Posts Tagged ‘Zivilisationskrankheiten’

Gesundheit und Charakter

21. Mai 2018

Wegen der doppelten Annäherungsweise, die das Reichsche Werk auszeichnet (von der Biologie auf das Soziale und vom Sozialen auf die Biologie) kann man nicht einen sozialen gegen seinen vorgeblich „biologistischen“ Gesundheitsbegriff ausspielen. Gerade jene Marxisten, die Reich diese vorgebliche Einseitigkeit vorwerfen, verfallen in das entgegengesetzte Extrem. Hier spreizt sich Ernst Bloch:

Gesundheit ist ein sozialer Begriff, genau wie das organische Dasein der Menschen, als Menschen insgesamt. So ist sie überhaupt erst sinnvoll steigerbar, wenn das Leben, worin sie steht, nicht selber von Angst, Not und Tod überfüllt ist. (Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt/Main 1977, Bd. 2, S. 541)

Also kann etwa in Bangla Desh niemand „gesund“ sein und alle würden dort gesünder, hätten sie unseren Lebensstandard? Wegen der Panzerung wäre eher das Gegenteil der Fall: Bangla Deshis wären eher mit ihrem neurotischen Elend konfrontiert, litten vermehrt an „Zivilisationskrankheiten“ „psychosomatisch“, etc. Für einen nichtsnutzigen linken Zombie wie dem pseudophilosophischen Schwätzer Bloch sind die Menschen selbst Zombies.

Reich hat stets einen untrennbar soziobiologischen Gesundheitsbegriff vertreten: die Panzerung ist „verinnerte“ gesellschaftliche Unterdrückung, das „Überich“. Dies sieht man besonders gut an seiner Auseinandersetzung mit der Neopsychoanalyse etwa in Reich Speaks of Freud. Leute wie Sullivan, Horney, Fromm, etc., die nur mit blutleeren („libidoleeren“) Begriffen hantiert haben.

Gemeinhin wird heute Gesundheit definiert als Verfügung über die eigene Zeit und das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben (wobei auch die Sinnfrage involviert ist = „Welche Funktion hat das?“), was zwar weitgehend mit Reichs funktioneller Definition von Gesundheit als Selbstregulation übereinstimmt, aber daß Reich im Gefängnis von einem Augenblick zum anderen nicht mehr „gesund“ war…

ZUKUNFTSKINDER: 1. „Rousseauismus“? d. Das moderne Leben

29. Januar 2018

Ein neuer Artikel auf http://www.orgonomie.net:

ZUKUNFTSKINDER:

1. „Rousseauismus“? d. Das moderne Leben

Die Zunahme an Biopathien

29. Dezember 2017

Anfang der 1940er Jahre veröffentlichte Reich eine Statistik, die zeigen sollte, daß in den vorangegangenen Jahrzehnten die Biopathien im Vergleich zu etwa Infektionskrankheiten immer weiter zugenommen hatten (William F. Thorburn: „Mechanistic Medicine and the Biopathies“, International Journal of Sex-economy and Orgone Research, 1(3), November 1942, S. 257f). Das findet sich auch in Reichs Buch Der Krebs von 1948.

Die mechanistische Medizin hat dafür Erklärungen wie die „Zivilisationskrankheiten“ oder daß dieser Anstieg nur ein statistisches Artefakt sei. Diagnose und Erhebung hätten sich im Laufe der Zeit verbessert. Es wird auf zunehmende Umweltgifte verwiesen, etwa Pestizide und Herbizide. Heute führen Verschwörungstheoretiker sogar die genetische Manipulation der Nahrungsmittel oder gar „Chemtrails“ an. Es wird auf den zunehmenden Streß des modernen Lebens verwiesen. (Tatsächlich hat nie jemand zuvor bequemer gelebt als wir!)

Nie erwähnt wird der alles entscheidende Faktor, auf den Reich bereits im Zusammenhang mit der Präsentation der erwähnten Statistik verwiesen hat: der Zusammenbruch der Panzerung im Verlauf der 20. Jahrhunderts, die sexuelle Revolution. Die Panzerung kann die Energie nicht mehr binden und es kommt infolge zu „offenen“ Symptomen (somatischer Bereich). Hierher gehört auch die „moderne Nervosität“ (psychischer Bereich), von der bereits Freud sprach, und das anwachsen des politischen Irrationalismus (sozialer Bereich).

Sexterror (Teil 3)

12. Februar 2012

Eine der zentralen orgonometrischen Gleichungen ist die folgende:

Sie erklärt die diversen Charaktere, die Elsworth F. Baker in Der Mensch in der Falle beschrieben hat. Der hier dargestellte phallisch-narzißtische Charakter wird durch die genitale Rache bestimmt. Beim, beispielsweise, manisch-depressiven Charakter wird diese genitale Rache durch orale Strebungen maskiert, beim, beispielsweise, modern-liberal character drückt sich die genitale Rache durch den Intellekt aus. Auf diese Weise, d.h. weil 80 Prozent der Männer phallische Narzißten sind und die genitale Rache ein zentrales Element der Emotionellen Pest ist, kann man die Rolle der genitalen Rache nicht überschätzen: sie ist der eigentliche „Sexterror“.

Gestern befaßte ich mich mit dem oberen („psychologischen“) Teil der Gleichung, der Orgasmusangst, die hinter der genitalen Rache steht. Heute soll es um den unteren („somatischen“) Teil, die orgastische Impotenz, gehen. Den „Sexterror“, wie er am eigenen Leibe verspürt wird; seine medizinische Seite. Er ist unmittelbar an den Gesichtern und dem Gehabe von Männern jenseits der 50 abzulesen: diese Mischung aus tiefster Verunsicherung, Verbitterung und gespielter „Männlichkeit“.

Ich habe mich bereits an anderer Stelle mit der erektilen Dysfunktion und ihrer funktionellen Behandlung beschäftigt.

Die orgastische Impotenz geht mit allen möglichen eingebildeten und wirklichen Wehwehchen und ernsthaften Erkrankungen einher, insbesondere „Zivilisationskrankheiten“ wie Bluthochdruck, Diabetes und Depressionen. Die erektile Dysfunktion macht die Hersteller von Viagra, Levitra und Cialis reich, während die allgemeinen Erkrankungen, die mit der orgastischen Impotenz verknüpft sind, den Rest des Pharmamarktes am Laufen hält.

Nun hat eine Studie von Diana C. Londoño et al. (Quality & Clinical Analysis for Kaiser Permanente Southern California) gezeigt, daß je mehr Pillen ein Mann nimmt, um gegen die erwähnten Erkrankungen vorzugehen, er desto mehr an einer erektilen Dysfunktion leidet. Die Forscher weisen darauf hin, daß diesen Männern mehr gedient wäre, wenn man sie dazu brächte ihren Lebensstil zu ändern, etwa sich anders zu ernähren, sich mehr zu bewegen und etwa das Rauchen aufzugeben.

So berechtigt dieser Vorschlag ist, zeigt er doch, wie imgrunde hilflos die mechanistische Medizin mit den Problemen umgeht. Sie doktert an den beiden oberflächlichen Variationen herum (erektile Dysfunktion und „Zivilisationskrankheiten“) und verschlimmert die eine, wenn sie die andere in den Griff bekommen will, während die gemeinsame Ursache, die orgastische Impotenz, vollkommen draußen vorgelassen wird. Sie wird nicht einmal als Problem erkannt, sondern mit all den chemischen Mittelchen, die die Energie zusätzlich immobilisieren, weiter verfestigt.

Konkret geht es um die Sympathikotonie, die energetische Kontraktion, die allen biopathischen Leiden zugrundeliegt und die von medizinischen Orgonomen direkt angegangen wird. Der heutigen Medizin ist sie nur zugänglich, indem beispielsweise Smpathikusnerven durchtrennt werden, um den Bluthochdruck zu senken („renale Sympathektomie“).

Imgrunde ist auch die mechanistische Medizin nichts anderes als „Sexterror“!

Von dem Terror der direkt auf die Genitalien von Männern und Frauen gerichtet ist, möchte ich erst gar nicht anfangen.

Der orgasmische Affe (Teil 2)

9. November 2011

Die im ersten Teil angeschnittene für die Orgonomie so fremde „negative Beurteilung“ unserer entwicklungsgeschichtlichen Vorfahren wird durch Meldungen wie die folgenden beiden unterstützt, die den braven Reich-Anhänger ziemlich blaß aussehen lassen:

Bei Männern der Gattung Homo sapiens baut der Sexualakt im allgemeinen Aggressionen ab, Mäuse-Männchen dagegen werden danach erst richtig wild. In den ersten drei Wochen nach einer Kopulation töten sie alle neugeborenen Mäuse, die ihnen in die Quere kommen. Nach dieser Frist werden aus den Kinderkillern fürsorgliche Väter. Gesteuert wird das bizarre Verhalten nach Ansicht von Biologen der University of Missouri durch eine innere Uhr. Der Timer, der jeweils nach einer Ejakulation in Gang gesetzt wird, ließ sich im Labor (durch künstliche Veränderung von Tag- und Nachtrhythmen) verlangsamen oder beschleunigen. In der Natur läuft die neurale Uhr, synchron mit der Tragzeit einer Maus, nach drei Wochen ab. (Spiegel 33/90, S. 181)

Die amerikanische Psychobiologin Nancy Ostrowski vom National Institute of Mental Health hat festgestellt, daß körpereigene Abwehrsystem von Goldhamstermännchen sei „noch Wochen nach einer heftigen Kopulationsserie stark in Mitleidenschaft gezogen – sie erkranken leichter als Artgenossen, deren Geschlechtstrieb schwächer ausgeprägt ist“. Sexuell aktive Männchen, denen man körperfremdes Protein spritzte, konnten deutlich weniger Antikörper mobilisieren und Killerzellen bilden, als jene Hamstermännchen, denen man ein Sexualleben verwehrte (Spiegel 50/89). Es ist allgemein bekannt, daß Säugetiermännchen, die als einzige Männchen ein regelmäßiges Sexualleben haben, durch den Streß, der dadurch entsteht, daß sie ständig ihre Macht gegen Konkurrenten verteidigen müssen, früher an der „Managerkrankheit“ sterben als ihre erfolglosen Konkurrenten. Sowas bezeichnet man kurioserweise als „Zivilisationskrankheit“.

Reich ging es immer darum, den Menschen von der Zivilisation zu befreien und wieder zum Tiersein zurückzuführen, zum „Menschentier“ (ein Begriff, den übrigens auch Freud, wenn auch mit entgegengesetzter Tendenz, benutzt, ebenso Nietzsche). Der Mensch solle sich als Tier bekennen, um zur sexuellen Gesundheit zurückzufinden. Er, Reich, habe „nur eine einzige Entdeckung gemacht: die Funktion der orgastischen Plasmazuckung“ (Äther, Gott und Teufel, S. 3), die nur bei einem einzigen Tier, nämlich dem Menschen, nicht erfüllt werde – weil dieses Tier vor seinem Tiersein flüchte. Es gelte zum sexuell unverdorbenen Tier in uns zurückzukehren.

Der Orgasmusreflex sei „neben der Atmung die wichtigste Bewegungserscheinung im Tierreich“ (Charakteranalyse, S. 482). Folglich, wenn der Orgasmusreflex in der ganzen Tierwelt auftritt, muß die Genitalität in der Tierwelt allgegenwärtig sein. Konkret vergleicht Reich die orgastische Zuckung mit der von einer „Akme“ begleiteten Ausstoßung des Laichs bei Fischen und des Spermas bei Landtieren (Charakteranalyse, S. 518). Doch kann man dies wirklich mit dem menschlichen Orgasmus und seinem spezifischen Reflex gleichsetzen?

Die meisten Menschen wissen nicht, daß es beim Orgasmus zu einer reflexartigen Zuckung kommt. Dies kann man aus persönlichen Gesprächen schließen. Er wird auch in all dem Aufklärungszeugs, mit dem wir seit den 1960er Jahren überflutet werden, nirgends erwähnt. Vielleicht hat die „Sexuelle Revolution“ sogar bewirkt, daß viele Menschen diesen Reflex, bzw. den Beckenreflex, willentlich zurückhalten, weil es nicht „normal“ ist oder der Körper den Genuß stört, „da Sex sich ja sowieso nur im Kopf abspielt“ und die Lust durch Kontrolle der Beckenbodenmuskulatur prolongiert werden könne.

An der Orgasmuszuckung ist nichts Geheimnisvolles, denn sie ist den Krämpfen beim Nießen oder beim Erbrechen ähnlich. Aber andere krampfartige Erscheinungen, wie das Lachen, treten beim Tier nicht auf. Bei einer Erregung „oberhalb der Toleranzgrenze“ lachen wir – das Tier nicht (Baker: Der Mensch in der Falle, S. 105). Schon LaMettrie meinte: „Das Lachen ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet“ (Anti-Seneca, S. 102).

Ist die Genitalität also vielleicht doch nicht in der Tierwelt allgegenwärtig? Warum hat Reich sich bei seinen bioelektrischen Experimenten, wo es mehr denn nahe gelegen hätte, nicht mit höheren Tieren beschäftigt? Ließ er sie mehr oder weniger instinktiv als „orgastisch fragwürdig“ bei Seite und griff lieber direkt zum „Urtier“ zurück? Es gibt bei Reich Stellen, die dies nahelegen:

Die Lösung (der) segmentären Panzerung setzt Ausdrucksbewegungen und plasmatische Strömungen frei, die von den anatomischen Nerven- und Muskelanordnungen des Wirbeltieres unabhängig sind. Sie entsprechen weit mehr der peristaltischen Bewegung eines Darms, eines Wurms oder eines Protisten. (Charakteranalyse, S. 515f)

Die Ausdrucksbewegungen im Orgasmusreflex sind funktionell identisch dieselben wie die einer lebenden und schwimmenden Qualle. (ebd. S. 517f)

Die Ausdrucksbewegung des Orgasmusreflexes bedeutet (…) eine (…) aktuelle Mobilisierung einer biologischen Bewegungsform, die bis zum Quallenstadium zurückreicht. (ebd. S. 518)

Die Qualle ist bei Reich das Paradebeispiel für die zuckungsartige gesamtorganismische Pulsation des Orgasmusreflexes; umgekehrt zeige sich, so Reich, beim menschlichen Orgasmus die „Quallenfunktion“. Reich weiter:

Wir werden uns mit dem Gedanken befreunden müssen, daß es sich hier nicht etwa um tote, archaische Überreste der phylogenetischen Vergangenheit, sondern um höchst aktuelle, bioenergetisch höchst bedeutsame Funktionen im hochentwickelten Organismus handelt. Die primitivsten und die höchstentwickelten plasmatischen Funktionen bestehen nebeneinander und funktionieren wie ineinandergeschaltet. Die Entwicklung komplizierter Funktionen im Organismus, die wir „höher“ nennen, verändert nichts an Existenz und Funktion der „Qualle im Menschen“. Es ist gerade diese Qualle im Menschen, die seine Einheit mit der niedrigen Tierwelt darstellt. (Charakteranalyse, S. 519)

Die Pulsation läßt sich beim Einzeller

an den rhythmischen Kontraktionen der Vakuolen oder an den Zuckungen und schlangenartigen Bewegungen des Plasmas leicht beobachten. Beim Vielzeller sehen wir sie vor allem am Gefäß-System. Hier tritt die Pulsation im Pulsschlag klar hervor. Sie läuft an den verschiedenen Organen (…) verschieden ab. Am Darm erscheint sie als in distaler Richtung verlaufende Kontraktions- und Expansionswelle, als „Peristaltik“. An der Harnblase funktioniert die biologische Pulsation auf den Reiz der mechanischen Expansion durch Harnfüllung. Sie funktioniert in der Muskeltätigkeit, in den quergestreiften Muskeln anders als in den glatten, dort als Zuckung, hier als wellige Peristaltik. In der orgastischen Zuckung erfaßt die Pulsation den Gesamtorganismus („Orgasmusreflex“). (Der Krebs, S. 169f)

Die Frage ist nun, ob man die konvulsorischen Zuckungen, die Entladung und Entspannung begleiten, nur bei Zellteilung und menschlichem Orgasmus findet, jedoch nicht im übrigen Tierreich. – Nochmals: Selbstverständlich wird auch das übrige Tierreich von der Orgasmusformel bestimmt und in diesem Sinne ist die Genitalität phylo- und ontogenetisch allgegenwärtig, doch im Speziellen, d.h. im Sinne der Koordinierung der verschiedenen Teilpulsationen zu einer den gesamten Organismus als Einheit erfassenden Plasmazuckung hat die Genitalität eine Entwicklungsgeschichte.

Die Genitalität, die Reich beim Menschentier und der Zellteilung von Protozoen entdeckte, ist bei den restlichen Tieren nicht zu finden. Vielmehr ist eine Entwicklungslinie, wie sie implizit schon die Psychoanalyse vertreten hat, von den primitivsten Formen der Prägenitalität niederer Metazoen bis zur schließlichen Genitalität beim Menschentier aufzufinden, das deshalb der generische Genitale Charakter ist. Wir stoßen also nicht einfach auf die Genitalität, sondern auf deren Entwicklung, wenn wir auf die Affen und weiter zurückgehen.

Genauso wie die Orgasmusformel die Trennungslinie zwischen lebender und nichtlebender Natur markiert, kennzeichnet die Genitalität die Trennungslinie zwischen Menschentier und Tier. Reich hat diesen zweiten Trennungsstrich vermieden, indem er den Orgasmusreflex von der Genitalen Umarmung trennte und schon in der Körperhaltung und Bewegung der Wirbeltiere verwirklicht sah. Es sei nochmals die Frage gestellt: Warum hat Reich den Orgasmusreflex nicht im Sexualleben der Tiere nachgewiesen? Was doch angesichts des gepanzerten Menschen naheliegend gewesen wäre!

Trotz jahrelanger Suche ist es mir nicht gelungen, zur Beschwichtigung der vom im ersten Teil zitierten „Bioenergetiker“ bei mir hervorgerufenen schmerzlichen Zweifel einen Beleg dafür zu finden, daß der Orgasmusreflex bei Tieren auf dem Höhepunkt der geschlechtlichen Vereinigung auftritt. Wer diese Aussage widerlegen will, soll es versuchen.

Tiere haben offensichtlich ähnliche sexuelle Bedürfnisse wie der gepanzerte Mensch (sie masturbieren, wenn sie in Gefangenschaft allein sind, etc.), aber man kann keine orgastische Reaktionen finden, die dem entsprechen, was Reich für den orgastisch potenten Menschen beschreibt.