihnen die Geschlechtsliebe eine Art Kinderspiel. (Charakteranalyse)

Reich und Nietzsche ist es nicht gelungen, die Schweine und Schwärmer aus ihren sauberen Gärten zu halten. Doch trägt Nietzsche ohne Zweifel selber beträchtliche Schuld an dem was später kam. Reich schreibt:

Es hat wenig Sinn (…) sich einen Übermenschen zu erträumen, der sich von den Menschen in der Falle total unterscheidet, wie es Nietzsche getan hat, bis er, selbst in der Falle eines Irrenhauses gefangen, endlich die volle Wahrheit über sich selber schrieb – zu spät… (Christusmord)

So geht es den meisten, die nicht stillehalten, und die anderen wollen sich gar nicht erst blamieren. Sie sind von vornherein klug und überlegen gewesen. (Die Funktion des Orgasmus)

Dem deutschen Orgontherapeuten Walter Hoppe zufolge verband Schopenhauer seinen Begriff des Willens, der eine zentrale Bedeutung in der Philosophie Nietzsches erlangen sollte,

mit der Sexualenergie, die er [Schopenhauer] als identische Kraft mit der Natur schlechthin zur Darstellung bringt. Der Wille schreibt er, ist ebenso wie die Sexualität eine Kraft, der der gesamten Natur zugrunde liegt, die Kraft, die Liebhaber und Planeten anzieht. (Wilhelm Reich und andere große Männer der Wissenschaft im Kampf mit dem Irrationalismus, München 1984)

So ist auch Nietzsches „Wille zur Macht“ zu verstehen, als Ausdruck des orgonomischen Potentials, das Energie vom niedrigeren zum höheren Niveau fließen läßt. Er schreibt 1888:

Das Leben als die uns bekannteste Form des Seins ist spezifisch als Wille zur Akkumulation der Kraft –: alle Prozesse des Lebens haben hier ihren Hebel: Nichts will sich erhalten, alles soll summiert und akkumuliert werden. (Umwertung aller Werte, der gesammelte Nachlaß)

Und „sollten wir diesen Willen nicht als bewegende Ursache auch in der Chemie annehmen dürfen? – und in der kosmischen Ordnung?“

Im Nachlaß sind auch Anklänge an den spezifisch orgonomischen Bewegungsbegriff zu finden:

Die Bewegungen sind nicht „bewirkt“ von einer „Ursache“ (das wäre wieder der alte [aristotelische, PN] Seelenbegriff!) – sie sind der Wille selber, aber nicht ganz und völlig!

1881 oder 82 hat Nietzsche seinen folgenden „Hauptgedanken“ formuliert, der zeigt, wie er wohl den anthropoiden „theistisch patriarchalen Gott“ für tot erklärte, aber gleichzeitig die Entdeckung des wirklichen „Gottes“ als Ausdruck der Vereinigung von organismischer und kosmischer Orgonenergie ohne „mystische Abweichung“ vorwegnahm (der große Mittag und die Ewigkeit“, „das kosmische Ich“, etc.) und damit nach Kopernikus, Bruno und Darwin das letzte illusionäre Zentrum (das Ich) aufhob:

Hauptgedanke! Nicht die Natur täuscht (…) die Individuen (…), sondern die (…) legen sich alles Dasein nach individuellen, das heißt, falschen Maßen zurecht (…) In Wahrheit gibt es keine individuellen Wahrheiten, sondern lauter individuelle Irrtümer – das Individuum selber ist ein Irrtum. (…) Wir sind Knospen an einem Baume, – was wissen wir von dem, was im Interesse des Baumes aus uns werden kann! Aber wir haben ein Bewußtsein, als ob wir alles sein wollten und sollten, eine Phantasterei von „Ich“ und allem „Nicht-Ich“. Aufhören, sich als solches phantastisches Ego zu fühlen! (…) Den Egoismus als Irrtum einsehen! Als Gegensatz ja nicht Altruismus zu verstehen! das wäre die Liebe zu den anderen vermeintlichen Individuen. Nein! Über „mich“ und „dich“ hinaus! Kosmisch empfinden! (Kritische Studienausgabe, Bd. 9, S. 442f)

Wo Nietzsche 1875 schrieb: „auf immer trennt uns von der alten Kultur, daß ihre Grundlage durch und durch für uns hinfällig geworden ist“ und bis auf die Vorsokratiker zurückging, schrieb Reich: „der orgonomische Funktionalismus steht von vornherein außerhalb des Rahmens der maschinell-mystischen Zivilisation“ der letzten 6000 Jahre (Äther, Gott und Teufel).

Beide hatten jenen „Durst nach großen und tiefen Seelen – und immer nur dem Herdentier zu begegnen!“ (Nietzsche) – Reichs „Kleiner Mann“. Beide sind schließlich an gebrochenem Herzen gestorben „alone, like a dog“ (Reich); im Bewußtsein des Kleinen Mannes, der es schon immer besser wußte, in Scham und Schmach verreckt. Nietzsche nannte sich in einer, einen Tag nach seinem endgültigen Zusammenbruch verfaßten, Postkarte „Der Gekreuzigte“.

Wie etwa ein Goethe mußten sie sich in ihrer Einsamkeit mit Christus identifizieren, als Gebende denen ewig die Lust des Nehmens verwehrt sein würde, als Werkzeug einer höheren Macht, unfreiwillig sich opfernd für die Sache des „Übermenschen“ – dem „Kind der Zukunft“.

Ich liebe den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und nichts zurückgibt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren. (Also sprach Zarathustra)

Ich könnte auch viel Schlechtes über Nietzsche schreiben – ich laß es:

Wer das Hohe eines Menschen nicht sehen willl, blickt um so schärfer nach dem, was niedrig und Vordergrund an ihm ist – und verrät sich selbst damit. (Jenseits von Gut und Böse, S. 228)

Robert hat diesen Aphorismus dahin interpretiert, daß „die Schwächen des anderen auch meine Schwächen (sind) und lehne ich dessen Schwächen ab, so lehne ich auch mich ab – verrate mich also selbst“. Ich hab das anders verstanden: Wer bei den Großen, etwa Freud oder Reich, wie heute in Biographien üblich, das sucht, was die Großen klein („niedrig“) und unbedeutend („Vordergrund“) macht, zeigt nur, „verrät“ nur, daß er selbst klein und unbedeutend ist. Die „Entlarver“ entlarven sich selbst!

Ein Jahr vor der Geburt des fanatischen Wagnerianers Hitler hat Nietzsche in seiner Beschreibung des Wagnerianertums praktisch schon alles über den Nationalsozialismus gesagt:

Dazu gehört bloss Tugend – will sagen Dressur, Automatismus, „Selbstverleugnung“. Weder Geschmack, noch Stimme, noch Begabung: die Bühne Wagner’s hat nur Eins nöthig – Germanen!.. Definition des Germanen: Gehorsam und lange Beine… Es ist voll tiefer Bedeutung, dass die Heraufkunft Wagner’s zeitlich mit der Heraufkunft des „Reichs“ zusammenfällt: beide Thatsachen beweisen Ein und Dasselbe – Gehorsam und lange Beine. – Nie ist besser gehorcht, nie besser befohlen worden. Die Wagnerischen Kapellmeister in Sonderheit sind eines Zeitalters würdig, das die Nachwelt einmal mit scheuer Ehrfurcht das klassische Zeitalter des Kriegs nennen wird. (Der Fall Wagner, A 11)

Trotzdem wurde immer wieder versucht, Nietzsches „Übermenschen“ mit für den rassistischen Nationalsozialismus verantwortlich zu machen. Nun, Hitler hat in Mein Kampf Nietzsches Namen, wie den jeder anderen deutschen Geistesgröße auch, nur als Mythus ausgenutzt und später in den Tischgesprächen gar nicht erwähnt. Wahrscheinlich hat er ihn nie gelesen, denn diesen Autor konnte Hitler nicht durchfliegen, wie es seine Art war, um ein ideologisches Destillat herauszuziehen. Der sich jeder Festlegung verweigernde Nietzsche eignet sich denkbar schlecht für die Verwurstung zur „fanatischen“ Weltanschauung:

Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: alles Unbedingte gehört in die Pathologie. (Jenseits von Gut und Böse, A. 154)

Es stimmt, daß Nietzsches Schwester (mit ihrem unseligen Machwerk Der Wille zur Macht) und der Philosoph Alfred Baeumler versuchten, Nietzsche zum reaktionären „soziobiologischen“ Philosophen zu verkürzen. Doch der Versuch ihn zum neuen offiziellen Staatsphilosophen zu machen, war alles andere als erfolgreich. Die Nazis stoppten sogar die offizielle Kritische Gesamtausgabe, denn Nietzsche verkörperte all das, was die Nationalsozialisten haßten: Freigeist, Abweichler, Verächter der Volksgemeinschaft, Staats- und insbesondere Reichsfeind, Sympathisant der Judenheit und Frankreichs, etc. Man konnte beim vermeintlichen philosophischen Urvater der nationalsozialistischen Ideologie nachlesen, daß die Deutschen eine Mischrasse mit überwiegend vorarischen Anteilen seien (Jenseits von Gut und Böse, A 244), und was ihre „rassische Verbesserung“ betraf, fand Nietzsche die Juden als „Ingredienz bei einer Rasse, die Weltpolitik treiben soll, unentbehrlich“ (Studienausgabe Bd. 11, S. 457).

Neben Baeumler beriefen sich die beiden deutschtümelnden Existentialisten Karl Jaspers und Martin Heidegger auf Nietzsche. Aber beide zeigten in ihren Vorlesungen über Nietzsche auf, daß er so ungefähr das Gegenteil der Nazi-Ideologie vertrat. Georg Picht (Nietzsche, Stuttgart 1988) hält Heideggers Vorlesungen sogar für eine der mutigsten und wichtigsten Widerstandshandlungen in Hitlerdeutschland, denn Heidegger habe sich konsequent gegen jede oberflächliche Politisierung von Nietzsche, gegen jede biologistische Fehlinterpretation gewandt, das Gerede vom „wotanischen Archetypus der Macht“ verworfen und den Machtbegriff der Nazis verhöhnt.

Hatte Heidegger anfangs angenommen, „die Bewegung“ würde die Logik des von Nietzsche diagnostizierten Nihilismus überwinden und sich ihr zugewandt, weil sie scheinbar eine „grüne“ antitechnokratische Politik vertrat, sozusagen das Gegenteil der Tötungsfabrik Auschwitz, erkannte er in ihr schließlich die Vollendung des Nihilismus. Heidegger führt Nietzsches Diktum an, daß jeder Versuch, dem unvollständigen Nihilismus, in dem wir leben, zu entgehen, das Gegenteil des Erstrebten hervorrufen wird, nämlich den vollständigen Nihilismus, wenn bei diesem Versuch nicht alle bisherigen Werte umgewertet werden (Holzwege, Pfullingen 1963, S. 208).

Allenfalls kann man Nietzsche mit dem italienischen Faschismus in Zusammenhang bringen, denn Mussolini war in der Tat Nietzscheaner. Betrachtet man Nietzsches Schriften aus diesem Blickwinkel, findet sich dort ohne Zweifel faschistisches Gedankengut. Gleichzeitig hat Nietzsche aber auch die Psychoanalyse (sowohl Freud als auch Adler) vorweggenommen – und manchmal muß man sich beim Lesen die Augen reiben, wenn man über eine der vielen schlechthin orgonomischen Stellen bei Nietzsche stolpert. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Am Ende seines bewußten Lebens wollte Nietzsche eine „Partei des Leben“ gründen und sie gegen die Kräfte des Nihilismus mobilisieren, die das unschuldige Leben „jenseits von Gut und Böse“ unterminieren. Diese Kräfte sind der nihilistische Mystizismus und der nihilistische Sozialismus, d.h. die Entwertung des konkreten Lebens durch eine fiktive ideale Welt. Die „Partei des Lebens“ macht „die Physiologie zur Herrin über alle anderen Fragen“, das bedeutet Höherzüchtung der Menschheit und das Ausrotten alles „Entarteten und Parasitischen“, das sich in der „Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathenen, An-sich-selber-Leidenden“ findet.

Diese zweite Partei, die mystische und utopische Partei, wolle Rache am Leben nehmen und das Leben auslöschen, wenn die Partei des Lebens ihr nicht zuvorkommen würde (so Nietzsche in seinen letzten Notizen, Studienausgabe Bd. 13, S. 638 und im Ecce homo Bd. 6, S. 374).

Bereits 1882 hatte er sich notiert:

Wir als die Erhalter des Lebens. Unvermeidlich entstehend die Verachtung und der Haß gegen das Leben. Buddhismus. Die europäische Thatkraft wird zum Massen-Selbstmord treiben. (…) Wenn wir nicht uns selber erhalten, geht alles zu Ende. Uns selber durch eine Organisation. Die Freunde des Lebens. (Studienausgabe Bd. 10, S. 43)

Reich hat mit seiner „Partei des Lebens“ Nietzsches Differenzierung zwischen dem neurotischen Mystiker, der das Leben nihilistisch abtötet, und dem freien, gewissenlosen Menschen aufgenommen. Aber Reich unterschied in der letzteren Gruppe weiter zwischen den freien Menschen, die ihre sekundären Triebe leben, und den freien Menschen, die ihre primären Triebe leben (Emotionelle Pest und Genitalität, die in Nietzsches Vorstellung vom Übermenschen noch eins waren), zwischen Faschismus und Arbeitsdemokratie. Ganz entsprechend hatte sich schon der Nietzscheanismus in zwei Gruppen aufgespalten: Vertreter des faschistischen Herrenmenschentums auf der einen und Verteidiger des Lebendigen auf der anderen Seite.

Die faschistischen Nietzscheaner haben nicht nur primäre und sekundäre Triebe miteinander vermengt (was ja auch Nietzsche selbst getan hatte), sondern überhaupt Nietzsche und „die Partei des Leben“ verraten, indem sie sie von neuem mit der nihilistischen, christlichen Moral vergifteten. Nietzsche wurde von all dem eingeholt, was er überwunden hatte. Dieses national-christliche Gedankengebäude faßte Nietzsches Schwester Elisabeth, die spätere Hohepriesterin des nationalsozialistischen Nietzsche-Kults, noch zu Nietzsches Lebzeiten zusammen, als sie schrieb, gemeinsam mit den Wagnerianer Bernhard Förster, ihrem späteren Ehemann, würde sie „schwelgen“ in „Mitleid, heroischer Selbstverleugnung, Christentum, Heldentum, Vegetarismus, Ariertum, südliche Kolonien“ (Peters: Zarathustras Schwester, München 1983, S. 108).

So ebnete sich der Weg für den nationalsozialistischen Mißbrauch Nietzsches. Hermann Josef Schmidt schreibt dazu:

Auch nationalsozialistische „Nietzsche“interpretation wäre ohne vorherige „christliche“ Nietzscheverkleisterungen, beginnend spätestens 1895 mit der opportunistischen „großen“ Nietzschebiographie seiner Schwester – und ohne eine Serie von Textstellen, die, aus ihrem Zusammenhang gerissen, sich schaurig lesen (z.B. das geklitterte Buch Der Wille zur Macht, PN) – zumindest in ihrer Breitenwirkung nicht möglich gewesen. Auch hier hat deutsches Christentum – man lese nur die Reden und „Abschiedsworte“, die am 28.8.1900 an Nietzsches Grab gehalten bzw. vorgetragen wurden (…) – dem Nationalsozialismus glänzend vorgearbeitet. (Nietzsche absconditus, Berlin 1991, S. 274)

Der radikale Nietzsche darf nicht verwässert werden, wenn man nicht alles zerstören und in sein Gegenteil verkehren will, vielmehr muß man, wie Reich es getan hat, Nietzsche weiter radikalisieren. Dies ist der einzige gangbare Weg. Es gibt keinen Weg zurück.

Man betrachte nur die gegenwärtige moralistische Kampagne in Deutschland gegen den „Fremdenhaß“. Von der äußersten Linken bis zum Papst sind sich, unterstützt von den neusten soziobiologischen Erkenntnissen, alle einig, daß man das teuflische „Tier im Menschen“ mit seinem „angeborenen Rassismus“ überwinden müsse. Es ist kaum etwas gegen das wissenschaftliche Fundament dieses Konzeptes zu sagen, zumal Malinowski sogar bei den Trobriandern rassistische Ressentiments gegen angrenzende Stämme und gegen Polen (Malinowski) festgestellt hat. Müssen wir uns also auf unsere humanistische Wertewelt besinnen, diese steinzeitlichen Triebe durch unsere zivilisatorische Energie überwinden und dergestalt die archaischen Sümpfe trockenlegen? Oder haben wir mit Nietzsche die „Partei des Lebens“ zu ergreifen? Die Orgonomie, die mindestens so weitreichende humanitäre Ziele hat wie die Humanisten, will die Sümpfe nicht in eine Wüste verwandeln, aber auch nicht das Gesetz des Dschungels in die Städte tragen, sondern für einen geregelten Abfluß sorgen, so daß sich eine schöne Auenlandschaft ausbilden kann.

Wissenschaft und Religion

17. Dezember 2014

Freud weigerte sich, die sozialen Konsequenzen aus seinen eigenen Beobachtungen zu ziehen, stattdessen brachte er sachfremde „ethische Normen“ ins Spiel. Reich spielte da nicht mit – und wurde aus der „Wissenschaft“ verbannt… Die Orgonomie entstand…

Ist sie noch aktuell, wo doch das Feuilleton das „neue holistische Denken“, die „andere Intelligenz“, die „dritte Kultur“, das „relationale Denken“, die „neue Spiritualität“, etc. pp. preist? Nun, auch heute kulminiert das letztendlich doch stets in Aussagen wie die folgenden aus Thomas Görnitz‘ Quanten sind anders (Heidelberg 1999):

Die Naturwissenschaft bedarf auch solcher Gesprächspartner [wie der Kirche], die ihr aus einer ganz anderen Sicht als der eigenen die möglichen Folgen und Probleme ihres Tuns spiegeln, denn die Ergebnisse der Naturwissenschaft allein sind nicht ausreichend, um ethische Normen zu begründen. (S. 41)

Und:

Die Einbettung der Wissenschaft in ihr natürliches und gesellschaftliche Umfeld und die Reflexion über die Folgen ihrer Anwendungen unterliegen aber nicht einer (…) zwangsläufigen Entwicklung wie die Wissenschaft selbst, sondern sie bleiben eine ständige Aufgabe der beteiligten Wissenschaftler. (S. 43)

Das sind zentrale Aussagen in einem Buch, über „Die verborgene Einheit der Welt“, dem es darum zu tun ist, die mechanistische Wissenschaft endlich zu überwinden! Das eine zentrale, allein entscheidende Problem wird ausgeklammert: die Frage nach den „ethischen Normen“ und warum sich die Gesellschaft nicht „zwangsläufig“ entwickelt. Dort, wo es wirklich zur Sache geht und Folgerungen aus der Wissenschaft zu ziehen sind – ordnet sie sich unwissenschaftlichen Instanzen unter!

Zwar sieht Görnitz, daß die Grundfrage der Wissenschaft „transzendentaler“ Natur ist, also von den „Vorbedingungen der Möglichkeit von Erfahrung“ abhängt, aber er ist hier immer noch auf dem Stand von Kant und F.A. Lange. Selbstverständlich ignoriert er, daß Reich weit darüber hinaus gegangen ist, als er das Augenmerk auf die Charakterstruktur des Forschers, d.h. seine verinnerlichte soziale Umwelt, das Über-Ich, richtete. Stattdessen wird dieses Über-Ich („Gott“) als unverzichtbarer Leitfaden genommen.

Apologeten des Christentums verweisen (in zahllosen Variationen) fast unisono auf zwei Dinge:

  1. Halte Dein kleines Baby im Arm: die Liebe, die Du für es empfindest, wirst du unmöglich auf Chemie und Hirnströme reduzieren können. Diese Liebe ist etwas Transzendentes, Göttliches.
  2. Wenn du dich mit Moral und Ethik wirklich ernsthaft auseinandersetzt, wirst du finden, daß man sie nicht rationalistisch entwickeln und „ableiten“ kann, sondern daß sie von Anfang an da sind und allenfalls freigelegt werden. Die Moral ist etwas Transzendentes, Göttliches.

Punkt 1 spricht von der Kontaktlosigkeit der „wissenschaftlichen“ Menschen, der alles auf „Atome“ in einer leeren Welt reduzieren will, Punkt 2 von der Kontaktlosigkeit der religiösen Menschen, der sich in potentiell gefährlichen Hirngespinsten verfängt. Die Liebe zum Kind geht mit dem orgononotischen Kontakt einher und unser moralisches Empfinden ist ebenfalls eine Funktion des orgonotischen Kontakts. (Nebenbei: Aus diesem Grund bin ich so ein absolut kompromißloser Gegner aller Drogen! Straight Edge!)

Das, was als „transzendent“ und „jenseits der Triebe und des Körpers“ empfunden wird und so manchen Wissenschaftler in die Fänge des „Glaubens“ treibt, ist nichts anderes als die Orgonenergie im allgemeinen und die Genitalität im besonderen. Ich habe das in Biologische Entwicklung aus orgonomischer Sicht ausgeführt. Im Laufe der Evolution hat sich die Orgonenergie schrittweise von der Materie „emanzipiert“, so daß im Menschen die kosmischen Energiefunktionen zum tragen kommen. In der großen Musik kann man sie unmittelbar hören. Sie zu mystifizieren, wie es die Religionen tun, geht am Sinn des Lebens vorbei – ist „Sünde“.

Man benötigt wahrhaftig nicht die Kirchenväter, um ethisches Verhalten (Mitgefühl) und das Böse (Gefühllosigkeit) zu erklären. Mitte der 1990er Jahre wurde von dem italienischen Forscher Giacomo Rizzolatti bei Affen entdeckt, daß spezielle Nervenzellen auch dann aktiv werden, wenn ein Affe den anderen Affen nur beobachtet, ohne selbst tätig zu sein. Diese „Spiegelneuronen“ sind die Grundlage unseres Einfühlungsvermögens und damit unseres Soziallebens. Wir fühlen, was das Gegenüber fühlt, wenn in unserer Kindheit die Spiegelneuronen richtig trainiert und entsprechend verschaltet wurden. Um Empathie zu entwickeln, muß das Kind Empathie erfahren und eigene Gefühle rückgespiegelt bekommen. In einer Art Kettenreaktion bildet sich so auf herrschaftsfreie Weise ein die Gesellschaft tragendes Netz des „Mit-Gefühls“. Heutzutage sind dabei die Medien von zentraler Bedeutung: was das Kind beobachtet, verinnerlicht es, weshalb Gewalt und Gefühllosigkeit in Videospielen und Fernsehen die Grundlagen unserer Gesellschaft unterminiert.

So der Freiburger Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer in seinem Buch Warum ich fühle, was du fühlst.

Bauers daran anschließendes Buch Prinzip Menschlichkeit – Warum wir von Natur aus kooperieren und seine fundamentale Kritik an der modernen Genetik und an der Soziobiologie Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus haben ebenfalls enge Berührungspunkte zur Orgonomie. Ein kurzer Überblick findet sich im Wikipedia-Eintrag über ihn.

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=zK5295yEQMQ%5D

Orgonomie und Kultur

25. Juli 2014

Gestern ging es um das Tabu der Religion: „Der hat meine Religion beleidigt!“ Ein ähnliches Tabu ist die Kultur. Kaum einer wagt zu sagen, was offenkundig ist: daß die moderne Malerei, das moderne Theater und die moderne ernste Musik fast durchweg nichts anderes sind als minderwertiger Dreck. So sah jedenfalls Reich die Sache.

Die Hamburger Morgenpost rezensiert die Uraufführung eines zeitkritischen Theaterstücks Die Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek, die 2004 den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte:

Die muntere Schauspielertruppe tat ihr Bestes, um das Publikum am Einschlafen zu hindern. Eisenstangen knallten auf die Bühne, Luftballons wurden zerstochen, und schließlich kletterte das Ensemble sogar über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Ganz ehrlich, man kann es schaffen bis zum Ende.

Was würde Reich über Jelinek und die masochistische „Kultur“-Schickeria sagen, die diesen Müll über sich ergehen läßt? Wahrscheinlich dasselbe, was er über Kafka gesagt hat. Als Myron Sharaf ein Kafka-Zitat für das Orgone Energy Bulletin benutzen wollte, protestierte Reich:

Er (Kafka) war ein Neurotiker und andere Neurotiker sammelten sich um ihn und machten ihn zu einem großen Helden. (M.R. Sharaf: “Some Remarks of Reich (1949-1952)”, Journal of Orgonomy, Vol. 8, No. 1, May 1974)

Kunst entspricht „Löchern“ in der Panzerung, ist also in jedem Fall unneurotisch. Die nervende Kakophonie der Neurotiker, der sogenannten „Künstler“, die, statt sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, uns ihre Alpträume ins Gesicht kotzen, trägt nur zur allgemeinen Verpanzerung bei, gebiert neue Verzweiflung; ist Niedertracht, Menschenverachtung, Emotionelle Pest und sonst nichts! Immerhin hatte Kafka die innere Größe, darum zu bitten, daß nach seinem Tod seine Manuskripte verbrannt werden – statt dessen machten sie ihn zum Helden….

Zur neurotischen Schriftstellerei siehe auch Wilhem Reich, das Schreiben, meine Neurose und ich von Jan Decker.

Der Gegenpol zu Kafka, den Erzneurotiker, bildet William Blake.

Der berühmte brasilianische Romancier Paulo Coelho veröffentlichte in TV Hören und Sehen (41/09) wöchentlich eine Kolumne. Da ich kein Schöngeist bin, habe ich das nie gelesen. Doch blieb ich an einer Überschrift hängen: „Die Weisheiten von William Blake“.

William Blake (1757-1827) wird von der Zeitschrift als „Naturmystiker und Dichtermaler“ vorgestellt. Anlaß ist ein Bild des viktorianischen Malers Sir William Blake Richmond (1842-1921), der von seinem Vater nach dessen Freund William Blake benannt worden war. Als eines der „100 Meisterwerke“ der Malerei wird von TV Hören und Sehen Richmonds Bild „Venus und Anchises“ vorgestellt:

Richmond

Hier sieht man, wie die Liebesgöttin in einen herbstlichen Wald tritt und neues Leben spendet. Sowohl Blake als auch der nach ihm benannte Maler seien im Christentum verankert gewesen, gleichzeitig ginge es ihnen aber „um den Zauber der Natur und um sinnliche Leidenschaft, die nicht im Widerstreit steht zu Gott und den Botschaften der Bibel. Für den Dichter William Blake offenbarte sich Gott sogar erst in der menschlichen Lebensfreude.“

Ähnlich könnte man auch Coehlos Weltsicht betrachten, die von der Vorstellung einer „Weltenseele“ ausgeht. Coehlo stilisiert sich jedenfalls zu einer Art „Willam Blake der Gegenwart“.

Blake war einer der seltsamsten und „fremdesten“ Menschen, die je gelebt haben. Von seinen Graphiken geht eine bezwingende Kraft aus, der man sich kaum entziehen kann. Seine Gedichte wirken, als wären sie von Wilhelm Reich inspiriert. Gewisserweise ist Blake Teil der Orgonomie.

In seiner Einführung in die Orgonometrie Before the Beginning of Time meint Jacob Meyerowitz, daß Blake der einzige Künstler gewesen sei, den man mit Fug und Recht als „genitalen Charakter“ beschreiben kann. Dies erkläre, warum uns, die wir gepanzert sind, sein Werk so fremdartig, geradezu „außerirdisch“ erscheine.

Coehlo schreibt, daß Blake von den Intellekuellen seiner Zeit nicht nur seine angebliche „Exzentrik“ und „Naivität“, sondern auch „Mystizismus“ vorgeworfen worden sei. Tatsächlich wirken Blakes Werke auf den ersten Blick „mystisch“ und „verschroben“, doch offensichtlich war das seine einzige Möglichkeit, mit seinem Gefühlsleben umzugehen, das so radikal anders war als das seiner gepanzerten Umgebung.

Tatsächlich ist es manchmal schwer zu sagen, ob man es mit Mystizismus (durch die Panzerung verzerrter Kontakt zum Kern) oder mit einem genuinen Kontakt mit dem bioenergetischen Kern zu tun hat. Das betrifft auch Coelho selbst:

Am 15.8.03 berichtete das ZDF-Kulturmagazin Aspekte über das damals erschienene Buch Elf Minuten (die durchschnittliche Dauer des Geschlechtsakts) von Paulo Coelho. Es geht ohne „aufklärerischen“ Sozialkitsch um die Geschichte einer jungen Prostituierten, die nach der „Sprache des Körpers“ auch die „Sprache der Seele“ kennenlernt und so erfährt, was Erotik und Liebe wirklich ist.

Doch leider versteigt sich „der weltberühmte katholische Kulturalchimist“ gegenüber Aspekte:

Sexuelle Ekstase ist dasselbe wie mystische Ekstase. Wenn man Bücher von Mystikern liest wie der heiligen Theresia von Avila oder dem heiligen Johannes, die zu beschreiben versuchen, was religiöse Ekstase ist, dann liest man: „Ich verliere das Gefühl für diese Welt“ – und dasselbe geschieht beim Sex. Beim Orgasmus, wenn man in Ekstase gerät, verliert man sich, nimmt nichts mehr wahr, findet man aus sich heraus. Und das ist, denke ich, die heilige Erfahrung von Sex.

Reich schrieb, „daß das religiöse Empfinden gehemmter Sexualität entspringt, daß in gehemmter Sexualerregung die Quelle der mystischen Erregung zu suchen ist“ (Hervorhebungen hinzugefügt). Und er unterstreicht:

Daraus folgt der zwingende Schluß, daß klares sexuelles Bewußtsein und natürliche Ordnung des sexuellen Lebens das Ende des mystischen Empfindens jeder Art sein muß, daß also die natürliche Geschlechtlichkeit der Todfeind der mystischen Religion ist. (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 168)

Die Spaltung in der Kultur zwischen „Kafka“ und „Blake“ findet sich, wohin man schaut. Etwa, wenn Der Spiegel sich mit der Urgeschichte befaßt.

2005 berichtete Der Spiegel unter der Überschrift „Triebstau im Neandertal“ über den „Adonis von Zschernitz“ und andere Funde, die vom Sexualleben in der Frühzeit zeugen. Der Artikel liest sich, als wären wir noch im Jahre 1932, als Reich sein Buch Der Einbruch der Sexualmoral veröffentlichte. Ganz im Sinne Freuds sehen die „Tabuisten“ den Urmenschen in einem System aus Triebverzicht und Enthaltsamkeit mit einem streng reglementierten Fruchtbarkeitskult gefangen, in dem das geschlechtliche Verlangen sublimiert und zu ritueller Kunst umgeformt wird. Die Soziobiologen glauben hingegen, der haltlose Frühmensch habe dem genetischen Diktat folgend der Promiskuität gefrönt.

Von sexualökonomischen Überlegungen findet sich keine Spur. Stattdessen… – die Sprache des modern liberal: „Pornofiguren“, „Erotiktempel“, „Bewegung in der Sexfront“, „Reizwäsche aus der Bronzezeit“, es „wird gerammelt und geschleckt“, „Dildos“, „SM-Sklavin“, „Kloschmierereien“, „trunkene Orgie“, „Erotikriten“, „Eros-Center“.

Nach all dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen „Fortschritt“ der letzten Jahrzehnte sind Reich-Titel wie Der triebhafte Charakter, Die Funktion des Orgasmus und Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral aktueller als in den 1920er Jahren!

Immerhin schlägt der Bericht im Spiegel über die „Venus vom Hohle Fels“ einen anderen Ton an. Einen, bei dem man sich wohl fühlt. Die Statuette sei „– drall und erotisch (…), was wie ein Symbol für Wonne und Wohlleben, sattes Glück und sicheres Gebären scheint“.

Es gibt einen Unterschied zwischen Kultur, die in Einklang mit der Natur ist, und der entarteten Unkultur!

Funktionalismus bei Hans Hass (Teil 4)

2. Januar 2014

Hans Hass zufolge ist der Staat der Menschen grundsätzlich verschieden vom Tierstaat, etwa dem bei Ameisen oder Bienen, denn bei den Tieren gibt es nur jeweils eine Art (etwa Termiten), die zusammenleben, während sich der Staat aus zahllosen „Arten“, nämlich Menschen mit unterschiedlichsten Berufen zusammensetzt. Wegen der unaufhebbaren innerartlichen Aggression (die gemeinsamen Ressourcen einer „Berufs-Art“ sind begrenzt) und weil die zusätzlichen Organe nicht fest mit dem Hyperzeller verbunden sind, ist das staatliche Gewaltmonopol zum Schutz vor Gewalt und Diebstahl ein Muß, egal welche Charakterstruktur die Menschen haben, wie „rational“ und „arbeitsdemokratisch“ der einzelne Mensch und die Gesellschaft als Ganzes auch immer sein mögen. Das kommt durch den Spruch „Beim Geld hört die Freundschaft auf!“ sehr gut zum Ausdruck. (Wir sprechen hier nicht von Stammesgesellschaften mit Clanstrukturen, sondern von modernen Staaten!)

Dieses Absehen von der individuellen Charakterstruktur ist dem arbeitsdemokratischen Denken nicht so fremd, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Kern der „Arbeitsdemokratie“, die wechselseitige Dependenz, ist vollkommen unabhängig von der individuellen „Triebstruktur“ der Menschentiere, da die Subjekte der Arbeitsdemokratie nicht etwa Menschentiere, sondern Berufskörper sind. Reich selbst bringt diesen Gedanken wie folgt zum Ausdruck: „Es ist völlig gleichgültig, ob ein Baumeister, Arzt, Lehrer, Dreher, Erzieher, etc. Faschist, Kommunist, Liberaler oder Christlicher ist, wenn es darauf ankommt, ein Schulgebäude zu errichten, Kranke zu heilen, Kugeln zu drehen oder Kinder zu betreuen“ (Massenpsychologie des Faschismus, Fischer TB, S. 333).

Das aus orgonomischer Sicht Verwirrende bei Hass ist sein Diktum, daß auch Raub Arbeit ist. Nach Hass ist auch „Dieb“ ein Beruf, dazu zitiert er zustimmend Werner Sombart: „Nach meiner Definition ist also Arbeit ebenso die Tätigkeit, die der Dieb aufwendet, um einen Einbruch auszuüben, obwohl sie (sozial) schädlich ist.“

Der Energontheorie zufolge muß der Energieerwerb möglichst ökonomisch erfolgen, d.h. er darf selbst möglichst wenig Energie kosten. Die Devise lautet: Verfahre möglichst so, daß du möglichst schnell und möglichst präzise, bei möglichst geringem eigenen Kraftaufwand, ein Maximum an Gewinn erzielst! Was sollte da effizienter sein als Raub?! Noch besser: den Konkurrenten das von ihnen Erbeutete abjagen. Man selbst darf nichts und niemandem trauen, denn die Beute könnte einem von Konkurrenten entrissen oder man sogar selbst Opfer eines Räubers werden. Genau diese „Vorgehensweise“ beobachten wir alltäglich im Tierreich.

Und nicht nur Tiere verhalten sich so, sondern auch das Menschentier gegenüber den Umwelt. Hass:

Ob es darum ging, nach Früchten und Beeren zu suchen, Insekten aus ihren Verstecken hervorzustochern, Kaninchen aus ihren Bauten zu jagen und zu töten oder in organisierter Treibjagd Großwild den Garaus zu machen: In jedem Fall war irgendeine Rücksichtnahme auf die einmal entdeckte und gestellte Beute völlig fehl am Platz. In jedem Fall war es zweckmäßig, so viel der erbeuteten organischen Substanz zu verwerten und sicherzustellen als möglich (…). In jedem Fall war es zweckmäßig, das Raubhandwerk immer noch besser zu handhaben – jede List, jede Übertölpelung war hier ein Fortschritt und Vorteil.

Warum sollte das bei den Hyperzellern, d.h. im Berufsleben anders aussehen? Auch hier sollten Raub, Mord und Todschlag doch am effizientesten sein? – Nein, sie sind es, so Hass, dezidiert nicht, weil nämlich die Energiegewinnung im Menschenreich vollständig anderer Natur ist als im Tierreich.

Mit den Berufskörpern wird erstmals in der Entwicklung der Energone die lebensnotwendige Energie nicht mehr durch Raub, bei dem immer einer der Gewinner und einer der Verlierer ist, sondern über einen Tauschakt erlangt, bei dem alle nur Gewinner sind. „Rücksichtsloses Verfolgen der eigenen Interessen“ führt deshalb nicht zu Wohlstand, sondern (langfristig) in den Ruin. Die Nähe von Hass‘ Konzept zu dem der Arbeitsdemokratie ist offensichtlich.

Daß sich die Menschentiere entgegen aller ökonomischen Vernunft weiter so verhalten, als wären sie, wie alle Tiere vor ihnen, Räuber („Raubtierkapitalismus“), macht den von Hass beklagten „Psychosplit“ aus: der Kunde bedeutet für den Anbieter Nahrung (er kann mit seiner Hilfe sein Leben fristen) und wie bei einem bedingten Reflex löst der Kunde die Raubinstinkte des Anbieters aus.

Signalisiert jemand einen „Bedarf“, gibt er damit, ähnlich wie ein Reh das lahmt, eine seiner Schwachstellen preis. In der „freien Wildbahn“ würde diese Schwachstelle erbarmungslos ausgenutzt werden und das Reh von seinen Raubfeinden gerissen. In der Wirtschaft sieht das grundlegend anders aus: hier kann ich den Kunden (also die Quelle meiner Energie) nur für mich gewinnen, wenn ich sein Problem zu dem meinigen mache und es behebe. Natürlich hat etwa der Schuster einen kurzfristigen Vorteil, wenn er seinen Kunden mit schlechtem Material und schlechter Verarbeitung übervorteilt, – aber langfristig hat er diesen und, wenn es sich herumspricht, weitere Kunden verloren und sich so seiner eigenen Existenzgrundlage beraubt. Oder mit anderen Worten: die Erfolgsstrategie der ersten Phase der Evolution, nämlich rücksichtsloser Egoismus, führt in der zweiten Phase der Evolution in den Ruin. „Während es für den Räuber ohne Interesse und Relevanz ist, daß das Opfer ‘seiner freundlich gedenkt’, ist dies beim Erwerb über Tauschakte diametral verschieden. Hier beeinflußt ein Erwerbsakt den nächsten in entscheidender Weise.“

Für den Berufskörper sind nicht mehr die in fremdem Zellgewebe gespeicherte Energie und Stoffe die Quelle des Lebens, sondern ganz im Gegenteil der Mangel an Energie und Stoffen, unter dem andere leiden. Ein Schuhmacher braucht nicht mehr auf die Jagd gehen, nichts anpflanzen oder Vieh halten, sondern kann alles, was er benötigt, darunter Nahrung, gegen das von ihm hergestellte zusätzliche Organ „Schuh“ eintauschen, das andere zum Überleben brauchen.

Doch leider wird der Kunde allzuoft vollständig gleichgültig, denn sämtliche Triebkräfte des Anbieters fokussieren sich allzuleicht auf den „Universal-Schlüsselreiz“ Geld. Das Geld wird zum „übernormalen Schlüsselreiz“, weil sich der Anbieter mit dem Geld Nahrung und zusätzliche Organe für seinen Luxus- und Erwerbsbedarf beschaffen kann. Diese Geldfixierung ist kontraproduktiv, da effektiver Gelderwerb die Ausrichtung auf die Interessen des Kunden zur Voraussetzung hat. „Um es noch einfacher zu sagen: Um im Gelderwerb erfolgreich zu sein, ist es richtig, nicht an diesen Erwerb, sondern an die Probleme und Interessen des jeweiligen Nachfragers der eigenen Leistungen zu denken, sich möglichst auf diese zu konzentrieren – während das Geld es zuwege bringt, daß wir dies nicht tun.“

Man denke etwa auch an die von „geostrategischen Realisten“ prophezeite (oder heraufbeschworene) Rivalität zwischen den USA und China: vollkommen sinnlos, überflüssig, ökonomisch kontraproduktiv und einfach in jeder Beziehung schädlich für die USA, China und die restliche Welt. Nur strukturelle Nazis denken „geostrategisch“! Es macht Sinn, wenn sich Affenhorden bekriegen, doch bei Hyperzellern widerspricht eine solche „Interessenpolitik“ – den eigenen Interessen.

Beim Tausch, wenn er zum Gewerbe wird, ist Rücksichtnahme das allerwichtigste Werkzeug. Hier zählt nicht der Profit, den der Augenblick bringt, sondern der Kundenstamm, den man aufbaut, die Bande, mit denen man Interessenten an dem, was man zu bieten hat, an sich fesselt. Hier ist es sogar wichtig, die Notlage, in der sich der Interessent etwa befindet – weil sein Bedarf ein sehr dringender ist –, nicht auszunützen und den Preis für die eigene Leistung nicht entsprechend hoch empor zu schrauben. Das mag zwar einen guten Gewinn bringen, aber dieser Kunde ist dadurch nicht gewonnen, sondern wird sich wahrscheinlich beim nächsten Bedarf an Konkurrenten wenden. Wird dagegen der sich in Zwangslage befindende trotzdem zu einem angemessenen Preis bedient, dann wird er sich wahrscheinlich bei einem weiteren Bedarf dessen erinnern und diese entgegenkommende Haltung zu schätzen wissen. Er wird – wie mit einem Gummiband an diesen Leistungsanbieter gefesselt – sehr wahrscheinlich zu diesem zurückkehren. – Und zwar nicht, weil dieser „gut“ war, sondern weil dieser „klug“ war.

Was Hass so überaus anziehend macht, ist, daß er sich im Gegensatz zu anderen „biologistischen“ Theorien gegen „die Meute“ auf die Seite der Schwachen stellt:

Renne nicht mit dem großen Haufen, sondern suche nach einer Bedarfslücke! Mache nicht das gleiche, was auch die anderen tun, sondern entwickle deine eigene, notfalls engbegrenzte Spezialität! Eine enge Zielgruppe überzeugend besser zu befriedigen als die Konkurrenten, schafft größere Aufstiegschancen, als sich auf die verschiedensten Kunden zu verzetteln!

Man ist erfolgreich, wenn man dem Getümmel der Konkurrenten entwischt. Reiht man sich wieder ein, bekommt man die Folgen zu spüren. Entsprechend sind es gerade die Schwachen, Behinderten, Außenseiter, Unterprivilegierten und alle die von der Norm abweichen, die Erfolg haben können, weil sie nicht mit der Masse gehen und einen eigenen Zugang zu abwegigen Sonderbedürfnissen haben. Aber was sieht man stattdessen: überall das „gesunde“ Herdentier!

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Der orgasmische Affe (Teil 1)

8. November 2011

Anläßlich der gegenwärtigen Ausstellung SEX in Stuttgart, in der genüßlich die „bizarren Sexpraktiken“ der Tiere präsentiert werden, möchte ich die Reichsche Orgasmustheorie in den Rahmen der Evolutionsbiologie stellen.

In den 1930er Jahren, als Reich im Anschluß an die Formulierung seiner Spannungs-Ladungs-Funktion durch die mikrobiologische Bionforschung seine Orgasmustheorie im Tierreich (Amöben und Protozoen) verankerte, kam der holländische Verhaltensforscher Nikolas Tinbergen zu ganz ähnlichen Ergebnissen bei der Erforschung des Verhaltens von höheren Wirbeltieren. Jedenfalls gibt es in der klassischen Verhaltensforschung Ansätze, die der energetischen Betrachtung des Triebgeschehens durch Reich nahe kommen.

Hier stand man unmittelbar vor der Entdeckung der Orgasmusfunktion und des Orgons – hätten die Forschungsobjekte der Verhaltensforscher so „orgastisch“ funktioniert wie zur gleichen Zeit Reichs zwei Forschungsobjekte in Skandinavien auf der vegetotherapeutischen Couch (der Orgasmusreflex beim Menschen) und unter dem Mikroskop (der „Orgasmusreflex“, bzw. die Teilung der Einzeller). Siehe dazu meine Ausführungen in Hans Hass und der energetische Funktionalismus.

Heute wird leider der energetische Ansatz der klassischen Verhaltensforschung (Tinbergen, von Holst, Lorenz, Hass) von der angloamerikanischen Tradition der „Soziobiologie“ bzw. „Psychobiologie“ verdrängt (bekanntester Vertreter ist E.O. Wilson von der Harvard University), die sich vollständig von biophysikalisch-energetischen Betrachtungen gelöst hat. Das eigentlich Biologische an der Biologie sei die Entwicklung von Information in der Evolution. An die Stelle des Energiebegriffs ist der der Information getreten. Ganz im Gegensatz zur Physik frägt man nicht nach Wirkursachen, sondern nach Zweckursachen. Triebe spielen hierbei keinerlei Rolle mehr. Bezeichnenderweise hat Wilson seine Theorie aus der Untersuchung von Insekten, also „bionischen Maschinen“ geschöpft.

Im Vergleich mit der mechanistischen Soziobiologie kommt die ältere ganzheitliche, gestalterkennende Schule, die „deutsche“ Tradition der Verhaltensforschung der Orgonbiophysik sehr nahe; etwas, was bis jetzt noch niemand festgestellt zu haben scheint. Das Übersehen dieser Tradition kommt daher, daß Lorenz in Amerika nicht sehr populär ist und in Europa die Orgonomie wegen des Naziverdachts, insbesondere aber wegen der Theorie vom „Aggressionstrieb“ mit Lorenz nichts am Hut hat.

Auch die Verhaltensforscher schalten zwischen dem genetisch kodierten Verhaltensmuster und dem tatsächlichen Verhalten als „dritten Faktor“ (Hans Hass) den Trieb. Hass wendet sich gegen eine rein Pawlowsche Reduktion des tierischen Verhaltens auf bedingte Reflexe, vielmehr sei bei den Schlüsselreizen und der angeborenen Reaktion auf sie, das energetische Triebgeschehen zu beachten:

Diese Triebe sind veränderlich und führen gleichsam ein Eigenleben. Sind sie aktiv, dann sucht das Tier nur noch nach dem Schlüsselreiz, auf den sein Triebverhalten hinzielt. Ist der Trieb abreagiert, dann achtet es auf solche Schlüsselreize nicht mehr – und andere Triebe beherrschen sein Verhalten.

Die Unterschiede zwischen der Verhaltensforschung und Reich sind praktisch mit denen zwischen Freud und Reich identisch. Hass führt 14 „Haupttriebe“ an mit zusätzlichen „Nebentrieben“ und der Instanz „Einsicht“, mit der die Triebe beherrscht werden (Die Schöpfung geht weiter, Stuttgart 1978). Zusätzlich baut sich noch „jeder Haupttrieb in Wahrheit aus einer ganzen Hierarchie von Einzelheiten auf“. Dies ist praktisch die gleiche Situation, die schon in der Sexuologie und psychiatrischen Psychologie vor Freud herrschte, über die Reich schreibt, daß es in ihr „ebenso viele Triebe wie menschliche Handlungen, oder beinahe ebenso viele“ gegeben habe.

Es gab einen Nahrungstrieb, einen Propagationstrieb für die Fortpflanzung, einen Exhibitionstrieb für die Exhibition, einen Machttrieb, einen Geltungstrieb, einen Nährinstinkt, einen Muttertrieb, einen Trieb zur Höherentwicklung des Menschen, einen Kultur- und Herdentrieb, selbstverständlich auch einen sozialen Instinkt, einen egoistischen und einen altruistischen Trieb, einen eigenen Trieb für die Algolagnie (Schmerzsucht) und einen für den Masochismus, einen für den Sadismus und einen Transvestitischen Trieb – kurz, es war sehr einfach und doch furchtbar kompliziert. (Die Funktion des Orgasmus, S. 31)

Die Freudsche Triebtheorie mit ihren „Partialtrieben“ änderte daran wenig. Reich:

Jeder von ihnen, auch die, die Perversionen bedingen, war biologisch festgelegt. (…) Zerschlug ein Kind ein Glas, so war es der Ausdruck des Destruktionstriebes. Fiel es oft hin, so wirkte der stumme Todestrieb.

Dieser „Konstitutionslehre“ setzte Reich die „dynamische Auffassung des seelischen Erkrankungen“ entgegen, die auf seiner genitalorgastischen Theorie basierte.

Selbst für jeden einzelnen Schritt des Sexualablaufs gab es vor Reich einen eigenen „Trieb“. Albert Moll sprach von einem Konkrektations- und einem Detumenszenztrieb als den Teiltrieben des Geschlechtstriebes. Havelock Ellis hat den letzteren weiter in einen Tumeszenztrieb, der der physiologischen Vorbereitung des Geschlechtsaktes diente, und dem eigentlichen Detumenszenztrieb aufgespalten. Diese Triebe würden sich aus der Evolutionsgeschichte des Menschen ergeben. Die primitivsten Vorfahren des Menschen pflanzten sich asexuell durch Knospung oder Teilung fort, durch Spannung und Entspannung, während der mehr psychische Konkrektationstrieb, das Zueinander-Hingezogensein, erst in späteren Evolutionsschritten mit dem Auftreten zweier voneinander getrennter Geschlechter in Erscheinung getreten wäre (Frühe Schriften, S. 101, Die Funktion des Orgasmus, S. 31, Frank J. Sulloway: Freud – Biologe der Seele, Köln 1982, S. 419f).

Reich hat all diese komplizierten Formulierungen in seiner wissenschaftlichen Entwicklung durch einfache energetische Beschreibungen ersetzt. Wichtig ist jedoch festzuhalten, daß Reich aus einer Tradition stammt, die den Trieb evolutionär verstehen wollte. Die wissenschaftliche Matrix aus der sich der junge Reich heraus entwickelt hat, wurde in der Orgonomie aber praktisch noch gar nicht rezipiert.

Reich bietet hier einen neuen Ansatz zur Evolutionsbiologie, der einerseits schon in den Grundlagen der Psychoanalyse als „Biologie der Seele“ (Sulloway) angelegt war und andererseits formal dem Ansatz des Verhaltensforschers Hass entspricht, der sich dem Triebaufbau des Menschen ganz ähnlich nähert:

Wenn sämtliche Organismen Teile einer einzigen großen Entwicklung sind, dann eröffnet sich eine ganz neue Möglichkeit, die Phänomene unseres Verhaltens zu erforschen (…): bei den niedrigsten uns bekannten Organismen. Er beginnt bei den einfachsten Lebenserscheinungen, bei den einfachsten Formen von „Verhalten“ und führt dann Stück um Stück den weiteren Entwicklungsweg empor.

Wenn man die entsprechenden Entwicklungslinie der Orgasmusfunktion verfolgt; mit der Zellebene anfängt, die Reich erforschte, und diese direkt mit der menschlichen Baumspitze verbinden will, treten ganz entschiedene Schwierigkeiten auf, die das eigentliche Thema dieser Ausführungen sein sollen. Die zweifelnden Gedankengänge hinter diesen Ausführungen wurden von folgender Aussage ins Rollen gebracht:

Der Körper-Panzer des Menschen ist im Laufe der Menschheitsgeschichte dünner geworden. Schauen Sie sich mal den Muskelaufbau der Affen an. Der Cro-Magnon-Mensch hat sich bestimmt nicht für ein Sensitivitätstraining geeignet. Es scheint, als ob der Mensch immer aufrechter geht, seine Haut immer dünner wird, er überhaupt immer flexibler wird. Sexualität ist beim Menschen nicht auf bestimmte Zeiten im Jahr beschränkt.

Der Mensch sei, so der „Bioenergetiker“ Stanley Keleman weiter in einem Gespräch mit Psychologie heute (Juni 1975), in seiner Entwicklung verglichen mit den Affen immer freier geworden und habe eine immer reichhaltigere bioenergetische Ausdrucksmöglichkeit erlangt.

Diese Aussage (bei der die Tendenz, nicht der substantielle Inhalt wichtig ist) hat zweifellos etwas für sich, schlägt aber offensichtlich den Ansichten Reichs ins Gesicht.