Posts Tagged ‘Max Stirner’

Zum Gedenken an Hans Hass (Teil 3)

10. Juli 2013

Eines der Grundleistungen der Energone, die Verbesserung ihrer Nachkommen, dient weder dem Individuum, dem durch die Fortpflanzung, d.h. durch die fünfte als Voraussetzung der sechsten Grundleistung, nur Verluste entstehen, noch der Art, die durch die Entstehung neuer, besser angepaßter Arten nur neue Konkurrenz gewärtigen muß, sondern einzig und allein einer Instanz, die über Individuum und Art hinausweist: der Entfaltung des Lebens. Ständig steigert dieser „Entfaltungsstrom“ sein räumliches Volumen und seine Potenz, Arbeit zu leisten. Er ist ein sich ausbreitender Prozeß der Energieballung.

In der zweiten Phase der Evolution wird durch diese alles besiegende Kraft, die immer mehr Materie zusammenballt und organisiert, das gesamte Leben auf diesem Planeten bedroht. Scheinbar kann nichts mehr die Berufskörper und Erwerbsorganisationen davon abhalten, diesen Planeten in einen mit ihren Abfallprodukten übersäten Mond zu verwandeln.

Für Hass ist die Lebensentfaltung nicht heilig, sondern ganz im Gegenteil – nicht verdammens-, aber sehr wohl im Stirnerschen Sinne empörenswert! Daß am „Entfaltungsstrom“ nichts per se „lebenspositives“ ist, sieht man am Energon „Handelsvertreter“: er könnte z.B. Kettensägen in die letzten Winkel Brasiliens bringen. Hier werden die Lebensgrundlagen des Menschen vernichtet, aber die Wirtschaft wird (zumindest kurzfristig) angekurbelt, was den blinden, bewußtseinslosen „Entfaltungsstrom“ anschwellen läßt.

Man muß das durchschauen und sich von der Lebensentfaltung emanzipieren. Kern dieser Aufklärung ist die Empörung des Einzelnen, der seinen Egoismus wiederfindet. Und hier kommt das Über-Ich ins Spiel, denn das Über-Ich ist nichts anderes als „der Gendarm in der Brust“, die Eltern in uns, die Gesellschaft in uns, letztendlich die „zusätzlichen Organe“ in uns.

Wenn z.B. Max Stirner von der „Menschheit“ schreibt, entspricht dies vollkommen, bis hin zum „ich will nicht dem Egoisten ‚Menschheit‘ dienen, sondern selbst Egoist sein“ (Stirner sinngemäß). Im folgenden entspricht „Menschheit“ bei Stirner der „Lebensentfaltung“ bei Hass – man braucht nur die Wörter tauschen und es könnte ebenso von Hass stammen:

Wie steht es mit der Menschheit, deren Sache Wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines Anderen und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Damit sie sich entwickelt, läßt sie Völker und Individuen in ihrem Dienste sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine – rein egoistische Sache? (Der Einzige und sein Eigentum, S. 4).

Stirners Der Einzige und sein Eigentum ließe sich mit Hass‘ Theorie naturwissenschaftlich ableiten und zwar mit einem zeitgemäßen Akzent: „Konsum“ statt „das Wahre, Gute und Rechte“ wie zu Stirners Zeiten.

Die Verbindung von Energontheorie und Triebtheorie liegt darin, daß in der ersten Phase der Evolution die Energone (Pflanzen und Tiere) ihre Energiequellen („Platz an der Sonne“, Pflanzen und andere Tiere) durch Raub („Raubinstinkte“) anzapfen, während sie in der zweiten Phase der Evolution (Hyperzeller: Berufskörper und Erwerbsorganisationen) ihre Energie ganz im Gegenteil dadurch gewinnen, indem sie nicht etwa die Gebrechen ihrer Energiequellen ausnutzen (wie es Raubtiere tun, die junge und kranke Tiere reißen), sondern indem sie behilflich sind, diese Gebrechen zu überwinden. Sie gewinnen so Kunden und damit ein Einkommen (Energie). Sie versuchen, die Kunden an sich zu binden.

Das Problem ist, daß dadurch die gesellschaftliche Tendenz entsteht, die Menschen zu dem zu machen, was gemeinhin mit den Worten „Konsumismus“ und „Markenfixiertheit“ umrissen wird. Genauso wie in der individuellen Über-Ich-Produktion das Kind „ent-eignet“ werden soll, liegt es in der inneren Logik der Lebensentfaltung, dem Konsumenten (die Energiequelle der Hyperzeller) den Eigenwillen zu rauben. Man betrachte sich nur mal, eine beliebige Schulklasse, wo die Kids nur für irgendwelche schwachsinnigen Markenartikel leben und zu willenlosen Vollidioten heranwachsen – und sich dabei allen ernstes einbilden „Egoisten“ und frei zu sein.

Der Grundimpetus der Energontheorie ist ein emanzipatorischer:

[L]etzter Zweck dieser Ausführungen ist es, das, was Glaube, Moral und ethische Wunschvorstellungen seit eh und je anstreben, einer konkreten Verwirklichung näherzubringen – freilich, auf einem anderen als dem bisher beschrittenen Weg. (Der Hai im Management, S. 49).

Die gesellschaftspolitischen Konsequenzen lassen sich aus folgender Aufstellung ableiten, bei denen das Interessen des einzelnen Menschen gegen das Interesse des Lebensstrom (hier mit rot markiert) gestellt werden:

  • Persönliches Interesse
    Lebensstrominteresse.
  • Großer Glücksbezug aus Wenigem.
    Glücksbezug aus möglichst teuren Gütern und Dienstleistungen. Unersättlichkeit.
  • Lange Haltbarkeit und Nutznießung der künstlichen Organe.
    Möglichst schnelles Verschleißen, besonders jener des Luxuskörpers. Unmodern-, Wertloswerden.
  • Zufriedenheit aus Freundschaftsbeziehungen.
    Freundschaftsbeziehungen, die zu Konsum führen (Essen, Trinken, Reisen, Unterhaltung usw.).
  • Bescheidenheit, Glück aus dem eigenen Selbst.
    Unbescheidenheit, kein Glück aus dem eigenen Selbst, Glück aus konsumfördernden Handlungen.
  • Verringerung der unangenehmen Arbeit, Freude an der Arbeit.
    Vermehrung jeglicher Arbeit, Umsatz, Steigerung des Nationalproduktes.
  • Befriedung der Welt, niedrigere Steuern.
    Gefühl der Unsicherheit, das hohe Staatsausgaben für Verteidigung rechtfertigt.
  • Abstimmung der Luxuskörper auf die eigenen Fähigkeiten.
    Keine solche Abstimmung. Jeder soll sich bis zum Tod nach etwas sehnen, das er noch nicht hat.
  • Entwicklung der eigenen Interessen.
    Entwicklung der eigenen Interessen derart, daß sie in konsumführende Kanäle einfließen.
  • Eigene Meinung.
    Ja keine eigene Meinung.
  • Charakter, Ehrenhaftigkeit.
    Charakter und Ehrenhaftigkeit nur insofern, als sie nicht zu einem Stagnieren der Machtsteigerungswünsche führen.
  • Eigener Entschluß.
    Ja kein eigener Entschluß. Die Entschlüsse werden fertig ins Haus geliefert, und zwar so, daß sie zu Konsum führen.
  • Verläßliche Nachrichtenübermittlung.
    Nachrichten werden zum Unterhaltungs- und Beeinflussungsmittel.
  • Unaufdringliche Staatsleitung.
    Aufdringliche Staatsleitung.
  • Gemächlichkeit.
    Steigerung der Schnelligkeit. Die Reise von Europa nach den USA soll nicht fünf, sondern nur mehr zwei Stunden dauern. Das ist ungeheuer wichtig.
  • Beherrschung der menschlichen Technik. Sie soll sein Diener sein, den man selbst ruft, wenn man etwas braucht. Der Diener soll einen nicht unaufhörlich stören, indem er seine möglichen Dienste anpreist.
    Beherrschung des Menschen durch seine Technik. Anhaltendes, rapides Wirtschaftswachstum.

(…) Dieses Modell wird somit von einem Menschen getragen, der darauf ausgerichtet ist, sich von direkter oder indirekter Beeinflussung freizuhalten, sich freiwilliger Selbstbeschränkung zu unterwerfen [PN: rationales Über-Ich], um so die negativen Faktoren der Lebensentfaltung zu beherrschen. [Hass:] „Auf seiner Fahne steht wieder Freiheit, jedoch vielleicht zum erste Mal völlig zurecht [PN: im Zusammenhang wird deutlich, daß Stirners „Eigenheit“ der passendere Begriff im Rahmen der Energontheorie wäre]. Sein zentrales Streben ist: Herr im eigenen Haus zu sein. Es läuft darauf hinaus, das Ich von allen fremddienlichen Einheiten zu befreien – so daß jede tatsächliche Fremddienlichkeit eine durchaus selbstgewollte und somit freie ist. Endziel ist hier ein möglichst freier Wille“. (Andreas Hantschk und Michael Jung: Rahmenbedingungen der Lebensentfaltung. Die Energontheorie des Hans Hass und ihre Stellung in den Wissenschaften, Solingen 1996, S. 196)

[youtube:https://www.youtube.com/watch?v=UONfK3fsF_8%5D

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 9)

4. Mai 2013

Zum weiteren Verständnis muß zunächst eine Grundschwierigkeit ausgeräumt werden, an der viele bei ihrer Beschäftigung mit Max Stirner scheitern: er hat nicht der subjektiven „solipsistischen“ Willkür Tür und Tor geöffnet, sondern ganz im Gegenteil sich gegen die Willkür der Menschensatzungen empört, um den Gesetzen der Natur wieder Geltung zu verschaffen, gegen die jede Empörung einfach nur eine Kinderei, also Religion ist. Aber genau das haben sich seine „Nachfolger“, Adorno & Co., zuschulden kommen lassen: kindsköpfigerweise „entlarvten“ sie auch „die Natur“ (z.B. die Genitalität) als bloße Ideologie – und öffneten so der Willkür wieder Tür und Tor. Getoppt wird diese merkwürdige „Dialektik der Aufklärung“, indem plötzlich Reich und Stirner als Faschisten „entlarvt“ dastehen (vgl. dazu Bernd Laskas rororo Bildmonographie über Wilhelm Reich, S. 39).

Zum besseren Verständnis Stirners möchte ich Nietzsche zitieren:

Wir aber wollen Die werden, die wir sind, – die Neuen, die Einmaligen, die Unvergleichbaren, die Sich-selber-Gesetzgebenden, die Sich-selber-Schaffenden! Und dazu müssen wir die besten Lerner und Entdecker alles Gesetzlichen und Notwendigen in der Welt werden: wir müssen Physiker sein, um, in jenem Sinne, Schöpfer sein zu können, – während bisher alle Wertschätzungen und Ideale auf Unkenntnis der Physik oder im Widerspruch mit ihr aufgebaut waren. Und darum: Hoch die Physik! (Die fröhliche Wissenschaft, A 335)

Die Nähe zu Reich, dem „Stirnerischen“ Naturwissenschaftler, ist evident.

In der Denkweise der Kritischen Theorie wird Reich „entlarvt“ als Instrument der kapitalistischen „instrumentellen Vernunft“, die ihn zum totalen Herrscher über die Schöpfung macht, indem er den Menschen und insbesondere dessen Sexualität verdinglicht. Nochmals: Das ist Reich (bzw. Stirner) gegen sich selbst gewendet! Die Kritische Theorie stellt eine radikale Absage an „Stirner-Reich“ dar – indem deren „Aufklärung über die Aufklärung“ gegen die „Aufklärung über die Aufklärung“ gewendet wird.

Jenen (Reich und Stirner), die gegen die „Enteignung des Einzigen“ bzw. gegen die Zerstörung der Selbstregulation protestieren, wird Hybris vorgeworfen: als Non-Plus-Ultra-Kapitalisten würden sie die Natur enteignen. Mit diesem Vorwurf unterscheiden sich Adorno & Co. aber in nichts von den christlichen Kritikern der Aufklärung. Theodor Adornos Dialektik der Aufklärung entlarvt sich so letztendlich als pfaffenhafte Anti-Aufklärung, die aufschreit: „Nichts ist diesen Teufeln heilig!“

Schauen wir, wie Adorno Reichs soziologische Erklärung der Wende von Weimar nach Hitler-Deutschland, bewertet hat:

Es ist nicht so, daß psychologische Dispositionen wirklich Faschismus verursachen, sondern „Faschismus“ bezeichnet eigentlich ein psychologisches Gebiet, das von Kräften, die ihn aus ganz unpsychologischen Interessengründen fördern, erfolgreich ausgenutzt werden kann. (z.n. Annete Leppert-Fögen: Die deklassierte Klasse, Fischer TB, 1974, S. 191)

Was, um alles in der Welt, sind „unpsychologische Interessengründe“? Das soll wohl Adornos „Materialismus“ zum Ausdruck bringen. Adorno will Beweggründe entlarven, verschleiert aber ihren ideologischen, d.h. „bio-psychologischen“ Hintergrund! Überhaupt trifft das ganz allgemein auf den Marxismus zu: er will entlarven, verschleiert aber nur, weshalb er sich so hervorragend als Herrschaftsideologie eignete.

Und was oder wer sind jene „Kräfte“, die ein „psychologisches Gebiet“ (sic!) aus rein materiellen „Interessengründen“ ausnutzen? Natürlich das mythische „Kapital“ mit seinen Klasseninteressen. Nun hat aber Reich gezeigt, daß der Faschismus alles andere als eine Verschwörung des „Finanzkapitals“ war, das ein „psychologisches Gebiet“ rational für seine Interessen manipulierte, sondern daß hier vollkommen irrationale politische Prozesse am Werk waren, die wiederum auf bestimmten Charakterstrukturen beruhten, nicht auf vagen „psychologischen Dispositionen“.

Es geht nicht um isolierte „Dispositionen“, sondern um Charakterstrukturen, die mit der gesellschaftlichen Struktur funktionell identisch sind. Funktionell identisch in der Hinsicht, daß es um die Erfüllung bzw. Nichterfüllung der biologischen Grundbedürfnisse geht. Das sind die „unpsychologischen Interessengründe“. Adornos Kritik zielt also ins Leere. Ein eklektisches Zusammenmanschen von laienhafter Psychoanalyse und abstraktem Pseudomarxismus, das Reich seit Beginn der Sexualökonomie 1928 vernichtend kritisiert hat.

Seinerseits hat (bzw. hätte) Horkheimer als guter Marxist den Reichschen Ansatz, über den Umweg Nietzsche, wie folgt kritisiert:

Weder im individuellen noch im nationalen Charakter liegt der Grund der von ihm (Nietzsche) bekämpften (intellektuellen) Unsauberkeit, sondern in der Struktur der gesellschaftlichen Totalität, die beide in sich enthält. Indem er als typisch bürgerlicher Philosoph die Psychologie, wenngleich die tiefste, die es bis heute gibt, zur Grundwissenschaft der Geschichte machte, hat er den Ursprung der geistigen Verkommenheit sowie den Weg aus ihr verkannt, und das Schicksal, das seinem eigenen Werke widerfuhr (…) hat daher seine Notwendigkeit. (z.n. Steven E. Aschheim: Nietzsche und die Deutschen, Stuttgart 1996, S. 195)

Diese Aussage von 1935 ist vorweggenommen die perfekte Marxistische Kritik an der „faschistischen“ sozialen Orgonomie, wie sie sich heute darstellt. Es ist imgrunde die gleiche Kritik, die der frühe Marx Stirners Der Einzige und sein Eigentum angedeihen ließ: Selbststeuerung und die Bio-Psychologie ihrer Verhinderung sind des Teufels.

Dieses Zusammenspiel von „psychologischen Dispositionen“ (dilettantische Psychoanalyse) auf der einen und „unpsychologischen Interessengründen“ (dilettantische Politökonomie) auf der anderen Seite zeigt die ganze Scharlatanerie Adornos, der als Laie sowohl nichts von Psychologie, Psychiatrie und Medizin als auch nichts von Volkswirtschaft versteht, und zu allem Überfluß nie einen direkten Kontakt mit dem sozialen Kampf der Massen hatte. Aber „Soziologie“ betreiben… In Wirklichkeit ist er einfach nur ein spintisierendes Kind, das mit Freudschen und Marxschen Mythen („das Kapital“, „das Über-Ich“, etc.) wie mit Bauklötzen spielt und sich ein verschrobenes Märchenschloß errichtet, an dem nichts aber auch rein gar nichts stimmt! Daß modern-liberale Charaktere auf diesen Dreck reinfallen, liegt an ihrer Kontaktlosigkeit: der Intellekt ist kein Erkenntnisorgan mehr (Kontakt), sondern ein Organ der Abwehr (Unterbindung von Kontakt).

Wie ist Adorno mit den Stirnerschen Einsichten über das „Heilige“ umgegangen? Er hat, um sowohl dem „Heiligen“ als auch den Stirnerschen Einsichten zu entgehen, einen „dialektischen“ Irrgarten angelegt, in dem sich keiner mehr zurecht findet. Ein Alptraum von kontaktlosem Intellektualismus. Wie Adorno so schön schreibt: „In schroffem Gegensatz zum üblichen Wissensideal bedarf die Objektivität dialektischer Erkenntnis nicht eines Weniger, sondern eines Mehr an Subjekt“ (Negative Dialektik, suhrkamp, S. 50). In seinem reaktionären Obskurantismus unterscheidet er sich in nichts von Figuren wie Heidegger (dem er einen „Jargon der Eigentlichkeit“ vorwirft) und Carl Schmitt.

Daß solche Leute mit ihrer „Dialektik der Aufklärung“ Reich entlarven und die Natur vor seinem sexualökonomischen und orgon-technologischen Zugriff bewahren wollen – ist einfach ein schlechter Witz. Ihre Verteidigung von Natur und Autonomie erinnert fatal an die Verteidigung des Proletariats durch die Marxisten. Es ist in jedem Sinne des Wortes Verrat an Stirners „Aufklärung über die Aufklärung“.

Was ist dann falsch an der Moderne? Es ist nur eines falschgelaufen und das hat nichts mit der Moderne per se zu tun: die Panzerung des Menschentiers. Am sichtbarsten wird diese Panzerung in der Verdoppelung der Welt in das angeblich „barbarische“ Tier und die objektive Wertewelt. Wie Stirner hat Reich gezeigt, daß der Mensch gespalten ist:

Er ist im Grunde hilflos, freiheitsunfähig und autoritätssüchtig, denn er kann nicht spontan reagieren; er ist gepanzert und erwartet Befehle, denn er ist widerspruchsvoll und kann sich auf sich selbst nicht verlassen. (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 176)

Aber Adorno, Zygmunt Bauman, et al. haben nichts besseres zu tun als weiter gegen die „barbarische Natur“ zu kämpfen. Natürlich predigen sie keine objektive Wertewelt, sondern – die Selbstrücknahme, den Selbsthaß. Gramgebeugte Pfaffen! Etwa wenn Bauman als Essenz seines Denkens in Dialektik der Ordnung „eine Ethik der Distanz und des Ferneffekts (fordert), die mit der unheimlichen Zunahme der räumlichen und zeitlichen Folgen technischen Agierens vereinbar wäre“ und gegen den „nackten, nüchternen Überlebenswillen“ zu mobilisieren sei… Klingt gut, aber dahinter tun sich pseudo-liberale Abgründe auf…

stinrerich

Grundelemente einer orgonomischen Soziologie (Teil 8)

3. Mai 2013

Sozialforscher nehmen die gesellschaftliche Wirklichkeit in Abhängigkeit von ihrer Charakterstruktur wahr. Konservative betrachten den „Zivilisationsprozeß“ als einen des Verfalls, der den einst erreichten Standard gefährdet, während „kritische Theoretiker“ ganz im Gegenteil eine Geschichte der Erstarrung sehen, gegen die angegangen werden muß. Beide Sichtweisen sind einseitig. Es ist als würden die einen einen Beamten nur während der Woche im Amt sehen, die anderen denselben Beamten nur am Wochenende, wenn er „die Sau raus läßt“. Man sieht nur die Symptome, nicht die zugrundeliegende Panzerung. Oder mit anderen Worten: im Amt funktioniert die Panzerung und die Symptome sind weitgehend unter Kontrolle, am Wochenende gibt sie nach und es kommt zu allen möglichen Ausbrüchen von Perversion.

Das gepanzerte Denken kann nicht erfassen, daß Erstarrung und Chaos keine Gegensätze sind, sondern einander bedingen. Aus der Erstarrung muß Chaos hervorgehen und aus dem Chaos eine um so schlimmere Erstarrung, die schließlich in noch chaotischeren Verhältnissen mündet, usf. Man führe sich beispielsweise die Geschichte Rußlands in den letzten hundert Jahren vor Augen. Zeitkritische Theorien, die keinen Zugang zu den bioenergetischen Grundlagen sozialer Abläufe haben, können nicht mehr leisten, als diesen fatalen Teufelskreis zu unterstützen.

Man kann ganze soziologische Theoriegebäude darauf gründen, die Moderne habe den Menschen domestiziert und daß, wenn diese Domestizierung versagt, die ungeregelte Vormoderne durchbricht. Ebenso offensichtlich ist aber auch, daß die Moderne die Menschen ganz im Gegenteil freier und „wilder“ gemacht hat. Die Moderne kann in einer Entwicklungsphase oder in einem Gesellschaftssegment „autoritäre“ Erstarrung bedeuten und in einer anderen „antiautoritäre“ Enthemmung, bei der die Panzerung zeitweise versagt.

Hier die entsprechende Aufstellungen aus der Charakteranalyse (KiWi, S. 574, Vorsicht falsche Beschriftung, hier korrigiert) für den gesellschaftlichen symptomlosen „Affektblock“:

sozioaffblock

Bei nachgebender Panzerung kommt es zu gesellschaftlichen Symptomen (Die Funktion des Orgasmus, Fischer TB, S. 110, hier noch in einer psychoanalytisch geprägten Begrifflichkeit von „Trieb“ und „Abwehr“):

reichfreuddynamik

Die verdrängte „Wildheit“ und das verdrängende „Ordnende“ gemahnt natürlich an Norbert Elias’ „Prozeß der Zivilisation“ Einen solchen hat es in dieser Form nie gegeben, wie Hans Peter Duerr gezeigt hat. Es gibt keine „unzivilisierten“ Völker. Das Konzept der Barbarei, in das „die Moderne“, d.h. die Aufklärung ordnend eingebrochen sei, ist ein Konstrukt, um gleich zwei Dinge runterzumachen: erstens die Aufklärung und zweitens den angeblich barbarischen Naturzustand. Reichs unverzeihliche Ketzerei ist, daß er sowohl an die ordnende, rationale Kraft der Natur, als auch an die der Aufklärung, d.h. an die Selbststeuerung, geglaubt hat.

Beispielsweise sagt der Adorno-Schüler Zygmunt Bauman, Intoleranz sei spezifisch für die Moderne, da die Konstruktion von Ordnung der Eingliederung und Zulassung grenzen setzt. Jeder Indiostamm (oder etwa „Reichs Stamm der Trobriander“) ist jedoch weit intoleranter und ordnungsversessener als jedes Projekt der Moderne, d.h. der Anpassungsdruck ist größer.

Rechtfertigung der „Kritischen Theorie“ ist, daß die Moderne in einer Affektsperre gefangen sei und es gelte, diese Blockade aufzulösen. Das Wesen der Moderne wird dabei gerne am Holocaust und der Bombe von Hiroshima festgemacht. Ich sehe in beiden Fällen eine alles durchdringende Kontaktlosigkeit am Werk: der gepanzerte Mensch, den Reich als „Maschinenmensch“ bezeichnet hat. Die vollkomme Stupidität, ohne jedes menschliche Empfinden – halt gepanzerte Menschen.

Der Unterschied zur „Frankfurter Schule“ ist der, daß diese die irrige Schlußfolgerung zieht, diese Affektsperre müßte gelöst werden, was solche Menschheitsverbrechen schließlich unmöglich mache. Dies ist offensichtlicher Unsinn, denn die Lösung der Affekte kann unmöglich die Lösung sein, sondern kann das ganze nur noch weiter verschlimmern. Soll doch die Affektsperre dafür sorgen, daß nicht das Chaos der sekundären Triebe durchbricht. Also genau das, was wir seit etwa 1960 mit immer größerer Vehemenz erleben! Die Lösung kann nur die Überwindung der Kontaktlosigkeit sein. Ansonsten tritt nämlich an die Stelle des „verkrampften Schalterbeamten“, der Freak mit pinker Irokesenfrisur und dessen maschinenartige Stupidität ist noch weit größer, wie die kleingeistige Klientel der Grünen tagtäglich unter Beweis stellt.

Zum Schluß dieses Teils zitiere ich etwas, was am Ende einer 40seitigen Darstellung der Kritischen Theorie steht und mir zeigt, daß die Kritische Theorie durch und durch geklauter und massakrierter Max Stirner (und damit geklauter und massakrierter Wilhelm Reich) ist:

Kritische Theorie darf (…) als Gebot ausgelegt werden, das gegen Gebote gerichtet ist, sie verzichtet auf den emphatischen Praxisbegriff, der sie einst faszinierte, sie bestärkt Individuen, Widerstand zu leisten, über ihre eigenen normativen Grundlagen gibt sie keine Rechenschaft. (Anton Amann: Soziologie. Ein Leitfaden zu Theorien, Geschichte und Denkweisen, Wien 1996, S. 387)

So gesehen ist Theodor Adornos „Dialektik der Aufklärung“ eine Verballhornung der Entlarvung der Aufklärung durch Stirner („Ich habe meine Sache auf nichts gestellt“, d.h. argumentiere jenseits „normativer Grundlagen“). Hierher gehört dann auch Bauman, der in der Tradition von Adorno die Moderne als „dysfunktionalen“ Versuch auffaßt, durch Ordnen die Barbarei auszuschließen. Dies, also die Anklage gegen die „instrumentelle Vernunft“, die in ihrem Ordnungswahn das Lebendige zerstört und im Holocaust kulminierte, ist bloß ein müder Aufguß von Stirners Der Einzige und sein Eigentum – und gleichzeitig eine Attacke gegen Stirner, der letztendlich für den Holocaust verantwortlich gemacht wird. Die Räuber brechen nicht nur ins Haus ein und entwenden das Inventar, sie richten auch den Hauseigentümer per Kopfschuß als verbrecherischen Unhold hin.

Ein beliebiges Beispiel für die Dialektik der Aufklärung aus Stirners Buch:

Von Befehl und Willkür Einzelner befreite das Bürgertum. Allein jene Willkür blieb übrig, welche aus der Konjunktur der Verhältnisse entspringt und die Zufälligkeit der Umstände genannt werden kann; es blieben das begünstigende Glück und die „vom Glück Begünstigten“ übrig. (…) Ändern Wir [so sagen die Kommunisten gegen das Bürgertum, PN] denn die Verhältnisse, aber ändern Wir sie durchgreifend und so, daß ihre Zufälligkeit ohnmächtig wird und ein Gesetz! Seien Wir nicht länger Sklaven des Zufalls! Schaffen Wir eine neue Ordnung, die den Schwankungen ein Ende macht. Diese Ordnung sei dann heilig! (Der Einzige und sein Eigentum, S. 132, Hervorhebungen hinzugefügt)

Das heißt, die alten feudalen Zustände sind wiederhergestellt.

Stirners Der Einzige und sein Eigentum ist eine einzige große Abhandlung über die Dialektik der Aufklärung. Und wie haben Max Horkheimer und Adorno darauf reagiert? Direkt mit Todschweigen und indirekt durch ihren Attentäter Hans G. Helms mit dessen Buch Die Ideologie der anonymen Gesellschaft von 1966. Erst plündern sie Stirner aus und dann „entlarven“ sie ihn als das Urschwein aller faschistischen Megaschweine. Siehe dazu Bernd A. Laska auf seiner Heimatseite www.lsr-projekt.de.