Posts Tagged ‘19 Jahrhundert’

Die drei Filter durch die die wirklichen Erschaffer der Gegenwart auf stark entstellte Weise wirkten und durch die ihr Lebenswerk gleichzeitig ins Gegenteil verkehrt wurde

13. Oktober 2026

Rousseau, Nietzsche und beispielsweise Foucault waren wie Filter, die den jeweils ursprünglichen Impuls (LaMettrie, Stirner und Reich) so modulierten, daß die ursprüngliche lebenspositive Botschaft so entkernt wurde, daß sie einerseits immer noch auf geradezu „magische“ Weise Widerhall fand, ein Faszinosum, andererseits aber das lebensfeindliche System nicht wirklich gefährdete, sondern eher noch stabilisierte. Mit anderen Worten wurden die erstgenannten zu einem anerkennten Kulturgut und gleichzeitig die kontrollierte „Opposition“ gegen eben diese Kultur. In diesem Zusammenhang möchte ich an Myron Sharafs Wortspiel „Fury on Earth“ erinnern. Das System fängt den wütenden Angriff ab, siebt das wirklich revolutionäre fein säuberlich heraus und verwandelt ihn dergestalt zu einer „revolutionären“ Stütze des Systems. Ein profanes Beispiel ist die Popmusik: aus Johnny Rotten wurde – Campino!

Das 18. und 19. Jahrhunderts stand unter dem Bann Rousseaus. Kant (menschliche Freiheit und moralisches Gefühl), Marx (Entfremdung), die gesamte romantische Bewegung (das Primat des Gefühls über den Verstand) standen unter seinem Stern, selbst Nietzsche. Dieser wiederum war davon überzeugt, daß sich in seiner, Nietzsches Person das Schicksal der nächsten zwei Jahrhunderte vorzeichne. Und tatsächlich gehört das 20. und 21. Jahrhundert Nietzsche: alle Philosophen, Psychologen und Kulturkritiker nach ihm waren und sind durch die Bank nur ein schwacher Abklatsch von ihm. Der Existentialismus, Heidegger, alle Schulen der Psychoanalyse, alle Kulturheinis, ob nun Gottfried Benn oder Thomas Mann oder wer auch immer – alle standen sie unter seinem Bann. Nicht zuletzt Reich war stark von Nietzsche beeinflußt. Ein Portrait Rousseaus war der einzige Wandschmuck in Kants Arbeitszimmer. In Reichs Arbeitszimmer der 1920er Jahre hing Nietzsches berühmte Totenmaske. Ohne Reich selbst wäre die gesamte heutige woke Kultur aus Frankfurter Schule, Fromm, Marcuse, Foucault, Deleuze, Derrida etc. undenkbar. Genauso wie vorher Nietzsche nur ein verzerrender „Filter“ war, durch den Stirner wirkte. Bei Rousseau war es LaMettrie, wie Bernd A. Laska und Christian Fernandes (LSR-Projekt) nachgewiesen haben.

Die zwei Pole der Antiorgonomie

15. Juni 2022

Manchmal braucht man lange um zu verstehen. Diesen Blogbeitrag hat der geneigte Leser dem Stöbern in meinem Archiv zu danken, wo ich auf einen alten Flyer der „Sigmund Freud PrivatUniversität, Wien“ gestoßen bin. Es geht um eine Veranstaltung zu Reichs 50. Todestag 2007.

Der Soziologe Prof. Dr. Helmut Dahmer führte aus, wie es zu Reichs „Verabschiedung der Psychologie zugunsten einer phantastischen Naturwissenschaft (der ‚Orgonologie‘)“ gekommen sei. Reichs Lehrer Freud hatte sich, so Dahmer, von einem materialistischen Physiologen der Helmholtz-Schule zu einem Kulturkritiker entwickelt, der unsere „seelischen und kulturellen Institutionen“ als „Religionen“ enttarnte. Dahmer weiter: „Seine (Freuds) neuartige Wissenschaft – eine Kritik von Pseudonatur, die sich sowohl von der traditionellen Geistes- wie von den traditionellen Naturwissenschaften unterscheidet – präsentierte er (aus verschiedenen Gründen) auch weiterhin als eine Naturwissenschaft.“ Die „Freudsche Linke“, nicht zuletzt Reich, sei diesem Verständnis der Psychoanalyse als Naturwissenschaft treugeblieben, wobei er, Reich, schließlich „die resignative Abkehr von der Geschichtsphilosophie und die Hinwendung zur Naturphilosophie (…) (wiederholte), wie sie schon für die nachhegelsche Philosophie (Schelling, Feuerbach) im 19 Jahrhundert charakteristisch war“.

Mit großen Bildungsgestus spielt Dahmer die alte Leier der Marxisten: Reich war kein richtiger Marxist, weil er den Menschen unkritisch nicht primär als gesellschaftliches Wesen, sondern als Naturwesen betrachtete. Reich konnte darauf nur antworten, daß er der „Ausdruckssprache des Lebendigen“ folgte, in der sich beides zeigte: die durch die Gesellschaft verformte Pseudonatur, der Freud sein Lebenswerk widmete (Muskelpanzerung, sekundäre Triebe, das komplizierte und verwickelte „Unbewußte“), und die wirkliche Natur (die denkbar einfachen primären Triebe), zu der Leute wie Freud und Dahmer keinen Zugang haben, weil sie von der bunten und verwirrenden Welt der Neurosen und Perversionen in Beschlag genommen werden und sich in dieser behaglich suhlen.

In vieler Hinsicht die Gegenposition zum „Freudo-Marxisten“ Dahmer nimmt Dr. med. Heike Buhl ein, die 2007 am gleichen Ort über „Orgonmedizin in der Praxis“ referierte. Dabei fällt der bemerkenswerte Satz: „Wilhelm Reich entwickelte seinen zunächst psychosomatischen Ansatz im Laufe seines Lebens zu einem energetischen Konzept weiter. Seine Arbeit veränderte sich: nicht mehr der Gefühlsausdruck, sondern die Anregung der selbstregulierten Lebenskraft, die er Orgon nannte, stand nun im Vordergrund.“ Nun, das ist eine der Hauptmißverständnisse der Orgontherapie durch orgonomische Laien: daß der Orgontherapeut von innen her das Lebendige gegen den Panzer mobilisiert. Tatsächlich ist es umgekehrt: der Panzer wird von außen Schichtweise abgetragen, genauso, wie am Anfang jedes Cloudbusting zunächst die Beseitigung des DOR steht, das Aufbrechen der „atmosphärischen Panzerung“, bevor man „mit dem Orgon arbeitet“.

Buhl führt auch aus, daß „der energetische Ansatz“ „im übrigen erstaunliche Parallelen zu den östlichen Energiesystemen des Daoismus aufweist“. Es geht also darum, das „selbstregulierte“ Chi, Prana und vermeintliche „Orgon“ zu unterstützen, auf daß die Selbstregulation sozusagen die Macht im Menschen übernimmt. Nun, das ist keine Wissenschaft, sondern genau die „Religion“, die Freud zu Recht kritisiert hatte. Die vermeintliche reine „Lebenskraft“, die Buhl mobilisieren will, ist erstens geprägt durch die gepanzerte Gesellschaft, etwas, was Reich schon in seinen bioenergetischen Experimenten in den 1930er Jahren feststellte („negative bioelektrische Konditionierung“), und zweitens hatte Reich schon in den 1920er Jahren bei der Weiterentwicklung der Psychoanalyse zur Charakteranalyse festgestellt, daß es nur zu Chaos führen kann, wenn man ohne systematische Widerstandanalyse durch Deutungen die Libido sozusagen direkt anspricht. Die Ausdruckssprache des Lebendigen übergehen zu wollen… – grotesker geht es einfach nicht!

Heike Buhl, die den Menschen nicht als gesellschaftliches Wesen, sondern als Naturwesen betrachtet, präsentiert genau den „orgonologischen“ Strohmann „Wilhelm Reich“, den Helmut Dahmer dann mit überlegener Leichtigkeit umhauen kann.

Übrigens sind die klassische Psychoanalyse und die diversen Therapien der „energetischen Medizin“ durchweg für die Katz, vollkommen sinnlos, wenn nicht kontraproduktiv, weil sie einseitig das energetische Orgonom (Zentrales Nervensystem, Sensationen) ansprechen, so daß der Organismus immer ins orgonotische System (Vegetatives Nervensystem, Emotionen) ausweichen kann, wenn die Therapie das neurotische Gleichgewicht gefährdet. Und genau darum geht es pseudo-progressiven „Antiorgonomen“ wie Helmut Dahmer und Heike Buhl in Wirklichkeit: es soll sich ja nichts verändern, genauso wie sich im daoistischen China über Jahrtausende nichts verändert hat am ständigen Massaker am Lebendigen.